Essen statt. Zu ihm waren von allen Seiten des Mars Eingeladene erschienen
und von allen Stämmen offizielle Vertreter. Draußen im Westen begann das
ewige Licht, die Sonne, niederzusteigen. Ihre milden, goldenen Strahlen
warfen die großen Spiegel des Saales unzähligemal gebrochen zurück. Es war
im Saale ein Wogen und Fluten des Lichtes, das die Augen förmlich blendete.
Durch die offenen Fenster drang der Duft der Blumen herauf in den Saal. Im
leichten Abendwinde ließen die schlanken Palmen des Parkes ihre Kronen
leise rauschen. Ruhig und still grüßte der tiefblaue See durch den grünen
Dom der Bäume herüber, zwischen denen noch in geschäftiger Eile
zwitschernde Vögel flogen und Lianen ihre farbenprächtigen Blütenschnüre
warfen. Ferne, sanfte Höhenzüge, rosig angehaucht von der Abschied
nehmenden Sonne, rahmten das köstliche Landschaftsbild ein, das die
Erdgeborenen heute zum letzten Male sehen sollten. Diese waren als die
ersten im Saale erschienen und standen nun an den hohen Fenstern versunken
in die traumhaft schöne Szenerie.
»Uns wird der Abschied wahrhaftig schwer gemacht,« sprach leise Piller zu
dem neben ihm stehenden Kollegen Stiller. »Frommherz hat recht. Ist dies
hier nicht ein Land, das die Bezeichnung eines Paradieses verdient?«
»Ohne Zweifel!« antwortete Stiller. »Es, ist ein Eden, so recht geschaffen
für die Betrübten, für die Heimatlosen, wie wir es nun sein werden.«
»Heimatlos? Wie meinen Sie das, Stiller?«
»Heimatlos, jawohl!« erwiderte Stiller, und seine Lippen zuckten
schmerzlich, als er nach kurzer Pause fortfuhr: »Glauben Sie denn, wir
würden, nachdem wir zwei volle Jahre hier oben inmitten einer wunderbar
schönen Natur, eines geradezu paradiesischen Landes unter stolzen, freien
und edlen Menschen gelebt haben, uns in der Heimat wieder wohlfühlen
können? Niemals! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren worden sind,
wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere Überzeugung gestritten haben.«
»Stiller, machen Sie mir den Abschied nicht zur Unmöglichkeit!« Piller
mußte sich, wie stets nach heftiger seelischer Erregung, mehrmals stark
schneuzen. Dann trat er rasch an die Tafel, schenkte sich ein Gläschen Wein
ein und leerte es auf einen Zug.
»Fern sei es von mir, Ihnen den Abschied zur Unmöglichkeit zu machen, denn
wir _müssen_ ja fort. Aber« -- ein Leuchten erhellte dabei das Gesicht des
Sprechenden -- »ausstreuen wollen wir, ohne Wortgeklingel, unten auf der
Erde die Keime jener großen Zukunft, die wir hier oben in so herrlicher
Weise verwirklicht angetroffen haben.«
Als Zeichen des Einverständnisses drückte Piller seinem Kollegen stumm die
Hand.
Allmählich füllte sich der Saal mit den Geladenen. Alle kamen auf die
Erdensöhne zu und schüttelten ihnen die Hände. Nachdem Anan erschienen war,
begann das Essen. Neben dem Ältesten der Alten saßen die sieben Schwaben.
Die Kronleuchter des Saales erstrahlten im Lichte elektrischer Lampen. Sie
beleuchteten die glänzende Tafel und die große, feierlich gestimmte
Gesellschaft. Unten, vor der Spiegelgalerie, auf der großen Terrasse, waren
die Chöre der Sänger und Musiker aufgestellt, die während des Mahles
abwechselnd ihre entzückenden Weisen ertönen ließen.
Als das Essen beendigt war, erhob sich Anan. »Meine Brüder und Schwestern,«
hub er zu sprechen an, »die Stunde des Abschiedes von Angola ist gekommen.
Unsere Gäste aus dem fernen Schwabenlande kehren demnächst wieder dahin
zurück. Mögen sie heil, und gesund den trauten Boden ihrer Heimat wieder
erreichen! Sie selbst werden in unserm Andenken für immer fortleben. Wir
haben beschlossen, ihre Namen in goldenen Buchstaben auf Marmortafeln hier
in diesem Saale neben ihren Bildern anzubringen, unsern spätern Nachkommen
zur Erinnerung an diese kühne Reise zu uns und an ihren langen, durch
keinen Mißton getrübten Aufenthalt in unserer Mitte. Ferner haben wir
beschlossen, als weiteres Zeugnis dieses ersten und letzten Besuches von
Erdgeborenen auf unserm Lichtentsprossenen all die verschiedenen
Mitteilungen, die sie uns über das Leben und Treiben der Völker der Erde
gemacht haben, in einem Buche niederzulegen, das hier in unserm Heim einen
besondern Ehrenplatz erhalten soll. Für ewig soll neben den Namen unserer
Gäste auch das festgehalten werden, was sie uns in feierlichen Augenblicken
verkündet haben. So soll ihr Besuch im Andenken bei uns geehrt werden bis
in die fernsten Zeiten.
Und nun, meine lieben Freunde,« Anan wandte sich mit diesen Worten an die
sieben Schwaben, »haben wir für euch eine Reihe von Andenken bestimmt, wie
sie Kunst und Wissenschaft vereint auf unserm Lichtentsprossenen
hervorgebracht haben. Nehmet diese Erzeugnisse, die dort auf jenem Tische
liegen, mit euch zur Erinnerung an den Aufenthalt unter uns. Hier übergebe
ich euch ein goldenes Buch. Es enthält die Entwicklungsgeschichte unseres
Volkes. Mit der allgemeinen fortschreitenden Bildung und Urteilsfähigkeit
vereinfachte sich bei uns auch mehr und mehr die Gesetzgebung. Sie gipfelt
eigentlich nur in dem einen fundamentalen Satze: Tue nicht, was du nicht
willst, daß dir getan werde! Ihr werdet also in dieser Beziehung in dem
Buche wenig mehr finden, denn die Menge der Gesetze eines Volkes ist nur
der Beweis für dessen Handlungsunfähigkeit. Das Buch enthält aber noch
unsere Ansichten und Begriffe über die natürliche Moral, über die
unverwüstlichen Grundsätze, die bei uns das Werk der Reinigung vollendet
haben. Möge dieses sich auch einst auf der Erde in ähnlicher Weise
vollziehen wie bei uns, mögen einst auch bei euch die Hüllen und
Verkleidungen fallen, die leider unten auf der Erde noch den wahren, an
sich so einfachen Kern der natürlichen Moral umschließen! Möge, von diesem
Gesichtspunkte aus betrachtet, eure gefahrvolle und beschwerliche Reise
nach unserer fernen Himmelsleuchte und euer Aufenthalt unter uns von Nutzen
gewesen sein!« Anan setzte sich.
Eine tiefe Stille herrschte, als der ehrwürdige Greis gesprochen hatte.
Jetzt erhob sich Stiller. In bewegten Worten dankte er zunächst in seinem
und seiner Gefährten Namen für all das Gute, das ihnen hier oben erwiesen
worden sei. Er habe hier eine Reife der Entwicklung angetroffen, die er
früher nur zu ahnen gewagt, in Wirklichkeit aber nicht für möglich gehalten
habe. Er und seine Gefährten hätten hier oben viel gelernt, und von manchem
Irrtum seien sie befreit worden.
»So habe ich unter anderem auch geglaubt, daß ohne den rohen Kampf ums
Dasein eine Entwicklung des Menschen zu Höherem nicht denkbar sei, daß der
rücksichtslose Kampf um die Existenz die notwendige Erhebung des Menschen
für dessen Klärung und Läuterung vorstelle. Von dieser Ansicht bin ich
durch meine Beobachtungen hier oben abgekommen. Der rohe Kampf ist nur das
Kennzeichen der Selbstsucht, die wahre Nächstenliebe mildert ihn, und diese
fehlt bei uns leider noch in hohem Maße.
Auch bei euch hier oben herrscht ein Wettkampf, aber wie sehr ist er von
dem verschieden, was wir unten auf der Erde darunter verstehen! Jeder
einzelne von euch ist bestrebt, in edlem, selbstlosem Wettbewerbe nur das
Beste zu bieten unter peinlichster Berücksichtigung der berechtigten
Interessen seines Nebenmenschen und Bruders. Jeder lebt bei euch das große
Leben der Gesamtheit mit, weil er sich als einen wesentlichen Bestandteil
des Gesamtorganismus fühlt; denn gedeiht der einzelne, so gedeiht auch das
Ganze, ist dagegen der einzelne krank, so leidet auch die Gesamtheit. Und
wie gesund, kraftstrotzend ist diese bei euch!
Wie weit sind wir dagegen auf unserer Erde von dem Ideale des Lebens und
seiner Auffassung überhaupt entfernt! Wie klein stehen wir euch gegenüber
da! Und doch, es muß und wird auch bei uns einst tagen. Wir, die wir bei
euch gewesen, wir wollen, soweit es in unsern Kräften steht, den Samen zu
jenem schönen und großen Leben der Zukunft ausstreuen, das wir bei euch
hier in so prächtiger Blüte verwirklicht kennengelernt haben. Unsere Reise
zu euch war nicht vergeblich. Was wollen ihre Mühseligkeiten und Gefahren
bedeuten im Verhältnis zu dem Reinen und Schönen, das wir hier genießen
durften! Schweren Herzens, mit dem Bewußtsein, hier bei euch unsern
inhaltreichsten Lebensabschnitt zugebracht zu haben, unendlich reich in der
Erinnerung, treten wir unsere Heimreise an. Die Mutter Erde verlangt
zurück, was ihr entsprossen.
Niemals bis zu unserm letzten Atemzuge werden wir vergessen, was ihr uns
geboten habt, was ihr uns gewesen seid, und wie ihr uns geehrt habt. Wenn
wir einst später unten in unserer Heimat in nächtlichen Stunden aus weiter
Ferne euren Mars, den Lichtentsprossenen, herüberleuchten sehen, so werden
wir in treuem Gedenken stets bei euch weilen und mit stiller Sehnsucht an
die schönste Zeit unseres Lebens zurückdenken. Lebt wohl, teure Freunde!
Ich umarme Anan für euch alle und drücke ihm für euch alle den Bruderkuß
des Erdgeborenen auf seine reine Stirn. Denn Brüder sind wir ja alle, die
sich Menschen nennen, hier oben wie unten auf der Erde.«
Stillers Worte hatten auf alle Anwesenden gewaltigen Eindruck gemacht, und
als er nun auf Anan, den erhabenen Greis, zutrat, ihn umarmte und küßte, da
ertönte im Saale ein Sturm des Beifalles.
»Mein Bruder, edler Sohn deines Landes,« antwortete Anan, »habe Dank für
das, was du eben gesagt hast. Nimm auch von mir, dem alten Sohne des
Lichtentsprossenen, den Bruderkuß und ziehe glücklich heim mit deinen
Gefährten. Mit ihnen wirst du am Werke der Menschenvervollkommnung
erfolgreich arbeiten, das weiß ich. Meine Augen werden sich bald schließen
zu jenem Schlummer, von dem es kein Erwachen mehr gibt, aber auch ich
werde, solange ich hier noch wandern darf, mit Freuden an die Stunden
denken, die ich in deiner Gesellschaft in unserm Angola zugebracht habe.«
Nach dem stimmungsvollen Abschiede in Angola befanden sich die sieben
Schwaben einige Tage später wieder in Lumata. Stiller war mit der Sorge um
das Luftschiff beschäftigt. In dieser Beziehung fand er bei den Marsiten
alle Unterstützung und konnte nun die auf der Herfahrt gemachten schlimmen
Erfahrungen durch Verbesserungen aller Art verwerten. Er machte sich auf
eine lange Zeitdauer der Rückfahrt gefaßt, trotz der stärkeren
elektromagnetischen Anziehungskraft der Erde, des im Verhältnis zum Mars um
nahezu das Doppelte größeren Planeten.
Seit dem Aufstieg an jenem denkwürdigen Dezemberabend auf dem Cannstatter
Wasen waren nahezu dritthalb Jahre vergangen. Unterdessen hatte sich der
Mars wieder um eine ganz gewaltige, viele Millionen von Kilometer
betragende Entfernung von der Erde wegbewegt und war von dieser heute
nahezu doppelt so weit entfernt als zur Zeit der Abreise. Stiller rechnete
aus, daß sie, nach Erdenzeit gemessen, mindestens fünf volle Monate in der
Gondel zuzubringen hätten und auch dies nur unter der Voraussetzung, daß
kein unvorhergesehenes Ereignis den Flug des Weltenseglers störe. Waren er
und seine Gefährten einst in befriedigender körperlicher Verfassung und
ohne nennenswerte Störungen nach dem Mars gelangt, warum sollte die
Rückkehr nach der Erde schließlich nicht auch erträglich vonstatten gehen?
Allerdings erschreckte die Länge der bevorstehenden Reise den sonst so
mutigen Mann doch etwas. Fünf volle Monate in der Gondel eingeschlossen
zuzubringen, die vielerlei damit verknüpften Entbehrungen wieder auf sich
zu nehmen, den Mangel des natürlichen Lichtes, der Bewegung zu ertragen,
das mußte auch auf das tapferste Gemüt niederdrückend wirken; Aber Stiller
schüttelte alle trüben Gedanken nachdrücklich ab und freute sich über die
großartigen technischen Kenntnisse der »Findigen«, die ihm nicht nur ein
ähnliches Gas zur Füllung seines Luftschiffes bereiteten, wie es das
Argonauton war, sondern die auch durch die Kunst der Haltbarmachung der
wichtigsten Nahrungsmittel für die Reise meisterhaft zu sorgen verstanden.
An elektrischer Kraft, fester Luft und dergleichen, deren Herstellung den
Findigen schon seit alten Zeiten bekannt war, fehlte es auch nicht, und der
Weltensegler führte jetzt ganz andere Mengen dieser Kräfte und
Existenzmittel mit sich als zur Zeit seines Aufstieges. Ohne Lärm, ohne den
geringsten Verdruß war die Instandsetzung des Luftschiffs vor sich
gegangen. Wie vorteilhaft stach diese Art der Arbeit hier gegen die auf dem
Cannstatter Wasen vor mehr als zwei Jahre ab! Dank der hohen Intelligenz,
der Bereitwilligkeit und dem Eifer der Findigen befand sich der
Weltensegler in so vortrefflichem Zustande, daß die gefahrvolle Reise
jederzeit angetreten werden konnte.
Stiller hielt es für seine Pflicht, seine Gefährten über den Gang der
Vorbereitungen zur Abfahrt auf dem laufenden zu halten. Er verschwieg den
Freunden auch nicht die ungefähre Dauer der Rückreise. Anfangs waren die
Kollegen über die Aussicht, so viele Monate in der Gondel zubringen zu
müssen, sehr erschrocken gewesen, hatten sich dann aber rasch wieder gefaßt
und sahen der Zukunft mit Mut und Vertrauen entgegen. Nur Frommherz äußerte
sich nicht. Still und scheu schlich er herum, während die übrigen Herren
ihre bescheidenen Habseligkeiten zu packen und in die Gondel zu schaffen
anfingen.
Der Weltensegler war aus seinem Unterkunftshause herausgenommen worden und
schaukelte sich, sorgfältig verankert, an dem Orte, an dem er einst
niedergegangen war. Der letzte Tag des Aufenthaltes auf dem Mars war nur zu
schnell herangekommen. Morgen in aller Frühe sollte die Abfahrt von Lumata
erfolgen. Eran, der gastfreie, würdige Alte, hatte es sich nicht nehmen
lassen, seinen Gästen noch ein reiches Abschiedsmahl zu bieten, zu dessen
Verschönerung und Weihe die Harfenspieler und Sänger von Lumata wieder das
Ihrige beitrugen. Ganz Lumata war auf den Füßen. Die Arbeit ruhte überall.
Allerorts hatten sich die biedern Schwaben beliebt zu machen verstanden.
Niemand war da, der den Fortgang der wackeren Männer nicht aufrichtig
bedauerte. Aber sie hatten Familie, hatten Väter, Mütter, Brüder und
Schwestern unten auf der Erde. Eine Rückkehr dahin erschien den Marsiten
mit ihrem so hoch entwickelten Familien- und Gemeinsinn nur als ein Gebot
der Pflicht.
Achtes Kapitel
Ein Abtrünniger
Während des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war es
niemand besonders aufgefallen, daß Frommherz verschwand. Als nach dem
Schlusse des Mahles, das sich bis in die ersten Morgenstunden des neuen
Tages hineingezogen hatte, die Erdensöhne aufstanden und im Begriffe waren,
das Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen,
entdeckte man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn überall im Hause,
fand ihn aber nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische
seines Zimmers lag. »An meine Freunde und Gefährten!« lautete die Adresse.
Stiller öffnete das Schreiben und überflog dessen Inhalt. »Wir haben es
leider mit einem Abtrünnigen zu tun,« erklärte er den besorgten Genossen.
»Hören Sie, was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunächst wieder,
und beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.«
Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die übrigen
Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten
Reisegenossen um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit
den Seinen zurück und ließ die Herren allein.
»Zum Kuckuck, dacht' ich mir's doch so halb und halb, daß Frommherz
fahnenflüchtig werden würde!« begann Piller zornig. »Lesen Sie einmal die
Epistel vor, Stiller!«
»Verzeiht mir, teure Freunde und Gefährten, daß ich Euch eine schmerzhafte
Enttäuschung bereite. Ich kann es nicht über mich bringen, mit Euch nach
der Erde und nach unserer alten Heimat zurückzukehren. Aufs schwerste habe
ich deshalb mit mir gekämpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu
verlassen, es würde mein sicherer Tod sein, und den wollt Ihr doch auch
nicht. Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in
ahnender Sehnsucht geträumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in
enge, unaufrichtige Verhältnisse und Lebensanschauungen wieder
zurückkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut
habe? Nein, es kann nicht sein! Hat uns nicht der ehrwürdige Anan selbst in
Angola das Bleiben hier oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von
diesem Anerbieten Gebrauch machen und Euch allein heimwärts ziehen lassen.
Wohl weiß ich, daß ich Euch durch meinen Entschluß kränke, aber ich kann
wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zu strenge über mich und
verzeiht mir, wenn möglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es
kann Euch somit keine Verantwortung dafür treffen, daß Ihr allein, ohne
mich, nach der Heimat zurückkehrt. Möget Ihr sie glücklich erreichen! Dies
ist mein innigster, aufrichtigster Wunsch. Grüßt mir mein Tübingen, grüßt
mir mein liebes Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, daß ich
mich hier oben überglücklich, wie im Paradiese fühle und deshalb nicht mehr
zur Erde mit ihrer Qual zurückgekehrt sei. Macht keine Anstrengungen, mich
zu suchen. Ihr würdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in
dem ich so lange bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In
treuem Gedenken bin und bleibe ich Euer Friedolin Frommherz.«
In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem
Stiller den Brief vorgelesen hatte.
»Der elende Drückeberger!« hob Dubelmeier zu knurren an. »Jetzt fällt es
mir wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so
sonderbar benommen hat.«
»Blamiert sind wir, heillos blamiert!« schrie Piller. »Wie stehen wir nun
da? Wo bleibt unsere gerühmte Ehrenhaftigkeit?«
»Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen! Der findet den Ausreißer
gewiß,« riet Hämmerle.
»Diesem Vorschlage möchte ich beistimmen,« fügte Thudium bei.
»Es geht doch nicht an, daß wir Frommherz hier zurücklassen. Entweder wir
bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar!« fügte Brummhuber
bei.
»Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehör,« bat Stiller die
aufgeregten Gefährten. »Ich begreife und billige ja völlig Ihre Entrüstung
über das Benehmen Frommherz' und teile es. Aber wir haben durchaus kein
Recht, ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig
mitgegangen und mag freiwillig zurückbleiben. Aber er hätte klar und offen
handeln sollen. Mag er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen
verantworten! Nehmen wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und
unserer persönlichen Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz' hier oben
nicht das geringste anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da,
wofür man uns nahm und hielt. Frommherz dürfte in dieser Beziehung bei den
strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also
allein, ohne ihn! Ja, ich rate sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir
aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern, leichten Herzens von hier fort?«
»Nein, gewiß nicht!« ertönte es fünfstimmig.
»Nun wohl! So wollen wir die Lage, in die sich unser Frommherz freiwillig
begeben, wenigstens zum Guten zu wenden suchen: wir empfehlen den
Zurückbleibenden der Güte und Nachsicht unseres lieben, ehrwürdigen Eran.«
»Das fehlte noch!« wetterte Piller.
»Warum nicht?«
»Ich verstehe Sie einfach nicht, Stiller!«
»Nun, so lassen Sie mich ruhig fortfahren. Während des Lesens von
Frommherz' Brief ist mir der Gedanke gekommen, daß unser Freund nach unsrer
Abreise zur Strafe für sein eigenmächtiges Zurückbleiben und den dadurch
bewiesenen Mangel an Gemeinschaftsgefühl möglicherweise nach den Gefilden
der Vergessenen verbannt werden könnte.«
»Was ihm ganz recht geschehen würde!« warf hier Brummhuber ein.
»Nein, das wollen wir ihm eben zu ersparen suchen. Möge er unter ähnlichen
Bedingungen wie bisher hier weiter leben! Dieses Bewußtsein läßt uns später
mit reineren Gefühlen an den Freund zurückdenken und wirft keinen Schatten
auf die Erinnerung an unsere schöne Aufenthaltszeit hier oben. Nun wohl, so
lassen Sie mich, bitte, gewähren! Ich rede nachher mit Eran und suche mit
ihm zusammen das Unangenehme möglichst gut zu ordnen.«
»Stiller, Sie beschämen uns, Sie sind ein braver Kerl -- der Beste von
uns!« Piller schneuzte sich sehr kräftig nach diesen Worten . . .
»O nein, mein Lieber! Ich war nur nicht umsonst hier oben unter diesen
prächtigen, hoch denkenden und handelnden Menschen. Sie sehen nur, daß ich
von ihnen etwas gelernt habe.«
»Wenn einer oben zu bleiben wirklich würdig wäre, so wären Sie es,
Stiller!« rief begeistert Hämmerle.
»Lassen wir das!« wehrte Stiller ab. »Und nun will ich mit Eran Rücksprache
nehmen.« Ohne das geringste Zeichen des Erstaunens zu zeigen oder einen
Laut der Verwunderung hören zu lassen, vernahm der ehrwürdige Alte den
Bericht Stillers.
»Auch ich finde, daß du wohl daran tust, deinen Bruder nicht zu zwingen,
die Rückreise mit euch anzutreten. Ein jeder Mensch hat bis zu einem
gewissen Grade das Recht der Selbstbestimmung. Aber dieses Recht schließt
nicht das Unrecht eures flüchtigen Bruders aus, das ich in der Art und
Weise erblicke, wie er sein Hierbleiben durchsetzen will. Laß ihn aber nur
hier und zieh mit deinen Brüdern hinab auf die Erde! Wir werden mit
Friedolin nicht allzu scharf ins Gericht gehen.«
»Darüber möchte ich eben beruhigt werden, ehrwürdiger Eran.«
»Sei deshalb ohne Sorge! Taucht er nach eurer Abreise auf, so werde ich ihn
persönlich nach Angola bringen und bei Anan Fürsprache für den Sünder
einlegen. Aber eine kleine Strafe muß sein. Ich habe bereits über ihre Art
nachgedacht.«
»Worin soll sie bestehen?« fragte neugierig geworden Stiller.
»Friedolin soll uns ein Wörterbuch eurer Sprache schreiben. Ihr habt uns ja
als Andenken einige Werke eurer hervorragendsten heimischen Dichter und
Denker geschenkt. Nun gut, wir wollen diese Werke in der Originalsprache
lesen, um uns ein klares Bild von euren Meistern machen zu können. Dazu
brauchen wir aber ein Wörterbuch.«
»Diese Strafe lasse ich mir gefallen. Freund Friedolin wird die ihm
gestellte Aufgabe zu eurer Zufriedenheit lösen, davon bin ich überzeugt.«
Damit war der Fall Frommherz erledigt. Stiller setzte seine Gefährten von
dem Ergebnis der Besprechung in Kenntnis, und die Herren priesen von neuem
die Güte und Nachsicht Erans, des wackern Patriarchen.
Nach der Zeitrechnung der Erde, die Stiller auch auf dem Mars unter
genauester Berücksichtigung der Unterschiede in den täglichen
Umdrehungszeiten von Mars und Erde weitergeführt hatte, war heute der
siebente März herangekommen und mit ihm die Stunde der Abfahrt.
Eran hatte darauf bestanden, die sechs Erdensöhne zum Weltensegler zu
begleiten. Auch Lumatas erwachsene Bevölkerung zog mit. Ernstes Schweigen,
der Ausdruck ehrlichen Schmerzes über die Trennung, herrschte in der ganzen
Schar. So schritten sie wortlos dahin zu der Wiese, auf der sich der
Weltensegler in der klaren und reinen Luft des heraufziehenden Tages
schaukelte.
»Nehmen wir kurz und rasch Abschied, vergrößern wir nicht das Weh der
Trennung durch weitere Worte!« sprach Eran, einen der Schwaben nach dem
andern umarmend. »Möge ein gutes Geschick eure Heimreise begleiten! Kommt
glücklich in eurer Heimat an.«
Ein Händedruck noch, ein Winken von allen Seiten, und die kühnen
Weltensegler stiegen in die Gondel. Die Taue wurden gelöst, langsam und
stolz, begrüßt von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, begann sich
der Ballon zu heben. Da kam eilenden Laufes Friedolin Frommherz daher. Die
Menge machte ihm Platz.
»Lebt wohl, Freunde!« rief er mit lauter Stimme. »Nochmals: verzeiht mir,
daß ich bleibe und nicht mit euch zurückkehre! Reist glücklich und grüßt,
mir mein teures Schwabenland!«
Aber die Herren in der Gondel hörten nur noch schwach, was ihnen Frommherz
nachrief. Zu antworten vermochten sie nicht mehr. In immer rascherem Fluge
entfernte sich der Weltensegler von dem wunderbaren Planeten und schwebte
bald im dunkeln, kalten Weltenraum.
Neuntes Kapitel
Wieder auf der Erde