Ein Vertreter der Regierung begrüßte als Vorsitzender in warmen Worten die

kühnen Weltensegler, die durch die einzig dastehende Fahrt nach dem Mars

ihre Namen nicht nur unsterblich gemacht, sondern dadurch auch das Ansehen

und die Ehre der engeren Heimat in der gesamten Kulturwelt gefördert

hatten. Schwaben sei stolz auf so würdige Söhne und wolle sie zunächst

dadurch ehren, daß an dem Orte ihres Aufstieges auf dem Cannstatter Wasen

ein Obelisk aus heimischem Granit errichtet werde, der die Namen der

Teilnehmer an der Expedition und die allgemeinen Daten über sie

eingemeißelt in den Stein tragen solle. Weitere äußere Ehrungen seien

vorgesehen; denn eine solche Tat, wie sie Schwabens Söhne ausgeführt, könne

überhaupt nicht gebührend genug anerkannt werden. Zunächst überreiche er im

Namen der Regierung jedem der Herren einen goldenen Lorbeerkranz, auf

dessen Blättern der Name des Trägers und die Daten der Marsreise

eingraviert seien.

Nachdem die Übergabe der goldenen Kränze unter rauschender Musikbegleitung

vor sich gegangen war, begann das Bankett. Klugerweise war vorher bestimmt

worden, daß während des Essens keinerlei Reden gehalten werden sollten. Als

das Essen beendigt war, bestieg Stiller das Podium des Saales, um von hier

aus zu der glänzenden Versammlung zu sprechen.

»Verehrte Anwesende! In meiner und meiner treuen Gefährten Namen danke ich

Ihnen zunächst für die Herzlichkeit des Willkomms, den Sie uns zuteil

werden ließen. Er hat uns sehr gerührt. Nehmen Sie es uns aber nicht übel,

wenn wir Sie bitten, von jeder weiteren äußeren Ehrung unserer bescheidenen

Persönlichkeiten Abstand nehmen zu wollen. Was wir ausgeführt, was wir

getan, war ja nur dadurch möglich, daß uns ein seltenes Glück zur Seite

stand. Wo aber der Mensch nur durch die Gunst äußerer Umstände sein Ziel

erreicht, da ist es mit seiner eigenen Leistung doch viel weniger weit her,

als Sie selbst vielleicht annehmen.

Gerade auf dem Mars, bei einem Volke von idealster Lebensauffassung,

rückhaltslosester Wahrheitsliebe und tiefster Erkenntnis des eigenen Ichs,

da haben wir erst gelernt, uns nach dem wirklichen Werte richtig

einzuschätzen, wahr und streng gegen uns zu sein. Mit einer gewissen

Selbstüberhebung reisten wir einst ab, mit ruhiger, nüchterner Schätzung

unserer eigenen Person kommen wir zurück. Daraus entspringt also unsere

Bitte.

Und nun lassen Sie mich Ihnen in kurzen Zügen ein Bild jener wunderbaren

Welt entwerfen, in der es uns vergönnt war, zwei volle Jahre leben zu

dürfen. Vorausgreifend will ich gleich bemerken, daß wir unsere Erlebnisse

in einem Sammelwerke niederlegen werden, in dem Sie dann später alles

Wünschenswerte selbst nachlesen können. -- Nach der Abfahrt von Cannstatts

Wasen langten wir nach dreimonatlichem Fluge durch den Ätherraum ziemlich

wohlbehalten auf dem Mars an. Dort trafen wir Menschen an, die uns mit

großer Gastfreundschaft aufnahmen. In dem Maße, als wir die Sprache der

Marsbewohner erlernten, gewannen wir auch mehr und mehr Einblick in deren

Leben, in ihre Sitten und Gebräuche. Voll staunender Bewunderung sahen wir

dort oben eine Lebensführung, die wir in dieser Vollkommenheit niemals für

möglich gehalten hätten. Das, was wir hier unten auf der Erde früher als

Ideal des Lebens geträumt, -- dort oben auf jenem Sterne ist es in die

schönste Wirklichkeit übersetzt.

Was soll ich Ihnen in dieser Stunde von den Einzelheiten erzählen, die zu

der wunderbar entfalteten, natürlichen Moral jener prächtigen Menschen da

oben geführt haben! Ich fürchte dadurch nicht allein zu ermüden, sondern

auch Ihre freudige Stimmung anläßlich unserer Rückkehr zu vermindern. Dies

möchte ich aber nicht. Sie werden, wie gesagt, die Ergebnisse unserer

Expedition durch unsere Bücher genau erfahren. Nun aber können Sie mich mit

Recht fragen: >Ja, warum sind Sie denn wieder zurückgekommen aus einem Eden

nach einem Tale des Jammers, wie es unsere Erde nun einmal vorstellen

soll?< Darauf antworte ich auch offen: Wir sind schweren Herzens von oben

fortgegangen. Nicht daß man uns geradezu fortwies, nein, man stellte uns

Bleiben oder Gehen zur freiwilligen Entscheidung anheim. Nachdem wir aber

sahen, daß wir dem so hochstehenden Marsvolke doch keine Dienste leisten

konnten, die als Ausgleich für die uns gebotene Gastfreundschaft hätten

dienen können, so verlangte es schon das einfachste Anstandsgefühl, daß wir

zur Erde zurückkehrten.

Nur Herr Friedolin Frommherz konnte sich nicht entschließen, die Rückreise

anzutreten. Er blieb oben zurück als der einzige lebendige Zeuge unseres

Aufenthaltes auf dem Mars. Unsere Ankunft auf Matupi kennen Sie. Zum

Schlusse wollen wir dem Schwäbischen Landesmuseum diejenigen Geschenke und

Andenken überweisen, die wir oben auf dem Mars, in dem herrlichen Angola,

in der Stunde des Abschiedes mit auf den Weg bekommen haben. Wir selbst

bedürfen der Sachen nicht. Wie ein Märchen voll Schönheit, voll Zauber und

strahlenden Lichtes wird jener Aufenthalt auf dem Planeten in unserer

Erinnerung weiterleben, solange wir atmen, und gäbe es eine Seelenwanderung

nach fernen Sternen, so würde ich nichts sehnlicher wünschen, als dort oben

wieder erwachen zu dürfen, wenn ich hienieden nicht mehr bin.«

Herr Stiller trat ab. Lautlos hatte die Versammlung seinen Worten

gelauscht. Manches Gesicht der Anwesenden drückte tiefe Ergriffenheit aus,

als Herr Stiller geendet. So hatte man sich die Sache doch nicht

vorgestellt. Wohin war die Festesfreude plötzlich gekommen? Herr Klingle

griff in die beklemmende Stille, die sich der Versammlung bemächtigt hatte,

als rettender Engel ein. Er erhob den Taktstock, und die leichten Töne

einer einschmeichelnden Musik gaben der Versammlung ihre alte Fröhlichkeit

wieder zurück. Es ließ sich auch hier auf der Erde ganz gut leben. Wozu

also nach dem Mars reisen? Eine Fahrt wie die der sieben Schwaben sollte

keine Nachahmung mehr finden. Die früher so heitern Männer waren als

offenkundige Menschenfeinde zurückgekehrt. Sie wären somit besser im Lande

geblieben. Das war die Ansicht vieler, die in später Nachtstunde von dem

Bankette nach Hause gingen.

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars. · 第 10 / 10 段