uns seit Äonen. Es bildet den fundamentalsten Bestandteil unseres
Bewußtseins und die Triebkraft unseres Handelns. Bedauerlicherweise fehlt
bei euch dieses mächtige Gefühl der Zusammengehörigkeit oder ist zum
mindesten noch nicht in dem Maße vorhanden, als zum Wohle des Ganzen so
dringend nötig wäre. Der Grund eures Tiefstandes liegt meines Erachtens
nach in dem Mangel an jener einfachen, natürlichen Moral, die unser Leben
so vorteilhaft beeinflußt.
Für uns war es schmerzlich zu hören, wie bei euch jeder Fortschritt, auch
der kleinste, durch ein Meer von Tränen, von Blut und zertrümmerten
Existenzen führt. Und doch, -- ihr selbst sagtet es ja -- es muß und wird
einst besser bei euch auf der Erde werden. Ihr selbst seid dafür die
lebendigen Zeugen, denn ihr stellt heute schon das vor, was die Masse bei
euch nach eurem eigenen Ausspruche in späterer Zeit sein wird. Wackere,
brave Männer von der geistigen Bedeutung wie ihr müssen daher unten auf der
Erde wirken, an der Weiterentwicklung ihrer Brüder arbeiten. Wenn auch der
einzelne von euch bei dieser schwierigen Arbeit keine volle Befriedigung
empfindet, -- dies gilt ja von allem Streben nach noch nicht Erreichtem! --
so bedenkt, daß die Folgen der Arbeiten an dem Werke der Vervollkommnung
eurer Mitmenschen zwar nicht euch, so doch euren Nachkommen zugute kommen
werden.
Unser Rat lautet dahin: Kehrt zurück auf eure Erde!« -- »O Himmel, ahnte
ich es doch!« klagte bei diesen Worten Anans Professor Frommherz leise vor
sich hin. -- »Schweigen Sie, Jammerseele!« herrschte ihn unsanft Piller an.
-- »Kehrt zurück in euer Schwabenland, zu dem biedern Volke, aus dessen
Mitte ihr stammt, und widmet euch dort wieder dem erhabenen Werke der
Vervollkommnungsarbeit. Ferne sei es von uns, euch von hier wegdrängen zu
wollen, ihr seid und bleibt uns werte Gäste.« -- »Dem Himmel Dank!«
murmelte hier Frommherz. -- »Aber ich gestehe es aufrichtig, und ich
spreche hier die Ansicht von allen meinen Brüdern und Schwestern aus: Ihr
seid die ersten und zugleich die letzten fremden Wesen, die von einem der
fernen Kinder des Lichtes zu uns gelangen durften. Denn dies ist der
Hauptpunkt, das Endergebnis unserer Verhandlung. Im Interesse unseres
Volkes lehnen wir weiteren Verkehr ab. Nicht mit euch, -- ich betone
nochmals ausdrücklich, daß ihr uns werte, liebe Gäste und Freunde seid, --
nein, überhaupt; denn wir haben keine Gewähr dafür, daß nicht auch einmal
Fremde zu uns gelangen könnten, die nicht auf der Höhe der Anschauung
stehen wie ihr und deren Benehmen bei längerem Aufenthalte wahrscheinlich
dann nur zu unerquicklichen Auseinandersetzungen und schließlich zu einer
gewaltsamen Entfernung von hier führen müßte. Das wollen wir uns aber
ersparen.
Eure kühne Reise wird zwar so bald nicht wieder Nachahmer finden. Doch kann
man dies nicht wissen, und so haben wir bereits die bestimmte Weisung
gegeben, künftig und für alle Zeiten auf unserem Lichtentsprossenen kein
Luftschiff mehr landen zu lassen, woher es auch kommen möge, und wäre es
auch aus dem uns durch euch so sympathisch gewordenen Schwabenlande. Bleibt
bei uns, wenn ihr wollt, oder fliegt über kurz oder lang wieder heimwärts.
Wir stellen dies ganz in euer Belieben und sind und bleiben stets eure
aufrichtigen, treuen Freunde. Ich bitte euch, liebe Brüder und Schwestern,«
-- mit diesen Worten wandte sich Anan an die Marsiten -- »ruft mit mir:
Glück und Heil den sieben Schwaben, unsern lieben ersten und einzigen
Gästen!«
Sechstes Kapitel
Im Reiche der Vergessenen
Mit gemischten Gefühlen kehrten die Herren von Angola nach Lumata zurück.
Sollten sie auf dem Mars bleiben oder sollten sie gehen? Das war die
ernste, schwerwiegende Frage, die sie in den folgenden Monaten
beschäftigte.
»Wenn uns die Marsiten in Angola auch nicht geradezu den Stuhl vor die Tür
gesetzt haben, so haben sie uns doch deutlich genug zu verstehen gegeben,
daß wir unsere sieben Sachen zusammenpacken sollen,« äußerte sich eines
Tages Piller zu seinem Kollegen Stiller.
»Sie haben recht! Und ich muß Ihnen auch aufrichtig erklären, daß mir
dieses unproduktive Leben, diese an uns geübte weitgehende
Gastfreundschaft, für die wir uns auch nicht im geringsten erkenntlich zu
zeigen vermögen, zuwider zu werden anfängt. Einmal müssen wir doch an das
Fortgehen denken, denn bis ans Ende unserer Tage können wir wohl nicht hier
oben sitzen bleiben.«
»Hm, hm, gerne gehe ich von Lumata nicht fort; es wird mir wirklich sehr
schwer! Denke ich nur an unsere Herreise mit allen ihren Beschwerden, so
graut es mir förmlich vor einer Rückkehr. Aber diese muß stattfinden,
darüber kann und darf kein Zweifel bestehen. Es handelt sich nur um den
Zeitpunkt. Warten wir's noch ab!« antwortete Piller.
»In ähnlicher Weise wie Sie sprechen sich auch die andern Freunde aus,
lieber Piller. Nur Frommherz macht eine Ausnahme. Der weicht soviel wie
möglich jeder Erörterung aus, die die Rückkehr zum Gegenstand hat.«
»Glaub's wohl!« lachte Piller laut auf. »Unser lieber Freund Friedolin ist
überglücklich, hier oben weilen zu dürfen, und bekommt stets
Herzbeklemmungen, wenn wir von einer Heimreise zu reden beginnen. Im Grunde
genommen kann ich es ihm nicht verübeln, wenn er dauernd hierbleiben
möchte. Aber aufhören muß einmal diese Art von Schlaraffenleben, das ist
klar. Darin stimme ich Ihnen also völlig bei, Stiller.«
»So bleiben wir einstweilen noch hier und nützen unsere Zeit möglichst gut
aus. Inzwischen sorge ich für die tadellose Ausbesserung unseres
Weltenseglers, für Bereitstellung des geeigneten Proviantes usw. Langsam,
aber gründlich werde ich die Vorbereitungen zu unserer Abreise treffen.«
»Und vergessen Sie mir nicht den feinen goldenen Tropfen! Nehmen Sie nur
gleich, bitte, einen anständigen Vorrat davon mit in die Gondel!«
»Soll geschehen, Sie ewig Durstiger,« sagte lächelnd Stiller.
In freundlichem, angenehmem Verkehr mit dem liebenswürdigen Marsvolke, in
kleinen und größeren Ausflügen und Reisen verfloß die Zeit nur zu rasch.
Auf einem ihrer Streifzüge waren sie auch weiter hinaus aus der
eigentlichen Bevölkerungszone in die nördliche, kühlere Region des Planeten
gelangt. Es mutete die Forscher ordentlich heimatlich an, als sie hier
wohlgepflegte Nadel- und Laubholzwaldungen neben saftigen, grünen Wiesen
und schönen, dunkelblauen Seen fanden. Hohe Gebirgszüge schoben sich
dazwischen, und ihre mit Schnee bedeckten höheren Gipfel verstärkten noch
den Eindruck einer alpinen Landschaft.
Hier stießen sie auch auf zerstreute, weit auseinander liegende kleine
Kolonien von Marsiten, deren ernstes, wortkarges Wesen und Auftreten
merkwürdig von der heiteren und frohen Lebensauffassung ihrer übrigen
Brüder abstach. Auf ihr Befragen erfuhren die Gelehrten, daß ähnliche
kleine Kolonien auch in der südlichen kühlen Zone des Mars beständen. Die
Kolonisten hießen die »Vergessenen«, weil ihre Namen vorübergehend oder
auch dauernd von den Tafeln der Marsstämme gestrichen worden seien.
»Dann sind es somit Verbrecher, die, von der Gemeinschaft der übrigen
ausgestoßen, hier oben ihre Strafe abzubüßen haben?« fragte Dubelmeier.
»Wir kennen nur Gesetzesübertreter, keine andern Missetäter,« wurde dem
Frager erklärt.
»Nun, schließlich kommt dies ja auf das gleiche heraus,« antwortete
Dubelmeier. »Worin besteht denn bei euch die Gesetzesübertretung, die die
Strafe der Verbannung in diese Gegenden nach sich zieht?«
»In mangelhafter Erfüllung der allgemeinen Pflichten und Obliegenheiten.«
»Da müßte man bei uns auf der Erde neun Zehntel aller Menschen verbannen,
und wir kämen des Platzes wegen für diese Menge von Verbannten in die
größte Verlegenheit,« rief Piller voll Erstaunen.
»Wir sind auch nicht auf eurem Planeten,« antwortete mit überlegenem
Lächeln Varan, der Führer der Reisebegleitung.
»Aber es ist doch grausam, kleinerer Verstöße wegen einen Mitmenschen aus
seiner ihm trauten und gewohnten Umgebung zu reißen,« warf Hämmerle ein.
»Über die Art der Verstöße gegen unsere Lebensvorschriften zu richten, sind
nur wir allein maßgebend,« entgegnete Varan ernst.
»Ohne Zweifel!« gab Stiller zu.
»Aber Verzeihung ist die Krone der Liebe! Verzeiht ihr nicht auch?«
forschte Frommherz.
»Gewiß! Aber es gibt Vergehen, für die niemals Verzeihung gewährt werden
kann. Sie sind zwar äußerst selten, diese Fälle, aber sie kommen bei uns
doch noch hier und da vor. Die Vergessenen erhalten nach einer gewissen
Zeit der Prüfung meist ihre Namen wieder. Es steht ihnen dann die Rückkehr
in die engere Heimat und der Wiedereintritt in ihren Stamm frei. Aber nur
wenige machen von dieser Erlaubnis Gebrauch. Einmal ausgestoßen, zieht
unser Bruder ohne Namen es für gewöhnlich, vor, da zu bleiben, wo er
hingebracht wurde, und sein Leben in strenger Arbeit dem Wohle der übrigen
zu widmen.«
»Worin besteht diese Arbeit?« fragten die Herren.
»In tadelloser Instandhaltung der hier ihren Ursprung nehmenden Kanäle:
eine ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe, von deren gewissenhafter
Erfüllung unsere Gesamtexistenz abhängt.«
»Und wer sorgt für den Unterhalt der Vergessenen?«
»Sie selbst. Sie treiben nebenbei Viehzucht, Ackerbau und dergleichen mehr.
Kommt einmal die Zeit, wo es keine Vergessenen mehr bei uns gibt, so müssen
wir eben selbst diese Arbeiten ausführen. Darüber liegen bereits genaue
Bestimmungen vor, denn unsere Vergessenen vermindern sich mehr und mehr,«
schloß Varan seine Auseinandersetzungen.
»Wunderbar glücklicher Planet, dieser Mars! Sogar die Missetäter hier oben,
wenn man sie nach unseren Begriffen so bezeichnen darf, werden wieder
Wohltäter durch ihre Leistung für das große Ganze,« rief Stiller voll
Enthusiasmus. »Und doch erfüllt es mich mit einer gewissen, wenn auch
höchst bescheidenen, Genugtuung, daß auf dem Mars dieses Lebensbild voll
Glanz und Licht einen kleinen Schatten hat, daß es auch nicht rein
vollkommen ist.«
»Vollkommen oder unvollkommen sind Begriffe, die wir uns selbst unten auf
der Erde geformt haben, und die wir im Sinne ihrer Bedeutung für uns auf
die Zustände hier oben nicht anwenden dürfen,« antwortete Dubelmeier.
»Sehr richtig!« bestätigte Frommherz. »Mir persönlich kommt hier oben alles
vollkommen, alles ganz wunderschön vor. Hier habe ich das Paradies
gefunden, von dem man bei uns träumt.«
»Sie Schwärmer!« erwiderte lachend Piller. »Besser ist die Marswelt
entschieden als die unsere, und unsere Erde die beste der Welten zu nennen,
wie es allgemein geschieht, ist daher nichts als platter Unsinn. Aber,
lieber Frommherz, bald müssen Sie aus Ihrem Paradiese heraus und wieder
hinunter nach Tübingen.«
»Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Piller,« stotterte Frommherz
erbleichend.
»Bitterer Ernst, mein Freund! Die schönen Marstage gehen nun bald zu Ende,
nicht nur für Sie, nein, auch für uns, leider, leider!« Professor Piller
mußte sich nach diesen Worten heftig schneuzen.
»Aber die entsetzliche Reise!« jammerte Frommherz. »Haben Sie denn schon so
vollständig die ungeheuren Mühseligkeiten unserer Herreise vergessen?«
»Lieber Frommherz, es _muß_ sein,« entgegnete Stiller. »Wir sind nun bald
zwei Jahre Gäste hier, und auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen.
Übrigens wissen Sie auch ganz genau, daß die Marsbewohner mit unserer
Abreise rechnen. Ich glaube, die Worte, die damals Anan in Angola an uns
richtete, enthielten deutlich genug den Wink zum Fortgehen. Unser Ehrgefühl
und auch unsere Dankbarkeit erfordern, daß wir den Mars verlassen und zwar
bald. Gewiß, die Rückreise ist mühselig, sie wird möglicherweise noch
anstrengender für uns werden als die Herfahrt, aber -- es muß sein!«
»Aber -- aber könnte nicht ich wenigstens zurückbleiben?«
»Es geht nicht! Es ist nicht gut möglich! Wir sind miteinander gekommen,
und wir müssen daher auch wieder miteinander gehen. Das ist klar. Wir alle,
Sie leider ausgenommen, sind darüber einig, daß wir gehen müssen, obgleich
uns der Abschied von diesem herrlichen Planeten wahrlich schwer genug wird,
denn wir haben ohne Zweifel auf ihm die schönste und an Genuß reinste Zeit
unseres Lebens zugebracht. Einen Drückeberger darf es nicht geben,«
entschied Stiller.
Etwas beschämt über diese wie eine Zurechtweisung klingende herbe Antwort,
ließ Frommherz nichts mehr über die ihn bewegenden Gefühle verlauten; er
verschloß sie von jetzt ab fest in seiner Brust.
In dem landschaftlichen Bilde, das sich hier den Augen bot, fiel Herrn
Dubelmeier ein stattlicher Berg auf, der isoliert in stolzer Einsamkeit
seine schneebedeckten Gipfel gen Himmel streckte. Der ganze pyramidenartige
Aufbau des Berges verriet seinen vulkanischen Ursprung. Von seiner etwas
abgestumpften Spitze aus mußte man eine großartige Fernsicht genießen. Bei
diesem Gedanken war in Herrn Dubelmeier die alte Leidenschaft des
Bergsteigers wieder geweckt.
»Wie wäre es, wenn wir zum Schlusse unseres Aufenthaltes auf dem Mars jenem
prächtigen Berge da drüben einen Besuch abstatten würden? Bei der
Beschaffenheit der Marsatmosphäre dürften wir dort oben eine
außerordentlich schöne Aussicht haben,« sprach Dubelmeier zu seinen
Gefährten.
»Ich komme mit,« entschied Stiller kurz entschlossen.
»Ich auch!« erklärte Piller. »Wie heißt der Berg, Varan?«
»Der Berg des Schweigens.«
»Ein merkwürdiger Name!« meinte Stiller. »Wer kommt sonst noch mit?«
Aber die vier übrigen Schwabensöhne konnten sich zu der Tour nicht
entschließen. Eine gewisse Mattigkeit und Abspannung hielt sie davon
zurück. Man kam überein, daß sie hier die Rückkehr der drei Freunde
abwarten sollten. Varan sorgte für alle Bedürfnisse der kleinen Karawane
und vergaß auch nicht die passenden Kleidungsstücke und die sonstigen
erforderlichen Gegenstände. In Begleitung von drei Marsiten reisten die
Herren ab. Ein Motorboot brachte sie auf einem der Kanäle rasch bis zum Fuß
des Berges, der sich beim Näherkommen immer mehr als ein Riese entpuppte.
Dubelmeier schätzte seine Höhe über der Talsohle auf ungefähr dreitausend
Meter.
Steil fiel er von allen Seiten ab, und es war nur in langen Zickzacklinien
möglich, zu ihm emporzuklimmen. Es war dies ein beschwerliches Stück
Arbeit. Bei jedem Schritt sank der Fuß bis über den Knöchel in den
schwarzen Sand des verwitterten Lavafeldes ein. Stunden vergingen in
ermüdendem Steigen, bis die Herren endlich in die Nähe der Schneegrenze
gelangten. Hier wurde Halt gemacht. Einige Stunden der Ruhe sollten die
gesunkenen Kräfte der Bergsteiger wieder heben. Erst jetzt konnten die
Herren erkennen, wie hoch sie schon gekommen waren, denn bei dem mühsamen
Stampfen durch den lockern Boden hatten sie keine Zeit gehabt, Umschau zu
halten.
Während die Marsiten einen Imbiß herrichteten, betrachteten die drei
Schwaben das zu ihren Füßen sich ausbreitende parkartige Panorama, das sich
im Lichte der untergehenden Sonne golden spiegelte. Kein Laut, kein Ton,
der die Anwesenheit noch anderer belebter Wesen verraten hätte, ließ sich
vernehmen, nicht einmal das Rauschen eines talwärts strebenden Baches.
Alles schien an diesem Berge in die starren Fesseln völliger Stille
geschlagen zu sein, und der Berg trug daher seinen Namen mit Recht. Auch
die Erdensöhne waren schweigsam. Still mit den eigenen Gedanken
beschäftigt, starrte jeder der Männer vor sich hin.
»Ich besinne mich vergeblich, mit welcher Landschaft auf der Erde ich das
Panorama da unten vergleichen soll,« unterbrach Stiller das Schweigen.
»Mich erinnert es in etwas an den Vulkan Villa rica im südlichen Chile.
Hier wie dort ragt ein gleicher Bergkegel aus der Ebene hervor. Ganz
ähnlich ist der Ausblick auf dunkelgrüne Waldungen und hellglitzernde Seen
und Wasserstraßen.
Dazu kommt noch hier wie dort die durchsichtige Luft, die satte Bläue des
Himmels und die geheimnisvolle Stille der Natur,« entgegnete der
vielgereiste Dubelmeier.
»Das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Bild voll tiefen Friedens, voll
wohltuender Anmut und Schönheit bleibt das Marsland auch von hoher Warte
aus. Von wo aus man es auch betrachten mag, überall tritt es uns wie eine
hehre Offenbarung entgegen,« rief Stiller begeistert.
Bei diesen Worten seines Kollegen schneuzte sich Piller wieder einmal sehr
kräftig.
»Recht haben Sie, Stiller! Doch hier kommt Speise und Trank, gute Mittel
gegen -- na, sagen wir Gemütsattacken.« Damit ergriff Piller eine Flasche,
schenkte sich von dem edlen Marsweine ein und trank das Glas mit einem
Schluck leer.
Die Nacht war herangekommen. Phobos und Deimos zogen ihre stille,
leuchtende Bahn, als die Karawane aufbrach, um auf dem festgefrorenen
Schnee langsam den Weg zur Spitze des Berges emporzuklettern. Tiefe
Rubintinten am östlichen Himmel kündigten den Aufgang der Sonne an, als
Schwabens Söhne endlich glücklich den Gipfel des Berges erreicht hatten.
Einem Glutballe gleich stieg bald darauf die Sonne empor und warf ihre
Strahlen über Berge und Täler. Ein Rundblick von überwältigender
Großartigkeit lohnte die Männer für ihre Anstrengungen des Aufstiegs.
Der Berg des Schweigens überragte die übrigen Höhenzüge ganz bedeutend. Er
war die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre. Weithin schweiften
die Blicke völlig frei und unbehindert. Selbst die fernsten Gegenstände
schienen, dank der dünnen, klaren Luft, dem Auge greifbar nahe gerückt. In
weiter, weiter Ferne nach Norden zu konnten die drei Gelehrten mit Hilfe
der scharfen Marsteleskope, die sie mit sich führten, eine weiße,
bogenförmige Linie erkennen. Diese grenzte scharf und deutlich den bläulich
schimmernden Horizont ab. Die Herren wußten zunächst nicht, wofür sie diese
eigenartige Linie, die ein erstarrtes Eismeer einschloß, halten sollten.
»Das ist ja der Nordpol des Mars!« entfuhr es plötzlich den Lippen
Stillers.
Eine große Erregung bemächtigte sich der Beobachter: der Hauch der
Unendlichkeit wehte ihnen hier entgegen. Ein solches Ergebnis der Fernsicht
hatten sie nicht erwartet. Immer und immer wieder betrachteten sie die
deutlich wahrnehmbare Abrundung.
»Kein, Zweifel, es ist der Nordpol. Wie wunderbar, daß unsere Augen auf
einem andern Planeten das schauen dürfen, was auf der Erde bis jetzt, allen
Versuchen zum Trotz, niemandem gelang!« sprach Herr Stiller. »Wie wird
dieses Bild erst bei Nacht sein!«
»Wie meinen Sie das?« forschte Dubelmeier.
»Nun, ich denke an die feurigen elektro-magnetischen Polausströmungen,«
erwiderte Stiller.
»So bleiben wir so lange hier!« entschied Piller. »Aber sehen sie einmal,
meine Freunde, was ist denn da unten?«
Stiller und Dubelmeier drehten sich um. Etwa zweihundert Meter unter ihnen
lag, hell beschienen vom Lichte des Tages, im Krater des früheren Vulkans
ein See von heller, smaragdgrüner Farbe. Blühende Blumen umsäumten seine
Ufer.
»Blumen und Wasser, Eis und Schnee, merkwürdige Kontraste! Wie verträgt
sich das?« fragte Piller. »Wir scheinen ja hier oben von einem Wunder ins
andere zu fallen!«
»Auf dem Mars hat das Merkwürdige überhaupt kein Ende!« entgegnete Stiller
lächelnd. »Doch untersuchen wir die Sache, und steigen wir hinab in den
Krater, der nebenbei noch ein ausgezeichneter Lagerplatz sein dürfte!«
Bald waren die Herren unten am See. Da, wo der Schnee aufhörte und der
Pflanzenwuchs einsetzte, fühlte sich der Boden warm an, ein Beweis, daß der
Vulkan noch nicht gänzlich erloschen war. Das Wasser des Sees war
gleichfalls warm und zeigte eine Temperatur von dreißig Grad Celsius. Das
wunderbar klare, nahezu durchsichtige Wasser von etwas salzigem Geschmack
ließ den Boden des tiefen Sees deutlich erkennen, der wie mit einem
tiefroten Teppich bedeckt erschien.
»Das sieht ja aus, als ob ein schwerer mineralischer Farbstoff hier
hineingeschüttet worden wäre,« äußerte sich Piller zu seinem Kollegen
Stiller.
»Es scheint Eisenoxyd zu sein, das sich auf dem Boden des Sees
niedergeschlagen hat. Wahrscheinlich war das Wasser einst stark
eisenhaltig,« entgegnete Stiller.
»Das mag sein. Dadurch ist auch das Fehlen jeglichen Tierlebens in dem
Wasser erklärlich.«
Die Herren betrachteten nun die in Fülle am Uferrande wachsenden blühenden
Pflanzen. Es war ein bunter, duftender Blumenteppich, der einen anmutigen
Eindruck auf die Erdensöhne machte. Alle möglichen Arten von Pflanzen waren
vertreten, die mit denen der alpinen Regionen der Erde verwandt waren.
Mit Behagen genossen die Herren die Stunden des Tages hoch oben im Krater
und bedauerten nur, daß die andern Freunde nicht auch anwesend waren. Als
der Abend gekommen war, stiegen sie, wohl eingehüllt in ihre Pelze, wieder
hinauf zur Spitze. Tiefes Dunkel lag bereits über dem Marsland, als die
Forscher den Rand des Kraters erreichten. Die Marsmonde waren noch nicht
aufgegangen. Aber in der Richtung des Nordpoles, den die Freunde diesen
Morgen gesehen, begann es aufzublitzen, zuerst langsam, dann immer stärker.
Schließlich fuhren feurige Strahlen empor, bildeten über dem polaren
Horizonte einen Halbkreis und verschwanden wieder. Ein herrlicher Wechsel
der Farben vom blendenden Rotgold bis zum leuchtenden Saphirblau, verbunden
mit dem Wachsen und Schwinden der zuckenden Strahlen, erzeugten ein Bild
von vollendeter Schönheit.
»Diese glänzende Naturerscheinung ist ein würdiger Abschluß unserer
Expedition nach dem Berge des Schweigens,« sprach Stiller zu seinen
Freunden, als das Polarlicht durch die inzwischen emporgestiegenen
helleuchtenden Monde des Mars mehr und mehr zurückgedrängt wurde.
»Ja, hier oben auf dem Mars ist alles lichtvoll, voll freundlicher Helle,
selbst die Nacht. Welch zauberhaft schöne Reflexe bringt das Licht der
Monde da unten hervor!«
Mit diesen Worten wies Piller hinunter auf den stillen Kratersee, auf
dessen Wasser die zitternden Strahlen der beiden Monde tausendfach
gebrochen tanzten. Es war, als ob mit Leuchtkraft begabte Wesen aus der
Tiefe des Berges emporgestiegen wären und nun an der Oberfläche des Wassers
ihr neckisches Spiel trieben.
Im Mondschein traten die drei wackeren Schwaben, um eine wertvolle
Marserinnerung reicher, einige Stunden später den Abstieg an, um vereint
mit ihren vier Kollegen wieder nach Lumata zurückzukehren.
Siebentes Kapitel
Der Abschied
Nach der Rückkehr aus dem Gebiete der Vergessenen begann Frommherz den
Verkehr mit seinen Gefährten mehr und mehr einzuschränken. Er nahm mit
ihnen allerdings noch die gemeinsamen Mahlzeiten ein, zog sich aber, sooft
es sich ohne Aufsehen machen ließ, von der Gesellschaft seiner Freunde
zurück. An den Abenden, die sonst der allgemeinen Unterhaltung und dem
Gedankenaustausch im schönen Heim von Lumata gewidmet waren, ging er für
sich allein spazieren und genoß in stillem Entzücken den eigenartigen
Zauber der Mondnächte. Und von hier oben sollte er fort, von diesem Eden,
und wieder hinunter auf die kalte Erde? An diesem Gedanken krankte
Frommherz förmlich. Die Herren waren viel zu sehr mit sich selbst
beschäftigt, um dem eigentümlichen Benehmen ihres Genossen allzugroße
Bedeutung beizulegen.
Durch Eran hatte Stiller dem Zentralsitze des Stammes der Weisen in Angola
mitteilen lassen, daß er und seine Gefährten sich endgültig entschlossen
hätten, nach der Erde zurückzukehren. Die Abreise beabsichtigten sie am
zweiten Jahrestage ihrer Landung auf dem Mars anzutreten.
Darauf war eine Einladung, wieder nach Angola zu kommen, als Antwort
eingetroffen. Ihr Empfang dort ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen
übrig. Eine Reihe glänzender Feste wurde zu ihren Ehren und als Feier des
bevorstehenden Abschiedes veranstaltet. Das Beste und Schönste, was die
darstellenden und bildenden Künste auf dem Mars zu leisten vermochten,
wurde bei diesen Festen den Erdensöhnen geboten. Aber die Schatten des
Abschiedes von dem wundervollen Planeten und seinen so idealen Bewohnern
begannen bereits auf den Herren Schwaben zu lagern und ließen sie das
Gebotene nicht mehr mit voller Freude genießen.