Anfangs waren die Tübinger Herren von ihren Ausflügen, dem Niederschreiben

ihrer täglichen Beobachtungen und gewonnenen neuen Eindrücke und dem

Erlernen der Sprache vollständig in Anspruch genommen. Aber nach und nach

begann in ihnen doch eine gewisse Sehnsucht nach dem alten, trauten, ihnen

zur zweiten Gewohnheit gewordenen Berufe zu erwachen, den sie mit so großem

Erfolge in ihrer Heimat ausgeübt hatten. An ernste, rege Tätigkeit gewöhnt,

kam ihnen das angenehme und ideal schöne Leben auf dem Mars mehr und mehr

wie eine Art Schlaraffentum vor. Die Mühseligkeiten der Herreise verblaßten

immer mehr in der Erinnerung, je länger sie sich auf dem Mars befanden.

Schon war ein ganzes Jahr vergangen, seit sie vom Cannstatter Wasen aus

ihre Marsfahrt angetreten hatten. Aber während unten auf der heimatlichen

Erde der Winter mit Schnee und Kälte vor der Türe stand, herrschte hier

oben in Lumata ein ewiger Frühling, obgleich die Marsiten die Jahreszeit,

in der sie sich gerade befanden, ebenfalls als die vorgerücktere

bezeichneten.

War es nur Zufall, daß die sieben Schwaben auch auf dem Mars in den

wichtigsten Einteilungen der Siebenzahl begegneten? Herr Stiller konnte

sich diese auffallende Tatsache nicht erklären und begnügte sich damit, sie

festgestellt zu haben.

Auf dem Mars wurde das Jahr in sieben Abschnitte geteilt, die die Tätigkeit

wie auch die Ruhe der Natur zum Ausdruck brachten. Nach Erdenmaß gerechnet

umfaßte ein solcher Zeitabschnitt die ungefähre Zahl von zweiundfünfzig

Tagen. Die einzelnen Perioden hießen:

1. Die Zeit des Erwachens.

2. Die Zeit der Saaten.

3. Die Zeit des Knospens und der Blüten.

4. Die Zeit der Früchte.

5. Die Zeit der Garben.

6. Die Zeit der Ernten oder Freuden.

7. Die Zeit der Ruhe.

Nach und nach hatten die Erdensöhne so bedeutende Fortschritte in der

Marssprache gemacht, daß sie nun auch gründliche Einblicke in die

staatliche Organisation des Marsvolkes tun konnten. Vor ihren Augen

enthüllte sich immer mehr ein großangelegtes, riesiges demokratisches

Gemeinwesen, das nicht auf die Gewalt gestützt war, sondern ausschließlich

durch den freien Willen des Volkes und durch das Band gemeinschaftlicher

Interessen zusammengehalten wurde. Jedes einzelne Individuum ordnete sich

hier dem Gemeinwohl unter und leistete ihm nach seinen Fähigkeiten Dienste.

So stellte sich das Staatswesen als eine zwar große, aber doch wieder

engverbundene Familie voll schönster Eintracht dar. An der Spitze des

gesamten Staatswesens stand der Stamm der Weisen oder der Hüter des

Gesetzes.

Die Bevölkerung des Mars schied sich in folgende sieben Stämme:

1. Stamm der Weisen oder der Hüter des Gesetzes.

2. Stamm der Heitern (Bildende Künste: Maler, Bildhauer, Komponisten).

3. Stamm der Ernsten (Gelehrte aller Richtungen).

4. Stamm der Frohmütigen (Darstellende Künste: Musiker, Schauspieler).

5. Stamm der Sorgenden (Acker- und Gartenbauer und Dienende).

6. Stamm der Flinken (Handel- und Verkehrtreibende).

7. Stamm der Findigen (Industrielle).

Die sechs letzten Stämme standen einander im Ansehen völlig gleich. Der

erste Stamm rekrutierte sich aus den erfahrensten, ältesten, vor allem aber

den geachtetsten und durch ihre Lebensführung hervorragenden Individuen

männlichen wie weiblichen Geschlechts der übrigen sechs Stämme.

Der größte Stamm, der an Zahl seiner Angehörigen alle andern Stämme

zusammen weit übertraf, war der der Sorgenden.

Die Zulassung zu den einzelnen Stämmen, den der Weisen allein ausgenommen,

wurde lediglich durch die Neigung und den Nachweis der Fähigkeit

entschieden. Ein Übertritt von dem einen Stamm in den andern konnte auf

Grund einer Prüfung jederzeit an einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden.

Fest gebunden war niemand, und gerade dieser völlige Mangel an Zwang schien

hier oben eine der Hauptursachen für die Entwicklung der verschiedenen

Berufsarten zu sein.

Ein natürlicher, vernünftiger Ehrgeiz, das Bestmögliche zu leisten,

beherrschte die Marsbewohner und hielt nicht nur das Streben des Einzelnen

wach, sondern regelte es auch in gesunder Weise.

Da auf dem Mars kein Geld in Umlauf war, so gab es auch nicht das

widerliche, Geist wie Körper gleichmäßig aufreibende Hasten und Jagen nach

dessen Besitz wie unten auf der Erde. Geldsorgen waren auf dem Mars

unbekannt. Die verschiedenartigsten Leistungen des einzelnen wurden durch

Anweisungen auf seine sämtlichen Lebensbedürfnisse aufgewogen. Zu diesen

Bedürfnissen wurde aber auch eine gewisse Summe von Lebensfreude gerechnet,

wie sie die bildenden und darstellenden Künste und dergl. zu bieten

vermögen.

Der höchste Ruhm und die größte Ehre bestand in der allgemeinen Anerkennung

und Wertschätzung. Diese konnte sich aber jeder durch treue Erfüllung

seiner Pflichten und Obliegenheiten erringen. Für die Leistungen, die über

die allgemeine Pflichtarbeit hinausgingen, also da, wo das wirkliche

Verdienst um das große Ganze beginnt, erhielten die Marsiten durch den

Stamm der Weisen Auszeichnungen in Form öffentlicher Belobungen, die den

Inhaber in vorgeschrittenerem Lebensalter zum Eintritt in diesen allgemein

hoch verehrten Stamm berechtigten.

Das gesamte Leben auf dem Mars war in seiner so eigenartigen Form nur

dadurch möglich, daß es unter dem ausschließlichen Zeichen des

Zusammenhalts stand. Der allgemeine Grundsatz, daß das einzelne Individuum

alles tun muß, was das Gesamtwohl fördert, alles zu unterlassen hat, was

dem Nebenmenschen Schaden und Schmerzen bereitet, war hier oben schon seit

undenklicher Zeit in die Praxis umgesetzt. Dabei wurde die Eigenliebe, ein

gesunder, berechtigter Egoismus, nicht vernichtet. Der natürliche

Selbsterhaltungstrieb des einzelnen wurde durch die einfache Erkenntnis

machtvoll gefördert, daß vom Wohl und Wehe des Nächsten auch das eigene

Wohl und Wehe abhänge, daß das Blühen und Gedeihen der andern das eigene

Blühen und Gedeihen mit einschließe, und daß ihr Elend gleichbedeutend mit

dem eigenen sei.

Diese klare, natürliche Moral, die zu reiner Nächstenliebe (Altruismus)

führt, und die jeden geistig normalen Menschen instinktiv das Gute tun und

das Schlechte meiden läßt, bestand in vollster Anwendung auf dem Mars. Die

Quelle aller Übel auf der Erde, die rohe Selbstsucht, die die Unsumme von

Gesetzesparagraphen nötig machte, bestand beim Marsvolke nicht.

Nächstenliebe, Wahrheit, ein gewisser Frohmut schlossen den niederen

Egoismus völlig aus.

Ein Bund von Brüdern und Schwestern schien das Volk hier oben zu sein,

wissend, wahr, frei und gut, das Ideal reinen Menschentums verwirklichend.

Wie klein kamen sich die Söhne der Erde vor, als sie nach und nach die

Pfeiler kennenlernten, auf denen das Staatswesen sowie das öffentliche und

private Leben der Marsiten so fest ruhte! Und diese festen Pfeiler waren

hervorgegangen, herausgebaut aus einer großartig organisierten, allgemeinen

und freien Schulung der Marsjugend. Die ideale Schule der Zukunft, von der

Professor Hämmerle in Tübingen so viel schon geträumt, -- hier auf dem Mars

begegnete er ihr als einer alten, bewährten Einrichtung.

Der leitende Grundsatz der Marsschulen war, die Jugend geistig und

körperlich gleich gut zu bilden; denn je gebildeter und körperlich

kräftiger zugleich ein Individuum ist, desto fähiger ist es, seine

Lebensaufgaben und seine Pflichten als Mitglied des Staates zu erfüllen.

Der Unterricht beschränkte sich daher nicht nur auf die einfacheren,

elementaren Kenntnisse, sondern er erstreckte sich auch auf die Geschichte

und die Kenntnis der Einrichtungen des Staatswesens, auf die Einführung in

die Gesetze der Natur und auf die Bekanntschaft mit den poetischen und

prosaischen Meisterwerken der Marsliteratur. Hand in Hand damit ging der

Unterricht in der allgemeinen Körperpflege und in der Gesundheitslehre, der

den Altersstufen der Jugend entsprechend angepaßt war.

Gymnastische Spiele aller Art füllten die Nachmittage aus, an denen der

Unterricht wegfiel. Am Ende einer bestimmten Schulzeit wurden Wettprüfungen

vorgenommen. Wer aus ihnen als Sieger hervorging, rückte zu den höheren

Unterrichtsklassen vor. Auf diese einfache Weise war eine klare Scheidung

zwischen den wirklich talentierten und den weniger begabten Schülern

durchgeführt. Den ersteren stand dann der Weg zu den Kunstschulen oder zu

den verschiedenartigen höheren wissenschaftlichen Lehranstalten offen. Die

höhere Bildung war Gemeingut des ganzen Volkes, und keine anmaßende

Mittelmäßigkeit konnte sich auf dem Mars breitmachen.

»Wir Erdgeborene sind die reinen Stümper gegen diese Prachtkerle hier oben.

Was für ein Leben hier im Verhältnis zu dem da unten auf der Erde! Hier

hellster Sonnenschein, dort trüber Nebel. Wie unendlich weit zurück steht

die so gepriesene Kultur unserer führenden Nationen gegen die des

Marsvolkes!« äußerte sich eines Tages Brummhuber, als die Herren gerade

beim Mahle saßen.

»Ich vermutete schon unten auf unserm Planeten, daß wir hier oben Wesen von

hoher Vollkommenheit antreffen würden, ich gestehe aber, daß meine

Erwartungen in jeder Richtung weit übertroffen worden sind,« antwortete

Stiller.

»Freilich, bieten können wir den Menschen hier nichts, aber auch rein gar

nichts. Und das drückt mich persönlich schwer,« warf Thudium ein.

»Was sollten wir ihnen auch bieten? Vielleicht von unserm Pessimismus, von

der widerlichen Selbstsucht, von der unser Leben vergiftenden Unwahrheit?

Alles Kennzeichen unserer Zivilisation!« rief in ehrlicher Entrüstung

Professor Piller.

»Sie haben recht, Piller, leider nur zu recht,« bestätigte Professor

Stiller. »Mars bietet entschieden heute schon das, was den Geschlechtern

auf der Erde vielleicht erst im Laufe der kommenden Jahrhunderte zuteil

werden wird.«

»Ob es wohl je dazu kommen wird?« seufzte Frommherz.

»Daran ist nicht zu zweifeln,« entgegnete Hämmerle. »Mars hat ohne Zweifel

einst dieselben oder wenigstens ähnliche Stufen in seiner zivilisatorischen

Entwicklung durchgemacht wie die Völker der Erde. Seine Kultur ist nur

bedeutend älter.«

»Jawohl, um Tausende und Abertausende von Jahren. Die Frage ist nur die, ob

wir überhaupt die Fähigkeit haben, bei der Entartung unserer Rassen -- ich

betone das Wort Entartung nochmals ganz besonders! -- die Höhe der

Marskultur zu erklimmen. Ich möchte es bezweifeln!« schrie Piller und

suchte seine zornige Erregung durch einen Schluck Wein zu besänftigen.

»Piller, Sie sind ja selbst Pessimist und ungerecht wie immer,« tadelte

Dubelmeier.

»Ich Pessimist? Und ungerecht? Was verstehen Sie denn darunter?«

»Darüber lasse ich mich mit Ihnen in keine Aussprache ein!«

»Oho! Also beleidigen wollen Sie mich, wie es scheint?«

»Fällt mir gar nicht ein; dazu sind Sie mir viel zu lieb und wert, Sie

alter Alkoholikus! Aber ungerecht und pessimistisch ist es meines

Erachtens, wenn Sie so schroff unsern Völkern auf der Erde die Fähigkeit

einer gesunden Weiterentwicklung absprechen.«

»Ich möchte Freund Dubelmeier beistimmen,« warf hier Stiller ein. »Piller,

nehmen Sie doch uns zum Beispiel als Modelle an!«

»Schöne Modelle, fürwahr!« brummte Piller, sichtlich besänftigt durch den

genommenen Schluck Wein.

»Freilich, Modelle von Erdensöhnen, wie ich ohne allzu große

Selbstüberhebung sagen darf; vertreten wir doch bis zu einem gewissen Grade

die Zukunft. Was wir heute auf dem Gebiete der allgemeinen Bildung und der

Entwicklung des moralischen Gefühles vertreten, wird später mehr und mehr

das Gemeingut der Massen der Kulturvölker auf unserer Erde.«

»Wer's glauben mag!«

»Es ist nicht allein mein Glaube, nein, es ist, auch meine felsenfeste

Überzeugung, gestützt auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit.«

»Stiller, ich will Ihnen nicht widersprechen, denn ich möchte mich nicht

noch mehr ärgern, sondern im Gegenteil froh darüber sein, daß ich hier oben

in dem reizenden Lumata sitzen darf.«

»Ein vernünftiger Ausspruch, der aller Ehren wert ist. Und nun Friede,

meine lieben Freunde!« rief Frommherz.

»Einverstanden!« fügte Brummhuber bei.

Einige Tage waren seit dieser Unterhaltung verflossen. Da erschien Eran,

der Patriarch aus dem Stamme der Alten, wieder einmal im Heim seiner Gäste

und lud die Herren ein, mit ihm für kurze Zeit nach Angola zu reisen.

Freudig stimmten die Herren bei. Diesmal wurden in Angola Schwabens würdige

Söhne von dem Stamme der Weisen förmlich empfangen. Vollzählig hatten sie

sich hier versammelt, um nebenbei auch noch über eine Reihe wichtiger

innerer Fragen zu entscheiden. Gleichzeitig tagte auch noch der Stamm der

Ernsten, um in einer Versammlung, wie sie von Zeit zu Zeit stattfand,

Gedanken und Beobachtungen wissenschaftlicher Art untereinander

auszutauschen.

Die Aufnahme der Erdensöhne in Angola ließ an Herzlichkeit nichts zu

wünschen übrig. Ihre so wunderbare und schnelle Fahrt von der Erde her

durch den ungeheuren Weltraum nach dem »Lichtentsprossenen«, wie die

Marsiten ihren schönen Planeten nannten, war begreiflicherweise zuerst der

Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung und des lebhaftesten Interesses.

Bei der ersten Sitzung des Stammes der Ernsten, die in einem großartig

ausgestatteten Saale eines Marmorpalastes stattfand, erklärte Professor

Stiller die verschiedenen Umstände, die ihn zur Konstruktion des

Weltenseglers und zu der kühnen, mit so großem Erfolge gekrönten Fahrt

bestimmt hätten. Er erzählte ihnen ferner von seiner engeren und weiteren

Heimat, von den Völkern Europas und von der Erde überhaupt. Letztere war

den Ernsten wohl bekannt. Die Begriffe, die sie sich von ihr dank ihren

außerordentlich scharfen Instrumenten und ihrer Vorstellungskraft zu machen

verstanden, kamen der Wirklichkeit verblüffend nahe. So wußten die

Marsgelehrten, daß das dritte Kind des Lichtes (als Kinder des Lichtes

bezeichneten die Marsiten alle Planeten), die Erde, Eismassen an ihren

Polen führe, die einen ansehnlichen Bruchteil des Meerwassers in feste

Bande geschlagen haben, und daß die Oberfläche der Erde von über siebzig

Prozent Meerwasser bedeckt sei. Auch daß die Erdatmosphäre reich an

Wasserdampf sein müsse, schlossen sie aus dem Verhältnis des Festlandes zu

den Meeren. Die Dichtigkeit der Erde war ihnen genau bekannt, ebenso ihr

Polar- und Äquatorialdurchmesser, ferner die Geschwindigkeit ihrer Bewegung

um sich selbst wie um das »ewige Licht«, die Sonne, und dergleichen mehr.

Ja, auch von den einzelnen Erdteilen hatten sie richtige Vorstellungen, und

diese gingen sogar so weit, daß sie eine Reihe einzelner größerer Länder

oder Gebiete zu unterscheiden vermochten. Um so weniger schwer war es daher

den gelehrten Fremden, die Marsiten gewissermaßen, auf der Erde

spazierenzuführen, von der sie bereits so achtungswerte Kenntnisse besaßen.

Und so entwarfen sie ihnen ein genaues Bild ihres Vaterlandes und

berichteten von dem Ort am Neckar, von dem sie nach dem Mars abgefahren

waren.

Allen diesen Schilderungen brachten die Weisen sowie die Ernsten das

lebhafteste Interesse entgegen. Dieses Interesse steigerte sich noch, als

sie vernahmen, daß die sieben Schwaben ebenfalls zu einer Art Stamm der

Ernsten unten auf der Erde gehörten. Die Herren wurden daher eingeladen,

vor der versammelten Elite der Marsiten ihre Berufsarten näher zu

beleuchten, das heißt die Zustände zu schildern, unter denen sie auf der

Erde und bei ihrem Volke ausgeübt würden. Gleichzeitig wurde der allgemeine

Wunsch ausgedrückt, die Fremden möchten ein genaues Bild von dem Leben und

Treiben der Bewohner der Erde entwerfen, das dann zu einem Vergleiche mit

den bestehenden Verhältnissen auf dem Mars herangezogen werden sollte.

Es wurde ausgemacht, daß jeder der Professoren an einem bestimmten Tage

abwechselnd zwei Vorträge halten solle, den einen fachlich und den andern

über das allgemein interessierende Thema der Erdbewohner und deren

kulturelle Zustände. Die Professoren entledigten sich ihrer Aufgabe in

meisterhafter Weise. Sie erzählten von dem derzeitigen Stande der

verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in den Kulturländern der Erde,

besonders in Deutschland, beleuchteten ehrlich und rückhaltlos offen die

politischen und sozialen Gegensätze unter den wenigen um die führende Rolle

im Leben der übrigen Völker kämpfenden Nationen. Sie schilderten all die

Mittel der List, der Gewalt und Verschlagenheit, die dabei angewendet

würden, und erklärten den Marsiten, was unten auf der Erde unter der

Bezeichnung »Diplomatie« alles verstanden werde.

Sie verschwiegen auch die trüben Erscheinungen nicht, die der mehr und mehr

sich zuspitzende Kampf um das Dasein, der Wettstreit bei der Beschaffung

der notwendigsten Lebensbedürfnisse für die große Mehrzahl der Menschen,

sowohl der einfachen als auch der gebildeten Erdbewohner, mit sich bringe.

Unumwunden räumten sie ein, daß dem Fortschrittsdrange der Kulturvölker

leider überall auf der Erde alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt

würden durch allerlei einengende Einrichtungen und kleinliche Bestimmungen,

daß die Massen der sogenannten gebildeten Völker trotz gewaltiger

Fortschritte in der Technik und in den Naturwissenschaften immer noch weit

entfernt von dem Ideale einer reinen Weltanschauung seien.

Letztere werde nur von einem verhältnismäßig kleinen Bruchteile der

wirklich Hochgebildeten vertreten, und auch diese kleine Schar der

Auserlesenen sei mit geringen Ausnahmen von der schwersten und schlimmsten

Krankheit der Zeit angesteckt: der Feigheit. Man wage unten auf der Erde

bei den Kulturnationen -- von den weniger zivilisierten Völkern ganz zu

schweigen -- nicht, offen und klar das zu sagen, was man denke, aus Furcht,

bei mächtigeren Personen anzustoßen und dadurch seine Existenz zu

gefährden. Die Empfindungen würden daher auch selten mit den Handlungen in

Einklang gebracht. Infolgedessen herrsche überall ein mehr oder weniger

großer Mangel an Mut und Ehrlichkeit der Überzeugung, und die aus der

Heuchelei geborene Lüge hindere den Sieg der Wahrheit und lasse immer noch

sehr viele auf die Dauer doch als völlig unhaltbar erkannte Einrichtungen,

ungesunde, unvernünftige, der reinen Weltanschauung und dem Volkswohle

geradezu feindlich gegenüberstehende Zustände weiter bestehen.

Mit freudigem Staunen hätten sie auf dem Mars Verhältnisse angetroffen, die

dem Ideal des Lebens und des reinen Menschentums, das sie sich gebildet,

und dessen Verwirklichung von den Besten der Nationen unten auf der Erde so

heiß angestrebt werde, in der schönsten Weise entsprächen.

In dieser Art äußerte sich mehr oder weniger jeder der Herren. Frommherz

fügte diesen Berichten noch einige Bemerkungen über die religiösen

Anschauungen und die kirchlichen Einrichtungen Deutschlands hinzu.

Voll Aufmerksamkeit hatten die Weisen und die Ernsten diese

Auseinandersetzungen der Erdensöhne angehört. Die wissenschaftlichen

Darlegungen der Fremden brachten den Marsiten nichts Neues, die sozialen

und übrigen Bilder, die ihnen von ihren Gästen so lebhaft vor Augen geführt

worden waren, hatten ihr Interesse am meisten erregt. Mit keinem Laute

waren die langen Vorträge unterbrochen worden.

Als Stiller den Schluß der Vorträge verkündet hatte, zogen sich die Weisen

und die Ernsten zu einer gemeinsamen Beratung zurück, von der die sieben

Schwaben ausgeschlossen waren. Das Ergebnis dieser Beratung aber sollte

ihnen später bekannt gegeben werden.

»Was die nur vorhaben?« fragte besorgt Frommherz.

»Nun, ich denke, sie werden scharfe Kritik an unsern Schilderungen üben,

wozu sie ja auch vollkommen berechtigt sind,« antwortete Stiller.

»Und uns dann den Laufpaß geben, passen Sie auf,« fügte Brummhuber bei.

»Dies zu tun, sind unsere Wirte viel zu anständig,« entgegnete Piller,

»obwohl ich nicht bestreiten will, daß die Marsiten zu einer Einladung,

unsere Abreise endlich einmal in den Kreis unserer Überlegung zu ziehen,

ein gewisses Recht hätten.«

»Warten wir ab, was kommt!« entschied Dubelmeier.

»Bleibt uns auch nichts anderes übrig,« seufzte Frommherz, der seiner

religiös-kirchlichen Darstellungen wegen ein etwas bedrücktes Gewissen

hatte.

Aber es war doch eine gewisse Unruhe, die die Erdensöhne beherrschte, als

sie miteinander durch die paradiesisch schönen Parkanlagen von Angola

spazierten, während die Beratung der Marsiten stattfand.

Am nächsten Tage, dem zehnten ihres Aufenthaltes in Angola, wurden die

Schwaben wiederum in feierlicher Weise in den großen Sitzungssaal geführt,

in dem sie ihre Vorträge gehalten hatten. Der Älteste unter den Alten, eine

Hüne von Gestalt, Anan mit Namen, erhob sich und begrüßte zunächst wieder

in herzlichen Worten die Eingeführten.

»Meine lieben Freunde!« sprach er weiter zu ihnen. »Wir alle haben gestern

mit lebhaftester Teilnahme eure Schilderungen vernommen, die ihr von den

allgemeinen und besonderen Verhältnissen eures Weltkörpers entworfen habt.

Diese Schilderungen haben in uns merkwürdige Gefühle und Empfindungen

ausgelöst, so daß wir uns über sie zuerst in aller Ruhe klar werden

wollten, bevor wir euch mit unserem schuldigen Danke zugleich auch eine

Antwort auf das Gehörte geben. Dies war der Grund, warum wir uns zu einer

Beratung unter uns zurückgezogen haben. Vor allem danken wir euch für die

anerkennenswerte Offenheit, mit der ihr uns das Leben eurer Kulturvölker

geschildert habt. Uns muteten eure Berichte im ersten Augenblicke wie

Märchen an. Wir würden sie auch als solche auffassen, wären wir nicht von

dem Ernste eurer Lebensauffassung, von eurer Rechtschaffenheit und

Ehrlichkeit vollkommen überzeugt. Nicht vergeblich haben wir euer Leben in

Lumata beobachtet. Das Ergebnis dieser Beobachtung war unsere Einladung

hieher, das Zeichen unserer Achtung und unseres Vertrauens. Und nun wende

ich mich zu euren Auseinandersetzungen. Umsonst haben wir in der Geschichte

unserer Vergangenheit geblättert; solch barbarische, von der Unwahrheit

beherrschte Zustände im Leben der einzelnen wie der Völker, wie sie bei

euch noch bestehen, haben wir in diesem Umfange glücklicherweise nie

gekannt. Gewiß, es fehlte auch uns nicht an inneren Kämpfen, an schweren

Enttäuschungen aller Art, bis wir uns endlich im Laufe der Zeit zu den

Lebensverhältnissen und Lebensauffassungen durchgerungen haben, die ihr bei

uns heute bewundert. Aber unsere Entwicklung vollzog sich weniger mühselig,

weniger schmerzhaft als die eure. Schon vor Urzeiten hatte sich bei uns in

der breiten Masse des Volkes die Erkenntnis durchgerungen, daß unsere erste

Aufgabe unsere Erhebung, nicht aber das Verharren in unserer Niedrigkeit

sei, aus der wir hervorgegangen sind. Diese unsere Erhebung und Entwicklung

zur reinen Freiheit konnte nur durch eine vernünftige, naturgemäße

Aufklärung kommen, die uns für das hehre Licht der Wahrheit empfänglich

machte.

Ihr, liebe Freunde, habt während eures längeren Aufenthaltes bei uns nach

und nach die Wege kennengelernt, die wir eingeschlagen haben, um dieses

hohe Ziel zu erreichen, Wege, die wir, weil sie sich bewährt haben, auch

heute noch wandeln und fernerhin wandeln werden. Darüber will ich kein Wort

mehr verlieren. Gerne wollen wir auch zugeben, daß wir es mit unserem

Entwicklungsgange ungleich leichter gehabt haben, als ihr es in dieser

Beziehung unten auf der Erde noch habt. Hier bei uns haben wir ein ziemlich

gleichmäßiges, in Sprache, Denken und Empfinden übereinstimmendes Volk,

während dies auf eurem Planeten nicht der Fall ist. Wir konnten uns daher

mit viel weniger Schwierigkeiten und ohne den von euch geschilderten

furchtbaren Massenmord, Krieg genannt, zu der Höhe unserer Kultur erheben,

die eurem Ideale nahe kommt. Wir hatten also diese entsetzlichen

Verwirrungen nicht zu überwinden, die eurem Glücke und Fortschritte so

fürchterlich hemmend entgegentraten und noch drohend entgegenstehen.

Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars. · 第 6 / 10 段