»Richtig, die scheinen hier oben ein geringeres spezifisches Gewicht zu

haben als unten bei uns. Nun begreife ich, warum diese Leute die Lasten so

leicht zu heben vermögen. Woher das wohl kommen mag? Wissen Sie vielleicht

die Ursache, Stiller?«

»Der Grund dieser Erscheinung liegt meines Erachtens in der Dichtigkeit des

Mars, die nur o,7 von der der Erde beträgt,« antwortete Herr Stiller.

»Nun geht mir auch ein Licht auf, warum mir heute bei unserm Mahle die

Pokale, unsere Silbergeräte überhaupt, so eigentümlich leicht vorkamen,«

fügte Thudium bei. »Ich hatte aber keine Zeit, über diese auffallende

Erscheinung nachzudenken, denn die Musik nahm mich zu sehr gefangen.«

»So ging es auch mir,« bestätigte Stiller.

»Und wie steht es mit der Dichtigkeit der Marsatmosphäre?« forschte

Frommherz. »In dieser Beziehung finde ich keinen Unterschied gegenüber

unserer Heimatluft im Sommer. Im Gegenteil, ich atme leichter, freudiger

hier oben als unten.«

»Der Luftkreis, der diesen Planeten umgibt, ist von bedeutend geringerer

Höhe als der unserer Erde. Denken Sie sich bei uns auf einen Berg von

mäßiger Höhe gestellt, so wird die etwas dünnere Luft dort ungefähr der

hier entsprechen. Unsere Erdbarometer sind leider nicht für den Mars so

verwendbar, daß wir zu ganz sichern Vergleichen und Schlüssen kommen

könnten,« entgegnete Stiller.

»Sei dem wie ihm wolle! Aus Ihren Worten kann ich mir auch ganz ungezwungen

die wunderbare Entwicklung des Brustkorbes unserer Marsfreunde erklären:

Anpassung der Lungen an die äußeren Lebensbedingungen. So werden sich auch

in derselben einfachen Weise andere Eigentümlichkeiten der Marsleute

erklären lassen, die uns noch da und dort entgegentreten werden,« erwiderte

Piller, sich in Marsch setzend, während die übrigen Herren seinem Beispiele

folgten.

»Übrigens, meine Freunde, haben Sie noch nicht die auffallend schönen Augen

unserer Marsmenschen bewundert?« fragte Piller im Weiterschreiten.

»Ihre Größe und ihr schöner Glanz stechen allerdings stark gegen Größe und

Glanz der unsern ab. Ein merkwürdiges Leuchten geht aus diesen Spiegeln der

Seele bei unsern Marsleuten hervor.«

»Ganz richtig beobachtet, Stiller! Das satte Blau der Iris habe ich in

dieser vollendeten Schönheit früher noch niemals gesehen. Es ist die

Idealfarbe des edeln Auges. Und dieses lockige, reiche Haar! Wahre Zeus-

und Junogestalten! Frommherz hatte heute recht mit seinem Vergleiche.«

»Nicht wahr?« rief dieser erfreut über Pillers laute Anerkennung.

»Körperlich wie geistig gleich hochstehende Menschen scheinen mir die

Marsbewohner zu sein.«

»Für diese Gegend wenigstens scheint Ihr Urteil zu stimmen nach dem, was

wir heute erfahren haben,« erwiderte Stiller.

Da die Sonne untergegangen war, so beschlossen die Herren aus dem

Schwabenlande, für heute den Spaziergang zu beenden und in ihr Heim

zurückzukehren. Dort wollten sie den Besuch des würdigen Greises erwarten,

um von ihm auf die Sternwarte geführt zu werden. Sie befanden sich noch

unterwegs, als die Nacht ihre dunklen Schwingen über die Landschaft

auszubreiten begann. Im Osten wurde es hell und heller. Der Mond tauchte

auf und warf sein klares Licht auf die stille, friedvolle Gegend.

»Das ist der große Marsmond, Deimos genannt, der uns da leuchtet,« erklärte

Professor Stiller seinen Gefährten. »Wenige Augenblicke nur, und Sie werden

den zweiten Trabanten des Mars sehen, mit dem wir, wenn auch

glücklicherweise höchst oberflächlich, letzte Nacht in peinliche Berührung

gekommen sind.«

Richtig, da kam auch der kleine Phobos über den Horizont gestiegen.

»Welch prachtvolles Schauspiel!« rief voll Entzücken Stiller. »Wahrlich,

die Marsbewohner brauchen keine künstliche Beleuchtung ihrer Nächte! Sie

haben nicht nur jede Nacht vollen Mondschein, sondern sie besitzen auch

gleich zwei Himmelsleuchten.«

»Ein merkwürdiger Weltkörper, dieser Mars, fürwahr!« entgegnete Piller,

einen Augenblick stehen bleibend und die beiden Monde betrachtend, deren

fast taghelles Licht eigenartige, reizvolle Schattenbilder hervorbrachte.

»Ein lebendig gewordenes Märchen. Das wäre wieder ein neuer Anlaß für Sie

zu trinken, Piller,« spottete Dubelmeier.

»Warum denn nicht, alter Freund, warum denn nicht? Es scheint mir aber nach

dem, was wir heute schon erlebt haben, auf dem Mars so viel

Bewunderungswürdiges zu geben, daß die Anlässe zum Trinken sich denn doch

zu bedenklich mehren dürften. Mein Wahlspruch aber ist gleich dem des alten

griechischen Weisen: Nichts zuviel!«

Dubelmeier lachte laut auf.

»Lachen Sie nicht so töricht, altes Wasserhuhn, und folgen Sie selbst

lieber diesem Beispiele in Ihrer übertriebenen Wassertrinkerei! Das rate

ich Ihnen schon vom Standpunkte der modernen Heilkunde aus.«

»Die Monde kommen mir hier oben bedeutend größer vor als z. B. unten unser

Trabant,« bemerkte Frommherz, die eingetretene Stille unterbrechend.

»Nur Täuschung, mein Lieber!« erklärte Stiller. »Die Monde des Mars sind

beträchtlich kleiner als der Mond unserer Erde, sie sind aber bedeutend

näher am Hauptplaneten, als dies bei unserm Monde der Fall ist. Phobos hier

ist vom Mars nur etwas über 9000 Kilometer, der große Deimos nicht mehr als

etwa 23500 Kilometer entfernt. Daher kommt es, daß diese Trabanten des Mars

so übermäßig groß erscheinen.«

Unter diesen Gesprächen gelangten die Herren vor ihr stattliches Heim. Dort

erwartete sie bereits ihr aufmerksamer Gastgeber, der ihnen heute schon so

viel Gutes erwiesen hatte. Im Mondschein erschien den Herren die hohe

Gestalt des Alten womöglich noch feierlicher als im Lichte des Tages, das

lange, wallende weiße Haar noch silberner, glänzender.

»Sieht er nicht aus wie ein Patriarch aus der alten jüdischen Zeit, in der

Sittenreinheit und Einfachheit des Volkes herrlichste Tugenden waren?«

fragte Professor Stiller leise seinen Kollegen Frommherz.

»Wahrhaftig, Sie haben recht!« entgegnete dieser. »Nennen wir unsern Alten,

dessen Namen uns noch unbekannt ist, einfach Patriarch. Diese Bezeichnung

paßt prächtig auf ihn, hat er uns doch heute unter seinen väterlich milden

Schutz genommen.«

Nach einer kurzen, stummen Begrüßung geleitete der Alte die Erdensöhne nach

dem mit einem Kuppelbau versehenen Hause. Der Weg dahin führte durch eine

Art von Wald voll großer wohlgepflegter Bäume, auf deren dunkelgrünen,

glänzenden Blättern die zitternden Strahlen der Monde ihr neckisches Spiel

trieben. Millionen von Leuchtkäfern schwirrten in der weichen Nachtluft

unter den Bäumen, und das bläulich schillernde Licht der lautlos

dahinhuschenden Tiere machte den Eindruck kleiner, in rascher Bewegung

begriffener Sternchen. Muntere Bächlein, über die zierliche Brücken

führten, kreuzten oft den Weg.

Der eigenartig schöne Weg hatte ungefähr eine Stunde Zeit in Anspruch

genommen. Das in Form eines Rundbaus angelegte Gebäude trug in seinem

Erdgeschoß eine Reihe von Büsten auf roten Marmorsockeln. Sie schienen die

Männer darzustellen, die hier am Observatorium gewirkt hatten. Breite

Stufen führten in den eigentlichen Beobachtungsraum hinauf, in dem einige

Männer bereits an ihrer stillen Arbeit saßen. Der Patriarch mußte mit ihnen

bereits Rücksprache genommen haben, denn sie erhoben sich sofort beim

Eintritt der Fremden und luden diese durch freundliche Handbewegung ein,

ihre Plätze einzunehmen.

Stiller war von der gediegenen Pracht und Großartigkeit der gesamten

Einrichtung überrascht. Wie gering erschien ihm dagegen seine Sternwarte da

unten auf Stuttgarts Bopserhöhe! Er trat auf eines der Riesenteleskope zu,

prüfte es kurz und gestand sich, daß dessen Linsen an Schärfe nichts zu

wünschen übrig ließen, ja sogar alles übertrafen, was er in dieser

Beziehung überhaupt bis jetzt kennengelernt hatte. Welch eine Summe von

Intelligenz mußte auf dem Mars vorhanden sein, die so feine, auf genauester

wissenschaftlicher Berechnung beruhende optische Arbeit auszuführen

ermöglichte!

Der Professor betrachtete aufmerksam den Himmel. Da und dort flammten

Sternbilder und einzelne Sterne auf, die ihm bekannt waren. Ein auffallend

großer, rotleuchtender Stern stand tief im Westen und erregte die vollste

Aufmerksamkeit des Gelehrten. Es konnte nur ein Planet sein, der da

funkelnd im unermeßlichen Weltraum hing, und möglicherweise war es der

auffallenden Nähe wegen gar die Erde. Das Riesenfernrohr wurde daraufhin

sorgfältig eingestellt. Die Vermutung Professor Stillers war richtig. Dank

den unübertrefflich scharfen Linsen und der Reinheit der Marsatmosphäre

erkannte er deutlich die Mutter Erde. Gut konnte er auf ihr die

verschiedenen Meere und Kontinente unterscheiden. Vom Nordpol abwärts

ließen sich sogar die Umrisse der einzelnen Länder gegen das Eismeer sowie

gegen den Atlantischen Ozean hin feststellen, und das da, -- ja, jetzt

hatte er es -- was sich jetzt zeigte, im Fernrohr scharf abzeichnete, mußte

die Heimat, mußte dem ganzen Aussehen nach Deutschland sein.

Voll freudiger Aufregung teilte Stiller seinen Gefährten die gemachte

Beobachtung mit und lud sie ein, einen Blick auf das ferne teure Vaterland

hinunterzuwerfen. Einer nach dem andern folgte dieser Aufforderung.

»Unglaublich, aber wahr! Diese Fernsicht ist wirklich einzig in ihrer Art!

Zum ersten Male sehen wir aus weiter, weiter Ferne die Erde und die

Heimat,« rief Hämmerle begeistert.

»Die Großartigkeit dieses Bildes wirkt geradezu feierlich,« äußerte

Thudium.

»So ist es auch,« bestätigte Piller.

Die Astronomen vom Mars und der Patriarch, warfen nun ebenfalls

nacheinander einen Blick durch das Teleskop. Sie wußten ja schon, woher die

sonderbaren Fremden heute früh gekommen waren, und konnten aus ihrer

Aufregung bei der Beobachtung eines bestimmten Teiles des fernen Gestirnes

leicht schließen, daß dieser Teil, der sich augenblicklich im Gesichtsfelde

des Fernrohres befand, die engere Heimat ihrer Gäste sein müsse.

»Es ist jammerschade, daß wir uns mit den Kollegen hier nicht unterhalten

können! Welch interessanter, gewinnbringender Meinungsaustausch käme dabei

heraus!« sprach Stiller zu seinen Gefährten, als sie nach stummem Abschiede

das Observatorium verließen.

»Wir müssen in erster Linie so rasch wie möglich die Sprache der

Marsbewohner erlernen. Ihre Kenntnis ist die unumgängliche Voraussetzung

für unsere Forscherzwecke,« antwortete Hämmerle.

»Wahr gesprochen, Meister der Sprachforschung!« erwiderte Piller, und auch

die andern Herren nickten zustimmend mit dem Kopfe.

Die beiden Trabanten des Mars standen nun als volle Monde am Himmel, als

die Herren heimwärts schritten. Gewaltigen, übereinandergestellten

Leuchtkugeln gleich, hingen sie oben am Himmel und warfen ihr

silberglänzendes Licht über die stille Landschaft. Während Phobos, der

innere, kleinere Mond, sich in rascher Bewegung von West nach Ost befand,

zog der große, äußere Deimos, weniger hastend als sein Gefährte, auf

stiller Bahn den umgekehrten Weg. Es war ein Anblick, so wunderbar und

einzig in seiner Art, daß die Erdensöhne in lautes Entzücken über diese

bezaubernde Mondnacht ausbrachen. Langsam schlenderten sie nach Hause und

genossen in vollen Zügen die Wunder einer Marsnacht.

Fünftes Kapitel

Lumata und Angola

Die folgenden Wochen verflossen für die Gäste des Patriarchen in angenehmem

Verkehr mit diesem selbst und den Bewohnern der Marskolonie. Die Fremden

waren aufs eifrigste bestrebt, sich mit ihren neuen Freunden sprachlich zu

verständigen. Sie schrieben zunächst alle Bezeichnungen für die

verschiedensten Dinge nieder, wie sie eben ihr Ohr vernahm. Hierauf

brachten sie die Dinge mit ihrer Tätigkeit und ihren Eigenschaften in

Verbindung und erhielten so auf diese einfache Weise nach und nach den

Schlüssel zur Sprache selbst. Ging auch die Verständigung anfänglich sehr

langsam und mühsam von statten, so gewährte ihnen doch das allmähliche

Begreifen der klangvollen Sprache viel Freude und lohnte ihnen dadurch die

große Mühe wieder, die sie für ihr Studium aufwenden mußten.

Alles geht in der Welt der Menschen nur schrittweise vorwärts; nirgends

marschiert der wahre Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln. Die Wahrheit

dieses Satzes erfuhren die sieben gelehrten Schwaben nicht nur an sich

selbst bei ihren Studien, sondern konnten sie auch bei den Marsbewohnern

beobachten. Waren sie auch erst kurze Zeit da und in ihren Bewegungen auf

einen verhältnismäßig kleinen Raum beschränkt gewesen, so konnten sie sich

doch unschwer davon überzeugen, daß die Bewohner des Mars eine ganz

bedeutende Höhe in der Kultur erreicht hatten, die nur das Ergebnis einer

jahrtausendelangen geistigen Entwicklung sein konnte.

In dem Maße, wie die Herren im Verstehen ihrer Umgebung vorwärts schritten,

wuchs auch ihre Bewunderung und Wertschätzung dieser in jeder Beziehung so

hochstehenden Menschen. Immer mehr drängte sich ihnen die Überzeugung auf,

daß die Masse der Marsbewohner, wenigstens die, deren Gäste sie waren, in

idealster Weise als Menschen das erfüllte, was auf der Erde nur die Besten

und Edelsten, also immer nur vereinzelte Individuen, leisteten.

Was sie selbst vom Schönen, Wahren und Guten unten auf der Erde geträumt

hatten, hier oben fanden sie alles in die Wirklichkeit umgesetzt; denn

überall und in allem offenbarte sich ihnen die wunderbarste Harmonie, alles

atmete Schönheit, Güte und Wahrhaftigkeit, und das ganze Leben trug den

Stempel vornehmer, ruhiger Tätigkeit. Zweifellos mußte eine weise Regierung

dieses große Staatswesen leiten, obwohl die Herren von Behörden, wie sie

sich unten in der Heimat breit machten, hier oben nicht das geringste

wahrnahmen.

Ob dieses Lebensbild voll Licht und Schönheit wohl auch seine Schatten,

seine dunkle Seite hatte? Diese Frage wurde von den Herren am Abend bei der

gemeinsamen Unterhaltung im großen Bibliotheksaale ihres Heims wiederholt

aufgeworfen. Ihre endgültige Beantwortung mußte aber immer wieder

verschoben werden, denn die Meinungen liefen schließlich stets darauf

hinaus, daß man erst die Sprache vollständig beherrschen müsse, bevor man

sich ein abschließendes Urteil bilden könne. Hier oben auf dem Mars lag

eben alles anders als auf der Erde.

Die sieben Schwaben fühlten sich in ihrem neuen Wohnorte außerordentlich

wohl, so wohl, daß sie an die Möglichkeit einer Rückkehr gar nicht mehr zu

denken schienen. Wenigstens äußerte sich keiner der Herren mehr darüber.

Von den Marsiten, wie sie die Marsbewohner nannten, wurden sie wie liebe,

alte Freunde, ganz wie ihresgleichen behandelt, und die Gastfreundschaft

wurde ihnen gegenüber in so zartfühlender Weise geübt, daß sie die

Empfindung von etwas Drückendem gar nicht aufkommen ließ, im Gegenteil zu

frohem Genusse förmlich einlud.

Auch der Weltensegler hatte unterdessen zweckmäßige Unterkunft gefunden.

Eine geräumige, mit Glas bedeckte, aus Eisen luftig konstruierte Halle war

in aller Stille auf der Wiese errichtet worden, auf der das Luftschiff

niedergegangen war. In dieser Halle war das Fahrzeug untergebracht worden.

Die verschiedenen großen und kleinen Schäden am Ballon wie an der Gondel

hatten die Marsiten in so meisterhafter Weise ausgebessert, daß Herr

Stiller zuerst sprachlos vor Erstaunen darüber war. Die Leute hier oben

kamen ihm in ihrer Geschicklichkeit und Erfahrung in den schwierigsten

Dingen der Aeronautik wie Zauberer vor. Wenn schon die Techniker auf dem

Mars so viel Wissen und Können offenbarten, wie es die schwierigen

Reparaturen des Weltenseglers erforderten, um wieviel verblüffender mußten

die Ergebnisse der forschenden Wissenschaft sein! Wie viel konnten sie

selbst hier noch lernen! Diese Aussicht enthielt so viel Verführerisches,

daß Stiller kaum die Zeit erwarten konnte, die ihm und seinen Gefährten den

näheren Verkehr mit den Männern der Wissenschaft, mit ihren Marskollegen,

bringen sollte.

Die Frage, wie sie die ihnen erwiesene Gastfreundschaft ausgleichen

könnten, beschäftigte Schwabens Söhne oft; denn das war den Herren klar,

daß sie sie auf die Dauer nicht ohne Gegenleistung genießen durften. Sie

beschlossen daher, sich später in irgendeiner Weise, jeder nach seinem

Berufe, den Marsiten nützlich zu machen, ihre dankbare Anerkennung in einer

passenden Form zum Ausdruck zu bringen. Das einstweilen noch unklare Wie

würde sich möglicherweise eines Tages von selbst ergeben.

Die Zeit verging. Sie brachte ihnen mancherlei weitere Erfahrungen und

Einblicke in die eigenartig neue Welt, die sie umgab. Zunächst konnten sie

feststellen, daß ihr Wohnort auf der nördlichen Halbkugel des Mars lag, und

zwar auf dem fünfzehnten Breitengrade. Da der eigentliche Tropengürtel des

Mars gegenüber dem der Erde nur die Hälfte beträgt, so lag der fünfzehnte

Grad nördlicher Breite hier bereits in der subtropischen Zone. Die

gemäßigte Zone des Mars reichte nördlich wie südlich nur bis zum

fünfunddreißigsten Breitengrade. Über diesen Grad hinaus begann die kühle

Region. Während diese nur spärlich und nur von einer bestimmten Klasse von

Marsbewohnern bevölkert war, wie den Gelehrten mitgeteilt wurde, lebte die

Hauptmasse der Marsiten innerhalb der fünfunddreißig Breitengrade nördlich

und südlich vom Äquator. Es war also ein verhältnismäßig kleiner Raum des

Planeten, der bewohnt und wirklich kultiviert wurde, er genügte aber

vollständig, um der auf nur zweihundertundfünfzig Millionen geschätzten

Bewohnerzahl des Mars eine gute Existenz zu gewähren.

Daß diese Existenz an die Riesenkanäle gebunden sein müsse, hatten die von

Professor Stiller und andern Forschern schon früher angestellten

Marsbeobachtungen vermuten lassen. Diese Vermutungen wurden jetzt zur

Gewißheit, als Professor Stiller in der Lage war, die elementarsten

Lebensbedingungen des Mars persönlich zu erforschen.

Die Atmosphäre des Mars war der der Erde ähnlich. Da es aber auf dem Mars

nur kleinere Ozeane und Binnenmeere gab, so enthielt der Luftkreis, der

diesen Planeten umschloß, im allgemeinen weniger Wasserdampf oder

Feuchtigkeit als die Erdatmosphäre. Eine wunderbar klare, durchsichtige

Luft, die die fernsten Gegenstände nähergerückt erscheinen ließ, ein tief

dunkelblauer Himmel waren die natürlichen Folgen dieser Tatsache,

gleichzeitig aber auch ein gewisser Mangel an starkem Regen. Wohl taute es

in den herrlich kühlen Nächten so reichlich, daß dadurch die Pflanzenwelt

in schönster Frische erhalten wurde, aber dieser Niederschlag allein

genügte nicht den Ansprüchen der Pflanzen an Wasser. So waren die

Marsbewohner im Kampfe um ihre Existenz gezwungen, diesen natürlichen

Mangel durch die Kunst auszugleichen. Auf diese Weise entstanden die

Kanäle, die sich bis zu den polaren Zonen hinzogen und von diesen das im

Sommer abschmelzende Wasser der dort abgelagerten gewaltigen Eismassen nach

allen Richtungen hin leiteten.

Schon die ganze großartige Ausführung dieser uralten, Tausende von

Kilometer langen Wasserstraßen, die da und dort in Riesenseen, künstlichen

Zentralsammelbecken, zusammenflossen, die Art und Weise ihrer sorgfältigen

Instandhaltung zeigte allein schon den hohen Grad von Intelligenz und den

Gemeinsinn der Marsbewohner.

Die Regelung des Wasserstands war genau dem Bedarf und der Jahreszeit

angepaßt. Dank dieser Einrichtung und der Unmasse kleiner Wasseradern, die

sich überallhin abzweigten, herrschte nie Wassermangel auf dem Mars. Die

Folge davon war jener üppige, prachtvolle Pflanzenwuchs, den die Schwaben

immer und immer wieder bewundern mußten. Dazu kam das völlige Fehlen wilder

Tiere, giftiger Reptile und gefährlicher Insekten. Es war ein Eldorado, in

das die Erdensöhne geraten waren, und auf das die Worte Homers trefflich

paßten:

»Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfließt:

Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strömender Regen,

Sondern der Ozean sendet empor zur Erquickung der Menschen

Immer den luftigen Hauch des frisch hinwehenden Zephyrs.«

Und diese zahlreichen Wasserstraßen waren zugleich auch die besten und

einfachsten Verbindungswege der Marsbewohner untereinander. Kein Wunder

daher, daß sich auf den Kanälen ein lebhafter Schiffsverkehr abwickelte.

Aber die auf den klaren Fluten der tiefen Wasserläufe dahinziehenden

Schiffe verdarben die köstliche Luft nicht durch qualmende Schornsteine.

Sämtliche Fahrzeuge, mochten sie nun für Personen- oder Lastenbeförderung

bestimmt sein, wurden durch Elektrizität in Bewegung gesetzt und

vermittelten den Verkehr in ruhiger und rascher Weise.

Auf diesen ebenso zweckmäßig wie bequem und gefällig eingerichteten

Fahrzeugen hatten die sieben Schwaben schon so manche weite Reise

ausgeführt. Sie hatten dabei aber das übrige Land und seine Bewohner nur

flüchtig kennengelernt, weil diese Fahrten eben hauptsächlich zur

allgemeinen Orientierung unternommen worden waren. Was sie aber sahen, das

verstärkte nur ihre ersten guten Eindrücke und befestigte ihre Überzeugung,

sich in einem großangelegten Staatswesen von tadelloser Verwaltung zu

befinden. Nicht nur waren die Marsbewohner trotz der Verschiedenheit der

Zonen überall gleichartig, d. h. sie sprachen dieselbe Sprache und schienen

auch unter ähnlichen sozialen Lebensbedingungen zu stehen wie ihre Brüder

in Lumata, -- so hieß die Kolonie, in der die Herren aus dem Schwabenlande

angesiedelt waren, -- sondern an all den vielen verschiedenen Orten, die

die Fremden besuchten, fiel diesen auch eine gewisse Gleichmäßigkeit des

Besitzes auf, und sie empfanden das völlige Fehlen wirklicher Dürftigkeit

oder Armut sehr angenehm.

Die geologische Beschaffenheit des Mars glich der der Erde. Den

kristallinischen Massengesteinen standen die Sedimentformationen gegenüber,

die in ähnlicher Weise übereinander gelagert waren wie auf der Erde. Die

geologische Entwicklungsgeschichte des Mars schien also mit der Erde

übereinzustimmen, nur hatte der Mars seine Entwicklungsphasen offenbar

schneller und früher durchgemacht als diese. Dafür sprach auch das Fehlen

von aktiven Vulkanen. Dagegen war der Mars reich an heißen Quellen aller

Art; an Fumarolen (d. h. Bodenöffnungen auf vulkanischem Gesteine, aus

denen Wasserdämpfe ausströmen, die oft mit chemischen Verbindungen beladen

sind) und an Mofetten (Kohlensäure ausströmenden Gasquellen) war auch kein

Mangel.

Große Städte, wie sie in den sogenannten Kulturstaaten der Erde zu finden

sind, gab es auf dem Mars nicht. Es bestanden lediglich kleinere oder

größere Gruppierungen von Häusern, die aber überall frei für sich im Grünen

lagen. Nur an einem großen See, zwei Tagereisen von Lumata nach Süden zu,

hatten die Schwaben den einzigen Anklang an eine Stadt gefunden. Dort war

eine größere Kolonie mit zahlreichen architektonisch hervorragenden Bauten,

die sich an regelmäßig angelegten Straßenzügen erhoben. Eine Stadt von

Palästen, wirkte sie namentlich durch die vornehme Ruhe, die in ihr

herrschte, durch ihre peinliche Sauberkeit und den Glanz und die Pracht

ihrer öffentlichen Gärten.

Die Erdensöhne konnten mit ihren noch mangelhaften Sprachkenntnissen nur so

viel herausbekommen, daß dieser Ort, Angola mit Namen, der Zentralsitz der

Stämme der Weisen, der Heitern und der Ernsten sei. Was waren aber das für

Stämme? Nach Hause zurückgekehrt, befragten sie hierüber Eran, den

Patriarchen. Dieser lächelte eigentümlich bei der Frage und erwiderte den

neugierigen Herren, daß er sie später selbst einmal nach Angola führen

werde, um sie mit seinen Brüdern dort bekannt zu machen, die übrigens von

ihrer Anwesenheit in Lumata sowie von ihrer Herkunft und ihrer Reise nach

dem Mars längst unterrichtet seien.

Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars. · 第 5 / 10 段