Ein älterer Mann von achtunggebietender Gestalt, mit weißem Haar und Bart,

ohne jegliche Kopfbedeckung, durchbrach die Reihe seiner Gefährten und

schritt stolz auf die sieben Schwaben zu. Gekleidet war der Alte wie seine

übrigen Genossen. Ein blusenartiges, schneeweißes Hemd aus feinster Wolle

mit purpurfarbenem Besatze hüllte den hohen, edlen Körper ein. Um die

Hüften war es durch ein breites Band von purpurner Farbe gehalten. An den

nackten Füßen trug er Sandalen aus feinem, gelbem Leder. Voll Ehrfurcht

machten ihm seine Gefährten Platz, und die Herren aus dem Schwabenlande

erkannten daraus sofort, daß ihnen in dem Alten ein Mann von hoher sozialer

Stellung entgegentrat.

Sie entblößten nun als Zeichen der Hochachtung das Haupt und erwarteten

voll Spannung die weitere Entwicklung der Szene. Der Alte ließ zuerst seine

Blicke über den Weltensegler gleiten, dann richteten sich seine klaren,

dunkelblauen Augen, aus denen ebensoviel Geist als Herzensgüte sprach, auf

die sieben Fremden, die er in einer harmonischen Sprache anredete, wobei er

hin und wieder auf das mächtige Luftschiff deutete und schließlich ihnen

durch eine freundliche Gebärde zu verstehen gab, ihm zu folgen.

Die Herren zogen nun mit dem Alten als Führer an der Spitze von dannen.

Ihnen schlossen sich in ruhiger, würdevoller Haltung die Marsbewohner an,

die beim Niedergange des Weltenseglers so bereitwillig hilfreiche Hand

geleistet hatten. Den Professoren schien es, als ob ein Märchen aus Tausend

und einer Nacht lebendig geworden wäre. Sie konnten sich nicht satt sehen

an all dem Schönen und Eigenartigen, das ihnen hier auf Schritt und Tritt

begegnete. Von der Wiese kamen sie auf einen mit feinem, weißem Sande

bestreuten, mit prächtigen, früchtebehangenen Bäumen eingefaßten schattigen

Pfad. Dieser führte auf eine große Anzahl von Gebäuden zu, die voneinander

getrennt und von prächtigen Gärten umgeben waren. Ihrer stattlichen Größe

nach zu urteilen, schienen es öffentliche Bauten zu sein, die sich da in

ihrem reinlichen Weiß aus dem Grün ihrer Umgebung abhoben.

Überall wuchsen hochstämmige Palmen, dazwischen prächtige, hellgrüne

Bananen und Farnbäume, vermischt mit einer Blumenpracht, wie sie die

Tübinger Professoren in dieser üppigen Entfaltung noch nie zuvor gesehen

hatten. Rosen-, lilien-, myrten- und lorbeerartige Gewächse, Orchideen und

eine Menge anderer Blumen wetteiferten miteinander an Glanz und Schönheit

der Farben und an Wohlgeruch. Schmetterlinge in allen Größen und Farben

wiegten sich in der warmen, herrlich zu atmenden Luft, und buntschillernde

Vögel ließen von den Bäumen herab ihr schmetterndes Morgenlied ertönen.

»Ein Paradies, in das wir gelangt sind,« sprach Professor Stiller leise zu

dem neben ihm schreitenden Professor Piller. »Ich muß meinen Gefühlen Luft

machen, meiner Bewunderung Worte verleihen. Sagen Sie, Piller, ist es Ihnen

nicht auch so wunderbar, so feierlich zumute wie mir, haben Sie nicht auch

ein Gefühl ungefähr so, wie es unser unsterblicher Uhland in seinem

Sonntagsliede zu so ergreifendem Ausdruck gebracht hat?«

»Na, na!« entgegnete Piller trocken. »Auch mir gefällt ja dieser Einzug auf

dem Mars gar nicht übel. Im übrigen aber haben wir heute zufällig Sonntag.

Wußten Sie das nicht, Stiller?«

»Nein! Mir entfiel die Zeitrechnung in den letzten Wochen vollständig.

Woher aber wissen Sie das?«

»Nun, als Sie heute früh in tiefer Ohnmacht lagen, da habe ich mit der Uhr

in der Hand Ihre Herztätigkeit kontrolliert. Meine Uhr zeigt aber zufällig

außer den üblichen Stunden, Minuten und Sekunden auch noch Monate und Tage.

Wir haben heute Sonntag, den 7. März.«

»Sonntag, den 7. März! Die heilige Siebenzahl in allem. Möge sie uns auch

weiter schirmend und schützend umgeben!« rief Professor Stiller.

»Vor allem wünsche ich mir ein gutes Essen nebst solidem Trunk; das frischt

die Lebensgeister besser auf und schützt sie gründlicher vor Verbrauch als

Ihre Siebenzahl. Wir haben in unserer Gondel zuletzt ein heilloses Leben an

Entsagung geführt; es ist höchste Zeit, wieder in einen guten Hausstand und

an einen richtigen Herd zu gelangen.«

»O Sie ewig Prosaischer!« erwiderte lächelnd Professor Stiller. »Hungern

und dürsten werden Sie hier oben nicht. Da sehen Sie einmal nach den

Früchten da drüben!«

Professor Piller folgte mit den Blicken der angegebenen Richtung.

»Donnerwetter!« entfuhr es seinen Lippen. »Sollen diese kolossalen Beeren,

die da herunterhängen, am Ende gar zu einer Weintraube gehören?«

»Nichts anderes! Das, was Sie sehen, ist eine Weintraube, wie sie in dieser

Größe eben nur dem subtropischen Klima eigen ist.«

»Dann leb' wohl, Zuckerle, Trank meiner Heimat!« rief Herr Piller so laut,

daß ihn die andern Kollegen hörten. »Leb' wohl, Zuckerle, denn den Tropfen,

den man hier aus diesen Ungeheuern von Beeren preßt, der muß ja einem wie

flüssiges Feuer durch die Adern rinnen, Halbtote, wie wir sind, wieder zu

freudigstem Lebensgenuß erwecken. Auf diesen Trunk freue ich mich.«

»Nektar und Ambrosia scheinen wir hier zu finden,« flötete Frommherz.

»Wollen gerne auf dieses griechische Götterzeug verzichten, wenn es nur

sonst hier was menschlich Anständiges für unsern Magen gibt,« antwortete

Piller.

Unter solchen Gesprächen gelangten die Herren mit ihrer Begleitung zu den

ersten Häusern. Zu ihrem Erstaunen mußten sie sich überzeugen, daß die

Gebäude, die sie aus der Ferne für öffentliche Bauten gehalten hatten,

nichts anderes waren als großartige Einfamilienhäuser oder Villen. Aus

weißen, sorgfältig behauenen Steinen ausgeführt, hatten sie vorn hohe,

säulengetragene Hallen, die einen überaus einladenden Eindruck machten und

von der Vorliebe der Bewohner für frische Luft und für freie und

uneingeengte Räume Zeugnis ablegten. Für das warme Klima waren solche

offene Hallen das einzig Richtige und Zweckmäßige. Breite Marmorstufen

führten zu ihnen empor und dienten blühenden Kindern, die nur mit einem

hellfarbenen, leichten, durch einen Gürtel um die Lenden festgehaltenen

Hemde bekleidet waren, als Spielplatz. Marmorfiguren hoben sich

stimmungsvoll zwischen den Bogen der Hallen ab. Alles atmete ruhige

Schönheit und Freude und verfehlte nicht seine tiefe Wirkung auf die

Reisenden.

Der Alte geleitete seine Gäste zu einem zweistockigen, palastartigen

Gebäude, das rings von üppigstem Pflanzenwuchs umgeben war und in seiner

Pracht einem Fürstensitz glich. Es war aber das Haus des Alten selbst, das

dieser den Fremdlingen zur ausschließlichen Benützung anwies. Auf breiten

Marmorstufen gelangten die Professoren in einen von Säulen getragenen,

offenen, großen Hof, in dessen Mitte ein mächtiger Springbrunnen sein

Wasser rauschen ließ. Rings um den Hallenhof lagen saalartige Zimmer, deren

Türen auf den Hof hinausführten. Rechts an der Halle befand sich die

Haupttreppe. Sie bestand aus zwanzig breiten Stufen, jede aus einem Stein

von vier Meter Länge. Sie führte zu einem Absatze mit einem großen Fenster.

Von diesem Absatze führten weitere zwanzig Stufen in die obere,

geschlossene Galerie, die durch große Fenster erhellt wurde und mit einer

prächtigen Kassettendecke geschmückt war. Von der Galerie aus gelangte man

in eine Reihe von Prunkgemächern, an die sich die Schlafzimmer und

Baderäume anschlossen. Der ganze Bau war voll Licht und Bequemlichkeit.

Auf ein Händeklatschen des Alten eilten einige jüngere Männer herbei, die

wahrscheinlich die dienenden Geister dieses Palastes waren. Der Alte sprach

mit den jungen Männern lange und eindringlich und bedeutete endlich seinen

Gästen durch Zeichen und Gebärden, sich hier häuslich niederzulassen.

Darauf verließ er sie nach einer freundlichen Verbeugung. Auch die Diener

verschwanden, erschienen aber bald wieder und brachten duftende, reine

Kleider und Sandalen, ähnlich denen, die sie trugen. In stummer, aber

zuvorkommender Art wiesen sie den Fremden den Weg zum Bade.

»Ich bin wirklich neugierig, was da noch alles kommen wird!« sprach Piller

lachend zu Professor Stiller. »Würde ich nicht wachen, wäre ich nicht

nüchtern wie ein Pudel und bei klarstem Verstande, ich würde glauben, daß

alles, was ich hier bis jetzt erlebt und, gesehen habe, nichts anderes als

ein tolles Spiel meiner Einbildungskraft ist.«

»Warten wir ab, Piller! Schlecht aufgehoben sind wir für den Anfang nicht,

im Gegenteil. Ich höre bereits in unserer Nähe Tische rücken.

Wahrscheinlich wird für unser Mahl gedeckt. Baden wir zuerst, reinigen wir

uns vom letzten Erdenstaube und den Schlacken der Reise, und beginnen wir

dann unser neues, so viel Interessantes versprechendes Leben auf dem Mars!«

»Mit Speise und Trank,« ergänzte Piller den Freund. »Jawohl, Stiller, wenn

Sie Idealist es auch nicht gern hören, ewig wahr bleibt es doch: Speise und

Trank bedarf der Sterbliche zuerst und vor allem, will er etwas leisten und

fest auf seinen Füßen stehen. Hoffentlich munden uns Kost und Trank auf dem

Mars. Also bis nachher!« Mit diesen Worten verschwand Piller in seinem

Badezimmer. Stiller sowie die übrigen Herren folgten diesem Beispiele und

plätscherten wenige Augenblicke später in dem angenehm erwärmten Wasser

ihrer geräumigen marmornen Badewanne.

Wunderbar gestärkt durch das Bad und eingehüllt in ihre frischen, bequemen

Kleider, fanden sich die Gelehrten eine halbe Stunde später in dem hohen,

luftigen Speisesaale des Hauses zusammen. Die Decke dieses Saales trug

farbenprächtige Gemälde in Medaillenform, die Fenster wiesen edle

Glasgemälde auf, und der Boden bestand aus Platten von verschiedenfarbigem

Marmor. In der Mitte des Saales stand der Tisch, gedeckt mit blankem

Silbergerät. Auch Teller und Pokale waren aus demselben kunstvoll

verarbeiteten Edelmetalle hergestellt. Auf Fruchtschalen aus feinstem

Kristallglas lagen die herrlichsten Früchte, und aus geschliffenen Karaffen

funkelte verlockend eine klare, goldgelbe Flüssigkeit. Schwere Armstühle

aus schwarzem, eigenartigem Holze mit vergoldeten Lehnen standen um den

Tisch.

»Das nenne ich fürstliche Pracht,« rief entzückt Frommherz, nachdem er im

Saale und auf dem Tische Umschau gehalten hatte. »Hier, Freunde, wollen wir

uns niederlassen, hier ist es gut sein! Der Erde fern und doch dem

Paradiese nahe.«

»Nun, Sie scheinen mir ganz in Verzückung geraten zu sein,« meinte lächelnd

Hämmerle.

»Lassen Sie unsern Frommherz phantasieren! Ich meinerseits bin auf das

Essen gespannt,« sprach, sich am Tische niederlassend, der nüchterne

Piller. »Sechzig Millionen Kilometer von unserer Erde entfernt, wird man

wohl hier oben einen andern Speisezettel haben als bei uns unten am Strande

des Neckars.«

»Stiller, Sie setzen sich als Präses oben hin,« entschied Brummhuber, als

Professor Stiller in gewohnter bescheidener Weise sich zwischen den andern

Kollegen niederlassen wollte.

»Natürlich!« pflichtete Professor Piller bei. »Ehre, wem Ehre gebührt!

Unser Freund Stiller hat seine Sache bis jetzt ganz ordentlich gemacht, er

stehe deshalb auch ferner unserer Korona vor!« Mit diesen Worten goß er

sich von dem Inhalt der vor ihm stehenden Karaffe etwas in seinen Pokal ein

und hielt ihn prüfend an die Nase.

»Hm . . . hm! Der Trank riecht wirklich nicht übel . . . hat feines

Bouquet.« Vorsichtig nahm er einen Schluck.

»Es ist Wein, tatsächlich Wein und zwar so eine Art Trockenwein, beinahe

wie Sherry, nur noch bedeutend feiner und milder,« entschied Piller,

nachdem er getrunken. »Von schlechten Eltern stammt er nicht, aber mein

Zuckerle ist entschieden süffiger als dieser Marstropfen. Immerhin, er kann

bleiben, wie er ist; lieber solchen Wein als gar keinen!«

»Seien Sie froh, Piller, Sie Alkoholiker, daß Sie überhaupt etwas zu

trinken haben! Wir sind doch wahrlich nicht des Weines wegen nach dem

fernen Mars gekommen!« warf Professor Dubelmeier ein. »Ihr ewiger Durst und

Ihre unstillbare Sehnsucht nach dem Zuckerle hätten Sie eigentlich da unten

auf der Erde festhalten sollen.«

»Schweigen Sie, Sie fanatischer Anhänger des Göppinger Wassers!« rief

Piller voll Grimm. »Was verstehen Sie denn von . . .«

Aber Professor Stiller ließ den Zornigen nicht ausreden. Er erhob sich.

»Meine lieben Freunde! Ich bitte um Ruhe und Frieden und wünsche Ihnen

allerseits einen recht gesegneten Appetit zu dem bevorstehenden Mahle.

Weihen wir unserer glücklichen Ankunft auf dem Mars den ersten Schluck! Der

zweite soll dem Gedenken an unsere engere und weitere Heimat, dem lieben

Schwabenlande und Deutschland, gelten. Bitte, füllen Sie ihre Pokale und

tun Sie mir Bescheid!«

»So, das laß ich mir gefallen,« brummte Piller; »Stiller ist wirklich ein

vernünftiger Knabe.«

»Und nun, meine Freunde, setzen wir uns zum Mahle!« Nach dem Beispiele des

Alten von vorhin klatschte Herr Stiller in die Hände, und herein traten

sieben Diener, für jeden Herrn einer. Sie trugen Platten in den Händen, auf

denen wohlriechende Fische lagen. Herrn Pillers Zorn verrauchte schnell

angesichts der warmen, so einladenden Speise. Er und die übrigen Herren

langten tüchtig zu. Alle waren darüber des Lobes voll, daß die Fischspeise

ausgezeichnet geschmeckt habe.

Auf den Fisch folgten einige eigenartige, aber äußerst schmackhaft

zubereitete Mehlspeisen, dann Gemüse, Obst und Backwerk.

Als das Frühstück beendet war, füllte Piller seinen Pokal mit dem

goldschillernden Wein, rückte seinen Stuhl etwas vom Tische zurück und

stand auf.

»Silentium, meine Herren!« Die laute, anregende Unterhaltung der Herren

verstummte und machte einer aufmerksamen Stille Platz. »Meine lieben

Freunde und Genossen! Ich erfülle nur einen Akt der Pflicht,« hub Piller

an, wurde aber plötzlich von seiner Rede abgelenkt, als sich von außen her

zuerst unendlich zarte, wundervolle Töne hören ließen, die nach und nach in

mächtige Akkorde übergingen. Es war Musik, ein Spiel, so feierlich und

schön, daß die Herren unter dessen Banne ruhig, fast unbeweglich an ihren

Plätzen verharrten, um durch kein auch noch so leises Geräusch die

ergreifenden Töne zu stören, die mit ihren Klängen aus der Gegenwart

emporzuheben schienen zu jenen blauen, seligen Gefilden der unbegrenzten

Freude. Leise, einem Flüstern gleich, erstarben nach und nach die Akkorde.

»So empfängt uns der Mars!« rief in heller Begeisterung Professor Stiller,

als die Musik geendet hatte. »Kann es einen schöneren und zugleich

erhebenderen Willkommen für uns hier oben geben als dieses göttergleiche

Saitenspiel?«

»Nein, gewiß nicht!« erwiderten die Gefährten einstimmig und voll

Begeisterung. Dann eilten sie an die Fenster des Saales, um nach den

Veranstaltern des hohen Genusses Umschau zu halten. Ein Dutzend

Harfenspieler waren es, die sich da langsam und würdevoll mit ihren

Instrumenten von der Terrasse des Hauses entfernten.

»Piller, das war entschieden ein schönerer und edlerer Ohrenschmaus, als es

die Rede gewesen wäre, die Sie im Begriffe waren, uns zum besten zu geben,«

foppte Dubelmeier den Freund.

»Was wissen Sie denn, was ich zu sagen hatte! Die Rede bekommen Sie

übrigens über kurz oder lang doch einmal zu hören. Aber danken Sie es der

eben gehörten Musik, die mein Gemüt so friedlich gestimmt hat, daß ich auf

Ihre Herausforderungen nicht so antworte, wie Sie es verdienen, Sie -- Sie

unverbesserlicher Wasserphilister.«

Die Herren lachten über den Disput der beiden Gefährten, die sich im Grunde

ihres Herzens trotz allen Reibereien sehr zugetan waren.

Von mehreren ehrwürdigen Männern begleitet, erschien der Greis wieder im

Rahmen der großen Türe des Saales. Ein Lächeln huschte über das ernste,

ausdrucksvolle Gesicht des alten Mannes, als er die sieben Fremden wieder

erblickte, die da, ähnlich gekleidet wie er, achtungsvoll vor ihm standen.

Der Greis neigte leicht den Kopf zum Zeichen des Grußes und lud die Herren

durch eine Handbewegung ein, ihm zu folgen. Es ging den Weg zurück, den sie

diesen Morgen gekommen waren.

»Am Ende werden wir gleich wieder dahin abgeschoben, wo wir hergekommen

sind,« bemerkte besorgt Professor Frommherz.

»Darüber brauchen Sie sich nicht zu ängstigen,« erwiderte Professor

Stiller. »In diesem Falle wären wir nicht so liebenswürdig aufgenommen

worden.«

Die Gesellschaft war nun auf der Wiese angelangt, auf der sich der

Weltensegler kaum merkbar am Ankerkabel bewegte. Der Alte gab den Herren zu

verstehen, daß sie ihr Eigentum aus der Gondel herausnehmen sollten. Zu

diesem Zwecke und der besseren Verständigung wegen stieg der Greis mit

seiner Begleitung die Strickleiter zur Gondel hinauf und brachte aus ihr

verschiedene Dinge herab, die den Erdmenschen gehörten. Nun begriffen diese

den Greis.

»Sehen Sie, daß ich recht hatte?« Mit diesen Worten wandte sich Stiller an

seinen Kollegen Frommherz. »Man kommt doch nicht von der Erde zu so

freundlichen, gastfreien Menschen, wie es die Marsbewohner zu sein

scheinen, um gleich wieder kehrtmachen zu müssen. Übrigens könnten wir in

unserer jetzigen Verfassung an eine sofortige Rückkehr überhaupt nicht

denken.«

»Vor dieser bewahre uns für immer der Himmel in Gnaden!« antwortete

Frommherz, emsig damit beschäftigt, seine Habseligkeiten zusammenzupacken.

Bald nachher war das bescheidene Gepäck der Marsreisenden unten auf dem

Boden. Mit Aufmerksamkeit betrachtete der Greis die verschiedenen

Instrumente, die da zum Vorschein kamen. Ganz besonderes Interesse erregte

bei ihm das Fernrohr. Stiller suchte ihm dessen Gebrauch klarzumachen. Aber

der Greis schüttelte zu diesen stummen Auseinandersetzungen nur den Kopf

und wies endlich mit der Rechten nach einem fernen Bau, dessen

kuppelförmiges Dach der Professor jetzt zum erstenmal erblickte.

»Beim Zeus, die haben ja hier oben auch eine Sternwarte und zwar in

nächster Nähe!« rief Stiller erfreut. »Freunde, da müssen wir noch heute

abend hingehen, um von dort aus unsere Mutter Erde in weiter Ferne als

leuchtenden Stern erster Größe betrachten und bewundern zu können.«

Stiller machte dem Greise diesen Wunsch sofort begreiflich. Er deutete

zuerst nach dem Himmel, dann auf sein Fernrohr und schließlich auf die

Kuppel des Gebäudes. Endlich entnahm er seinem Gepäck eine große

Himmelskarte, die er entfaltete. Mit dem Zeigefinger der Rechten wies er

auf die Planeten hin, deren Bahnen um die Sonne auf einem besonderen

Abschnitt der Karte verzeichnet waren. Nun verstand ihn der Greis sofort

und nickte bejahend mit dem Kopfe. Jetzt suchte ihm auch der Professor

begreiflich zu machen, woher er und seine Gefährten gekommen seien. Er

zeigte auf die eingezeichnete Erde, dann auf die sie umschließende Bahn des

Mars, auf diesen selbst, endlich auf das Luftschiff. Ein lauter Ton des

Erstaunens kam über die Lippen des Greises. Er hatte Professor Stiller

vollkommen verstanden und reichte ihm zum erstenmal mit Worten, die wie ein

herzliches Willkommen klangen, die Hand, die dieser warm, drückte.

Der Greis übersetzte seinen Begleitern, was der Fremde ihm da in seiner

stummen Zeichensprache erklärt hatte, und auf den offenen, ehrlichen

Gesichtern trat ein gewisser Ausdruck der Achtung vor den kühnen Fremden,

die so weit hergekommen waren, hervor. Die Weltensegler wurden wieder in

ihr Heim zurückgeführt, in dem sie sich mit den aus ihrer Heimat

mitgebrachten Sachen häuslich einzurichten begannen. Darüber war es spät am

Mittag geworden. Keine lästige Neugier hatte die Herren bei ihrer

Einrichtung gestört. Mit unendlichem Behagen streckten sie sich nach

Beendigung dieser Arbeit auf die weichen Ruhebetten in ihren Zimmern, um in

dem so lange entbehrten Genusse eines ausgezeichneten Lagers kurze Zeit zu

schwelgen.

Inzwischen war die Tischzeit herangekommen. Das Mittagsmahl verlief ähnlich

wie das Frühstück, nur war es reichlicher. Voll Befriedigung über die ihnen

gebotenen Tafelfreuden wollten sich die Herren gerade erheben, als sie eine

neue Überraschung an ihre Plätze bannte. Draußen, vom Hallenhofe des Hauses

her, erschallte a capella der Gesang menschlicher Stimmen. Es war ein Lied

voll Innigkeit und Tiefe. Die tongewordene Barmherzigkeit selbst schien es

zu sein, die da an die Herzen der Gelehrten so mächtig pochte, daß sie ihre

große Ergriffenheit nur schlecht zu bemeistern vermochten. Als das Lied

verklungen war, wischten sich einige der Herren verstohlen die Tränen aus

den Augen.

»Darauf muß ich noch einen Schluck nehmen,« erklärte Piller, seinen Pokal

füllend. »Seelische Erregungen rufen bei mir das Bedürfnis nach materieller

Stärkung hervor. Dubelmeier, schneiden Sie kein so sonderbares Gesicht; tun

Sie mir lieber Bescheid!«

»Bewahre mich der Himmel davor, diesen hehren Augenblick durch Alkohol zu

entweihen!«

»Ganz wie Sie wollen, lieber Dubelmeier!« erwiderte Piller gegen seine

sonstige Gewohnheit milde.

Die Gelehrten verließen das Haus, um den schönen Abend zu einem Spaziergang

zu benützen und die Gegend etwas näher kennenzulernen, die voraussichtlich

längere Zeit ihren Wohnort bilden würde. Auf diesem Spaziergange wurde es

ihnen mehr und mehr klar, daß ihr Luftschiff in der Nähe einer viel

größeren Niederlassung gelandet war, als sie anfänglich geglaubt hatten. Es

mußte eine Art von Stadt sein; denn trotz des garten- oder parkartigen

Charakters des Ganzen bewiesen die vielen Häuser, die stets allein für sich

standen, daß hier eine verhältnismäßig dichte Bevölkerung vorhanden sein

müsse.

In dieser Auffassung wurden die Herren auch durch die zahlreichen Menschen

unterstützt, die sie noch mit den verschiedensten Arbeiten beschäftigt

antrafen. Niemand war hier untätig. Die Hast aber schien ein unbekannter

Begriff zu sein, denn bei aller Arbeit trat ein gewisses Maß vornehmer Ruhe

hervor. Wie wohltuend stach diese gegen das lärmende Treiben der Menschen

auf der Erde ab! Überall, wohin auch die Gelehrten ihre Blicke richteten,

erschien ein gleichmäßig verteilter Wohlstand; selbst die relative Armut

mußte hier unbekannt sein. Nicht nur in den Häusern, deren offene Hallen

dem neugierigen Auge ungehinderten Einblick gestatteten, nein, auch um die

Wohnungen herum, auf allen Wegen und Stegen herrschte eine geradezu

peinliche Sauberkeit.

Ihr Spaziergang führte die Herren auch an den breiten Strom, den sie heute

in der Frühe des Tages vom Luftschiff aus gesehen hatten. Es mußte einer

der berühmten Marskanäle sein; denn soweit sie sehen konnten, war der Strom

kunstvoll eingedämmt, schnurgerade seine Ufer. Eine kühn geschwungene

steinerne Brücke, auf vielen Pfeilern ruhend, ein architektonisches

Meisterwerk, führte hinüber an das andere Ufer. Auf dem Mars schien alles

unter dem Zeichen gemessener Ruhe zu stehen: auch die klaren, hellgrünen

Gewässer des mächtigen Kanales flossen still und ruhig dahin und trugen auf

ihrem Rücken eine Menge geschmackvoll gebauter Schiffe.

An der Brücke lag ein Schiff, aus dem einige Männer Platten verschieden

gefärbten Marmors, Blöcke von Granit und Syenit ans Ufer schafften und zwar

mit einer Leichtigkeit, die auf die sieben Schwaben geradezu verblüffend

wirkte. Sollten diese Marsbewohner über ungewöhnliche Körperkräfte

verfügen, eine Art Athleten sein?

»Welch großartig entwickelten Brustkorb diese Leute haben! Sehen Sie einmal

genauer hin!« Mit diesen Worten zeigte Piller auf die Arbeiter. »Es ist mir

heute früh schon aufgefallen, wie herrlich gebaut und wie breitschultrig

diese Menschen hier sind. Auch die Kinder zeichnen sich in dieser Beziehung

gegenüber den unsern auf der Erde vorteilhaft aus. Die reinste Züchtung

einer lungenstarken Rasse, die der Schwindsucht kaum zugänglich sein

dürfte,« fuhr Piller fort.

Unterdessen war Brummhuber zu den arbeitenden Marsiten getreten und

versuchte, eine der Steinplatten zu heben.

»Mir kommt dieser Marmor merkwürdig leicht vor. Sollte es vielleicht eine

andere Art von Stein sein als bei uns?« rief er fragend seinen Gefährten

zu.

Diese kamen, neugierig geworden, näher und untersuchten die Steine.

»Nein, es ist tadellos schöner Marmor. Betrachten Sie nur das feine Korn

und die zartgefärbten Adern, die ihn durchziehen!« entgegnete Piller nach

eingehender Prüfung.

»Und dieser prächtige rote Stein hier ist bester Syenit, oder ich müßte

geradezu kein mineralogisches Unterscheidungsvermögen mehr besitzen,« warf

Herr Hämmerle ein, der an dem Steine herumgeklopft hatte.

»Versuchen wir einmal, die Steine zu heben!« entschied Piller.

Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars. · 第 4 / 10 段