allein oder wenigstens nur in Begleitung eines erprobten Dieners
unternommen und nicht von vornherein auf die Teilnahme seiner Kollegen
verzichtet zu haben. Noch hatte er bis zur Stunde von den Gefährten keine
umittelbaren Vorwürfe zu hören bekommen. Die kurze Unterhaltung von vorhin
aber, die körperliche und geistige Verfassung seiner Genossen bewiesen ihm
nur allzu deutlich, daß das bisherige gute und friedliche Zusammenleben in
der Gondel die erste schwere Erschütterung erfahren hatte. Gleich in den
ersten Tagen der Reise hatten ihn schon gewisse Zweifel und trübe Gedanken
gequält, die er zuerst noch leicht abzuschütteln vermochte, die aber immer
wieder und stärker auftauchten und sich nun nicht mehr so rasch bannen
ließen wie im Anfange.
Was Professor Stiller am meisten beschäftigte, das war der verhältnismäßig
langsame Flug des Weltenseglers. Er hatte ganz bestimmt darauf gerechnet,
daß das Luftschiff, kaum in den Anziehungskreis des fernen Weltkörpers
gelangt, diesem selbst mit blitzartiger Geschwindigkeit zufliegen werde,
und nun mußte er sich eingestehen, daß er sich hierin ganz gehörig
getäuscht habe. Zu diesem großen Irrtum gesellten sich zwei weitere: die
Vorräte an fester Luft und an elektrischen Energiemengen waren auf eine
kürzere Reise, das heißt auf einen rascheren Flug, berechnet gewesen und
mußten bereits in wenigen Wochen zu Ende gehen.
Am das Maß der Sorgen voll zu machen, nahmen auch die Nahrungsmittel
überaus schnell ab. Es war zwar ein großer Vorrat an Speisen und Getränken
für eine Reisedauer von drei Monaten mitgenommen worden, aber Herr Stiller
hatte nicht mit dem gesunden Appetit seiner Gefährten gerechnet. Anfangs
hatte er sich über ihre Eßlust gefreut, in dem sichern Bewußtsein, der
Weltensegler werde in weniger als der Hälfte der Zeit, für die die
Lebensmittel bestimmt waren, sein Ziel erreichen, jetzt aber, als er sich
in dieser Erwartung getäuscht sah, kam zu den andern schweren Kümmernissen
auch noch die Sorge um die Ernährung.
Wohl oder übel mußte schon jetzt, von heute ab eine Kürzung der täglichen
Nahrungsrationen eintreten, wollte man mit den Vorräten noch längere Zeit
auskommen. Ganz besonders waren es die Getränke, die stark abgenommen
hatten, und der Vorrat an dem so beliebten Göppinger Wasser wies geradezu
erschreckende Lücken auf.
So entstand aus dem ersten großen Irrtum eine ganze Reihe unangenehmster,
in ihren Wirkungen gar nicht übersehbarer Folgen. Das Gemüt Herrn Stillers
verdüsterte sich in dem Maße, als er sich dies alles klar zu machen suchte.
Zunächst trat an ihn die Frage heran, wie er es am besten anfangen sollte,
seinen Kollegen die Zweckmäßigkeit einer Beschränkung ihrer täglichen
Speisen und Getränke vor Augen zu führen. Diese Aufgabe richtig zu lösen,
ohne die Gefährten zu verletzen und ihre an sich schon gereizte Stimmung
noch schlimmer zu gestalten, erschien Professor Stiller kaum lösbar.
»Wenn doch ein Wunder geschehen und die Geschwindigkeit der
Vorwärtsbewegung des Weltenseglers sich verdoppeln möchte, dann wäre ich
mit einem Schlage alle diese heillosen Schwierigkeiten los!« dachte
Professor Stiller. Aber kein Wunder geschah. Der Weltensegler bewegte sich
gleichmäßig wie bisher weiter, trotz eifrigster Beobachtung des
Geschwindigkeitsmessers durch den Professor.
»Ersticken, erfrieren, verhungern, bevor wir den Mars erreichen --
wahrhaftig wir haben die Auswahl unter den schlimmsten aller Todesarten!
Was nützt es schließlich, meinen Gefährten durch Verringerung ihrer Nahrung
das bißchen Freude zu verderben, das ihnen der Genuß von Speise und Trank
noch bereitet, wenn uns der Tod sowieso in sicherer Aussicht steht? Am
besten ist, ich lasse die Sache beim alten. Punktum!« Zu diesem Entschluß
kämpfte sich nach langem, trübem Sinnen der Professor endlich durch.
Die Woche ging zu Ende. Mit ihr waren die Marsreisenden in das neue Jahr
eingetreten. Keiner von ihnen hatte sich um den Jahreswechsel gekümmert,
der früher von ihnen unten auf der Erde in lauter Fröhlichkeit begangen
worden war. Eine dumpfe Gleichgültigkeit hatte sich der Gesellschaft
bemächtigt und benahm ihr auch mehr und mehr die frühere Lust am Essen.
»Gelange ich glücklich aus dieser Gondel heraus auf den Mars und finde dort
auch nur einigermaßen annehmbare Lebensbedingungen vor, so haben mich
Schwabenland und Erde für immer gesehen. Keine Gewalt des Himmels soll mich
dann je wieder zu einer solchen Reise verleiten,« äußerte sich eines Tages
Professor Friedolin Frommherz, und ihm stimmten mehrere der Herren
kopfnickend bei.
Professor Stiller entgegnete nichts auf diese Äußerung, die so offen die
Empfindung seiner Gefährten wiedergab. Angesichts der außerordentlich
kritischen, täglich sich mehr verschärfenden Lage des Weltenseglers
erschienen ihm alle diesbezüglichen Meinungsäußerungen seiner Kollegen als
höchst überflüssig. Er hüllte sich daher in düsteres Schweigen und begann
über die möglichen Mittel und Wege einer Beschleunigung der Reise
nachzusinnen.
»Wer sich selbst aufgibt, ist überhaupt von vornherein schon verloren. Wo
sich nur immer ein Schimmer von Hoffnung zeigt, und wäre er noch so klein
und schwach, da sieht der mutige Mensch noch die Möglichkeit eines Ausweges
und einer Rettung, während der Mutlose der Verzweiflung anheimfällt. War
ich denn schwach und feige, oder bin ich es wirklich?« fragte Professor
Stiller sich. »Wovor fürchte ich mich eigentlich? Vor dem Tode, vor dem
Verlust meines Lebens, das im Dienste der Forschung, der Allgemeinheit
allerdings wertvoll war, von mir persönlich aber niemals hoch eingeschätzt
wurde?«
Der großartige Gedanke dieser Reise, der sinnreiche Bau des Weltenseglers,
der sich bis zur Stunde so ausgezeichnet bewährt hatte, das alles war doch
schließlich sein ureigenstes Werk, dem er in jeder Beziehung so viele Opfer
gebracht hatte. Schon vor Ausführung der Reise hatte er ja mit der
Möglichkeit eines Scheiterns der Expedition gerechnet. Trotzdem war er voll
Mut und Hoffnung auf Überwindung aller Gefahren von der Heimat abgefahren.
Und nun, wo die Sache anfing kritisch zu werden, da sollte ihm wie einem
Schwächlinge der Mut sinken? Wie stand er eigentlich vor sich selbst da?
Eine Röte der Scham stieg bei diesem Gedankengange in sein Gesicht. Weg mit
allem, was nach Schwäche, nach Feigheit aussah! War es ihm wirklich vom
Schicksal bestimmt, schon jetzt sterben zu müssen, in der Blüte und
Vollkraft der Jahre, nun dann in Gottes Namen! Aber dann war auch die Art
des Unterganges seiner würdig: sie war ebenso groß wie eigenartig. Sein und
seiner Gefährten Namen würden, wenn sie selbst schon längst im Weltraume
verschollen waren, für immer achtungsvoll unten auf der Erde genannt
werden. Mit goldenen Lettern waren sie in den Annalen der Weltgeschichte
und der Wissenschaft als kühne, wenn auch unglückliche Weltensegler
eingetragen. Der Gedanke daran war auch ein Trost und zwar ein großer,
stolzer und zugleich erhebender. Da gelobte sich Professor Stiller von
neuem, mit Entschlossenheit und offenen Auges der Zukunft entgegenzugehen,
mochte sie bringen, was sie wollte. Eine wunderbare Ruhe kam allmählich
über ihn. Sie ließ ihn wieder klarer denken und überlegen. Zunächst begann
er, den noch vorhandenen Vorrat an elektrischer Kraft auf das sorgfältigste
festzustellen. Tagelang rechnete er hin und her. Die Entfernung des
Weltenseglers vom Mars betrug noch rund achtzehn Millionen Kilometer. Die
Wirkung der Anziehungskraft des Planeten auf den Weltensegler konnte von
diesem aus gesteigert werden, wenn man sich entschloß, einen Teil der
gebannten, festgelegten elektrischen Kraft zu opfern, hinaus in den
Weltraum, dem Mars entgegen zu senden. Allerdings war dieser Versuch, wie
Professor Stiller sich selbst gestand, sehr gewagt: es verringerte den für
die Beleuchtung und Erwärmung des Gondelinnern so notwendigen Energievorrat
außerordentlich rasch. Aber es konnte kein Schwanken mehr für ihn geben,
nachdem er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hatte, daß die Opferung
eines großen Teiles der elektrischen Energiemengen noch die einzige
Möglichkeit der Rettung des Lebens und des Gelingens der Expedition in sich
schließe. Es war ein Va-banque-Spiel, aber es mußte unter diesen
Verhältnissen gespielt werden. Es blieb keine andere Wahl.
Professor Stiller machte sich sofort an die Arbeit. Anfangs schauten die
Herren der neu erwachten, energischen Tätigkeit ihres Genossen stumm,
nahezu gleichgültig zu. Nach und nach aber erwachte in ihnen doch wieder
die Neugier und damit das eingeschlafene Interesse an der Wissenschaft.
»Stiller, was machen Sie da?« fragte man den Professor aus den
verschiedenen Ecken der Gondel heraus, in denen die Herren herumlagen.
»Ich arbeite an unserer Rettung,« entgegnete kurz der Gefragte.
»Fürwahr, ein löbliches Werk!« bemerkte Frommherz mit schwacher Stimme.
»Erklären Sie uns Ihr Unternehmen!« bat Professor Dubelmeier.
»Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, werteste Freunde! Meine
Auseinandersetzungen müßte ich mit so vielen Zahlen belegen, daß Ihnen der
Kopf brummen würde, und der bedarf bei uns allen jetzt ganz besonderer
Schonung.«
»Stiller hat recht!« entschied Professor Piller. »Reichen Sie mir lieber
aus dem Schrank, an dem Sie sitzen, eine Flasche unseres heimischen Weines.
Ich will wieder Lethe trinken, Lethe!«
»Piller, Sie trinken entschieden zuviel,« mahnte Dubelmeier, entsprach aber
doch der Bitte des Freundes, indem er ihm eine Flasche mit dem hellroten
»Zuckerle« hinüberreichte »Der Alkohol ist ein Feind des Gehirns, das
sollten Sie doch als Medizinmann am besten wissen.«
»Meinetwegen!« gähnte Professor Piller. Dann verriet ein lauter, gurgelnder
Ton aus der Ecke den kräftigen Zug des Trinkenden. »So, das hat geschmeckt.
Es geht eben doch nichts über einen guten Tropfen,« brummte Piller. »Und
nun, Dubelmeier, rate ich Ihnen dringend, mit dieser Art von Gehirnfeind
ebenfalls nähere Bekanntschaft zu machen. Göppinger Wasser allein tut's
freilich nicht, uns und unsern Denkkasten auf dieser vermaledeiten Reise
mobil zu erhalten.« Nach diesen Worten schloß Professor Piller wieder die
Augen und schlief ruhig ein. Auch die andern Herren sanken rasch wieder in
den alten lethargischen Zustand zurück.
Unterdessen hatte Professor Stiller die Wirkung seines Versuchs beobachtet.
Der Schnelligkeitsmesser notierte tatsächlich eine nennenswerte Vermehrung
der Geschwindigkeit gegenüber der bisherigen. Bereits wiegte sich der
Professor in der Hoffnung auf das Gelingen des Experimentes, -- da trat ein
neues Ereignis ein.
»Was, Teufel, ist denn wieder los?« fragte Piller, plötzlich aus seiner
Lethargie auffahrend, als sich ein seltsames, donnerähnliches Rauschen in
der Gondel hören ließ.
»Das klingt ja wie das Brausen eines Bergstromes, der ungezählte Trümmer
mit sich führt!« warf der bergkundige Dubelmeier ein.
Kaum war das Wort gesprochen, als ein schwerer Gegenstand die Gondel traf.
Erregt sprang Professor Stiller auf.
»Schnell, Freunde, helft die Fenster schützen! Trügt mich nicht alles, so
ist ein kosmischer Regen im Anzuge.«
Die Herren stürzten nach den vier Fenstern der Gondel und ließen
blitzschnell die Schutzvorrichtung herunterklappen. Ein von der Seite
kommender, kurzer, prasselnder Regen ging über den Weltensegler, mehr noch
über die Gondel nieder. Schon glaubte Herr Stiller jede Gefahr abgewendet,
als wiederum ein neuer, aber gewaltigerer Schlag, als es der erste war, die
Gondel traf. Ihm folgte ein Klirren und ein lauter Schmerzensschrei. Der
Ort, an dem sich der Geschwindigkeitsmesser in der Gondel befand, war durch
einen kleinen Meteoriten getroffen worden. Durch die furchtbare
Erschütterung war das Instrument verletzt und seine innere Glaseinfassung
zersplittert worden. Einer der Splitter hatte Professor Frommherz
getroffen, der nun stöhnend und blutüberströmt auf dem Boden der Gondel
lag.
Durch den Schlag war die Gondel so heftig auf die Seite geworfen worden,
daß eine heillose Verwirrung im Innern entstand. Erst nach einiger Zeit
hörte die schaukelnde Bewegung der Gondel auf und machte wieder der alten,
ruhigen Lage Platz. Weitere Schläge erfolgten nicht mehr, und Professor
Stiller konnte annehmen, daß der Weltensegler auch aus dieser Gefahr
unerwartet glücklich hervorgegangen sei.
Erst jetzt konnte Piller den Verwundeten untersuchen. Er stellte fest, daß
die Verletzung zum Glück nicht so schlimm war, wie sie den Anschein hatte.
»Sie jammern im umgekehrten Verhältnis zu Ihrer Wunde, Frommherz,« spottete
Piller, nachdem er die Wunde untersucht hatte.
»O Himmel, das fehlte gerade noch!« stöhnte der Verwundete, als Piller die
Nadel durch die Wundränder stieß. »Haben Sie Unmensch denn gar kein Gefühl
für mein Leiden?«
»Bah,« entgegnete Herr Piller trocken, »Unmensch hin, Unmensch her! Danken
Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie noch mit einem solchen Schmisse weggekommen
sind! Er wird sich auf Ihrer Stirn recht kühn ausnehmen, dieser länglich
rote Streifen.«
»Was wird man dann von mir denken?«
»Was man will! So, nun schneiden Sie kein solches Jammergesicht mehr. Die
Wunde ist genäht, der Verband befestigt. Watte, mit Göppinger Wasser
getränkt, entfernt aus Ihrem Antlitze die Blutspuren. Dann sehen Sie
reinlicher aus als wir. Nach einigen Tagen entferne ich die Fäden, und die
Sache hat ein Ende.«
»Ach, wäre es nur erst vorüber!«
»Wenn Sie damit die Reise meinen, so bin ich ganz Ihrer Ansicht. Einmal
aber muß diese vermaledeite Fahrt ihr Ende nehmen, so oder so,« brummte der
Medizinmann unmutig in den Bart.
Das Schlimme war, daß der Geschwindigkeitsmesser unbrauchbar,
funktionsunfähig gemacht worden war. An eine Reparatur des Werkes während
der Fahrt war gar nicht zu denken. Dieses peinliche Ereignis zog einen
bösen Strich durch alle Berechnungen Professor Stillers und raubte ihm jede
Möglichkeit der Kontrolle. Nun war alles dem blinden Zufall ausgeliefert.
An die Stelle genauer Berechnung trat jetzt ausschließlich die Vermutung.
Diese aber öffnete wieder allen trüben Gedanken Tür und Tor.
Weiter rollte die Zeit und weiter der Ballon auf seinem Wege. Die
Lebensmittel waren schon derart zusammengeschmolzen, daß trotz der geringen
Eßlust der Gondelbewohner in kürzester Zeit Nahrungsmangel eintreten mußte.
Auch der Vorrat an elektrischer Energie nahm in schreckenerregender Weise
ab. Wollte also Professor Stiller sich und seinen Gefährten nur noch für
wenige Tage Licht und Wärme erhalten, so mußte sofort mit der Abgabe der
elektrischen Kraft in den Ätherraum hinaus aufgehört werden. Schweren
Herzens stellte daher der Gelehrte die Verbindung nach außen hin ab.
Was werden die nächsten Tage bringen? In ihrem dunklen Schoße lag das
Schicksal, das Glück oder der Untergang der Expedition. Das elektrische
Licht in der Gondel fing an schwächer zu werden; eine empfindliche Kälte,
die sich trotz der Pelzkleidung der Männer nicht länger mehr bannen ließ,
machte sich mehr und mehr geltend. Ein dumpfer, gleichgültiger Zustand
hatte sich aller Gondelinsassen bemächtigt, der nach und nach in eine Art
von Bewußtlosigkeit überzugehen begann. Langsam schien das Ende für die
Dulder heranzukommen. Lange, bange Stunden verstrichen so; kein Laut ließ
sich mehr in der Gondel vernehmen. Da auf einmal ein gewaltiger Stoß.
Ballon und Gondel flogen zur Seite und schienen sich zu überschlagen. Die
armen Männer in der Gondel flogen übereinander, schlugen gegenseitig
aufeinander auf und begannen aus ihrem todesartigen Schlummer aufzuwachen.
Furchtbar erschrocken über die heftige Erschütterung, gelang es den Herren
nach langen Anstrengungen sich endlich aufzurichten. Als sie schließlich
mühsam die Augen zu öffnen vermochten, da fiel durch die zertrümmerten
Fenster der Gondel helles, strahlendes Sonnenlicht herein. Es bedurfte
einiger Zeit, bis die schmerzenden Augen der Reisenden sich an das so lange
entbehrte Licht der Sonne wieder gewöhnt hatten. Dann aber war plötzlich
alle Lethargie von ihnen gewichen.
Professor Stiller war der erste auf den Füßen. Unbekümmert um eine mögliche
Gefahr, streckte er mutig den Kopf zu einem Fenster hinaus, um die Ursache
des Zusammenstoßes des Weltenseglers mit einem andern, fremden Körper zu
erforschen; denn daß ein solcher stattgefunden haben mußte, war dem
Gelehrten sofort klar.
»Hurra! Hurra!« rief er, aufgeregt vom Fenster zurücktretend, seinen
Gefährten zu. »Hurra! Wir sind gerettet! Wir haben den kleinen Marsmond
Phobus, glücklicherweise nur sehr leicht, gestreift. Die äußerste Hülle
unseres Ballons ist allerdings gerissen und auch sonst ist, wie ich sehe,
vielerlei Schaden entstanden, aber das ist gleichgültig! Seht hier hinab,
da unten, da unten liegt der Mars! Gerettet, ge . . . .« Professor Stiller
fiel zurück. Eine tiefe Ohnmacht umfing ihn.
Professor Pillers energischen Anstrengungen gelang es endlich, den
Bewußtlosen dem Leben zurückzugeben.
»Wo sind wir?« fragte Professor Stiller mit schwacher, kaum vernehmbarer
Stimme.
»Das wissen wir selbst nicht recht. Jedenfalls noch immer in der Luft und
noch nicht auf festem Boden,« antwortete Professor Piller.
»So müssen wir die Ventile öffnen und den Weltensegler langsam und
vorsichtig zum Fallen bringen,« entschied Stiller.
»Aber fühlen Sie sich auch wieder so kräftig, die Leitung des Ganzen
übernehmen zu können?«
»Es muß einfach sein!« Mit diesen Worten erhob sich Professor Stiller, um
sich zunächst durch einen Blick aus dem Fenster über die örtliche Lage des
Ballons zu orientieren.
Richtig, da unten, nur wenige Kilometer vom Weltensegler entfernt, hob sich
scharf und deutlich eine breite, mächtige Wasserstraße ab, eine
dunkelgrüne, subtropische Vegetation umrahmte den Flußlauf. Dazwischen
eingestreut zeigten sich, vom warmen Sonnenschein übergossen, wohlbebaute
Felder und Gärten. Eigenartige, von weitem blendend weiß erscheinende
Bauten bewiesen die Nähe belebter Wesen. Die laute Begeisterung, die die
kühnen Weltfahrer einst bei der Passage des Erdmondes erfaßt hatte, machte
hier einer stummen Bewunderung Platz, als sie dankerfüllten Herzens gegen
das Geschick, das sie im letzten Augenblicke noch vor dem Äußersten bewahrt
hatte, von ihrer Gondel auf die märchenhaft schöne Landschaft
hinabschauten, der sie nun in raschem Fluge näherkamen.
Viertes Kapitel
Auf dem Mars
Vom Mars aus -- denn er war es wirklich -- hatte man das Luftschiff schon
längst bemerkt. Als es sich nun dem Boden näherte, strömte eine Anzahl von
Menschen, die hier herum wohnten, dem Orte zu, an dem das Luftschiff
niederging. Der Weltensegler hielt auf eine große, grüne Wiese zu, auf der
Gruppen edelster Viehrassen weideten. Professor Stiller warf das Kabel mit
dem Anker in weitem Bogen von der Gondel ab und deutete durch Zeichen und
Gebärden den untenstehenden Menschen an, was sie ungefähr tun sollten, um
das Luftschiff festzumachen. Die Marsleute begriffen auch sofort, was der
fremde Mann in seiner stummen Sprache von ihnen begehrte. Ohne jede Hast,
aber doch rasch und auffallend gewandt, war dem Wunsche des Professors
entsprochen worden. Nun lag das Fahrzeug fest und sicher vor Anker.
Die Strickleiter wurde aus der Gondel herabgelassen und an den hiezu
bestimmten Metallklammern befestigt. Die sieben Männer aus dem fernen
Schwabenlande stiegen nacheinander an ihr herab, um als die ersten
Erdgeborenen den Boden des Mars zu betreten. Eine weiche, balsamische, von
Wohlgerüchen erfüllte Luft umfing die kühnen Reisenden, als sie aus ihrer
Gondel herabgeklettert waren. Ein Gefühl der Wonne, des Geborgenseins,
unsäglicher Befriedigung zog in die Brust der armen, halbtoten Männer, als
sie nach so vielen Wochen zum erstenmal wieder festen Boden unter ihren
Füßen spürten. Ja, sie mußten sich selbst erst überzeugen, daß es wirkliche
Erde sei, auf der sie standen. Mit den Händen griffen sie nach dem Boden,
um sich von seiner erdigen Beschaffenheit zu überzeugen. Nein, es war kein
Traum, es war Wirklichkeit: sie standen auf richtigem Boden. Tausend-,
abertausendmal Dank dem Himmel, der sie ihr Ziel erreichen ließ! Tränen des
Glückes, der reinsten Freude liefen den hartgeprüften Männern über die
bärtigen Wangen, die seit langer Zeit nicht mehr gepflegt worden waren.
»Donnerwetter, wie sehen wir aus!« rief voll Entsetzen Professor Piller,
als er seine Genossen genauer im Lichte der Sonne betrachtete.
Dann aber brachen die Herren in lautes Lachen über die Komik ihres eigenen
Äußern aus. Professor Stiller begann nun, die ihn und seine Genossen
umgebenden Menschen zu mustern. In der Tat, das waren Menschen von Fleisch
und Blut, die hier herumstanden und mit freundlichem Lächeln die Erdensöhne
betrachteten.
»Sauberer, großer und schöner als wir sind sie entschieden. Oder sollten
wir am Ende gar zu den Göttern des Olymps und nicht nach dem Mars gekommen
sein?« bemerkte Professor Hämmerle, nachdem er seine Brillengläser geputzt
und die Brille auf die Nase gesetzt hatte.
»Warum das?« fragte Professor Dubelmeier.
»Eine Gesellschaft von Göttern scheinen mir diese Wesen hier zu sein. Sehen
Sie nur einmal diese geradezu klassisch schönen Gesichter, diese
prachtvollen Körperformen und die sie nur schwach verhüllenden antiken
Gewänder!«
»Der Vergleich hat entschieden viel für sich,« antwortete Professor
Stiller, »aber nach dem Olymp hätten wir viel näher gehabt als nach dem
Mars; diese eine Tatsache schon mag Sie aus Ihrem Wahn reißen, lieber
Hämmerle.«
Dabei zog er seinen Chronometer. Er wies auf die achte Stunde.
»Es ist noch früh am Morgen. Wir wollen sehen, was uns dieser erste Tag auf
dem Mars an merkwürdigen Erlebnissen bringen wird. Versuchen wir einmal
eine sprachliche Verständigung mit unsern neuen Freunden; denn daß sie das
sind, zeigt mir ihre freundliche und wohlwollende Haltung.« Mit diesen
Worten trat Professor Stiller zu den vordersten Marsmenschen vor, die ihn
in vornehmer Ruhe, ohne die geringste Furcht und ohne irgendein Zeichen des
Erstaunens an sich herankommen ließen.
»Wir sind doch auf dem Mars, nicht wahr?« Diese etwas banale Frage richtete
er in deutscher Sprache an die Leute. Aber diese schüttelten den Kopf und
erwiderten in wohllautender Sprache etwas, das Stiller wiederum nicht
verstand, das aber klang, als ob sie bedauerten, den Fremden nicht
begriffen zu haben.
»Die können nicht deutsch, natürlich. Das hätten Sie sich doch von
vornherein selbst sagen müssen, Stiller,« warf Professor Hämmerle tadelnd
ein.
»Nun, so examinieren Sie einmal, Hämmerle! Vielleicht gelingt es Ihnen mit
Ihren vielseitigen Sprachkenntnissen festzustellen, in welchem Idiom mit
den Leuten hier eine Verständigung möglich ist.«
Mit kraftvoller Stimme hub Hämmerle auf Altgriechisch an: »Freunde, wir
grüßen euch in herzlichster Art, wir, die von der fernen Erde hergeflogen
sind, um euch zu besuchen.« Keine Antwort, nur ein eigentümliches Lächeln
als Zeichen des Nichtverstehens. Jetzt deklamierte Hämmerle seine
Begrüßungsformel in lateinischer Sprache. Wiederum dieselbe Stille und
dasselbe Lächeln als Antwort.
»Vielleicht gelangen wir mit einer unserer modernen Sprachen eher zum
Ziele, da klassische Bildung diesen Wesen völlig abzugehen scheint,« sprach
Hämmerle, ärgerlich geworden über die Ergebnislosigkeit seiner ersten
Versuche. Aber auch Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch,
schließlich sogar Arabisch und Hebräisch führten zu keinem Ziele.
»Das fängt gut an!« murrte Professor Brummhuber.
»Wir müssen allem Anscheine nach die Marssprache erlernen,« bemerkte
Thudium.
»Wahr gesprochen!« bestätigte Frommherz.
»Aber siehe da, was kommt denn da für ein altes Haus?« rief Dubelmeier.