Diese zeigten an, daß die Grenze der Erdatmosphäre erreicht sei, mithin der
Eintritt in den unermeßlichen Ätherraum bevorstehe. Die mit Xylol gefüllten
Thermometer zeigten außerhalb der Gondel bereits 42 Grad unter Null an, und
die Barometer registrierten eine Höhe von 19950 Meter. In der Gondel wurden
die elektrischen Glühkörper in Tätigkeit gesetzt, nachdem schon vorher der
Zerstäubungsapparat für die feste Luft in Funktion getreten war. Eine
erträgliche Temperatur und eine angenehme, gut atembare Luft herrschte in
der Gondel. Der Dienst in dem Raum wurde in der Weise geordnet, daß jeder
der Gelehrten während vierundzwanzig Stunden abwechselnd drei Stunden
zweiundvierzig Minuten die Instrumente zu überwachen hatte. Auf diese Art
war für den einzelnen der Dienst nicht anstrengend. Nur Professor Stiller
hatte sich vorbehalten, im Falle der Notwendigkeit die Dienstleistung für
gewisse Zeit allein zu übernehmen.
Ruhig und gut ging die erste Nacht in der Gondel hoch oben im Ätherraume
vorüber. Unterdessen war der Ballon äußerst schnell gestiegen. Morgens um 7
Uhr, am 8. Dezember, war die Höhe von 90723 Meter erreicht. Die Thermometer
an den Glimmerfenstern der Gondel zeigten die fürchterliche Kälte von 120
Grad. Tiefe Dunkelheit umgab den Weltensegler. Kein einziger Sonnenstrahl
fiel in diese pechschwarze Nacht des Tages. Rascher und rascher stieg das
Luftschiff, seinen Kurs genau der Steuerung gemäß nach Osten haltend. Gegen
Mittag wurde durch den Geschwindigkeitsmesser die gewaltige Entfernung von
220000 Meter von der Erde angezeigt. Sollte das Steigen in diesem
schnellen, progressiv sich steigernden Tempo fortgehen, so mußte der
Weltensegler im Laufe weniger Tage in die Nähe des Mondes gelangen, der bis
dahin, um 90 Grad nach Osten vorgerückt, gerade sein erstes Viertel bilden
würde.
Mit der Annäherung an den Mond erhielt der Weltensegler dann wieder das
Licht der Sonne, konnten die Gondelbewohner sich wieder an den leuchtenden
Strahlen der Urquelle aller Kraft erfreuen. Obgleich noch keine
vierundzwanzig Stunden unterwegs, empfanden die Herren die Dunkelheit des
sie umgebenden Weltraumes wie eine allzulange Nacht. Sie begannen sich
darüber zu äußern.
»Wir sind eben Kinder des Lichtes, der Sonne und empfinden sofort deren
Mangel,« sprach Professor Dubelmeier.
»Das ist wohl wahr,« bestätigte Friedolin Frommherz, »alles Licht, auch das
unserer Seelen, kommt von oben.«
»Umgesetztes Sonnenlicht, mein Lieber,« ergänzte Professor Hämmerle.
»Nennen Sie es, wie Sie wollen, das letzte aller Rätsel, die wirkliche
Ursache alles Seins bleibt uns Sterblichen eben doch für immer verborgen,
und wer weiß, ob dies nicht sehr gut ist,« entgegnete Frommherz.
»Darüber wollen wir uns hier in unserer Gondel nicht streiten, sondern uns
über die Aussicht freuen, in kürzester Zeit aus dem Dunkel des Ätherraumes
heraus wieder in das volle Licht der Sonne eintauchen zu dürfen, allerdings
um sehr rasch wieder in die Finsternis zurückzukehren, wohl dann für
längere Zeit,« warf Professor Stiller ein.
Doch plötzlich wurde der Unterhaltung ein unerwartetes Ende bereitet. Der
Weltensegler begann zu zittern und schien einen Augenblick still zu stehen.
Das Zittern des mächtigen Ballons übertrug sich auf die Gondel.
»Was ist los, um des Himmels willen, was hat sich ereignet?« Diese Fragen
kamen über die Lippen von mehreren der erregten Gelehrten.
»Zunächst nur Ruhe, keine Aufregung, die ja doch zu nichts führen würde,
liebe Freunde!« besänftigte Professor Stiller seine erschrockenen
Gefährten. »Es scheint, daß wir in den breiten elektrischen Anziehungsstrom
des Mondes gelangt sind, auf den der Weltensegler mit seiner eigenen
elektrischen Strömung sofort reagiert hat, daher sein plötzliches
Erzittern,« fuhr Herr Stiller fort. »Nun seht, er beruhigt sich und treibt
wieder und zwar bedeutend schneller vorwärts, ein Beweis für die
Richtigkeit meiner Vermutungen.« Mit diesen Worten trat Stiller von seinem
Beobachtungsposten zurück, um ihn aber bald nachher wieder einzunehmen.
Von der Geschwindigkeit der rasenden Vorwärtsbewegung spürten die Insassen
der Gondel nichts oder nur sehr wenig. Mit größter Aufmerksamkeit
beobachtete Professor Stiller wieder den Geschwindigkeitsmesser. Nach einer
Stunde konstatierte der Gelehrte kopfschüttelnd eine zurückgelegte Strecke
von 4500 Kilometern.
»Warum schütteln Sie den Kopf, Stiller?« fragte Professor Piller den
Kollegen.
»Es geht langsamer vorwärts, als ich mir vorstellte und nach meinen
Berechnungen erwartet hatte.«
»Nanu, ich denke, 4500 Kilometer in einer Stunde fliegend zurückzulegen,
macht uns so leicht niemand nach. Eine solche Geschwindigkeit übersteigt
alles, selbst die kühnste Rechnung,« warf Brummhuber ein.
»Sie übersehen dabei die ungeheuren Entfernungen, die wir zurückzulegen
haben, um unser Ziel zu erreichen,« entgegnete Professor Stiller. »Doch ich
hoffe, daß es in diesem Tempo nicht weitergehen wird; wir kämen sonst,«
fügte er etwas gezwungen lächelnd hinzu, »mit allzu großer Verspätung auf
dem Mars an.«
»Ein paar Tage mehr oder weniger spielen bei unserer Reise keine Rolle,«
antwortete Thudium.
Doch Herr Stiller gab keine Antwort mehr. Ernste Gedanken zogen in sein
Gehirn und begannen ihn zu quälen. Diese Gedanken wollte er einstweilen für
sich behalten. Wozu die Ruhe, das Vertrauen der Gefährten schon jetzt
erschüttern? Die Zeit brachte von selbst Rat und vielleicht auch -- Hilfe.
So verstrichen der zweite und der dritte Tag der Reise.
Am Ende des letzteren betrug die zurückgelegte Entfernung 324000 Kilometer.
Die Geschwindigkeit des Weltenseglers hatte also doch etwas zugenommen,
dank der von ihm aus seinen Apparaten nach außen hin abgegebenen
elektrischen Kraft, die von Professor Stiller im Vereine mit Piller und
Hämmerle einer sorgfältigen Messung unterlag. So vergingen die Stunden.
Keiner der Herren vermochte zu schlafen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach
mußte der Weltensegler noch diese Nacht in die unmittelbare Nähe des Mondes
gelangen.
Eine plötzliche, von außen her in die Gondel dringende Helle ließ sofort
Professor Stiller den elektrischen Strom schließen. Das Luftschiff begann
langsamer zu fahren und stoppte endlich. Die Herren stürzten nach den
Fenstern der Gondel, um den ganz unbegreiflichen Stillstand zu ergründen.
Staunende Bewunderung über das, was sich ihren Augen bot, wirkte im ersten
Augenblick so lähmend auf die Insassen der Gondel, daß sie minutenlang wie
gebannt in stummem Entzücken dastanden. Dann aber brach sich eine laute
Begeisterung Bahn.
»Großartig! Einzig schön! Allein die Reise wert! Ein Bild ohnegleichen! Der
Mond, der Mond!« so kam es über die Lippen der Beschauer. Unmittelbar unter
ihnen zeigten sich, hell beschienen von der Sonne, gewaltige, oft
zerrissene, wild zerklüftete, trotzig emporstrebende Berge, die Schatten
von wunderbarer, ungekannter Schärfe warfen. Zwischen ihnen gähnten
Tausende von Metern tiefe Abgründe, und eine Unmasse ausgebrannter Krater
schob sich zwischen die Abgründe und die Felsenmauern. Ziemlich ebene
Landschaften waren wiederum von wallartigen Ringen ehemaliger gewaltiger
Vulkane umkränzt. Dieses so umschlossene Land lag bedeutend höher als das
außerhalb der Wälle sichtbare, aus dem sich wiederum da und dort
kegelförmige Berge, die Reste einstiger Vulkane, scharf abhoben. Die
merkwürdige Beleuchtung mit ihren einzig schönen Schattenbildern, überhaupt
der ganze Eindruck war so eigenartig, in dieser Form so völlig verschieden
von dem, was die Herren von der Erde her kannten, daß sie einen Vergleich
damit gar nicht zu ziehen vermochten.
Wohin sie auch ihre Blicke richteten, nirgends, aber auch nirgends konnten
sie Spuren von Pflanzenwuchs oder Wasser entdecken. Kein See, kein Strom,
kein wogender Ozean, kein grünender Rasen, Strauch oder Baum, nichts, rein
nichts zeigte sich. Das stumme, ergreifende Bild des starren Todes, das
sich hier den Reisenden offenbarte, verfehlte auf diese seine Wirkung
nicht. Die erste laute Begeisterung war rasch einer großen Stille gewichen,
dem tiefen Ernste, den der Tod bei jedem denkenden und empfindenden
Menschen hervorbringt. Nur kurze Zeit hatte man sich der Betrachtung
desjenigen Teiles des Mondes hingeben können, der von der Gondel aus
sichtbar war. Der Weltensegler fing an langsam zu fallen.
»Auf dem Monde können wir uns weder braten lassen, noch wollen wir auf ihm
erfrieren,« rief Professor Stiller. »Wir müssen also schleunigst aus seiner
wegen der Anziehung für uns gefährlichen Nähe weg und wieder hinaus in den
Weltäther.«
Rasch wurde die elektrische Kraft wieder in Tätigkeit gebracht; die Flügel
der Schraube drehten sich, und der Weltensegler entfernte sich schneller
und immer schneller vom toten Kinde der noch lebendigen Mutter Erde.
Die Berechnungen von Professor Stiller gingen dahin, daß nach Kreuzung der
Mondbahn und glücklicher Überwindung der Anziehungskraft des Mondes der
Weltensegler bald selbst in die eigentliche Anziehungssphäre des Mars
gelangen müsse, als desjenigen großen Gestirns, das sich augenblicklich der
Erde noch am meisten genähert hatte. Diese Erdnähe mußte begreiflicherweise
die natürliche, auf elektromagnetischen Strömungen beruhende Gravitation
zwischen Mars und Erde ganz bedeutend beeinflussen. Daraus folgte, daß,
wenn ein den Gesetzen der Anziehungskraft unterworfener Körper, wie ihn
beispielsweise der Weltensegler darstellte, in den Bereich dieser Anziehung
gelangte, er in dem Maße vom Mars angezogen wurde, als er ihm näher stand
als der Erde.
Von der Erde war nun der Weltensegler jetzt genau -- nach Passage der
Mondbahn -- 386492 Kilometer entfernt. Es konnte daher keinem Zweifel
unterliegen, daß der Weltensegler bereits unter der Anziehungskraft des
Mars stand, die Stillersche Rechnung somit stimmte, denn das Luftschiff
flog mit gleichmäßiger Geschwindigkeit und in derselben steten östlichen
Richtung weiter. Die anfänglich gefürchtete Einwirkung der Anziehungskraft
der Sonne konnte nun endgültig ausgeschaltet werden. Der Weltensegler
befand sich auf dem richtigen und unmittelbaren Wege zu seinem Ziele.
Schon längst war es wieder dunkle Nacht außerhalb der Gondel, und die
furchtbare Kälte des Weltraumes umgab den Ballon. Trotz des hermetischen
Abschlusses und der dicken Pelzlager der Gondel vermochten sich die
Reisenden gegen die Kälte nur durch elektrische Beleuchtung und Heizung zu
schützen.
Ein Tag verging so nach dem andern. Aus der ersten Woche wurde die zweite,
aus der zweiten die dritte, aus der dritten die vierte, und noch immer
wollte der Flug des Weltenseglers kein Ende nehmen.
Eines Tages -- es war in der vierten Woche der Reise -- begann die Stille
des Gondelinnern ein eigenartiges Geräusch zu unterbrechen.
»Was ist denn los?« fragten die Gelehrten erstaunt Professor Stiller.
»Ich kann es mir nicht erklären,« entgegnete dieser. »Weder unsere Uhren
noch der Geschwindigkeitsmesser können die Ursache dieses auffallenden
Rasselns sein. Und doch muß diese hier innen zu suchen sein, da der
Weltäther bekanntlich keine Schallwellen vermittelt.«
Während Herr Stiller so sprach, forschte er nach der Ursache des sich mehr
und mehr verstärkenden Lärmes.
»Ich kann wirklich nichts finden. Alle unsere Apparate für Luft und
elektrische Kraft sind in Ordnung und funktionieren ruhig und tadellos.
Aber halt, da fällt mir ein, es ist ja die Luft in unserer Gondel selbst,
die den Schall überträgt, dessen Ursache draußen im Weltenraume liegen
muß.«
»Dann ist es vielleicht irgendein Weltkörper, in dessen Nähe wir gelangt
sind,« warf Professor Hämmerle besorgt ein.
In der Gondel surrte und schwirrte es nachgerade wie in einem
Uhrmacherladen. Es schien, als ob Hunderte von Weckern losgegangen wären.
»Das ist ja ein Höllenlärm, bei dem einem Hören und Sehen vergeht!« brüllte
Professor Thudium wütend. Aber in dem allgemeinen, betäubenden Rasseln
erstarb seine Stimme.
Da erschreckte eine plötzliche Helligkeit, loderndem Feuer gleich, die
sieben Insassen der Gondel. Eine Verständigung war des Lärmes wegen
unmöglich geworden. Vor dem blitzenden Lichte, das durch die Fenster drang,
schlossen die Reisenden unwillkürlich die schmerzenden Augen. Jeder
Versuch, sie zu öffnen, erhöhte das fürchterliche Schmerzgefühl. In diesem
kritischen Augenblick erinnerte sich Professor Dubelmeier glücklicherweise
seiner Gletscherbrille, die er als leidenschaftlicher Bergsteiger in den
Universitätsferien stets bei sich trug, und die er wohlverpackt in einem
Futterale mitgenommen und in irgendeine Tasche seines Rockes gesteckt haben
mußte. Vorsichtig tastete er den Rock von außen ab. Richtig, da fühlte er
einen länglichen Gegenstand in der oberen rechten Seitentasche. Es war die
Brille, dem Himmel sei Dank! Endlich hatte er sie auf die Nase gebracht.
Geschützt durch die dunklen Gläser, vermochte er nun seine Augen zu öffnen.
Zunächst ließ er seine Blicke in der Gondel herumwandern. Stumm, mit
geschlossenen Augen lagen seine Gefährten da. Der Ausdruck ihrer Gesichter
trug den Stempel in ihr unabwendbares Schicksal ergebener Männer.
Mit zitternden Knien und klopfendem Herzen schlich sich Professor
Dubelmeier zu dem ihm zunächst liegenden Glimmerfenster. Er wollte den
Versuch machen, die Schutzvorrichtung an ihm herabzulassen, an die in dem
wahnsinnigen Lärm merkwürdigerweise keiner der Herren bis jetzt gedacht
hatte. Behutsam spähte er dabei hinaus in den unermeßlichen Weltraum. Aber
welch überwältigendes Schauspiel bot sich ihm hier! Vor Aufregung hierüber
vergaß er die Schutzvorrichtung. Sein Sinnen und Denken war von dem
Naturschauspiele da draußen völlig gefangengenommen.
Aus Millionen von Leuchtkugeln, die ähnlich der Milchstraße am nächtlichen
Himmel einen breiten Strahlengürtel bildeten, funkelte und blitzte es in
märchenhafter Pracht herüber aus der Ferne. Was mochte das wohl sein? Da
mußte sofort Kollege Stiller gefragt werden, denn möglicherweise konnte
durch ihn noch eine dem Weltensegler drohende Gefahr abgewendet werden.
Professor Dubelmeier ließ zunächst die Schutzvorrichtung an den Fenstern
herab, trat dann auf Stiller zu, stülpte ihm die Schutzbrille auf die Nase
und rüttelte ihn aus seiner Betäubung wach. Erstaunt über sein so plötzlich
wiedergekehrtes Sehvermögen erhob sich Professor Stiller mit der Brille
seines Freundes und folgte dessen stummer Gebärde. Er zog die
Schutzvorrichtung des Fensters weg und blickte hinaus. Gebannt von dem sich
ihm bietenden Schauspiel blieb auch er einige Minuten am Fenster stehen,
versunken in den Zauber des Anblicks. Nun war ihm die Ursache des tollen
Rasselns, der Erscheinung überhaupt, klar. Der Weltensegler war auf seiner
Bahn nach dem Mars in die Nähe eines durch den Weltäther dahinsausenden
Kometen gekommen, der eben diese Bahn kreuzte. Eine unmittelbare Gefahr für
den Weltensegler war bei der immerhin noch großen Entfernung und der
ungeheuren Geschwindigkeit der Kometenbewegung nicht vorhanden, wenigstens
nicht für die nächsten Stunden. Beruhigt, aber doch halb berauscht von der
einzigartigen Erscheinung, verließ Herr Stiller das Fenster.
Wie es Professor Dubelmeier mit ihm gemacht, so machte es Stiller mit
seinem Kollegen Piller, dieser wiederum mit Hämmerle und so weiter, so daß
jeder der Reisenden sich das großartige Schauspiel ohne Gefahr für sein
Sehvermögen betrachten konnte. Zu einer Aussprache aber kam es erst nach
einigen Stunden, als das Geräusch des vorbeiziehenden Kometen nach und nach
abzunehmen begann.
Dann erklärte Professor Stiller seinen Gefährten die Ursache der
Erscheinung und pries laut Dubelmeiers Schutzbrille.
»An so vieles dachte ich bei der Auswahl der mitzunehmenden Sachen, und ich
glaubte auch, wirklich nichts vergessen zu haben. Ich gestehe aber, daß ich
auf den praktischen, so naheliegenden Gedanken einer Schutzbrille nicht
gekommen bin. Da sieht man wieder die eigene Unzulänglichkeit, den Mangel
an Verlaß auf sich selbst. Freund Dubelmeiers Sorgfalt hat uns einen großen
Dienst geleistet.«
»Na, nun aber sagen Sie, Mann, wie kamen denn gerade Sie auf den Einfall,
eine Gletscherbrille in das Luftschiff mitzunehmen?« fragte Professor
Piller neugierig.
Dubelmeier wurde verlegen und wollte zuerst nicht recht mit der Sprache
heraus. Auf allseitiges Fragen und Drängen hin gestand er endlich, daß er
sich nicht hätte mit dem Gedanken befreunden können, jahrelang seinen
geliebten Bergtouren zu entsagen. Da habe er, in der stillen Hoffnung,
solche auch auf dem Mars ausführen zu können, wenigstens seine
Gletscherbrille eingesteckt.
»Und wo steckt denn Ihr Eispickel und die sonstige Ausrüstung? Davon sehe
ich nichts,« forschte Professor Brummhuber.
»Mit Ausnahme meiner genagelten Schuhe habe ich alles andere seufzend in
Tübingen gelassen,« antwortete Herr Dubelmeier.
»Ein weises Verfahren, fürwahr, denn für die Mitnahme derartigen Gepäckes
wäre das Innere unserer Gondel doch etwas ungeeignet,« lachte Professor
Stiller. »Aber Ihre Brille in Ehren, die hat uns gute Dienste geleistet.«
Der Durchgang des Kometen durch die Anziehungssphäre des Mars hatte aber
auf die Vorwärtsbewegung des Weltenseglers selbst ungünstig eingewirkt. Bei
genauer Kontrolle des Geschwindigkeitsmessers bemerkte Professor Stiller
mit Schrecken, daß sich der Ballon in den soeben verflossenen ernsten
Stunden nur mit dem zehnten Teil der bisherigen Schnelligkeit nach dem Mars
zu bewegt habe. Erst nach und nach schien der Weltensegler wieder in die
frühere Geschwindigkeit übergehen zu wollen. Das aber bedeutete eine
unliebsame Verlängerung der an sich schon so mühseligen Reise, die unter
Umständen noch recht unangenehme Nachwirkungen haben konnte.
An die Stelle der früheren Lebhaftigkeit der Unterhaltung, des körperlichen
und geistigen Wohlbefindens war nach und nach eine gewisse Mattigkeit, eine
mehr oder weniger große Abspannung getreten, die die Kometenerscheinung nur
vorübergehend zu unterbrechen vermocht hatte. Bei diesem und jenem der
Herren erschien bereits als drohendes Gespenst die beginnende Langeweile,
der Anfang zur Lethargie. Die Reise in dem verhältnismäßig doch engen,
eingeschlossenen Raume fing an, zu lange zu dauern. Dazu kam auch noch der
Mangel körperlicher Bewegung und der gewohnten geistigen Beschäftigung.
Alle allgemein wie im besonderen interessierenden wissenschaftlichen
Fragen, die Einzelheiten des bisherigen Verlaufes der Reise waren schon so
vielseitig und so oft besprochen worden, daß sie längst ihren Reiz verloren
hatten. Still, stumm, fast apathisch saßen oder lagen jetzt, in ihre
Pelzmäntel gewickelt, die meisten Herren, die bis vor kurzem noch so heiter
und lebensfroh gewesen waren, in der Gondel herum. Nur nicht zum zweitenmal
eine so entsetzlich lange Fahrt mehr machen, die nicht einmal einen guten,
warmen Imbiß oder freie Bewegung der nahezu steif gewordenen Gliedmaßen
gestattete! Und war man denn so sicher, das Ziel zu erreichen? Wenn nicht,
was dann? Ja, was dann? Das waren die Gedanken und die bangen Fragen, die
die Herren bewegten, die sie in ihrem Gehirn, das zu schmerzen anfing,
herumwälzten.
Diese verdammte Marsreise! Wie verlockend, geradezu verführerisch, ja
berauschend, die gesunden, klaren Sinne umnebelnd, war sie ihnen zuerst
erschienen! Wie sehr hatte man diese lange Kerkerhaft in dem engen,
schmalen Raume, die lange Entbehrung des natürlichen Lichtes der Sonne in
ihrer Wirkung unterschätzt! Professor Piller schimpfte wohl in der ersten
Zeit der Reise über eintretende Blutarmut, Störungen im Stoffwechsel trotz
ausgezeichneter Eßlust und dergleichen, jetzt aber lag auch er halb
stumpfsinnig in einer Ecke der Gondel, verwünschte im stillen sich, seine
Genossen, den Weltensegler, das ganze Universum, besonders aber den
Verführer Mars. So empfanden und dachten auch mehr oder weniger die übrigen
Herren. Und erinnerten sie sich daran, wie bequem und angenehm sie einst in
Tübingens Mauern gelebt, wie sie jeden Abend nach getaner Arbeit an ihrem
Stammtisch in anregender Gesellschaft und bei kühlem, frischem Trunke
gesessen, so erfüllte sie aufrichtiges Bedauern, diese verrückte Reise
überhaupt unternommen zu haben.
»Hol' der Teufel den Mars!« kam es einmal laut über die Lippen von
Professor Piller. Es war genau das, was er soeben gedacht hatte.
»Das wollen wir nicht wünschen,« erwiderte in etwas herbem Tone Herr
Stiller. »Daß die Expedition mit allerlei Gefahren und auch materiellen
Entbehrungen verschiedenster Art zu rechnen haben würde, war von vornherein
für jeden von uns klar. Wir können uns also hinterher nicht beschweren.
Solche Beschwerden sind unser nicht würdig. Schweig und dulde! heißt es für
uns.«
»Wahr gesprochen!« bestätigte Bombastus Brummhuber. »Aber schließlich muß
auch das Schweigen und Dulden ein Ende nehmen.«
»So warten Sie doch erst ab, was kommt!« rief Professor Stiller zornig.
»Aber Sie sagten doch, daß die Reise nicht länger als einige Wochen dauern
werde,« warf Frommherz ein, »und nun ist diese Zeit herum und . . .«
»Sie sollten am allerwenigsten die Geduld verlieren, Frommherz,« unterbrach
Stiller den Gefährten. »Im übrigen habe ich niemals eine genaue Angabe
darüber gemacht, wie lange die Reise dauern werde, aus dem ganz einfachen
Grunde, weil ich dies auch nicht gekonnt hätte. Ich sprach von mehreren
Wochen im allergünstigsten Falle. Lassen Sie sich nicht entmutigen dadurch,
daß die Reise sich länger hinauszieht, als mir selbst lieb ist. Im
Gegenteil, fassen Sie Mut! Wir haben ihn dringend nötig.«
»Was heißt das? Drücken Sie sich klarer aus, Stiller!« tönte es von
verschiedenen Seiten.
»Nun, ich denke, daß es deutlich genug war, was ich mit meinen Worten sagen
wollte: wir haben erst einen Bruchteil der Reise hinter uns. Vor uns liegt
noch eine riesige Strecke, die an unsern Mut und an unsere Widerstandskraft
alle Anforderungen stellt.«
»Wie groß ist die Entfernung noch?«
»Noch etwa dreißig Millionen Kilometer!«
»Dreißig Millionen Kilometer? Kaum die Hälfte! Einfach entsetzlich!«
stöhnte Professor Dubelmeier.
»Wie soll das enden!« seufzte Frommherz.
»Hoffen wir, gut, sonst würden Sie, lieber Frommherz, eben schneller gen
Himmel fahren, als Sie vielleicht wollen,« spottete Professor Stiller, über
den nachgerade eine Art von Galgenhumor kam.
Doch diese Stimmung hielt bei Professor Stiller nicht lange an. Sie wurde
nur allzu rasch durch die Sorge um das Wohl und Wehe der Expedition
zurückgedrängt. Er war der eigentliche Urheber, der Vater dieses kühnen
Unternehmens. Mithin trug auch er allein die volle Verantwortung für das
Leben seiner Gefährten, die sich im Vertrauen auf seine Angaben ohne Zögern
zur Mitreise entschlossen hatten. Professor Stiller war bei aller nervösen
Hast, bei aller Neigung, überall nur das Beste zu sehen und die kühnsten,
schwierigsten Probleme mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln, und
trotz seines leicht erregbaren Charakters ein viel zu biederer und
ehrlicher Mann, um sein eigenes Tun und Lassen nicht immer wieder einer
strengen Selbstkritik zu unterziehen.