»Dann, mein Lieber, geht es uns, wie es schon so manchem For

Die Weltensegler

Drei Jahre

auf dem Mars

Erzählung für die Jugend

von

Albert Daiber

Mit vier Vollbildern von Fritz Bergen

Dritte Auflage

Verlag von Levy & Müller in Stuttgart

Nachdruck verboten

Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten

Druck: Christl. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart

Inhalt

Erstes Kapitel

Vorbereitungen 1

Zweites Kapitel

Die Abreise der Weltensegler 16

Drittes Kapitel

Zwischen Himmel und Erde 28

Viertes Kapitel

Auf dem Mars 53

Fünftes Kapitel

Lumata und Angola 78

Sechstes Kapitel

Im Reiche der Vergessenen 101

Siebentes Kapitel

Der Abschied 113

Achtes Kapitel

Ein Abtrünniger 122

Neuntes Kapitel

Wieder auf der Erde 128

Zehntes Kapitel

In der Heimat 142

Erstes Kapitel

Vorbereitungen

Der glänzende Abendstern, die Venus, war im Westen untergegangen. Über

Groß-Stuttgart und das Neckartal begann sich eine durchsichtig klare, aber

etwas kalte Winternacht zu breiten. Nach und nach flammten Tausende und

Abertausende von hellen Sternen am Firmamente auf, und als weißlich

schimmernder Gürtel hob sich aus der Menge jener fernen, selbstleuchtenden

Weltkörper scharf und deutlich die Milchstraße ab. Aus ihr heraus blickte

das funkelnde Sternbild der Kassiopeia herab auf die alte, immer noch mit

so viel Torheit erfüllte Mutter Erde, und der Große Bär mit seinen sieben

hellen Sternen, jener geheimnisvollen, im menschlichen Leben eine so

merkwürdige Rolle spielenden Zahl, leistete ihr auf der andern Seite des

gewaltigen Himmelsgewölbes die aus der Urzeit stammende, treubewährte

Gesellschaft. Kunterbunt, in ungleichmäßiger Verteilung, in

verschiedenartiger Helligkeit und Größe lagen die übrigen Sterne

dazwischen, scheinbar noch an ihrem alten, gewohnten Platze.

Langsam schritt die Nacht vor. Im Süden stieg das prachtvolle Sternbild des

Orion über dem Horizont empor, und bald darauf erschien auch der Sirius,

der glänzendste unter den glänzenden Sternen des Himmels. Für all diese

Schönheit der Nacht, für all diese Großartigkeit jener fernen,

selbstleuchtenden Sonnen schien augenblicklich derjenige am wenigsten

zugänglich zu sein, dessen berufliche Aufgabe gerade die Erforschung des

Sternenhimmels war. Professor Stiller, der berühmte Astronom, Lehrer an der

durch Alter wie Überlieferung gleich ehrwürdigen Universität Tübingen,

ruhte in seinem Lehnstuhl, mit den Fingern der Rechten ärgerlich auf dessen

Seitenlehne trommelnd. Er saß in einem großen, mit einer Kuppel bedeckten

Raum, der auf den ersten Blick als Observatorium oder Sternwarte zu

erkennen war. Ein mächtiges Fernrohr auf massiven Pfeilern ragte aus einer

Öffnung der drehbaren Kuppel hinaus in die klare Winternacht.

Professor Stiller hatte sich vor Jahren schon auf der ruhigen Bopserhöhe

bei Stuttgart eine Privatsternwarte erbaut, um sich in ihr, fern vom lauten

studentischen Leben und Treiben der Universitätsstadt, um so ungestörter

der Planetenforschung zu widmen. Ganz besonders hatte der Mars, jener

geheimnisvolle Planet, dessen Bahn die der Erde zunächst umschließt,

Professor Stillers Interesse geweckt. Dieses Interesse wurde mehr und mehr

zu einem Privatstudium, und aus diesem heraus wuchs eine so große Liebe zu

dem fernen Planeten, daß in Professor Stiller der Gedanke immer festere

Wurzeln faßte, mit dem Mars in unmittelbare Verbindung zu treten, mit

andern Worten -- ihn zu besuchen.

Gerade gegenwärtig stand Mars wieder in Erdnähe, und seine augenblickliche

Entfernung von der Erde betrug nur 59 Millionen Kilometer. In der jetzigen

Zeit der großartigsten Erfindungen, der gewaltigen, geradezu fabelhaften

Fortschritte auf technischem Gebiete, der tieferen Erkenntnis der

elektromagnetischen Strömungen im Universum und ihrer Ausnützung, vor allem

aber der so hoch entwickelten Luftschiffahrt hatte der Gedanke eines

Besuches des Mars, einer Reise dahin, durchaus nichts Befremdendes mehr. Im

Gegenteil, so wie die Dinge heute lagen, bestand tatsächlich die

Möglichkeit, die kühne Reise mit Aussicht auf Erfolg ausführen zu können.

Und Reisegedanken waren es auch, die des Professors Geist augenblicklich

beschäftigten. Aber zu ihnen waren auch ärgerliche Vorkommnisse getreten

und hatten den Gelehrten in eine gewisse zornige Unruhe versetzt. Vor dem

Stuhle des Professors warf eine zierliche elektrische Lampe ihr Licht auf

einen Stoß von Papieren, die, mit Zahlen und Zeichnungen bedeckt, bunt

durcheinander geworfen, auf einem kleinen Tische seitwärts lagen.

Aufseufzend strich sich Professor Stiller mit der Linken über die hohe,

gedankenschwere Stirn.

»Diese lächerlichen Menschen, diese Blieder und Schnabel, die da in

eigensinniger Weise meinen Anordnungen nicht Folge leisteten und mir

dadurch schon oft den Bau meines Luftschiffes erschwerten, sind wahrlich

nicht wert, daß ich mich noch länger über sie ärgere! Dem Himmel Dank, daß

ich die folgenschwersten Dummheiten dieser beiden Erbauer meines

Luftschiffes immer noch rechtzeitig ausgleichen konnte! Weg also mit allem

Kleinlichen, Ärgerlichen! Diese Stunde soll Mars allein gewidmet sein!« Der

Gelehrte stand auf. »Ja, ja,« fuhr er nach kurzer Pause zu sprechen fort,

»ja, jetzt ist er in der Erdnähe, mein alter, rötlich strahlender Freund.

Für meine Ungeduld, ihn heute abend noch zu sprechen, stille Zwiesprache

mit ihm zu halten, erscheint er ziemlich spät. Und doch ist er der

Pünktliche, nie Fehlende!«

Professor Stiller sah auf seine Uhr. »11 Uhr 42 Minuten! Noch 55 Sekunden,

und Mars taucht im Osten auf. Rasch hinauf auf die Galerie und an das

Instrument!« Bald stand letzteres gerichtet. Einer kleinen Feuerkugel

gleich zeigte sich dem Auge des Beobachters der über dem östlichen

Horizonte langsam emporkommende Mars. Voll Entzücken betrachtete Professor

Stiller die ihm zugewandte Fläche des Planeten, auf der sich scharf und

deutlich schmale, schnurgerade Linien zeigten.

»Gerade diese schnurgeraden, vielfach in gemeinsamen Punkten sich

schneidenden Kanäle sind es, die in ihrer Künstlichkeit am deutlichsten und

unzweideutigsten für das Vorhandensein vernunftbegabter Wesen dort oben

sprechen,« kam es laut über die Lippen des Gelehrten. »Der Mars besitzt

trotz seiner Atmosphäre verhältnismäßig geringe Wassermengen. Daher sind

die Marsbewohner gezwungen, diesem Mangel durch künstliche Veranstaltungen

nach Möglichkeit abzuhelfen, die geringen Wassermengen derartig

auszunützen, daß, wenn ein Distrikt bewässert ist, die kostbare Flüssigkeit

einem andern zugeführt wird. Wie oft habe ich nicht schon diese Tatsachen

als Erklärung des zeitweisen Auftauchens und Verschwindens der Marskanäle

in Tübingen vom Katheder herunter verkündigt!« rief Professor Stiller voll

Begeisterung. »Ja, ein Volk mit hoher Kultur muß auf dem Mars wohnen, denn

nur ein solches vermag so wunderbar geniale, dem allgemeinen Wohl dienende

Bauten auszuführen,« fuhr der Professor in seinem lauten Monologe fort.

»Die Jahreszeiten auf dem Mars scheinen mir in erster Linie von dem

Schmelzen der Eismassen an seinem Süd- und Nordpole beeinflußt. Und dieses

aus den polaren Eiszonen abschmelzende Wasser leiten jene Wesen dort oben

zum Zweck der Befruchtung in die uns sogar von hier aus sichtbaren Kanäle.

Welch herrlicher, üppiger Pflanzenwuchs muß sich da längs der Kanäle, an

ihren Ufern entwickeln! Welch starke Vegetationsprozesse mögen sich dort

oben abspielen, wo das Wasser in richtiger Verteilung überallhin geführt

wird! Und was das wohl für ein Menschenschlag sein mag, der den Mars

bewohnt? Uns vielleicht um Jahrtausende an allgemeiner Bildung voraus!

Unmöglich wäre dies nicht. Ich muß sie kennenlernen wie den Boden selbst,

auf dem sich das Leben dieser Wesen abspielt.«

Voll Erregung trat Professor Stiller vom Teleskop zurück. Aber das lebhafte

Interesse an dem Gegenstande seiner Beobachtung trieb den Gelehrten rasch

wieder an das Instrument. So verfloß Stunde auf Stunde mit astronomischen

Forschungen und Berechnungen. Die funkelnden Sterne am Himmel verblaßten

allmählich, und der Wintermorgen begann langsam heraufzudämmern, als der

Professor endlich seinen Posten verließ und sich in sein warmes Heim

zurückzog, das sich in unmittelbarer Nähe der Sternwarte befand.

Ein leichter Nebel zog über das Neckartal herauf und lagerte sich über

Groß-Stuttgart. Vor der strahlenden Morgensonne aber zerfloß der dünne

Schleier rasch und ließ die Stadt, die sich im Laufe ihrer Entwicklung aus

dem Tale des Nesenbaches rechts und links am Ufer des Neckars vorgeschoben

hatte, in vorteilhaftestem Lichte erscheinen. Der Winter hatte seinen

Einzug noch nicht gehalten, und die bewaldeten Höhen des Neckartales trugen

daher noch kein Schneegewand. In der reinen, frischen Luft des

Dezembermorgens hoben sich klar und scharf die Türme und villenartigen

Bauten ab, die da und dort von höher gelegenen Punkten auf die zu ihren

Füßen liegende große Stadt herabschauten. Auch die alte Kapelle auf dem

Rotenberge paßte prächtig zu dem gesamten Bilde voll landschaftlicher

Anmut, durch das der Neckar, einem silbernen Bande ähnlich, seine Wasser

strömen ließ.

Ein großer, freier und ebener Platz mit kurzer Grasnarbe, der durch die

Abhaltung des schwäbischen Volksfestes von alters her weltberühmte

Cannstatter Wasen, unterbrach in angenehmer Weise das Häusermeer und war

von diesem nur auf einer Seite durch den Fluß scharf abgegrenzt. Am oberen

Ende dieses mehrere Kilometer langen Geländes erhob sich ein gewaltiger

Bretterbau.

»Luftschiff für die Mars-Expedition«

stand in Riesenbuchstaben an dem rotundenartigen Bau. Und darunter die

üblichen Worte:

»Unberechtigten ist der Zutritt strengstens verboten!«

Aus dem Innern des Gebäudes ließ sich augenblicklich nichts vernehmen, ein

Zeichen, daß die Arbeit an dem Werke entweder eingestellt oder vielleicht

schon beendet war.

Der Bau des Luftschiffes, das zum ersten Male, seitdem es überhaupt eine

Welt- und Völkergeschichte gibt, das schwierige Problem der Fahrt außerhalb

der Erdatmosphäre durch den unendlichen Ätherraum hindurch nach einem ganz

bestimmten Ziele hin lösen sollte, war den Herren Blieder und Schnabel

übertragen. Ersterer war Architekt, dem, allerdings nur in Stuttgart, viel

Erfahrung und Phantasie in der Ausführung kühner Projekte nachgerühmt

wurde, letzterer Professor der Mathematik an einer höheren Schule. Als

solcher war Herr Schnabel berufen, den Bau des Luftschiffes auf Grund

mathematischer Berechnungen zu überwachen und im übrigen als

wissenschaftlicher Beirat Herrn Blieder zur Seite zu stehen. Form und

Schwere, die in sinnreichster Art gebundenen elektrischen Energiemengen,

die zur Vorwärtsbewegung und Steuerung des Schiffes wie auch zur

Beleuchtung und Heizung der geschlossenen Gondel dienen sollten, all die

zahlreichen, äußerst wichtigen Bedingungen und Einzelheiten der Maschinerie

waren von Professor Stiller zusammen mit andern bedeutenden Kollegen der

Tübinger Universität bestimmt und genannten beiden Herren zur Ausführung

übertragen worden.

Nur zögernd, fast widerwillig hatte Professor Stiller sich zu dieser

Übergabe verstehen können. Blieder und Schnabel waren alte Bekannte von

ihm. Aus der Vorstadt Cannstatt stammend, waren sie mit ihm aufgewachsen,

doch hatten die späteren Jahre und die so ganz verschiedenen Interessen und

Bestrebungen Professor Stiller mehr und mehr von den beiden Jugendgenossen

getrennt. Die entstandene Kluft wurde in dem Maße größer, als Professor

Stiller auf dem steilen Wege der Forschung immer höher emporstieg. Als es

aber bekannt wurde, daß ein Professorenkollegium der Tübinger Universität

auf Grund eines lichtvollen Vortrages von Professor Stiller beschlossen

habe, auf Kosten des staatlichen Universitätsvermögens ein eigenartiges

Luftschiff zur Expedition nach dem Mars bauen zu lassen, da waren die

beiden Genossen ehemaliger Jugendstreiche schleunigst zu Herrn Stiller

geeilt.

Beide kitzelte der Ehrgeiz, ihre Namen weltberühmt zu machen, sie für ewig

mit dem »Weltensegler«, so sollte das Luftschiff heißen, verbunden zu

sehen. Ihren unermüdlichen Bitten um besondere Berücksichtigung unter

Anrufung der alten Jugendfreundschaft gab Professor Stiller endlich nach.

Er tröstete sich damit, daß von den übrigen für den Bau des Weltenseglers

in Frage kommenden Wettbewerbern schließlich keiner eine bessere Gewähr für

das Gelingen der Arbeit hätte bieten können als Blieder und Schnabel. Und

am Ende, ja, am Ende waren es doch auch Söhne des lieben Schwabenlandes wie

er selbst.

So war der anfängliche Widerwille des Gelehrten gegen die zwei »engeren

Stuttgarter« zurückgedämmt worden, um jedoch gegen das Ende des Baues desto

lebhafter wieder zu erwachen. Die Herren Blieder und Schnabel waren zwei

richtige Dickköpfe. Jeder glaubte für sich allein den Stein der Weisen

gefunden zu haben und hielt sich daher für berechtigt, den Plan des

Schiffes nach eigenem Gutdünken zu ändern. Nur der Wachsamkeit und der

rücksichtslosen Tatkraft Professor Stillers war es zuzuschreiben, daß sich

nach endlosen Kämpfen, schwerstem Ärger und Verdruß mit Blieder und

Schnabel der Bau des Weltenseglers im großen und ganzen in den Formen

hielt, die ihm der Gelehrte selbst gegeben.

Aber gestern mittag, als Professor Stiller die Baustätte besuchte, um sich

von der endlichen richtigen Fertigstellung des Ganzen zu überzeugen, an dem

seit vielen Monaten eifrig gearbeitet, und dessen Vollendung bereits in die

Welt hinausposaunt worden war (Blieder und Schnabel waren die Trompeter),

da hatte Professor Stiller in hellem Zorne wahrnehmen müssen, wie gerade

einige seiner wichtigsten Anordnungen von den Erbauern übersehen worden

waren. Die Arbeit, die bereits ruhte, mußte wieder von neuem aufgenommen

werden, und von neuem flickte man am Weltensegler herum. Dadurch verzögerte

sich natürlich der Aufstieg, unter Umständen stand sogar das Gelingen der

Expedition in Frage. Es war einfach, um aus der Haut und nicht nach dem

Mars zu fahren!

Wütend kam Professor Stiller nach Hause. Er brauchte mehrere Stunden, um

seinen Grimm zu meistern und sein gestörtes seelisches Gleichgewicht

wiederzuerlangen. Unmittelbar am Ziele seiner schon so lange gehegten

Wünsche, und nun von neuem auf die Geduldsprobe gestellt, das ertrage, wer

vermag! Professor Stiller konnte es nicht, und so kam es, daß er, unfähig

zu ernster Arbeit, mehrere Stunden in seinem Observatorium damit zubrachte,

sein etwas rasches, feuriges Blut zu beruhigen und den Ärger zu überwinden.

Jetzt saß der Gelehrte, eingehüllt in einen bequemen, molligen Schlafrock,

in seinem von der Sonne durchfluteten, geräumigen Studierzimmer, die

Beobachtungen der Nacht verarbeitend. Das Ergebnis war sehr günstig. Jetzt,

oder für lange Zeit, vielleicht für viele Jahre nicht mehr, war es möglich,

von der Erde aus den Mars zu erreichen. Es ist ein großer Unterschied, ob

ein Gestirn von der Erde nur 59 oder 400 Millionen Kilometer entfernt ist.

Der Mars hatte augenblicklich das Maximum seiner Erdnähe erreicht und

befand sich genau 59 Millionen Kilometer von seinem Nachbar entfernt. Die

langen Berechnungen des Professors hatten dies ergeben. Mit der Expedition

durfte daher nicht mehr lange gesäumt werden; jeder beträchtliche

Zeitverlust mußte auf das peinlichste vermieden werden. Wollte man den sich

rasch von der Erde wieder entfernenden Planeten unter vollster Ausnützung

der gerade bestehenden günstigen Gravitationsverhältnisse, der natürlichen,

gesteigerten Anziehungskraft überhaupt erreichen, so mußte mit jeder Stunde

gerechnet werden.

»Und da müssen gerade in diesem so überaus günstigen Augenblick die beiden

Langohre da unten« -- Professor Stiller schaute bei diesen Worten von

seinem Studierzimmer hinab gen Cannstatt -- »einen kleinen Strich durch

meine Rechnung machen!« Eine Blutwelle neu sich regenden Zornes stieg dem

Professor gegen den Kopf.

Da wurde an die Tür des Zimmers geklopft. Auf das laute Herein des

Gelehrten erschien dessen Diener und meldete die Herren Blieder und

Schnabel. »Lupus in fabula!« lächelte Professor Stiller vor sich hin,

erinnerte sich aber plötzlich, daß er gestern auf dem Wasen die beiden

Herren zu sich bestellt hatte und zwar für heute auf zwölf Uhr mittags. Ein

Blick auf die Uhr bewies die Pünktlichkeit der Besucher. Der Professor

erhob sich von seinem Stuhle und gab den Befehl, die Herren hereinzuführen.

»Pünktlichkeit ist Höflichkeit!« Mit diesen Worten begrüßte Professor

Stiller die Eintretenden. »Nehmt Platz,« fuhr er fort, »und sagt mir

sofort, ob binnen vier Tagen die von mir gestern gerügten Ausstände am

Weltensegler in Ordnung gebracht werden können; denn nächste Woche müssen

wir unbedingt hinauf, koste es, was es wolle.«

»Ich wüßte wirklich von keinem nennenswerten Fehler meinerseits, der den

Aufstieg des Luftschiffes hindern könnte,« meckerte Blieder mit seiner

blechernen Stimme.

»Was?« schrie der Professor erbost, »muß ich dir altem Baumeister, dem vor

lauter Genialität allerdings nichts einfällt, nochmals das wiederholen, was

ich dir gestern tadelnd sagte?«

An Stelle der Antwort begnügte sich Blieder, mit den Achseln zu zucken.

»In der geschlossenen Gondel kann ich keine Glasfenster brauchen, das

könntest du wissen, um so mehr, als ich dieses wichtigen Umstandes bereits

am Anfange, beim Entwurf des Planes gedachte,« entgegnete der Gelehrte.

»Ja, aber warum? Ich sehe wirklich nicht ein . . .«

»Mein lieber Blieder, du siehst allerdings weder ein noch aus. Deine in die

Gondel eingesetzten Spiegelgläser sind hart und spröde, den gewaltigen

niederen Temperaturen im Ätherraum gegenüber völlig widerstandslos. Also

hinaus mit den Gläsern, weg mit ihnen und ersetze sie durch elastischen,

widerstandsfähigen Glimmer. Der hält alle Temperaturen über und unter Null

gleich gut aus. Zwei Tage Zeit hast du dazu, und in diesen muß die Änderung

gemacht sein.«

»Aber wenn . . .« begann Blieder, wurde aber heftig durch den Professor

unterbrochen.

»Es gibt weder ein Wenn noch ein Aber. Sei froh, daß ich dir in Anbetracht

der Kürze der Zeit die mancherlei andern Unebenheiten hingehen lasse, deren

du dich bei der Konstruktion schuldig gemacht hast. Aber eine wichtige

Sache muß noch verbessert werden. Du dachtest nämlich nicht mehr daran,

obgleich du auch darauf aufmerksam gemacht wurdest, daß eine Gondel, die

während einer bestimmten Zeit der Aufenthaltsraum für eine mehrköpfige

Gesellschaft sein soll, auch eine Klappe für allerlei Abfallstoffe haben

muß. Wir benötigen ein paar solcher doppelten, auf das dichteste

schließenden Klappen, und zwar rechts- und linksseitig, beileibe nicht am

Boden.«

»Dort wären sie aber am einfachsten anzubringen.«

»Glaube ich,« erwiderte spöttisch lächelnd Professor Stiller, »wir wünschen

aber nicht unterwegs aus der Gondel zu fallen, sondern wollen womöglich

heil und gesund den Mars erreichen.«

»Aber im Innern längs der Gondelwand sind die Provianträume, unter diesen

die Akkumulatoren und . . .«

»So teile sie entsprechend ein, und die Sache ist geordnet. Sela! Nun zu

dir, Schnabel! Wovon meinst du, daß unsere Expedition unterwegs leben

soll?«

»Natürlich von den mitzuführenden Nahrungsmitteln, von Konserven und andern

guten Sachen, auch besten Neckarwein nicht zu vergessen,« antwortete

schmunzelnd der mit einem hübschen Bäuchlein ausgestattete, eß- und

trinkfeste Mathematiker.

»Den Wein vergessen wir auch nicht, sei unbesorgt, Schnabel. Aber von was

lebt denn sonst noch der Mensch außer von Speise und Trank?«

»Nun, von Luft!« entgegnete Schnabel etwas gereizt über diese Frage.

»Gewiß! Nur sage mir, woher wir denn die Luft auf unserer Reise beziehen

sollen. Im Ätherraume gibt es bekanntlich keine, und die vom Cannstatter

Wasen in der Gondel mitgenommene Heimatluft hält leider auch nicht lange

vor.«

»O zum Kuckuck! Es ist die Anlage für die feste Luft, die ich vergaß

anbringen zu lassen.«

»So ist es! Mache deinen Fehler so rasch als möglich gut. Blieder soll dir

dabei helfen. Ob die Anlage feste Luft enthält, werde ich dann selbst noch

prüfen; denn du wärest imstande, sogar die Füllung zu vergessen. Wie ich

dir gestern mittag schon sagte, ist auch die ganze Steuerungsanlage

fehlerhaft. An Stelle der Vermittlung durch die Welle hast du

unbegreiflicherweise die lebendige Kraft des elektrischen Stromes

unmittelbar auf die Aluminiumschraube übertragen.«

»Laut mathematischer Berechnung das einzig Richtige!« brummte Schnabel.

»Bleib mir hier mit deiner Mathematik vom Leibe, wenn sie solch

offenkundigen Unsinn zeitigt!« entgegnete zornig Professor Stiller. »Ich

trage die Verantwortung für die gewagte Expedition. Alles, was ihre Gefahr

irgendwie vermehren kann, muß ich nachdrücklich zurückweisen, alles dagegen

willkommen heißen, was zu ihrer Sicherheit und zum möglichen Gelingen

beizutragen vermag.«

»Als ob wir, Blieder und ich, nicht alles getan hätten, was du von uns

verlangtest! Aber natürlich, euch Allerhöchsten von der Universität ist

selten etwas recht zu machen.«

»So scheint es wirklich zu sein,« bestätigte seufzend Blieder.

»Darüber will ich mich mit euch nicht streiten, denn dies wäre eine höchst

zwecklose Sache. Sorgt lieber dafür, daß der Weltensegler nächste Woche

segelfertig ist. Höchste Zeit dafür ist es, soll die Reise überhaupt

gelingen. Seit Tagen schon drängen mich deshalb meine Kollegen in Tübingen,

denen ich als Zeit des Aufstieges die ersten Tage des Dezembers angegeben

hatte, und zwar als äußersten Zeitpunkt. Nun entsteht wieder eine

Verzögerung. Die Sache muß rasch zu Ende gebracht werden. Abgesehen von der

allgemeinen Lächerlichkeit, der wir uns aussetzen würden, wenn die Abreise

immer von neuem wieder verschoben wird, laufen wir überhaupt Gefahr, die

uns gebotenen günstigen Konjunkturen nicht voll und ganz ausnützen zu

können. Also sputet euch! Ich bitte dringend darum.«

»Wie lange wird die Reise dauern?« fragte Schnabel neugierig und bestrebt,

der ihm unangenehmen Unterhaltung eine freundlichere Wendung zu geben.

»Das hängt von jedem Tage, ja von jeder Stunde ab, die wir früher fahren

können,« entgegnete Professor Stiller. »Die für die Verbesserung der

gerügten Fehler eingeräumten weiteren vier Tage bedeuten für uns eine

höchst unliebsame Verlängerung der Reise. Mars hat jetzt das Maximum seiner

Annäherung an die Erde erreicht und entfernt sich nun von ihr wieder mit

jeder Minute. Wie lange unter diesen Umständen die Reise im Ätherraume

dauern wird, läßt sich nur ahnen, genau aber nicht sagen. Sobald wir

glücklich aus dem Anziehungskreise der Erde und des Mondes herausgekommen

und in den des Mars gelangt sind, wird die Reise außerordentlich rasch

vonstatten gehen trotz der gewaltigen Entfernungen, die wir zurückzulegen

haben. Dank der mächtigen, vom Mars ausgehenden elektromagnetischen

Strömungen der Anziehung werden wir diesem Planeten mit ganz fabelhafter

Schnelligkeit zufliegen, mit einer Schnelligkeit, die mindestens täglich

auf zwei Millionen Kilometer einzuschätzen ist. Immerhin rechne ich auch im

günstigsten Falle auf eine Reisedauer von mehreren Wochen. Der Vorsicht

halber nehmen wir aber für drei Monate Proviant mit uns.«

»Und wenn ihr den Mars nicht erreicht, wenn die ganze Reise mißlingt, was

dann?« forschte Schnabel.

»Dann, mein Lieber, geht es uns, wie es schon so manchem Forscher vor uns

gegangen ist und nach uns noch gehen wird: wir sind die Opfer, die Märtyrer

der Wissenschaft. Mit diesem Fall haben wir aber auch schon gerechnet, als

wir beschlossen, die kühne Fahrt zu unternehmen. Glücklicherweise sind

sämtliche übrigen Teilnehmer gleich mir keine Familienväter, sondern der

Mehrzahl nach jüngere Männer, die diesen Schritt in das Ungewisse,

Geheimnisvolle wagen und vor ihrem Gewissen verantworten können. Ich

persönlich rechne mit aller Sicherheit auf das Gelingen der Reise, auf den

Triumph der Wissenschaft.«

»Mit staunender Bewunderung sieht heute die ganze Kulturwelt auf uns und

unser Neckartal, wo so kühne Pläne vor ihrer Verwirklichung stehen, und

kommt ihr einst mit dem Weltensegler glücklich wieder zurück, so werdet ihr

in einer Weise empfangen und gefeiert werden, wie es noch niemals Menschen

vor euch geschah,« warf Blieder ein.

»Zuerst müssen wir nach dem Mars gekommen sein, bevor wir überhaupt an eine

Rückkehr denken können,« entgegnete Professor Stiller lächelnd. »Einige

Jahre dürfte unsere Abwesenheit von hier schon dauern; denn eine solche

ungeheure Reise erfordert begreiflicherweise auch außergewöhnliche

Zeitdauer. Und das interessanteste Studienobjekt ist der Mensch selbst, der

auf jenem fernen Weltkörper haust. Wie ihr wißt, beweisen uns unsere

teleskopischen Beobachtungen, daß es ganz besonders hochstehende Wesen sein

müssen, die dort wohnen. Wer weiß, ob sie uns nicht geistig wie körperlich

weit überragen.«

»Oder uns gegenüber noch sehr minderwertig sind, was auch nicht unmöglich

wäre,« bemerkte Schnabel hochmütig. »Auf keinen Fall möchte ich mit.«

»Du bleibst auch besser unten auf der Erde,« entgegnete Professor Stiller.

»Und nun haben wir genug geschwatzt. Eilt an eure Arbeit! In vier Tagen

werde ich auf den Wasen kommen und mich überzeugen, ob die gerügten

Anstände in Ordnung gebracht sind. Nächste Woche muß die Abreise des

Weltenseglers unbedingt stattfinden; ich betone dies nochmals mit allem

Nachdruck. Jeder weitere Tag des Wartens bedeutet für mich und mein an sich

schon aufgeregtes Nervensystem eine fürchterliche Qual. Sie zu vermindern,

liegt in eurer Hand. Ihr habt mir oft und viel Verdruß bereitet, macht

also, daß ich ohne allzu großen Groll von euch und dieser Erde scheiden

kann.« Mit diesen Worten entließ der Professor seine Besucher.

Zweites Kapitel

Die Abreise der Weltensegler

Für Professor Stiller und seine Gefährten vergingen die folgenden Tage in

fieberhafter Tätigkeit mit den Vorbereitungen zur Reise. Auch auf dem

Cannstatter Wasen in der Werkstätte des Weltenseglers herrschte wieder

regste Tätigkeit. Das Luftschiff war aus der gewaltigen Halle heraus auf

den großen, freien Platz davor gebracht und hier fest verankert worden. Nun

erst konnte man die riesigen Formen des Ballons richtig erkennen. Er hatte

eine länglich ovale Gestalt, ebenso die an ihm befestigte geschlossene

Gondel. Infolge dieser Ähnlichkeit machte die Gondel den Eindruck, als

befinde sich ein zweiter kleinerer Ballon unterhalb des großen,

gewissermaßen wie Mutter und Kind.

Die Länge des Luftschiffes betrug, von einer Spitze zur andern gemessen,

zweihundert Meter, die mittlere Höhe zwanzig Meter.

Das innere Gerippe des Ballons bestand aus einem Netzwerk von luftleer

gemachten, sehr dünnen, aber außerordentlich starken Metallblechröhren.

Darüber legte sich ein zweites, gleich konstruiertes Gerippe und über

dieses ein drittes. Wohl waren die drei Lagen unter sich verbunden, aber

doch so, daß auch jede einzelne für sich allein tätig sein und die Gondel

tragen konnte. Es war sozusagen ein dreifach übereinander gestülpter

Ballon.

Zur Anfertigung der Metallröhren wurde die von Professor Samuel Schwab in

Tübingen neu entdeckte Metallmischung, Suevit genannt, verwendet. Diese

Mischung zeichnete sich durch außerordentliche Leichtigkeit, fabelhafte

Widerstandsfähigkeit und gewaltige Tragkraft aus und stellte alle bis jetzt

in dieser Richtung bekannten Metallpräparate in den Schatten. Suevit

bestand der Hauptsache nach aus Aluminium, dem aber in bestimmtem

prozentualem Verhältnisse Wolfram neben etwas Kupfer und Vanadium

beigegeben war. Diese Legierung ließ sich zu feinstem Blech auswalzen, ohne

dabei von ihrer Widerstandskraft auch nur das geringste einzubüßen. Aus

diesem Blech nun wurden die Röhren geformt, die zur Anfertigung der drei

Ballongerippe dienten. Die Röhren waren nahtlos und wurden, nachdem sie auf

das sorgfältigste luftleer gemacht worden waren, mit dem neuen merkwürdigen

Gase Argonauton gefüllt.

Zur Umhüllung der einzelnen Metallgerippe diente das von dem leider zu früh

verstorbenen Eßlinger Großindustriellen Wilhelm Weckerle erfundene Gewebe

aus Seide und Leinen, das das Staunen und die Vewunderung der gesamten

Textilbranche erregte. Die Fäden dieses Gewebes wurden auf eigens dazu

gebauten Webstühlen mittels neuer Maschinen auf geistreiche Weise so

miteinander verknüpft, daß sie nahezu unzerreißbar und von wunderbarer

Glätte wurden. Jeder einzelne der drei Ballons wurde mit dem Stoff umhüllt,

dann erst wurde dieser so lange mit Kautschuklösung getränkt, als er

aufnahmefähig war. Durch dieses Verfahren wurde der Stoff für das Gas

vollständig undurchdringlich gemacht. Nichtsdestoweniger wurde der Vorsicht

wegen das Ganze noch mit einer dünnen Kautschukmasse umgeben und auf diese

endlich die Pillerinlösung aufgetragen, eine von Professor Piller in

Tübingen zu diesem Zwecke hergestellte Eisensilikatflüssigkeit. Sie gab dem

Überzuge eine einer Panzerung ähnliche Widerstandskraft, die selbst durch

Anwendung größter äußerer Gewalt kaum überwunden werden konnte. Der Ballon

stellte so das Ideal des starren Systems des Luftschiffes dar.

In dieser peinlich genauen Art wurden auch die einzelnen Bestandteile des

Ballons behandelt. Die Berechnung war so getroffen, daß auch nach einem

etwaigen Verlust der ersten, äußersten Hülle oder, was kaum anzunehmen war,

auch der zweiten mittleren, die innerste immer noch als selbständiges

Ganzes zu funktionieren und die Gondel zu tragen vermochte.

Auf diese Weise suchte Professor Stiller allen nur möglichen Gefahren im

Weltraum erfolgreich zu trotzen. Jede Ballonhülle war mit einer besonderen

Klappe versehen, die vom Gondelinnern aus dirigiert werden konnte.

Der Ballon war, wie bereits gesagt, mit dem neu entdeckten, spezifisch

unendlich leichten Gase Argonauton gefüllt. Kaum noch wägbar (0,01), besaß

das Argonauton die unschätzbare Eigenschaft, weder durch enorme Hitze

(+1350 Grad), noch durch größte Kälte (-500 Grad) irgendwie in seinem

Aggregatzustande beeinflußt oder gar verändert zu werden. Es war zur Zeit

noch das einzige wirklich beständige oder permanente Gas, das Rätsel der

Gelehrtenwelt.

Das Gerippe der Gondel bestand aus derselben Art von Röhren und einem

Überzuge aus Weckerleschem Gewebe, das in ähnlicher Weise wie der Ballon

mit Kautschuk überzogen und mit Pillerinlösung widerstandsfähig gemacht

worden war; Außerdem trug die Gondel noch eine dicke Isolierschicht aus

Asbest. Im Innern aber war sie dicht mit Pelzwerk ausgeschlagen; galt es

doch, dem Wärmeverlust im ungeheuer kalten Ätherraume, dessen Temperatur

auf 120 bis 150 Grad Celsius unter Null geschätzt wurde, nach Möglichkeit

vorzubeugen. An Sitz- wie Liegegelegenheit fehlte es in der Gondel nicht.

Ihr Inneres machte sogar einen äußerst wohnlichen und behaglichen Eindruck.

An den Längsseiten der zehn Meter langen und fünf Meter breiten Gondel

befanden sich in einer Art von Schränken die Vorräte von den

verschiedenartigsten Nahrungsmitteln.

Unterhalb der Vorratsräume liefen die Leitungen der elektrischen Apparate

für Heizung und Beleuchtung des Gondelinnern und diejenigen für die

Erneuerung der Luft. Die Fortschritte der technischen Wissenschaften hatten

es möglich gemacht, ganz gewaltige Mengen elektrischer Kraft auf einem

verhältnismäßig kleinen Raume festzulegen. Auf diese Weise nur war es dem

Weltensegler möglich, ohne nennenswerte Mehrbelastung diejenigen

Energiemengen an elektrischer Kraft mit sich zu führen, die in ihrer

umgesetzten Form als Licht und Wärme nicht nur die Existenz der

Gondelbewohner ermöglichen, sondern auch zur Vorwärtsbewegung und Lenkung

des Luftschiffes selbst dienen sollten. Für letztere Zwecke waren am

Ballonkörper selbst seitwärts, rechts und links, Luftschrauben angebracht,

die durch die elektrische Kraft von der Gondel aus in Tätigkeit gesetzt

werden konnten. Zur ebenfalls elektrisch betriebenen Steuerung dienten mit

dem imprägnierten Weckerleschen Stoffe bespannte, wagrecht wie senkrecht

einstellbare große, mit Suevitröhren eingefaßte Flächen. Dadurch war eine

Steuerung nach zwei Richtungen hin möglich, horizontal sowohl wie auch

vertikal.

Die in metallene Behälter eingeschlossene feste, kristallinische Luft, im

Augenblicke ihres Kontaktes mit äußerer, gasförmiger Luft sofort sich

verflüssigend und fein zerstäubend, nahm, trotz großer Vorratsmenge,

ebenfalls nicht allzuviel Raum und Gewicht in Anspruch.

So waren die wichtigsten, elementarsten Bedingungen erfüllt, die das

großartige Unternehmen zu einem erfolgreichen Ergebnis führen konnten. Seit

sich der Weltensegler im Freien befand, allen Augen sichtbar, strömte eine

Menge neugieriger Besucher herbei, um ihn zu bewundern, die Erbauer mit

Fragen zu bestürmen und sie um allerlei Auskunft zu bitten. Die Herren

Blieder und Schnabel befanden sich nun endlich in dem ihnen am meisten

zusagenden Elemente. Sie schwammen förmlich in Stolz, Wonne und erhöhtem

Selbstgefühl, waren sie doch in diesem Augenblick die wichtigsten und dank

ihrer Intelligenz als Erbauer auch die angesehensten Persönlichkeiten nicht

allein Groß-Stuttgarts, sondern sogar der gesamten Welt. Ihre Namen waren

in aller Munde. Was konnten sie mehr verlangen? Selten wird einem Irdischen

das große Los zuteil, allgemein mit Hochachtung genannt zu werden. Unter

den staunenden Besuchern des Cannstatter Wasens waren Vertreter aller

möglichen Völker erschienen, Gelehrte und Ungelehrte, Hochkultivierte und

Halbwilde, Männer, Frauen und Kinder, war es ja doch seit Monaten schon

durch Zeitungen und Spezialberichte überall, diesseits und jenseits der

Ozeane, bekannt geworden, daß das große, unerhört verwegene Wagnis einer

Reise nach dem fernen Mars anfangs Dezember vom Herzen des Schwabenlandes

aus zur Ausführung kommen sollte. Die Namen Blieder und Schnabel waren

daher in den fernsten Winkel des Erdballes getragen worden als die kühnen

Schöpfer des Luftschiffes, das als erstes die unendlichen Räume des

Weltenäthers durchschnitt.

Mit der Zunahme der Besucher stieg die allgemeine Erregung, als der Tag des

Aufstieges des Weltenseglers langsam näher rückte. Nach Hunderttausenden

wurden die Fremden geschätzt, die nach Groß-Stuttgart geströmt waren, um

das in seiner Art einzige Schauspiel zu sehen, ein Schauspiel, von dem noch

in den fernsten Zeiten als von einer wunderbaren Begebenheit gesprochen

werden mußte. Nur persönlich dabei zu sein, den Augenblick des Aufstieges

in seiner ganzen Wucht der Eigenart auf sich einwirken zu lassen, von

diesem einzigen Wunsche waren alle Besucher beseelt. Sie zahlten gewaltige

Preise für ihre Unterkunft. Wer mit dem Geld nicht verschwenderisch um sich

werfen konnte, fand weit und breit in und um Stuttgart herum keine

Unterkunft. Nicht nur waren die Gasthäuser bis unter das Dach hinauf

besetzt, nein, auch die Häuser von Privaten waren gefüllt. Noch niemals

hatte Stuttgart mit seiner Umgebung einen so ungeheuren Fremdenstrom

erlebt, wie in diesen Tagen.

Auf dem Wasen selbst war das Leben und Treiben der Menschenmenge nachgerade

lebensgefährlich geworden. Man stieß und drängte sich förmlich. Überall war

ein fürchterliches Pressen und Schieben, dazwischen ein Lachen und

Schimpfen und Wettern in allen Sprachen der Völker. Jeder und jede wollte

so nahe als möglich an den Weltensegler gelangen, an dieses Wunder der

Technik, dieses stolze Erzeugnis wissenschaftlicher Berechnung. Alle

wollten das Werk möglichst genau sehen und betrachten, womöglich auch

befühlen und einen Blick in die merkwürdig eingerichtete Gondel werfen;

sollte diese doch für viele Wochen der Aufenthaltsort der berühmten sieben

Gelehrten sein, die ohne Rücksicht auf ihr Leben die einem Märchen gleiche

Reise nach einer andern Welt unternahmen, einer Welt, die in

schwindelerregend weiter Ferne von der Erde sich befand.

Die Meinungen über das Gelingen oder Mißlingen der Expedition waren beim

Publikum noch immer geteilt. Darüber aber waren sich alle einig, daß das

Unternehmen an Kühnheit und Großartigkeit alles in den Schatten stellte,

was die Welt bisher gesehen, und daß die Männer der Expedition an Mut und

Entschlossenheit nicht ihresgleichen fanden.

So war der 7. Dezember herangekommen, der ewig denkwürdige Tag, an dem

nachmittags punkt vier Uhr der Aufstieg des Weltenseglers stattfinden

sollte. Kurz nach Tagesanbruch war Professor Stiller auf der Baustelle

erschienen. Die Herren Blieder und Schnabel befanden sich bereits auf dem

Platze und erwarteten den Professor. Ebenso waren sämtliche am Weltensegler

beschäftigte Arbeiter angetreten. Der Ballon wie die Gondel wurden einer

scharfen, eingehenden Besichtigung unterworfen. Die von Professor Stiller

gerügten Ausstände waren beseitigt. Einige kleinere Anstände, die der

Professor da und dort noch entdeckte, verbesserten die Arbeiter sehr rasch.

Nachdem auch das Kleinste geordnet war, stieg Professor Stiller in die

Gondel. Ihm folgten die Herren Blieder und Schnabel sowie einige der ersten

Arbeiter.

Die Taue, mit denen das Riesenluftschiff am Boden befestigt war, wurden

vorsichtig gelöst. Langsam, in stolzer Sicherheit erhob sich der

Weltensegler gen Himmel. Unterdessen hatte sich trotz der frühen

Morgenstunde eine Menge von Neugierigen auf dem Wasen eingefunden, die mit

Staunen und lauter Bewunderung den Bewegungen des Luftschiffes folgten.

Hoch oben in der Luft, kaum noch erkennbar, bald rückwärts, bald vorwärts

flog der Weltensegler, willig der Steuerung gehorchend wie das flinkste

Schiff im Wasser. In raschem Fluge und weitem Bogen zog das Luftschiff über

Stuttgart hin, kehrte wieder über den Ort des Aufstieges zurück und ließ

sich langsam und majestätisch genau auf dem Punkt nieder, von dem es

ausgegangen war.

Ein tausendstimmiges Bravo der Zuschauer, wie ein Donner klingend, belohnte

die gelungene Probefahrt. Nun konnte es tatsächlich keinem Zweifel mehr

unterliegen, daß ein so wunderbar schnell fliegendes und leicht lenkbares

Luftschiff wie der Weltensegler den höchsten aeronautischen Anforderungen

genügen, daß die Reise wirklich zu einem befriedigenden Ziele, zu einem

günstigen Ergebnis führen mußte.

Mit Befriedigung verließ Professor Stiller die Gondel. Die Sache war besser

ausgefallen, als er vor wenigen Tagen selbst noch geglaubt hatte. Sein so

lange genährter und auch berechtigter Unmut gegen die Herren Blieder und

Schnabel wich freundlicheren Gefühlen, als er sich von ihnen

verabschiedete. Gern übersah er deshalb auch, daß die Erbauer des

Weltenseglers eigentlich nur die Handlanger bei der Ausführung des

Erzeugnisses seiner eigenen Geistesarbeit gewesen waren, und gönnte ihnen

den leicht und billig verdienten Ruhm. Neidlos überließ er seine alten

Schulgenossen dem herbeiströmenden Publikum, das diese mit Glückwünschen zu

dem genialen Bau und der gelungenen Probefahrt des Weltenseglers

überschüttete.

Es ging auf ein halb vier Uhr nachmittags. Ein Meer von Menschen wogte auf

dem Wasen. Von Minute zu Minute stieg die Erwartung, denn bald sollten die

kühnen Weltensegler, die sieben berühmten Gelehrten, Deutschlands und

Schwabens Stolz und Zier, auf dem Wasen eintreffen, um in dem Luftschiff

mit dem so treffenden Namen die ungeheuerliche Reise anzutreten. Punkt ein

halb vier Uhr begannen die Glocken aller Türme von Groß-Stuttgart zu

läuten. Es war ein harmonisches, feierliches Konzert, würdig des

bevorstehenden ernsten und zugleich so großartigen Augenblicks. Aus dem

Tale des Nesenbachs heraus wie aus dem des Neckars verkündete der laute,

eherne Mund der Glocken das Hohelied von Mut, von Kühnheit und dem

Menschengeist, der sich über den einengenden Erdenkreis hinaus erhob und

sich einen Verkehr mit jenen fernen, geheimnisvollen Welten anzubahnen

anschickte, der seit Beginn der menschlichen Kultur bis zur heutigen Stunde

das hoffnungslose Sehnen und Wünschen der Edelsten und Besten gewesen war.

Jetzt endlich, nach Jahrtausenden, sollte dieses Sehnen Erfüllung finden,

der Verwirklichung entgegengehen. Kein Wunder, daß die gesamte Welt mit

atemloser Spannung nach der Hauptstadt des Schwabenlandes blickte, wo eine

solche Großtat vollbracht werden sollte.

Nach allen Richtungen der Windrose flogen von dem Cannstatter Wasen die

Telegramme der Berichterstatter. Ein großes Depeschenbureau war für diesen

Zweck in unmittelbarer Nähe des Weltenseglers errichtet worden. Auf dem

Wasen selbst war die Erregung der Massen nachgerade aufs höchste gestiegen.

Die feierlichen Akkorde der Glocken hatten bei der Menschenmenge ein

erhebendes, sonntägliches Gefühl erweckt, und als fünf Minuten vor vier Uhr

die Glocken plötzlich mit einem Schlage verstummten, da herrschte auf dem

weiten Platze die ernste, erwartungsvolle Stille der Kirche.

Die Sonne stand schon tief im Westen. Ihre rotgoldenen Strahlen spielten

wie Abschied nehmend an dem Weltensegler und ließen das gewaltige, kaum

sich bewegende Luftschiff wie mit einem Heiligenschein umgeben erscheinen.

Da ertönten von der Neckarbrücke her Hurrarufe. Sie pflanzten sich fort und

wurden zu einem betäubenden Willkommen. Aus Hunderttausenden von Kehlen

stieg brausender Begrüßungsruf, als die Menge der sieben Gelehrten

ansichtig wurde, deren Namen von Mund zu Mund gingen, und deren Bildnisse

in ungezählten Exemplaren gekauft worden waren. Die Herren vertraten

folgende Fächer:

Prof. Dr. Siegfried Stiller, Astronomie, Physik und Chemie,

Prof. Dr. Paracelsus Piller, Medizin und allgemeine Naturwissenschaft,

Prof. Dr. David Dubelmeier, Jurisprudenz,

Prof. Dr. Bombastus Brummhuber, Philosophie,

Prof. Dr. Hieronymus Hämmerle, Philologie,

Prof. Dr. Theobald Thudium, Nationalökonomie,

Prof. Dr. Friedolin Frommherz, Ethik und Theologie.

In einem Autoelektrik sitzend, fuhren die Herren langsam durch die sich vor

ihnen öffnende Menschenmauer der Baustelle des Weltenseglers zu. Ernst und

voll Würde grüßten die kühnen Reisenden die ihnen zujubelnde Menge. Am

Weltensegler angelangt, verließen sie den Wagen, und Professor Stiller

bestieg die in aller Eile und in letzter Stunde noch aufgerichtete

Rednertribüne, um von da aus einige Worte des Abschiedes an die nächste

Umgebung zu richten.

»Verehrte Damen und Herren, werte Freunde und Kollegen von nah und fern

dieses kleinen Erdenballes! Die Geschichte unseres Planes ist Ihnen ja

allen bekannt. Heute ist er verwirklicht insofern, als es uns gelungen ist,

ein Luftschiff zu konstruieren, das nicht nur die Atmosphäre unserer Erde

mit Leichtigkeit durchschneiden, sondern auch -- und dies ist der

springende Punkt -- den Ätherraum selbständig durchfliegen soll. Alle hier

in Frage kommenden, ungeheuer verwickelten wissenschaftlichen Bedingungen,

die vorher erfüllt werden mußten, um unsere Reise nach dem Mars zu

ermöglichen, will ich nicht weiter erwähnen. Dies würde mich auch viel zu

weit führen. Aber für meine heilige Pflicht halte ich es, in dieser Stunde

des Abschiedes laut und offen zu erklären, daß möglicherweise unsere Reise

von manchen Faktoren ungünstig beeinflußt, durch diese »Unbekannten«, die

wir hier auf unserm Planeten nicht in den Kreis unserer Berechnung zu

ziehen vermochten, vielleicht auch zum Scheitern gebracht werden kann.

Diese Erkenntnis schützt uns vor Selbstüberhebung, sie zeigt uns aber auch

klar die Gefahren unserer Expedition. Nicht Leichtfertigkeit, sondern die

vorwärts treibende Wissenschaft, der Durst nach Aufklärung ist es, der uns

unser eigenes Leben nicht achten, sondern in den Dienst der allgemeinen

Forschung stellen läßt.

Ob und wann wir uns je in diesem Leben wiedersehen werden, kann heute

niemand von uns sagen. Kommen wir in einer Reihe von Jahren nicht mehr

zurück, so weihen Sie unserm Andenken eine stille Träne. (Allgemeine

Rührung.) Wir sind eben dann die Opfer unseres Berufes geworden. Aber

ebensogut ist es möglich, daß wir Ihnen einmal später von den Wundern einer

andern Welt berichten können. Leben Sie daher alle, alle wohl, und nehmen

Sie zum Abschiede meinen und meiner Kollegen herzlichen Dank für Ihr

Erscheinen hier, für Ihre Anteilnahme an unserm Unternehmen.«

Beifallsstürme brachen los, als Professor Stiller seine Rede beendigt hatte

und nun gemessenen Schrittes von der Tribüne herabstieg. Wieder trat eine

lautlose Stille ein, als die Gelehrten einer nach dem andern in die Gondel

stiegen. Professor Stiller war der letzte, der die Strickleiter zur Gondel

hinaufkletterte. Er winkte noch mit der Hand, dann schloß sich die kleine

Tür. Das Klingeln einer elektrischen Glocke war das Signal zum Lösen der

Taue. Der Weltensegler hob sich. Ruhig, gerade stieg er hinauf in den mehr

und mehr heraufziehenden Winterabend. Kleiner und kleiner wurde der

mächtige Ballon, größer und größer die Entfernung zwischen ihm und der

Erde, dann verschwand er vor den Augen der Zurückgebliebenen, die sich

schweigend unter dem machtvollen Eindruck des Geschehenen nach und nach

zerstreuten.

Am Abend dieses bedeutungsvollen Tages gab der hohe Rat der Stadt Stuttgart

zu Ehren der Herren Blieder und Schnabel, der Erbauer des Weltenseglers, in

dem glänzend erleuchteten, prachtvoll geschmückten Cannstatter Kursaal ein

prunkvolles Festmahl. In mancherlei Reden wurden die Herren als die im

Augenblick berühmtesten Männer und hervorragendsten Leuchten ihrer

Vaterstadt gefeiert. Tränen der Freude liefen den beiden Herren über die

gut genährten Wangen, als sie so offen ihr Loblied aus dem Munde der

hochwürdigen Stadtväter singen hörten. Allerdings behaupteten böse Zungen

später, Blieder und Schnabel hätten nur deshalb geweint und nicht mit

Worten zu danken vermocht, weil sie schon zu viel des guten Weines

getrunken und den Zungenschlag bekommen hätten. Aber böse Zungen sind ja

immer dabei, wenn es gilt, die Verdienste anderer zu schmälern.

Beim Festmahle erreichte die allgemeine Rührung ihren Höhepunkt, als den

Herren Blieder und Schnabel auf ihre etwas großen Köpfe je ein mächtiger

Lorbeerkranz gepreßt wurde. Am Schlusse des Mahles verkündete der Herr

Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt, daß Herr Architekt Adolf

Blieder und Herr Professor Julius Schnabel auf Grund ihrer Leistungen bei

dem kühnen Bau des Weltenseglers aus dem Stande der gewöhnlichen Bürger der

Stadt herausgehoben und in die kleine Gemeinde der Ehrenbürger versetzt

seien. Die Überreichung der Ehrendiplome unter den rauschenden Klängen des

Stuttgarter Stadtmarsches schloß die erhebende Feier erst um die

mitternächtliche Stunde.

Drittes Kapitel

Zwischen Himmel und Erde

Keine nennenswerte Luftströmung störte den fast senkrechten Aufstieg des

Weltenseglers. Noch befand sich das Luftschiff im Bereich der

Erdatmosphäre. Allerdings machte sich die erreichte Höhe durch den

verminderten Luftdruck und das Sinken der Temperatur auch im Innern der

Gondel fühlbar. Professor Stiller, als Leiter des Ganzen, schlug daher vor,

zunächst einen bescheidenen Abendimbiß einzunehmen, wohl den letzten in der

Nähe der Mutter Erde, von der die Expedition nach dem Stand des Barometers

schon siebentausend Meter entfernt war. Der Vorschlag fand allseitige

Billigung. Die Herren ließen sich die ausgezeichneten Stuttgarter Fleisch-

und Backwaren vortrefflich schmecken, und dem an den sonnigen Halden des

Neckartales bei Cannstatt gewachsenen Zuckerle, so hieß der mitgenommene

gute Rotwein, wurde wacker zugesprochen, soweit eben die Herren Gelehrten

keine Abstinenzler waren.

Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars. · 第 1 / 10 段