Ich kann mir wohl denken, daß in einem genialen Menschen auch ein geniales
un- oder unterbewußtes sich Vorsehen waltet, so wie einer im Traumwandeln
dem überall drohenden Tode instinktiv ausweicht.
Napoleon im Kugelregen.
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Wie nahe Furcht und Mut zusammenwohnen, das weiß vielleicht am Besten, wer
sich dem Feind entgegenwirft.
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Phantasie ist ein Göttergeschenk, aber Mangel an Phantasie auch. Ich
behaupte, ohne diesen Mangel würde die Menschheit den Mut zum
Weiterexistieren längst verloren haben.
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Was wirkt am innerlich glühenden Menschen _nicht_ übertrieben? Steht er
nicht ewig wie unter lauter Großmüttern und Großvätern? Und geht und
spricht er drum nicht am liebsten zu -- Kindern?
1908
Dieser Brief wäre an _Dich_ gerichtet, von dem ich zehn Jahre nichts mehr
gehört noch gesehen habe? O nein, wie wäre das möglich. Er ist an das Bild
gerichtet, das ich von damals und früher von Dir in mir trage, das ich
zwar zu modifizieren versucht habe, aber mit nicht größerem Glück als der
Bildhauer, der Deinen Kopf vor 10 Jahren geformt hätte und nun unternähme,
die 10 Jahre Veränderung hineinzubringen, ohne das also veränderte
Original vor sich zu haben.
Und Dein Brief, meinst Du, wäre an _mich_ gerichtet?
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Es ist rührend, dem Erklären und Beschreiben feiner Historiker und
Psychologen zuzusehen: mit wie geschickten Fingern sie das Leben
zergliedern, zerfasern -- und wie dennoch das Geheimnis dieses Lebens
unberührt bleibt.
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Manche Menschen machen sich vor andern so klein wie möglich, um -- größer
als diese zu bleiben.
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Dem Worte Größenwahn ist noch nie das Wort Kleinheitswahn oder
Niedrigkeitswahn gegenübergeprägt worden. Und doch ist dieses Leiden so
verbreitet, daß ganze Völker noch nicht darüber hinausgekommen sind, sich
als bloße Tiere zu empfinden, zu gebärden und zu behandeln.
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Mein Satz: Dummheit als absolut notwendiges Retardivum.
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Ein berühmter Arzt ist wie eine junge Millionenerbin. Er weiß nie, wie
weit man ihn als Menschen und nicht nur als Arzt liebt.
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Wie wohl kann das Geräusch einer Säge oder einer arbeitenden Lokomotive
tun, ein Hämmern, ein Türenschlagen, ja selbst ein Wagenrasseln, wenn man
wund und weh daliegt und nach einfachen kräftigen Grüßen des Lebens
hungert.
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Jedes Wort ist notwendig Pol. Im Innern sind wir nur als Wortlose, sind
wir nur, sobald wir bloß _sind_, unser Sein bloß _fühlen_. Daher das tiefe
Friedensgefühl, das wir allem Vegetativen beilegen und beilegen dürfen.
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Im Schachspiel offenbart sich durchaus, ob jemand Phantasie und Initiative
hat oder nicht.
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Wahrlich eine verderbliche Lehre: es sei die Bestimmung des Weibes, Gattin
oder Mutter zu werden. Damit wird das Weib als Mensch, als Individuum
völlig ausgeschaltet, als hätte es an sich überhaupt keinen Wert, keinen
Sinn, keine Entwickelungsmöglichkeiten, habe überhaupt nur in Beziehung
auf Gatten und Kind Existenzberechtigung. Möchten sich doch alle darüber
klar werden, daß wir außer Männchen und Weibchen auch noch _Menschen_
sind.
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Im Sohn will die Mutter Mann werden.
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Das ist die Gefahr von uns Künstlern: Wir empfinden z.B. einen
aufgestützten, entblößten Frauenarm von so hinreißender Schönheit, daß wir
ganz vergessen, daß er einer bestimmten Frau gehöre. Und wenn wir zu
dieser Frau nun in Liebe entlodern, so ist es eigentlich die Schönheit des
Weibes, des Menschen überhaupt, die wir anbeten, weniger sie selbst. Und
da setzt leicht die Tragödie ein.
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Ein Mädchen gefällt uns nicht so sehr etwa um ihrer Augen willen, als ihre
Augen um seinetwillen, das heißt um seiner ganzen imponderablen
Persönlichkeit willen.
1909
Das Weib mischt uns ins Leben hinein.
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Leichtsinn und Geduld, zwei weibliche Haupteigenschaften.
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Natürlichkeit, Schwester der Freiheit (und Einfalt).
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Es ist schauerlich, Klavier spielen zu hören, während man über Berge und
Täler hinwegblickt und die Erde als eine ihrer unzähligen Schwestern mit
sich im unendlichen Räume schweben und kreisen fühlt.
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Ein gewisses Maß von Schelten gehört wohl zum Leben. Schelten in seiner
sublimiertesten Gestalt, als philosophischer, ja, als religiöser
Pessimismus, dürfte ebenso nur eine Art von Ventilierung sein, wie der
mehr oder minder gerechtfertigte Ärger des Eintags. Alles in Allem möchte
hier ein Zuchtproblem vorliegen, das nur selten gelöst werden wird; wenn
nämlich dies ganz große Zucht (also ganz großer Stil) ist: ein
leidenschaftlich empfindsamer Geist und doch zugleich ein _Weiser_ zu
sein.
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Die Meisten wissen garnicht, was sie für ein Tempo haben könnten, wenn sie
sich nur einmal den Schlaf aus den Augen rieben.
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Manche Menschen treiben leicht ab. Unversehens sind sie anderswo, als wo
man sie haben will, als wo sie sich selbst haben wollen.
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Darum können Zeitungen so sehr schaden, weil sie den Geist so unsäglich
dezentrieren, recht eigentlich zer--streuen.
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Wer sich überhebt, verrät, daß er noch nicht genug nachgedacht hat.
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Vielen ist Reisen ein Ersatz für Leben. Es gibt oft nichts
Schmerzlicheres, als solches zu erkennen.
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Wenn die Mehrzahl der Menschen das Kleine nicht so viel wichtiger nähme
als das Große, würde das Große nie auf seine Rechnung kommen. Wenn der
Mensch sich mehr um den Himmel als um die Erde kümmerte, würde nicht nur
die Erde, sondern auch der Himmel verkümmern. Der Geist ist nicht umsonst
in die Materie herabgestiegen.
1910
Wie schön ist es, das Auge von einem schönen Buch, in das man versunken
war, zu einer schönen Landschaft aufzuschlagen. Dieser kurze Übergang von
chiffrierter Geisterwelt in symbolische, dieser jungfräuliche Augenblick
unbewußten Staunens ist einzig.
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Alles was nicht leicht verstanden wird, reizt leicht. Die edelste Musik
kann so z.B. ebenso wie die tiefste Philosophie Gegenstand erbitterter
Gegnerschaft werden.
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Solange das Tier noch gegessen wird, solange wird es seinen Esser auch
besitzen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Oder glaubt man wirklich, es sei
keine Beziehung zwischen der Dummheit des Kalbes, der Kuh, des Ochsen und
der ihrer Verzehrer, es übertrage der Hammel, das Schwein, der Fisch usw.
nicht ganz besondere psychische Hemmungen oder Reize?
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Es gibt nichts Schwereres, als einen Menschen, den man liebt, einen Weg
gehen lassen zu müssen, der zur nächsten Stadt führt, statt auf den
nächsten Gipfel.
1912
Für den Trägen gibt es nichts Aufreizenderes als die unaufhörlich
fortschreitende Zeit. Er fühlt, wie sie über ihn hinweggeht und stammelt
ihr in dumpfem Ingrimm seine Verwünschungen nach.
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Was gegen die höchsten, reinsten Empfindungen ausgespielt wird, sind
nichts als die gleichen Empfindungen, nur noch mehr oder minder vor ihrer
Katharsis. Wie kann man den Satz nachsprechen: Gott ist die Liebe, und an
anderer Stelle der Meinung sein, eine vom Tierischen ganz losgelöste
seelisch-geistige Liebe sei -- wohl vielleicht eine reinere, aber auch
eine kühlere, blassere, ohnmächtigere Liebe!
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Es gibt Seelen, zu schamhaft, Wege der tieferen Erkenntnis beschreiten zu
wollen. Sollten sie als 'von Gottes Stamme' nicht noch zu wenig stolz sein
und als Arbeiter an Gottes Reiche nicht noch zu wenig demütig?
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Welcher Erfahrene kennt nicht im Geistes- und Empfindungsleben den Zustand
des Federsträubens der Vögel.
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Ich machte die Beobachtung, daß Menschen, die beim Beifallklatschen die
Arme weit von sich, ja fast über Kopfeshöhe ausstrecken, in einer zugleich
wunderlichen und schmerzlichen Weise den Anblick ungeduldig Bittender,
ungeduldig -- Betender gewähren, eine Vorstellung, von der sie selbst
nicht das Geringste ahnen und die doch nichts weniger als ihre ganze
dürstende Seele -- in einem doppelgängerischen Bilde gleichsam --
enthüllt.
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Die Anzahl der geistigen Foltermittel, die wir heute noch unter- wie
gegeneinander bewußt oder unbewußt anwenden, ist groß. Eines davon ist das
Fragen. Es gibt Menschen, die so wenig wie möglich gefragt sein wollen;
wohlverstanden: nach Unwesentlichem. Und Gegenstücke dazu: Menschen, die
fast keine andere Interpunktion kennen, als das Fragezeichen.
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Wie mancher muß sich auf Kosten seiner Vergangenheit lieben lassen. Diese
Vergangenheit hat ihm vielleicht ein gutartiges Gesicht gegeben. Älter
werdend aber erkennt er mehr und mehr auch das Böse in sich. Nun aber
hängt ihm seine Miene wie ein Schild vor, das nur die eine Seite seines
Wesens anzeigt.
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Gewiß hat der Mann die moderne Kultur geschaffen, aber sie ist denn auch
nur für ihn ein so ungeheurer Ruhmestitel. Er selbst würde vermutlich nie
an dieser kompakten Errungenschaft vorbeikommen, wenn es nicht Frauen
gäbe, die, ohne seinen 'Geist der Schwere' himmlisch unbefangen daran
vorüber und dem entgegenschritten, was ihrer Seele -- denn für sie gibt es
in der Tat und horribile dictu noch eine Seele -- not und wohl tut.
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Wie ein Wind über ein Ährenfeld, so ging diese durchfahrene Viertelstunde
über seine bewegliche Seele.
1913
Takt erfordert vor allem Phantasie. Man muß viele Möglichkeiten der
fremden Seele überschauen, viele Empfangsmöglichkeiten und danach, was man
geben kann, einrichten.
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Es gibt Naturen, die für sich allein Stunden lang mit ihren Freunden und
Bekannten reden, während ihnen in deren Gegenwart jeder Gesprächsstoff
entfallen ist.
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Du wohnst in einem Hause, das viele Menschen mit dir zugleich bewohnen.
Einer dieser Hausgenossen ist ein auf den Tod Kranker, von dem du weißt,
und viele der andern wissen es mit dir, daß ihm jeder Lärm, vor allem jede
irgendwie laute und grelle Musik zur vollkommenen Folter und Marter wird.
Da erscheint ein Mann mit einer Ziehharmonika vor dem Hause und fängt an
seine Operetten zu spielen. Dein erster Gedanke ist: Dem Mann muß sofort
ein Geldstück gegeben werden, das ihn veranlaßt, sein Spiel einzustellen
und weiterzugehen. Aber du kannst es nicht, denn du liegst selbst zu Bett
und deine Bedienung ist ausgegangen. Aber das ganze übrige Haus! Einer
wird doch gleich dir auf den Gedanken kommen, wenigstens einer aus der
nächsten Umgebung des Kranken. Niemand rührt sich. Der Musikant spielt
eine Viertelstunde lang, er überbietet sich.
Wie dieses Haus, so ist das Haus der Welt. Einer darinnen vielleicht hat
jeweilig den rechten ursprünglichen Gedanken -- den Gedanken, der sich im
Grunde von selbst versteht -- aber er ist an seiner Ausführung gehindert.
Vielen andern geht auch noch so etwas Ähnliches durch den Sinn -- aber sie
lassen es beim Gedanken von vornherein bewenden. Ermiß daraus die Kraft
der _Originalität_ des Menschen, berechne daraus die Möglichkeit, die
Wahrscheinlichkeit einer wahrhaft originellen Handlung.