1891
Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man
verstanden wird.
1892
Ich halte es nicht für das größte Glück, einen Menschen ganz enträtselt zu
haben, ein größeres noch ist, bei dem, den wir lieben, immer neue Tiefen
zu entdecken, die uns immer mehr die Unergründlichkeit seiner Natur nach
ihrer göttlichen Seite hin offenbaren.
1895
Glocken um Neujahr: wie der gewaltige Herzschlag einer starken
unbesiegbaren Lebenshoffnung.
* * * * *
Unten am Fenster ging Meta vorüber. Mein Herz klopfte hörbar. Es klopfte
so heftig, daß ich unwillkürlich "Herein!" sagte. Und das Tor meiner
Traumwelt tat sich ein ganz klein wenig auf und herein schlüpfte: die
Liebe.
1896
Es ist eine Kunst für sich, einen Brief zur rechten Zeit ankommen zu
lassen. Man vergißt ihrer gewöhnlich. Und doch -- wie oft ein intimes,
beschauliches Gespräch am Morgen keine Hörer an uns fände, so mutet uns
ein Brief morgens und abends anders an.
* * * * *
Einer der seltsamsten Zustände ist das dunkle und unvollkommene
Bewußtsein, das wir von der Form und dem Ausdruck unsres eigenen Gesichtes
haben. So wird mir oft von diesem und jenem Gesichtsausdruck erzählt,
hinter dem sich jedoch durchaus nicht das verbirgt, was man aus ihm
schließen zu sollen glaubt.
* * * * *
Es ist ein furchtbarer Gedanke: ich halte die Hand vors Auge und das ganze
Zimmer liegt im Dunkel usw.
* * * * *
Das ist ein äußerst merkwürdiges Gefühl, wenn man sich frühmorgens Gesicht
und Kopf abreibt und sich dabei vorstellt: nun hast du deine Gedanken mit
gewaschen und abgetrocknet.
* * * * *
An den Glockensträngen der Stimmungen.
1897
Es ist schön, zu denken, daß so viele Menschen heilig sind in den Augen
derer, die sie lieben.
* * * * *
Es gibt kaum eine größere Enttäuschung, als wenn du mit einer recht großen
Freude im Herzen zu gleichgültigen Menschen kommst.
* * * * *
Ein Weib ohne Bescheidenheit ist dem Manne das Greuel aller Greuel.
* * * * *
Daß der moderne Mensch nicht schreien soll, ist eine seiner qualvollsten
und verderblichsten Forderungen an sich selbst.
* * * * *
Der Mann mit Luftballons: Ideale! Kauft Ideale!
* * * * *
Je mehr Bewegung man in seinem Geiste auffaßt, je glücklicher ist man.
Überall die Bewegung aufzeigen, das schafft das meiste Glück.
1904
Bild:
Erinnerungen, in den Abgrund des Vergessens fliehend (gleitend, fliegend).
Die am nächsten schwebenden Gestalten sind schon fast in Nebel zerflossen.
* * * * *
Von der Prahlsucht der Kinder: Wille zur Macht überall versteckt.
* * * * *
Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise des Endlichen vom
Standpunkte des Unendlichen aus. Oder: Humor ist das Bewußtwerden des
Gegensatzes zwischen Ding an sich und Erscheinung und die hieraus
entspringende souveräne Weltbetrachtung, welche die gesamte
Erscheinungswelt vom Größten bis zum Kleinsten mit gleichem Mitgefühl
umschließt, ohne ihr jedoch einen anderen als relativen Gehalt und Wert
zugestehen zu können.
* * * * *
Tragikomödie:
Ein Mensch, der seine Gründe, mit denen er bejaht oder verneint, nicht
mehr ernst nimmt, sondern unter sie hinab in sein triebhaftes Wesen
taucht.
1905
Es ist das Vorrecht junger Mädchen, von Zeit zu Zeit aufzuschreien.
* * * * *
Der Mann hat sein Ziel und das Weib hat seinen Sinn.
* * * * *
Zur Ehe: Ein Ballon captif kann den Himmel nicht erfliegen.
* * * * *
Es gibt Menschen, die sich immer angegriffen wähnen, wenn jemand eine
Meinung ausspricht.
* * * * *
Über den Wassern deiner Seele schwebt unaufhörlich ein dunkler Vogel:
Unruhe.
* * * * *
Es gibt keine Seele, die nicht ihr Wattenmeer hätte, in dem zu Zeiten der
Ebbe jedermann spazierengehen kann.
* * * * *
Mir macht es oft Mühe, deine Gedanken zu denken, aber du wirst niemals
meine Empfindungen haben.
* * * * *
Manchmal wird mir die ganze Psychologie verdächtig, wenn ich bemerke, daß
auf eine richtige Kombination schon bei den alltäglichsten Dingen so und
so viele falsche kommen. Ja, wenn ein Mensch im Prinzip so denken und
empfinden müßte, wie die andern!
* * * * *
Das schwer Übersichtliche, das nicht recht Durchdringliche -- damit lockt
uns das Leben selbst immer weiter und damit lockt auch der platteste
Betrüger noch -- und gewinnt.
* * * * *
Das Geheimnisvolle ist schlechtweg der sicherste Reiz an den Dingen. Zum
Beispiel ein altes Haus, eine Landschaft, die mehr noch verbirgt als
zeigt. Ibsen hat darum von jeher gewußt. (Vielleicht zu sehr _gewußt_.) Es
ist eine Art Dämmerluft um die Dinge. Wie mystisch wirken z.B. nachts die
Häuser einer Stadt. Solch ein Haus mag noch so häßlich sein, nachts wirkt
es mit dem ganzen Zauber eines unbegreiflichen Behältnisses
unbegreiflicher Wesen, die namenlos und unerklärlich geworden sind, wie es
selbst.
* * * * *
Warum fühlen wir uns so zum Romanischen als dem wesentlich Formalen
hingezogen? Weil wir selbst vielleicht nur zu fähig sind zu zerfließen,
uns metaphysisch zu interpretieren, uns mystisch zu entindividualisieren
und zu 'vergöttlichen' und dafür das einzubüßen, was starke Völker und
Zeitalter unter einer großen, starken Erdenpersönlichkeit verstanden
haben.
* * * * *
Der gesunde Mensch ist schön und sein Zustandekommen erstrebenswert. Aber
es muß ein bißchen irgendwelcher Krankheit in ihn kommen, daß er auch
geistig schön werde.
* * * * *
Möglichst viel Glück sagt man. Aber wie, wenn die höchste Glücksempfindung
einen Menschen voraussetzte, der auch Allertiefstes _gelitten_ haben muß?
Wenn Glücksgefühl überhaupt erst möglich wäre in einem durch Lust und
Unlust gereiften Herzen? Wer möglichst viel Glücksmöglichkeiten fordert,
muß auch möglichst viel Unglück fordern oder er negiert ihre
Grundbedingungen.
1906
Blicke um dich ins Leben, zergliedere die Schicksale jedes einzelnen
derer, die du kennst und frage dich, ob es etwas andres als eine fast
unerklärliche Illusion ist, die alle diese Menschen das Leben als
lebenswert empfinden und preisen läßt. Ob das große Glück eine andere
Rolle spielt als die eines zeitweisen Wetterleuchtens, ob nicht vielmehr
die Gewohnheit und das kleine, das ganz minimal dosierte Glück es ist, was
dem Menschen das wahre Gesicht seiner Tage verschleiert.
* * * * *
Ich frage mich oft, welches der wünschenswertere Typus von beiden ist: der
mehr geistige Mensch, für den es nichts Abstoßenderes gibt, als das
Uninteressante, oder der mehr gemütliche, für den es schlechtweg nur
Anziehendes und Abstoßendes gibt.
* * * * *
Das ist das Ärgste, was einem Menschen geschehen kann, aus einem
Fließenden ein Starrer (ja auch nur ein Stockender) zu werden. Das erkennt
mancher und nährt Friedlosigkeit in sich oder unaufhörlichen Zweifel (so
tat ich es), oder er ergibt sich einem Streben nach fast Unmöglichem,
Ungeheurem. Manche aber überlassen sich ihrer natürlichen Liebe zu Welt
und Mensch und damit geraten sie denn bald in die Strömung unendlichen
Lebens, werden hineingerissen in den ewigen Zusammenhang aller Dinge, in
dem es keinen Stillstand gibt.
* * * * *
Es ist das Unglück, daß Würde und Feinheit von Gedanken oft von den
Raumverhältnissen eines Zimmers, einer beglückenden Fensteraussicht, einem
gewissen Maß von Licht und Farbe abhängig sind, so daß einer, der sein
Leben lang in einer Art von länglichen Schachteln gehaust hat und eines
Tages ein edel proportioniertes Gemach betritt, sich zu glauben geneigt
findet, wieviel er vielleicht allein durch den Charakter seiner Wohnräume
geistig verloren haben könnte.
* * * * *
Das, was allem Rauchen solchen Reiz verleiht, ist, daß sich der Raucher,
wo auch immer, mit einer vertrauten Atmosphäre umgeben kann, einer mehr
oder minder verklärten Zone, innerhalb der er ein bescheidenes Gefühl von
Heimat empfinden darf mit all dem unwägbaren sinnlichen Wohlbehagen, womit
uns das oft wiederholte Gleiche beschenkt, indem es wie unser Bett, unser
Sessel, unsere Lampe eine gewisse Kontinuität der Stimmung befördert, ja
wie in einem immer wieder gewobenen Schleier Gelebtes für uns bewahrt,
Werdendes treulich hinzunimmt.
* * * * *
Die Wirtsstube ist die Palette, auf der sich die Farben des Individuums
mischen und vermählen. Daher ihr großer Reiz für den Teilnehmer wie für
den Betrachter.
* * * * *
Es ist ein wahres Glück, daß der liebe Gott die Fliegen nicht so groß wie
die Elefanten gemacht hat, sonst würde uns, sie zu töten, viel mehr Mühe
machen und auch weit mehr Gewissensbisse.
* * * * *
Ob Geister, sofern es solche gibt, auch Bücher lesen? Ich meine, ob sie,
wie sie vielleicht in unserm Zimmer mit uns wohnen, auch dann und wann, in
stillen Winternächten etwa, wenn sie es müde geworden sind, den massigen
Menschenschläfer zu betrachten und zu belauschen, sich in die Werke
vertiefen, die auf unserm Tische liegen? Vielleicht verstehen sie das
Geheimnis, sie bei geschlossenem Deckel, ohne auch nur ein einziges Blatt
umzuwenden, von Anfang bis Ende zu lesen. Wie ich darauf komme? Durch
einen kleinen Druckfehler, in einem Werke, in dem ich gerade studiere. Ich
zaudere, ihn zu verbessern, -- es ist nichts weiter, als daß in dem
Bindewort 'daß' das s nicht verdoppelt ist; aber ich tue es endlich doch:
Denn, wenn es nun doch Geister gäbe, -- müßten sie nicht unglücklich über
diesen Fehler werden, den sie selbst nicht verbessern können und aus
dessen Stehengebliebensein sie schließen müssen, daß ihr Freund ihrer
nicht gedacht hat?
* * * * *
Es ist bekannt, wie viele verlorene Nadeln sich täglich auf Weg und Steg
finden lassen. Im äußersten Gegensatz hierzu würde, gesetzt auch geistige
Dinge könnten in solcher Weise verloren gehen, täglich wohl kaum Ein Paar
Scheuklappen gefunden werden.
* * * * *
Tiefstes Problem des modernen -- also wesentlich häßlichen, irgendwie
verbogenen, schlecht weggekommenen -- Menschen: Wie kann Schönes aus
Unschönem kommen? Wie Vollkommenheit aus Unvollkommenem? -- Alles ist
Ausdruck. Kein Mensch kann Schöneres, Vollkommeneres geben, als er selbst
ist. Unser ganzes geistiges Leben ist kein Weg von uns anders wohin,
sondern einfach wir selbst.
* * * * *
Es gibt nichts Degoutableres, als fortwährend von sich als Person zu reden
(außer zu bestimmten Zwecken), oder über sich reden hören zu müssen. Daher
ist es so kläglich, krank zu sein; ein Zustand, in dem dieses Reden und
Beredetwerden fast unvermeidlich ist.
* * * * *
Wenn dich jemand 'vollkommen versteht', sei gewiß, daß dich niemand
vollkommener mißversteht.
* * * * *
Einander kennen lernen, heißt lernen, wie fremd man einander ist.
* * * * *
Ja -- nein: geistiges Strickziehen.
* * * * *
Es ist gut, daß wir Spiegel haben. Daß wir für gewöhnlich unsere eigene
Miene nicht sehen, ist eines der unheimlichsten Dinge, die es gibt.
* * * * *
Wir spielen unsere Gedanken gegeneinander aus, in Wirklichkeit unsere
Temperamente.
* * * * *
Alles Sagen ist ein dem andern in sich Sagen, und der sagt's.
* * * * *
Wenn wir die Macht und Unbedingtheit einer Liebesleidenschaft begreifen
wollen, so brauchen wir nur zu bedenken, daß sich in den beiden Menschen,
die sich lieben, zugleich der dionysische Rausch zweier riesenhafter
Zellenvölker manifestiert -- so, als ob Rußland aus lauter Männern und
Westeuropa aus lauter Weibern bestände und eines Tages will das zusammen
in orgiastischer Hingerissenheit.
* * * * *
Eine wenn auch noch so leichte Sentimentalität gehört unstreitig zum
Charme jeder Frau. Sie ist die Verbürgerin jener Augenblicke, wo wir ihr
ganz Schutz, ganz Ruhe, ganz Meer sein dürfen.
* * * * *
Man verliebt sich oft nur in einen Zustand des andern, in seine Heiterkeit
oder in seine Schwermut. Schwindet dieser Zustand dann, so ist damit auch
der feine besondere Reiz jenes Menschen geschwunden. Daher die vielen
Enttäuschungen.
* * * * *
Die meisten Menschen verdunsten einem, wie ein Wassertropfen in der
flachen Hand.
* * * * *
Wir sind alle hart und äußerlich zueinander, auch wenn wir noch so sehr
aufeinander einzugehen trachten; aber wenn wir getrennt in unsern Zimmern
liegen und nachts der Regen herniederfließt, dann suchen wir uns im Geiste
mit zärtlicher, bereuender Teilnahme, dann drängen wir uns aneinander wie
unwissende und zusammenschauernde Preisgegebne auf dunklem Meer, dann
liebkosen und trösten sich unsere Seelen, die der erkältende Tag wieder
verstocken und verhärten wird, dann lieben wir wirklich einander mit einer
tiefen, schwermütigen, unbezwinglichen Liebe.
* * * * *
Es ist schauerlich an Toren zu rütteln, die verschlossen sind; noch
schauerlicher aber, wenn sie nur aus dünnem Seelenstoff, ja, wenn sie nur
aus den kühlen, harten Blicken einer Seele bestehen, die dich nicht in
sich eindringen lassen will.
* * * * *
Wir sind alle Besessene, man muß das Wort nur wörtlich genug verstehen.
Aber zugleich können wir auch Mehrer dieses uralten Besitzstandes sein,
den wir 'unsern Geist' nennen, zugleich auch Besitzergreifende.
* * * * *
Die Forderung möglichster Klarheit in allen Dingen, die wir andern
gegenüber so gern geltend machen, entspringt vornehmlich dem Unbehagen,
das uns alles nicht völlig Verstandene als etwas von uns nicht
völlig Beherrschtes einflößt. Es ist der ewige Kummer der
Durchschnittsintelligenz, daß es auch außerhalb ihres Begriffsvermögens
noch Geistigkeit gibt.
* * * * *
Eine schwache Persönlichkeit wird manchmal eine stärkere Persönlichkeit
werden können als eine starke Persönlichkeit.
* * * * *
Glaubt ihr, ein Asket wolle weniger herrschen als ein Weltmann?
* * * * *
Der Geist legt den Charakter des Menschen auseinander in seine Teile, aber
diese Teile gibt es in Wirklichkeit nicht.
* * * * *
Die Ruhe vor dem Tode, das Entsetzen vor dem Tode -- wie erklärlich von
der Seele, die ihre -- zum mindesten nächste -- Zukunft voraussieht.
1907
Wie die Gefahr des Tauchers der Tintenfisch, so des Grüblers die
Melancholie.
* * * * *
'Totentanz' ist gar kein Thema. Man sollte zeichnen und malen, wie das
Weib den Mann in den großen Mischmasch hineinzieht. Unten sollte man die
breite Bettelsuppe des heutigen Lebens hinmalen, und in diese Suppe
hineinführend eine unabsehbare Kette von Weib und Mann, immer das Weib
voraus, mit tausend Gebärden, von der unschuldigsten bis zur
lasterhaftesten. Die Männer, auf die es ankommt, wollen schaffen, sie
wollen die Welt vorwärtsbewegen; das Weib aber will vor allem wohnen. Ihm
genügt das Gegenwärtige vollkommen, und es glaubt sich völlig
gerechtfertigt, wenn es der Zukunft in Form von Kindern dient. Es ist die,
trotz der bekannten Unbilden bequemste Art, den Fortschritt der Menschheit
zu fördern: man stellt ein Kind, das heißt man beschränkt sich darauf, die
Aufgabe weiterzugeben, einen Dritten vorzuschieben. Solange die Frauen das
nicht begriffen haben, nämlich, daß es neben ihrem üblichen häuslichen
Ideal auch noch andere größere Kulturideale geben könnte, wird die
Menschheit nicht entscheidend vorwärts rücken. Und deshalb liebe ich die
Russen und Skandinavier so sehr, denn dort findet man heute noch am ersten
Frauen, die nicht nur Sinn für sich, sondern auch Sinn für den Mann haben,
die ihn wirklich wie Kameraden unterstützen, und nicht nur als gesetzliche
Konkubinen zum obersten Haussklaven machen wollen.
* * * * *
Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran, wie sie zu altern
versteht und wie sie sich im Alter darstellt.
* * * * *
Wie macht das Gefühl bloßen Sichnaheseins Liebende schon glücklich.
* * * * *
In der Bewunderung manch eines Menschen liegt etwas Schamloses. Sein 'Wie
schön ist das! Wie schön ist das' ist nichts andres als ein 'Wie wohl
fühle ich mich, wie wohl fühle ich mich!' Das aber brauchte er nicht
fortwährend in die Welt hinauszuempfindeln. (Im 'nil admirari' liegt doch
immerhin ein ganzes Teil Selbstzucht und Takt.)
* * * * *
Dunkelblau gekleidete kleine Mädchen auf grünen Matten -- eine beinahe
tragische Wirkung.
* * * * *
Es ist eines der merkwürdigsten Dinge der Welt, daß man eine Seite und
mehr lesen kann und dabei an ganz etwas anderes denken.
* * * * *
Wäre der Mensch nicht noch fast vollkommen Tier, so würde er in einer so
über alles Maß gewaltigen und erschütternden Welt, in verhältnismäßig
unmittelbarer Nähe eines Naturphänomens wie unserer Sonne, -- um nur etwas
herauszugreifen -- nicht so sein, wie er heut noch ist: ein kleinliches,
grämliches, banales, kindisches, eitles, zanksüchtiges, gedankenloses,
planloses, kurz, durchaus noch dumpfes und niederes Wesen.
* * * * *
Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenze anzusehen.
* * * * *
Im Grunde spricht sich wohl in allen Forderungen, die der Mensch an seine
Gattung stellt, nur der Wunsch des Menschen nach größerer und feinerer
Behaglichkeit des persönlichen wie sozialen Lebens aus: Der Mensch will
wohl endlich soweit kommen wie die Blumen und die Bäume: ruhig leben und
sterben zu dürfen. Zweifellos wünschen sich die meisten Menschen nichts
Besseres.
* * * * *
Wir sind geborene Polizisten. Was ist Klatsch andres als Unterhaltung von
Polizisten ohne Exekutivgewalt.
* * * * *
Eine Hauptsache bei vielem ist, daß stets der Anschein äußerster
Wichtigkeit erweckt wird. Wenn z.B. eine Katze ihrem Verehrer fortläuft,
so muß das aussehen, als ob sie auf der anderen Seite des Weges etwas
ungemein Wichtiges zu tun hätte, was jeden andern Gedanken ausschlösse.
Oder wenn ein sogenannter Zahlkellner gerufen wird, so muß er immer erst
wie der Mond aus dem Gewölk treten, das heißt erst nach längerer Zeit und
nur auf einen Moment, zu dem man sich beglückwünschen muß, da ihn neues
Gewölk schon wieder zu verschlingen droht. Auch in geistigen Dingen nützt
dergleichen viel, und wer darauf verzichtet, kann sicher sein, daß ihn
sobald keiner wichtig nimmt.
* * * * *
Ironisches Gebot:
Wenn du gereizt bist, so wirf die Tür hinter dir zu, das erweckt allgemein
Furcht.
* * * * *
Es gibts nichts Lohnenderes, als der Schwachheit des Menschen durch ein
schönes Wort zu Hilfe zu kommen. Verordne einem 'Patienten' dreimal
täglich Manulavanz, und er wird sich über alle erhaben fühlen, die sich
bloß die Hände waschen. Je interessanter du seine Gewohnheiten benennst,
desto geschmeichelter und dankbarer wird er sein, und das eine Wörtchen
Alkoholismus, um ein Beispiel zu nennen, hat sicherlich nicht nur Gorkis
Satin, sondern unzählige andere Unglückliche unzählige Male berauscht und
getröstet. Übersetze das Unglück maßvoll ins Arabische, Griechische,
Lateinische, und du wirst ein wahrer Wohltäter der Menschen werden. Du
gibst ihrem Geist dadurch Anregung, du verschaffst ihnen eine kleine
Distanz zu ihren Leiden oder Lastern. Wie fremdartig ist es, Angina zu
haben, wie beinahe ehrenvoll, die Krisis eintreten zu fühlen. Du knüpfst
damit das Individuum, das nichts mehr fürchtet als das Alleinsein, das
Alleingelassenwerden, an ferne fremde Zeiten und Kulturen; das alte, das
neue Europa versammelt sich um sein Lager, und selbst wenn die Pest es
befällt und fällt, kommt sie ihm doch aus Asien: die Mutter der Menschheit
selbst trifft es mit den Schatten ihrer gewaltigen Flügel.
* * * * *
Was ist das Erste, wenn Herr und Frau Müller in den Himmel kommen? Sie
bitten um Ansichtspostkarten.
* * * * *
Es ist etwas Herrliches, wenn in das Händeklatschen einer Menge jenes
Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls nennen möchte.
* * * * *
Mir sind diese Leute, die über alles so klug zu reden wissen, verdächtig.
Des Geistes zeugende Kraft ist nicht in ihnen. Wem die Natur etwas Eigenes
zu sagen mitgab, den kümmert es wenig, in jenem Sinne klug zu reden. Ihn
erfüllt ganz der Geist seiner Aufgabe (nicht der Aufgabe anderer).
* * * * *
Wer sich selbst auch nur Einen geistig regen Vormittag streng beobachtet,
dem muß das scheinbare Filigran der Psychologie vorkommen, wie ein
Gespinst aus Baumstämmen.
* * * * *
Die Psychologie befaßt sich mit den einzelnen Wellen des Baches. Aber hat
ein Bach je aus -- Wellen bestanden?
* * * * *
Die Psychologie antwortet, so wie der Lehrer dem Kinde, das ihn fragt: Was
ist das -- ein Baum? Ein Baum, sagt er, ist eine Pflanze mit Wurzeln,
einem Stamm, Ästen, Blättern usw. Und das Kind des 19. Jahrhunderts ist
ganz glücklich, daß es nun 'weiß', was ein Baum ist.
* * * * *
Man muß scharf zwischen dem aktiven und dem kontemplativen Menschen
unterscheiden. Jedem sein Reich und seine Welt für sich. Und vor allem,
wird der Kontemplative sagen, dem Aktiven sein Reich für sich. Denn wenn
der Kontemplative der Duft der Lebensblume ist, so ist der Aktive, so ist
'die Welt' der einzige Weg zu diesem Duft.
* * * * *
Wenn ich die Augen fünf Minuten lang geschlossen und inzwischen nicht ganz
klar und zusammenhängend gedacht habe, so könnte ich mir leicht einreden,
ein Jahr sei vergangen und noch viel mehr.
* * * * *
Es gibt nichts Sinnverwirrenderes, als eines Tages zu entdecken, daß man
als der und der lebt.
* * * * *
Je tiefer einer wird, desto einsamer wird er; aber nicht nur das: desto
mehr lassen ihn selbst seine treusten Freunde allein -- aus Zartgefühl,
Schamgefühl, Liebe, Ehrfurcht, Verlegenheit, Hochachtung, Scheu, kurz, aus
den allerbesten Gründen und mit dem unanfechtbarsten Takt des Herzens.
* * * * *
Man hat nie nur einen Grund zu einer Handlung, sondern hundert und
tausend.
* * * * *
Heftige Bewegungen machen alle Tiere scheu. So sollte sich auch der
vollkommene Weise im Geistigen jäher Bewegungen enthalten. Im Grunde ist
es das Gleiche, wie du an ein Pferd herangehst und sein Zutrauen gewinnst,
und wie du an einen Menschen dich wendest und ihn eroberst.
* * * * *
Je ernster ein Kritiker seine Kritik nimmt, desto kritischer wird er
seinen Ernst nehmen.
* * * * *
Der Ironiker ist meist nur ein beleidigter Pathetiker.
* * * * *
Viele der Feinsten gehen in sich gekehrt durchs Leben, weil sie es nicht
ertrügen, von andern überlegen betrachtet zu werden. Sie fürchten die
Verwundung ihres Stolzes, den Verlust ihres Machtgefühls, sie ziehen es
vor, in ihren vier Wänden die Ersten zu sein, statt auf dem Markte die
Zweiten. Aber manch einen macht solch heimliches Schatzhütertum auch
bitter und hochfahrend. Immer lauter muß er bei sich Stolz nennen, was im
Grunde vor allem Furcht ist, um schließlich, statt der Verschwender, der
giftige Drache seines Horts zu werden, der alle Welt ob ihrer Armut
verachtet.
* * * * *