1895
Alle Buchstaben, die je von Menschen geschrieben, zählen.
1897
Nach der 'Wildente': Ibsen wäre 'ungriechisch'? Aber was taten die alten
Griechengötter andres, als (scheinbar) kalt und spöttisch das Treiben der
Sterblichen betrachten, im Bewußtsein der Notwendigkeit aller Dinge.
So steht Ibsen vor seinen Mitmenschen. Der herbe Duft einer gewissen
Lächerlichkeit, welche das Kennzeichen jeder Tragik ist, schwebt um seine
Werke.
1901
Es gibt ein höchst bedeutendes Bruchstück in unserer Literatur: Der
'Empedokles' von Hölderlin. Hier habe ich einmal den abgebrochenen Weg des
deutschen Dramas zu sehen vermeint.
* * * * *
Die Griechen gestalteten ihre Sagen; die Renaissance lebte in diesen Sagen
und in den Erzählungen der Bibel; die neue Zeit, in der Breite ihrer
Völker jenen Sagen wie diesen Berichten ferner und ferner rückend, muß die
ganze bisherige Geschichte zum Stoff ihrer Kunstwerke nehmen. Unsere Sage
sind die großen Epochen der Geschichte geworden, unser Göttermythos der
Mythos vom großen Menschen in allen Zeiten. Dies ist recht eigentlich die
uns zugeborene Sage: die Menschheits-Sage. In ihr liegen jene heidnischen
und christlichen Stoffe mit inbegriffen, aber sie selbst ist noch
unausmeßlich weiter und tiefer, ihr Reich geht noch hinter alle
Sagenkreise zurück und unter sie hinab, bis auf die Menschen, ja bis auf
die Völker, die diese Kreise ersannen. Ein erster ungeheuerer Überblick
über dreitausend Jahre geistige Erde ward möglich. Menschen dieses
Überblicks werden die neue Tragödie schreiben, die einzige, welche der
griechischen ebenbürtig sein wird, ja, welche sie überfliegen wird wie der
Adler den Falken.
1904
(Zum Thema Strindberg.)
Es entsteht jedesmal ein bedeutendes Schütteln des Kopfes, wenn ein
absonderlicher Mensch durch das Mittel einer großen künstlerischen
Begabung in die Welt hinausgreift. Begabung sollte eigentlich immer mit
Bravheit gepaart sein, meint man, da man gern in aller Ruhe lernen und
bewundern will; so kommt man weiter in der Bravheit, und damit, meint man,
in der Kultur. Ein Mensch, der einen nötigt, mit ihm zu laufen, dann jäh
wieder umzukehren, dann plötzlich ins Wasser zu springen, darauf
vielleicht donquichotisch auf ein eingebildetes Amazonenheer loszurücken,
schließlich mit einem Male in einem Kloster zu verschwinden, um mit einer
Maske in der Linken und einer Geißel in der Rechten wieder hervor zu
kommen, ein solcher Irrstern und Wirbelsturm wird nicht gern
einregistriert und als voll genommen. Ein genialer Verrücktling, sagt man
und geht wieder zur Ordnung über. Daß aber hier ein Mensch wie ein
gehetztes Wild durch die Felder und Wälder, Schluchten und Flüsse des
Lebens stürzt, gehetzt -- ja wovon? -- von irgend einem Verfolgungswahn:
als flöge die Finsternis hinter ihm her, aus der er entsprungen, und er
müßte das ewige Licht finden, bevor sie ihn wieder packte, -- oder von
irgend einem Sehnsuchtswahn -- wonach? --: nach dem grünen Wiesental eines
unbewölkten Friedens oder nach dem Gipfelfelsen über den Nebeln, von dem
aus er hinüberfliegen könnte ans Ufer eines anderen Sterns, einer höheren
Welt, -- daß aber hier ein Mensch durch die Welt geht, allen Jammer des
Menschlichen vor sich her tragend, in Jubel und Hohn und Haß und jedem
Gefühl vom niedrigsten bis zum höchsten, das wird als nichts empfunden,
das bleibt tot und unfruchtbar für den ganzen Bann der Geordneten.
So ein Toter aber, solch ein den meisten nur selten und unvollkommen
lebendig Werdender ist August Strindberg, ein gehetztes Wild, eine
laufende Flammensäule, ein Mensch, alles in allem, vor dem die Sehnsucht
nach jenem 'Blitz aus der Wolke, der da heißt Über-Mensch' aufschreit,
wenn irgendwo: denn dieser Untergehende ist ein Hinübergehender.
Was liegt an 'Werken' (im letzten Grunde), was an Korrektheit, Bravheit,
Nützlichkeit, Tradition, Gemüt, Liebe -- kurz was an all dem
Vordergrundswesen, außer daß da ein Mensch seinen Sinn sucht -- ein
_Mensch_. 'Respektiert den Menschen --'; er kommt so selten zum Vorschein.
Die Menschen -- was sind sie wert. Der Mensch ist immer ein Phänomen. Er
sieht nicht schön aus: Irgendwie heißt sein Name und Ruhlos sein Schuh,
sein Rock heißt Elend, seine Zunge Eitelkeit, sein Eingeweide Wollust,
sein Herz Flamme, sein Auge Sonnenheimweh, sein Wanderstab Nirgendsheim
und seine bittere Nahrung Er selbst.
In den Höfen und Gärten des Menschlichen gibt es viel Nützliches und
Tüchtiges zu tun. Da gebe es nur den Schurz und die Schaufel. Da wird das
Handwerk getan. Aber in der Gespensterstunde von zwölf bis eins, da horcht
hinaus auf die wilde Jagd der vom Genius Gezeichneten, da laßt den
Menschen zu euch hinein und legt die Finger in seine Wunden und fühlt --:
es gibt noch etwas, wovor Kunst und Wissen und all das versinkt wie ein
Rauch.
Und da wird euch Strindberg nicht mehr nur ein genialer Sonderling dünken.
1905
Was wir in unsern neueren Büchern von der bisherigen Entwickelung der
menschlichen Gesellschaft vor uns haben, ist vor allem eins: _gewaschene_
Geschichte. Der natürliche Duft und Brodem der Dinge dürfte uns
schlechtweg ersticken.
* * * * *
Jedem, der seine Gedanken niederlegt, blickt schon im Augenblick des
Schreibens ein Größerer über die Schulter, sei es ein Vergangener,
Lebendiger, oder noch Ungeborener. Wohl dem, der diesen Blick fühlt: Er
wird sich nie wichtiger nehmen, als ein geistiger Mensch sich nehmen darf.
* * * * *
Der eine lebt, der andere schreibt sich aus. Das erste Dokument der Kultur
war -- ein Tagebuch.
* * * * *
Warum ist Balzac größer als Flaubert? Weil er eine unendliche Fülle ist,
aus der Großes und Geringes, aber immer Lebendiges hervorsprudelt. Balzac
ist eine blühende Wiese, wo Flaubert vielleicht ein kunstvoller Garten.
Keine Bewunderung hilft ihm gegenüber, man muß ihn lieben. Er hat dieses
tief alles durchblutende Mitgefühl, jene wahre Liebe: die Sympathie, die
ihn das Leben nicht vergolden, aber mit jenen zarten Händen anfassen läßt,
womit dieses feine und des schärfsten Beurteilers immer noch spottende
Gewebe allein angefaßt werden darf.
* * * * *
Der Sonderling:
Seit Friedrich Schillers hundertstem Todestag habe ich diesen Dichter für
mich Max Zottuk getauft; so sehr haben mir Presse und Publikum jeden
Buchstaben des einst teuren Namens verleidet.
1906
Die Romanschriftsteller irren sich, wenn sie glauben, daß ihre Leser sich
immer wieder die Mühe nähmen, die von ihnen sorgfältig beschriebenen
Gesichter im Geiste nachzuzeichnen. Wenn ich lese, sein Kopf glich einer
umgekehrten Zwiebel, so habe ich sofort ein Bild; wenn es aber heißt, sein
Haar war braun, seine Stirn niedrig, seine Nase schön geschwungen, sein
Mund grob aufgeworfen, so geht das -- an mir wenigstens -- ziemlich
spurlos vorüber.
* * * * *
Es wird eine Zeit kommen, da wird man Geschichten 'von außen her'
schreiben, ich meine Geschichten, in denen wohl Ähnliches erzählt wird wie
heute, aber deren eigentlicher Reiz darin besteht, daß die geschilderten
Menschen durchsichtig gemacht sind -- gegen das Mysterium hin. Sie werden
charakterisiert werden mit allem Glauben an ihre Wirklichkeit und doch
zugleich wie Halluzinationen wirken, sie werden uns fesseln wie
irgendwelche Gegenstände der bisherigen Poesie, aber der Schauder dessen,
für den die alte Welt zusammengebrochen ist, wird auch ihrem Bilde
mitgeteilt sein, so daß sie im selben ergötzen und ein tiefes unheimliches
Wundern erregen.
* * * * *
Etwas vom Übersetzen.
Nehmen wir Ibsen. Ibsen arbeitete an jedem seiner Stücke durchschnittlich
zwei Jahre. Wenn nun ein Ausländer hergeht und eines jener Dramen in vier
Wochen in seine Sprache übersetzt, so wird er schwerlich jede der redenden
Personen so in sich lebendig fühlen können, wie der Dichter, der sie
zuletzt gleichsam als seine beständige Gesellschaft empfand.
Es gibt eine Art, ich möchte sie die rationalistische Methode zu
übersetzen nennen. Der Übersetzer möchte das Original womöglich noch
verdeutlichen. Ohne auch nur einen Schatten jener wirklichen Ehrfurcht,
wie sie nur die Dichter selbst dem Dichter entgegenbringen.
* * * * *
Es ist das Unglück der Franzosen, zu gut schreiben zu können.
* * * * *
Ich kann mir viele denken, die Stendhal kurzerhand als langweilig oder gar
abstoßend ablehnen. Der nächste Förster, der ihnen begegnet, zieht sie
unendlich mehr an. Die Leidenschaft des Psychologen, der um Einen Stendhal
sämtliche Förster der Welt hingibt, ist ihnen fremd, die Wißbegier dessen,
dem der Mensch A und O aller Studien, ist bei ihnen durch das Behagen
ersetzt, stark, warm und einfach zu fühlen.
* * * * *
Nach den Erinnerungen eines Egotisten.
Überall, wo Stendhal über fremde Dinge schreibt (Italien, Napoleon ...)
fesselt er, wo er aber über sich selbst und seine Gesellschaft und
Liebschaften schreibt, wird er sehr bald langweilig.
* * * * *
Zu Dostojewski.
Aus seinen Büchern findet man schwer wieder nach Westeuropa zurück.
* * * * *
Wenn ich Dostojewski lese, so ist es mir, als sähe ich einem Feuer zu --
einem Steppenbrand --, das über die Ebene wandert. Und jetzt frißt und
wühlt es sich schleichend durchs knisternde Gras -- und jetzt fährt ein
Sturmwind daher und erhebt es bis zu den Wolken, und jetzt kriecht und
glimmt es wieder dahin und nur dicke Rauchmassen bezeichnen seinen Weg --
und jetzt steigt es bei einem neuen plötzlichen Stoß gleich einer Säule
zum Himmel und übergießt Himmel und Erde mit übergewaltigem,
erschütterndem Glanz.
* * * * *
Mauthner tut Nietzsche Unrecht, auch da, wo er gegen ihn Recht hat. Ein
Menschenleben gräbt sich sein Strombett und damit muß man zufrieden sein.
Nietzsche ist gewiß nicht aus Eitelkeit den Weg zur Sprachkritik nicht
weiter gegangen. Mauthner unterschätzt das Dynamische im Genie.
* * * * *
Es ist das Interessante an Büchern, über denen man eigentlich den Verstand
verlieren müßte, daß man durch sie vielmehr an Verstand gewinnt. Freilich
ist das nur ein neues Kompromiß -- denn anständigerweise müßte man
allerdings nach ihrer Lektüre abdanken. Aber das Leben ist nicht das, was
wir anständig zu nennen lieben. Allein schon der Umstand, daß der Autor
seinen Verstand behalten hat, wird genügen, den Leser zum gleichen zu
veranlassen; es sei denn -- daß er nur so beweisen zu können meinte, daß
er noch tiefer als jene sei, daß er sozusagen aus Ehrgeiz, aus 'Willen zur
Macht' wahnsinnig zu werden geradezu -- wünschte.
* * * * *
Ich habe nie einsehen mögen, warum mittelmäßige Menschen deshalb aufhören
sollten, mittelmäßig zu sein, weil sie schreiben können.
1907
Über etwas schreiben heißt, sich mit etwas überschreiben.
* * * * *
Denke dir immer jemanden, auf den deine Sätze durchaus nicht so Eindruck
machen, wie sie's dir selber bisweilen tun, der sie vielmehr trocken und
gleichgültig prüft, ja beinahe feindselig, wie ein Mensch, den jede neue
Behauptung zunächst -- ärgert.
* * * * *
Ich denke nach, welchen Dichter man einem Adler vergleichen könnte. Ibsen
war die Eule in Person. Goethe war vielleicht ein Adler. War Shakespeare
einer? Ich glaube, die Adler unter den Dichtern werden erst kommen:
Geister, die alles Dasein zugleich mit Falkenblick erkennen und über ihm
in schier unerreichbarer Höhe kreisen. Geister mit einer 'Freiheit' auch
von sich selbst -- ...
(Der Evangelist und Apokalyptiker Johannes war ein Adler.)
* * * * *
Lagarde ist das stolzeste aber auch schroffste Gebirge, das ich kenne. So
oft man auf ihm wandert, stürzt man in den Abgrund.
* * * * *
Alles Große macht sterben und auferstehn. Wer an Nietzsche und Lagarde
nicht immer wieder stirbt, um an ihnen auch immer wieder aufzuerstehen,
dem sind sie nie geboren worden.
* * * * *
Was wäre Lagarde mit all seinen Forderungen, seiner Strenge und Höhe, wenn
nicht eine so große Natur und eine so tiefe, fast unvergleichliche Bildung
in jedem Verstande sein Besitz, sein Erwerb gewesen wäre. Er gleicht einem
Marmorbild, auf dessen Sockel ewige Gebote eingegraben sind, aber dessen
Erscheinung für sich allein noch gebietender wirkt als sie.
* * * * *
Wer Lagarde erträgt, ist entweder ein Hundsfott, ein Kind oder ein Riese.
* * * * *
Wenn du Schriftsteller bist, so schreibe jeden Tag etwas nieder, und wenn
du auch nur den zehnten Teil davon aufbewahrst. Kommt dann deine
produktive Periode, so wirst du, was du zu sagen hast, mit doppelter
Leichtigkeit und Anmut sagen, du wirst dann wie der Klavierspieler sein,
der eines Tages zu phantasieren beginnt und merkt, daß es auf den Tasten
fortan kein Hindernis mehr für ihn gibt.
* * * * *
Mit Zeitungen und Zeitschriften kommt man nur wie im Sande vorwärts. Das
macht, sie reden ohn' Unterbruch.
* * * * *
Drucke jede Woche nur Ein Wort, Einen Satz auf ein quadratmetergroßes
Stück Papier und du wirst mehr ausrichten, wofern du Der bist, als mit
einer Million Buchstaben in der gleichen Zeit.
* * * * *
In Fritz Mauthner tut der Immoralismus Nietzsches (dieser im Grunde
raffinierteste Moralismus) einen weiteren entscheidenden Schritt. Der
Wille zur Sauberkeit, zur Redlichkeit feiert in ihm einen -- und wie alles
Große grausam ist -- grausamen -- Triumph.
Im Übrigen: wer hier den ungeheuren sittlichen Entwickelungsprozeß, der
unser ganzes geistiges Leben ist, nicht ahnungsvoll erkennen zu dürfen
meint, wird sich auch nicht sagen können: Hier vollzieht sich ja im Großen
nichts andres wie im Einzelnen: Persönlichkeitsentwickelung. Hier will ja
irgend ein dumpf Wollender ganz ersichtlich zu immer höherer
Selbstschönheit ...
* * * * *
Vor seinem Kammerdiener, heißt es, ist kein Held ein Held mehr. Das
gefällt manchen modernen Kritikern und Dichtern ganz ungemein. Begeistert
predigen sie die Kammerdieneroptik, die Kammerdienerweisheit, und
überschütten die Welt mit dem überlegenen Lachen des -- Kammerdieners.
* * * * *
Wenn man weiß, was zwei- oder dreitägiger Kefir ist, so hat man ein Bild
für den Stil des Essayisten N. Könnte man sein Buch wie eine Flasche
schütteln, so würde man verhältnismäßig leichtflüssige Milch bekommen. Da
man es aber nicht schütteln kann, hat man ein dickes und schwerfälliges
Getränk vor sich mit Brocken, die mehr kollern als rinnen, ein Getränk,
nicht minder wertvoll als der ungeschüttelte Kefir, aber weniger angenehm
genießbar als der geschüttelte.
* * * * *
Gespräch ist gegenseitige distanzierte Berührung. Ein Buch ist
chiffriertes Tasten. Lies es, taste daran, und du wirst wiederbetastet
werden, es wird sich die Erscheinung seines Verfassers auf und in die
deine dechiffrieren, als telegraphierte er dir mit unsichtbaren Fingern
durch die Stirn.
* * * * *
Je besser ein Stil wird, desto mehr nimmt er alles in sich hinein: die
überflüssigen Interpunktionen, die allzuhäufigen Absätze, den Sperrdruck.
1908
Ein Buch ist nicht etwas, was ein Mensch geschrieben hat, sondern dieses
Menschenmysterium selbst, ebenso wie das Musikstück, das ich heut abend
von dem Nachbarhause herüberklingen hörte, kein Musikstück von Beethoven
war, sondern das Mysterium Beethoven selbst.
* * * * *
Jedes Buch hat zwei Wirkungen, die mittelbare und die unmittelbare. Die
meisten Leser spüren nur die mittelbare. Darum bleiben auch so viele
Bücher Druckerschwärze auf Papier. Und doch offenbart auch noch das
schlechteste Buch seinen Vater nicht bloß mittelbar, sondern auch
unmittelbar: ihn selbst, die Persönlichkeit, in der Chiffre dieser Sätze
unverlierbar aufbewahrt und jeden Augenblick bereit, in ihrer ganzen
ursprünglichen Kraft auf uns zu wirken.
1909
In der übertriebenen Abneigung gegen schlechte Übersetzungen, gegen
Übersetzungen überhaupt, liegt eine gewisse Verzärteltheit. Große
Originale leuchten auch aus unbeholfenen Reproduktionen unzerstörbar
hervor.
* * * * *
Tolstoi war ein Protest des höheren Menschen wider den Menschen, wie er
gemeinhin heute noch ist. Tolstoi wollte nur ganz einfache, simple Dinge.
Dinge, die sich eigentlich von selbst verstehen, -- für jeden anständigen
Menschen.
* * * * *
Man fordert von Tolstoi Märtyrertum. Man sagt: Lebe wie Franziskus, stirb
wie Christus. Nun, er hat sich im Jahre 1907 den Henkern seines Staates
dargeboten: -- 'nehmt mich und führt mich hin wie jene armen Opfer, legt
den eingeseiften Strick um meinen alten Hals ...'
* * * * *
Der große Schriftsteller hat Stil, der kleine Manier, was nicht
ausschließt, daß der große auch einmal klein und der kleine groß, d.h. ein
Stilist sein kann. Maeterlinck -- oder ein versetzter Konditor.
* * * * *
In diesen Erzählungen von Liebe sehe ich immer nur eines: die Liebe als
Selbstpreis. Selten oder nie, daß diese Menschen durch ihre Liebe zu
einander _wachsen_ wollen, daß sie sich über sich hinaus lieben. Daher
denn auch die Übersättigung, ja der Ekel, der einen nach und vor derlei
erfaßt, ein Verlangen, es möchte doch auch hier endlich eine neue Optik
Platz greifen, eine tiefere, religiösere Betrachtung des Liebeslebens.
* * * * *
Nichts kann mich mehr aufbringen, als wie allezeit hier und dort über den
Eckermann geredet wird. Immer ist ein halb mitleidiges Lächeln dabei,
gleich als handle es sich um eine durchaus subalterne Natur, der es jeder
seiner gönnerhaften Bespotter unvergleichlich zuvorgetan haben würde. Man
hängt sich an die Einfalt mancher seiner Fragen und bedenkt nicht, daß er
oft nur frug, um Goethen zu locken und anzureizen, man wirft ihm eigene
Unbedeutendheit vor und übersieht die Fülle feiner Beobachtungen und
Bemerkungen, die anmutigen Berichte über seine Liebhabereien, den langen
Brief aus Genf und überall den Sinn und Takt fürs Wesentliche, der uns
niemals mit Tagesgeschwätz langweilt, sondern ihn fortwährend bei der
Würde seiner einzigartigen Aufgabe festhält.
Laß sie sich immer überheben, würde Goethe selbst sagen, soviel ist gewiß,
daß ihrer keiner mich vermocht hätte, mein inneres Leben so munter und
lebendig vor ihm zu entwickeln, wie dieser liebe Junge, der wohl nicht
groß war im Sinne schöpferischer Kraft, aber in seinen Maßen ein ganzer
Kerl, ein Vorbild, allen denen zu empfehlen, denen es um ihre Bildung
wahrhaft ernst ist, und die, da ihnen Gott die zeugende Kraft nur
unvollkommen gewährt hat, im produktiven Empfangen seiner Höhe zustreben
müssen und ihm damit wohl ebenso nahe kommen mögen, wie unsereins mit
seinen stärkeren Mitteln und glücklicheren Voraussetzungen.
1910
In aller Literatur von heute muß man dem Seelischen nachspüren. Was der
Geist heute hinzutut, hat nicht allzu viel Wert; denn der Geist stand wohl
selten auf einer bescheideneren Stufe.
* * * * *
Manchen Menschen würden Weihnachtskataloge, Zeitungsannoncen, und zu
Mundwassern, Seife, Thermosflaschen, Petroleumöfen usw. beigepackte
Erklärungen und Referate für lebenslängliche Lektüre völlig genügen.
1911
Man werfe aus der philosophischen Literatur der neueren Zeit den
literarischen Jargon hinaus und man wird viel gewonnen haben.
Unter Jargon oder Fachfuchserei verstehe ich beispielsweise die
humanistische Ablehnung der Bibel, als einer Gefahr für den klassischen
Stil.
* * * * *
An 'Geist' fehlt es heute so wenig, daß man ihm aus dem Wege gehen muß, um
nicht vom Überdruß erfaßt zu werden. Jede Zeitung, jede Zeitschrift hat
etwas von einem Variété, darin Athleten, Jongleure, Akrobaten auftreten.
Eine Zeit, die den intellektuellen Biceps so eifrig und coram publico übt
und spielen läßt, erfüllt damit gewiß eine bestimmte bedeutende Aufgabe,
aber auf die Dauer wirkt solch im Grunde von niemandem gewünschtes
Massenangebot bloßer Kunstfertigkeit destruktiv.
1912
Wenn ein Schriftsteller sich jederzeit der Macht bewußt wäre, die in seine
Hand gegeben ist, würde ein ungeheures Verantwortlichkeitsgefühl ihn eher
lähmen als beflügeln. Auch das Bescheidenste, was er veröffentlicht, ist
Same, den er streut und der in andern Seelen aufgeht, je nach seiner Art.
* * * * *
Entwurf für ein Vorwort zu: 'Wir fanden einen Pfad'. Man glaubt, es komme
in neuen Dichtungen vor allem darauf an, daß sie gewissen vertrauten
Empfindungen und Vorstellungen genügen, ja schmeicheln. Nun ist ja z.B.
das, was wir Deutsche unter einem Liede verstehen, etwas ungemein
Liebliches und Erfreuliches, und dieselben Menschen, die der reinen Musik,
sagen wir, Mozarts zuliebe, den Fortschritt, den Wagner bedeutet,
Rückschritt nennen, werden für ein wirklich gelungenes Lied ...
Aber diese so sehr verständlichen und sympathischen Menschen sind in
diesem Punkte Träumer und Liebhaber, an denen die Entwickelung sacht aber
entschieden vorbeigehen muß. Es geht nicht an, bei einmal gewonnenen
schönen Dingen versunken stehen zu bleiben und, weil sie dem viel
angefochtenen Herzen so gar wohl tun, nur immer mehr ihrer Art zu fordern;
als wollte einer bloß von Blüten wissen und das weitere Werden der Frucht
nur so mit in den Kauf nehmen. Gewiß, ein ewiger Frühling wäre ein holder
Traum, aber zugleich das Ende unserer Welt, als welche ganz anderen Zielen
denn unschuldigem Lebensgenusse zustrebt. Wir brauchen keine Kunst, deren
Wesen Wiederholung ist, sondern eine, die sich weiter tastet, die dem
wahrhaft Neuen, das in unsere Zeit hereinfließt (nicht _dem_ Neuen
freilich, das in Flugfahrzeugen oder wissenschaftlichem Aberglauben
besteht) sich zu öffnen ringt, eine Kunst, die weder von den 'Neutönern'
akklamiert, noch auch zu guter alter Kunst gerechnet werden will, ja auch
nicht zu 'guter Kunst', -- denn in diesem 'gut' verbirgt sich hier nichts
weiter als 'das, was wir lieben', und eben das liebt diese Kunst nicht
mehr.
* * * * *
Der Bekämpfung der Schundliteratur sollte die von fratzenhaften
Reklamebildern zur Seite treten. Nur die große Trägheit in solchen Dingen
nimmt hin, was hier täglich auf Plakaten und in der Presse vor Augen zu
rücken gewagt wird, und achtet nicht der unausbleiblichen, schädlichen
Wirkung solcher Zerrbilder auf jede, besonders aber auf jede jugendliche
Seele.
* * * * *
Man weiß, wie wichtig es ist, Schwangeren harmonische Verhältnisse zu
schaffen. Sollte es anders sein mit der Menschheit, die sich fortwährend
im Zustande der Mutterschaft befindet?
* * * * *
Wir sollten gewisse Bücher mehrmals lesen, ehe wir darüber sprechen. Etwa
einmal im Winter, einmal im Sommer -- und manche in noch ganz anderen
Intervallen. Was wir dann über sie zu sagen hätten, würde vermutlich
ebensovielmal besser sein ... Und uns selbst würde solche Selbstzucht
nicht nur zu besseren Lesern, sondern zugleich zu besseren Menschen
machen.
* * * * *
Über jedem guten Buche muß das Gesicht des Lesers von Zeit zu Zeit hell
werden. Die Sonne innerer Heiterkeit muß sich zuweilen von Seele zu Seele
grüßen, dann ist auch im schwierigsten Falle vieles in Ordnung.
1913
Alle Liebe zu Tolstoi wird doch nur eine andere Liebe noch steigern: die
zu -- Dostojewski.
* * * * *
Schriftstellerei ist heute vielfach nicht wichtiger zu nehmen, als daß,
sagen wir, heute jedermann Kakao trinken kann, während es früher nur die
Reichen konnten.