NIETZSCHE

1896

Es gibt kaum eine größere Gefahr für einen Menschen wie mich, als

Nietzsche zu lesen. Es ist wie ein Wühlen im Schmerz meines eigenen

Unwerts.

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Nietzsche's herrliche Natur, die in einer wahrhaft ehrwürdigen

_Bescheidenheit_ und einer Frömmigkeit zur Kultur anfänglich immer sagt:

Möchten andere es besser machen als ich.

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Ein ganzes Leben in Denken aufgelöst, im Wort sichtbar geworden, strömt

vor unsern Augen, aus geheimnisvollen Gründen hervorbrechend, in

undurchdringliches Dunkel sich verlierend.

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'Also sprach Zarathustra!' -- wie? wenn dieser Kehrreim mit einem gewissen

Auguren-Lächeln gelesen und geschmeckt werden müßte. Wenn er eine feine

Parodie auf jene Schlußphrasen wäre, womit noch jeder ethische Neuerer

bisher seine Sätze gesiegelt, ein anderes 'Amen! Amen!', eine Schluß- und

Banngeberde, feierlicher Schauer voll für den Gläubigen, für den Auguren

aber nur ein Lächeln mehr ... Wie beginnt doch die fröhliche

Wissenschaft? ...

1897

Man sieht Nietzsche ins Auge und weiß, wo das Ziel der Menschheit liegt.

1905

Wer mit Nietzsche denkt, 'widerspricht' sich auch mit Nietzsche. Wer sich

an seinen 'Widersprüchen' stößt, hat nie mit ihm _gedacht_ (noch mehr:

_gefühlt_) -- ist nie mit ihm geflogen.

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Ein philosophisches System zu verstehen, erfordert schließlich ein Maß von

Intellekt, nichts weiter. Einen leidenschaftlichen Wegsucher aber wie

Nietzsche begreift man nicht bloß als kluger Kopf; man muß ihm noch

obendrein ein bißchen -- verwandt sein.

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Gewiß, es gibt Züge, die ich Nietzsche, dem Menschen, verarge -- aus

Liebe. Nur kleine Züge, aber ich verstehe sie nicht an ihm -- oder

vielmehr: ich würdige nicht genug die Tiefe des Leids, in welche dieser

Geist getaucht wurde, als er unter der Last seiner Gedanken, seiner

Einsamkeit und seiner Krankheit zugleich, ein ebenso furchtbares wie

großes Menschenopfer, zusammenbrach.

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'Also sprach Zarathustra' -- Nietzsche selbst hätte diesen Titel und

diesen Refrain in früheren Jahren streng abgelehnt. Es ist die Tragik

dieses Buches, manchmal nicht mehr gefaßt und katonisch genug zu sein.

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Ad Zarathustra -- Vorrede.

1. Wo gäbe es einen größeren tieferen Prolog eines Schicksals! Wo ist das

Gleichnis und die Anrufung, diesem Bilde und diesem Gebet an Würde,

Heiterkeit und Tiefe gleich?

2. Ein Waldidyll voll milder Abendsonne, als Weg zur Wendepunkt-Wahrheit

aller irdischen Kultur. Man kann hundertmal über diese Schlußworte

hinweggesprungen zu sein meinen, bis man eines Tages erkennt, daß sie ein

Berg sind, den man vielleicht nie ganz erklettern wird und von dem aus

Zarathustra die Wasser gen Osten und gen Westen hat fließen sehn.

1906

Es wird mir immer gewisser, daß Nietzsche überall da versagt, wo er sich

bewußt oder unbewußt der Eitelkeit seines Geistes hingegeben hat. Hätte er

diesen polnisch-romanischen Zug nicht gehabt, er stände oft noch viel

größer da. Es gibt keinen schlimmeren Fluch für einen Denker, als sich

seinem Volk gegenüber als Schriftsteller verpflichtet zu fühlen. Wenn

einer Denker geworden ist, das heißt ein Mensch, dem das Nachdenken über

menschliche Probleme zur inneren Leidenschaft und Lebensaufgabe geworden

ist, so ist er auch ganz von selbst genug Schriftsteller, seine Gedanken

mitzuteilen.

Aber freilich, Nietzsche war vor allem ein _Kämpfer_. Er war ein Weiser

aus der Kriegerkaste, nicht aus der der Priester.

Vielleicht hätte er im zweiten Teile seines Lebens auch noch die Milde der

Weisheit ausgeströmt, nach ihren Blitzen auch ihre Wärme.

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Der Zarathustra ist bei allen Einzelheiten unbestreitbarer Größe eines der

schlechtesten Bücher, die es gibt. Er ist weder ein Volksbuch noch ein

Buch für Verwöhnte und Einsame, es ist ein Mischmasch von Grandiosem und

Banalem, inhaltlich wie im Vortrag. Ein Vordrängen, ein Aufdrängen

persönlicher Stimmungen, ein kategorisches Erledigen von Dingen, deren

'kategorische Erledigung' immer nur eine 'niaiserie' bleibt, ein Spiel mit

dichterischen Bildern und Gleichnissen, das oft groß und tragisch, öfter

noch fast unbeherrscht und geschwätzig wirkt. Ein Buch, das nur durch

Reduktion seiner Reden auf etwa 12-20 zu dem klassischen zu machen wäre,

was es zu sein wünscht.

Unglückselige kleine Zeit, du hast auch auf ihm, deinem Größten, gelastet.

1907

Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft: Man halte ihren

biologisch-ethischen Grundgedanken sowie die Lehre vom Übermenschen gegen

Kants kategorischen Imperativ, und sie werden ihm an ideeller

Großartigkeit nichts nachgeben und als leidenschaftlicher Appell an die

menschliche Armee in demselben Verhältnis zu ihm stehen, wie zum einfachen

'ich erwarte, daß heute jeder seine Pflicht tut' das grandiose 'Soldaten,

vierzig Jahrhunderte blicken auf Euch herab!'

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Nietzsche war nur ganz, wenn er ganz er selbst war (soweit man sich so

ausdrücken darf). Sobald er sich ins Schlepptau nehmen ließ, wurde er ein

Schriftsteller unter Schriftstellern und nicht einmal immer ihr erster.

Und er wurde manchmal nicht nur an- sondern noch mehr mitgeregt.

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Ich kann damit nichts anfangen, -- Nietzsche sei vor allem ein großer

Künstler, ein großer Stilist, Artist gewesen. Was heißt das, vor allem.

Was macht denn den großen Stil, wenn nicht der Mensch von überragendem

Rang, der geborene Führer und Schöpfer? Und wo Nietzsche das nicht war --

und er vergaß manchmal seinen Rang und führte weder noch schuf -- da

taugte auch sein Stil nichts, da war er auch nur ein Manierist seiner

selbst.

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Nietzsche, die große Antithese seiner Zeit.

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Beim Vorlesen einiger Nietzschescher Aphorismen: -- Geistige Austern. Man

kann Nietzsche aus zehn Zeilen erkennen lernen und aus zehn Büchern --

verkennen.

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Welch ein unnützes Geschwätz, Nietzsche habe die napoleonische Natur

deshalb vor allem geliebt, weil er selbst keine gewesen sei. Herr Müller

also ist ein Napoleon, weil er die Napoleons -- nicht liebt.

1910

Nietzsche, der Pole, der als Deutscher tief ward.

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Nietzsche konnte mit den bisherigen fünfsinnlichen Erkenntnismitteln den

Menschen nicht verstehen. Drum erfand er sich seinen Über-Menschen. Er

ward damit der letzte große deutsche Philosoph -- ante Christum natum. Er

war, um in seiner Manier zu reden, der letzte -- Ante-Christ.

1911

Nietzsches Schicksal war, über den Trümmern des komischen

Bildungsphilisters als tragischer zu sterben. Nietzsche starb an der

'Bildung'. Und mit ihm werden alle sterben, die mit seiner Seele nicht zu

zittern wissen, die nur an seinen Geist glauben.

1912

Daß Künstlerschaft und Könnerschaft untrennbar sind, das versteht sich von

selbst. Aber das, worauf es heute, wie immer, ankommt, ist, wer da spricht

und was -- nicht nur wie -- gesprochen wird. Ist Nietzsche nicht einer

unserer ersten Stilisten? Und dennoch blieb er in höherem Sinne

unfruchtbar. Ich wäge meine Worte, denn wenn je einer, habe ich Nietzsche

_erlebt_. Und nicht in mir war er unfruchtbar. Aber ich weiß auch, worin

er lange Zeit mein Höchstes war: in seiner Größe als Mensch; nicht in der,

ach nur allzu zeitgemäßen, Art seiner Philosophie. Die war Abendröte,

nicht Morgenröte und wer von ihr aus weiter schreitet, der wandelt in die

-- Nacht.

Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen · 第 17 / 38 题