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Eine Karikatur ist bloß immer einen Augenblick wahr.
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Es ist ein erheiternder Gedanke, daß es Schönes und Häßliches nur im
Gehirn des Ästhetikers gibt. Von 'der Darstellung des Schönen' zu reden --
welch eine Einfalt! Es gibt nichts 'Schönes' darzustellen, weil es nicht
hier und dort etwa herumliegt, sondern in jedem Augenblick erst
_erschaffen_ werden muß. Und wenn Herr N. behauptet: aber diese Rose ist
doch schön! so antworte ich ihm: Vielmehr Sie erschaffen die Schönheit der
Rose im Moment Ihres Schauens und das fällt Ihnen leicht, denn Milliarden
haben sie vor Ihnen ebenfalls erschaffen. Gleichwohl wird die Schönheit,
welche Sie der Rose erschaffen, sich nicht mit der messen können, die ein
wahrhaft schöpferisches Auge, das von ihrem Bild getroffen wie trunken
wird, weil es sich ewige Jugend bewahrt hat, ihr erschafft.
Wenn Sie daher von der von Ihnen erschaffenen -- nachgeschaffenen --
Schönheit als von Schönheit überhaupt reden, so drängen Sie damit Ihren
sehr mittelmäßigen schöpferischen Geist der Welt und vor allem den
Künstlern wie ein Joch auf, unter das man sich beugen müsse: als dürfe nur
ebensoviel Schönheit erschaffen werden, als Ihnen zu schaffen möglich ist.
(Ihr Wille zur Macht.) Aber, mein Werter, Sie wissen von der Schönheit
nichts, so wenig wie irgendein andrer. Sie wissen nur von der von _Ihnen_
geschaffenen (meist nachgeschaffenen) Schönheit. Auch wir Künstler wissen
nicht, was 'die Schönheit' ist, aber wir vermehren sie als von Natur aus
stärker empfindende, zeugende, als die am weitesten vorgestreckten Fühler
des Menschen.
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Es gibt zwei große Gruppen produktiver Naturen: die mehr lehrhaften und
die mehr unmittelbaren. Man soll sie, man muß sie beide gelten lassen und
ihnen das 'und' nicht rauben. Erst aus Goethe und Schiller, Shakespeare
und Ibsen, Monet und Böcklin, Rodin und Klinger ergibt sich das ganze Bild
unserer Kunst.
1907
Es ist so plump von Künstlern und Dichtern, sich geradezu ans Geschlecht
zu wenden. Als ob man sich ans Geschlecht erst wenden müßte.
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Wenn das Individuum -- wie Hebbel sagt -- letzten Endes komisch ist -- und
es ist komisch --, so ist die Tragödie die höchste Form der Komödie.
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Alle Kunstform borniert.
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Programmusik mutet mich an wie Buchstaben aus lebendigen Blumen.
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Ein Künstler muß seine Weisen eigentlich immer einer Geliebten ins Ohr
spielen.
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Chopin ist immer Mann oder doch Jüngling, Beethoven hat noch das Kind vor
ihm voraus -- und seiner ist darum nicht nur das Erden- sondern auch noch
das Himmelreich.
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Kunst ist nicht ein Stück Welt im Spiegel eines Temperaments, sondern --
ein (Stück) Temperament im Spiegel des Bewußtseins.
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Das Leben zeugt Blumen und Bienen. Blumen, das sind die schöpferischen
Geister und Bienen, die andern, die daraus Honig sammeln.
1908
In jedem Kunstwerk ist der Künstler selbst gegenwärtig. Wir spielen und
hören in _Wahrheit_ Beethoven, sehen Lionardo, lesen Goethe.
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Liszt wirft mich oft aus der Musik heraus.
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Musik -- gesanggewordener Mensch und somit seine für uns vielleicht
höchste Erscheinungsform. -- Ein altes Bild: Der Gesang der Engel vor
Gott: umgedeutet: Menschen vor Gott (der überall) zu Lied, zu Gesang
geworden. Beethoven, ein Engel Gottes (der in unser aller) und zu Gottes
(der in unser aller) Preis unaufhörlich tönend -- Beethoven, ein Gesang
Gottes vor sich selbst.
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Das willkürliche Abbrechen von bedeutenden Musikstücken ist deshalb oft so
schmerzlich, weil da nicht nur Musikstücke, sondern -- Menschen
abgebrochen werden.
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Nirgends kann das Leben so roh wirken, wie konfrontiert mit edler Musik.
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Die moderne Landschaftsmalerei (und Liebe zur Landschaft, Natur) -- ein
weiterer Schritt der Erde zur Erkenntnis und Liebe ihrer selbst.
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Ein rechter Künstler schildert nie, um zu gefallen, sondern um zu --
_zeigen_.
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Jeder Künstler tötet zehn folgende (Dilettanten).
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Ich kann mir in etwa 200 Jahren ein Drama denken, dessen Vorwurf der Kampf
zwischen der Newtonschen und der Goetheschen Farbenlehre bildet. Die
Farben treten auf und suchen umsonst das weiße Tageslicht in gemeinsamer
Aktion zusammen hervorzubringen. Schließlich erscheint das eine weiße
ungeteilte und unteilbare Sonnenlicht in Gestalt eines weißgekleideten
Weibes und entlarvt dieses ganz anmaßende Unterfangen als Betrug und
Selbstbetrug.
1909
Wenn mich nicht alles trügt, so stehen wir dicht vor Künstlergenerationen,
die sich des ganzen irdischen Lebensstoffes noch ganz anders bemächtigten
werden als die bisherigen.
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Habt das Leben bis in seine unscheinbarsten Äußerungen hinab lieb und ihr
werdet bis in eure unscheinbarsten Bewegungen hinab unbewußt von ihm
zeugen.
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Allzuviel Lyrik frißt die gesunde Natur des Dramas an und nimmt ihm, in
einem ganz hohen Sinne, seine natürliche Sittlichkeit.
1910
Schönheit 'an sich'? Nein, Schönheit, die über sich hinausweist.
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Die neue -- die christliche -- Tragödie wird überall erst möglich sein,
wenn der Mensch mehr und mehr aus der Materie erwacht. Ihr Stoff wird die
Tragik seiner dann endlich überschauten und klar gewordenen Entwickelung
sein und ihre Größe das dann noch ganz anders, weil aus einem ungleich
höheren Bewußtseins- und Verantwortungsgrund gesagte, gesungene: Trotzdem!
und Ja! und O Ewigkeit! O, unsere Gottesewigkeit! ...
Ihr Geist wird aus der endlichen Erkenntnis dessen geboren werden,
was der Mensch verbrochen und was er gutzumachen hat, sie wird den
schauerlichen Fall des Menschen ins Ungeistige spiegeln und seine
übermenschlichen Anstrengungen, Unsühnbar-Scheinendes zu sühnen,
Unbezähmbar-Widerstrebendes zu überwinden, Unwiederbringlich-Verlorenes
wiederzugewinnen. Erheben wird sich nach langen Geburtswehen endlich der
Heerbann des Verständnisses und der Liebe, und seine Siege und Niederlagen
werden fortan wie ein Ringen erwachter Götter erschüttern, wo heute der
Tiefschlaf des Sondermenschlichen erst vereinzelte Ahnungen zuläßt.
Laßt uns darauf demütig warten und dazu das Unsere tun, Körnlein um
Körnlein. Laßt uns uns dessen vertrösten in vielem Kleinkram und Wirrwarr
noch unserer Tage.
1911
Wir beweisen durch unsere kritische Stellung zu dem vielleicht oft
anfechtbaren Menschlichen großer Künstler nichts, als daß uns durchaus nie
zu lebendigem Bewußtsein gekommen ist, was ein solcher Künstler für den
Menschen, für uns wirklich bedeutet. Wir können kalten Herzens den
'Menschen' Wagner ablehnen, ja schmähen und damit es ganz für nichts
erachten, daß täglich Ströme des Segens von ihm ausgehen, Ströme der
Kultur, der Erhebung aus dem profanen Alltag, der Reinigung durch geistige
Mächte.
1913
In ein Zimmer, dessen rosa getünchte Wände in einer breiten bunten
Zierleiste auch ein kleines kaum bemerkbares blaues Muster aufweisen, wird
eines Tages ein großer blauer Teppich gehängt. Und nun sollte man die
kleinen blauen Muster sehen, wie sie mit einem Male leben und leuchten!