NATUR

1892

Wir leben doch alle auf dem Meeresgrund (dem Grund des Luftmeeres) --

Vineta.

1895

Die Sterne lauter ganze Noten.

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Der Quellnixe wehendes Fontänenhaar.

1896

Der Zypressen grüne Obelisken.

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Der Duft der Dinge ist die Sehnsucht, die sie uns nach sich erwecken.

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Wer weiß, ob die Gedanken nicht auch einen ganz winzigen Lärm machen, der

durch feinste Instrumente aufzufangen und empirisch (durch Vergleich und

Experiment) zu enträtseln wäre.

1897

Rhythmisch bewegte Luft ist gewissermaßen farbige Luft. Wirkung der

Glocken.

1904

Warum sind Hügel schöner als Berge? Weil sie den Begriff des Gebirges

gegenüber der Ebene, diese beglückende Naturbrechung und Erhöhung des

Niveaus mit lebendigerem Ausdruck offenbaren als die starren Felsberge,

die mehr bloß Begriffliches sozusagen, weniger Gefühlswarmes an sich

haben.

1905

Die Natur kennt nur Farbenübergänge, keine Farben.

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Da erwiderte mir gestern ein Herr aus Bremen: 'Wie? Sie bedauern den Tod

eines Seehunds? Ausrotten müßte man diese Tiere. Glauben Sie etwa, sie

seien nützlich? Sie sind die ärgsten Fischräuber, die es gibt, ganz

schädliche, unnütze Geschöpfe!' Ich dachte an die feuchten dunklen Augen

der gutmütigen Tiere und sie erschienen mir weit liebenswerter als diese

Anschauungen eines Pedanten, dem sich sein eigenes grenzenloses Räubertum

als Mensch so ganz und gar von selbst verstand.

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Mir genügt zur Zeit das Schwatzen der Seevögel, das leise Sich-Wiegen des

stachlichen Strandhafers, ein wenig durch die Finger rinnender Sand und

die graublaugrüne Fläche vor mir mit ihrer seltsamen Unbedingtheit.

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Die Verschwendung der Natur ist zu groß. Und das ist das Bitterste: Unsere

anklagenden Gedanken, und seien sie noch so erhaben, sind nur wie

namenlose gleichgültige Vögel, die gegen ein kristallumpanzertes Feuer

prallen, um ohnmächtig und ruhmlos in die Nacht hinabzufallen, vertan,

verschwendet wie das Wesen das sie gebar.

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Wie ich das Bröckeln und Rinnen einer in den Sand gewühlten Mulde

beobachte, kommen mir einige der tragischsten Eindrücke meines Lebens ins

Gedächtnis. Den einen empfing ich in den Thermen des Caracalla, und was

hier nur Bild und Gleichnis, war dort melancholische Wirklichkeit. Von den

mächtigen Gewölberesten rieselte fast unaufhörlich Mörtel und verwittertes

Mauerwerk, und ab und zu, wenn der leichte Wind sich stärker erhob, flog

wohl auch ein größerer Stein polternd in die Tiefe. Es war ein

unheimliches und erschütterndes Gespräch der Vergänglichkeit, dem der

gefährdete Wanderer dort beiwohnte und zugleich das Totenraunen einer

Kultur, das vielleicht noch währen wird, wenn der Petersdom das seinige

anheben sollte. Den andern gaben mir die norwegischen Berge mit ihren

ewigen Steinschlägen, in denen ihre Gipfel nach und nach herabzukommen

scheinen.

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Die große Ruhe und der tiefe Friede sind nur bei euch, ihr lieben fernen

Berge.

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Noch viel wunderbarer als der einfache Spiegel ist der durchsichtige

Spiegel, z.B. ein Fenster, das auf eine Landschaft hinausgeht und in dem

sich zugleich Gegenstände unseres Zimmers spiegeln.

1906

Wie können Baumwipfel wie ein Mädchen aussehen, ja mehr noch: seinen

ganzen Charakter zu enthalten scheinen? Und doch ist es manchmal so.

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Ich habe heute ein paar Blumen für dich _nicht_ gepflückt, um dir ihr --

Leben mitzubringen.

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Ich höre einen Vogel fortwährend 'Chi--rur--gie' flöten.

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Diese zwei jungen Teckel da vor mir, wie sie schön sind in ihrer jungen

Natürlichkeit und Zärtlichkeit zueinander! Wahrlich, bei keinem Menschen

kann reizender aussehen, als wenn das Männchen dem Kameraden mit seinem

Auge folgt oder wenn das Weibchen ihm im sonnigen Moos den Kopf auf den

Rücken legt voll Anmut und Anschmiegungsbedürfnis. Und welches Wohlgefühl

des Lebens, wenn sie so, die Nase dicht am warmen Moos, die

sonnendurchwärmte Waldluft einsaugen mit ihren vielfältigen Reizen, von

denen wir nur einen groben Begriff haben. Und welches stets rege Interesse

für alle die kleinen und großen Töne, die eine Landschaft fortwährend

erfüllen und beleben.

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Gebell eines 'Achtung'-Hundes:

Nervosität durch Geschrei von Kindern

Argwohn, es könnte auf ihn gemünzt sein (monoman)

Gefahr! (Furcht, Wut, Anspannung)

Beschimpfung (da nichts erfolgt)

Selbstgerechter Ärger (mehr monologisch)

Mitteilungsgefühl (Klatschbedürfnis)

(er teilt die Sache der Außenwelt mit)

Quittungen über vieles

Rivalität \

|- mit andern Hunden

Solidarität /

Grundloser Unwille

Katzenjammer, der sich zu betäuben sucht.

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Es ist mit Landschaften wie mit Menschen, man lernt sie nie aus. Jeder und

jede vermögen unter Umständen alle Phasen von der ärmlichsten Häßlichkeit

bis zur lebensvollsten Schönheit zu durchlaufen.

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So schimmert ein Birkenwäldchen durch Kiefern, wie deine ferne Jugend in

und durch meine Gedanken.

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Die Natur ist die große Ruhe gegenüber unserer Beweglichkeit. Darum wird

sie der Mensch immer mehr lieben, je feiner und beweglicher er werden

wird. Sie gibt ihm die großen Züge, die weiten Perspektiven und zugleich

das Bild einer bei aller unermüdlichen Entwickelung erhabenen

Gelassenheit.

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Es ist ein seltsames Gefühl, senkrecht in die Erde zu unseren Füßen

hineinzudenken. Man kommt nicht weit, die Phantasie erstickt buchstäblich.

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Keine Gegend setzt sich aus andern Elementen zusammen, als den uns

bekannten. Das wissen wir und doch spielen wir damit, in einer Landschaft

Geheimnisse zu vermuten, so lange wir sie noch nicht genau kennen.

1907

Zeile aus einem Traum: Sanft und silbergestickt fand ich die süßen Berge.

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Der Frühling ist etwas Herrliches. Der Frühlung aber, der nicht mehr

kommen _mußte_, der nur so aus überirdischer Gnade noch einmal gekommen

ist, der ist nicht mit Namen zu nennen.

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Worauf beruht z.B. der Zauber des Waldes, die tiefe Beruhigung, die er dem

Menschen gibt? Darauf wohl zumeist, daß uns in ihm eine unübersehbare

Anzahl pflanzlicher Individuen einer bestimmten Art entgegentritt, die

Lebensfrieden und Lebensmacht zugleich mit äußerster Zweckmäßigkeit

vereinen. Der Stamm einer Bergfichte ist das Urbild ruhiger, in sich

gefestigter Kraft; ein gewaltiger Lebenswille, den sobald nichts zu stören

oder gar zu brechen vermag, offenbart sich in ihm. Ihre Äste, Zweige und

Nadeln aber strahlen mit solch äußerster Zweckmäßigkeit rings von ihm aus,

stellen im Verein mit dem Stamm und den Wurzeln einen so weise der

Außen- und Umwelt eingepaßten Körper dar, daß man begreift: hier liegt

die _Lösung eines Problems_ vor, an der vielleicht unermeßliche Zeiten

gearbeitet haben.

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Die Fliegen, diese Spatzen unter den Insekten.

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In der Katze hast du Mißtrauen, Wollust und Egoismus, die drei Tugenden

des Renaissance-Menschen nach Stendhal und anderen. Damit ist sie, ich

möchte sagen, das konzentrierteste Tier. Der Hund ist dagegen gläubig,

selbstlos und erotisch kulturlos. Unsere heutige Zivilisation nähert sich

mehr der Stufe des Hundes. Das Christentum ist vornehmlich gegen die Katze

gerichtet. Man darf nach dem allen in einigen Jahrhunderten den Menschen

erwarten.

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Die Selbstachtung einer Katze ist außerordentlich.

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Die Reinlichkeit der Katze ist eine ganz andre, als die des Menschen. Der

Mensch wäscht sich, kämmt sich, bürstet und klopft seine Kleider, er

entledigt sich, mit einem Wort, seines Staubes, indem er ihn dem Wasser,

der Luft, der Erde zurückgibt. Die Katze hingegen schleckt ihn mit

unermüdlicher Zunge in sich auf, verleibt ihn sich ein, vertilgt ihn --

aber im fruchtbarsten Sinne, indem sie ihn schlankweg in ihr organisches

Leben mit hineinnimmt.

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Du hast einen Großstadtwinter umsonst den Anblick einfacher, natürlicher

Anmut ersehnt. Drehe dich um. Vielleicht sitzt hinter dir auf dem leeren

Divan eine etwa einjährige Katze, die dich dann und wann besucht, um sich

dort eine halbe Stunde umständlich zu putzen und dann eine zweite halbe

Stunde voll tiefen Behagens zu schlummern, -- und du siehst was du

suchtest, die eingeborene Lieblichkeit unbewußter Natur.

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Eine der größten Unverfrorenheiten des Menschen ist, dies oder jenes Tier

mit Emphase falsch zu nennen, als ob es ein annoch falscheres Wesen gäbe,

in seinem Verhältnis zu den andern Wesen, als der Mensch!

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Warum erfüllen uns Gräser, eine Wiese, eine Tanne, mit so reiner Lust?

Weil wir da Lebendiges vor uns sehen, das nur von außen her zerstört

werden kann, nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem

Herzen sterben und das Gras nie seinen Verstand verlieren. Von außen droht

ihnen jede mögliche Gefahr, von innen her aber sind sie gefeit. Sie fallen

sich nicht selbst in den Rücken, wie der Mensch mit seinem Geist und

ersparen uns damit das wiederholte Schauspiel unseres eigenen zweideutigen

Lebens.

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Weshalb sollte man sich nicht damit abfinden, in einer gemäßigten, sehr

gemäßigten Landschaft zu leben, da man doch nur den Blick zu erheben

braucht, um ins völlig Ungemäßigte zu stürzen, und nur die Gedanken, um zu

fühlen wie wenig es verschlägt, im wilden Ozean des ewig Ungewissen auf

einem gehobelten Brett oder einem entwurzelten Baumstamm zu treiben.

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Den Wolken wird vielleicht einstmals eine besondere Verehrung gezollt

werden; als der einzigen sichtbaren Schranke, die den Menschen vom

unendlichen Raum trennt, als der gnädige Vorhang vor der offenen vierten

Wand unserer Erdenbühne.

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Merkwürdig, zu fühlen, wie man auf diesem seinem Erdboden nicht viel

anders festgehalten wird, als jene kleinen Saugnäpfchen aus Gummi, die man

an die Wand preßt, um Uhren und Schlüssel dran aufzuhängen.

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Ein dunkelblauer Lampion, innen von einer Kerze erleuchtet, gegen den

Nachthimmel. Vision eines geisterhaften Planeten in nächtlicher Dämmerung.

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Wie ein verzweifelndes Haupt Schutz, Ruhe und Wärme in seinen Händen, auf

seinen Armen sucht, so sucht Gott, der Mensch, Schutz, Ruhe und Wärme in

jenem andern dumpferen Teile seines Wesens, den wir Natur nennen.

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Durch die Natur beruhigt sich Gott selbst immer wieder. Wehe, wenn er als

Mensch in dem unseligen Fieber der Zivilisaton sich selbst als Natur

zerstört haben wird.

1908

Wer die Welt nicht von Kind auf gewohnt wäre, müßte über ihr den Verstand

verlieren. Das Wunder eines einzigen Baumes würde genügen, ihn zu

vernichten.

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Ich glaube, wer blind wäre, müßte die Pflanzen viel besser verstehen.

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Was tut die Blume wohl mit Gott? Sie läßt sich Gott gefallen. In der

Blume, als Blume träumt er seinen schönsten Traum, da widerstrebt ihm

nichts.

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Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen · 第 11 / 38 题