Bel. Er war der Einzige am ganzen Hofe, der noch einen Verstand
verlieren konnte, denn die Uebrigen hatten keinen zu verlieren, oder
haben ihn schon lang verloren. ---- Glückliches Volk, das du einen so
weisen König hast, der seinen Verstand verlieren konnte! ---- An wenig
Höfen wird getrommelt. Ich bin der Erste vielleicht auch der Letzte, der
königlichen Verstand sucht!
(Er eilt fort, ihm folgt lachend das Volk.)
Ende der vierten Kaprizze.
Der Tod Eduards.[22]
Fünfte Kaprizze.
Scene.
(Ein abgelegener Theil des königlichen Pallastes. Im Grunde die Pforte
zur Grabstätte des königlichen Hauses.)
Einige Höflinge, der Leibarzt, Hofdiener, und Damen stehen im
Haufen und sprechen mit einander. Einige kommen von einer
Seitentreppe herab; andere entfernen sich wieder. Hernach
schleicht tiefsinnig Eduard daher, er ist seltsam mit bunten
Federn geschmückt.
Der Arzt. Ich habe wenig Hofnung zu seiner Genesung! -- Seht da kömmt
dieses zertrümmerte Meisterstück der Natur! O ich möchte weinen!
[Fußnote 22: Die Zeitgenossen sind ungewiß über den Tod Eduards. Sein
Dichter nützt also diesen günstigen Umstand zu einer musikalischen
Variation, und bedient sich dieser Freyheit mit desto grösserm Rechte,
da die Natur selbst ihre theuren Kinder auf verschiedenen Gleisen vom
Leben zurückruft, und die Aerzte als getreue Nachahmer dieser zärtlichen
Mutter noch immer ungewiß sind ob sie ihre Kranken bey Gelegenheit der
zehntausend lateinischen, griechischen, engländischen, französischen und
unendlichen Gattungen der Krankheiten mit Kräutern oder Säften aus der
Welt versenden sollen. Wie sehr die Dichter alles verschönern müssen,
das zeigen uns die empfindsamen Alten. Wir nehmen zum Beyspiele nur die
Geschichte des Herkules her. Wollte eine gemeine Feder seinen Tod
erzählen; so würde man lesen: eine Buhlerin beschenkte den Helden mit
einer galanten Krankheit; er vernachläßigte die ersten Anfälle, ward von
einem griechischen Scharlatan übel geheilt, und starb. So würde ein
kaltblütiger unschmackhafter Geschichtschreiber die wichtigste Epoche
von der Vergötterung des grösten Helden des Alterthums erzählen. Aber
wie sinnreich wendet der Dichter die ganze Begebenheit! Eine Furie
steigt aus der Hölle, wirft ein vergiftetes Nesseltuch auf die Erde in
dem Schlafgemach der eifersüchtigen Geliebten; dieß Geschenk wird dem
Helden gesandt; ein Feuer durchglüht ihn; er wirft sich auf einen
Scheiterhaufen, und wird in den Olymp aufgenommen. Welche
Verschönerung!]
Edu. Wo bin ich denn? ---- Was für Menschengesichter! -- (Er beschaut
die Höflinge) Es ist meine Gallerie! ---- Lauter Gemälde! ---- Worte
ohne Empfindung! ---- Wenn ich König wäre, ich wollte Mohren bleichen!
---- Wir alten Leute, Madame, gelten nichts! ---- Andere Kunstwerke
schäzt man, wenn sie alt sind; aber alte Exkönige ---- Mehr Dunger auf
die Genien! ---- Schüttet die Gießkanne reicher aus! ---- Seht, wie sie
blühen! ---- Die Gesetze der Weisheit leben auf! (Er faßt einen Höfling)
Lebst du auch noch, morsche Schießscheibe? Den königlichen Spaß hättet
ihr sehen sollen! Ich malte dieses Männchen wie ein Kartenmaler auf
diese runde Tafel; alle Narren schossen auf ihn! Hahaha! Armer Günstling
eines Königs! Der Neid ---- Die Schminke ist verboten! Weg ihr Höflinge!
Wascht eure Gesichter! ---- Ist denn heut Maskenball? Ja ja! Hier ist
meine Larve! ---- Wie mich das Unglück in den April schickte! Nicht
wahr, ihr alten Krieger, wir haben Meermuscheln eingesammelt? ---- Eine
prächtige königliche Sammlung! Kaligula war der erste Naturalist! --
Mein Kopf ist überlastet! -- (Er reisst die bunte Federkrone vom Haupt,
und beschaut sie) Aleid trug eine Löwenhaut, wißt ihr warum? ---- Weil
er mit Löwen kämpfte! ---- Wir tragen wie die Mohren Vogelfedern, weil
wir Papageyen und Gümpel rupften! ---- Hahaha! Fort! (Er schleudert sie
weg) Ich habe lange genug diese alberne Krone getragen! ---- Aber mein
Pferd hat mich und die Krone getragen, folglich ist mein Leibpferd nach
allen Rechten mein Thronfolger! ---- Ihr werdet dabey gewinnen; es ist
ein gutes Roß, wenn es Haber hat, bricht und macht es nichts! ---- Mein
Leibkutscher sey Staatsminister! ---- O der Kerl versteht sich auf die
Räder! ---- Wie sind wir in der Zeit? ---- Ich verliere alle Stunden!
---- Meine Freunde, Dämmerung ist rings um mich! Mir geht keine Sonne
auf! ---- Lebt wohl, bis ihr mich wider sehet! Wann glaubt Ihr wohl, daß
Ihr mich wiederseht? ---- Versteht mich wohl! ---- Mich! -- Mich selbst!
---- Denn izt bin nicht ich ---- Ach! Meine Brüder, ich war! ---- O als
ich war, da lächelten schöne Tage! ---- (Er senkt das Haupt und denkt
nach) Ich möchte izt weinen ---- Was sagen die Leute von mir? ---- Reden
sie noch vom Zaunkönige? (Er faßt eine Hand) Ich will dir wahrsagen!
---- Horch! Alle Haare sollen sich emporsträuben! Du mußt sterben! ----
Ja sterben! Denn du bist ein Mensch! Wie die Eulen krächzen! ---- Gute
Nacht meine Söhne! ---- Wir haben manche Stunde verwacht! ---- Streut
Roßmarin unter die blutigen Lorbeern! (Er schleicht zur Grabstätte.)
Der Arzt. Eure Majestät, die Luft ist hier schädlich! Hier sind
Grabmäler!
Edu. O so flieh! Flieh so weit dich die Füsse tragen, denn aus den
Särgen würde über dich ein lautes Gelächter schallen! ---- (Er reißt die
Thüren auf, und wirft Todtenköpfe heraus, dann thürmet er Pyramiden aus
den Schedeln.) Alexander! -- Herkules! -- Cäsar! -- Kartusch! ----
Attila! -- Ludwig! ---- Karl! ---- Hahaha! Das war ein närrischer Kerl!
---- Herr Bruder, du warst ein Schwindelkopf wie ich! ---- Wenn du
gesund bist, freut es mich; ich zwar bin wohl auf, und glücklich wie ein
König! ---- Wo sind meine Tonkünstler! Macht Musik! Etwas zum
Wirbeltanze! ---- Ich will mit Helden tanzen! ---- Das ist der Kopf des
goldenen Kalbes, die Vergoldung ist weggerieben, und da liegt die leere
Hirnschaale! Schade, daß kein Gehirn in diesem Schedel war, ---- Er war
ein großer Mann, er hat viele Dinge ausführen wollen, die er nicht
verstand. Er hat die Stühle im Rathhaus ganz anders gereihet! (Er nimmt
einen andern Schedel) Ein elender Kopf! -- Die Arbeit eines Schneiders!
Zu schlecht für einen Steinhauer! (Er wirft ihn weg, und ergreift einen
andern) Hahaha! Dem Bauch ist hart predigen! (Indem er einen andern
faßt) Wie er daherschreitet wie ein Riese! Gebirge zittern unter seinen
Fersen, er bildet Nationen um! ---- Und fault! Schnupft Toback! Er
stinckt! Gute Nacht Großsprecher, der Echo war dein Bruder! Viel Köpfe,
viel Sinne! ---- Ich habe die Lebendigen getödtet, izt bin ich König der
Todten! -- Dich ernenne ich zu meinem Hofmarschall! ---- Du brauner
Schedel sollst mein Feldherr seyn, dich hat die Sonne verbrannt, du
wirst das Feuer des Geschützes erträglich finden. ---- Du bist mein
erster Kämmerling, so leer ist dein Schedel, wie ein Kämmerling
natürlich seyn muß. ---- Ihr zwölf morschen Schedel seyd meine geheimen
Räthe! Widersprüche habe ich nicht zu befürchten, ihr liebt das
Geheimniß, und sagt es nicht einmal euren Metzen! O die wakern Räthe!
Kein König ist besser bedient als ich! ---- Der Schedel ist
unbestechlich, er nimmt kein Geschenk mehr; er sey Richter! ---- Das
Wetter trübt sich? Seht, wie die Winde ihre Pausbacken aufschwellen! Sie
werden die Erde verschlingen. Fürchtet Euch nicht, es sind fade
Politiker, die bey einem unsinnigen Zeitungsblatt träumen! ---- Wie
sanft alle ruhen! Keiner regt sich mehr! ---- O hier will ich auch
rasten! ---- (Er legt sich auf die Stuffen der Treppe) Kühle Erde, wiege
einen deiner müden Söhne ein! ---- Geht alle! Lasset mich allein! ----
Ich will schlafen! Ein angenehmer Traum soll mich betäuben! ---- Löscht
das Licht aus! ---- Gute Nacht! ---- (Er entschläft.)
(Der Arzt legt den Finger auf den Mund, und spricht leise)
Der Schlaf ist ein Balsam, wir wollen von ferne lauschen.
Drama.
(Ein großer Saal bey Hofe. Viele Höflinge stehen im Haufen beysammen,
und sind im eifrigen Gespräche. Salinia und Amanda ihre Zoffe treten
ein. Salinia in einem weissen Nachtkleide mit aufgelösten Haaren. Einen
Arm hat sie entblößt, und hängen noch von einer Aderlässe die Binden
daran. Sie eilt hastig in den Saal, staunt plötzlich, schleicht
furchtsam zu allen Schaaren der Höflinge, blickt ihnen unter die Augen,
schüttelt mißvergnügt den Kopf, um dadurch anzudeuten, daß sie nicht
findet, was sie sucht. Die Zoffe folgt ihr traurig, will sie wieder
zurückführen, und die Verbände in Ordnung bringen. Die Höflinge sind
durch den Auftritt gerührt. Ein alter Hofmann grüßt sie.)
Hofm. Aber mein liebes Fräulein, sie bluten ja.
Salin. Bluten? ---- O ja, izt erinnere ich mich (indem sie ihm zum Ohre
schreyt) Sie haben mich tödten wollen! ---- Aber ich bin den Mördern
glücklich entkommen! ---- Amanda, hast du meinen Eduard nicht gefunden?
---- Die Schwalbe hat das Nest verlassen ----
Hofmann zur Zoffe. Führen Sie das gute Fräulein zurük!
Amand. Sie ist den Wundärzten entlaufen. Man wollte ihr die Ader öffnen,
denn ihr Verstand ---- Ach! Das Schicksal des Königs hat ihr zärtliches
Herz angegriffen ---- Sehen Sie! Sie sucht ihn überall! ---- O ich muß
weinen ----