Hofm. Das arme Täubchen girrt ----

Salin. Die Gesichter sind mir verdächtig! ---- Freund oder Feind? Er ist

nirgends! ---- Eduard nirgends! ---- O Amanda, die Schlange hat ihn

vergiftet! Und ich reichte ihm den Becher ---- O mein Kopf! ---- Wie es

hier pocht! ---- (Sie lehnt ihr Gesicht auf den Busen ihrer Zoffe und

weint.)

Am. Englisches Fräulein, weinen Sie nicht! Kommen Sie mit mir! Ich führe

Sie zu Eduard! ---- Geben Sie mir den Arm!

Salin. (lächelnd) Zu Eduard? ---- Du lügst immer! ---- Sie haben ihn

getödtet! ---- Gemordet wie seinen Vater! ---- Gute Nacht Eduard! (Sie

sinkt allmählig zur Erde.)

Hofm. Das entgangene Blut hat sie geschwächt; man muß sie zu Bette

bringen!

Sal. Lasset mich schlafen! ---- Werft Erde auf mich! ---- Da werden

Ringelblumen und Maaßlieben auf meinem Hügel wachsen! ---- Sanft, sanft

will ich ruhen! ---- Gute Nacht armer Eduard! ---- Ich lade dich zu

meiner Hochzeit ---- Ich bin eine Braut ---- ----

(Sie wird fortgetragen.)

Oratorium.

Ein öffentlicher Platz der Hauptstadt. Auf einigen Stuffen erhöht

thürmet sich in der Mitte ein prächtiger Tempel. Aus allen Gassen

eilet das Volk. Die Hallen sind mit Bethern erfüllt. Die Mütter

mit den Säuglingen, die Väter mit den Söhnen drängen sich zu.

Chor der Bether.

Da liegen wir auf den bethränten Stuffen,

O Gott! Hör deine Kinder rufen!

Dein Zorn schlug unser Haupt.

Die Heerde weint um ihren theuren Hirten;

Die Hände, die uns liebreich führten,

Sind uns durch Dich geraubt!

Ein Greis. Recitativ.

Wir ächzen am verwaisten Throne;

Die Wittwe seufzt, der Waise schreyt,

Sie suchen Hülfe bey der Krone.

Sieh, wie uns überall das Elend dräut!

Bald werden Wölfe sich in unsre Hütten schleichen;

Denn unser Jammer lädt sie ein.

Bald wird das Schwert des Feindes uns erreichen,

Und dieß bedrängte Volk wird seine Beute seyn.

Ein Jüngling. Recitativ.

Was kann izt unsre Quaalen lindern?

Verzweiflung herrscht bey Greisen und bey Kindern.

Der Jüngling ist mit Schmerzen ganz vertraut;

Ihm tönen nicht die süssen Hochzeitlieder;

Er schlägt die müden Augen nieder,

Und lächelt nicht der Braut.

Arie.

Ich sehe täglich Trauerscenen;

Wenn mich die holde Sonne grüßt,

Entsinken meinem Auge Thränen,

Und Thränen, wenn der Abend schließt.

Der Greis. Recitativ.

Doch horcht! Wer unterbricht das fromme Stehnen?

Wer stöhrt das heilige Gebet?

Der Vater kömmt, um den sich alle sehnen,

Um dessen Heil das Volk zum Tempel geht.

(Eduard wird auf einer offenen Sänfte getragen; weinende Schaaren folgen

in stiller Betäubung dem schlummernden König.)

Chor des Volkes.

O Gott! Laß uns die Bitte wagen,

Schenk unserm Vater deine Huld;

Laß uns für ihn die Strafe tragen,

Und leg auf uns allein die Schuld!

(Der Donner rollt; die Blitze leuchten; die Erde bebt. Der Tempel

zittert; die Völker stürzen anbetend zur Erde. Eine feyerliche Stille

herrscht. Eduard erwacht aus einem tiefen Schlummer, blickt auf, weint

und segnet sein Volk.)

Eduard. Recitativ.

Wo bin ich! ---- Welch ein Licht beleuchtet mich!

Ich irre nicht, dies sind des Tages erste Keime!

Von meinem Auge fliehn die schwarzen Träume.

O theures Volk, mein Mund begrüsset dich!

Der grosse Gott, der die Tyrannen höhnet,

Scheint izt durch meine Reu versöhnet.

In Thränen floß mein Leben hin;

In Schmerzen hat mein Alter zugenommen!

O Grab, izt bin ich doch zu Dir gekommen,

Ich fühle daß ich reif zum Tode bin!

Arie.

Warum bist du so traurig meine Seele;

Warum betrübst du dich mein Geist?

Izt, da ich mich zu den Versöhnten zähle,

Und da mein Mund den Schöpfer preist.

Nicht mehr dräut uns der Gottheit Donnerrache;

Nicht mehr verschlinget uns ihr Zorn;

Sie lächelt sanft und gütig auf uns Schwache,

Und stürzet nur ein stolzes Horn.

Warum bist du u. s. w.

Chor des Volkes.

Preist den Allmächtigen, jauchzet ihr Brüder!

Er schenkt den zärtlichsten Vater uns wieder.

Eduard. Recitativ.

Dank theure Söhne! Dank für eure Liebe!

Gott segne dieses Volk! ---- Mein Herz zerbricht --

Die Seele bebt -- Mein Auge wird izt trübe ----

Mir winkt ein schreckliches Gericht ----

Arie.

Ich fühle schon die letzte Todeswunde;

Es eilt, es fliegt die schwarze Trennungsstunde

Mit raschen Fittigen herbey,

Und macht den Geist von Banden frey.

Recitativ.

O lebet wohl ihr frommen Söhne,

Zum Erben laß ich Euch ---- Den Würdigsten! ----

Komm Sigismund, verwische deine Thräne,

Ich kenne Dich, dein Herz ist groß und schön! ----

Verwandle nie die edle Sitte;

Herrsch über dieses Volk mit Sanftmuth und mit Güte;

Doch wenn Du hoch und stark auf meinem Throne bist,

Vergiß nicht, daß ein Gott der Fürsten Richter ist! ----

Ich segne noch zum letztenmal Euch Kinder! ----

Lebt wohl, lebt ewig wohl! -- Die Kräfte werden minder --

Mein mattes Licht verlischt ----

(Zu Sigismund.)

Es ist der Todesschweis, den deine Hand verwischt.

Leb wohl! -- Mein Geist kämpft schon, und unterlieget --

O Gott, die Schreckenwage wankt! ----

Du legst dein Mitleid zu, und deine Gnade sieget! ----

Dir sey Allmächtiger gedankt! ----

Wer dräut mir dort? ---- Seht Millionen Seelen! ----

Ihr Myriaden klagt, um mich zu quälen ----

Vergebt, weil Gott vergiebt!

Als Vater mir verzeiht -- mich ruft -- und -- liebt --

(Er stirbt.)

(Ein ängstlicher Schmerz betäubt das Volk. Nur ein banges Winseln

unterbricht das schauervolle Schweigen.)

Scene.

Ein Saal. Alidia, Simena ihre Vertraute.

Alid. Verfinstere mein Schlafgemach! Es soll kein Stral der Sonne die

Dämmerung durchbrechen. Schließ sorgfältig die Thüren, und schwöre mir,

daß du mich heimlich begraben lässest. Ich will dich bereichern, schwöre

mir.

Der Eroberer Eine poetische Phantasie in fünf Kaprizzen. Aus alten Urkunden mit neuen Anmerkungen · 第 55 / 57 题