O welche Schande fällt auf meine grauen Haare!
Erlebt' ich nur mit Ruhm des Alters höchste Jahre,
Damit ein schwarzer Tag mir edle Lorbeern bricht;
Damit mein graues Haupt beschämt zur Erde kriecht;
Die Kehle, die so oft den lauten Beyfall hörte,
Die der Trompetenschall als Siegerinn beehrte,
Die Kehle wird besiegt, verliert die Wunderkraft,
Verschmäht den Göttertrank, den süssen Rebensaft.
Gedächtniß schlummre doch, zeig mir nicht grosse Scenen!
Ich seh' auf sie zurück mit Quaal und heissen Thränen.
O damals focht ich noch als Sieger jugendlich.
Der Ruhm der Jahre flieht, die Schlappe schändet mich.
Doch laß uns nicht so lang von Niederlagen sprechen:
Laß uns den Frevel kühn an unserm Feinde rächen!
Ich trage nicht den Schimpf bis in das kalte Grab;
Zuerst leg ich mein Amt als erster Mundschenk ab.
Flieg in die Luft Krystall, in dessen klarer Hülle
Der starke Weingott thront! Dies ist mein letzter Wille.
Du bist nicht mehr mein Schmuck; ich bin für dich zu alt.
Ich trinke nicht als Held; ich kämpfe träg und kalt.
Ich will nicht mehr dem Ueberwinder lügen.
Du goldner Kelch leb wohl! Du zeugst von meinen Siegen.
Eil, such dir einen Freund, erneure das Gefecht,
Such einen Ritter auf, der meine Schande rächt! ----
Sprich, hast du Herz mein Sohn?
[Fußnote 4: Sieh von Korneille das Trauerspiel Cid. Der sechste und
siebente Auftritt enthält den Stoff der Parodie. Diego wird von seinem
Gegner durch eine Maulschelle entehrt, zieht den Degen, wird entwafnet,
und beseufzet seine Schande. Sein Sohn Roderich übernimmt die Rache.]
Der Sohn.
Kein andrer sollte fragen,
Er würde schon den Lohn von seinem Frevel tragen!
Der Vater.
Wie schön läßt dieser Zorn, wie labt mich deine Glut,
Denn mein gerechter Schmerz erwartet edle Wuth!
Du bist mein ächtes Blut; in diesen Feuerzügen
Lebt meine Jugend auf; du sollst den Feind besiegen!
Der Sohn.
Sprich Vater, wer entehrt dein lorbeerreiches Haupt;
Wer hat den Ruhm, der dich unsterblich macht, geraubt?
Der Vater.
Ich fiel, ich fiel, O Sohn, im schändlichsten Gefechte;
Ich bin bereits zu schwach; beschütze meine Rechte!
Nimm diesen theuren Kelch, beginn den ersten Krieg,
Erobere mein Sohn für mich den ersten Sieg!
Alle Höflinge. Bravo!
Beliam. Noch nie hat ein Sohn für seinen Vater so willig, so tapfer
gefochten! Ich gebe mich überwunden! Du saufst den König arm aus
kindlicher Liebe.
Isidor. Lasset izt euren Witz aufsprudeln! ---- Ihr wackern Brüder, hört
mein Trinklied ----
Leberreime.
Wenn mir die vollen Gläser blinken,
Soll ich denn nicht wacker trinken?
Holder Weingott, meinen Gruß!
Izt will ich auf Rosen sinken,
Und dem frohen Amor winken;
Süsses Mädchen, einen Kuß!
Alle. Es lebe der König!
(Eduard erscheint, winkt allen zu bleiben, und setzt sich in ihre
Mitte.)
Eduard. Aus eurer Munterkeit, meine Freunde, erkenne ich euer Zutrauen.
Mindert eure Freude nicht, ich will daran Theil nehmen.
Lusian. Izt kann ein ehrlicher Kerl wieder am Hofe lachen. Die Weiber
sind weg. Es lebe der König! Ich will meinen Lieblingsgesang singen.
Rundlied.
Hütet euch vor Weiberhauben,
Schließt den Mädchen euer Haus;
Anfangs girren sie wie Tauben,
Doch sie brüten Geyer aus.
Späht den Lebenslauf der Schönen;
Prüfet ihr verstelltes Herz!
Lernt das Spiel von ihren Thränen,
Ihre Launen, ihren Scherz.
Hütet euch vor Weiberhauben,
Schließt den Mädchen euer Haus;
Anfangs girren sie wie Tauben,
Doch sie brüten Geyer aus.
Hört die trotzigen Befehle!
Welche Stürme kocht die Brust!
Immer nähret ihre Seele
Neue Wünsche, neue Lust.
Hütet euch vor Weiberhauben,
Schließt den Mädchen euer Haus;
Anfangs girren sie wie Tauben,
Doch sie brüten Geyer aus.
Der König. Lusian, du bist weit gereiset, erzähle doch der Gesellschaft
deine Ebentheuer.
Lusian. Ein Theilchen liegt auf der Zunge.
Reisebeschreibung.
Ich durchwanderte viele Königreiche, und fand oft wunderbare Geschöpfe.
Ein Ungefähr führte mich in eine seltsame Insel, die von Mücken und
Grillen wimmelte. Der Handel lag hier meistens danieder, man handelte
nur mit Fliegenwedeln, weil die Bewohner so sehr von den Mücken geplagt
wurden. Ueberall fand man wunderliche Grillen. Die Universitäten, die
Schaubühnen, die Schulen, die Tanzsäle, die Rathhäuser hatten ihre
besondere Gattung von Grillen. Der König nährte seine Grillen, und die
Unterthanen folgten seinem erhabenen Beyspiele. Der oberste
Staatsgrillenküzler versah seine Majestät täglich mit neuen politischen
Grillen. Eines Tags träumte der König von einer Originalgrille, die noch
in keiner Grillensammlung zu finden war, und die wenigstens tausend
Tonnen Goldes und eine halbe Million Menschen kostete. Was schiert das
den Monarchen, seine Lieblingsgrille ward ausgeführt. Es war der
Grillenfängerey kein Ende. Die Unterthanen murrten heimlich über manche
durchlauchtige Grille, und beschwerten sich, daß nicht nur innländische,
sondern auch fremde Modegrillen ihnen zur Last fielen. Allein der König
liebte nichts, als Grillen. Mit einer neuen Grille konnte man bey Hofe
sein Glück machen. Die Grillenprojektanten theilten unter sich die
schönsten Würden, und erschöpften die königlichen Kassen. Da man wohl
einsah, daß man nur mit Grillen sein Glück beförderte; so blühte lang
der Hang zur Grillenfängerey. Die weiblichen Grillen waren die
Veränderlichsten und Artigsten. Die Gelehrten wetteiferten mit den
Schönen, und heckten so ungeheure Grillen aus, daß sie nur den häßlichen
theologischen Grillen an komischer Gestalt wichen. Ich verließ mit
Unwillen diese grillensieche Insel. Ich eilte fort, und kam in die Stadt
der Klopffechter. Hier war das berühmte und ritterliche Faustrecht noch
in der ersten Mode. Alles geschah mit despotischer Gewaltthätigkeit. Der
König des Landes bewies seine gerechten Ansprüche auf die Güter seiner
Unterthanen und Nachbarn sonnenklar, indem er seine Patente durch
viermalhunderttausend wohlbewafnete Blutzeugen unterstützte. Mit der
Pistole in der Faust lehrte man auf dem Katheder die Rechte des
Landesfürsten. Weh dem, der nur einen unterthänigen Zweifel nährte. Die
Gottesgelehrten predigten mit dem blossen Schwerte, und bewiesen die
dunkelsten Sätze so gründlich, daß sie täglich Proseliten machten. Auf
allen Thüren der Rathssäle stand die Inschrift: ^Stat pro ratione
Voluntas!^ ---- Ich zog hastig weiter. Hin und wieder sah ich allerhand
Seltenheiten. Die Menschen sind sehr erfindsam. Eine besondere
Lustbarkeit ist an grossen Höfen --
Der Maskenball.
Der Maskenball ward am hellen Tage bey Hofe gegeben. Die Masken waren
sinnreich gewählt. Die Furchtsamen bedeckten sich trotzig mit
Löwenhäuten. Die Gleißner trugen den ehrwürdigen Priesterrock. Die
schlauen Hoffüchse versteckten sich unter Lammfellen. Die berufensten
Metzen borgten das weisse Brautkleid, und spielten ihre künstlichen
Rollen im jungfräulichen Grazienschmucke. Die Dummköpfe hüllten sich in
Staatsperücken, und Magistratmäntel. Die Müßiggänger machten sich mit
Ordenszeichen wichtig. Das Alter bedeckte seinen grauen Bart mit einer
jugendlichen Larve. Die Zwergen vergrösserten sich mit Kothurnen zu
Riesen. Alle äfften ihre Scheincharaktere so natürlich, daß nur Kenner
sie entlarvten.
Marionetenspiel.
In den Städten und an den Höfen unterhält man sich mit einem sinnreichen
Puppenspiele. Man sucht Figuren von verschiedenen Ständen, Fürsten,
Grafen, Baronen, Bürger, Beamte, Künstler, Gelehrte. Sie sind so
natürlich gemacht, daß man schwören sollte, sie wären ächte Menschen;
aber sie haben keine Seele. Sie sitzen, gehen, stehen, schlafen, essen,
trinken, lachen, sprechen, ohne daß man die verborgenen Schnüre sieht,
welche diese Maschinen in Bewegung setzen. Die Triebfedern sind
verschieden. Oft eine schwache weibliche Hand belebt ungeheure Kolossen.
Taschenspiel.
Das Taschenspiel wird am Hofe bis zur Vollkommenheit gebracht. Die
Behändigkeit der Zunge, und der Finger zeugt jene Zauberey. Alles
verwandelt sich, entflieht auf einen Wink; kömmt wieder durch einen
Hauch. Man giebt, ohne zu geben. Man nimmt, ohne daß man den Räuber
entdeckt. Alles ist verabredet. Den staunenden Zuschauern wird nicht
Zeit gelassen zu überdenken, durch welche Griffe alles geschieht, und
wenn sie die Ursache untersuchen wollen, ist alles schon geschehen.
Schattenspiel.
Dieses ist das Meisterstück der Grossen. Sie versetzen ihre Zuschauer in
eine ewige Nacht; verbergen sich hinter einer Schleyerwand, und gaukeln
über ein Licht wunderliche Grimassen. Dadurch erhalten alle ihre
Handlungen jene täuschende risenmäßige Grösse, die für scharfsichtige
Augen zwar immer Gaukeleyen sind, den blödsinnigen Pöbel aber in
Erstaunung setzen, und ihm eine kriechende knechtische Ehrfurcht für die
grossen Schattenspieler abnöthigen.
Die Zauberlaterne und der Gukkasten.
Die optischen Maschinen sind auch ein Blendwerk, das man mit Licht und
Schatten am Hofe sehr glücklich anwendet. Das seltsame Gemische von
grotesken Figuren, neuen Masken, phantastischen Scenen, Handlungen,
Geberden der Zauberlaterne zeiget die wunderbaren und flüchtigen
Auftritte der königlichen Burg. Man bedarf eines beredten Einsagers, der
mit rascher Zunge seine Zuschauer zubereitet, denn in einer Minute
verschwinden die Vorstellungen, und neue Begebenheiten verdrängen die
Alten.
Alle. Hahaha! Das war eine feine Satyre!
Mars. Izt etwas von der Liebe, meine Freunde!
Sonnet.
O Amor, schönster Gott, hör meine lezte Bitte!
Sey meiner Liebe hold, dies soll die Gnade seyn.
Der Wunsch ist für mich groß, für deine Kräfte klein;
Wie oft empfand mein Herz Beweise deiner Güte!
Du warst mein Busenfreund, du lenktest meine Schritte;
Wer kann so fromm wie ich dir täglich Weihrauch streun?
Wen wird dein Lächeln mehr als meine Brust erfreun?
Sie glüte nur für dich schon in der ersten Blüte.
Von dir beseelt steh ich izt in der Lebensmitte.
Mich reizt die Grösse nicht: ich geize nicht um Aerz;
Du labest mich allein; durch dich entflieht der Schmerz.
Besuche süsses Kind noch einmal meine Hütte!
Dir folget jede Lust, Du bringst den sanften Scherz
Durch deine Gabe mit; schenk mir Sophiens Herz.