Die Verbindungen der Productionsmittelpuncte mit den Absatzgebieten sind,
seit es Menschen gab, welche die gegenseitige Hilfe zur Befriedigung ihrer
Bedürfnisse und Verlangen anrufen müssen, die Bedingungen des Verkehres;
sie haben Handel und Industrie geschaffen.
Die einfachsten, wohlfeilsten Verbindungen bietet das Meer, daher hat sich
die Cultur am frühesten und nachhaltigsten an den Meeresküsten entwickelt,
und es haben sich dort von jeher Staaten gebildet, welche zu einer,
weit über das numerische Verhältniss ihrer Gebietsausdehnung und ihrer
Einwohnerzahl hinausreichenden, Macht gelangten und auf die Geschicke der
Menschheit den entschiedensten Einfluss übten.
Heute noch, wo die Ausgleichung der Gegensätze unter den civilisirten
Völkern so weit vorgeschritten ist, kann man den Reichthum und den
Culturzustand eines Volkes aus der Beschaffenheit und der Benützung
der Verbindungen bemessen, welche zwischen den eigenen und den fremden
Mittelpuncten der Production und des Verbrauches bestehen.
Die Eisenbahnen haben den Einfluss des Verkehrs auf das Culturleben
unendlich gesteigert, indem sie die kürzesten und schnellsten Verbindungen
auf dem Festlande verzweigen und die Ausgleichung der Production und
Consumtion im Innern der Continente bewirken. Ihr grösster Werth besteht
aber darin, dass sie die entferntesten Binnenländer mit dem Meere
verbinden, sich an den Seeverkehr, dem sie als Ergänzung dienen,
anschliessen und hierdurch die Märkte des Inlandes mit den entferntesten
Weltgegenden in Berührung bringen.
Nun besitzt Oesterreich ein schönes Stück Seeküste an dem adriatischen
Meere, welches in vielfacher Beziehung sehr günstig gelegen ist, da es
die mittelste, grosse, am weitesten nach Norden einschneidende Bucht
des mittelländischen Meeres bildet und hiermit für Oesterreich und
Central-Europa überhaupt den Seeweg nach sämmtlichen reichen Ländern
des Mittelmeerbeckens und die Seeverbindung mit dem atlantischen Ocean
eröffnet.
Oesterreich hat auch ein weitverzweigtes Schienennetz, und es wären sonach
die zwei Hauptbedingungen einer regen Betheiligung am Weltverkehre gegeben;
aber leider hat es bisher an dem gehörigen Ineinandergreifen der beiden
Factoren gefehlt, der Verkehr des südlichen Küstenrandes entbehrt des
richtigen Zusammenhanges mit dem Güterleben der Hauptmasse der Monarchie,
welches nach der entgegengesetzten Richtung, nach Nordwesten und Norden,
gravitirt.
Das österreichische Eisenbahnsystem hat sich radial aus dem Mittelpuncte
Wien herausgebildet, und es wurden die ersten Schienenwege durch diejenigen
Provinzen geführt, welche in Ur-Production, Industrie und Wohlstand am
weitesten vorgeschritten waren, wo sich zunächst die Hauptbedingungen eines
rentablen Eisenbahnverkehrs vorfanden, und wo auch der Eisenbahnbau am
wenigsten Schwierigkeiten bot.
Es kam ganz natürlich, dass die ersten Bahnen in nördlicher und
nordwestlicher Richtung bis an die schlesische und böhmische Reichsgrenze
im Anschlusse an das bereits weit fortgeschrittene Eisenbahnsystem der
norddeutschen Tiefebene zu einer Zeit fertig waren, wo die österreichische
Seeküste noch durch das Steinmeer des Karstes von der Hauptmasse der
Monarchie geschieden blieb, dass somit die directe Eisenbahnverbindung
früher mit fremden als mit den eigenen Seehäfen hergestellt ward, der
Verkehr aus zweiter Hand auf Unkosten des eigenen Seehandels begünstigt
wurde, und die ganze Verkehrsrichtung für die reichsten österreichischen
Ländergebiete nach Norden und Nordwesten -- sich dergestalt verschob, dass
dieselben bis Laibach Handelsdependenzen der norddeutschen, und in zweiter
Linie der englischen, Häfen wurden, während die österreichische Seeküste,
vom Gros der Monarchie isolirt, auf ihren Zwischenhandel beschränkt blieb.
Seither wurde allerdings die Südbahn bis zum Hafen von Triest geführt, und
es wurde hiemit der Anfang zu einer intensiven Verbindung der Seeküste mit
dem Binnenlande gemacht, nichts destoweniger hat es der österreichische
Seeverkehr aus vielen Gründen bis zur Stunde noch nicht soweit gebracht,
dass ihm ein entscheidender Einfluss auf die Hebung der vaterländischen
Production und auf die so nothwendige Erstarkung des Nationalwohlstandes
zugeschrieben werden könnte, und der ganze auswärtige Verkehr der
Monarchie trägt einen Charakter der Dürftigkeit, welchen auch der wärmste
Patriotismus nicht verkennen kann. Dass die Einfuhr nach Oesterreich, also
der einheimische Verbrauch fremdländischer Erzeugnisse verhältnissmässig
sehr geringfügig sei, beweisen am besten die Zollerträgnisse, welche in den
Jahren 1852 bis 1862 zwischen 14 und 16 Millionen Gulden jährlich betragen
und also in diesem langen Zeitraume nahezu stationär geblieben sind,
während in England, Frankreich, im Zollvereine u. s. w. die Zolleinnahmen
in der gleichen Periode sich ausserordentlich hoben.
Nicht besser steht es mit der österreichischen Ausfuhr; es liesse sich
kaum ein Artikel namhaft machen, mit welchem Oesterreich massenhaft im
Welthandel aufträte, welcher auf den auswärtigen Märkten eine erste Rolle
spielen und dem österreichischen Exporte im Weltverkehr eine bestimmte
Stellung anweisen würde. Oesterreich treibt auch en gros nur Kleinhandel.
Einzelne Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Wir erinnern hier nur an
die günstige Conjunctur des Jahres 1861, wo, in Folge der Missernten des
westlichen Europas, Ungarn zum ersten Male mit mehreren Millionen Metzen
Getreide auf dem Weltmarkt erscheinen konnte. Dieses Superplus der
gewöhnlichen Frachtenbewegung rief damals auf der Donau, auf den
Eisenbahnen, im Hafen von Triest ein reges Leben hervor, die Börse notirte
freudig den wohlthätigen Rückschlag auf die Valuta, durch die reichen
Verkaufgewinne wurde die Steuereinhebung in Ungarn erleichtert, und die
österreichischen Gewerbe und Fabriken hatten erhöhten Absatz. Gross waren
die Hoffnungen und mannigfaltig die Entwürfe, welche sich an die neue
Erscheinung knüpften, und ebenso gross die Enttäuschung, als sich
herausstellte, dass man es eben nur mit einer vorübergehenden Chance zu
thun hatte, und in jedem Falle hat dieser Zwischenfall den deutlichsten
Fingerzeig gegeben, wie unter günstigen Verhältnissen der sprichwörtlich
gewordene Reichthum des Kaiserstaates an noch nicht gehobenen Naturschätzen
und noch gebundenen volkswirthschaftlichen Kräften sich verwerthen liesse.
In gleichem Maasse, wie die Urproduction, benöthigt die österreichische
Industrie der Entfaltung ihrer Wirksamkeit nach Aussen. Wenn es hiefür
noch eines Beweises bedürfte, so wird derselbe durch den Sturm geliefert,
welcher sich erst jüngst aus österreichischen industriellen Kreisen gegen
die Freihandelsprivilegien der österreichischen Seehäfen erhob.
Es ist hier nicht der Ort, in die Freihafenfrage näher einzugehen, wir
erlauben uns nur Act von der Thatsache zu nehmen, dass der österreichischen
Industrie ihr bisheriges Absatzgebiet zu enge geworden ist, dass sie
sich befähigt fühlt, die Concurrenz mit den am weitesten vorgeschrittenen
Industriestaaten aufzunehmen, und dass sie die Erweiterung ihres Absatzes
nicht etwa durch die bisherigen indirecten, nach den nordwestlichen
Europa-Häfen führenden Verbindungswege, sondern durch Vermittlung der
österreichischen Seehäfen, durch den _Seehandel_ postulirt.
Kann man zweifeln, dass das Bedürfniss aus den gegenwärtigen
Verkehrsverhältnissen herauszukommen, ein allgemeines, tiefgefühltes sei?
Es liegt in der Gesammtheit der politischen, volkswirthschaftlichen und
finanziellen Zustände des Kaiserstaates eine gebieterische Aufforderung,
dem Nationalwohlstande neue ergiebige Quellen aufzuschliessen.
Dies kann nur geschehen, wenn Oesterreich sich aus seiner bisherigen
Passivität in handelspolitischer Beziehung aufrafft und mit allen seinen
reichen Kräften in den Kreis eines thätigen Welthandels eintritt; so lange
sich der auswärtige Verkehr Oesterreichs in seinen jetzigen ausgetretenen
Geleisen bewegt, ist ein erheblicher Aufschwung nicht zu erwarten.
Die Anerkennung, welche die österreichischen Industrie-Erzeugnisse auf den
Weltausstellungen, namentlich letztens in London, gefunden haben, sind zwar
ein erfreuliches Zeugniss für Leistungsfähigkeit und Fortschritt; aber ein
namhafter Absatz nach dem europäischen Westen und Norden ist für dieselben
hiermit noch nicht gewonnen und die Ausfuhr von österreichischen Producten
nach jener Richtung kann nur beim Eintritte von besondern einzelnen
Conjuncturen massenhaft werden, die wohl bestens benützt werden müssen, auf
welche aber nicht mit Bestimmtheit gerechnet werden kann.
In Nordosten hat sich Russland durch ein starres Prohibitiv-System
abgeschlossen; im Süden, in Italien, stehen politische Verhältnisse und
eine in allen Gebieten scharf ausgeprägte Nebenbuhlerschaft im Wege. Mit
der Türkei endlich betreibt Oesterreich allerdings einen sehr bedeutenden
Verkehr, aber die Zeiten des grössten Flors desselben sind vorüber, nachdem
der frühere, sehr vortheilhafte, über Oesterreich geführte Zwischenhandel
seit der Aufhebung der englischen Korngesetze und in Folge des Krimkrieges
sehr lebhaften directen Verkehrsbeziehungen des westlichen Europas zur
Levante weichen musste. England bezieht nun aus dem azowschen und schwarzen
Meere direct seinen Getreidebedarf, der österreichische Transit und
Zwischenverkauf von Südfrüchten hat ganz aufgehört, die reichen Producte
von Kleinasien und Egypten werden für englische und französische Rechnung
an Ort und Stelle aufgekauft und auf dem Seewege direct verführt; der
Oesterreichische Lloyd, welcher die Dampfschiffahrt in der Levante
eingebürgert hat, kann sich nur mit grösster Mühe der übermächtigen
Concurrenz fremder, reich subventionirter Gesellschaften erwehren, die
levantinischen Märkte werden mit englischen Manufacturwaaren überschwemmt,
in allen Gegenständen des Luxus herrscht unbedingt die französische Mode
-- kurz, die österreichische Position ist in der Levante in jeder Beziehung
sehr schwierig geworden. Hiermit soll zwar nicht gesagt sein, dass sich
bei Entwicklung der gehörigen Energie und bei sorgfältiger Benützung der
Vortheile der Nachbarschaft, nicht für unsern Handel mit der Levante
noch Manches erzielen lasse, aber im Ganzen genommen ist das dortige
Handelsgebiet doch schon zu vielseitig ausgebeutet, und die Türkei ist
in ihren politischen und volkswirthschaftlichen Verhältnissen zu übel
bestellt, als dass ein besonderer Aufschwung unseres levantischen Handels
sich erwarten liesse.
Wollen wir wirklich vorwärts kommen, so müssen wir, über die bisherigen
allerdings fortan sorgfältig zu pflegenden Handelsgebiete hinaus, den
Blick frei und muthig in das Weite richten, wir müssen neue und ausgiebige
Verbindungen und zwar mit denjenigen Ländern anknüpfen, deren Production
und Industrie von der unsrigen in der Art verschieden ist, dass wir
gewinnbringend mit ihnen Geschäfte eingehen können. Wenn Oesterreich in dem
Zollvereine, in England, in Frankreich, Belgien und der Schweiz zur Stunde
nicht mit Vortheil seine Erzeugnisse abzusetzen vermag, so ist damit
noch lange nicht gesagt, dass es dieselben nicht direct in jene fernen
Consumtionsländer führen könne, wohin Engländer, Franzosen, Norddeutsche,
Belgier und Schweizer die ihrigen bringen, und es kann umso weniger
einem Zweifel unterliegen, dass wir dort, wo uns die geographische Lage,
wohlfeilerer Transport u. s. w. begünstigen, concurrenzfähig auftreten
könnten, als nach vielen glaubwürdigen Zeugnissen schon jetzt im
transoceanischen Verkehre so manche gut österreichische Waare,
brünner Tuche, Kurzwaaren u. dgl. unter englischer, französischer oder
hanseatischer Firma gehen, so manche Gallone ungarischen Weines als echter
Bordeaux zu den höchsten Preisen verkauft wird.
Wäre es nicht besser, wenn wir, statt dem fremden Zwischenhändler die
Gewinne des Vertriebs zu überlassen, selbst an Ort und Stelle gingen, uns
überall andrängten, wo es noch zu verdienen gibt, alle Märkte aufsuchten,
die noch nicht überfüllt und ausgebeutet sind?
Wäre es nicht vortheilhafter, wenn wir, statt fremdländische Producte aus
dritter und vierter Hand über Hamburg, Stettin oder Bremen zu beziehen,
oder im besten Falle hie und da schwimmende Schiffsladungen, auf denen
die Provisionen fremder Unterhändler lasten, in Triest zu kaufen, unsern
Consumtionsbedarf mit unsern Schiffen, direct vom Erzeugungsorte holen
würden? Erhalten wir z. B. die Colonialwaaren, welche heut zu Tage nicht
mehr Gegenstand des Luxus, sondern des Lebensbedürfnisses geworden sind,
wohlfeiler als jetzt, so steigt der Consumo und mit ihm das Zollerträgniss;
werden die Hilfsstoffe unserer Fabricationen billiger, so kräftigt sich
unsere Industrie und wird um so absatzfähiger.
Tritt man aber aus den engen Kreisen, in welche der österreichische Verkehr
bis zur Stunde gebannt ist, so eröffnet sich ein weiter, unübersehbarer
Horizont, eine Welt liegt vor uns, welche bis nun nur in österreichischen
Schulzimmern und Gelehrtenstuben bekannt ist, eine Welt voll des regsten
Lebens, der Tummelplatz aller übrigen civilisirten Völker, wo der
Handelsgeist täglich unerhörte Triumphe feiert, wo die ganze Ueberlegenheit
europäischer Thatkraft und europäischer Cultur, vor welcher tausendjährige
Reiche in den Staub versinken, sich geltend macht, wo sich eine Solidarität
der Interessen der Menschheit vorbereitet, die in den Annalen der
Civilisation nicht ihres Gleichen findet.
Welche Reihenfolge von Unterlassungen und von versäumten Gelegenheiten
haben wir zu verzeichnen!
Wenden wir unsern Blick auf den Continent von Amerika, welchen _Maury's_
berühmte Forschungen und die Fortschritte der Schiffbaukunst in der Neuzeit
dem alten Europa um so viel näher gebracht hat, und sehen wir von den
Ländern ab, welche die anglo-sächsische Race besetzt hält, welches Feld der
Thätigkeit bieten nicht ausser den Antillen die ehemaligen spanischen und
portugiesischen Colonien! unermessliche Länder, in Fülle gesegnet mit den
herrlichsten Producten theils der heissen, theils der gemässigten Zone,
bewohnt von Völkern romanischer Abstammung, welche durch eine langjährige
politische Zerfahrenheit zwar vielfach herabgekommen sind, aber
das Bedürfniss europäischer Civilisation in sich tragen und bei den
unerschöpflichen natürlichen Reichthumsquellen, über die sie verfügen,
bei ihrem Hange zum Luxus und in gänzlicher Ermangelung jeglicher eigenen
industriellen Thätigkeit, mit ihrem ungeheuren Bedarfe von Europa abhängen!
In diesen gewinnreichen Güterverkehr theilen sich die Handelsvölker;
Engländer und Amerikaner sind überall zu finden, Deutsche und Schweizer
halten mit ihnen fast überall gleichen Schritt, es gibt keine namhafte
Hafenstadt, wo sich nicht eine ansehnliche, die Verbindungen mit dem
Mutterlande festhaltende deutsche Kaufmannschaft ansässig gemacht hätte;
die reichsten Kaufherren von Hamburg und Bremen versäumen nicht, ihre Söhne
für einige Jahre in die hohe Schule des amerikanischen Handels zu schicken;
die Franzosen behaupten auch in Amerika in allen Gegenständen der Mode und
des Raffinements ihre Ueberlegenheit, kurz, man findet in dem allgemeinen
Weltlauf nach Erwerb und Gewinn alle Firmen, alle Flaggen vertreten, bis
auf die _österreichische_.
Was hat sich nicht unmittelbar nach der Entdeckung der californischen und
australischen Goldlager verdienen lassen!
Wenn man bedenkt, welche Unsummen von Werthumsätzen erforderlich waren, um
die Bedürfnisse der Goldsucher zu befriedigen, welche aus allen Theilen
der Welt in jene frühere Wüste und unwirthbare Gegenden zu Hunderttausenden
zusammengeströmt waren, denen alle Lebensmittel, alle Werkzeuge,
Bekleidungsstücke und Hausrath über den Ocean zugeführt werden mussten, wo
sich alle Preisverhältnisse verrückten und bei Gegenständen, welche anderer
Orten die geringsten Werthe hatten, fabelhafte Gewinne gemacht wurden, so
kann man nur bedauern, dass sich weder die österreichische Rhederei, noch
der österreichische Export an einer solchen beispiellosen und durch Jahre
andauernden Bewegung betheiligt hatten.
Betrachten wir weiters die blühende Cap-Colonie, Ostindien, seit uralten
Zeiten das Mecca des Welthandels, wo sich England in den letzten hundert
Jahren ein wundersames Reich von 110 Millionen Einwohnern gegründet hat,
Ceylon, Singapore, das Stelldichein aller Flaggen, die reichen Länder Siam
und Cochinchina, die wohlgeordneten wichtigen Colonien der Holländer im
Sunda-Archipel, Australien und Oceanien, die Philippinen, China und
Japan, so wird man in allen diesen Gebieten und Reichen, deren Ausdehnung,
Mannigfaltigkeit, Producten-Reichthum und Lebensfülle den Blick verwirren,
vergebens nach einer Spur von österreichischer Handelstätigkeit spähen.
Man kann die Welt umsegeln, und ausserhalb der Meerenge von Gibraltar
nicht _einen einzigen_ österreichischen Handelsmann, oder auch nur
Handels-Agenten finden, welcher mit dem Mutterlande in Verbindung stände;
die vereinigten Staaten von Nord-Amerika und Brasilien ausgenommen,
steht Oesterreich mit _keinem_ transoceanischen Staate in Handels-
und Schiffahrtsbeziehungen in tractatmässigem Verhältnisse, selbst
die Consular-Vertretung ist äusserst spärlich gesät, und kaum mehr als
nominell, die wenigen österreichischen Handelsschiffe, welche sich auf
gut Glück jenseits des Aequators wagen, finden kaum hie und da an einigen
Hauptorten den nothdürftigsten Schutz, kein Europäer ist so rath- und
hilflos, fühlt sich so sehr Fremdling in jenen fernen Zonen, als der
_Oesterreicher_.
In Ostasien hat sich in unseren Tagen ein Ereigniss von unberechenbarer
Tragweite vollzogen, welches in der Geschichte der Menschheit für immer
Epoche machen wird, das Kaiserthum China mit 385,000 Quadratmeilen
Flächeninhalt und 350 Millionen Einwohnern ist durch eine Handvoll
europäischer Soldaten und Seeleute gezwungen worden, die tausendjährigen
für unübersteiglich gehaltenen Schranken fallen zu lassen, welche das
Reich der Mitte von der übrigen Welt trennten. Es steht jetzt in Folge
feierlicher, auf den Ruinen des kaiserlichen Palastes der Mandschu
besiegelten Verträge dem Handel aller Nationen offen, und selbst das reich
bevölkerte, in seiner Art hoch cultivirte Inselreich Japan, welches seine
Abgeschlossenheit noch strenger als selbst China bewahrt hatte, wird
dem Andrange europäischer Ueberlegenheit nicht widerstehen, sein
Zersetzungsprocess ist eben im Zuge.
Die Engländer, deren Interessen zunächst den Umsturz herbeigeführt, ziehen
hievon auch den meisten Nutzen, ihr Verkehr mit China und Japan zählt schon
jetzt nach Millionen Pfund Sterling. Frankreich erlangt in jenen Ländern
einen viel bedeutendern politischen Einfluss. Russland drückt mit seiner
Wucht von der Amur-Mündung her auf die chinesische Nordgrenze, die
Amerikaner pflegen trotz des Wüthens des Bürgerkrieges in ihren Gewässern
ihre Interessen, Holland, Schweden und Dänemark haben sich beeilt, ihre
Verträge abzuschliessen; selbst Preussen machte sich im fernen Osten durch
Schiffs-Expeditionen und diplomatische Missionen geschäftig.