Tullus schrie auf: »Acca, es sind Nazarener!«

Und er wollte sie fortreißen, wollte mit ihr voller Grausen entfliehen.

In demselben Augenblick stürzte vom Hain her ein Jüngling in die Grotte.

»Löscht die Fackeln, flieht in die Tiefe! Der Priester Atinas kommt mit

der Leibwache des Cäsars, uns gefangen zu nehmen. Rettet euch!«

Niemand zeigte Schrecken oder Furcht; alle waren vorbereitet, den

Feinden ihres Gottes in die Hände zu fallen und den Märtyrertod zu

erleiden. Ihr Bischof mußte ihnen befehlen, die Fackeln bis auf eine zu

löschen. Dann wendete er sich zu den beiden, die nicht seines Glaubens

waren: »Verlaßt uns! Es könnte der Wille des Herrn sein, daß die Heiden

uns hier finden; der Priester Atinas ist es, der nach uns sucht,

unser und des Herrn, unseres Gottes, grimmigster Feind. Weiche von

uns, Sohn des Atinas, damit dein Vater, sollte Gott uns in seine Hand

geben, nicht wähne, du seiest einer der Unseren. Denn wenn du uns auch

hassest, so möchte es deinen Vater doch kränken, daß du eine Stunde als

unser Freund bei uns weiltest. Geh, Jüngling, und nimm diese holdselige

Jungfrau mit dir. Aber das wisse: wen der Herr suchet, den findet er.

Auch deine Stunde wird kommen, ehe du es denkst. Und so ziehet hin in

Frieden!«

Nach diesen feierlichen, mit lauter Stimme gesprochenen Worten winkte

der Bischof den beiden gebieterisch, die Grotte zu verlassen. Tullus

schlich mit der weinenden Acca hinaus.

Als sie draußen am Eingang standen, im Dunkel des Haines, raunte der

Jüngling dem Mädchen zu: »Warte hier auf mich!«

»Was soll ich?«

»Ich komme gleich zurück.«

»Wo willst du hin?«

»Still!«

»Tullus!«

Aber er war schon fort.

»Tullus, was willst du tun?«

Aber auf ihre angstvolle Frage kam keine Antwort.

Sobald Tullus der finsteren Waldung entronnen war, stürmte er vorwärts.

Dann besann er sich, blieb stehen, spähte um sich; doch entdeckte er

nichts. Nun stand er und lauschte. Er hörte keinen Laut. Aber jetzt —

— es klang wie gedämpfte Stimmen, wie Geräusch von Waffen, ihm ganz

nahe. Da rief er: »Vater, Vater! Ich bin's! Dein Sohn Tullus!«

Ein erstickter Aufschrei. Aus dem Dunkel der Nacht löste sich die

Gestalt eines Mannes und stürzte auf Tullus zu.

»Ich bin es, Vater.«

»Du, fort von der Insel, du hier?!«

»Dir nach. Verzeih' mir! Acca ist auch da. Ich will dir helfen,

die Nazarener zu verderben. Wir sind diese Nacht mit ihnen

zusammengekommen.«

»Mit den Nazarenern? Wo sind sie?«

»In einer Grotte, dort beim Hain.«

»Tullus!«

»Ihr Priester ist bei ihnen. Ich führe dich. Kommt, kommt schnell!«

Die Leute von der Leibwache des Cäsars und ein Hauptmann waren zu den

beiden getreten. Tullus eilte den Männern voraus. Atemlos erreichte

er den Hain, tastete sich bis zum Eingang der Grotte. Aber hier war

keine Acca. Sie war auch nicht im Walde, welchen Tullus, den Namen der

Geliebten rufend, durchsuchte.

Atinas erschien mit dem Hauptmann und der Wache; Tullus mußte

vom Suchen ablassen und die Höhle zeigen. Plötzlich kam ihm ein

entsetzlicher Gedanke. Er stürzte seinem Vater und den Römern voraus in

die Grotte hinein. Drinnen fand er sie.

Acca stand mitten unter den Jungfrauen, bei den Christen, die Tullus

an die Römer verraten hatte. Atinas rief seinem Sohne zu: »Sie bekennt

sich als zu diesen gehörend.«

Die Nazarener, die sich ohne Widerstand gefangen nehmen ließen, wurden

herausgeführt: sie gingen festen Ganges, erhobenen Hauptes, sich

einander Trost und Mut zusprechend. Acca schritt in der Reihe der

Jungfrauen, welche liebevoll um die neue Christin besorgt waren.

In einiger Entfernung folgte Tullus. Sein Gesicht war fahl, seine

Mienen waren verzerrt; er taumelte wie ein Trunkener und ließ von Zeit

zu Zeit ein jammervolles Ächzen hören. Und von Zeit zu Zeit rief er sie

an, die er mit den anderen verraten hatte: »Acca! Acca! Acca!«

Doch Acca hörte nicht auf ihn.

Der Morgenwind wehte, die Sterne erblaßten; ein totenfarbenes Zwielicht

erhellte die Welt. Aber schon regten sich die Vögel und aus den Lüften

drang Lerchenjubel durch die Dämmerung.

Als die Römer mit ihrer menschlichen Beute durch die Porta Capena

in die Stadt zogen, war es Tag. Ein blutiger Glanz flammte über dem

Albanus und dem Heiligtum des höchsten Gottes auf; schnell griff der

Brand der Morgenröte um sich, entzündete Himmel und Erde, schien Rom

mit allen Tempeln und Göttern verzehren zu wollen.

Beim Coelius, in der Nähe des großen Zirkus, wurden die Christen in den

Kerker geführt. Acca war die letzte. Bevor der finstere Eingang sie

aufnahm, blieb sie stehen, wandte sich zurück, mit feierlicher Gebärde

Tullus winkend. Dann schlug die Tür zu hinter der lichten Gestalt.

Mit einem dumpfen Wehlaut warf sich der Zurückbleibende auf den

Boden, das Antlitz gegen die Erde pressend. Von göttlicher Sehnsucht

getrieben, war er ausgezogen, Heldentaten zu begehen, und seine erste

Tat war Verrat gewesen, ein Verrat an denjenigen, welche ihm Gutes

erwiesen, seine erste Tat war Mord gewesen, ein Mord, verübt an der

Schwester, an der Geliebten.

Jene anderen, die Verratenen, die sich erhobenen Hauptes zum Tode

führen ließen, sie, die Verabscheuten und Gehaßten — sie waren Helden!

Und der unglückliche Jüngling stöhnte auf, als wäre er ein Sterbender.

* * * * *

Der Cäsar gab den Römern in seinem neuen Hause ein Fest.

»Endlich wohne ich wie ein Mensch,« hatte der Gott gesprochen, als

aus dem Schutt und den Trümmern des abgebrannten Roms des Kaisers

neues Haus sich erhob. Von Gold erstrahlten Wände und Decken, von

Gold funkelte der Estrich. Juwelen waren in des Kaisers Haus den

Steinen gleich geachtet, und das schlechteste Material, daraus man

es aufgeführt, bestand in dem kostbaren Marmor aller drei Weltteile.

Wo der Gott menschliche Nahrung zu sich nahm, wölbte sich über der

glanzvollen Halle ein sonniger Himmel, von dem Narden herabtauten,

der sich öffnete, um auf den Gott und seine Gäste Veilchen und Rosen

hinabrieseln zu lassen. Der Saal drehte sich um eine goldene Achse,

Gestirne kreisten und die Musik der Sphären ertönte.

Wenn Nero schwelgte, stiegen die Himmlischen selber von ihren seligen

Höhen hernieder, um die Freuden ihres Brudergottes zu teilen, die

göttlicher waren als die ihren; wo Nero wandelte, erblühten Blumen,

sangen Vögel, freuten sich Menschen und Götter; wo Nero weilte,

verwandelte sich die Welt in den Olymp, Rom ins Elysium. Nur die Römer

blieben, was sie seit den Zeiten des großen Augustus geworden waren:

ein Volk von Knechten, Speichelleckern, Kreaturen und hündischen

Kriechern.

Heute nun wollte der Gott mit seinen Geschöpfen sich auf menschliche

Weise ergötzen.

Rings um den Palast, die Tiefen zwischen vier Hügeln füllend,

erstreckten sich weite Fluren mit umfangreichen Seen, köstliche Haine,

welche die Tiere der Wildnis bewohnten. Durch dieses wundersame

Gefilde sollte heute nacht des Cäsars Weg führen, wenn er sich von

seinem Hause zum Zirkus begab. Denn hier ließ der Kaiser dem römischen

Volke olympische Spiele veranstalten, bei denen er seinen Römern als

Apollon-Helios erscheinen wollte, ein Sechsgespann weißer Rosse lenkend.

Den Weg vom Kaiserpalast bis zur Arena sollten diese Nacht Fackeln

erhellen, wie sie noch keinem Unsterblichen geleuchtet hatten.

Schon früh am Tage begannen die Vorbereitungen, zu welchen die Römer

sich drängten, denen sie voll Entzücken zuschauten. Aus den Kerkern

und Grüften des Coelius wurden die Christen herbeigetrieben: sie,

welche, den ewigen Göttern zum Hohn, Rom in Brand gesteckt hatten

— denn so wollte Gott Nero, daß es geschehen sei — sie sollten

den ewigen Göttern zum Ruhm in Flammen auflodern. In Scharen brachte

man sie herbei: Greis und Jüngling, Matrone und Jungfrau, Mann und

Kind. Das römische Volk heulte auf vor Mordgier. Und es würde diese

unersättliche, nach Blut lechzende Menge, welcher Todesschreie und

Sterberöcheln Musik war, entzückt haben, wenn ihr »göttlicher« Kaiser

seine Römer die wilden Tiere hätte sein lassen, denen man in der Arena

menschliche Leiber zum Zerreißen vorwarf. Wie die Bestien ihre Opfer

zerfleischt haben würden!

Unter dem Gebrüll und Geheul des Plebs, darunter sich »edle« Römer,

Senatoren und Ritter befanden, wurden die Christen nach dem Hause

des Kaisers geschleppt. Hier vor dem Palast, dem palatinischen Berg

gegenüber, woselbst die eherne Kolossalstatue des Gottes aufgestellt

war, angesichts des Forums, dieser hochehrwürdigen Stätte, welche die

Größe Roms geschaut hatte, nahm das Fest seinen Anfang.

Pfähle bedeckten den Platz, lagen hoch aufgeschichtet, an dem einen

Ende zugespitzt, um in die Erde gesenkt werden zu können. Nun kamen die

Christen. Ihre Wächter überlieferten sie ihren Henkern.

Diese rissen ihnen die Kleider herab, schnürten sie an die Pfähle, in

solcher Weise, daß ihr nackter Leib hoch über den Pflock hinausragte,

umwickelten sie bis zur Brust mit Werg, das mit Öl und Pech getränkt

wurde. Darauf schleppte man die menschlichen Fackeln hinweg, dahin,

wo sie in den Boden gegraben werden sollten. Zu beiden Seiten des

Weges wurden sie aufgerichtet; vor dem Palast des Kaisers und dessen

Bildsäule sollten die schönsten Flammen lodern: die Jungfrauen, die

Jünglinge, die Kinder.

Nachdem die Körper der Christen in die sonnigen Lüfte ragten, schickte

man sich an, die kaiserlichen Fackeln kaiserlich zu schmücken. Mit

sidonischer Seide und phönizischem Purpur wurden die Pfähle verziert,

um die Leiber Blumen geschlungen, daß bis zur Brust Krokus und

Tazetten, Lilien und Narzissen sie umhüllten; die Häupter erhielten

Kränze von Lotosblumen. Von Pfahl zu Pfahl, von Fackel zu Fackel

wurden mächtige Rosengewinde gezogen, die Wege mit Myrten- und

Zypressenzweigen bestreut, zu beiden Seiten der Straße Dreifüße

aufgestellt, die in herrlichen Gefäßen Spezereien und Sandelholz trugen.

An manchen Stellen wurden Triumphbögen erbaut.

Hier sollten die Senatoren und Ritter, die Flötenspieler und Sänger den

Kaiser erwarten.

Endlich war alles vorbereitet. Ein leuchtender Himmel wölbte sich

über dem Festplatz; ringsum strahlten die Paläste, die Tempel, die

Götterbilder. Frühlingslüfte wehten; in den Gärten der Kaiserpaläste

schlugen die Nachtigallen, und die Menschen freuten sich ihres Lebens

und des Sterbens der Hunderte.

Unter der Menge, welche die Straße auf- und niederwogte, befand sich

auch Tullus. Vor einer jeden der vielen lebenden Fackeln blieb er

stehen und schaute hinauf, immer von neuem in der fürchterlichen

Erwartung, unter den Blüten ein geliebtes, holdseliges Antlitz zu

erblicken. Und wenn er die fand, die er suchte, was sollte er dann

beginnen, was würde ihm dann geschehen? Bei Accas Anblick entseelt

hinsinken, bevor der liebliche Leib in Flammen aufging!

Aber Acca war nicht unter den vielen, und Tullus blieb leben.

Er gewahrte alles, was geschah; er sah die Römer in bestialischer

Wut, sah die Christen voll heldenhafter Ergebung; er hörte jene die

Götter preisen, hörte diese ihren Gott anrufen. Unter manchem Pfahl

blieb Tullus stehen und schaute hinauf; er sah das bleiche, ruhige

Antlitz der dem Tode Geweihten; er vernahm, was diese von Göttern und

Menschen Verlassenen in der letzten Stunde ihres Lebens, kurz vor einem

martervollen Tode sich sagten: Mütter ihren Söhnen und Töchtern, Gatte

der Gattin, Freund dem Freunde. Sie trösteten einander, sie sprachen

sich Mut zu; sie sagten sich große, erhabene Worte, die gleich Flammen

in des Jünglings Seele drangen.

»Unser Herr, der erleiden mußte, was wir erleiden, sprach: Vergebt

ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Laßt uns diese Worte unserm

Herrn und Heiland nachsprechen.«

Das taten sie, das taten alle.

Ein Greis ermahnte: »Auch dessen gedenket in dieser Stunde: daß uns

geboten ward zu lieben, die uns hassen und verfolgen, und zu segnen,

die uns fluchen. Erfüllet den Willen des Herrn, der für uns gestorben

ist.«

Kentaurenliebe. Die Toteninsel · 第 16 / 21 题