Wiederum ein anderer: »Harret aus! Bald ist's überwunden.«

»Ja, bald werden wir bei unserm lieben Herrn im Paradiese sein.«

Tullus hörte diese Reden, und als er über einer der Triumphpforten,

die am Abend der siegreiche Cäsar durchschreiten sollte, in goldener

Inschrift die Worte las: »Euch, ihr ewigen Götter!« zuckte der Jüngling

zusammen und wendet sich jählings ab.

Es dämmerte. Vor dem Palast des Cäsars zog die Leibwache auf, drängte

die Menge zurück und besetzte die Straße. Die Senatoren und Ritter, die

Sänger und Flötenspieler erschienen. Im Volke ward es still, nach dem

wilden Getöse ein Todesschweigen.

Schnell nahm die Finsternis zu. Plötzlich erschallten feierliche

Stimmen. Wie aus den Lüften herab schwebten die Töne über die dunkle

Erde — der Sterbegesang der Christen.

»Hosianna! Hosianna!«

Es ward Nacht.

* * * * *

Durch die Hallen und Säle des Palastes wälzte sich der kaiserliche Zug:

Nero, in schleppenden goldenen Gewändern, in den duftenden Locken einen

Rosenkranz, den der Gott, wenn er im Zirkus der Welt als glanzvolles

Tagesgestirn aufging, mit einer Strahlenkrone vertauschen würde. Eine

Schar von Korybanten und Bacchantinnen umschwärmte den Unsterblichen;

junge Weiber ließen aus kristallenen Gefäßen Wohlgerüche auf den Boden

rieseln, schöne Knaben spielten Zither und schlugen silberne Becken,

brachten dem auf Erden wandelnden Gott in goldenen Schalen Brandopfer

dar, so daß dichtes Gewölk den Himmlischen und sein Gefolge umwallte.

Jetzt trat Nero aus seinem strahlenden Hause in die Finsternis. Vor dem

Gott erhellte sich die Nacht — auf flammten die Fackeln!

* * * * *

Der Zug des Cäsars ward gestört. Tumult erhob sich, ein Gedränge

entstand.

Was geschah?

Angstvoll fragte es der erblaßte Gott, für sein unsterbliches Leben

zitternd. Auch seinen Vorgänger auf dem römischen Gottesthron hatten

bei ähnlichem, festlichem Nachtgang die Dolche der Meuchelmörder

getroffen.

Senatoren und Ritter beeilten sich, den Cäsar zu beruhigen.

Nichts war geschehen! Ein Schwärmer, ein Phantast, ein Verrückter hatte

die Reihen der kaiserlichen Leibwache durchbrochen und dem Zug des

Göttlichen sich in den Weg gestellt und gerufen, auch er sei ein Christ.

»Wer ist's?«

Man lief, man forschte, man brachte dem Kaiser Bescheid: »Ein fremder

Jüngling. Er nennt sich Tullus, Sohn des Priesters Atinas.«

»Des Priesters Atinas — —«

Und es zuckte um des Göttlichen Mund.

»Was soll mit dem Nazarener geschehen?«

Und der Unsterbliche bedachte sich. Darauf gebot er: »Des Atinas Sohn

für die Bestien!«

Und Nero lächelte.

Weiter ging der Zug.

* * * * *

Tullus war glücklich; was er begangen hatte, war keine Heldentat

gewesen — wenigstens hielt er es nicht für eine solche; aber glücklich

war er doch. Nicht Accas hatte er gedacht, auch nicht des Gottes dieser

Nazarener; er sah jene den Heldentod sterben und mochte nicht länger

leben.

Und jetzt bereitete er sich auf das Christentum vor.

Unter den Gefangenen, die für den Kampf im Zirkus aufgehoben worden,

befand sich der Bischof, jener von Tullus an die Römer verratene,

ehrwürdige Greis. Es war dieser beredte Mund, der dem jungen Heiden das

Evangelium verkündete, und da es das Evangelium der Liebe war, so ward

es von Tullus gehört. Der Jüngling erfuhr, daß Jesus Christus auch für

ihn gestorben sei, daß seine Schuld ihm vergeben werde, daß seiner die

Seligkeit harrte, das Auferstehen und das ewige Leben.

Mit Acca zusammen würde er vom Tode auferstehen, mit Acca zusammen das

ewige Leben erhalten — —

Und er würde zusammen mit ihr sterben.

Denn noch lebte Acca, für denselben Tod aufbewahrt, zu dem Tullus

verdammt war; dem es verheißen worden, sie am Tage seines Sterbens

wiederzusehen. Dann wollte der Bischof die beiden vermählen. Nun

ersehnte Tullus den Tod, wie er sich einstmals nach dem vollen Strome

des Lebens gesehnt hatte.

Der letzte Tag kam und die beiden Getrennten sahen sich wieder; mit

strahlendem Antlitz eilte Acca dem Freund entgegen; sie flüsterte ihm

zu: »Wohin ich gehe, dahin mußt du gehen, und wo ich bin, da mußt du

sein.« Darauf laut und freudig: »Wie ich dir von unserer Insel ins

Leben folgte, so begleitest du mich aus dem Leben in den Tod. Deine

Liebe ist die größere.«

Tullus preßte die Geliebte an seine Brust, mit ersticktem Jubel sie

fragend: »Bist du glücklich, Acca?«

»Glückselig in der Ewigkeit — mit dir,« lautete Accas feierliche

Erwiderung.

Dann wurden sie vermählt.

Eben sollten sie mit den anderen ihren Todesgang antreten, als

beide vor den Priester Atinas gerufen wurden. In einem besondern

Raum des Kerkers empfing dieser eifrigste Verfolger der römischen

Christengemeinde das Paar. Todblassen Gesichtes, aber erhobenen Hauptes

trat Tullus vor den Vater, seine junge Gattin an der Hand.

»Vergib mir!«

Atinas winkte ihm heftig zu schweigen. Dann reichte er seinem Sohn

einen Becher Weins, der auf dem Tische stand.

»Trinke!«

Tullus zauderte.

Mit einer Stimme, die keinen Widerstand duldete, gebot Atinas nochmals:

»Trinke!«

Da nahm Tullus aus seines Vaters Hand den Becher; ihm mit den Augen

dankend, trank er.

Und nach ihm trank Acca.

Den ewigen Göttern mußte das Leben der beiden Christen geopfert werden;

aber Atinas wollte barmherzig sein.

Mit verhülltem Antlitz stand er, bis es zu seinen Füßen still geworden

war: dann hob er den Mantel und schaute starren Blickes auf die beiden

Toten herab. Ihre Mienen waren still und friedlich; Acca trug auch noch

im Tod ihr holdes Lächeln, und Tullus' trotziges Gesicht hatte einen

Ausdruck tiefsten Friedens. Da mußte der Priester denken: Wenn sie

dennoch für eine heilige Sache gestorben wären? In Athen soll ein Altar

stehen, dem unbekannten Gotte geweiht; wie, wenn jener unbekannte Gott

Jesus hieße? Und wenn dieser Jesus ein wahrer Gott wäre, ein ewiger

Gott? Was wären dann die »ewigen Götter«?

Und Atinas stöhnte wie einer, der eine Todeswunde empfangen. Er wankte.

Es war, als ob er über den beiden Leichen zusammenbrechen würde; dann

aber raffte er sich mächtig auf und schritt von seinen toten Kindern

hinweg festen Ganges hinaus, um die Schar der Nazarener in die Arena zu

führen.

So war der Wille des Cäsars.

* * * * *

Purpurfarbige Frühe lag über Himmel und Meer; Glut des aussteigenden

Tages bestrahlte ein mächtiges Gewölk, das langsam und feierlich

dahinschwebte; Morgenluft wehte, über das ewige Antlitz des Meeres

glitt es wie ein Erzittern und Schauern.

Durch die weite Einsamkeit der Wellen lenkt Atinas den Nachen, gegen

dessen Planken die Wogen rauschen und rannen. Zwei Tote schiffen dahin,

zwei Vereinigte, der Heimat zu.

_Requiescat in Pace, Tullus — Acca, requiescat in Pace!_

Ende.

Aus Philipp Reclams Universal-Bibliothek.

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Kentaurenliebe. Die Toteninsel · 第 17 / 21 题