Auf einmal war ihm, als klänge der Donner einer göttlichen Stimme in
seine Ohren: »So empfanget das ewige Leben.«
Tullus erwachte; aber er glaubte, immer noch zu träumen. Von dem Platz
aus, wo er sich zur Ruhe niedergelegt hatte, sah er in das Innere der
Grotte hinein, die von dem glühenden Schein mehrerer Fackeln, welche
in eisernen Ringen an den Wänden steckten, erleuchtet wurde. Durch die
vielen natürlichen Säulen, welche die Decke stützten, erhielt der Raum
das Ansehen eines Felsensaals; der Helle der vorderen Höhle folgte
geheimnisvolle Dämmerung, hinter der die Finsternis wie eine mächtige
schwarze Woge zusammenschlug.
Gestalten füllten die Grotte: Greise und Matronen, Jungfrauen und
Jünglinge, wehrhafte Männer. Alle trugen die weiße Festtoga und auf
aller Gesichtern lag ein heller Schimmer, Abglanz eines anderen
Lichtes, als von den Fackeln ausging.
Sie befanden sich in feierlicher Versammlung beieinander, einen
hehren Greis umstehend, der soeben zu ihnen geredet haben mußte, und
es schienen alle noch andachtsvoll zu lauschen. Eine tiefe Stille
herrschte.
Wie aber ward Tullus, als er Acca erblickte, mitten unter den
Jungfrauen stehend, ohne jedes Zeichen von Angst und Befangenheit,
zutraulich, als befinde sie sich in einem Kreise von Gespielinnen! Zwei
schöne Mädchen hielten sie zärtlich umfaßt und begannen jetzt leise
zu ihr zu sprechen. Da schaute Acca herüber und gewahrte, daß Tullus
erwacht war; sie schien es den anderen mitzuteilen, denn der Jungfrauen
Blicke richteten sich auf ihn. Acca löste sich aus den Armen ihrer
neuen Freundinnen und kam auf Tullus zu.
»Wer sind diese und was wollen sie von dir?«
Acca erwiderte: »Als ich erwachte, waren sie da; sie kamen jedoch
von einer andern Seite in die Höhle als wir. Zuerst erschrak ich
heftig, fürchtete mich sehr und regte mich nicht, so daß sie meiner
nicht gewahr wurden. Da hörte ich, was sie miteinander sprachen, ganz
herrliche Dinge, so daß ich jede Angst verlor. Als dann jener schöne,
alte Mann zu reden begann, erhob ich mich und schlich zu dir, um
dich zu wecken. Aber du schliefst so fest. Da sahen mich jene guten
Jungfrauen, traten zu mir, grüßten mich freundlich und forschten,
wer wir seien und wie wir hierher gekommen. Ich sagte ihnen, du
seiest des Atinas Sohn, der nach Rom gezogen, um dem Cäsar zu helfen,
die Nazarener zu verderben, und daß ich mit dir zusammen die Insel
verlassen und wir keine andere Stätte für die Nacht gefunden hätten.
Da führten sie mich zu jenem ehrwürdigen Greise, und alle erwiesen mir
Gutes. Dann sprach der alte Mann, und sie weinten bei seinen Worten,
die groß und gewaltig klangen, wie ich niemals Worte gehört habe,
selbst nicht aus dem Munde deines Vaters.«
»Aber wer sind sie?«
»Gute Menschen. Komm!«
Tullus blickte finster auf die Versammelten; da näherten sich ihm die
Jünglinge und luden ihn ein, zu ihnen zu treten. Sie führten auch ihn
vor jenen ehrwürdigen Greis, der ihn mit milden Worten anredete und
willkommen hieß. Zu den anderen gewendet sprach er: »Rüstet das heilige
Liebesmahl. Wenn diese beiden, die der Herr uns gesendet hat, auch
nicht unseres Glaubens sind, so sind sie doch unseres Geistes; denn
sehet, wie beiden die himmlische Liebe aus den Augen leuchtet. Deshalb
mögen sie von fern an unserem Feste teilnehmen und in Frieden unter uns
weilen.«
Sogleich brachte man einen Korb herbei; darin befand sich ein Krug voll
Weins, ein Becher und ein Laib Brotes; langsam und feierlich, als wären
es heilige Dinge, wurden sie herausgenommen. Der Alte stellte sich
hinter einen altarähnlichen Stein, alle anderen ordneten sich vor ihm.
Die beiden Jünglinge aber traten zur Seite des Greises.
Dieser sprach inmitten einer großen Stille: »Zwar des Menschen Sohn
gehet hin, wie von ihm geschrieben stehet; wehe aber dem Menschen,
durch welchen des Menschen Sohn verraten wird! Es wäre demselben
Menschen besser, daß er nie geboren wäre.
Und indem sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach es und gab es
ihnen und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib.
Und nahm den Kelch und dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle
daraus.
Und er sprach zu ihnen: das ist mein Blut des neuen Testamentes, das
für viele vergossen ist.«
Also der Greis.
Und er nahm von dem einen der Jünglinge Krug und Becher und schenkte
ein. Alle traten hinzu, einer nach dem andern, und tranken von dem
Wein. Dann nahm der Greis das Brot, brach es und die Gemeinde trat von
neuem herzu, auch das Brot zu empfangen. Nur Tullus und Acca standen
von ferne, beide von dem feierlichen und geheimnisvollen Vorgang auf
das tiefste ergriffen und sich nicht zu dem hehren Mann heranwagend.
Da blickte dieser zu den beiden hinüber, winkte sie mit einem gütigen
Lächeln zu sich und sprach: »Auch euch kann der Heiland und Erlöser
geboren werden, welcher ist Jesus Christus, der Sohn Gottes.«