Eine Weile schwiegen sie; dann flüsterte Tullus, die zarte Gestalt
seiner Gefährtin mit scheuem Blicke streifend: »Acca!«
»Ja.«
»Dir ist doch nicht bang?«
»Wovor sollte mir bang sein?«
»Vor der Stadt, vor den Menschen, vor Rom, vor der Welt. Aber du hast
ganz recht; wovor sollte dir bang sein? Sind doch die Götter bei uns.«
Acca wendete sich ab.
»Ob wir wohl einen Nazarener zu sehen bekommen?«
Sogleich verfinsterte sich des Jünglings Gesicht. Er preßte die Lippen
zusammen und murmelte: »Ich hasse sie.«
Acca wollte ihn bitten, das nicht zu tun; Tullus schaute aber so
finster drein und hatte eine so feindselige Miene, daß sie schwieg.
Bereits befand sich das Boot mitten im Gewühl des Hafens; doch achtete
niemand der beiden. Tullus ermahnte: »Du darfst dich nicht fürchten.
Ich beschütze dich. Es soll niemand wagen, dich anzurühren, sieh nur
recht mutig drein und kehre dich nicht an das Geschrei! Ich habe es
mir viel schlimmer gedacht. Sobald wir gelandet sind, suche ich einen
Schiffer, der mit dem Nachen zur Insel zurückrudert. Dein Vater wird
froh sein, das Boot wiederzuhaben und den Mann gewiß für die Fahrt
bezahlen. Das müssen wir ihm sagen, verstehst du. Ich werde schon alles
besorgen, fürchte dich nur nicht! Du bist ganz bleich. Gewiß hungert
dich. Wie gut, daß wir Geld haben! Dafür können wir uns kaufen, was wir
wollen. Es wird herrlich sein. Die Götter werden uns beschützen.«
Es währte einige Zeit, bis sie ans Ufer kamen. Der Nachen erhielt
von allen Seiten Stöße, von allen Seiten wurde der junge Fährmann
angeschrien. Doch schließlich gewannen sie festen Boden unter den
Füßen. Schwindlig von der langen Fahrt stieg Acca ans Land; Tullus
faßte sie bei der Hand und schickte sich an, einen Schiffer zu suchen,
dem er das Boot übergeben konnte. Die Sache war bald erledigt. Der
Mann, den Tullus deswegen ansprach, zeigte sich sofort geneigt; gleich
am Abend wollte er nach der Insel ausbrechen. Mit stockender Stimme bat
Acca den Boten, an die Eltern Grüße auszurichten und ihnen zu sagen,
daß — — nein, nur grüßen sollte er Vater und Mutter, vielmals grüßen.
Der Mann versprach es zu tun. Die Menschen waren doch viel freundlicher
und hilfreicher, als die jungen Leute geglaubt hatten, und beide
fühlten sich von froher Hoffnung beseelt.
Wie von einer Last befreit, nahmen sie von dem gefälligen Antiaten
Abschied, sich Hand in Hand in das Gewühl der großen und prächtigen
Stadt begebend; zunächst, um bei anderen freundlichen Menschen ihren
Hunger zu stillen. Es schmeckte prächtig! Sie genossen weißes Brot
und heißen, aus Gewürzen bereiteten, mit Honig versüßten Wein. Auch
für ihre Wanderschaft kauften sie ein. Neugestärkt erfragten sie den
nächsten Weg nach Rom. Zuerst sollten sie die Via Severiana gehen,
welche längs der Küste hinführte und sodann die Straße nach Ardea
einschlagen. Tullus wollte, ehe sie Antium verließen, die Tempel
der höchsten Götter besuchen; aber Acca bat ihn inständig, sogleich
aufzubrechen, damit sie bald nach Rom und zu Vater Atinas gelangten.
Der Gefährtin zuliebe zügelte der Jüngling sein ungestümes Verlangen;
doch waren sie bereits müde vom Schauen und Staunen, als sie sich noch
in den Straßen Antiums befanden.
Schon seit Stunden wanderten sie und immer noch schienen sie aus der
Stadt nicht herauszukommen; denn immer noch schritten sie zwischen
herrlichen Bauwerken dahin und hatten Mühe, den Wagen und Fußgängern
auszuweichen. Aber als Tullus sich erkundigte, ob Antium noch nicht
bald ein Ende nehme, hörten sie, daß sie die Stadt bereits gute fünf
Miglien hinter sich hatten.
Sie sprachen unterwegs nicht viel. Von Zeit zu Zeit fragte Tullus seine
Gefährtin mit leiser Stimme: »Bist du glücklich?«