Ihre Hände hielten sie fest ineinandergeschlossen.
Tullus kam vor Aufregung nicht dazu, seine Müdigkeit zu fühlen;
er drängte vorwärts und vorwärts. Plötzlich wankte Acca und wäre
hingesunken, hätte Tullus sie nicht schnell mit beiden Armen umfaßt und
gehalten. Er führte sie vom Wege ab, in einen Pinienwald, wo sie sich
rasch erholte und nun gleich weiter wollte. Besorgt spähte Tullus in
ihr bleiches Gesichtchen; doch sie plauderte und scherzte, so daß er
sich überreden ließ, sie fühle sich ganz kräftig und wohl. Bis Ardea,
der uralten, einst mächtigen Stadt des Rutulerfürsten Turnus, setzten
sie ihre Wanderung fort; dann bat Tullus einen Landmann, der in seinem
Karten nach Rom fuhr, sie beide mitzunehmen. Ja, wenn sie ihn bezahlen
könnten, meinte der Mann. Er ließ sie erst aufsteigen, nachdem Tullus
ihm das Geld, fast den ganzen Rest seiner Barschaft, eingehändigt hatte.
Jetzt ward es herrlich. Der Bauer bereitete aus seinem Mantel einen
bequemen Sitz für Acca, von dem sie über die niedrige Brüstung des
Karrens nach beiden Seiten hin frei ausschauen konnte; Tullus stand
neben ihr, ließ sich von dem Wagenlenker alles zeigen und nennen, so
viel der Mann wußte, und berichtete das Erfahrene der Freundin. Jener
langgestreckte, ganz mit Landhäusern bedeckte Bergrücken war Tusculum,
die Stadt des Sohnes des Odysseus, welchen die goldige Zauberin
Kirke dem Helden geboren hatte. Weiterhin, unterhalb des Tempels des
Jupiters auf dem Gipfel des Albanus, dunkelte der Hain der Ferentina,
dieser herrliche, hochheilige Wald, in dem vorzeiten die Städte des
lateinischen Bundes an der Quelle der Göttin zum großen Völkerrate
sich zusammenfanden und die höchsten Feste des Landes begingen.
Dort drüben der Ort, an welchem, hoch über dem blauenden See, einst
Albalonga gelegen, die Wiege Roms, das seine Mutterstadt dem Erdboden
gleichgemacht hatte. Seht! Das Landhaus des Helden Pompejus leuchtet
herüber, nicht als Palast erscheinend, sondern als eine Stadt von
Palästen. Dann Ariccia, an der Stelle erbaut, wo des Theseus Sohn,
der herrliche Hippolyt, von Rossen zu Tode geschleift ward. Jetzt
die Waldung, die den strahlenden Spiegel Dianas umschattet, in deren
Heiligtum der von den Furien verfolgte Orest das auf Tauris geraubte
Götterbild barg. Tibur müßt ihr noch sehen, das hochragende, herrliche!
Von den elyseischen Höhen der Sabina glänzt es herüber. Dort die
Felsenberge des hehren Praeneste und dort — — nichts mehr! Nichts
mehr!
Der Bauer erzählte: »Der Cäsar ist jetzt in Rom. Das ist einer! Ein
Gott ist's: Gott Nero. Solch ein Gott! Nun, was geht's mich an? Ich
habe meine Hütte, mein Feld, mein Weib und meine Kinder in Laurentum
drüben. Warum soll der Kaiser kein Gott sein? Der Caligula war auch
einer und das Pferd des Caligula war auch einer; und ein Gott könnte
des Nero Hund und des Nero Pfau und des Nero Katze sein. Warum nicht?
Gott Nero behüte uns! Ich sage: das ist einer! So einer, wie der, der
bringt Geld unter die Leute. Sein neues Haus geht vom Palatin über
den Quirinal und den Viminal. Warum soll's nicht? Wenn so ein Gott
ein neues Haus haben will, baut er sich's eben. Es heißt: sogar die
Straßen in dem römischen Haus wären mit Gold und Perlen gepflastert.
Was geht's mich an? Wenn dabei nur Geld unter die Leute kommt. Es lebe
Gott Nero! Habt ihr schon gehört: sie wissen jetzt, wer damals die
Stadt angesteckt hat.«
»Wer war's?«
»Die Nazarener.«
»Jupiter vernichte sie!«
»Nun ja; sie sollen nichts auf die alten Götter geben, sie sollen einen
neuen Gott gefunden haben. Was geht's mich an? Wenn der Cäsar stirbt,
bekommen wir wieder einen neuen Gott. Ein neuer Gott bringt Geld unter
die Leute; die Nazarener sind arme Schlucker. Das mag ein rechter Gott
sein, den die haben! Nun, was geht's mich an? Ich habe mein Feld, meine
Hütte, mein Weib und meine Kinder in Laurentum drüben. — Da ist die
Stadt.«
»Acca, da ist Rom! Acca! Acca!«
Sie stand auf, hielt sich an ihm fest und schaute mit ihm hinüber —
ein Häusermeer, unabsehbar, unendlich. Auf den Tempeln und Palästen,
welche die Hügel krönten, lag die Glut der Abendsonne. Es leuchtete
und lohte, als ob Rom zum zweitenmal in Flammen stünde, als ob goldige
Strahlen über die Stadt hinfluteten. Dort ragte der Kaiserpalast, ein
Olymp! Jenseits des Stroms, auf dem Janiculus, die Kaisergärten, ein
Elysium! Ein zarter schimmernder Dunst schwebte über der ungeheuren
Stadt, als würde auf tausend Altären tausend Gottheiten geopfert.
Die beiden schauten und wußten nicht, wie ihnen geschah. Sie glaubten
zu träumen. Die Stimme ihres Wagenlenkers rief sie wieder ins Leben
zurück.
»He, ihr! Was wollt ihr eigentlich in der Stadt? Zwei solche Vögelchen!«
Tullus fand auf diese Frage nicht gleich eine Antwort. Der Bauer
murmelte verdrießlich: »Nun, was geht's mich an? Ich meine nur. Nehmt
euch vor der Stadt in acht! Das meine ich, obgleich es mich nichts
angeht. Ihr seid ein hübsches Paar. Noch blutjung! Hättet auch noch ein
Jährchen warten können, ehe ihr Mann und Frau wurdet. Juno, die reinen
Kinder! Seht nur zu, daß ihr bald zu einem Stücklein Feld kommt,
mit einer Hütte darauf und Kindern darin. Das ist das beste. Und je
entfernter von der Stadt, um so besser; recht weit fort von der Stadt,
das ist am allerbesten. — Nun, was geht's mich an? Hier ist das Haus
meines Herrn, hier müßt ihr absteigen. Die Götter seien mit euch: die
alten und die neuen; man muß es mit allen halten.«
Der Karren hielt; die beiden stiegen ab, schweigend, ohne ihrem
freundlichen Lenker ein Wort des Dankes und des Lebewohls zu sagen. Sie
gingen fort, immer noch stumm, mit gesenkten Augen und sich nicht mehr
bei der Hand haltend.
Sie wußten selbst nicht, wie es gekommen war: auf einmal merkten sie,
daß sie von der Landstraße abgewichen und sich auf einem einsamen, mit
Gras und Blumen überwachsenen Wege befanden. Zwischen silbergrauem,
gelbblütigem Fenchel und dunklem Akanthus wucherten üppige Asphodelen
und die blassen, schönen Blumen der Aronswurzel; den Eppichüberhang
der Hecken durchrankte buntes Kaprifolium; Schlehen und Goldregen
blühten. Die stumme Acca pflückte den Mantel voller Blumen, daß sie
mit ihrem lichten Haar und den strahlenden Augen der Tochter des Ceres
glich, welche Blüten spendend über die Flur wandelt. Kein Auge ließ
Tullus von der schlanken, ihm vorausschreitenden Gestalt, die ihm
plötzlich wundersam verändert deuchte. Zum erstenmal gewahrte er ihren
schwebenden Gang, gewahrte, mit welcher Anmut sie das Köpfchen trug
und die Arme bewegte, wie strahlend ihr Blick, wie lieblich ihr junger
Mund. Aber zugleich erschien ihm die Gefährtin geweiht und heilig, ein
göttliches Wesen, das keine irdische Hand berühren durfte. Wenn ihr
Gewand ihn streifte, überliefen Schauer den Jüngling.
Auch er fühlte sich wie durch Zauber ein anderer geworden. Ein
wütender Schmerz bebte in ihm auf, eine unsägliche Wonne; ihm war's,
als zersprengte es seine Brust, als müßte er ersticken; er dachte
nicht daran, daß er in Rom war, sondern, daß er bei Acca weilte; er
sehnte sich nicht mehr nach Heldentaten; sein einziges Verlangen war,
immerfort bei Acca sein zu dürfen, an ihrer Seite, so wie heute in die
Helle des Sonnenuntergangs hineinzuwallen, weiter und weiter.
Über ihnen war der Himmel Glanz und Glorie; durch die Blütenmauern
schritten sie hinein in die flammende Abendröte.
Es begann zu dämmern. Schleier woben sich um den Glanz, verhüllten die
himmlischen Flammen, erstickten sie. Schatten stiegen auf; sie wuchsen
und wuchsen. Aber schon schimmerten die Sterne. Es war wie in einem
Mysterium.
Die Nacht brach an, eine Frühlingsnacht voll balsamischen Wohlgeruches,
voll Sternenglanz und geheimnisvoller Stimmen.
Sie gelangten auf eine weite Wiese, weiß von Narzissen. Ein Bach
durchfloß die Flur, die Ufer waren mit einem Kranz heller Lilien
besäumt. Nirgends war ein Haus, nirgends ein Mensch zu sehen. Inmitten
der lichten Weite ruhte ein großer, schwarzer Schatten, gleich einer
dunklen Insel in diesem Blumenmeer. Eine breite Spur von zerknickten
Stengeln, zertretenen Blüten hinter sich lassend, schritten sie darauf
zu.
Über Rom schwebte ein fahler Schein; einem düstern Gewölke ähnlich
lagerte das ferne Gebirg über dem Lande.
»Wohin gehen wir?«
»Wohin die Götter uns führen. Fürchtest du dich?«
»Nein, nein.«
»Morgen sind wir in Rom, morgen finden wir meinen Vater, Acca —«
Was mochte es sein, das der nächste Tag bringen würde? Es war Tullus,
als müßte etwas Großes, Ungeheures geschehen, etwas, danach sie beide
nicht länger würden leben können. Doch was es auch sein mochte, es
wurde ihnen von den Göttern gesendet.
Der mächtige Schatten erwies sich als eine Waldung hoher,
dichtbelaubter Steineichen; am Rande des Haines stehend, schauten sie
vor sich in eine weitklaffende Höhle. Tullus sagte: »Bleibe hier! Ich
will hinein und sehen, was drinnen ist.«
Aber Acca faßte seinen Arm und drängte sich an ihn. So schritten sie
denn zusammen in das Dunkel.
Als ihre Augen sich an die Finsternis gewöhnt hatten, fanden sie, daß
der Hain voller Grotten und Höhlen war, die tief in das Innere der Erde
hinab zu führen schienen. Tullus wollte an der unheimlichen Stätte
nicht bleiben, aber Acca war zu sehr ermattet. So riefen sie denn die
Ewigen zu ihrem Schutze an, Acca begab sich in eine der natürlichen
Felsenhallen und Tullus lagerte sich am Eingang nieder, entschlossen,
kein Auge zuzutun und den Schlaf der Geliebten zu bewachen. Um noch
einmal ihre liebe Stimme zu hören, rief er leise in die Grotte hinein:
»Acca, bist du glücklich?«
»Glücklich,« tönte es zurück wie der zitternde Widerhall seiner eigenen
Stimme.
* * * * *
Trotz seiner guten Vorsätze schlief Tullus bald ein. Ihm träumte:
Ein Kreuz ragte auf. An dem Kreuzesstamm hing mit eisernen Banden
festgeschmiedet, ein sterbender Mensch, von dessen Haupt heller Schein
ausging. Unter dem Kreuz stand Acca, mit einem Antlitz, darauf von den
Strahlen, die um des Sterbenden Antlitz flossen, ein heller Glanz fiel.
Acca winkte ihm, näher zu treten.