Sechs Variationen

über ein bekanntes Thema

[Illustration]

»Sie liebten sich ...«

So begann die Erzählung. Die kleine freundliche Alte legte das Buch

auf den Fenstersims und ein gewisses altmodisches, aus Wehmut und

Wohlwollen zusammengesetztes Lächeln glitt über ihre elfenbeinblassen

Züge. Sie lieben sich ... das uralte, ewig unerschöpfliche Thema!

Werden die Herren Dichter und Geschichtenschreiber denn nicht müde, es

fort und fort anzustimmen? Und so viel Herzen, so viel Variationen!

Auch durch die Saiten ihres Herzens hat einst das Thema geklungen, in

süßen, leidenschaftlichen, jubelnden, elegischen, schrill abreißenden

Tönen. Aus den Schicksalen von Freunden und Verwandten tönt es zu

ihr herauf; und nicht allein die Romane, Idyllen und Tragödien, die

das Leben gedichtet, auch die Kopien, Plagiate und eigenen Melodien

der Geschichtenschreiber finden sich ein. Sie hat viel gelesen, in

frühreifer Jugend, mit klopfendem Herzen, den Kopf voll Hoffnungen und

Illusionen; dann später, als sie das Thema und seine Variationen mit

dem freundlichen Auge der resignierten Kritik betrachtete.

»Sie lieben sich ...« Die alte Geschichte, aber es ist ein Abend,

solche Dinge zu lesen, ein köstlicher Frühlingsabend voll Blütenduft

und Vogelsang. Unten auf der Promenade wandeln geputzte Menschen

nach dem nahen Walde, ein Brautpaar kommt daher, eng aneinander

geschmiegt, eine Handwerkerfamilie ist um das Wäglein beschäftigt,

darin das Jüngste wie ein Prinz ruht. »Sie lieben sich ...« Die klare,

sonnendurchstrahlte Luft ist voll des Themas, und tausend Variationen

schwirren umher.

=Allegro agitato.=

»Sie lieben sich aber doch ...« warf die Frau Generalkonsul in einem

leisen Anflug der Entrüstung hin.

»Dummheit!« fuhr der Generalkonsul heraus. »Ich werde meine einzige

Tochter an einen simplen Lieutenant verschleudern! Das fehlte noch! Sie

könnte einen Prinzen haben! Aber nicht einmal ein Name, kein »von«,

garnichts, ein Lieutenant Schneidig schlankweg — es ist empörend!«

»Er ist einer der liebenswürdigsten Menschen, er würde Else glücklich

machen ...«

»Glücklich — was heißt glücklich? Paperla! Sie muß sich solche Ideen

aus dem Kopf schlagen!«

Eine Weile war es still im Schlafzimmer, nur das Zeitungsblatt, das

er mit vorgestreckten Armen gegen das Licht haltend durchstöberte,

raschelte ärgerlich.

»Gustav, wir heirateten uns doch auch aus Liebe —« kam es wie ein

Seufzer von ihrem Bette her.

»Wir hatten aber auch nichts damals, da war es keine Kunst! Na, nun

gute Nacht!«

Noch ein über den Kursbericht fliegender Blick, dann löschte er das

Licht aus. — — —

Zwei Tage lang herrschte im Hanse ein unheimlich verstörter Ton. Der

Generalkonsul mißlaunisch und mürrisch, die Frau Generalkonsul stumm,

völlig stumm, bis in die zitternden Bänder ihres Häubchens hinein mit

Groll geladen, statt einer Antwort zumeist nur ein gewisses nervöses

Zucken ihrer hageren Schultern; Else aber, die kostbare blonde

Prinzenbraut von einer Lustigkeit, die alle verblüffte, trillernd und

tänzelnd — doch ihr Lachen hallte so eigenartig schrill durch das Haus.

Am Morgen des dritten Tages, beim Frühstückstisch, bekam der

Generalkonsul von seiner Gattin ein Zeitungsblatt hingeschoben: »Da

lies einmal — da unten das: ›Sie liebten sich‹ — fängt es an.«

Mit einem Runzeln seiner roten, wulstigen Stirn würdigte er die Stelle

eines Blickes, machte hm! schob seine Unterlippe zu einer Schaufel vor,

versuchte ein mitleidiges Lächeln über seine feisten Züge gleiten zu

lassen, und ging dann mit einem Räuspern zu anderem über. Aber sie

beobachtete ihn scharf mit ihren grauen Äuglein: — jetzt, ja jetzt ist

er abermals an der betreffenden Stelle! Die hat also doch Eindruck auf

ihn gemacht?

Es war unter der angegebenen Spitzmarke der pikante Bericht über

einen kleinen Berliner Liebesroman. Der Sohn eines weltbekannten

Finanzmannes, der ein einfaches Mädchen liebt, und da er unmöglich die

elterliche Einwilligung zu dieser Mesalliance erlangen wird, so jagt

er sich eine Kugel in die Brust — eine beliebte Variation auf das

bekannte Thema. Jetzt, heißt es, ist die Verzweiflung des Vaters groß,

er bietet den Ärzten ein Vermögen, wenn sie ihm seinen Einzigen (auch

ein solcher!) retten, dann soll ihm auch kein Veto im Wege stehen!

ja, man will sogar wissen, daß das zukünftige Schwiegertöchterlein im

Verein mit dem Vater das Krankenlager hütet ...

»Ich bin begierig auf die Fortsetzung« — warf die Generalkonsulin nach

einer Weile tonlos hin.

»Ah, die Dummheit dort in dem Blatt« — prustete er.

O, er weiß also doch, was ich meine! Es beschäftigt ihn stark!

triumphierte sie.

»Siehst Du, Gustav, Else ist so eigentümlich — sie gefällt mir gar

nicht.«

»Das giebt sich —«

»Sie ist ein resolutes Ding. Wenn man so was liest, so kann einem angst

und bange werden ...«

»Wie meinst Du das?«

Aus Mitleid · 第 32 / 56 题