[Illustration]
Ein Beben der Spannung rieselte über den dichtgefüllten Saal, als die
Geschworenen nun endlich nach langem Harren hereintraten, um ihr Votum
abzugeben.
Der Angeklagte erhob sich in seinem Verschlag, aber jedermann wußte,
daß dies nicht aus Erregung geschah — Erregung bei einem Miska
O’Brell, dem berühmtesten Kunstschützen diesseits und jenseits des
Meeres, der euch mit seiner Pistole das As in der Karte auf 30 Schritte
herausschoß! Hoch aufgerichtet stand er da, eine Statue der Kraft und
der Energie, das wie in Bronze getriebene Gesicht etwas seitwärts
gewandt, an der Loge der Geschworenen vorbei, als hielte er es nicht
für gut, daß die braven, behäbigen Biedermänner dort seinem direkten
Blicke ausgesetzt würden.
»Er hat ein paar Augen, man meint, sie müßten jeden Augenblick mit
einem Knall losschießen —« hieß es im Publikum.
»Ein so schöner Mann —« kam es beklommen von Damenlippen.
»Aber seine Frau, die er getötet, war nicht minder schön —«
»Getötet — wie das klingt! Es war doch nur ein unglücklicher
Fehlschuß!«
»Er wär’ es aber wohl im stande gewesen!«
»Geht das Gericht doch nichts an! — na, wir werden ja sehn!«
»Psch!«
Die sonore Stimme des Gerichtspräsidenten hallte durch die auch nicht
von dem leisesten Knistern belebte Stille; in der Hand des Obmanns der
Geschworenen sah man den Zettel, auf dem das Resultat der Beratung
stand, deutlich zittern.
Viele, die jetzt als Zuschauer der Scene beiwohnten, waren vor
Monaten auch Zeugen der erschütternden That gewesen, und jetzt in der
atembeklemmenden Stille stand das Ereignis wieder vor ihnen.
Kapitän Miska O’Brell war seit Wochen die glänzendste Spezialität
des »Eldorado« gewesen; seine Leistungen wirkten verblüffend auf den
Laien wie auf den Kenner; um so eifriger drängte man sich zu der
Produktion, als sein Weib dabei eine gefahrvolle Rolle zu spielen
hatte — und dies Weib war schön und liebreizend. Noch haften auf
einzelnen Anschlagsäulen die bunten Reklamezettel, die ihr Porträt
neben dem ihres Gatten zeigen: ein süßes, fast kinderartiges Gesicht,
von blonden Locken umrahmt, naiv lächelnd, als wollte es die Zuschauer
beruhigen: »O, auf meinen Miska ist vollkommen Verlaß, er wird mich
nicht treffen!«
Dasselbe naive Lächeln verließ ihr Antlitz nicht während der ganzen
Vorstellung wenn sie ihm die Büchsen und Pistolen laden half, ihm die
Glasbälle im Bogen hinwarf oder den Stab mit den aufgesteckten Karten
als Scheibe emporhielt, auch zuletzt nicht, da sie ihren eignen Kopf
minutenlang zu dem berühmten Tellsschuß darbieten mußte.
Ein grelles elektrisches Licht traf die Bühne, und auf der
ausgespannten, von den Schüssen durchlöcherten Leinwand, die als
Kugelfang diente, hoben sich um so schärfer die beiden prächtigen
Gestalten ab, glitzernd in ihren goldgestickten und mit Flittern
besetzten spanischen Anzügen.
Knall auf Knall und Bravo! auf Bravo! Jetzt ein As, jetzt die Sterne
einer Coeur-Fünf, sogar die liniendünne Schnittfläche einer Karte,
gleich spielend leicht und maschinenmäßig sicher mit der Büchse wie mit
der Pistole; jetzt, unter dem rauschenden Applaus des Hauses richtet er
aus gewöhnlichen Taschenrevolvern ein Schnellfeuer auf umherwirbelnde
Glaskugeln. Und das scharfe Geknatter reizt noch die Begeisterung;
jetzt schleudert er sich selbst die Kugeln, um sie auch dann noch und
sogar mit der Büchse zu zerschmettern. Ein Teufelskerl! Und welche
Freude sie selbst an seinen Wunderstückchen empfindet! — kaum vermag
sie die kleinen rundlichen Hände, die von Brillantringen funkeln,
an sich zu halten, damit sie nicht in den Beifall des Publikums mit
einstimmt. Gewiß ist ihr Miska ein Prachtkerl! Aber ihr sollt gleich
die Capitainin sehen, daß ich ihm an Kaltblütigkeit nicht nachstehe!
Holla, ich bin seiner würdig ....
Von einem Diener wird ein Pfahl hereingebracht und in die Mitte vor die
Leinwand gestellt. Der Pfahl endigt in einer mit grünem Tuche bezogenen
Scheibe zum Anlehnen des Kopfes. Jetzt, nach einem Mittelding von
Verbeugung und backfischartigem Knix gegen das Publikum hin, sieht man
Madame O’Brell auf den Pfahl hineilen und sich daran zurechtstellen.
Der Kapitän schreitet ebenfalls darauf los und entnimmt einer Schachtel
kleine, goldig schimmernde Sterne, die er einzeln an der grünen Scheibe
befestigt, kaum daß ein schmaler. Streif zwischen dem Sternenkranz
und dem seidigen Gelock ihres Haares verbleibt. Es gleicht einem
Glorienschein, und der Reflex der Sterne schillert goldig über ihr
Antlitz — ein köstlicher Effekt. Sie sieht bezaubernd aus mit diesem
seltsamen Schmuck, und sie weiß es! Ihr blühendes Gesichtchen lächelt
lieblich, und als Dank für das Gemurmel der Bewunderung, das sich
über die Menge verbreitet, hebt sie langsam die Hand gegen die Lippen
und sendet einen jener artistenmäßigen Handküsse hinab — den Kopf
selbst darf sie ja nicht regen, denn schon steht ihr Miska in Positur,
die Pistole in der Hand, ein Tischchen neben sich, auf dem noch mehr
solcher Pistolen ruhen.
Was? Er wird doch nicht ...
Gewiß das! — seine Bravourleistung: er wird Stück für Stück und der
Reihe nach von links nach rechts die Sterne rings um das Haupt seines
Weibes herabschießen!
Unmöglich! Das ist ja — das ist ja verbrecherisch! Ein leises Zucken
der Hand, welche die Pistole hält — und statt einer Kugel ist der
lächelnde Kopf getroffen! Da sollte doch die Polizei sich ins Mittel
legen!
Sie hatte diesen Teil der Produktion ja auch beanstanden wollen,
aber Madame hatte die Hochlöbliche selber ausgelacht; eher fällt der
Mond vom Himmel, als daß ihr Miska mit seinen Geschossen um eine
Haaresbreite vom Ziele abweicht!
Atembeklemmende Spannung vom Parterre bis in die höchsten Ränge hinauf;
jede Regung scheint zu stocken in dem weiten Raum, und die Blicke der
mehreren Tausend sind wie hingebannt nach dem lächelnden Kopf mit
seiner Gloriole. Einzelne Frauen halten sich die Augen, sie wollen und
können das Grausige nicht mit ansehen: was für ein Ungeheuer ist er
denn ...
Der erste Schuß knallt, und um den Lockenkopf stieben die Stücke des
getroffenen Sternes — das Lächeln aber bleibt unverändert, auch wurde
durch die Gläser festgestellt, daß kein Wimperchen in dem Antlitz sich
geregt. Welch ein Weib!
Und ein ungeheures Hallo löst die angstvolle Spannung. Von dem
brausenden und donnernden Applaus begleitet, giebt jetzt der Kapitän
Schuß um Schuß, wie berauscht von dem Beifall — um seines Weibes Kopf
wirbeln die Sternfetzen, blitzend in dem elektrischen Licht wie ein
Sprühfeuer.
Schneller und schneller, mit einer unheimlichen, fieberhaften Hast
folgen die Schüsse — der Saal ist außer sich vor Erregung — es fehlen
nur noch drei, vier Sterne, dann ist das lächelnde Opfer erlöst aus
seiner grausig gefahrvollen Stellung!
Plötzlich gellt ein heller, scharfer Schrei durch das Haus — das ist
keiner der Angstschreie, wie sie vorhin aus der Mitte des Publikums von
Weiberlippen kamen ...
Durch den wallenden Pulverdampf sieht man auf der Bühne etwas zu Boden
schlagen und sich zuckend darauf winden — — der Pfahl ist leer! — es
ist die Frau, — Miska O’Brells Frau!
Wenige Sekunden der allseitigen Lähmung — den Tausenden im Saale
stockt das Herz vor Entsetzen — dann folgen auf den Todesschrei
dort auf der Bühne andere Schreie hier im Hause — Frauen sinken in
Ohnmacht — Rufe, Flüche — alles fährt auf, ein ungeheurer Tumult. —
Mitten in diesem Aufruhr hält der Kunstschütze regungslos, die Pistole
in der gesenkten Rechten, die Augen starr auf den zuckenden und
winselnden Körper seines Weibes gerichtet. »Wie war das möglich?«
fragen seine stieren Blicke.
Später wurde erzählt, man habe, ehe der Kapitän auf das Opfer seiner
unseligen Kunst hinstürzte, eine kurze Bewegung an ihm bemerkt, ein
schnelles, kurzes Heben der Pistole, als wollte er die gegen die eigne
Stirn setzen ....
Vier Tage darauf ward die »Künstlerin« unter einem Andrang, wie er
nur berühmten Persönlichkeiten zu teil wird, zu Grabe getragen. Es
war keine Rettung möglich, das Geschoß hatte sie mitten in die Stirn
getroffen. Der Gatte fehlte als Leidtragender; das Gesetz mußte, wenn
auch mit Achselzucken, seine Schuldigkeit thun und die Haft über ihn
verhängen.
Es war ein Sensationsfall, der so bald nicht von dem Tagesklatsch
abgesetzt wurde. Selbstverständlich trägt die Schuld an dem furchtbaren
Unglück die Polizei! — sie durfte solches nicht gestatten! eine
Versuchung Gottes! Aber das Bedauern, das man dem Schützen zuwandte,
war nur ein halbes: was ist er denn für ein Unmensch, der um des
häßlichen Mammons willen das Haupt seines Weibes Abend für Abend
solcher Gefahr aussetzt!
Die Ahndung, mit der das Gesetz den Unseligen treffen würde, konnte
nur ein geringes Strafmaß sein. Es konnte nur fahrlässige Tötung
in Betracht kommen — vielleicht würde auf völlige Freisprechung
erkannt werden, denn da die Öffentlichkeit das Spielen mit solcher
handgreiflichen Gefahr zuließ, so durfte ihn keine Schuld treffen, wenn
der Lauf der Pistole in seiner Hand eine Haarbreite aus der Richtung
glitt.
Das Publikum selbst, das sensationsgierige Ungeheuer, ist schuld an
dieser Unseligkeit!
Und in solchem Sinne hatte der Verteidiger, ein junger talentvoller
Streber, eine leichte und dankbare Aufgabe, die ihm billige Gelegenheit
zu einem rhetorischen Effektstück gab.
Selbstverständlich wurde die Frage, ob Miska O’Brell schuldig befunden
werde, seine Frau Rosita O’Brell vorsätzlich getötet zu haben, nur der
Form wegen mit einem »Nein« des Obmanns beantwortet. Welch ein Unding,
solches anzunehmen!
Aber auch die Fahrlässigkeit wurde verneint. Die Geschworenen mußten
dieselbe Folgerung gezogen haben wie die Masse des Publikums; Gründe
hatten sie ja nicht anzugeben.
So erfolgte also vom Richtertische aus das Urteil der Freisprechung;
fast hätten die Zuschauer applaudiert, aber man war doch in betreff
des Schaustückes, das man hier erwartet hatte, etwas enttäuscht. Miska
O’Brell machte nicht die geringste Scene, sein bronzenes Gesicht
empfing das Urteil mit der metallischsten Ruhe, und kein Glied regte
sich an der mächtigen Gestalt.
Er ist dennoch ein fühlloser Mensch .... Artistenpack!
Nur einige Gläser wollten bemerkt haben, wie jetzt, als er festen
Schrittes durch die geöffnete Schranke trat, eine tiefe wulstige Falte
mitten auf seiner Stirn erzitterte. Und so, den halbverhüllten Blick
seiner dunklen Augen wie verachtend über die Köpfe der aufgeregten
Zuschauermasse gerichtet, schritt er hinaus in die Freiheit. —
Miska O’Brell pflegte an den Orten, wo er längere Zeit auftrat,
seine Einnahmen dadurch zu vermehren, daß er an sportlustige Herren
Unterweisung im Kunstschießen erteilte und dabei die Benutzung seiner
vorzüglichen Schießwaffen gestattete. Ich durfte mich vierzehn Tage
ebenfalls zu seinen Schülern rechnen, wobei ich gestehen will, daß
mich nicht am wenigsten die Unterhaltung mit dem vielgereisten Manne
fesselte, der durch alle Arten Abenteuer gestreift war. Zuweilen wurde
er durch seine Frau sekundiert, wenn der Gehilfe nicht ausreichte.
Doch schien der Kapitän scharf darüber zu wachen, daß der Verkehr
Rositas mit einigen leicht in Flammen zu setzenden oder sich für
unwiderstehlich haltenden Dandies unsers Kreises nicht zu lebhaft
wurde. Daß ihn der Eifersuchtsteufel plagte, darüber waren wir
einig, auch mochte er alle Ursache dazu haben, denn die reizende
Blondine, deren Lächeln auch außerhalb der Bühne nichts von seinem
Zauber einbüßte, war nicht ganz frei von gewissen versteckten
Kokettierungslisten. Ihre wunderbaren Augen hatten es uns allen mehr
oder weniger angethan. Freilich ward unsere Bewunderung fort und fort
in ihre Schranken zurückgedrängt durch seine überwachenden Blicke,
und daß er schärfer als andere sah, das bezeugte seine unübertroffene
Meisterschaft als Schütze. Daß er aber auch sehr wohl im stande wäre,
eine der Waffen vom Tisch zu nehmen und sie auf einen von uns zu
richten, wenn seine Eifersucht zu stark gereizt würde, darüber waren
wir einig.
Die O’Brells waren Deutsche trotz des internationalen Mischmasches
ihrer Namen, die wohl des besseren Effekts wegen angenommen waren. Er
machte in seinen Erzählungen, die über alle Meere hinübersprangen, kein
Hehl daraus, daß er früher Offizier gewesen und in der bayrischen Armee
gedient hatte, dann infolge eines gewaltsamen Ereignisses, das er im
Dunkeln ließ, nach Amerika geflüchtet war. Jedenfalls trug er den Titel
Kapitän mit Recht, denn er hatte im amerikanischen Sezessionskriege
mitgefochten und sich seinem Naturell nach wohl durch Tapferkeit
hervorgethan. Ebensowenig machte seine Frau ein Hehl daraus, daß
sie aus sogenannt »besserer Familie« stammte und ihre Verbindung mit
O’Brell durch ein romantisches Abenteuer erzwungen worden war.
Die beiden Künstler — denn auch sie leistete außerordentliches im
Präzisionsschießen — hatten sehr bedeutende Einnahmen, das Honorar,
das ihnen für den Abend vom »Eldorado« bezahlt wurde, blieb hinter der
Gage eines übermütigen Gesangssternes nicht zurück. So mochten sie
auf ihrer Tournee durch alle civilisierten Länder der Welt Reichtümer
angesammelt haben; auch sprachen sie davon, sich in nicht zu ferner
Zeit an irgend einem schönen Luxusorte eine Villa zu kaufen und Gewehr
und Pistole an den Nagel zu hängen. —
Der Mann deuchte mich wohl eines teilnehmenden Wortes wert, und
ich wollte es mir nicht versagen, ihm durch einen Besuch solches
auszusprechen und ihn zu dem Urteil zu beglückwünschen. Da er
vermutlich dem Orte des Verhängnisses schleunigst den Rücken kehren
würde, denn sentimentale Anwandlungen, die ihn längere Zeit an das Grab
seiner Gattin fesseln würden, lagen ihm wohl fern, so beeilte ich mich,
ihn aufzusuchen.
Aus der mir vom Portier bezeichneten Zimmerthür trat gerade ein
beamtenmäßiges Wesen, es mochte der Kassierer des »Eldorado« sein, der
mit dem Kapitän abgerechnet hatte, denn nach meinem Eintreten bemerkte
ich auf dem Tisch ein wirr hingeworfenes Päckchen Banknoten, von einem
Haufen blinkender Kronen beschwert.
Ich fand den Unglücklichen mitten in der Stube stehend, und nur sein
bräunlicher Bronzekopf wandte sich nach mir herum; die Frisur seines
glänzendschwarzen Haares war weniger geschniegelt als sonst, und der
dunkle Hauch des unrasierten Bartes gab ihm ein etwas verwildertes
Aussehen.
Er wußte, weshalb ich gekommen, trotzdem nickte er nur kurz, fast
geschäftsmäßig, wie er uns sonst auf dem Schießstande zu begrüßen
pflegte. Ich reichte ihm die Hand hin, die er nach englischer Art
kräftig und kurz schüttelte. Meine bedauernden Worte unterbrach er mit
seiner vollen und sicheren Stimme, die durchaus nicht darauf schließen
ließ, daß irgend etwas in seinem Innern zerbrochen wäre.
»Gut, daß Sie kommen! — ich hatte sogar nach einem von den Herren
schicken wollen —«
»Es war der Zweck meines Besuches,« erwiderte ich, »Ihnen, wenn solches
nötig, meinen Beistand anzubieten —«
»Für mich nicht —« wehrte er ab, und ein feiner, ironisch bitterer
Zug flog um seine Mundwinkel. Dann, den mächtigen Oberkörper mit einem
langsam anschwellenden Atemzuge hebend, sagte er mit halber Stimme und
mit einem seltsam scheuen Blick nach seitwärts: »Es handelt sich um
~ihr~ Grabmal, wissen Sie —«
Seltsam — als wenn er das wider Willen herauspreßte; und der scheue,
bei ihm ungewohnte Blick, schien fast zu bedeuten, er möchte nicht, daß
~sie~ etwas davon erführe.
»Sie können beruhigt sein, Herr Kapitän, man hat von allen Seiten
gewetteifert, ihr Grab auszuschmücken. Jetzt immer noch gleicht es
einem Blumenbeet.«
Er drückte die Augenlider zu und verharrte so ein kurzes Schweigen
lang; ein leichtes Winken seiner Hand sagte: »Ich danke Ihnen!«
Hierauf, den geschäftlich kühlen Ton erzwingend: »Also um ihr
definitives Grabmal handelt es sich. Ich werde Europa verlassen und
nicht mehr hierher zurückkehren. Es soll ihr ein Denkstein errichtet
werden, etwas in Marmor, es kann so kostbar ausfallen, als man beliebt
— an Geld soll nicht gespart werden. Hier —«
Und er wies nach dem Geldhaufen auf dem Tisch mit einer gewissen
verächtlichen Gebärde, die auszudrücken schien: »Was ist mir Mammon
fortan?«
Ich versicherte ihn, daß sein Auftrag auf das sorgfältigste ausgeführt
werden sollte, und bat ihn, mir die Summe anzugeben, die er für den
Zweck aussetzen würde.
»Hier, das ist meine ganze Einnahme vom Eldorado! Ich wünsche sie für
das betreffende zu verwenden. Wieviel war es doch noch? Die Summe
ist mir entfallen, ich habe aufs Geratewohl quittiert. Es ist auch
einerlei! Würden Sie die Güte haben und selber nachzählen!«
Ich machte mich also daran, die Scheine auf dem Tische zu sortieren
und das Gold zählbar aufzureihen. Währenddem durchmaß er dröhnenden
Schrittes die Stube, ohne sich um meine Verrichtung zu kümmern. Endlich
nannte ich die Summe.
»Gut!« rief er. Es klang scharf und abschneidend, als wünschte er diese
Angelegenheit hiermit erledigt.
Noch ein paar seiner wuchtigen Schritte, dann blieb er plötzlich vor
mir stehen — fast konnte ich ein Zusammenzucken meinerseits nicht
verbergen, ein so unheimlich düsteres Feuer loderte unter seinen
halbgesenkten Lidern.
»Noch eins —« begann er dumpf, mit heiser entstellter Stimme. »Es wäre
mir lieb, wenn es jemand erführe. Bitte Sie aber, mit der Verbreitung
zu warten, bis das Denkmal errichtet ist. Nicht, als wenn ich mich vor
einer neuen Untersuchung fürchtete — ich fürchte mich vor nichts und
vor niemand! Auch ist eine Wiederaufnahme des Verfahrens, soviel ich
weiß, unstatthaft.«
Seine bräunliche Gesichtsfarbe spielte ins Aschfahle, sein Blick wirkte
wie durchbohrend, es war ihm schwer standzuhalten.
»Also ich habe sie mit Absicht getötet —«
»O!« — und ich prallte entsetzt zurück. Hatte die Haft und der
fortwährende Gedanke an das Fürchterliche seinen Verstand aus den Fugen
gerückt?
Er mochte solchen Verdacht aus meiner Miene lesen — wieder zuckte das
ironisch bittere Lächeln um seine Mundwinkel.
»Es ist kein Märchen, das ich Ihnen da aufbinde, verehrter Herr! Ich
liebe dergleichen nicht! Es ist so, ich habe sie mit Absicht getötet
— — seit zwei Jahren ging ich mit dem Gedanken um — endlich war die
Zeit da —«
Es war eine grauenhafte Ruhe, mit der er das vorbrachte. Stumm stierte
ich ihn an, es war, als starrte mir das Blut zu Eis.
»Ich möchte nicht, daß Sie mich für eine Bestie hielten! Auch sollen
Sie nicht denken, daß ich mich wie ein sentimentaler Schwächling habe
hinreißen lassen. Getötet ist auch der falsche Ausdruck — ich habe sie
gerichtet! Sie hätte vor zwei Jahren bereits exekutiert werden sollen,
ich habe die Vollstreckung nur hinausgeschoben —«
»Sie ist Ihnen untreu gewesen —« entfuhr es mir wider Willen.
Natürlich, so wie wir alle den Kapitän vom Scheibenstande kannten, war
das Motiv der unseligen That Eifersucht gewesen.
Er nickte. »Untreue ist ein weiter Begriff. Die Untreue, die sie ihrem
ersten Gatten leistete — meinetwegen, wäre vielleicht in den Augen
der Welt eher eine Schuld gewesen als diese da. Bei uns Künstlern
drücken die Ehegatten wohl ein Auge zu. — Kokettieren und süße Augen
machen gehört zum Geschäft. Lächeln und lächeln — besonders zu unserm
Tellsschuß gehört ein solches Engelsfrätzchen, sonst macht die Pièce
keinen Effekt! Da kann man sich denn freilich der Blumenspenden und
anonymen Billets und selbst kostbarerer Dinge nicht erwehren. Ein Weib
ist ein Weib! Sie aber kannte die Gefahr, ich hatte ihr vordem schon
öfter gedroht, sie zu erschießen, wenn sie sich auch nur das Gelüst zu
einer Untreue zu Schulden kommen ließe.«
»Zu Pest geschah es also, es war ein bekannter magyarischer Don Juan,
der ihr wahrhaftig den Kopf verrückt haben mochte. Hol’ der Teufel die
Weiber! Es giebt keine Treue schlechtweg — die mangelnde Gelegenheit,
das ist die Treue!«
»Ich forderte den Kerl. Er schlüge sich nicht mit einem Artisten, hieß
es. Und sich vor die Pistole eines Kapitän O’Brell stellen, wäre eine
Borniertheit! Da könnte er sich lieber gleich selbst eine Kugel durch
den Kopf jagen — und dazu hätte er keine Lust.«
»Gut, ich wollte ihm das besorgen und ihn wie einen Hund über den
Haufen schießen — ~sie~ aber flehte mich auf den Knieen, davon
abzustehen. Also liebte sie ihn?! Ich hätte sie damals schon töten
sollen, und ich wollte es auch — — aber mein Gott, mein Gott ...«
Er schlug die eine Hand gegen die Augen und hielt sie so eine kleine
Weile. Bedeutete dies »Mein Gott!« nicht: »Aber ich liebte sie selbst
so leidenschaftlich!«
»So schob ich es auf —« fuhr er dumpf fort, »obgleich mir nachdem
deutliche und schriftliche Beweise zur Hand kamen, daß eine Untreue
vorlag. Ich schob es auf — das heißt, ich hatte ihr verziehen und
wollte vergessen! Ein anderes Mal aber — das schwor ich mir, würde
ich nicht so weich sein! Uns band ja außerdem der Beruf aneinander,
ich will es gestehen. Damals hatten wir gerade mit unserm famosen
Tellsschuß debütiert, wir machten kolossale Furore, und der Pièce
verdanken wir unser Vermögen. Niemand macht ihr solches nach! Sie
hatte, weiß Gott, Courage!«
»Ja, sie bewies diese Courage schon, daß sie überhaupt bei mir blieb.
Denn sie wußte, daß ich ihr nur äußerlich verziehen. Der geheime Groll
fraß weiter in mir, und sie sah das deutlich. Den ganzen Tag lang
gab ich mir Mühe, nicht daran zu denken. Am Abend aber während der
Vorstellung, wenn die Schüsse knallten, war alles wieder wach. Der
Geruch des Pulvers machte mich toll. Jedesmal, wenn ich ihr die Sterne
vom Kopfe wegfegte, rief eine Stimme in mir: Jetzt! — Thu’ es! — Töte
sie! Es war wie ein Wahnsinn, der mich packte — eine ungeheure Qual!
Vielleicht erinnerte mich ihr Lächeln daran, das doch zu der Pièce
gehörte. Genug, eine Manie, eine Krankheit, gegen die ich nicht mehr
ankam ....«
»Ich wollte mich davor retten und den Tellsschuß aufgeben — aber alle
Welt verlangte danach — das Publikum schien ihr Blut haben zu wollen!
Ich wollte überhaupt das Schießzeug an den Nagel hängen — ich klagte
meiner Frau, daß meine Hand unsicher würde und daß ich zuweilen ein
Flimmern vor den Augen verspürte. Sie lachte mich aus. ›Noch eine
Tournee!‹ schlug sie vor — und dann noch eine und abermals! — Das
infame Geld reizte sie, sie hatte einen Heißhunger auf Brillanten, auch
wollte sie den Applaus nicht entbehren — Weiber sind Weiber!«
»So trieb ich’s also zwei Jahre lang — Abend für Abend die
entsetzliche Versuchung! — Immer wieder, wenn ich die Pistole nach
ihrem Haupte richtete, war die Stimme da, die mir zuraunte: Thu’ es!
Töte sie! Es braucht ja nur der Finger auf dem Stecher ein wenig zu
früh zu zucken — niemand kommt auf den Gedanken, daß ein Mord vorläge!
Sehen Sie, so feige bin ich gewesen!«
»Und so tapfer war sie! Sie mußte jedesmal in meinem Gesichte lesen,
daß etwas mit mir vorging. Die eigenartige Erregung, die mich nach
der Vorstellung ergriff, mußte sie warnen. Wohl zwanzigmal habe ich
sie gebeten, daß wir diesmal den Tellsschuß auslassen wollten. ›Das
dürfen wir nicht! Das Renommee verlangt es!‹ sagte sie. ›Du und daneben
schießen, Miska! Eher fällt der Mond vom Himmel! Schieß nur zu, ich
halte still‹ —. Sie stellt sich also hin an den Pfahl, lächelt und
lächelt ... Teufel, dies Lächeln, das gerade war’s!«
Wieder maß er das Zimmer mit dem Gedröhn seiner Schritte; ein hörbarer
Seufzer schwellte seinen breiten Brustkasten.
»Warum es gerade heute geschah? Mir ist alles nur wirr in der
Erinnerung.« Er strich sich dabei mit der Hand über das Gesicht. »Das
Lächeln war daran schuld,« — murmelte er wie für sich — »ein Lächeln,
wie sie dazumal in Pest lächelte. Und seitwärts hinter mir die Loge!
Dieselbe Loge wie in Pest — jemand saß darin im Dunkel ... Er! — so
meint’ ich, so sah ich, ehe ich an den Tisch mit den Pistolen trat.
Derselbe, der sich nicht mit mir schießen wollte und dem ich das Leben
geschenkt, weil sie mich auf den Knieen darum gefleht! — Möglich, daß
er’s nicht war — ich weiß nicht — die Tollheit packte mich — die
ganze Bühne schwamm in einem roten Nebel — ich schoß und schoß und
schoß — das Knallen, der Geruch des Pulvers — ihr Lächeln, o ihr
Lächeln! — Diesmal hörte ich deutlich die Stimme — sie kommandierte
laut: Thu’ es! Töte sie! — und ich zielte auf ihre Stirn und drückte
ab ...«
Beide Hände preßte er gegen die Augen, und ein Schauder erschütterte
seinen Körper.
»Sie waren krank, sie hatten die Sicherheit verloren —«, wagte ich
einzuwerfen.
Da fuhr er auf, seine Augen loderten: »Unmöglich!« schrie er schrill.
»Es giebt keine Maschine in dieser Welt, die so sicher fungiert wie
diese Hand!«
Und er schüttelte die hocherhobene Hand. »Eher fällt der Mond vom
Himmel!«
Es war das Grauenhafteste von allem, den Wahnsinn des Künstlerstolzes
zu sehen, der eher einen Mord zuließ, als daß er selbst an seiner
Unfehlbarkeit rüttelte.