»Gefällig?«
Nicht viel Weiteres als dieser Sington. Solch maskierte Unterhaltungen
können langweilig werden; ich bat also, sie sollte sich demaskieren:
»Ich möcht’ so gern Dein liebes schönes Gesicht sehen!«
Mit hellem Spott lachte sie diesmal: »Mein liebes schönes Gesicht —
was willst Du daran sehen? Du kennst es ja. Weißt Du was — ich bin
durstig!«
Ein wenig ärgerlich führte ich sie in einen der anstoßenden Weinsäle,
wo wir uns an einem von Flaschen und Gläsern überbürdeten Tisch mitten
unter der ausgelassenen Mummerei ein enges Plätzchen eroberten.
Wir stießen mit unsern Römern an, und sie hob die Larvenblonde, um den
Glasrand an ihre Lippen zu führen, vorsichtig, fast zimperlich, damit
ich nicht eine Spur von ihrem Gesichtchen gewahrte.
»Du bist närrisch! was demaskierst Du Dich nicht! Du darfst Dich doch
sehen lassen!« polterte ich.
»Ei, so ein Ekel! Wenn ich Dir so nicht gefalle, so such’ Dir — so
such’ Dir ... Ihr Lieutenants glaubt, Ihr braucht nur zu schütteln,
damit die schönsten Äppelchens herabfallen. Prost!«
Ein Zweifel stieg in mir auf: ob sie es denn wirklich war; aber
sie hatte sich so sicher mit Andeutungen über den vorigen Abend
legitimiert. Eben stachelte mich ein Gelüst, ihr mit zugreifender
Überraschung die Maske vom Gesicht zu ziehen, da klang eine Stimme
hinter uns:
»Ei, Ihr amüsiert Euch aber famos!«
Ich wandte mich um und fuhr freudigen Stutzens zurück — sie! Ihr
liebes, schönes Gesicht, ohne Maske, schelmisch lächelnd, blinkende
Zähnchen und strahlende Augen. Es flog wie ein blanker Sonnenschein
über mich her.
Aber ich kam mir lächerlich genug vor: so war ich also zum besten
gehalten worden! Sie lachte mich aus, weil ich ihre Cousine von gestern
abend für sie selbst genommen: »Ihr Lieutenants seid doch noch nit die
Schlausten!«
»Aber Du giebst mir Revanche!« rief ich. Eben intonierte aus dem
Festsaal ein graziöser Straußwalzer.
»Anavang!« (=en avant=) rief sie übermütig. Da soeben ein Grenadier in
der Uniform der karnevalistischen Leibgarde, »Funken« genannt, meine
Pseudo-Schöne aufforderte, so konnt’ ich doppelt befreit aufschnellen.
»Anavang!« rief ich neubegeistert, und sie in meinen Arm schmiegend,
schwebte ich mit ihr, von den Strauß’schen Rythmen gewiegt, durch den
Saal.
»Ach wie süß — ach wie schön — das ist Wonne — das ist Le—ben,«
trällerte sie während des Tanzens den bekannten Walzertext.
Dann hielten wir hochatmend. Aber ich mußte ihr meine unbändige Freude
ausdrücken:
»Ich hab’ den ganzen Tag an Dich gedacht!«
»Das haben Sie der andern schon gesagt —« lachte sie.
»Woher wissen Sie das?«
»Ich weiß alles. Das heißt, ich kann mir’s denken. Ihr Leutnants sagt
so ziemlich all’ dasselbe.«
»Muß ich mir doch sehr ausbitten! Übrigens duld’ ich jetzt kein ›Sie‹
mehr!«
»Sie fingen ja selber an, Herr Leutnant.«
»Nun laß’ Dich ich nicht mehr! Heut’ nicht und morgen ...«
»Oho, nimm gleich ein Abonnement! Morgen ist ja gleich. Es ist zwölf
Uhr.«
»Dem Glücklichen schlägt ...«
»Keine Stunde — du bist geistreich. Was weißt du, ob ich glücklich
bin?«
»Du gefällst mir, und ich — und ich —«
»Dir!? — oho!«
»Sonst hättest du mir doch nicht das =tête-à-tête= vorhin gestört.«
»Ich will mich amüsieren, weiter nichts! Ich hab mich ferm dazu
engagiert. Ich hab’ es versprochen. Ich will, ich muß! Drei Tage heidi
— heida! Ich will, ich muß! Dann meinetwegen kann kommen, was will —«
Zwischen ihren Brauen war wieder das Gewetter feinzuckender Fältchen.
»Ich will! ich muß!« Und ihr Füßchen, bis zum Knöchel nur von dem
buntbesetzten Phantasieröckchen bekleidet, stapfte trotzig auf.
»So, also nur aus Prinzip?«
»Frag’ mich nit! Laß uns lustig sein! Und weil du mir gefällst, —
=bon=, so wollen wir uns zusammen amüsieren!«
»Ich lieb’ Dich! Du bist das Süßeste, Herrlichste ...«
»Bis’ still! bis’ still! Sei nit närrisch! Sie kennen mich ja nit —«
kicherte sie. »Ich bin schlimm. Und für den Moment bin ich durstig!«
An der hinteren Schmalseite des Saales, auf der Stufenestrade unter der
großen Konzertorgel standen kleine runde Tischchen =à deux=, und wir
gewannen ein solches im Wettkampf mit anderen isolierlustigen Paaren.
Ein köstlicher Sitz. Unter uns, vor uns das hüpfende, stampfende,
wimmelnde Gewühl des tanzenden Saales. Buntes und Flimmerndes
durcheinander huschend, Farben und Lichter in einem bläulichen
Staubdunst verhauchend. Wir sind glücklich gerettet aus der närrischen
Brandung, die dort unten wogt, so kommt es uns vor, und, so sitzend
und plaudernd, Aug in Auge, und mit tüchtigen, balldurstigen Schlucken
den prächtigen Wein schlürfend, fühlen wir uns so wunderschön geborgen
hier oben; selbst die Musik will uns nicht zu oft hinablocken. Nicht
als ob wir uns so Wichtiges mitzuteilen hätten. Wir hatten Wohlgefallen
aneinander — wir gehörten zu einander, für diesen Karneval wenigstens,
und dies Gefühl hielt uns zu einander gefesselt wie eine stumme
Absprache. Ein Gelüst wollte mir vorgaukeln: auf viel länger vielleicht
... Ach, du fröhliche, ach du selige Jugendzeit! Ach du wundervolles
Schmetterlingsrecht, das zwei junge Menschenkinder, die sich auf einem
schimmernden Blumenkelch zufällig getroffen, auf ein Eintags-Mein-Dein
zusammenschwören heißt — gegen das blöddumme Vorurteil, das überall
Verderbnis wittert!
Sie sah reizend aus. Ein mit Gold und Flitter besetztes altdeutsches
Häubchen, das ihr dunkles Wellenhaar nur schwer bändigte, kleidete sie
entzückend. Es war keine ausgesprochene Charaktertracht, gleichsam
aus dem Stegreif zusammengesetzt, wie es im ersten Hinhalten vor
dem Spiegel kleidete. Der Hals, weiß und marmorn fest, bis zu den
halben Schultern entblößt. Wie das Köpfchen sich auf diese elastische
Halsrundung setzte! und ihre Taille, welch eine reizvolle Verbindung
üppiger Jugendblüte mit zarter schlanker Grazie! Das Leutenantsblut
ließ mir keine Ruhe, und ich fiel von Zeit zu Zeit immer wieder in die
Banalität von Begeisterungsrufen.
Zuletzt wehrte sie mir mit einer Miene, über die ein Schatten fast
dunkelkühl daherstrich. Traurig, nicht ernstlich, wie ein Bitten, das
aus ihrem Herzen kam:
»Sag’, willst du mir versprechen, keine Komplimente zu machen?«
»Es sind keine! Mir ist so, ich kann nicht anders! Du hast mich
verhext!«
»Nicht! Nicht! Nicht! Erst recht nichts davon!« rief sie. Aber der
Glanz ihrer Augen war verräterisch süßer als alle Erwiderung.
Dann die Arme aufstemmend und die Hände zusammengefaltet über dem
Römer, sagte sie tonlos traurig: »Du sollst nit denken — — na du
sollst mich nit falsch vertaxieren. Weil ich so fix ja! sagt’ und nun
nit die Courag’ hab’ nein! zu sagen und adjes!«
»Wie ich schon müßt’ —« fügte sie mit einem Seufzer hinzu.
»Du darfst nicht, ich laß Dich nicht!«
»O, nit so! — Soll ich dir beichten? Dann kannst du mich taxieren!«
Was war zu taxieren? Ein Kölner Mädchen, das, wie viele, zum Karneval,
die unwiderstehliche Lust ergreift, auszufliegen, über den Einspruch
der Fraubasen und die im ganzen übrigen deutschen Reich herkömmliche
Spießbürger-Moral hinweg. Beileibe kein voreilig Urteil! An ihrem
Halse hing als Zeichen gut bürgerlicher Solidität eine altertümliche
Korallenkette von schweren Perlen, und an einem Finger ihrer übrigens
weißen wohlgeformten, obgleich nicht zu kleinen Hände blitzte sogar ein
nicht ganz wertloser Saphir.
»Laß hören!«
»Zuvor machen wir einen Kontrakt. Du darfst mir nit bös sein! Ich red’
frei heraus. Ich thät’ auch gegen niemand sonst so reden.«
»Ich dank’ Dir — ich bin stolz und glücklich!«
»Laß das Geschreppels — und die Händ’ weg!« Mit einem Schlag fuhr sie
mir über die Hand, die stürmisch nach den ihren gegriffen.
»Also machst Du morgen mit? Ich geh’ zum Ball auf den Geistensterz.«
(Ein bekannter Konzertsaal.)
»Natürlich mach’ ich mit. Überall hin!«
»Nit so stracks! Ich halt’ Dich beim Wort. Übermorgen — wart, ah so
übermorgen: Theaterball und — und — sei mir nit bös, ich möcht’
nachdem auch noch den Kehraus hier im Gürzenich mitmachen —«
»Herrlich!«
»Auch möcht’ ich — — wenn du wüßtest, du thät’st mir’s nit übel
nehmen. Es is wahrhaftig nit wegen der paar Austern, die ich nit mal
mag und dem Sekt (sie sprach kölnisch »Zeck«). Zeck giebt’s auch bei
uns daheim. Aber ich möcht’ gern einmal beim Bettger in der Budengasse
soupieren — mit Dir!«
»Gern, gern — famos!« rief ich überglücklich.
Für meine karge Lieutenantskasse ein etwas starkes Programm, aber
sie war noch lange nicht zu Ende. Die Naivität amüsierte mich
köstlich. Jetzt erst schien sie Mut zu bekommen; wie ein Kind in der
Weihnachtslaune, das immer kühner zugreift nach allen glitzernden
Dingen, brachte sie immer noch Wünsche vor. Sie hatte so viel schon von
den Faschingsdiners im Viktoriahotel gehört, wo man bei Musik und unter
lauter Narrensleuten so »deliziös schnabuliert.«
»Morgen nach dem großen Karnevalszug dinieren wir also in Viktoria —«
stimmte ich freudig ein.
»Den Zug sehen wir zusammen —«
»Selbstverständlich!«
Dann gelüstete es sie, eine von den berühmten »Kaffeevisiten« bei
Mosler, Obenmarspforten, kennen zu lernen, wo die eleganteste Kölner
Welt unter solcher Spießbürgerdevise den Sekt schäumen läßt.
Auch das! Ich würde bei denen aus der Gesellschaft mit meinem
Faschingsbräutchen nur Staat machen, meinte ich für mich.
Natürlich würden wir uns am Faschingsdienstag früh zu einer
Spezialrevue (Spezial = ein Kölner Weinmaß) in einem der ersten
Restaurants einstellen. U. s. w. u. s. w. Ich mußte zuletzt hellauf
lachen. »Schad’ —« rief ich, »daß es nicht ein paar Wochen so weiter
geht! Du bist famos!«
Sie stutzte ein wenig, gleich aber steifte sie sich auf ihren Kontrakt.
Sie hätte einen ähnlichen daheim abgeschlossen. »Ich bin frei — frei
— frei!« Ein Jubel, der in diesem Augenblick etwas gezwungen herauskam.
»Hoffentlich fährt mir der Dienst nicht störend dazwischen —«
antwortete ich.
»Du mußt! Sonst such’ ich mir — —«
Doch nicht einen andern? Es fiel mir heiß aufs Herz: die Eifersucht!
Nein, das darf nicht sein! Sie ist mein — und kein anderer soll es
wagen ... Zugleich aber eine geheime Frage: was ist sie doch für eine
süße kleine Teufelin?
Sie fühlte die Notwendigkeit, mich ein wenig aufzuklären. Und wieder
die Hände über dem Glase gefaltet, mit dem treuherzigen Ausdruck ihrer
braunen Kinderaugen beichtete sie.
»Du sollst nit schlecht denken von mir. Hat alles seine Richtigkeit.
Ich bin nit desertiert von uns aus. Urlaub, Urlaub freiweg von Anfang
des Fastelabends bis zum End’. Es ist meinen Leut’, meinem Vatter und
meiner Mutter, gewiß nit recht — was wollen sie aber machen, sie
müssen! Muß ich nit auch, wie sie wollen? — ich hab’ mich lang’ genug
gewehrt. Wenn du wüßtest! Aber du sollst nit! Ich will uns die Laun’
nit verderben, heut’ nit und morgen nit. Übermorgen, am Aschermittwoch
ist alles aus!«
»Mit uns?«
Ich muß erblaßt sein vor Überraschung. »Sag’ das nicht — ich laß nicht
von dir ....« stammelte ich, die Augen lodernd vor Leidenschaft.
»Aus — Alles aus!« hauchte sie hin.
Sie entfaltete die Hände und führte sie gegen das Antlitz. Ein Seufzer
hob ihre junge Brust. Dann die Hände wieder senkend: »Ach, laß uns die
Freud’ nit verderben!« rief sie aus, innig lächelnd. »Siehst du, damit
wir klar sind, so ist es: gut, hab’ ich meinen Leut’ gesagt, ich will
euch euren Willen thun! Ich will artig sein und ich will ...«
Sie stutzte, kämpfte noch mit sich. Dann aufschnellend und das Köpfchen
resolut schüttelnd: »Ach was, nix davon! Allo (= allons), denk’, mein
Vatter und meine Mutter hätten recht, ich aber auch, compris? Laß dir
genug sein; ich hab’ also meinen Kontrakt mit unsern Leut’ gemacht:
laßt mich laufen, laßt mich fliegen, wohin ich fliegen will, diesen
Karneval noch, dann will ich ... was wollen sie machen? — und da
bin ich! Die Cousine die sollt’ Schildwacht stehn. Wir schaffen die
Schildwacht aber ab, gelt? Ich will ganz frei sein! Ich will mich
amüsieren — ich muß — muß — muß! Und nun komm, sitz nit da wie ein
steinerner Mann. Komm, laß uns tanzen!«
Gleich darauf flog und wirbelte und raste ich mit ihr durch den Saal,
ein Geheiß, mich das eben gehörte Geständnis vergessen zu machen
im süßen klammernden Besitz des Augenblicks. Was für ein Rätsel?
Anderwärts wird man es nicht leicht verstehen: ihre Eltern wollen sie
überreden, sie zwingen zu einer Unseligkeit, gut, so stellt sie ihnen
die Bedingung dieser absoluten Karnevalsfreiheit! Und nachdem: — aus,
alles aus ...
Nein, nicht aus! Ich will sie halten! Ich werde sie nicht lassen! Als
wäre es meine eigene kostbare Jugend, die mir jemand rauben will ...
Der Morgen nebelte grau in den feucht überdunsteten Gassen, als wir den
Heimweg antraten. Sie duldete nur eine Begleitung bis an die Grenze
ihres Stadtreviers; am Rheinhafen, nicht weit von der kleinen, in
dichten Häusermassen versteckten Kirche »Sankt Maria im Elend,« ihrer
Pfarrkirche, bog sie in eine der breiteren Gassen ein. »Bleib, das sag
ich Dir! Sonst komm’ ich nit wieder! Adjes!«
»Schlaf wohl, Du Einzige!«
»Psch!« — den Finger auf den Lippen, nickte sie mir noch einmal
zu, und ich stand und sah ihre liebliche Gestalt im Nebelgrau der
Morgendämmerung verschwinden. Ich hörte den in Köln noch vielfach
gebräuchlichen Thürklopfer hallen. Dann trat auch ich meinen Weg nach
Hause an. Es war hohe Zeit; als ich in Deutz ankam, regte es sich
schon in der Kaserne zum Dienst. Und schnell den Puder aus den Haaren
gebürstet, und eilig in die Uniform geschlüpft, da rief auch schon das
Signal zum »Eins-zwei! Eins-zwei!« des Rekrutendrills. —
Wir hielten Kontrakt und Programm inne mit echt kölnisch
karnevalistischer Zähigkeit: Rosenmontagszug und Viktoria-Diner und
Geistensterz-Ball und Bettger, Gürzenich, Moser, alles, keine Nummer
ausgelassen, keine Müdigkeit, kein Überdruß! Ah, es galt die Zeit
mit klammernden Armen festzubannen, die Zeit, und das Glück und die
Hoffnung — ja auch die! Im Rausch der frohlaunigen Stunden flog mich
zuweilen der Gedanke an die Schmetterlingsflüchtigkeit unserer Liebe
an. Sie aber bannte den Schatten jedesmal durch ihr Lächeln, durch den
glanzvollen Zauber ihres Blickes: — »Es ist ja noch lange hin! Geh,
wir haben keine Zeit, Raupen zu fangen! Anavang!«
Gewiß hatten wir keine Zeit zu Grillen: der Kölner Karneval fordert
seine Getreuen mit allen Kräften zur Sache. Auf jene rätselhafte dunkle
Wolke, die über unserm Glücke schwebte, wurde nur von fern hingedeutet:
sie wollte sich keine drei Minuten der kostbaren Gegenwart dadurch
verderben lassen. Aber auch nicht an unsere Liebe gerührt: Und sie war
so ängstlich: als könnte ein unbedachtes oder zu kühnes Wort den zarten
Zauber verwehen.
»Drückchen — ach Drückchen —«
»Was ist? Was hast Du? Komm, laß uns tanzen!« Oder sie hielt mir das
Glas hin, um mit mir anzustoßen, und ihre Zähne lachten schelmisch über
den Rand der Gläser. —
Doch das Programm wurde immer kleiner — wie ein neidischer Wirbelwind,
der daherfuhr und die flüchtigen Stunden hinwegfegte. Jetzt das
letzte Rendez-vous; jetzt der letzte Gläserklang; jetzt der letzte
Galopp, dahinrasend wie in der Verzweiflung des Abschiedswehes durch
die bereits gelichtete Bahn des großen Gürzenichsaales; jetzt häng’
ich ihr das Mäntelchen um in der Garderobe — noch einmal wendet sie
ihr Köpfchen nach dem vom bläulichen Staubdunst erfüllten Festraum,
den die Gasflammen mit übermüdet gelbem Licht nur noch melancholisch
erhellen. »Adjes ...« haucht es tonlos von ihren Lippen, während sie
nach dem Tummelplatz ihres kurzen Glückes hinüberwinkt. Ich meinte ein
flimmerndes Zittern in ihren Augen zu spüren. Und langsam, Arm in Arm,
stiegen wir die breiten Steinstufen hinab, ohne ein Wort, das Herz von
Weh geschwellt.
Der Morgen wehte kühl; während wir die Gassen dahinschritten, strichen
uns scharfe Schneekrystalle schräg ins Gesicht. Noch war der Karneval
wach; aus erleuchteten Lokalen drang weinheiserer Lärm, fern und nah;
die Gassen und Plätze von dem letzten übermütigen Gejohl des Kehraus
erfüllt; vermummte Masken zogen daher, noch gab es scherzhafte Anreden,
noch klingelten Schellenkappen, noch sahen wir Gäste einkehren zum
allerletzten Trunk, nach dem letzten. Aber über der ausklingenden
Faschingslust summte und dröhnte schon mahnender Glockenklang: die
Kirche rief zur Buße nach der heidnischen Tollheit, und zwischen den
Masken huschten Kirchgänger daher, die es danach verlangte, sich
vor dem Altar das graue Bußkreuz des Aschermittwochs auf die Stirne
zeichnen zu lassen.
Unsere Schritte wurden immer zögernder, je näher wir dem Hafen kamen,
wo, wie üblich, die Trennung stattfand. Wie ich so im Dahinschreiten
die Wärme ihres innig angeschmiegten jungen Körpers an dem meinen
fühlte, wie unsere Augen im stummen leidenschaftlichen Geständnis in
einander tauchten, stachelte mich ein Trotz: Liebe ist souverän! Sie
hat zu gebieten! Was schert uns eine Elternmarotte ....
»Weißt du was« — sagte ich, und meine Stimme bebte vor Erregung. »Am
Freitag wollen wir uns wiedersehn! Oder am Sonntag, wenn Du willst.
Morgen wird ausgeschlafen — aber am Freitag ... Ich laß’ dich nicht,
Drückchen!«
Sie wiegte langsam das Köpfchen und schaute mit flehendem Ausdruck zu
mir empor.
»Was sind das denn für Dummheiten?!« — In meinem Zorn fuhr es mir
heraus.
»Ich will Dir alles sagen, g’rad heraus —« flüsterte sie, »nur jetzt
noch nit — da draußen!«
Sie wies auf die Hafenmauer, wo durch das geöffnete Thor die Rheinweite
durch den streichenden Schnee herüberdämmerte.
»Es ist so, wie ich Dir sagte —« sie zwang sich absichtlich zu einem
reineren Hochdeutsch — »ich weiß, was ich thue, und ich habe nicht nur
kokettiert mit meinem Schicksal, jammern thu’ ich auch nicht. Kontrakt
ist Kontrakt. Heute früh geh’ ich nach Maria im Elend und laß mir ein
Kreuz hier auf die Stirn malen. Ich habe zwar kein Verbrechen begangen.
Ich kann alles beichten. Ich bin ein Kölner Mädchen, und ich hätte
können mein Leben lassen für diesen einen Karneval. Jetzt erst recht,
da ich Dich getroffen —«
»Du Liebe, Liebe, Einzige ...«
»Psch! —« wehmüthig lächelte sie. Und wir schritten über die
Hafenbrücke nach dem Thore zu.
Es war eine rauhe winterliche Scenerie. Der Rhein ging mit Eis, auf
der graugrün flutenden Wasserweite schoben die Eisschollen, mit
schmutziggrauem Schnee bedeckt, stromab, hie und da wie drängend im
wilden Ingrimm, und dann wurde das eintönige Geräusch des Wassers
überschallt von dem metallischen Aufeinanderprallen der Schollen
und dem splitternden Geknirsch. Drüben am andern Ufer, undeutlich
schwankend in dem schrägen Schneetreiben, dämmerte die flache
Silhouette von Deutz, die Bäume und Häuser von der Überflutung
gleichsam halb versenkt unter den Horizont.
Nach ein paar Schritten hielt sie plötzlich. »Du, nun will ich Dir’s
sagen. Ich heirat’ — ich muß!«
Ich prallte zurück aus ihrem Arm, obgleich ich doch dergleichen ahnen
mußte.
»Ich hab’ mich lang genug gewehrt dagegen. Aber es ist das beste schon
— eine gute Partie. Seine Eltern und meine wünschen es. Ich hab’ mich
lang gewehrt. Er ist ein braver Mann, ich werde es gut haben. Aber ...«
Hier stockte ihre Stimme. »Ich muß weg von Köln« — fuhr sie dann
fort — »weißt Du, was das bedeutet für ein Kölner Mädchen? Ich komme
nach C. (ein kleines Landstädtchen an der westfälischen Grenze). Ich
werd’ es gut kriegen — ein schönes Geschäft, und meine Eltern sind
glücklich. Aber ...«
Wieder eine kurze Stockung. Leiser fuhr sie fort:
»Es war gut, daß ich Dich nicht kannte, als ich endlich »ja« sagte und
den Kontrakt wegen des Karnevals mit meinen Leuten abschloß. Sonst
hätt’ ich nein! gesagt. Ich hab’ niemand lieb gehabt vor Dir. Auch
geschieht — ihm schon kein Unrecht. Ich werd’ ihm treu sein, er hat
nichts zu fürchten. Ich bin ein Kölner Mädchen, was kann ich dafür? —
Und nun sag’ ich Dir Dank für den schönen Karneval! Leb’ wohl und denk
auch ein wenig an mich. Besonders am nächsten Karneval ...«
Wie von verhaltenen Thränen vibrierten ihre Worte.
»Du liebes, liebes herziges Lieb!« Stürmisch umfing ich sie. Und sie
wehrte nicht.
Lächelnd, während zwei Thränen über ihre Wangen glitten, sagte sie!
»Ich bin Dir schuldig. Den Kuß vom Fastelabend — Da!«
Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und küßte mich mit inniger
Heftigkeit.