[Illustration]
Ich höre scharfklippernden Peitschenschlag; ich höre das feine
nervöse Geklingel von Schellenkappen; juchzenden Geigenstrich und
übermütig schnarrende Guitarrentöne, weinheisere Singstimmen, das
Gellen anstoßender Gläser, Zurufe und Witze, die ganze Luft gleichsam
vibrierend von der alles ansteckenden, alles umhüllenden, alles
durchdringenden Karnevalslaune.
Ich höre Lachen im Chor, schallend, homerisch erschütternd; ich höre
aufwirbelndes Sololachen von Frauenstimmen, hell wie der Glöckleinklang
eines eleganten Frauenklosters; Lachen, das sich ausschütten möchte
über einen Extra-Spaß, und anderes, das lacht, weil es in der Luft
liegt, weil die Kölner Faschingsparole es gebietet, über eine Dummheit,
eine Grimasse, ein Nichts. Und, jetzt aus all dem vieltönigen,
ein wenig mißtönigen Frohgelärm klingt das Lachen einer gewissen
Mädchenstimme, ein paar perlartig hüpfende Noten nur, luccahaft süß,
von jenem eigenartigen Zauber, der sofort ins Herz dringt, ohne den
vorschriftsmäßigen Umweg durch das Ohr und das übrige Telegraphennetz
der Nerven ...
Freilich, die Lippen, denen es entfährt, blühend frisch,
siebzehnjährig jung, von einem herzigen Lächeln, einem Grübchenlächeln
gleichsam aufplatzend wie eine köstliche Frucht, dazwischen das
feine, irisierende Blinken von kleinen, etwas spitzigen weißen
Raubtierzähnchen. Wißt Ihr, es war nicht leicht, sitzen zu bleiben
und dies Lächeln einfach anzustarren wie ein Wunder! Wißt Ihr, ich
weiß selbst nicht, wie es geschah, ich war meiner nicht mehr Herr, war
aufgestanden, an den Nachbartisch herangetreten, hatte mit einem kühnen
Griff das Köpfchen gefaßt, und einen Kuß auf die halboffenen Lippen
gepreßt ...
Hier in unserm verstandessichern, polizeimäßig nüchternen Berlin, das
sich zwar seines Witzes rühmt, eines meist forcierten Witzes, aber
von Humor keine Ahnung hat, gäbe es Mord und Totschlag ob solchen
Unfugs, Kartenwechsel oder Faustschläge, je nachdem, mit gerichtlichem
Nachspiel. Der Kölner Humor mit seiner Devise »Leben und leben lassen!«
gestattet jedoch die kühne Freiheit solchen Stegreifkusses — zwischen
Schönen, Hübschen, Jungen natürlich. Se. Närrische Hoheit der Prinz
Karneval, stets einer der schönsten und elegantesten jungen Herren
der Stadt, hat sogar das altherkömmliche Recht, am Rosenmontag die
Lokale zu durchwandern und sich von den verlockendsten Mädchenlippen
nach Wahl die tributpflichtigen Küsse zu pflücken — ohne Wehr und
Zimperlichkeit, es ist sogar köstliche Ehre dabei. Na und die Getreuen
Sr. Närr. Hoheit naschen so gelegentlich vom gleichen Recht.
Ich sollte ja die kleine karnevalistische Episode regelrecht berichten.
D. h. Ihr dürft nichts erwarten als nur die Schilderung einer süßen
Mädchengestalt, die alljährlich zum Fasching vor meine Erinnerung
tritt, lächelnd mit ihren blüten-frischen Lippen, für mich auf allzeit
die wundervolle poetische Verkörperung der im Namen aller Frohgeister
benedeiten Kölner Karnevalstollität.
Und so grüß’ ich Dich: »Alaaf Köln!« Du Stadt mit den hundert
Kirchtürmen und den tausend schönen Mädchen! Dich aus den Tausend grüß’
ich, Du liebliche rheinische Maid: — »N’tag Drückchen!« Und nick’
Dir freundlich zu, und über meine Seele breitet sich warmlachender
Sonnenschein im Gedanken an Dich. Sei gegrüßt und gedankt für diesen
Sonnenschein!
Also am »Fastelabend«; es ist der Vorabend vor dem offiziellen
Fastnachtsanfang, die Generalprobe der Tollität, alle Humore frisch
aufgezogen, alle Launen im ersten Übermut entfesselt. Die Wirtshäuser
voll froher und lärmender Gäste, besonders die Weinstuben; die meisten
haben ihre kleine Hauskapelle installiert, die mit ihren nicht
immer ganz harmonischen Tönen die Stimmung anreizen soll. In einem
bekannten Restaurant der Herzoggasse hockt auch schon der »Puckel«
hoch droben auf dem Tisch mit seiner Geige, unter dem surrenden Licht
der Gaskrone. Er ist der traditionelle Kobold des Kölner Faschings;
alljährlich am Fastelabend taucht er auf. — Gott weiß, wo er sich
sonst umtreiben mag — und wird mit Halloh begrüßt: »Der Puckel ist
da, nun kann’s losgehn!« — ein seltsamer Kauz, mit einem prächtigen
Harlekinshöcker belastet, das ältliche Gesicht stets in sehr ernsten
Falten, aber desto lustiger klingt der Strich seiner Geige. Er hat
nur ein kleines Repertoir, und das Gewimmel zu seinen Füßen wird auch
nicht müde, seinen »kleinen Postillon« mitzujohlen — keine echte
Karnevalsstimmung, über die der Gassenhauer dieses Kobolds nicht
hinweggestrichen.
Wir saßen bei einem guten Tropfen an einem überfüllten Tisch. Nur
vereinzelte Masken zeigten sich, ich selbst trug mit manchen anderen
die bunte Narrenkappe (offizielles Modell, alljährlich vom »großen Rat«
festgesetzt und unter seiner Regie vertrieben). Heute galt es noch
solide zu sein, denn drei schwere Tage mit drei tollen Nächten standen
uns bevor. Aber der Übermut prickelte uns bereits wie Champagnerschaum.
Uns gegenüber, in einem Gewühl von Narrenköpfen, leuchtete etwas
gewaltig Hübsches — »alle Wetter!« stieß einer von uns vor
Verwunderung hervor. »Ein süßer Käfer!« meinte ein anderer, und er hob
den Römer voll dunkelgoldigen Rheinweins und versuchte dem reizenden
Mädchenkopf ein galantes Prosit! zu bringen — derlei ist wohl üblich.
Aber das Mädel »reagiert« nicht. Ein feines rundliches brünettes
Gesichtchen, schelmdunkle Augen, seidiges, üppiges, großwelliges
Braunhaar, das unter der leicht schiefsitzenden Narrenkappe vorquillt,
und die Lippen lächelnd geöffnet, der ganze Ausdruck ein naives
Kinderbegehren: ich will mich amüsieren! auf jeden Fall!
Also wie gesagt, ich weiß nicht, wie es geschah. Wollt’ ich mich
forscher vor den andern hervorthun? wollt’ ich ihnen zeigen, wie man
den Geboten der ersten Schutzheiligen des Karnevals, der Gelegenheit,
ohne Besinnen folgen müsse? War also aufgestanden, hatte mich von
ungefähr an das liebe Kind herangeschlichen, meinen Römer in der Hand.
Und artig, mit galanter Verbeugung gegen die Damen gewandt (denn es
waren ihrer zwei, eine ältere Duenna saß neben der Erkorenen): »Ist es
erlaubt, anzustoßen?« Das Herz pochte mir doch, als ich so dicht in
ihre Augensterne sah.
Eine kleine Überraschung ihrerseits, ein fragendes Auflächeln, dann
ergriff sie zögernd ihr Glas und hielt es gegen das meine.
»Die Schönheit!« sagte ich, fast rufend, und ich fühlte das begeisterte
Strahlen meiner Augen: »Du bist wundervoll — Du bist — Du bist —«
Die Worte versagten mir, und unsere Gläser gellten zusammen, Aug’ in
Auge, beide von so seltsamer Verwirrung ergriffen.
»Das sagen viele« — erwiderte sie lachend, »ich werd’ es wohl noch oft
zu hören bekommen.«
»So, Du glaubst mir nicht? Na wart’« — —
Der Übermut packte mich, schnell setzte ich mein Glas auf den Tisch,
nahm mit sanft zufassender Überrumpelung das Köpfchen zwischen die
Hände und preßte meine heißbebenden Lippen auf die ihren, den kleinen
wehrenden Schrei kräftig unterdrückend.
Eine ganz kurze Entrüstung; und ein flüchtiger Purpur flog über ihr
ovales Wangenrund: — »Aber mein Herr, das ist —«
»Unverschämt? Mit nichten!« fiel ich ein. »Es ist Karnevalsrecht!«
»Oho« — lachte sie. »Da könnt’ jeder kommen! Wer sind Sie? Ich kenn’
Sie nit, mein Herr! Und ich verbitt’ mir das!«
»Oho!« lachte ich dagegen. »Übrigens Du und Du! Wir tragen beide
Narrenmützen — da giebt’s kein Sie!«
Nach einem kurzen prüfenden Mustern meiner Erscheinung fuhr sie heraus:
»Sie sind ein Lieutenant!«
Es klang nicht wie eine Frage. »Zu Befehl!« antwortete ich, wichtig
aufreckend. »Woher weißt Du das?«
Sie stieß ihre Begleiterin an, beide kicherten: unendlich komisch, daß
ich glaubte, mein Zivil versteckte mich! »Das weiß man doch gleich! Ihr
seid kühner als die andern. Ihr habt was, das die andern nicht haben —«
»Das gefällt Euch eben. Auch nimmt man es uns nicht so übel, wie?«
»Ei gewiß!«
»Also keine Feindschaft?« bat ich, alle Innigkeit im Ton, den Blick
voll Begeisterung. »Darf ich Dich wiedersehn?«
Sie stutzte. »Warum nit?« meinte sie dann. »Ich versteck’ mich nit —
ich mach’ tüchtig mit.«
»Morgen abend auf dem Gürzenichball?« drängte ich, fast flehend.
»Ich mach’ alles mit, was mitzumachen ist! Ich will mich einmal tüchtig
amüsieren!« rief sie; dabei wetterte etwas wie ganz feine trotzende
Fältchen zwischen ihren dunklen stark gezeichneten Brauen. Als wenn
ihr Leben, ihre Vergangenheit wie ihre Zukunft, nicht ganz auf diese
lustige Fahne gerichtet sei.
»Also morgen — mein Fräulein?« Das »Du« kam mir nun schon trivial
vor, auch fiel es mir wie eine Furcht aufs Herz, sie etwa wieder durch
meinen burschikosen Ton zu verlieren.
»Dritter Pfeiler links um die Ecke, Herr Lieutenant!« scherzte sie
schelmisch.
»Sind Sie mir bös?«
»O durchaus nit! Aber nit wieder, gelt?« Sie hob drohend den Finger,
und vor ihrem treuherzigen Kinderausdruck verschwor ich mich zu einer
feierlich-komischen Entsagung in betreff des Lippenrechtes.
Ich hob abermals das Glas und hielt es gegen das ihre. »Also morgen
auf dem Gürzenich!« Und der Übermut trieb mich von neuem: »Du bist das
Süßeste — Lieblichste ... Du bist einfach famos!«
»Du bis’ geck!« rief sie, die Zähnchen im vollen Blinken.
»Geck laß Geck elans!« die uralte Kölner Karnevalsdevise. »Das
heißt, nicht elans« — verbesserte ich mich. »Wir wollen uns nicht
vorbeischlüpfen, sondern tüchtig amüsieren.«
»Du bis’ einer!«
»Also doch — Du?«
Wieder flog das Purpur über ihre Wangen. »Ich mein’ Deine Kapp’. Aber
nun adjes!«
»Mein Fräulein! Ah so, adjes! — und Du, nicht?«