Versunken

[Illustration]

Ein Uhr! Pünktlich zur Stelle! — Wer aber nicht da ist, sind Sie,

mein werter Professor! — zwar noch ohne Bestallung, aber der Titel

spukt überall umher hier im Atelier, selbst die Kohlköpfe da draußen

im Garten scheinen davon zu wissen: wenn er vorüberkommt, grinsen sie

ihn so respektlich an mit ihren runzlichen Altweibergesichtern — ich

glaub’ gar, sie sind imstande, ihn zu lieben, heimlich, und ein wenig

unglücklich wie ich, Rosa Hille, sein Leibmodell ...

Ach nur sein Leibmodell, wie er mich scherzhaft nennt, denn von meinem

Gesicht kann er nichts brauchen, nicht die Nasenspitze, nicht ein

Ohrläppchen; desto begeisterter thut er über meinen »klassischen« Arm,

über Nacken, Halsansatz u. s. w., was nicht die Herren Bildhauer an

meiner Gestalt für Kostbarkeiten zu schätzen wissen — mein Gesicht

aber läßt ihn gleichgiltig wie ein Kohlkopf ... »Ach was, Hille, du

bist ein dummer Kerl!« wie er zu sagen pflegt, wenn ich’s mit der

Sentimentalität kriege. »Hille« schlechtweg — er kennt wohl nicht mal

meinen Vornamen, ich bin ihm nichts als die »Besitzerin des schönsten

Armes von Berlin,« das Weib steht garnicht in Frage, ih, und wie käme

ich dazu, ein Herz zu haben wie andere Mädchen ...

Das sind solche Sonntagsnachmittagsgedanken, wenn man einsam in einem

Atelier sitzt und vergeblich auf einen Professor wartet! Er hat wohl

wieder einmal vergessen, daß er mich bestellt, und es geschah doch so

dringend: er müsse den Feiertag zu Hülfe nehmen, um mit seiner Figur

fertig zu werden. Wieder sein Raptus? Wieder der Sport? Wieder auf dem

Wasser? Wenn ein Segelwind weht, da packt es ihn, und er muß hinaus

mit seiner Nußschale! Na nur Geduld Hille — machen wir es uns bequem

inzwischen! — wo hat er doch nur seine Cigaretten?

Was Hille bequem machen nannte, hätte für andere Damen mit wirklich

benutztem weiblichen Vornamen ein ziemlich tiefes Negligee bedeutet.

Das Kattunleibchen schnell abgestreift — eine Schnürbrust legte sie

nie an, nachdem Begas, der Entdecker ihres klassischen Armes sie

beschworen, ihre herrliche Venusbüste nicht durch einen Panzer zu

verderben — nun umrahmte der kokette Spitzenrand ihres schneeigen

Hemdes, von einem dunkelroten Bändchen durchzogen, in weiter Rundung

Arm und Nacken, die berühmten Arme in ihrer ganzen Glorie freilassend.

Etwas kühl, aber das ist sie gewohnt! Ihr Teint zeigte durchaus keinen

blendenden Glanz, es war jene feine kaffeeartige, nur von Koloristen

geschätzte Nuance, ei was schert auch einen Bildhauer der Teint!

Freilich der Kopf und das Gesicht auch wieder mehr für einen Maler

tauglich — offen heraus: ein ziemlich häßlicher Charakterkopf mit

scharfen Linien, großem Mund, einem unverhältnismäßig vollen Kinn und

zu hoher Stirn, die von etwas wüstem, kastanienfarbenem Haar beschattet

wird; doch ein paar überaus treu- und warmblickende goldbraune Augen,

die das ganze Gesicht mit einem mildschönen Lichte erleuchten.

Und so, bloßarmig in Hemd und Rock, begann sie sich hier zu Hause zu

fühlen; es gab bei ihrem Kommen immer etwas zu schaffen für ihren

Ordnungssinn, denn das alte halbtaube Weiblein, das dem Künstler als

»Kalefaktor« diente, schien einen besonderen Sinn für ein beharrliches

malerisches Kunterbunt zu besitzen; an den Staub gar nicht zu rühren,

den ja auch sie auf den Büsten und Statuen ringsum respektierte, wegen

der herrlichen Schattierung, die er den Gipsflächen verleiht: so lehrt

der Professor, und was der sagt, ist richtig, selbst wenn es den Staub

betrifft.

Auf dem Bauerntisch, neben dem mit einem silbrig verblaßten und an

verschiedenen Stellen zerrissenen Perserteppich bedeckten Divan,

standen die Reste eines eilig eingenommenen Frühstücks, etwas Käse und

Schinken, sowie eine noch uneröffnete neben einer geleerten Flasche

Tivoli. Sie räumte ab, ließ nur ein Brödchen und die volle Flasche

auf dem Tisch, ihr eigenes Vesper, oder meinetwegen zum Zeitvertreib,

denn wer weiß, ob er so bald heimkommt. Der Segelwind muß günstig sein

draußen — hu, wie die dürren gelben Herbstblätter bei den Windstößen

von den Bäumen rascheln! Wenn ihm nur nichts geschieht! — er ist

waghalsig, sagen sie, und Wasser hat keine Balken ...

Ach wo! Was soll ihm geschehen? Er ist zu hohem ausersehen, er will

und muß und wird berühmt werden, weltberühmt, und bald! — Wartet nur,

wenn all die Pläne, die unter seiner gewölbten, von feinen Sorgen- und

Gedankenfältchen bedeckten Stirn gären, erst zur That geworden ... Ihm,

dem Herrlichen, geschieht nichts so Triviales wie ein Wasserunglück,

das ist für alltägliche, unreife Burschen, die des Sonntags am Sport

naschen; verliebte und verzweifelte Mädchen zieht es ins Wasser, und

wenn sie, die Hille, den nassen Sprung riskierte, so würde die Welt

nicht mit den Wimpern zucken — auch der Professor nicht? Ach es

giebt noch andere klassische Arme genug für ihn ... nur schad’ um die

unfertige Figur ... »Hille, du bist ein dummer Kerl!« Du hast ja gar

nicht im Sinn, ins Wasser zu gehen, na und basta, er ist doch gefeit

vor so gemeinem Unglück — ihn schützt sein Genie. Lassen wir den

Herbstwind blasen!

Also die Figur wird auf jeden Fall fertig. Sie wird und muß Aufsehen

machen! — Hat er sie auch gehörig angefeuchtet beim Fortgehen?

Sie that einen tiefen Zug aus der angezündeten Cigarette, ließ den

blauen Rauch nach Kennerart langsam aus den gerundet offenen Lippen

verwehen und legte sie auf den Rand des Tisches. Dann entledigte sie,

von dem kleinen Trittbrett aus, die auf dem Drehstuhl ragende Figur

ihrer feuchten, grauleinenen Schutzbehänge.

»So!« rief sie, »’tag auch!« und sie nickte der Gestalt zu wie einer

lieben alten Bekannten. Es war ein blühend schönes Weib, dem rittlings

über der Schulter ein Knäblein saß, das haschte mit begehrlichen

Händchen nach dem schönen, blendend hellen Ball, (für elektrische

Beleuchtung gedacht) den die Mutter, neckisch lachend, hoch empor mit

der Rechten aus der Reichweite seiner rundlichen Ärmchen hielt.

Das Gesicht des Weibes war einstweilen nur skizzenhaft modelliert.

»Eine andere wird ihm die Züge leihen — eine schönere — mein Gesicht

ist aber auch wirklich nicht brauchbar ...« Zwischen Hille’s starken,

etwas düsteren Augenbrauen wetterten drei Fältchen, und ihr Brustkasten

hob sich schwellend: ein Seufzer, wahrhaftig ein Schmerzensseufzer, der

in der sonntäglichen Stille doppelt verräterisch erklang.

Aber Hals, Nacken und Brust der Figur, die sind von ihr — und die

Arme! Der emporgestreckte da mit der Glaskugel ist ihm wie lebend

geraten! (»Wenn ich ein Mann wäre, ich thät’ mich d’rein verlieben!«)

Dies Handgelenk, dieser Schulteransatz, diese ganze Linie, und das

famose Grübchen am Ellbogen ...

Hille nahm die Cigarette auf, paffte eine starkwallende Wolke hervor

und betrachtete mit zwinkernden Augen durch den Qualm das Kunstwerk

ihres porträtierten Armes. Sie begeisterte sich förmlich daran, und

ihre Augen blitzten. Plötzlich hob sie die eigene nackte Rechte empor

gegen das fahlhelle Licht, das durch das breite Oberfenster vom milchig

bedeckten Himmel hereinbrach: »Na nun such’ mir einer einen solchen

Arm in ganz Berlin!« Und sie ließ die Muskeln spielen und weidete sich

an dem feinen Wechsel des Schattenhauches, der beim langsamen Hin- und

Herdrehen seine harmonischen Flächen und Linien belebte.

Und wie brav und tüchtig er ist, dieser Arm! Respekt vor ihm, er

ernährt eine ganze Familie! Mehr, viel mehr, als vier schwielige

Arbeiterfäuste zu leisten vermögen. Was wäre aus ihrem armen, kranken,

von Not und Sorge verhärmten Mütterlein geworden ohne den Arm? Wer

fütterte die vier kleinen Geschwister? Wer ließe den Bruder was

Tüchtiges lernen?

Sie schlug mit der flachen Linken auf das Fleisch des Armes, daß es

einen klatschenden Schall gab, es klang wie ein Bravo! — weil er seine

Sache so gut macht.

Schließlich ist’s ein Besitz, dem die Zeit so bald nichts anhaben wird.

Wie lange blüht so ein Frätzchen? Denn Männer sind brutal, Künstler

erst recht, über ein paar Falten stolpert ihre Liebe. Ach, sie meint ja

gar nicht mal die Liebe, die dumme, verrückte Liebe, mit der will sie

ja garnichts zu schaffen haben ...

Aber er kann definitiv langweilig werden, dieser angebrochene

Sonntagnachmittag! Müßig hier zu hocken und zu harren! Unsereins will

auch einen Happen vom Sonntag genießen, man ist sich’s schuldig, will

sagen: seinem Körper, damit der jung und frisch bleibt — ich selbst,

ich verlange nichts auf der Welt für mich ...

Hätte mich wohl mitnehmen können nach Wannsee! Hat mir es immer schon

versprochen! Aber kann keinen Staat mit mir machen, das ist’s, er

schämt sich meiner — ich weiß nicht, ob ein schönes Frätzchen nicht

doch was Begehrenswertes? ... ich möcht’ wohl schön sein für den

Sonntagnachmittag, zum Ausgehen und Ausfahren mit ihm! — Ach mit ihm

Wasser zu gondeln! Jung und schön, und nur einen einzigen vollen Becher

vom schäumenden Leben genießen! Werktags will ich gern zufrieden sein,

so wie es ist ...

Ja, es wurde immer stiller, immer »trister« hier im Atelier, je

weiter der Nachmittag vorrückte. Jetzt wimmelt der Tiergarten bunt von

fröhlichen Menschen, und den armen Schwestern wäre wohl ein Gang ins

Grüne zu gönnen gewesen. — Wie spät mag es sein? Man sitzt wie in

einem Gefängnis, weißgraue Wände, feuchter Gips- und Lehmgeruch, und

wie gelangweilt einen die Figuren anstarren! — kein Ton von außen, nur

von Zeit zu Zeit die heftigen Windstöße, die das Laub herabjagen, nur

hie und da ein fernes dumpfes Rollen, es ist die Stadtbahn — nicht mal

das trauliche Getick einer Uhr, das einem Gesellschaft leistet.

Dumme Gedanken! — ich bin nicht gerne allein, da kriegt man solche!

— Ob ich durchbrenne? Wenn er aber doch noch käme? — ach was, ich

leg’ mich schlafen, es giebt nichts Gescheiteres als schlafen. Wenn man

Glück hat, fällt einem im Traum was Süßes vom Himmel — ich bin auch

schon mit geträumten Süßigkeiten zufrieden ...

Sie hatte ihren Oberkörper in einen bunten römischen Seidenshawl

gehüllt und sich auf dem Divan ausgestreckt, nachdem sie ein Glas

schäumenden Tivoli’s gierig durstend herabgeschlürft. Die Hände unter

dem Kopf gefaltet, dessen dicke Haarknoten sie, des bequemeren Liegens

wegen, gelöst, lag sie nun mit wachträumenden Augen.

Schaut mich nicht so an, ihr Gipsköpfe ringsum! Zu verspotten giebt’s

nichts! Unerlaubtes ist es nicht, woran ich denke — ich träume von

ihm, eurem Schöpfer und Meister ...

Ach von ihm! — wie mit Klammern haften oft die Gedanken an ihm und

können nicht wieder los! Ich quäl’ mich selbst damit, aber ich kann

nicht anders! Ich mal’ mir aus, wie es ist, wenn er endlich berühmt

geworden, von aller Welt gefeiert, mit Glücksgütern überhäuft, und von

allen Ehren umgeben. Das wird und muß eintreffen, alle seine Freunde

schwören darauf, und ich weiß es so sicher wie das Vaterunser: bald,

gar bald werden sie ihn mit dem Lorbeer krönen, große, weitglänzende

Denkmale werden die Glorie seines Namens in aller Welt verbreiten, der

Kaiser selbst wird ihn mit seiner besonderen Huld beglücken — und die

Weiber, schöne, begehrenswerte, werden ihn anbeten ...

Puh, der Wind meint es gut! Die Baumäste knarren und ächzen, rings ist

ein gewaltiges Rauschen von dürren Blättern. Und er draußen auf dem

Wasser mit seiner Nußschale! ... Der Tod ist demokratisch gesinnt, der

verschont keinen Rang und Namen — wenn er seine Laune hat, so übt er

sich im Knicken von Hoffnungsblüten und läßt die alten, welken Halme

stehn ...

Ueber der schwarzgrauen, unheimlich weiten Wasserfläche wütet der

Sturm, tückische, weißbekämmte Wogengipfel aufwühlend; einzelne

Schifflein sind noch draußen, von dem Unwetter verschlagen,

verzweifelt arbeiten sie sich landwärts, ihre Segel sehen aus, als

flatterten große weißgefiederte Vögel ängstlich in der Irre. Holla,

sein Boot, seine Nußschale! — die Freunde nennen es scherzend einen

»Seelenverkäufer,« wie es im grausigen Uebermut lustig auf und nieder

tanzt! — wie die kleine Flagge am Top nach rechts und links den

Wogenschaum begrüßt! Ihm ist wohl da draußen unter den ängstlich

flatternden ... Wo ist es doch jetzt? Dort hinten ... nein es hat ja

gelbliches Segelwerk — und die Flagge nicht mehr sichtbar! — Himmel,

das Segel liegt platt und schwer auf dem Wasser — — jetzt ist es

verschwunden — etwas dunkles, langes, schwarzes wogt, unheimlich wie

ein Sarg, über der vom fahlen Abendschein beleuchteten Fläche — unweit

von dem Sarg ein — zwei — drei kleine schwarze Punkte — die bewegen

sich — es ist wie ein Krabbeln — Menschen in Not! — — Hilfe! Hilfe,

rettet ihn! O er kann ja schwimmen! ... jetzt recken sich von dem einen

der schwarzen Punkte zwei Arme himmelwärts — plötzlich ist der Punkt

mit den Armen verschwunden — hinab in die Tiefe ...

Die Hille schreckte jäh empor, und ihre Rechte tastete über die Stirn,

die perlte voll kalter Schweißtropfen. Dann schlug sie eine laute

nervöse Lache an: wie kann man nur so Tolles träumen! Fort mit den

Fledermäusen! Unsinn — an ihn wagt das Schicksal nicht jäh zu rühren!

Er ist eine Ausnahme! — schon ein Verbrechen, nur solches zu träumen!

Ihre krampfhaft wachen Augen irrten in dem Raume umher. Es herrschte

ein unheimlich fahles Dämmerlicht, die gipsenen Gesichter und Masken

hatten einen so gespenstischen verzerrten Ausdruck; das schöne blühende

Weib mit dem Knaben reckte sich stumpf und leblos wie eine plumpe,

schwere Masse empor; ein scharfer, modriger Erdgeruch hauchte von dem

feuchten Ton aus.

Hille schloß die Augen, ihr Herz pochte hörbar in der Stille. Jetzt

zwang sie ihre Lippen zu einem Lächeln, und gewaltsam zerrte sie sich

heitere Bilder herbei.

Sie sah den dürftig engen Atelierraum zu einer hohen Halle geweitet,

in der gewaltige Denkmäler und kühne Gruppen der Vollendung harren.

Hier gebietet er, der Meister in elegantem samtenen Atelierkostüm, über

eine Schar eifriger und talentvoller Schüler und Genossen. Nebenan,

in einem besondern Raum, wird nach einem lebenden Pferd modelliert,

das zwei Stallknechte in glänzender Livree halten; es ist des Kaisers

Leibroß, ein prachtvoller Trakehner, dessen temperamentvolles Gescharr

und Gestampf sich mit dem harten Klang des Meißels mischt, denn im

benachbarten Schuppen ist ein ganzer Stamm italienischer Marmorarbeiter

mit dem Ausführen der fertigen Modelle beschäftigt. Auch ist ein

Allerheiligstes da, ein kokett und luxuriös ausgestatteter Raum, in

dem das »Leibmodell« seinen Thron hat, denn mit dem Künstler wächst

auch die Kostbarkeit seines Modells. Hat das ihn nicht berühmt machen

helfen? Hille’s Arm, der wird unberechenbar an Wert steigen ...

Draußen aber, mit der Sicht auf das Schattendunkel des Tiergartens,

prangt des Meisters Villa, von einem ersten Architektenpaar erbaut, ein

Schmuckkasten, fürstlich ausgestattet, voll entzückend stimmungsvoller

Gelasse und Winkel. Hier hallt beim Klang der Gläser, an den Abenden,

nach der Tagesarbeit, fröhliches Lachen und Geplauder, denn der Meister

hatte immer schon einen Hang zu gemütvoller Gastlichkeit. Dazu liebt

er Musik, erste Künstler sind seine Freunde, so gilt die Villa als das

Stelldichein edler, harmonischer Gesellschaft.

Spät in der Nacht aber, nachdem die Gäste verflogen, sehen die

Nixen und Elfen des Waldparks die Gestalt des Meisters auf den von

Blumen üppig umrankten Balkon heraustreten, dicht an seine Seite

geschmiegt ein schönes, liebliches Weib. Er hat seinen Arm mit inniger

Zärtlichkeit um ihren Leib geschlungen, und ihr Kopf lehnt, des Glückes

schwer, auf seiner Schulter. So halten sie dort, von dem Blumengerank

umrahmt, vom matten Dämmerschein des goldenen Halbmondes umflimmert.

Hille, Hille, du bist wahrhaftig ein guter Kerl, daß du solche Träume

uneigennützig zu hätscheln wagst! Nur ein kurzes Aufatmen, das dein

armes Herz von solch fremdem Glückesalp befreien will .....

Noch ist der Traum nicht zu Ende. Weiter erlauschen die Nixen

und Elfen, wie das holde Paar nun in das noch erleuchtete

Innere zurücktritt, wie es langsam, langsam den prunkenden Saal

durchschreitet, und hinter diesem, in einem rosa erleuchteten

Kabinett vor einem spitzenumhauchten Etwas stehen bleibt, das einem

Kinderbettchen ähnlich sieht. Wie nun ihre beiden Köpfe sich gemeinsam

herabbeugen, sehr behutsam, und wie dann eins nach dem andern, einen

leisen Kuß haucht auf die zarte Stirn eines kleinen, von schwarzem

Flaum bedeckten Köpfchens ...

Genug, genug! Hille schrak von einem prallenden Schlag empor, der gegen

das Fenster geschah: wohl ein Zweig, den der Wind dagegen geschleudert.

Schlaftrunken öffnete sie die Augen — wo ist sie doch? Ist es die

Morgendämmerung? Ach so, sein Atelier! — es ist Abend, sie muß sehr

lange geschlafen haben.

Fröstelnd und gähnend richtete sie sich empor. Dann zog sie sich eilig

an. Eine seltsame Unruhe schien sie zu zerren. Es war unheimlich hier

in der Stille. Wie bleiche Gespenster schimmerten die Gipsgestalten

in dem grauen Halbdunkel — Arme schienen sich zu bewegen, Gesichter

grinsten — schwer wie ein Pfühl lastete die feuchte Luft auf ihrem

Atem. Und was war das für ein Spuk, daß sie das schaurige Traumbild

nicht loswerden konnte aus den Augen: immer und immer sah sie auf der

fahlbeschienenen Wasserweite den großen schwarzen Sarg daherwogen, und

die drei hilflos krabbelnden Punkte ...

Schnell verrichtete sie noch das Nötige, stellte die Ordnung wieder

her, bespritzte die Thonfigur mit Wasser und umhüllte sie sorgfältig

mit den Tüchern. Dann fort — die seltsame Unruhe zog sie hinweg wie

mit unsichtbaren Armen. Sie schloß die Atelierthür ab und versteckte

den Schlüssel an dem bestimmten Platz unter einem losen Ziegel

seitwärts der Thürzarge. Dann eilte sie durch den verwahrlosten Garten,

in dem das Atelier, ein ehemaliger Pavillon, stand. Das Laub raschelte

unter ihren hastigen Tritten, in der Luft ging ein rätselhaftes feines

Gewinsel, anschwellend zu einem deutlichen Gestöhn, und dann wieder

fast unhörbar verhauchend. Sie horchte wie gebannt — ach es ist ja nur

der Wind! ... wenn sie nur wüßte, ob er an Land ist und in Sicherheit

... gewiß sitzt er längst warm und behaglich, unter fröhlichem

Geplauder in einem Gasthaus!

Immer wieder der schwarze Sarg! — der schwimmt jetzt allein — die

Punkte sind fort! — horch, rief da nicht jemand um Hülfe?

Da braust unweit ein Stadtbahnzug daher, sie war froh, daß das rollende

Getös endlich die gespenstischen Töne verschlang. Und da draußen auf

der Chaussee, die von heimkehrenden Menschen und Wagen wimmelte,

verschwand auch endlich das Sarggesicht.

Sie fügte sich in den Menschenstrom ein, aber das schlenderte so

langsam, in müder Behaglichkeit — ja hat sie denn solche Eile?

Allerlei Rufe und Bemerkungen drangen an ihr Ohr, einige mit dem

Lallen angehender Trunkenheit, wie man sich da und dort amüsierte, wie

man die häßlichen Alltagssorgen da draußen in der freien Gottesnatur

habe verwehen lassen, wie Bier und Kaffee geschmeckt und wie wohl das

Schlendern durch den Wald gethan.

»Die auf dem Wasser draußen hatten ihre Not« — sagte einer. »Der Wind

meinte es gut. Wer versäuft, hat selber schuld, warum gondelt er hinaus

bei dem Wind —«

»Versäuft ... Ist denn einer ertrunken?«

Sie hatte sich erschrocken herumgewandt und richtete die Frage an den

Sprecher. Der grinste sie lustig an: »Wohl Ihrer, Fräuleinken? Na keene

Bange nich, ertrinken dhut heute mancher — ins Bier, Fräuleinken, der

Wind macht höllisch durstig!«

An der Straßenecke erwartete sie einen Pferdebahnwagen, der, schwer

mit Menschen überladen, heranrasselte. Sie erkämpfte sich unter

den Herzudrängenden einen Platz auf dem Hinterperron und stand dort

eingekeilt.

Zwei Herren links und rechts von ihr unterhielten sich an ihrem Gesicht

vorbei.

»Am Kälberwerder — freilich eine verdammte Stelle bei dem Wind. Wann

passierte es denn?«

»Um fünf! Ich habe jemand gesprochen, der es mit angesehn. Drei

sprangen ins Wasser, einer hielt sich und ist gerettet, die andern sind

weg!«

»Scheußlich!« fuhr eine dritte Stimme dazwischen.

Die Hille durchschauerte es eiskalt. Eine Frage erstarrte auf ihren

Lippen, bebend blieben diese geöffnet, und so, regungslos eingekeilt,

mußte sie weiter das Entsetzliche anhören.

»Es solle eine alte Zille gewesen sein, ein Verbrechen, damit hinaus zu

machen bei solchem Wind!«

»Weiß man, wer es war?«

»Drei junge Leute aus Potsdam.«

»I wo, drei Berliner Künstler« — ließ sich eine fette

Allesbesserwissen-Stimme zwischen der Wagenthür vernehmen. »Ein

Bildhauer und ein Maler sind ertrunken —«

»Fräulein, was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?«

An den Arm des einen Herrn faßte, wie Halt suchend, die mit einem

Baumwollhandschuh bekleidete Hand des Mädchens. Und ihr Antlitz bog

hintüber wie gebrochen, totenblaß. Gleich richtete es sich wieder

empor, krampfhaft, und die Augen weiteten sich stier.

»Ein Bildhauer — sagen Sie« — stammelte es tonlos über die blutleeren

Lippen.

Aus dem Hintergrunde des Wagens tönte ein Name. Durch das rasselnde

Getös schlug er deutlich an ihr Ohr — Sein Name ...

»Scheußlich! Entsetzlich!« stieß jemand aus.

»Eine Gemeinheit des Schicksals!«

»Heda, Schaffner, einen Platz für die Dame! Sie wird ohnmächtig!

Vielleicht ist einer der Herren da drinnen so freundlich aufzustehen!«

Aber die Hille reckte sich noch einmal empor. »Ich danke!« sagte sie,

und durch ihren Körper ging es wie ein energisches Zusammenraffen. Kein

Schauspiel für diese da! Was geht die der Dolchstich an, den der Name

soeben mitten in ihr Herz versetzt ...

Heiliger Gott im Himmel! Es ist wohl nicht glaublich! Es ist undenkbar!

Er sollte ertrunken sein ..

Es ist gut, so eingekeilt zu sein, da merkt niemand ihr Wanken und

Schwanken — so muß es sein, wenn man in die nasse Tiefe sinkt: die

Augen noch einmal stierweit aufgerissen, und ein letzter großer,

vorwurfsvoller Sehnsuchtsblick rundum auf die herrliche Welt, die so

voll goldschimmernder Schmetterlingshoffnungen wimmelt ...

Aus Mitleid · 第 26 / 56 题