Was denn der Kujon machte, fragte Frau Res’, »is er staats brav?«

»Er trinkt Wei’!« sagte der Lehrjunge, von einem Ohr zum andern

grinsend.

»Kiedricher Ausles’!« lachte sie schelmisch, und wir lachten mit.

Ob er sich denn nach seiner Mutter sehnt?

»Na ... a ... a« grinste jener.

Da stach sie wahrhaftig eine kleine Eifersucht; sie hatte uns erzählt,

wie lieb der junge Mann gegen ihren Bub’ sei und wie zuthunlich der

gegen solchen Ersatz eines Kindermädchens. In der Schmiede nicht zu

brauchen, aber als Kindermädchen ausgezeichnet! Er hätte wohl »ja«

sagen können statt seines etwas unverschämten »Na«.

»Du langer Lala!« fuhr sie heraus. »Labbes! Was, er hat kei’ Heimweh?

Sofort machste, daß de ’naus kömmst.«

Gleich lenkte sie ein: »Kömmste her, stoß mit dem gnädigen Herrn und

der gnädigen Frau an!«

Und wir vier tranken auf das Wohl unserer Knaben, »der beide Spitzbub’«.

Nachher ließ ihr die Muttersorge doch keine Ruhe, und sie hatte im Flur

noch eine Konferenz mit dem »langen Lala,« den Kujon betreffend.

Von da ab bekam sie nur spärliche Nachricht von Haus; sie wußte, ihr

Liebling war gut aufgehoben. Zuweilen sandte »er« ein Schreiben;

das Couvert linkisch schön vom Lehrjungen geschrieben (auch darin

ist er geschickt, nur nicht in der Schmiede!) Aber das Schriftstück

selbst, das »er« angefertigt! — sie schämte sich, es uns sehen zu

lassen, allein schon wegen der schwarzen Fingerspuren, die es wie ein

Blumenmuster bedeckten. Welche Mühe mußte seinen ungelenken Händen das

Strecken und Schmieden und Aushämmern dieser widerspenstigen Zeilen

gemacht haben!

Das Schreiben enthielt nicht viel, ein paar Mitteilungen über die

laufende Arbeit. Zum Schluß, daß es dem Bub’ staats geht und er fleißig

Wein trinkt. Dennoch studierte sie oft und lange an diesen Berichten.

Meine Frau hatte sie einmal spät am Abend überrascht, wie sie, im Bette

liegend, beim müden Dämmerschein der Nachtlampe eins der Papiere in den

Händen hielt und darin aufmerksam las. Das brave, prächtige Weib! Sie

wollte uns nicht merken lassen, welches Opfer sie uns brächte, und wie

sehnsüchtig ihre Gedanken nach der Heimat flogen.

Plötzlich stellte »er« sich selber ein, nachdem vierzehn Tage jedes

Schreiben ausgeblieben war. Ein mächtiger, massiver Mann, selber wie

aus Eisen getrieben, sogar das Gesicht: schwarze Haare, schwarze

Gestrüppe von Brauen, ein schwarzer Kranzbart unter dem Kinn, das

übrige bis in die Augen hinein schwärzlich glänzend rasiert — nur die

Augen und die Lippen, wenn er sie öffnete, sahen wie aus weicherem

Stoff gefertigt aus.

Die Begrüßung mit seinem Weib war die denkbar einfachste. Ein kurzes

Auffahren der Überraschung von ihrer Seite, dann schritt sie auf ihn

zu und reichte ihm die Hand, ohne daß sich in dem Eisenwerk seines

Antlitzes etwas regte. Er war kein Freund vom Reden. Wie es ginge? was

der Bub’ machte? — Doch nur ein bejahendes Nicken zur Antwort.

Einen Augenblick war es, als käme ihr die Nuance dieses Nickens nicht

ganz geheuer vor: — warum war er doch gekommen? »Geschäfte,« meinte

er mit einem Achselzucken, und er wandte sich ab. Dann schien es, als

wollte er sie beiseite haben, um ihr etwas zu sagen. Da meldete sich

gerade unser Junge. »Komm, du mußt den Bub’ begucke!« rief sie und zog

ihn in die Kinderstube.

Alle waren wir begierig, sein Urteil einzuholen. Er stand vor dem

Bettchen, den Kranzbart mit der schwieligen Hand nach vorwärts

streichelnd, und betrachtete den Kleinen mit einer Wichtigkeit, als

wäre es irgend ein schwieriges Stück Schmiedearbeit, über dessen

Ausführung er sich noch den Kopf zerbräche.

»Gelle,« sagte sie, »was mer’n rausgefuttert! Noch eine sechs

Wöchelche’, dann kenne’ mer ihm Wei’ gebe’. Ißt er denn gut?« (Das galt

wohl wieder ihrem zu Haus?)

Der Mann nickte. Auch das kam etwas matt heraus. Was ist ihm nur? »Ich

wär’ längst komme’,« fuhr sie fort, »um zu gucke’, aber es dhät mer ze

leid, nochmals fort ze mache’. Noch eine sechs Wöchelche ...«

Es war gut, daß der Kleine gerade das Fäustchen aus dem Munde zog und

eine Probe seiner erstarkten Lunge zum besten gab, mit den nackten

Armen und Beinen dazu den Takt schlagend — es war gut, daß sie, wie

sie sich sofort daran machte, ihn zu beruhigen, den seltsam schweren

Seufzer nicht vernahm, mit dem ihr Mann sich abwandte.

Ich nahm ihn in einer Ecke vor: ob denn zu Haus irgend etwas nicht in

Ordnung wäre?

Da ward das Eisen ordentlich lebendig. — »Naa—naa—naa!« wehrte er.

»Staats, alles staats!« Aber das Lächeln dazu war so eigenartig zäh,

und es erkaltete sofort zu der üblichen Starrheit.

Mein Verdacht war dennoch nicht unbegründet gewesen. Eine Weile darauf

kam die Res’ von einem Ausgang heim, aufgeregt, mit stürzenden Thränen.

Ihr Bub’ — ihr armer kleiner Schelm! — Was denn? — Nun, sie hatte

den Lehrjungen auf der Straße getroffen; es war ihm vom Manne verboten

worden, zu ihr zu gehen, damit er nicht plauderte. Also der Bub’ war

so krank gewesen. Sie hatten den Doktor, und sie meinten, sie meinten

— dabei wären dem Jungen die hellen Thränen über die Wangen gelaufen:

er hat den Bub’ so arg gern! — Der Meister wär’ doch in der Stadt

gewesen, um sie zu holen und .... und ....

Ich vollendete für sie: und als er unseren Kleinen sah, wie sehr der

gedieh, aber wie viel ihm doch noch mangelte, und daß er die Res’ nicht

entbehren könnte, die ersten sechs Wöchelchen ganz sicher nicht, da hat

er nichts gesagt und ist unverrichteter Dinge nach Haus zurückgekehrt.

Der liebe Gott wird nicht so grausam sein!

»Sofort, Res’, werden Sie sich aufmachen und nach Haus fahren!«

»Naa — o naa!« — sie erschrak so. »Und der Bub’ da! Des wär’ mer ei’

schöne Geschicht’! Meiner is ja widder besser. Ich will hin mache’ und

gucke’, abends bin ich wieder hinne.« —

Gut also, wir setzten sie auf die Bahn, und sie fuhr nach Haus. Am

Abend war sie wieder zurück: — Gottlob, ihr Bub’ erholte sich wieder!

Aber »er« hat den Lehrjungen fast kaput gehauen.

»Warum denn?«

»Weil er gebabbelt. Ich sollt’ nix wisse’. Weil ich doch nit fort

könnt’, und die Angst, die ich mir mache’ dhät, könnt unserm Bub’ hier

schade’.«

Zum Teufel die Pessimisten! Was giebt es doch für brave, für tapfere,

herrliche Menschen!

Wir verlangten, daß sie wenigstens ihren Kleinen sofort herholte, damit

wir ihn gemeinsam mit dem unsern in Pflege nähmen.

»O — naa! — des darf ich »ihm« net andhue’! Aber .... aber wenn ich

mit dem da hinmache’ dhät’?«

Sie stutzte, als wenn sie sich doch zu viel des Wunsches herausgenommen

und ihr Herz gar zu sehr bloßgelegt hätte.

»Gewiß, gewiß!« Sofort fielen wir freudig ein. »Topp! Gleich morgen

soll diese ausgezeichnete Idee ausgeführt werden!«

»Die Luft da auße’ — die schöne Luft!«

Es war, als wollte sie uns mit dem Leckerbissen dieser Luft, den sie

uns nun vorhielt, den Abschied versüßen.

Am andern Tage hielt unser Kleiner seinen Einzug in Frau Rese’s Heim.

Wir selber waren nicht zugegen, wir sollten später kommen und uns

die Bäckelchen ansehen, die ihm die Luft da draußen anmalen würde.

Insgeheim fürchtete sie wohl, daß ihre Häuslichkeit während ihrer

Abwesenheit nicht gerade an Blankheit zugenommen. —

An einem wunderschönen Sommertag also fuhren wir hin. Stromauf,

stromab glänzte und gleißte der Rheinspiegel im Sonnenschein, das

weite Thal mit gewaltiger Helle erfüllend. Von den jungen Blättern der

Rebengelände ging ein fröhliches Glitzern aus, und so geheimnisvoll

summte und surrte es zwischen den parademäßig zu Kolonnen gereihten

Weinstöcken, als spürte man die brütende Arbeit der Sonne. Fern in

einer Mulde, am Fuße des bläulich-grün dämmernden Taunus, lag das Dorf.

Und von dort gellte das helle »Ping! Ping!« eines Schmiedehammers

herüber. Das war »er« — nachher würde er uns kein so wortreiches

Willkomm zu bieten haben, da ließ er vorerst seinen Hammer reden und

schickte uns das fröhliche Ping-ping seines Grußes weithin über Felder

und Weinberge entgegen.

Bald hielten wir vor dem Häuschen, das so schmuck und niedlich gegen

das rußige, wütend fauchende Ungeheuer der Schmiede daneben abstach.

Die Thür beschattete ein Rebendach, und wer saß unter demselben, in

dem von huschenden Sonnenflecken besprenkelten Schatten? — der »lange

Lala« in seinem Amt als Kindermädchen! Saß da auf der Stufe, mit den

aufgestemmten Beinen zwei Bänke bildend, auf denen unsere beiden saßen.

Unter den ungeheuren schwarzen Tatzen seiner Hände verschwanden fast

die beiden Kleinigkeiten; zwischen ihren Köpfchen hindurch bot er uns

das breiteste Grinsen seines Mundes zum Willkomm. Da erschien auch die

Res’ in der Thür, die rotbraunen Arme noch an der Schürze abtrocknend,

üppiger und prächtiger denn je. »Ei du mein!« rief sie uns entgegen.

Gleich aber erhielt der Lala einen Klaps: »Hättst dir a de Händ butz’n

kenne’!«

»Schad’t nichts! Schad’t nichts!« riefen wir aussteigend. Das

Wiedersehen, oh das Wiedersehen! — Triumphierend stand die Res’ und

weidete sich an unseren staunenden Mienen, wie wir die Bäckelchen, um

derentwillen wir doch gekommen, inspizierten. »Gelle? gelle, die Luft!«

Da erschien auch »er«, und das schwärzliche Eisen seines Antlitzes

bequemte sich wahrhaftig zu einer Art freundlichen Lächelns. Beim Imbiß

darauf sollten wir auch die berühmte »Kiedricher Auslese« kennen

lernen. Mein Frauchen hatte Mühe, sich nichts merken zu lassen, wie

herb ihr der Wein mundete. Aber ein wahres Entsetzen erfaßte sie, als

Frau Res’ sich nun daran machte den beiden »Spitzbuben« das Glas an die

Lippen zu setzen — »Um Gottes willen!«

Aber unser Bub’ hielt den Rand des Glases mit den patscheligen Händen

hartnäckig fest, als wenn er es nicht mehr lassen wollte. Und wie er an

dem Wein sog! mit welchem Behagen seine frischroten Lippen schmeckten

und schleckten.

»Rheingauer Medizin!« warf »er« nickend hin.

»Gelle, was er staats trinke’ kann!« lachte Frau Res’, »mei’ Kujon

kommt fast net mit! G’sundheit!«

Und mit Augen, strahlend vor Freude trank sie den beiden winzigen

Zechern zu. Mein Frauchen aber befiel ein wilder Mut: »Ja wenn er

trinkt, da muß ich auch ....« sagte sie lachend, setzte das Glas an den

Mund und schlürfte den goldgelben Inhalt hinab.

Aus Mitleid · 第 25 / 56 题