[Illustration]
Ich schäme mich nicht, es zu gestehen: ich habe mir mein Glück aus der
Spielhölle von Monte Carlo geholt!
Ich hatte selten auf Nummern gewonnen; diesmal war das Goldstück von
dem geringeren Risiko einer einfachen Farbe auf das gefährlichere Feld
der Nummern gerollt und dort liegen geblieben. Meinetwegen mochte auch
das von dem unersättlichen Abgrund verschlungen werden!
Es war die Zweiundzwanzig. Gleich darauf wurde noch ein anderes
Goldstück langsam, mit einer gewissen zaghaften Vorsicht, von einer
kleinen, schwarzpolierten Harke auf dieselbe Nummer geschoben. Und da
ertönte auch schon das heisere: »=Rien ne va plus!=« des Croupiers.
Siehe da, die Zweiundzwanzig schlug ein! Ich wußte, ich hatte das dem
besseren Glücke jenes andern unbekannten Spielers zu verdanken. Zwei
Häuflein blinkender Louis wurden von der Bank aus auf die Glücksnummer
geschoben, und die Hände der beiden Gewinner langten danach. Meine
Hand, die mit sicherem Griff der ausgestreckten Finger das eine
Häuflein faßte, und eine andere Hand — nein, nur die erstaunliche
Winzigkeit eines Händchens, das zierlichste, eleganteste und weißeste,
das man sehen konnte.
Es ist eine Thatsache, daß die Schwüle und leidenschaftliche Atmosphäre
des Spielsaals die Sinne zu solch scharfer und schneller Thätigkeit
reizt. So mochten diese wenigen Sekunden genügen, mir die Form und
Bildung dieses Händchens einzuprägen: die schlank gemodelten Finger
mit den länglichen, gewölbten Rosanägeln, die allerliebsten Grübchen
auf den Knöcheln, das feine blaue Geäder, das durch die alabasterweiße
Haut schimmerte, das zarte Handgelenk, das eine Schlange von englischem
Sterlingsilber umfing.
Das Händchen bebte ein wenig, und beim Hinfassen stieß es ein paar
Goldstücke von dem Häuflein herab. Das eine derselben rollte nach
mir hin. Ich griff es noch im Rollen und schob es wieder vor. Beim
Aufsehen traf mich das kurze, fast unmerkliche Neigen eines dunklen
Mädchenkopfes und der dankbare Blick aus zwei großen, überaus
glänzenden Augen.
Sofort setzte ich noch einmal auf die Zweiundzwanzig, gemäß einer
Tradition, daß der Kobold des Zufalls solche Wiederholungen begünstigt.
Gleichzeitig schob auch das Händchen von drüben zwei Louis auf dieselbe
Nummer vor. Und wieder trafen sich unsere Blicke. War es nicht, als
glitte der Hauch eines eigenartig wehmütigen Lächelns um die vollen,
aber festgeschlossenen Lippen der Spielerin? Gleich darauf senkte
sich das liebliche Köpfchen, auf dessen üppigem Braunhaar ein kleiner
kleidsamer Herrenfilz nicht ohne einen Anflug von Koketterie saß. Die
Dame hatte von einem der Polsterstühle Besitz genommen, und vor ihr
auf dem grünen Tisch war jene Art von Bureau eingerichtet, mit dem die
professionierten Gewohnheitsspieler das Glück zu korrigieren trachten.
Ein Büchelchen lag aufgeschlagen, dessen vorgedruckte Kolumnen mit
blauen und roten Bleistiftzeichen angefüllt waren. Seitwärts befand
sich ein kleiner Stoß von Kärtchen, bei denen die Bleistiftzeichen
durch Stecknadelstiche markiert waren; zwei große Stecknadeln mit
Silberköpfen staken im Buch, lauter »Handwerkszeug«, wie man es in
jedem Zeitungskiosk von Monaco zu kaufen bekommt. Davor schimmerten
mehrere Häuflein von Gold- und Silberstücken, und das Ganze war durch
jene zierliche, schwarz polierte Goldharke gleichsam gegen den übrigen
Tisch abgegrenzt.
Und siehe, abermals schlug die Zweiundzwanzig ein. Ich muß sagen, daß
nach allem, was mir hier in Monaco geschehen, es mir nicht gelang,
den Ausdruck meiner Freude über solchen Glücksfall zu verbergen. Und
auch über ihr Gesichtchen leuchtete es; es war eine naive Freude,
die fast an das Lottospiel der Kinderstube erinnerte und nichts von
jener heißen Geldgier hatte, die man sonst an Spielbanken zu treffen
pflegt. Diese Kindlichkeit stand in seltsamem Widerspruch mit dem
Büchlein und der Harke und den Stecknadeln. Wieder trafen sich unsere
Blicke. Es schien ihr schwer, ein deutlich grüßendes Nicken nach mir
hin zu unterdrücken. Sie lächelte mir zu, wobei die weißesten Zähnchen
zwischen den frischen Lippen sichtbar wurden. Und gleich fuhr eine Röte
über ihr Gesicht — war es die Wirkung des Glücks oder die Folge jenes
Lächelns, mit dem sie einen Wildfremden begünstigt?
Da wurden auch schon die Goldhaufen von der Bank herangeschoben. Unsere
Hände — o, ich greife vor, indem ich dieses »unser« niederschreibe,
und für diese Situation klingt das bedeutungsvoll umfassende Fürwort
fast wie eine Entweihung — wollten eben die Gewinne in Empfang nehmen,
da fuhr von meiner Seite, nicht weit von mir, eine dritte Hand über den
Tisch nach der Zweiundzwanzig hin. Eine sehnige, häßliche Männerhand,
die aus einer großen abgetragenen Manschette hervorragte. Und mit
gieriger Hast bemächtigte sie sich des einen der drei Goldhaufen. Das
Händchen zuckte erschrocken zurück.
»Halt, mein Herr!« sagte ich mit einer wehrenden Geste nach der
Räuberhand hin; »der Gewinn gehört der Dame! Wohl ein Irrtum — Sie
verzeihen!«
Die Karrikatur eines Dandygesichts mit glatt geschniegeltem Haar, spitz
ausgewichstem Schnurrbart und verwitterten Zügen grinste mich mit einem
frechen Lächeln an.
»O mein Herr,« schnarrte er in gebrochenem Französisch, — »Sie werden
doch nicht behaupten wollen, daß ich mir fremde Gewinne aneigne?«
Und die sehnige Hand hatte mit einem sprungartigen Griff, der an ein
Raubtier erinnerte, das Geld erfaßt. Aus den grünlichen Augen traf
mich ein unheimlich stechender Blitz. Kein Zweifel, es war einer jener
professionellen Bankräuber, die aus ihrem Hinterhalt sich auf den
Gewinn eines Neulings stürzen, um ihn mit kecker Unverschämtheit an
sich zu reißen. Die Bank kann sich dieser Hyänen, die den Abfall des
Glückes erschleichen, nur schwer erwehren; bleibt doch bei der großen
Zahl der Einsätze stets ein Irrtum möglich. Bei kleineren Sätzen zahlt
sie, um Skandal zu vermeiden, doppelt aus, dem Räuber wie dem Beraubten.
»Herr Croupier,« wandte ich mich ganz empört an den nächsten Beamten,
»ich habe deutlich gesehn, daß die Dame zwei Louis gesetzt. Ich setzte
den dritten.«
Der Beamte zog phlegmatisch eine große goldene Dose aus der
Seitentasche seines Rockes, und während er die Prise langsam an die
rundliche Nase führte, sagte er im ruhigsten Ton, nach dem Räuber
gewandt:
»Sie haben sich geirrt, mein Herr, der Gewinn gehört nicht Ihnen.«
»Ich irre mich nie!« rief jener und ließ dabei das Geld mit einem
deutlichen Klingeln in die eine Tasche seines Jacketts gleiten. »Nie,
verstehen Sie ... es sind andere, die sich irren!«
Und mit einer höhnischen Herausforderung wechselten seine Blicke
zwischen mir und dem Beamten. Dieser zuckte die breiten Schultern
und steckte seine Dose ein. Ein Kollege neben ihm that noch einige
inquirierende Fragen an mich und den Räuber, doch ohne Resultat. Ich
wollte mich aber nicht beruhigen, mich an eine andere Instanz wenden
und die Herausgabe des Geldes erzwingen — da traf mich von drüben ein
flehender Blick aus den großen dunklen Augen, und eine bittende Geste
der beiden einander zugekehrten Händchen veranlaßte mich, von weiterem
abzustehen. Das Blut war aus den Wangen der Spielerin gewichen, unruhig
und aufgeregt wiegte sie sich auf ihrem Platz.
Jener behielt also einfach seinen Raub, und die ganze Angelegenheit
wurde gleichsam zugedeckt von dem gedämpften Rufen des Croupiers, von
dem feinen Klimpern und Klirren des Geldes, das in der Bank gehäufelt
und sortiert wurde, von jener eigenartig zitternden Stille, die eine
häßliche Parodie andächtiger Kirchenstille ist.
Ganz mechanisch setzte ich noch ein paarmal. Dabei ließen meine Augen
nicht ab von ihr. Aber es war mir nicht möglich, meine bedauernde
Verbeugung anzubringen. Sie sah nicht auf und sie setzte nicht mehr.
Ihr Köpfchen war tief herabgesenkt, und mit erheuchelter Aufmerksamkeit
blätterte und suchte sie, den Bleistift in der Hand, in ihrem
Büchelchen.
Da war plötzlich die schnarrende Stimme des Räubers hinter mir. Sie
stellte mich in einem Idiom, das ich nicht verstand, aber dessen
Betonung nicht viel Höfliches bedeutete, zur Rede. Ich wollte
ausweichen, doch entfuhr mir wider Willen eine wütende Gebärde und ein
schlimmes Wort der Erregung. Es wäre zu einer Scene gekommen, wenn
nicht einer jener gravitätischen Herren in schwarzer Toilette, die
zwischen den Tischen hin und her kreuzen, auf uns zugetreten wäre und
kraft seiner polizeilichen Autorität uns bedeutet hätte, den Streit an
einem andern Orte auszumachen. Ein paar Worte, die er meinem Angreifer
zuraunte, veranlaßten diesen, sich davonzuschleichen.
Auch ich trat nicht mehr in den Kreis der Spieler. Ein Ekel über das
ganze Treiben hatte mich erfaßt, und ich wollte mir draußen in der
freien Natur Erquickung suchen.
Als ich noch auf dem Treppenpodest im Portal des Kasinos stand,
gefesselt von der unvergleichlichen Scenerie des ansteigenden Parkes,
der im Sonnengold eines wolkenreinen Januartages ruhig und schön und
verklärt dalag, trat eine Gestalt von rückwärts zu mir heran.
»Mein Herr, wollen Sie verzeihen —«
Wirklich, ich schrak ein wenig zusammen — mein Blick, der so nahe in
die großen, großen Augen meiner Partnerin tauchte, und der Klang ihrer
melodischen Stimme, der so seltsam süß mein Ohr umschmeichelte!
»Mein Fräulein —«
»Es thut mir herzlich leid, daß Sie meinetwegen solche
Unannehmlichkeiten hatten. Ich danke Ihnen für den Beistand.«
Sie sprach deutlich, mit einem leisen Anflug des hannoverschen Accents.
»O, bitte, bitte, mein Fräulein!« stammelte ich noch ganz überrascht.
»Ich bedaure nur, daß ich die Sache so ungeschickt angefangen. Man
hätte ihm den Raub dennoch wieder abjagen müssen!«
»Sie sind fremd hier, mein Herr,« fiel sie ein, »Sie kennen dergleichen
noch nicht. Es ist nichts gegen sie zu machen, und auch die Bank muß
sie gewähren lassen.«
Aber, mein Gott, war sie denn nicht auch fremd hier? War sie denn so
unheimlich vertraut mit den Fährlichkeiten der »Hölle,« daß sie mit
solcher Sicherheit sich in diesen Dingen äußern konnte? — eine junge
Dame von zwanzig Jahren, dazu eine Deutsche!
»Sie sind schon länger hier, mein Fräulein? Sie haben schon lange —
gespielt?« Es war mein Erstaunen, das mir diese Frage auspreßte.
»Wir sind schon drei Jahre hier,« warf sie zögernd in einem dumpfen
Tone hin, ohne mich anzusehen, das Köpfchen wie in einer plötzlichen
Scham zur Seite gewandt.
Ich hatte gehört, es giebt in Monaco ganze Familien, schiffbrüchige
Existenzen, die in harter, systematischer Tagesarbeit dem grünen Tisch
den Unterhalt ihres erbärmlichen Lebens abringen.
Währenddem waren wir die paar Stufen hinabgeschritten.
»Ach, wie wundervoll!« rief sie aufatmend, indem sie mit dem Fächer,
einer ganz billigen Dutzendware, nach den Bergen hinwies, die in
blendender Farbenpracht zwischen dem üppigen Grün der Parkbäume
herüberleuchteten.
Wir wechselten die üblichen Bewunderungsgeständnisse über die
Herrlichkeit des Ortes, der ein wahrhaftes Paradies sein könnte, wenn
die Hölle nicht so triumphierend ihren Thron hier aufgeschlagen.
»Und zu denken, daß manche, ja sogar viele hieher kommen, die keinen
Blick und keinen Sinn haben für solche Herrlichkeit —« sagte ich, mit
einer geheimen Anklage gegen mich selbst; — hatte ich doch ganze Tage,
von heißem Fieber besessen, in der dumpfigen Schwüle des dämmerigen
Saales am Spieltische verbracht, ohne eine Sehnsucht nach dem Anblick
der unbeschreiblich schönen Gotteswelt zu empfinden; hatten doch der
Wechsel von Glück und Unglück und all die nerventötende Aufregung mich
blind gemacht. Und es war, als würde mir mit ihrem Ausruf und mit
dem Zauberstab ihres Fächers plötzlich die ganze Wunderwelt wie eine
Offenbarung erschlossen.
Wir waren an die Marmorballustrade der Terrasse herangetreten; ihre
zierliche Gestalt stand leicht daran gelehnt, ihre Augen schweiften mit
einem Leuchten der Entzückung über die flimmernde Meereshelle, und ihr
geöffneter Mund sog gierig die würzige Seeluft ein; einmal atmete sie
hoch auf, so daß die in ein knappes Sammetmieder eingezwängte Büste
sich wie in befreiender Erlösung dehnte. Ein paar »Marschall Niel«
staken im Miederschluß, aber sie hingen schlaff herab, als hätte der
heiße Gifthauch der Spielhölle sie getötet. Das Profil ihres Kopfes
zeichnete sich dunkel gegen den Meeresglanz: das fein gebogene Näschen,
das rundliche Kinn, das von auffallender Energie zeugte, die edle
Bildung der Stirn mit den graziösen Bogen der Augenbrauen.
Mit welcher kindlichen Unbefangenheit plauderte sie in Gegenwart des
Fremden!
»Sehen Sie dort oben das Adlernest, das so goldig aus dem dunklen Blau
der Berge leuchtet, das ist Roccabruna, ein köstliches Ding, fast
nur aus Treppen bestehend, aber reizend. Das müssen Sie sich ansehen.
Dort liegt Ventimiglia; dort hinten im Duft, das an der äußersten
Spitze, ist das Palmenland von Bordighera, mein liebes Bordighera!
Wie die Brandung wieder wütet gegen den Fels — Sie sehen deutlich
den schneeweißen Schaum. Wenn Sie etwas Herrliches von einer Brandung
genießen wollen, so müssen Sie dorthin fahren. — Ah, was schwärme
ich Ihnen vor, mein Herr! Sie haben gewiß keine Zeit, Sie müssen —
arbeiten; Sie bleiben nicht lange hier, Ihre Zeit ist kostbar, und Sie
haben sich vorgenommen, die Bank zu sprengen. Ich wünsche Ihnen viel
Glück — nein, ich wünsche Ihnen keines, dies Glück wird Ihnen kein
Glück bringen.«
»Ah, das ist alles so häßlich, das ist entsetzlich!« rief sie
plötzlich, mit heftig abwehrender Geste nach dem palastartigen Bau des
Kasinos hin, der über uns in feenhafter Pracht in das Tiefblau des
Himmels ragte. Es war wie ein Erwachen. Die liebliche Heiterkeit, die
ihr Gesichtchen sonnig verklärt hatte, verschwand hinter einem düstern
Schatten. »Wenn man fort könnte, weit fort, dort hinüber ...« flüsterte
sie dumpf, wie für sich, mit den halb geschlossenen Augen nach der
Meeresweite weisend. Und gleich darauf schien sie ein Zorn über sich
selbst zu erfassen — »nein, nein, es ist unrecht das, was ich sage!«
Ihr Füßchen stampfte leicht auf. Und dann — eine neue Ueberraschung
— fiel sie in ganz geschäftsmäßig ruhigen Ton, den eines erfahrenen
Spielers, der einem andern gute Ratschläge giebt: »Setzen Sie so und
so. Das dürfen Sie nicht thun! Und das müssen Sie vermeiden. Am besten
ist, Sie verlieren einen tüchtigen Haufen Gold, nehmen ein Billet und
reisen vergnügt nach Hause.«
»Wenn man aber nichts zu verlieren hat, mein Fräulein — nichts — gar
nichts mehr!« warf ich tonlos hin.
Sie sah mir mit weit geöffneten Augen prüfend ins Gesicht. Das hatte
wie eine helle Verzweiflung geklungen. Ihre Gestalt zuckte fast
unmerklich zusammen. Was, sie hatte doch nicht etwa einen von den
Unseligen vor sich, die nach dem gleißenden Namen Monaco gegriffen, um
sich vor dem Untersinken zu retten, und die sich statt der erträumten
Goldhaufen mit dem lakonischen Leichenstein eines Selbstmörders
begnügen, den ihnen die Bank in ihrer Großmut an der Mauer des
Kirchhofs von Monaco gewährt?
Ja, ich will es gestehen, ich war nicht viel wert damals! Ich hatte
wenig Respekt vor mir selber damals. Ich hatte nichts mehr zu
verlieren, weder an Gut noch an Lebensmut. Es war mir erbärmlich
schlecht gegangen. Alle meine Spekulationen waren fehlgeschlagen,
alle meine Hoffnungen vernichtet; ich war geflohen vor dem Gespenst
des Bankerotts, das schon seit Monaten in den Sälen meiner Fabrik
umherspukte. Ich hatte in meiner Verzweiflung nach dem gleißenden
Namen Monaco getastet, daß der Zufall von des Teufels Gnaden ein
letztes Erbarmen hätte. Aber seine teuflischen Gnaden hatten kein
Erbarmen. Auch bis hieher, bis an das =Trente-et-Quarante= hatte mich
das Gespenst verfolgt, mit seinem entsetzlichen Grinsen immer wieder
auf die grüne Fläche hinweisend. Und vor ein paar Tagen war es, an
einem Abend, da hatte ich mich so unheimlich angezogen gefühlt von
der im grellen Gaslicht erglänzenden Auslage eines gewissen Nizzaer
Waffenladens. Immer wieder stand ich davor, nicht wissend, wie ich
wiederum dorthin geraten, und die schwarzen Mündungen eines gewissen
Revolvers glotzten mich so verführerisch an. Aber es war gut, daß, wie
zur Abwehr mittelloser Selbstmörder, der Preis an der Waffe haftete
— das =Trente-et-Quarante= hatte mich so völlig ausgeleert, daß ich
ein häßlicheres und billigeres Mittel hätte wählen müssen. Da wandte
ich mich ab, fuhr noch einmal nach Monaco zurück und versuchte es mit
den bescheideneren Chancen des Roulettes. Ich begann wieder aufzuatmen
— auf wie lange? Ich hatte das Gefühl, daß es nur ein Aufschub wäre.
Nein, ich war nicht viel wert, ich war absolut nicht viel wert!
Sonderbar, ich wäre im stande gewesen, ihr in diesem Augenblick dies
Geständnis zu machen, ihr, der Wildfremden — und es wäre mir eine
große Erleichterung gewesen. Vielleicht hätte es meine Rettung bedeutet
— aber ich hatte nicht den Mut. Welch eine Ungehörigkeit, eine junge
Dame, die ich vor einer halben Stunde kennen gelernt, in den Abgrund
meiner Seele blicken zu lassen!
Ich hatte vor der eigenartig strengen Prüfung ihres Blickes das Haupt
gesenkt. Es ward eine kurze Stille. Plötzlich streckte sie mir mit
einer resoluten Bewegung ihr Händchen entgegen, das nur mit rehbraunem
Schwedisch bekleidet war.
»Wollen Sie mir versprechen, nicht mehr zu spielen, mein Herr?« sagte
sie. Ihre Stimme vibrierte. »Nein, das kann ich nicht verlangen, wie
komme ich dazu ... verzeihen Sie mir die Bitte überhaupt; aber wollen
Sie mir wenigstens versprechen, drei Tage lang nicht zu spielen? Nicht
die Spielsäle zu meiden, das wäre das Falsche, nein, Sie sollen dabei
sein, als ein ruhiger Beobachter im Hintergrunde stehen. Vielleicht,
daß es Sie kuriert. Glauben Sie mir, ich bin eine Sachverständige ...«
Das Händchen war noch immer vor meinen Augen ausgestreckt. Ich zögerte,
es zu nehmen. Welch eine Naivität, welch eine Wunderlichkeit, welch
eine Keckheit, mich zu solch einem Versprechen zu zwingen! Wer war sie
denn, daß sie solches wagen durfte? Aber es sprach so viel freundliche
Güte aus dem Ton ihrer Stimme, aber ihre lieben, schönen, offenen
Augen baten mit so zwingender Gewalt — und sie hatte auf dem Grund
meines Gewissens gelesen! Ist es doch eines Menschen Pflicht, einem
versinkenden Mitmenschen die Hand zu reichen.
Da ergriff ich das dargebotene Händchen und drückte es in stummer
Erregung. Es war mir, als hätte ich plötzlich einen guten Kameraden
gefunden.
Eine kurze Strecke schritten wir noch, ohne ein Wort zu sprechen, an
der Ballustrade entlang. Da fuhr ein leerer Fiaker im Schritt vorüber.
Sie winkte ihm, zu halten.
»Ich muß nach Hause, ich werde erwartet!« rief sie. »Ich danke Ihnen,
ich danke Ihnen! Adieu!«
Mit graziöser Leichtigkeit bestieg sie das Gefährt. Noch einmal grüßte
sie mit einem feinen Lächeln, dann jagte der Wagen mit der rasenden
Geschwindigkeit südlicher Fiaker die Fahrrampe nach Condamines hinab.
Ich stand noch eine gute Weile auf derselben Stelle, regungslos und
völlig verblüfft dem Wunder dieses Wagens nachstarrend.
»Ich danke Ihnen!« — es war fast, als gälte dieser Dank weniger meinem
Ritterdienst als dem Versprechen, das ich ihr Hand in Hand geleistet.
Und das Lächeln ihres grüßenden Kopfes — es sah fast aus wie der
Ausdruck eines Triumphes, den sie über mich davongetragen — nein,
wie eine Schelmerei, die sie in kinderhafter Laune mit mir trieb —
ach nein, wie der freundliche Zuspruch eines echten Kameraden, daß ich
tapfer sein möchte — alles, alles! — Immer und immer stand mir dieses
Lächeln vor Augen, immer wieder sah ich ihren großen, streng prüfenden
Blick auf mich gerichtet — und ihre Stimme, die klangvolle Melodie
ihrer Stimme! Wer war sie denn, daß sie mich mit solch zauberartiger
Geschwindigkeit in ihren Bann zwingen konnte?
Ich wollte mich auflehnen — nun, ich hatte ihr aber das Versprechen
gegeben, und ich war in meiner Freiheit gefesselt — ein ernster Mann,
der sich in der kritischsten Lage seines Lebens von einem Kinde fesseln
läßt! Aber die Gedanken an sie, die mich fort und fort wie neckische
Schmetterlinge umgaukelten, wollten kein volles Unbehagen über diese
Fessel in mir aufkommen lassen.
Zuerst mied ich den Spielsaal — gegen das Rezept der
»Sachverständigen«, wie sie sich selber nannte. Ein seltsamer,
fast kindlicher Trotz ließ mich fernab dem Kasino in den Bergen
umherschweifen. Ich kletterte die düsteren, feuchtkühlen Treppen
des Adlernestes von Roccabruna hinauf, strich durch die üppigen
Zitronenhaine, die diesen Ort umkränzen, saß sinnend und träumend
auf einem Felsen am Strande, dem vieltönigen Geräusch der Brandung
lauschend. Aber immer wieder schweiften meine Blicke nach dem Kasino
hinüber, das aus der Ferne, von Sonnenglanz übergossen, wie ein kostbar
geschmiedetes, reich verziertes Schmuckstück herübergrüßte.
Vielleicht sitzt sie jetzt dort am Spieltisch, von dem mich ihre List
hinweggetrieben. Gewiß sitzt sie dort an der »Arbeit« — deutete
denn nicht das Bureau, das sie sich am Tisch eingerichtet, auf eine
regelmäßige Gewohnheit? Und ihr verwünschender Ausruf nach dem Kasino
hin ließ darauf schließen, daß sie wider Willen solch häßliche Arbeit
verrichtete.
Ich meinte, es wäre etwas wie eine Neugier, die mich dennoch am Abend
nach dem Kasino führte — vielleicht war es die Befolgung ihres
Rezeptes, daß ich mich drinnen von dem unseligen Fieber kurieren lassen
sollte — vielleicht war es die wachsende Sehnsucht, sie wiederzusehen,
die mich ein paar Stunden lang das Kasino umkreisen ließ und mich von
Bank zu Bank der umgebenden Anlagen trieb, bis mir schließlich der
Huissier die Thür zu dem von einem magisch gelblichen Dämmerlicht
erfüllten Heiligtum öffnete.
Zuerst saß ich auf einem Diwan, genau nach dem Rezept, um das Treiben
als unbeteiligter Zuschauer zu beobachten. Wie sie hereinhasteten,
die Golddurstigen, um sich auf einen der massigen Menschenknäuel zu
stürzen, aus deren Mitte das feine Klingeln des Goldes herübertönte;
wie sie von einem Haufen zum andern irrten, daß der Zufall ihnen
vielleicht dort günstiger wäre; glühende, entstellte Gesichter mit
fieberisch flackernden Augen; todblasse Gesichter, die stieren Blickes
nach dem Ausgang suchten, daß sie dem entsetzlichen Schauplatz
ihres Ruins entflöhen; Gestalten, die mit dem nackten Ausdruck der
Verzweiflung, nicht zu weit abseits, in allen Taschen nach einem
letzten rettenden Goldstück suchten; Gattinnen, die mit Thränen in
den Augen den Gatten zurückhielten, der sich dennoch losriß, von
unbezwinglicher Gier erfaßt; Dirnen, die mit lüsternen Mienen nach Raub
umherschlichen! feine Damen, die in einem Sessel saßen und mit bebendem
Bleistift rechneten, rechneten ... O, es hätte einen wohl kurieren
können, und sie mochte recht haben, meine Sachverständige.
Zuletzt schlich ich dennoch an die Haufen heran und suchte nach ihr.
Es war nicht leicht, jemand zu finden, so tief versteckt waren die
Sitzenden unter den herübergebeugten Körpern und den hantierenden Armen
der Stehenden. Endlich hatte ich sie entdeckt. Sie stak tief in der
»Arbeit«. Der ganze Apparat war vor ihr ausgebreitet. Das Licht des
tief herabhängenden Schirmes beleuchtete grell ihr Gesichtchen. Das war
gerötet und erregt. Das Händchen war in voller Bewegung. Es notierte
in den Listen, blätterte und suchte in dem Büchelchen, notierte
wieder, regulierte und ordnete die Goldhaufen vor ihr, warf mit einer
erstaunlichen Sicherheit die Einsätze hierhin und dorthin, während die
Augen unruhig hin und her hasteten. Um ihre feinen Nasenflügel zuckte
es, während ihr streifender Blick das Rollen der Kugel im Roulette
beobachtete.
Es that weh, o, es that weh, diese Augen zu beobachten, das Büchlein
mit den Aufzeichnungen, das Gold, die Harke, alles dort vor ihr liegen
zu sehen, — die Seele des jungen Wesens dennoch, so sehr sie sich
dessen bewußt sein mochte, von dem Dämon besessen zu wissen!
Und in welcher Gesellschaft betrieb sie solches widerliche Geschäft!
Man muß das Publikum der Spielbank in zwei Hälften sondern: die einen,
die der Übermut, die Neugierde, die Gelegenheit, eine Anwandlung des
Leichtsinns, ja gar eine höchste Verzweiflung ihr Geld in naivem
Vertrauen auf die Gunst des Zufalls in den Abgrund schleudern heißt,
und die, nachdem jener sein Werk verrichtet, der Spielbank mit leeren
oder vollen Taschen den Rücken kehren, zuweilen um sich in entlegener
Ecke eine Kugel vor den Kopf zu jagen; die anderen aber, fürchterliche
Systematiker, die mit ihren Berechnungen oder durch ihre Ausdauer den
Zufall zu zwingen glauben; gefräßige Parasiten, die ihren Gewinn in
hartnäckiger Arbeit Stunde um Stunde in elender Kleinmünze einheimsen;
und dann die Hochstapler, die Betrüger, das aufgeputzte Laster, der
Abschaum der Gesellschaft ... und sie mitten unter diesen!
Rechts neben ihr saß die verwitterte Ruine einer Dame, deren Züge nur
mit dem Aufwand der energischsten Toilettenkünste zusammenzuhalten
schienen und deren erloschene Augen nur wie im Halbbewußtsein dem Gange
des Spiels folgten. Die spinnenartig dürren Finger wühlten mit nervösem
Beben in einem Häuflein von Gold, aus dem sie ganz mechanisch einzelne
Stücke, wie es schien, aufs Geratewohl nach irgend einer Chance warf.
Auf der andern Seite ein jämmerlicher Invalide der Leidenschaft, das
Gespenst eines blassen, hohläugigen jungen Mannes, dessen Lebensmark
gänzlich von jahrelangem Spielfieber aufgezehrt war, eine Art Automat,
dessen Bewegungen nur noch von den Rufen des Croupiers reguliert wurden.
Zuletzt erfaßte es mich wie ein Zorn, sie dort sitzen zu sehen. Wer
war sie denn, daß sie in das Verhängnis meines Lebens einzugreifen
wagte, sie, die am ehesten eines Helfers und eines Retters bedurfte?
Ich konnte es nicht länger mit ansehen und entfernte mich, um mich
draußen in dem prunkvollen, von Marmorsäulen geschmückten Vestibül
zu ergehen — nun ja, um auf sie zu warten. Ich wollte sie einfach
zur Rede stellen, und heute sollten die Rollen getauscht werden.
Ich würde ihr meine Hand entgegenstrecken und ihr ein ähnliches
Versprechen abzwingen. War sie aber auch in der Freiheit, ein solches
halten zu können? Schien es nicht, als kettete sie ein unheimlich
unseliges Geschick, unter dessen Alp sie sich willenlos beugte, an den
Spieltisch? Nun, ich wollte sie wenigstens um eine Aufklärung ersuchen,
die sie als meine Richterin legitimieren könnte. Ich wartete, wartete,
bis die letzten Gäste das Haus verließen, vergebens — sie mußte für
diesmal, mir unbemerkt, entschlüpft sein.
Am andern Tage, noch am Vormittag, bald nach der Eröffnung der Banken,
traf ich sie wieder dort, wieder in voller Arbeit. Mein Gott, welche
Eile, welche entsetzliche Beharrlichkeit! Ich stellte mich so auf,
daß sie mich sehen mußte. Bald darauf trafen ihre Augen den fragenden
Vorwurf meines Blickes, der starr auf sie gerichtet war. Sie zuckte ein
wenig zusammen, dann fuhr der Sonnenschein jenes schelmischen Lächelns
über ihr Gesicht. Sie nickte mir in einer Art kameradschaftlicher
Vertraulichkeit zu. Es sah fast aus wie eine Belobung, daß ich da
war und mein Versprechen so tapfer innehielt. Aber es war mir nicht
möglich, auch darüber noch in Unmut zu geraten. Ich war entwaffnet und
zwang auch meinen Gruß zu einem freundlichen Lächeln. Eine Zauberin,
eine Hexe, vielleicht eine jener raffinierten Sirenen des grünen
Tisches, von denen ich gelesen und gehört hatte ... nein, nein, nein,
nicht das! Unter dem Pochen meines Herzens, das ihr Blick und die
Hoffnung eines neuen Blickes in mir erregt, verschwand sofort solch
häßlicher Zweifel.
Sie aber blickte nicht wieder nach mir hin. In anscheinender Ruhe
waltete sie ihres Geschäftes. Aber die bebende Röte ihres Gesichtes
schien Zeugnis davon zu geben, wie sehr sie sich dennoch unter meinen
beobachtenden Blicken beengt fühlte. Ich stellte mich in einen
Hinterhalt, um ihr die Unbefangenheit wieder zu schenken.
Mit welcher Aufmerksamkeit sie die Launen der rollenden Kugel
verfolgte, mit welcher Gewissenhaftigkeit sie diese Launen in ihre
Bücher eintrug! Sie betrieb solches nicht seit kurzer Zeit. Die
Croupiers kannten sie; einer derselben, der Typus eines biedern und
pedantischen Beamten, ein Deutscher wie die meisten der dortigen
Croupiers, die aus den aufgelösten Banken der Rheinbäder hierher
verpflanzt wurden, schien sie in eine Art väterlicher Obhut genommen zu
haben. Zuweilen nickte er ihr mit seinem gutmütigen Bullenbeißergesicht
anfeuernd zu, da- und dorthin zu setzen. Und er schien sich wirklich
zu freuen, wenn er ihr einen ansehnlichen Gewinn zuschieben konnte.
Auch tauschte er wohl über Tisch herüber ein paar Worte mit ihr. Es
fiel das Wort »Papa«. Jener hatte sich nach einem solchen erkundigt.
Wo war er? Vergeblich suchte ich im Kreise der Umstehenden nach einem
Antlitz, das mit väterlicher Teilnahme die Spielerin gehütet hätte.
Welch eine Gewissenlosigkeit, sie, das liebe, junge Wesen, schutzlos
den Gefahren der Hölle preiszugeben! Oder »arbeitete« er vielleicht an
einem anderen Tische? Wie es ja gelegentliche Konsortien giebt, die es
auf eine Sprengung der Bank abgesehen haben, so mögen oft die Glieder
einer Familie mit vereinten Kräften auf Beute ausgehen. »Ah, das ist
alles so häßlich; das ist entsetzlich!« Dieser ihr Ausruf klang mir im
Ohr.
Der nächste Tag sollte mir Aufklärung bringen. Ich hatte sie am Morgen
vergeblich gesucht. Am Nachmittag erschien sie in der Eingangsthür,
und nicht allein. An ihrem Arm führte sie einen ältern Herrn. Es war
mehr als ein Führen, ihre straff aufgerichtete Gestalt diente ihm als
Stütze, während er sich auf der andern Seite eines Stockes bediente.
Sehr behutsam bewegte sie sich auf dem glatten Parkett, mit liebevoller
Vorsicht bewachte sie seine Schritte. Seine Gestalt war gebückt, so daß
sie ihn, der selbst nur seine zierliche Mittelfigur war, überragte. Den
Kopf mit den eisgrauen, etwas vernachlässigten Haaren trug er vornüber
gebeugt, doch seine Augen fuhren von unterwärts unruhig im Saal umher.
Jetzt ging das Schlürfen seiner Tritte in ein nervöses Trippeln über.
Er schien es nicht erwarten zu können, bis sein erstes Goldstück auf
der grünen Fläche lag.
Sie führte ihn an einen der Tische und wechselte mit einem der
Croupiers ein paar Worte, worauf dieser einen müßigen Gaffer,
dessen Ellenbogen der Bank nichts einbrachten, von seinem Sitze
herabnötigte. Dann hieß sie den Vater — er mußte es wohl sein —
behutsam niedersitzen. Sie selbst blieb hinter dem Stuhl stehen, jede
seiner Bewegungen beobachtend; es war etwas von der rührend zärtlichen
Sorgfalt, mit der eine Mutter ihr krankes Kind behütet.
Es dauerte eine Weile, bis der erste Einsatz erfolgte. Das
Aktenmaterial, dessen der Ankömmling zu seinem Spiele bedurfte, war
ein erstaunliches. Seine nervösen Hände zogen immer neue Paketchen
aus den Taschen seines Rockes hervor. Er breitete mehrere mit Zahlen
und Zeichen überdeckte Listen aus, legte sich verschiedene Büchelchen
zum Einzeichnen zurecht, stapelte seine Kasse von Gold und Silber vor
sich auf, alles das mit langsam pedantischer Peinlichkeit, bis auf die
Prüfung der Rot- und Blaustifte. Und nun, nachdem das »Bureau« gehörig
in Ordnung lag, saß er mit gefalteten Händen da und lauerte. Lauerte
mit dem eigenartigen, krankhaften Glitzern seiner dunklen Augen, mit
den feinen zuckenden Bewegungen seiner Gesichtsmuskeln. Ja, das ganze
glatt rasierte Gesicht, das beim ersten Anblick den Eindruck der
Hilflosigkeit machte, schien sich aus seiner Schlaffheit aufzuraffen
und sah wie verjüngt aus.
Nach jeder Kugel notierte er hier und dort in den verschiedenen
Listen und Büchern mit der Gewissenhaftigkeit und dem peinlichen Ernst
eines Kassenbeamten. Endlich begann er in Silber und mit den kleinsten
Einsätzen zu spielen. Man sah, es geschah nicht des Gewinnes wegen, nur
um kostbares dokumentarisches Material für seine Bücher zu gewinnen.
Ja, es kam vor, daß er bedauernd die Achseln zuckte, wenn ein Satz
einschlug, der nach seiner Berechnung eigentlich verlieren mußte, oder
daß er einen Verlust als hochwillkommen mit einer kinderhaft listigen
Miene notierte.
Nun war die Arbeit in vollem Gang; Gewinne und Verluste wechselten und
wurden sorgfältig eingetragen. Da schien es die Tochter nach einem
Stündchen der Erlösung zu gelüsten. Nach einer zärtlich betonten Frage,
die der Vater mit einem Nicken in das eine der Bücher hinein bejahte,
empfahl sie sich. Jetzt erst wandte er den Kopf nach ihr zurück, um ihr
eine freundliche Miene zum Abschied zu bieten, aber zu spät, sie war
schon fort.
Ich ihr nach. Ich ereilte sie draußen am Eingang des Parkes.
»Mein Fräulein, ich habe Ihnen abzubitten ...«
Sie schien durchaus nicht überrascht, sie wußte sofort.
»Ah, —« fiel sie lebhaft ein, »ich verstehe: Sie hegen einen Groll
gegen mich, daß ich Ihnen die Hände band. Ich am wenigsten, meinen Sie,
hätte eine Berechtigung, Moral zu predigen. Ich habe wohl Ihr Staunen
bemerkt, mit dem Sie meinem Treiben zusahen.«
»Ich fange an zu begreifen, und ich bin gekommen, Ihnen Abbitte zu
leisten.«
»Um des Himmels willen, ich möchte nicht, daß Sie falsch begriffen. Der
Schein und ein so häßlicher Schein ist wider uns. Sie müssen uns zur
allerschlimmsten Profession zählen!«
»Ich muß gestehen, es thut mir in der Seele weh, Sie dort spielen zu
sehen —«
Ein kurzer, leicht überraschter Blick aus ihren Augen streifte mein
Antlitz. Gleich aber wehrte sie sich selbst gegen die Versuchung, sich
meiner Teilnahme zu freuen:
»O, ich wünschte nicht, daß Sie mir Ihr Mitleid auf Kosten meines
Vaters zuwendeten. Das, was ich thue, thue ich mit Freuden, wenn auch
mit dem Eifer, diese — Sache endlich zu einem Resultat zu führen.
Ich sagte Ihnen schon, das, was wir treiben, treiben wir seit drei
Jahren. Es ist eine gute Sache — und wenn ich auch selbst mich keiner
Illusion hingebe, so ist es doch meine Pflicht, in ihrem Dienste treu
auszuharren. Und Vater glaubt daran — nennen Sie es eine Marotte,
die bedenklich genug wie eine Krankheit aussieht. Genug, es ist mein
Vater, und er hat sich die Durchführung seines Planes zur Lebensaufgabe
gemacht. Ich sehe, ich spreche in Rätseln. Nun gut, sehr einfach,
wir sind einem System auf der Spur, mittels dessen die Macht des
Spielteufels gebrochen werden soll.«
Das letzte kam kleinlaut heraus, und um ihre Mundwinkel bebte etwas wie
ein ironischer Ausdruck. Ah, sie glaubte selbst nicht an dies System
und an die Möglichkeit, mit einem solchen den Zufall zu meistern!
Ich hatte oft genug vor den Zeitungskiosken gehalten und mit lüstern
verwunderten Augen die Auslagen der Broschüren und Bücher gemustert,
die sich auf das Spiel beziehen, hochtönende Anpreisungen, wie man
mit einem Einsatz von tausend Franken oder noch weniger eine Million
gewinnen kann, wie man verfahren muß, um mit Sicherheit zu gewinnen,
allerlei Systeme, das Glück zu korrigieren, von den kleinen niedlichen
Büchelchen, die man im Vorbeigehen wie zum Scherz einsteckt, bis zu den
ansehnlichen Bänden, die hinter dem verklebten Schnitt das Geheimnis
mit einem Aufwand gelehrter Formeln und weit ausholender Kombinationen
analysieren. Es finden sich Gimpel genug, die, mit solcher Anweisung
ausgerüstet, den Kampf mit dem Glück aufnehmen, oder welche gar die
persönliche, teuer bezahlte Hilfe sogenannter Spielprofessoren in
Anspruch nehmen. Am wenigsten glauben diese Professoren oder die
Verfasser solcher Werke an ihre eigene Wissenschaft.
Nein, auch sie glaubte nicht an solches System! Ich konnte mein
Staunen, ja den sichtbaren Ausdruck des Schreckens nicht unterdrücken.
Ihr Vater ein Phantast, schlimmen Falls ein bedenklicher Abenteurer,
und sie, das liebe, liebliche Geschöpf, das seine Jugend im Dienst
eines abscheulichen Hirngespinstes opfert!
»Nicht das, nicht das!« rief sie, sofort meine Miene deutend. »Ich
bitte Sie, meinen Vater nicht mit den andern zu verwechseln. Alles das
ist seltsam und außergewöhnlich, man darf darüber lachen, man darf
darüber die Achseln zucken — wenige werden solches begreifen. Wie
gesagt, wir rangieren in einer Reihe mit dem erbärmlichsten Gelichter,
und man muß die Umstände kennen, die zu solchem Auswuchs geführt —
nein, nicht jeder wird sich die Mühe nehmen, uns zu begreifen. Aber ich
muß ihn verteidigen, wenigstens ihn, den armen Vater. Mag die große
Masse mich selbst verdammen ... es findet sich doch noch jemand, der
all diese Unseligkeit aus dem Herzen entschuldigt — und ich möchte
nicht, daß Sie ...« Sie stockte, dann sah sie mir mit treuherzigen
Augen voll ins Gesicht. »Sie sind gut, mein Herr, man sieht es Ihnen
an. Sie haben ein Unglück gehabt, auch das liest man aus Ihren Mienen,
aus allem. Wir haben uns unter so seltsamen Verhältnissen kennen
gelernt. Wie gesagt, ich möchte nicht, daß gerade Sie von hinnen
schieden oder uns gar den Rücken wendeten ...« Wieder stockte sie
und plötzlich, mit abgekehrtem Gesicht, um das Flammen ihrer Röte zu
verbergen, wies sie nach einer Bank, die unter einer natürlichen Laube
herabhangender Palmfächer stand. »Kommen Sie zu meiner Lieblingsbank!
Man hat von dort aus den herrlichsten Blick über das Meer.«
Es war keine zu große Absonderlichkeit, das, was sie mir von den
Geschicken ihres Hauses erzählte. Für mich nicht, der ich selbst ein
Bankerotteur war und den das Geschick auf ähnliche Weise heimgesucht.
Die Familie hatte im Vollen gelebt. Mehrere Fabriken in der Nähe von
Frankfurt am Main, sowie einige Bergwerke im Taunus befanden sich in
ihrem Besitz. Eines jener köstlichen Weingüter des obern Rheingaues
mit dem Schmuckstück einer Villa diente ihr zum Sommeraufenthalt.
Sie waren glücklich, sie waren geachtet, ich erinnere mich jetzt,
wie vor zehn Jahren die Firma des besten Klanges genoß, bis sie dann
anfing zu bröckeln, um schließlich mit einem Krach, der auch in der
weiteren Geschäftswelt Staub aufwirbeln machte, zusammenzustürzen. Was
war es? Niemand kann besser Auskunft geben als ich selber. Ja, wie
kommt es? Eine kleine Schlappe, die einen ärgert und deren Folgen man
allzu gründlich ausmerzen möchte, eine unselige Folge von Umständen,
Ereignissen, Kombinationen, die an dem Bestand des Hauses rütteln,
Strebertum und die »Sucht nach mehr« und das Schicksal des Fabrikanten,
die entsetzliche Tagesmode, die in plötzlicher Laune die Maschinen
unserer Werkstätten zum Stillstand bringt und die Arbeiter aus den
Sälen treibt, sowie man sich nicht sofort ihrem Gebote fügt. Hier waren
es noch andere Verhängnisse, die das Haus zu Falle brachten, und diese
Verhängnisse hießen: Homburg, Baden-Baden, Wiesbaden. Nicht daß sich
der Besitzer der Firma F. Werler wie ein unverantwortlicher Leichtfuß
dem Spielteufel in die Arme geworfen. Eine ganz dumme Gelegenheit
brachte ein fabelhaftes Glück, und in kritischer Stunde erinnerte
man sich dieses Glückes. Ganz allmählich, ganz unmerklich umstrickte
der Teufel die Firma mit seinen Netzen, verschlang die Fabriken und
Bergwerke und scharrte das Schmuckkästchen von einer Villa über den
grünen Tisch hinüber in den Abgrund hinein. O, man weiß es, wie die
letzte Verzweiflung nach unseligen Mitteln greifen heißt, und mir ziemt
es gewiß nicht, jenen zu verdammen.
»Ich verstehe, mein Fräulein, ich verstehe!« nickte ich.
Ah, mit welch dankbarem Blick sie mir antwortete!
Die Mutter starb aus Gram, den Vater ereilte ein Schlaganfall. Eine
ältere Schwester war verheiratet; aus dem Zusammenbruch war eine kleine
Fabrikanlage gerettet worden, die unter den nicht zu geschickten Händen
eines Bruders kümmerlich vegetierte. Sie selbst, Vater und Tochter,
irrten in der Welt umher, die Stätte ihres frühern Glückes meidend, als
Mitglieder jenes bedauernswerten internationalen Proletariats, das die
Weltorte und großen Modebäder bevölkert.
Wie war es möglich, daß sie dennoch wieder jener entsetzlichen,
alles verzehrenden Flamme zuflattern konnten? Wie kam Herr Werler
zu der Marotte seines Systems? Es hatte lange in ihm gebrütet. Mit
wachsender Besorgnis sah Helene, wie seine Gedanken sich immer mehr
in ein gewisses Hirngespinst vergruben. Und dieses Hirngespinst trat
immer sichtbarer in Tabellen und Berechnungen hervor. Sein System —
Herrgott, was ist’s!? Was will Papa? Papa’s Verstand ist doch nicht ...
nein, nein, nicht solches, nicht das Äußerste!
Wer der Gelehrten vermag die Grenze zu ziehen, wo der Verstand aufhört
und der Wahn beginnt? Das Gefühl der Reue hatte den Keim zu dieser
Marotte großgezogen. Die Arbeit sollte eine Art Sühne bedeuten: es
mußte und mußte sich dennoch eine Formel finden lassen, die dem Dämon
die Macht aus der Hand nahm. Es wäre die Rache für ihn und alle die
anderen Ruinierten. Gegen eine solche Formel würde sich keine Bank
mehr halten können; die Hölle müßte geschlossen werden, es gäbe so
viel Thränen, so viel Verzweiflung, so viel selbstmörderische Schüsse
weniger. Es wäre ein ungeheurer Dienst, den man der Menschheit leisten
würde.
Und er rechnete, rechnete. Das Hirngespinst nahm immer hartnäckiger
Besitz von seinem Thun und Denken. Aber er würde so nicht
weiterkommen, man mußte die Theorie durch die Praxis ergänzen und
erproben, man mußte nach Monaco und in der Hölle selbst die Hölle
bekämpfen.
»Papa, lieber, lieber Papa, thue es nicht!« — Wie sie gefleht haben
mochte, um ihn von dem Gedanken abzubringen! Umsonst! Sie siedelten
nach Monaco über. Und dann begann die fürchterliche, die nerventötende
Arbeit. Sie brauchte mir nicht erst zu sagen, wie viele Stunden sie
am Spieltische verbrachte, während ihr Vater, durch seine Gebrechen
meist an die Stube gefesselt, an seinen Tabellen saß, begierig
auf ihre Rückkehr, die ihm neues Material herbeischaffte. Und so
arbeitete sie Tag um Tag, drei lange Jahre hindurch in rührender
Hingebung. Mehrmals am Tage eilte sie nach Hause — sie wohnten am
äußersten Ende von Condamines, dicht unter dem von dem Gischt der
Brandung umtosten Felsen von Monaco — um sich ihrer Aufzeichnungen zu
entledigen oder neue Instruktionen zu empfangen. O, sie arbeitete mit
äußerster Gewissenhaftigkeit! Zuweilen war es, als müßte sie selbst
an die Vortrefflichkeit des Systems glauben. Dann kam der Kobold des
Zufalls und schüttelte mit frecher Hand all die mühsamen Kombinationen
durcheinander. Immer wieder zeigte das System eine neue Lücke. Und
wenn es wirklich ein paar Tage standhielt, so eröffnete sich plötzlich
eine so unerwartete Serie oder ein so willkürliches Umspringen der
Chancen, daß es allen Berechnungen Hohn sprach. Da gab es Zeiten,
wo der Erfinder selbst verzweifelte und wo er schon im Begriff war,
mit einer Verwünschung all das mit unendlicher Mühe aufgespeicherte
Material, das seinem Schreibtisch den Anschein einer soliden und
fleißigen Geisteswerkstatt gab, in den Kamin zu schleudern. Dann war
sie es sogar, die ihn gegen ihre Ueberzeugung aufrichtete: wie eine
Scheu vor einem gewissen unheimlichen Nichts, das dann an die Stelle
all der Arbeit träte? Oder war es die Ueberzeugung, daß diese Arbeit
seinen grübelnden Geist von Schlimmerem ablenkte?
Und von neuem setzte er sich hin und begann aus den Trümmern der
Akten ein anderes System aufzubauen. Von neuem setzte sie sich an
den Spieltisch, hartnäckiger denn je, mit der letzten Spur einer
Zuversicht, daß die gute Sache dennoch über die schlechte den Sieg
davontrüge. Und wieder die entsetzliche, vielstündige Holzhauerarbeit
— kaum daß sie sich Zeit gönnte, einen hastigen Imbiß zu nehmen
oder auf eine kurze Weile dieser Pestluft zu entfliehen, nur ein
paar Atemzüge der reinen Gottesluft zu schlürfen. Drei Jahre lang,
Tag um Tag, Stunde um Stunde — kein Zucken der Ungeduld, nein, nur
der lächelnde Schein freudiger Pflichterfüllung ihm, dem Kranken,
gegenüber, so muß man ihn nennen.
»Sie sind eine Heldin, Sie sind ein Engel ...« nein, nicht in Worten
brach es heraus, aber das begeisterte Leuchten meiner Augen mußte es
ihr sagen, und die stürmische Bewegung, mit der ich ihre Hand drückte,
redeten deutlicher als Worte.
Sie war allem abhold, was an das Theatralische erinnerte. Eine weitere
Erläuterung schnitt sie kurz ab, indem sie aufstand:
»Jetzt muß ich nach Papa sehen!«
Wir schritten dem Kasino zu. Ich verabschiedete mich am Portal und dann
stand ich lange noch wie gebannt und sah ihr nach, sah, wie sie leicht
schwebenden Schrittes die Treppe hinaufeilte und ihre Lichtgestalt, auf
welcher der Sonnenschein hier draußen so verklärend geruht, von der
unheimlichen Dämmerung der Hölle verschlungen wurde.
* * * * *
Die drei Tage waren längst verstrichen. Ich spielte nicht mehr. Ich
hätte nicht gewagt, ihr wieder unter die Augen zu treten, wenn ich,
trotzdem die Grenze meines Versprechens längst überschritten war,
mich noch einmal von dem Dämon hätte hinreißen lassen. Doch keiner
der wütendsten Spieler hielt beharrlicher das Kasino besetzt. Ich
umkreiste es schlendernd, saß auf allen Bänken und lehnte auf allen
Balustraden, ich durchstöberte die Zeitungen des Leseraumes und naschte
in dem üppigsten Konzertsaal der Welt einige Takte Musik, stets von
der fiebernden Sehnsucht hin und her getrieben, bis ich immer wieder
Ruhe für meine Sinne und Gedanken fand an dem Spieltisch, an dem sie
»arbeitete«.
Ich hielt mich im Hintergrunde, damit sie die Verlorenheit meiner
Blicke nicht gewahrte. Zumeist blieb mir ihr liebes Antlitz von den
Gestalten und den erregten Bewegungen der Spieler versteckt, aber
ich war glücklich, auch nur ein nickendes Federchen ihres Hutes zu
erhaschen. Und nichts Gleichgiltigeres, als das Klingen und Klippern
des Goldes, das die andern so berauschte. Ihr Kommen und Gehen entging
mir nicht. Ich schlich ihr von der Ferne nach wie ein sehnsüchtiger
Gymnasiast, ich kam mir so klein und erbärmlich vor, und ich mußte mir
jedesmal Mut zusprechen, um mich ihr offen zu nähern. Das geschah in
den Pausen, die sie sich während der Arbeit gönnte, oder auch auf ihren
Her- und Heimwegen. Sie nahm meine Begegnungen ohne Überraschung und in
ihrer ruhigen und offenen Heiterkeit hin. Wir plauderten wie zwei gute
Kameraden, aber sie mochte wohl die Heuchelei bemerken, mit der ich
meine Leidenschaft verdeckte.
Ich hatte die Trostlosigkeit meiner Verhältnisse offen vor ihr
entfaltet. Sie wüßte das, sagte sie ohne Verwunderung. Und auf meinen
fragenden Blick fuhr sie fort:
»Nun, ich dächte doch, man lernte es hier, Verzweiflung und Unglück aus
den Gesichtern zu lesen. Aber Sie sind auf dem Wege der Besserung« —
fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu. Es klang nicht wie eine Frage,
hell strahlten mich ihre Augen an.
»Wieso?!«
»Nun, weil Sie nicht mehr spielen, nicht mehr Ihr Heil von dem stupiden
Ding einer Roulettekugel erwarten. Weil Sie sich geschworen haben,
überhaupt nie wieder zu spielen. Weil Sie Mut haben wollen und willens
sind, all das Verfahrene aus eigener Kraft und mit ehrlicher Arbeit
wieder einzurenken!«
Ja, ja, ja ... ich gestand es mit stummem Nicken zu wie ein reuiger
Knabe, der sich bessern will. »Mein Fräulein ...«
Nein, dazu hatte ich nicht den Mut — nicht dazu! Es gärte und brütete
in mir, vielleicht würde ich den Mut erringen ... wer war ich denn, daß
ich solches wagen durfte? Ein bankerotter Mann, der nach Monaco gereist
war, um sich dort eine Kugel vor den Kopf zu schießen. Aber ich war
ein anderer geworden, ich war geheilt und sie, die Süße, Einzige, mein
rettender Engel! Ich bin wieder ein Mann geworden, der neugewonnenen
Mutes den Kampf mit dem Leben aufnehmen wird! Ah, wer doch Hand in Hand
mit ihr, dem besten Kameraden, in diesem Kampfe stehen dürfte! Welch
eine Gefährtin für die Irrsale des Lebens!
Sie war mein rettender Engel gewesen — erforderte das nicht den
Gegendienst, daß auch ich ihr eine Rettung anbot? — mein Herz, mein
gutes ehrliches Herz als bergenden Hort, wo sie den bittern Harm ihrer
Vergangenheit vergessen könnte, — meinen starken Arm, der von nun an
all die häßliche Unbill des Lebens von ihr fernhalten würde ...
Es war nach elf Uhr abends. Die Banken waren im Begriff zu schließen,
und die Diener schickten sich an, in übereiliger Hast, gerade wie
in einem Theater, noch ehe das Publikum den Saal geräumt hat, die
kostbaren Möbel der Spieltische mit den grünen Schutztüchern zu
versehen. Drei von den Banken waren bereits geschlossen. An einer
derselben hielt sie noch stand bis zur letzten Kugel. Nun erhob sie
sich, und ich nahte mich ihr mit ein paar begrüßenden Worten, um ihr
meine Begleitung nach Condamines hinab anzubieten. Wir durchschritten
den ersten Saal, wo noch eine Bank im Gange war, dicht umwogt von
aufgeregten Gestalten, die sich einander den Platz streitig machten,
um die letzte Chance des Tages zu benützen. Statt der unheimlichen
Kirchenstille war hier ein lauter Tumult, den die Stimmen der Croupiers
nur mit Mühe übertönten. Da kam jemand aus dem hintern Saal des
=Trente-et-Quarante= dahergerast, wohl ein Wahnsinniger: das wüste
Gewirr seines Schwarzhaares, die hervorquellenden, lodernden Augen, der
stürzende Schritt und die Hände, die verzweifelt in den beiden Taschen
seines Jacketts wühlten — dahergerast, auf den Spieltisch zu.
»=Faut gagner ... savez-vous ... faut gagner! ... gagner!=« schrie er
mit heiser krächzender Stimme. Rücksichtslos brach er durch die Masse,
mit einem Ruck seiner Arme die Spieler zur Seite drängend. Man wich
entsetzt zurück.
Und nun, mit dem Oberkörper auf der Tischplatte liegend, streute er
mit den weit ausgestreckten Armen Geldstücke, Gold und Silber, aufs
Geratewohl aus.
»=Faut gagner ... faut gagner!=« schrie er wie besessen.
»=Rien ne va plus!=« rief der Croupier, und er wiederholte den Ruf
nochmals im gebieterischsten Tone. Da sah man den Rasenden eine Gebärde
machen, als wollte er jemand mit seinen Fäusten erwürgen — etwa den
Croupier dort, der ihm Einhalt gebot und der doch nichts wie seine
Pflicht that?
Erschüttert und empört wandten wir uns von solch widerlichem
Schauspiel ab. Draußen empfing uns die erhabene Weite eines glänzenden
Sternenhimmels, und das Rauschen des Meeres drang wie ein mahnender
Gruß aus einer reineren Welt zu uns herauf. Wir hielten unwillkürlich
inne, es war ein gemeinsames, hörbares Aufatmen, mit dem wir unsere
Brust von dem Alp befreiten.
Dann gingen wir langsam die Rampe nach Condamines hinab. Wir schwiegen,
aber mein Schweigen war ein bebender Zorn. Nein, ich darf es nicht
dulden, daß diese kostbare Blüte in solchem Pesthauch verkümmert!
Nein, ich will und muß sie erretten aus solchen Höllenqualen! Und es
muß uns beiden gelingen, ihn, den kranken Vater, von seinem unseligen
Hirngespinst zu befreien!
»Mein Fräulein« — begann ich zögernd. »Ich will fort! Ich muß diesen
Ort verlassen. Ich kann dies alles nicht länger ertragen. Ich möchte
nicht von hinnen gehen, ohne einen Versuch gemacht zu haben, Sie zu
erlösen ...« Und mit jedem Worte gewann meine Stimme an Festigkeit.
»Sie sind meine Retterin gewesen, ich möchte Ihr Retter sein! Wollen
Sie — mein — Weib werden? ..«
Ich hatte in einem Sturm ihre Hand erfaßt. Sie zuckte in der meinen,
aber sie entzog sie nicht.
»Ich bin nichts« — fuhr ich fort; »vor wenig Tagen war ich ein
Verlorener. Sie haben mich mir selbst zurückgegeben. Ich bin nichts,
aber mit Ihnen vereint, werde ich wieder alles sein. Wir werden mit
vereinten Kräften dieser häßlichen Lage Herr werden. Es wird alles
gut, wollen Sie mein Weib werden?.. wollen Sie ...«
Sie blieb stehn. Ihre Augen weiteten sich, und ihr nach vorwärts ins
Leere gewandter Blick erstarrte. Ihre geöffneten Lippen bewegten sich
— aber kein hörbares Wort kam über dieselben. Nun entwand sie mir
langsam ihre Hand. Nun schlug sie die Hände gegen das Gesicht, suchte
für die Ellenbogen einen Halt auf der steinernen Balustrade, und das
Antlitz fest in die Hände gepreßt, blieb sie regungslos. Nur das
Stürmen ihres Atmens.
»Helene ... Ich liebe Sie, Helene! Ach, wie ich Sie liebe! Sie sollen
glücklich werden, wie Sie es verdienen! Ich schwöre es bei diesen
Sternen, daß ich Sie glücklich machen will ...«
Langsam senkte sie die Hände. Ihr starrender Blick blieb geradeaus
in die Weite gerichtet. Hinter dem Felsen von Monaco war der Mond im
Aufgehen, und trotzig, gewaltig, in schwarzer Silhouette zeichnete
sich dieser Felsen gegen die silbern heraufdämmernde Helle. Ein fahler
Schimmer, der Abglanz des Sternenhimmels, bedeckte die See, doch in
greller Weiße leuchtete der Schaum der Brandung herauf.
Nun löste sich die Starrheit in ein stummes, langsames, verneinendes
Wiegen des Kopfes. Tonlos kamen die Worte über ihre Lippen:
»Sie sind gut. Ich danke Ihnen, o, ich danke Ihnen! Ich weiß, ich wäre
glücklich geworden an Ihrer Seite. Wollen Sie sich an diesem Bekenntnis
genügen lassen? — anderes kann nicht sein — es darf nicht sein!
Kommen Sie!«
Dann nach einigen Schritten fuhr sie in derselben dumpfen und tonlosen
Weise fort, ohne mich anzusehen:
»Ich habe meiner Mama auf ihrem Sterbebette das Versprechen gegeben,
daß ich den Vater nicht verlassen will, daß ich ihm eine Hüterin und
Helferin durch das Leben bleiben will —« Und da ich stutzte: »Daß
Sie ihr, der Verklärten, solches nicht zur Last legen! Ich gab das
Versprechen freiwillig, um ihr über die Qual der letzten Stunde mit
solchem Trosteswort hinwegzuhelfen. Aber wenn ich ihr es auch nicht in
Worten gegeben hätte, hier im Herzen stand das Gelöbnis fest —«
»Sie sollen und dürfen ihn auch nicht verlassen! Wir würden beide
gemeinsam seine Tage behüten.«
Wieder wiegte sie verneinend den Kopf.
»Es war eine unselige Stunde, die mich zu solchem Gelöbnis trieb. Man
muß barmherzig sein. Er befand sich damals vor dem Nichts, und die
höchste Verzweiflung hieß ihn die Pistole von der Wand herablangen ....
Sein Name, sein alter, ehrlicher Name, der zusammenbrach, und Weib und
Kinder, die er in die Tiefen des Ruins mit hinabriß! ...«
Ich zuckte zusammen. Wie ich mich schämte! Wie ich mich jener Stunde
meines Lebens schämte, da auch ich, wenn gleich nur mit den Augen und
den Gedanken, nach einer gewissen Pistole langte. Und ich war doch jung
und wollte mich feige davonschleichen, gerade da das Leben mich zum
Kampfe entbot!
»Man muß barmherzig sein —« wiederholte sie. »Er war krank damals.
Vielleicht ist er es jetzt noch. Man muß Geduld haben. Vielleicht kommt
dennoch ein Tag wo er von diesem unglückseligen System geheilt sein, wo
er der Hölle den Rücken wenden wird. Er mag sehr ferne sein. Noch ist
gar kein Ende abzusehn. Und ich fürchtete fast für dies Ende.«
»Wir werden ihn gemeinsam zu heilen suchen. Friede soll ihm beschieden
sein, auch das schwöre ich Ihnen ...«
»Halten Sie ein ... nicht das! Es müßte ein Wunder geschehn, das ihn so
bald zu heilen vermöchte. Nicht das! Sie gehören dem Leben an, und das
Leben verlangt von Ihnen den ganzen Mann. Alles das würde Ihnen Fesseln
anlegen. Sie müssen fort! Wir werden uns nicht wiedersehen. Es darf
nicht sein! — Leben Sie wohl, lassen Sie mir die Hoffnung zurück, Sie
siegreich aus dem Kampfe hervorgehen zu sehen ....«
Sie blieb stehn, und mir mit der leuchtenden Klarheit ihrer
wundervollen Augen voll ins Gesicht sehend, reichte sie mir die Hand
wieder wie damals, ein Kamerad gegen den andern:
»Versprechen Sie mir, daß Sie tapfer sein wollen ...«
Ich ergriff die Hand mit meinen beiden Händen.
»Tapfer sein und das kostbarste Kleinod zu erringen suchen!« rief ich
flehend. »Helene, Einzige, Geliebte ... Ich will Geduld haben, ich will
mir an Ihrer Engelsgeduld ein Vorbild nehmen! Es muß noch alles gut
werden!«
»Sie werden verkommen, Sie werden verderben unter der Qual dieser
Geduld!« rief sie. »Sie werden es nicht ertragen, für Jahre, auf die
Ungewißheit eines Endes hin, das, was Sie lieben, an den Spieltisch
gebannt zu wissen. Leben Sie wohl! Sie gehören dem Leben an! Darf ich
zum Abschied eine Phrase sagen, die keine Trivialität ist in diesem
Falle: Es hat mich von Herzen gefreut, Sie kennen ge ...«
Sie stockte, ihre Stimme wankte. Sie versuchte zu lächeln, aber zwei
große, schwere Thränen rollten über das zarte Oval ihrer Wangen.
Da entriß sie mir die Hand, und in brüsker Bewegung, wie im Unmut über
den Verrat dieser Thränen, wandte sie sich ab, um zu gehen.
»Helene!« Wie ein Ruf der Verzweiflung klang es.
Ohne sich umzusehen, wehrte sie mir mit der erhobenen Rechten. Zuletzt
glaubte ich ein letztes schwaches Winken zu gewahren.
Wie angefesselt stand ich, mit stieren Augen, starrte noch immer in die
Leere hinein, nachdem längst der Schall ihrer Schritte verhallt und das
Wehen ihres Schleiers in dem nächtlichen Dämmer verschwunden war. Dann
stürmte ich davon.
Ich weiß nicht, wie lange ich, den Kopf in die Hände vergraben, auf
jener Bank in den Anlagen gelegen haben mochte, und wie spät es war,
als ich aus meiner dumpf brütenden Verzweiflung erwachte. Der Mond
stand hoch, das Meer lag in weiter Glanzeshelle gebreitet, der Kies
des Weges glitzerte, und über die großen, taufeuchten Blätter der
Edelpflanzen flutete es in spiegelnden Lichtern. Vor mir lag der
Schatten einer Fächerpalme, unter der ich saß, in scharf gezackter
Zeichnung.
Ich sprang auf. Was war denn? Was sollte werden? »Nichts — nichts —
nichts!« hallte es in mir zur Antwort. Eine ungeheure Öde gähnte vor
mir auf.
Ich wußte, an ihrem Entschluß war nicht zu rütteln. Kein Flehen, kein
Schwur und keine Macht der Überredung hätten das verneinende Wiegen
ihres Kopfes in ein Ja verwandelt. Mein Gehen war ein Muß — oder ...
Nein, hinweg damit! Es war nur eine ganz kurze Versuchung; ich sah
mich wieder vor jenem Nizzaer Waffenladen stehen, ich sah mich in
plötzlichem Entschluß dort eintreten und mit der Pistole in der Tasche
eine einsame, von einer Palme beschattete Bank wie diese da aufsuchen.
Ah, wie widerlich, wie häßlich! Baut sie denn nicht auf mich, daß
ich tapfer sein soll? Bin ich denn nicht ein Mann? Bedarf ich der
Stütze eines Weibes, um mir meinen Weg zu suchen? Habe ich ihr nicht
zu beweisen, daß ich ihrer und ihrer Liebe wert gewesen wäre? Auf und
fort von hier! Das Leben verlangt nach mir! Sie hat recht! Das Nichts,
das ich bin, soll wieder ein Etwas werden. Vielleicht ist dennoch eine
Spur der Hoffnung! Vielleicht, wenn ich später einmal wieder vor sie
hintrete ... Ah, daran wage ich nicht zu denken, jetzt nicht!
Wie ich aus den Büschen trat, sah ich das Kasino vor mir aufragen.
Keine Phantasie eines orientalischen Märchenerzählers hätte
Prächtigeres zu ersinnen vermocht als dies üppig-graziöse Ziergebilde
der Architektur, wie es dort im magischen Schein des Mondlichtes wie
hingezaubert stand. Aber ein ungeheurer Zorn erfaßte mich bei dem
Anblick. Der Teufel war sein Baumeister, Thorheit heißt sein Fundament,
Habgier und Verzweiflung lieferten das Material, und der Kitt bestand
aus Thränen — hei, und wie hat das Laster den Rohbau so wundervoll
übertüncht und verziert! Und ich hob die geballte Faust empor und
schleuderte eine laut gellende Verwünschung gegen das Gebäude.
* * * * *
Ich hatte mich losgerissen, ohne einen Versuch, sie noch einmal zu
sehen. Der Zug, den ich bestiegen, sollte mich über Savona nach Mailand
bringen, von wo ich die Weiterreise nach Deutschland fortzusetzen
gedachte. In Porto Maurizio erwartete uns eine Überraschung. Es hatte
vorwärts dieser Station ein Felssturz stattgefunden, und der Bahndamm
war auf eine Strecke weit von Trümmern überschüttet. Die Aufräumung
würde mindestens einige Tage in Anspruch nehmen. Aber für den, der
weiter wollte und mußte, war mit Aufopferung eines halben Tages
die nächste Station auf dem Landwege zu erreichen, auch sollte von
morgen ab von jenseits der Unglücksstelle ein bereitstehender Zug die
Reisenden weiterführen. Kurz, das materielle Hemmnis zur Weiterreise
war nicht von Belang.
Warum verschmähte ich nun diese Gelegenheiten? Warum nistete ich
mich nun in Porto Maurizio ein? Etwa weil die romantische Lage des
Ortes und seine üppigen Orangenhaine mich fesselten? Jetzt in dieser
Seelenstimmung? War es ein naiver Aberglaube, daß eine höhere Macht
mir durch diesen Sturz Halt gebot? Ja, mich umkehren hieß? War es eine
letzte Anwandlung der Schwäche, die mich plötzlich lähmte und mich
sehnsuchtskranken Herzens hier, nicht allzu weit von dem Ort meines
Verhängnisses, festbannte?
Ich blieb zwei Tage in Porto Maurizio; dann beschloß ich, den Weg
über Marseille zu nehmen. Ich erinnerte mich plötzlich, daß es nicht
ohne Nutzen für meine geschäftliche Rehabilitierung wäre, wenn ich
durch mein persönliches Erscheinen in dieser Handelsstadt gewisse
kaufmännische Beziehungen auffrischte und von neuem stärkte.
Nein ich wollte nicht in Monte Carlo halten! Ich hatte mir ein direktes
Billet nach Marseille genommen. Eine unwiderstehliche Versuchung hieß
mich dennoch aussteigen und noch einmal die Hölle betreten. Ach, mich
dürstete so nach einem letzten Blick aus ihren Augen — ach, nur auf
wenige Minuten die süße Qual ihrer Nähe zu genießen! Dann wollte ich ja
gehen, wohin mich das Geschick entbot.
Ich suchte an allen Tischen. Sie war nicht da. An einem derselben sah
ich ihren Vater sitzen. So mochte sie draußen weilen, obgleich die
Nacht schon heraufgebrochen und die Laternen schon angezündet waren,
als ich das Kasino betrat. Oder ich würde sie im Konzertsaal finden
— nein, ich wollte ihr ja nicht gegenübertreten! Ich mußte ihr und
mir solche Begegnung ersparen! Vielleicht kam sie bald herzu, und ich
durfte sie aus meinem Versteck beobachten. Weiter nichts!
Noch nie war mir die Luft hier so erstickend schwül vorgekommen, noch
nie so unheimlich das fahlgrüne Dämmerlicht. Die Spieler mit ihrem
gierigen Hinundherhasten, und im Gegensatz dazu die Croupiers in
ihrer unbegreiflichen Geschäftsruhe, alles das erschien mir in solch
häßlicher Verzerrung. Ich meinte, unter Gespenstern zu weilen. Der
Anblick Herrn Werlers erfüllte mich mit Jammer. Er arbeitete wie im
Fieber, als gälte es die Rettung seines Systems. Seine kleinen grauen
Augen flackerten, und die mit geschwollenen Adern bedeckten Hände
fuhren in einem nervösen Tasten umher, rückten an den Büchern, schoben
und verschoben die Goldhaufen. Er setzte nicht jedesmal, aber mit einer
angstvollen Spannung beobachteten seine Blicke das Rollen der Kugel.
Jetzt erst bemerkte ich, daß auch bei den anderen Spielern eine
größere Erregung herrschte. Ich hörte, wenn die Kugel einspielte, Rufe
des Staunens, ja der Entrüstung. Von den benachbarten Tischen kamen
Neugierige herbei. Eine Äußerung eines Umstehenden gab mir Aufschluß.
»Das ist ja zum Verzweifeln! Unerhört! Schon zweiundzwanzigmal wechselt
=rouge= und =noir=!«
Es war eine jener tollen Launen des Spiel-Dämons, mit denen er all
den Hoffnungen und Berechnungen ein Schnippchen schlägt. Wenn schon
jene einfarbige Serie, wo eine Farbe bis zu dreißigmal hinter
einander einschlägt, die Spieler ratlos macht, wie viel mehr eine
jener alternierenden Reihen, wo =rouge= und =noir= in staunenswerter
Konsequenz miteinander abwechseln.
Und immer noch =rouge=! Und immer noch =noir= das nächste Mal! Die
Aufregung wuchs, es wurde nur noch vereinzelt auf Farben gesetzt. Herr
Werler wiegte wie verzweifelt den Kopf. Er notierte nicht mehr. Solange
die Kugel rollte, hielt er den Bleistift zum Aufzeichnen bereit. Es
mußte doch anders werden! Und =rouge=! Und wieder =noir=! Jedesmal warf
er in fast wütender Gebärde den Stift wieder auf den Tisch.
Bis zum vierunddreißigstenmal hatte die Scene gedauert. Da schlug
=zéro= ein. Ein Ah! der Erlösung hallte in der Runde, als wäre alles
von einem unheimlichen Alp befreit.
Zwei Louis standen auf =zéro=. Es erfolgte jene Säuberung des ganzen
Tisches von allen Einsätzen, und dann wurden von der Bank zwei Stöße zu
je fünfunddreißig Louis dem Gewinner hingeschoben.
Es mußte nur =ein= Gewinner sein, sonst hätte einer von zweien
wenigstens einen Teil seiner Summe zurückgezogen. Aber es blieb alles
stehen — nun, warum nicht? Ein beherzter Spieler!
Sofort, durch die Zuversicht ermutigt, die der unbekannte Spieler
zeigte, regnete es Gold und Silber auf die =zéro=. Drei Minuten der
Spannung, dann verkündete die dumpfe Stimme des Croupiers abermals —
=zéro=.
Allgemeine Bewegung.
»Welche Chance!« rief man. »Nein, welch ein Glück!«
Zuerst wurden die kleinen Gewinne ausgezahlt. Dann schob die Bank Stöße
auf Stöße voll Goldstücke auf den Haupttreffer. Von beiden Seiten des
Tisches geschah es, und es dauerte eine Weile, bis der Gewinn beisammen
lag. Es war ein großer Goldhaufen.
»Mein Gott, mein Gott!« rief eine naive Zuschauerin, die Hände
zusammenschlagend.
»Es sind zweitausendfünfhundertzwanzig Louis!« hatte einer ausgerechnet.
»Ein Vermögen! Nein, welche Chance! — Wo ist er denn?«
Aber keine Hand rührte sich, den Gewinn einzuheimsen. Unangetastet
blieb der Goldhaufen, lag da auf der leeren Fläche des =zéro= als eine
glänzende, gleißende Masse.
Eine Minute lautloser Stille. Dann erhob sich ein Gemurmel; das
Erstaunen steigerte sich. Man sah sich seine Nachbarn an, man fixierte
die Gesichter der Gegenüberstehenden, wo denn dieser Verwegene sich
befände?
»Unbegreiflich! Wo ist er denn? Heda, wo ist der =zéro=-Mann?«
Und aller Augen waren auf die Goldmasse gerichtet, lüstern,
begehrlich, gierig, voll brennenden Heißhungers. Manchem zuckte es in
den Fingern. Es war, als wollte der Goldhaufen sie alle höhnen mit
seinem Gleißen; — das Gleißen schien an Glut zuzunehmen, als läge
dort ein Haufen glühender Kohlen. Es war der Gottseibeiuns selbst, der
für seine eigene Rechnung gespielt hatte und der sie nun alle mit dem
Anblick des Goldes reizen, versuchen, zum besten halten wollte ....
»Er ist verrückt! Er ist wahnsinnig!« schallte es.
»Es ist zum Verzweifeln! Es ist, um selber wahnsinnig zu werden!«
schrie einer, wie um sich Luft zu machen aus der Qual solchen Anblicks.
Aber niemand, der sich meldete. Schwer und stumm, in brutaler
Aufdringlichkeit breitete sich das Gold auf dem Tisch.
Das Gerücht hatte sich den anderen Tischen mitgeteilt. Zuschauer
stürzten herbei, um das Schauspiel zu genießen.
»Aber, mein Gott, was ist da weiter?« näselte ein Dandy; — »so muß man
es doch machen, um eine Bank zu sprengen!«
»Dumm, sehr dumm!« meinte ein anderer. »Ich würde doch nicht gerade die
=zéro= nehmen!«
»=Faites votre jeu!=« drängten die Croupiers. Der eine derselben war
ganz ungeduldig: lag es doch im Interesse der Bank, daß der rätselhafte
Spieler sich nicht meldete oder nicht fand. Eine dritte =zéro= war wohl
nicht zu erwarten, und so stürzte der ganze Goldhaufen wieder in den
Abgrund zurück.
Wenige Einsätze wurden riskiert. Da, mitten in die Aufregung hinein,
ertönte das ganz monotone, das empörend gleichgiltige:
»=Le jeu est fait! Rien ne va plus!=« Cynisch lächelte der Rufer.
»A—h!« Ein allgemeines Ah! Es war soviel Schadenfreude dabei, das Gold
wieder verschlungen zu sehen.
Die Kugel rollte, rollte und fiel dann mit einem knarrenden Poltern
hinab.
Atembeklemmende Stille ringsum.
»=Zéro!=« flüsterte der Beamte. Man hörte es kaum.
»Was — =zéro=? Abermals =zéro=?«
»=Zéro!=« bestätigte der Beamte lauter, mit einem Achselzucken.
Ein Sturm brach los.
»Die Bank ist gesprengt! Heidi, die Bank!« rief man. Es war ein
allgemeiner Jubel. Mit höhnischen Blicken musterte man die Beamten,
aber keine Miene zuckte in einem dieser verhärteten Gesichter. Einer
warf die trockene Bemerkung hin, die Bank hätte ja die Summe nicht
anzunehmen gebraucht, wenn sie nicht gewollt hätte.
In aller Ruhe wurden die kleinen Gewinne ausbezahlt; da kamen auch
schon zwei Beamte mit einer Kassette heran. Einer trug sie, der andere
diente als Wache.
»Eine Million achtmalhundertvierzehntausendvierhundert Franken!« rief
der Rechner von vorhin.
»Zwei Millionen! Unglaublich! Und das mit dreimal =zéro=! Der Teufel
hat seine Hand darin!«
Die Kassette wurde geöffnet, und die Beamten machten sich daran, die
eine Million achtmalhunderttausend in Banknoten abzuzählen. Es dauerte
eine gute Weile.
»So ein Zeitverlust wegen solch einer Lappalie!« rief ein wütender
Spieler. »=Allons, faites votre jeu!=«
»Stille!« gebot man von der Bank her.
Nun stand einer der Croupiers auf, die Hände voll blauer und grüner
Banknoten. »Pardon, meine Herren!« Dann legte er mit einer seltsam
elegant nachlässigen Geste einen Haufen zusammengefalteter Päckchen
neben dem Golde nieder.
Und nun das Schlußstück dieses wundervollen Schauspiels! Nun wird man
ihn, den Tollkühnen, den Wahnsinnigen, den vom Teufel Besessenen,
endlich hervortreten sehen, um seine Millionen in Empfang zu nehmen!
Irgend ein excentrischer Lebemann, der mit kältester Ruhe der Welt
seinen Arm nach dem Mammon ausstrecken wird, um die Banknoten, als
wären es Zeitungsnummern, einfach in seine Taschen zu stopfen, und mit
dem klingenden Golde — es ist so unbequem zu transportieren — die
Chancen des Tisches zu überschütten. Eine Sehenswürdigkeit! — er wird
fortan in den Annalen des grünen Tisches als Berühmtheit fortleben!
Aber wo ist er denn? Zum Teufel, warum stellt er sich nicht ein? Heran
mit ihm! Heran — damit das lange verhaltene Hallo der Menge endlich
ausbrechen kann!
Fiebernde Spannung ringsum; selbst die Beamten der Bank können ihre
Neugierde nicht verbergen. Aber niemand — niemand! — herrenlos
bleiben die Millionen liegen ....
»Es ist eine Komödie der Bank —« flüstert jemand, — »sie hat selber
gesetzt, um ein Aufsehen zu machen und die Spieler anzureizen.«
Ja, was soll man anderes glauben? Oder hat der Unbekannte seine zwei
Louis gesetzt, um sich in seinem Übermut gar nicht mehr darum zu
kümmern? Das kommt öfter vor. Die Kunde wird ihn aber da draußen, wo er
jedenfalls sitzt und seinen Kaffee schlürft, bald genug erreichen ...
Ich hatte während dieser ganzen Aktion Herrn Werler nicht aus den Augen
verloren. Seit dem dritten =zéro= saß er wie vernichtet. Seine starren
Augen irrten in der Runde wie in einer Leere umher! ratlos trommelte
die eine Hand auf der Tischplatte. Hatte denn diese dreifache =zéro=
sein System — zum wievieltenmal? — zu Falle gebracht? Nun und die
Absonderlichkeit der voraufgegangenen Serie und das sensationelle
Ereignis der herrenlosen Millionen! — im Fluge fiel mich der Gedanke
an: sollte er dennoch von einem schlimmeren Wahne befallen sein, als
seine Tochter es ahnte? Sollte er die beiden Louis gesetzt haben und
zögerte nun, in dem Wahnsinn seines Trotzes, das Gold von des Teufels
Gnaden anzunehmen? Ah, ein Unsinn! Eine Idee, wie sie nur diese
aufgeregte Stunde in mir erzeugen konnte!
Immer noch niemand! — Schon forderte die Bank zum neuen Spiel auf.
Da erhob sich der Obercroupier, ein überfeiner, geschniegelter Herr,
der bisher in allem Sturm mit der Unbeweglichkeit einer Wachsfigur
dagesessen hatte. Das Lorgnon in der halb erhobenen Rechten, fragte er
mit seiner hohen Stimme: »=A qui la masse?=«
Schweigen, Achselzucken ringsum.
Und nochmals lauter: »=A qui la masse?= — Die Summe bleibt natürlich
aus dem Spiel. Sie steht noch eine Viertelstunde dem Gewinner
zur Verfügung und wird, falls er sich nicht meldet, von der Bank
zurückgezogen.«
Noch ehe er geendet, entstand an dem Ende des Tisches, dicht vor den
angehäuften Millionen, eine Erregung. War jemand in Ohnmacht gefallen?
Es war der winzige, fast zur Unscheinbarkeit zusammengesunkene Körper
einer alten Dame, der eine seltsam gleitende Bewegung gemacht hatte,
als wollte er gänzlich unter den Tisch rutschen.
»He, Madame?! Madame!«
Umsonst alle Fragen und alles Rütteln. Der Kopf, den eine Art Haube mit
zerknitterten und verschossenen Bändern bedeckte, war ganz vornüber
genickt. Man wollte ihn aufheben, da fuhr eine der Damen, die sich um
die Kranke bemühten, mit einem Schrei empor. Ein Paar so unheimlich
glasige Augen hatten sie aus den Falten eines wachsfarbenen, verzerrten
Antlitzes angestarrt ....
»Ein Arzt! Ist vielleicht ein Arzt da?«
»=Faites votre jeu, messieurs!=«
Eine Ohnmächtige! — die Luft ist so schlecht hier im Saal, und die
ungeheure Aufregung — dergleichen kommt wohl vor. Es hat nichts zu
bedeuten. Man muß sie nur fortschaffen. Der Anblick stört das Geschäft!
Jetzt ist ein zufällig anwesender Arzt damit beschäftigt, den
Zustand der Ohnmächtigen zu untersuchen. Steif und schwer sinkt das
ausgestreckte Ärmchen, dessen Hand noch so eigenartig gekrallt ist, als
wäre sie eben im Begriff gewesen, aus einem Goldhaufen zu schöpfen, auf
den Tisch nieder. Der Arzt zieht langsam Schultern und Brauen empor,
und mit einem seltsam verlegenen Lächeln flüstert er ein Wort.
»=Rien ne va plus!=« schallt es von der Bank her.
Und das Wort des Arztes wird von diesem Ruf übertönt. Aber dennoch hat
man es verstanden. Etwas Fürchterliches, Unheimliches! Von Mund zu Mund
fliegt es sofort, und die aufgeschreckten Augen bestätigen es.
Tot!
Der Tod an dem Roulette! Das Schicksal, das einen Menschen vom grünen
Tisch jäh hinwegzerrt, da er eben seine gierig zitternde Hand nach
ein paar elenden Goldstücken ausstrecken wollte! — Doch nicht etwa
nach jenen Millionen? Nun, man ist nicht sicher; aber später, als die
Aufregung sich gelegt, als die Millionen längst wieder von der Bank
zurückgezogen waren, wollten benachbarte Spieler sich erinnern, daß
jene beiden Louis von einer gewissen winzigen Hand auf die =zéro=
vorgeschoben worden waren. Die Hand gehörte einer Marquise M., einer
der eifrigsten Habitués des grünen Tisches. Welch eine grauenerregende
Tragikomödie des Schicksals!
Tot! — Zuerst lähmendes Entsetzen, das aller Mienen und Gebärden
gefangen hält. Und nur das laut knarrende Rollen der Kugel in dem
Roulette.
»Es ist nichts, eine Ohnmacht!« will einer der Beamten beschwichtigen.
Eine ganze Schar von Dienern und Beamten ist schon damit beschäftigt,
in widerlicher Eile den Körper der Toten wegzuschaffen. Vorsichtig,
damit die an den anderen Tischen nichts merken, damit das Geschäft
keine Unterbrechung erleidet. Was ist weiter? Es fallen so viele Opfer
in Monaco — laßt einmal eines auf der Wahlstatt selbst erlegen sein!
Das Entsetzen wächst. Alles hat sich erhoben; aber viele Spieler
wollen dennoch ihren Gewinn nicht im Stich lassen: »Es ist nur eine
Ohnmacht ...« Mit einem verlegenen Lächeln der Scham streichen sie ihre
Goldstücke ein, welche die Bank hastig auszahlt, und machen sich davon.
Aber die Bank wagt es doch nicht, ein neues Spiel zu eröffnen.
Ratlos, flüsternd, achselzuckend stehen die Beamten am Tische,
der von den Spiellustigen gemieden wird. Das Ereignis hat an den
anderen Tischen keine Störung hervorgerufen, doch die scheuen Blicke
fliegen nach der Stätte des Unglücks hinüber, wo auf der ungeheuren
Leere der grünen Fläche immer noch die Millionen harren, grell von
dem orangegelben Licht der großen Lampe beleuchtet. Dort sieht man
auch die geschniegelte Wachsfigur des Obercroupiers stehen, der mit
scharfen Polizeiaugen den Mammon hütet; von Zeit zu Zeit nimmt er
seinen Remontoir aus der Tasche; bald wird die angesagte Viertelstunde
verstrichen sein, dann werden die Beamten die Millionen weggeräumt
haben, die letzte Erinnerung an diese »Störung des Geschäftsbetriebs«
— und dann wird der Teufel wieder sein »=Faites votre jeu!=« ausrufen,
als wäre nichts geschehen!
Solches also mußte sich ereignen, damit das System Herrn Werlers zum
Auffliegen gebracht wurde!
Der alte Herr hatte sich mit den anderen erhoben. Totenblässe bedeckte
sein verstörtes Antlitz, und seine Augen drückten äußerstes Entsetzen
aus. In mechanischer Bewegung hatte er einen Teil seiner Bücher und
Listen zusammengerafft, den an seinen Stuhl lehnenden Krückstock
ergriffen und schickte sich an, mit dessen Hilfe den Saal zu verlassen.
Das war nicht so leicht auf der tückischen Glätte des Parketts. Zehn
Schritte mühte er sich vorwärts, dann blieb er stehen, sich mit
hilflosen Blicken nach seiner Tochter umsehend. Seine gebückte Gestalt
schien zu wanken — ich war herzugesprungen.
»Herr Werler, darf ich Ihnen helfen?« Und ich bot ihm meinen Arm.
Er sah mich mit ängstlichem Erstaunen an. Da bemerkte ich, daß er
einiges von seinen Aufzeichnungen hatte fallen lassen. Ich bückte mich,
um ihm das zuzustellen.
Mit einer heftig abwehrenden Gebärde, die fast wie ein Abscheu aussah,
wies er die Heftchen von sich. Etwas wie ein »Nimmermehr!« entfuhr ihm.
»Sie dürfen ruhig meinen Arm annehmen —« beruhigte ich ihn. »Ich
habe die Ehre, Ihr Fräulein Tochter zu kennen. Sie muß Ihnen von mir
erzählt haben,« wie sie sagte — »Thomas Born,« stellte ich mich vor.
»Wir werden die Dame sicherlich draußen treffen.«
Er ließ es ruhig geschehen, daß ich, seinen Arm kräftig unterstützend,
ihn hinaus begleitete.
Die Kunde des Unfalls mochte schon bis in den Musiksaal gedrungen sein.
Wir sahen Helene plötzlich in angstvoller Hast aus der Thür dieses
Saales stürzen. »Es ist einer an dem Roulette vom Schlag getroffen
worden!« Dies herumfliegende Gerücht hatte sie, von plötzlichem Schreck
erfaßt, aufspringen heißen. Es konnte — konnte der Vater sein ...
Gottlob, da war er ja! Und von der Freude, ihn wiederzusehen, ward
fast das Staunen verdeckt, mich als seine Stütze zu erblicken. Nur ein
kurzes, schnelles »Herr Born!«, dann sofort die gewohnte Beherrschung.
»Ah, wie danke ich Ihnen, mein Herr!«
Aber die Röte, die verräterische Glühröte ihres lieben, lieben
Gesichtes ...
Sie hatte statt meiner die Führung übernommen.
»Was ist Dir, Vater? Ist Dir nicht wohl?«
»O doch ... wohl, sehr wohl!« Es klang wie eine Erlösung. »Komm, wir
wollen gehen.« Und nach ein paar Schritten: »Wir wollen fort ... es ist
genug ... Wir wollen reisen, hörst Du?«
Wer beschreibt den fragenden Blick des Staunens, des Zweifels, der
verhaltenen Freude, den wir beide über den Kopf des Vaters hinweg uns
zuwarfen?
* * * * *
Jahre sind seitdem vergangen. Die Erinnerung an all die häßliche
Widerwärtigkeit jener Tage ist längst verblaßt unter dem Sonnenschein
unseres Glückes. Aus dem »Nichts« ist ein Mann erstanden, der
mit Ernst und Thatkraft die Geschicke der Seinen meistert. Aber
das Selbstbewußtsein, das er aus dem wachsenden Gedeihen seiner
Unternehmungen schöpft, will sich gerne dem Bekenntnis unterordnen, daß
nur die Kameradschaft des tapfersten und prächtigsten Weibes ihn so
freudigen Mutes im Kampfe des Lebens streiten heißt.
Herr Werler ist von seinem Hirngespinst geheilt, von allen
Hirngespinsten, mit denen wir armen Erdenwürmer uns selbst die Ruhe
unserer Seelen vergiften. Er ist in einen besseren Frieden eingegangen,
als der war, den ihm unsere Pflege und Aufopferung bieten konnte. Er
hielt sich in der Stille mit seinen Gedanken, aber das freundliche
Nicken seines Kopfes und der Sonnenschein, der zuweilen seine
verhärmten Züge verklärte, sagte uns deutlich: »Ihr seid im richtigen
System! Haltet fest daran! — mit der Liebe und Treue als Einsatz
werdet ihr stets Gewinner bleiben!«
Er trinkt!
[Illustration]
Er gedieh nicht; ein Jammer anzusehen, wie das arme Kerlchen von Tag
zu Tag immer mehr dahinsiechte. All den Ratschlägen der Tanten und
Gevatterinnen, all der Ratlosigkeit des Arztes und meinem verzweifelten
Zureden und den bitteren Thränen seiner armen kleinen Mama zum Trotz.
Es schmeckte ihm nichts, nichts. Er wollte weder von den erstaunlichen
Pausbacken wissen, die ihm die verschiedenen künstlichen Nahrungen
garantierten, noch von der versiegelten und täglich gleichsam immer
neuvereideten Reinheit der Kuhmilch aus dem Musterstall. Wir hatten es
mit einer Amme versucht; die war gleich am dritten Tag mit der Köchin
in handgreiflichen Streit geraten, und der Arzt verbot die Nahrung von
solch einer cholerischen Person.
Dabei so artig, fast ohne einen Laut in sein Schicksal ergeben, nur daß
er das Mündchen in den Ecken wie zum Weinen herabzog und mit dieser
Miene stumm dalag, uns allen ein Vorwurf. Und das Flehen seiner großen
runden, braunen Augen! Ja, es war ein Jammer, anzusehen, wie meine
arme Frau zugleich mit ihm verkümmerte!
Eines Tages klingelt es mörderlich. Die Res’! Sie will ’mal
nachschauen, wie es geht, na und der Bub’ — »wo is er, der Bub’?«
Kaum, daß sie sich Zeit nimmt, uns guten Tag zu sagen, da will sie auch
schon den Bub’ sehn. Und nun tapste sie mit ihren dicken Bauernschuhen
über das Parkett, nach der Kinderstube hin.
Welch ein prächtiges Weib! Eine hohe, üppige Gestalt, nicht hübsch von
Gesicht, aber voll fröhlichen Lebens, mit lachenden Blauaugen; ein
Hauch von Gesundheit wehte jedesmal mit ihr herein, wenn sie kam.
Die Dankbarkeit lag ihr so im Blut. Ihren Eltern war von meinen
Schwiegereltern gutes geschehn; ich glaube, ihr Vater war auf Abwege
geraten und hatte gesessen. Als er herauskam, da brachte es der
Schwiegerpapa, der Arzt an dem kleinen Orte war, fertig, ihn langsam,
aber mit Hartnäckigkeit wieder in die Achtung der Leute einzusetzen;
so machte er einen brauchbaren Menschen aus ihm. Auch sonst schlug der
Makel in einen Segen um; die drei Töchter waren gut verheiratet, die
Res’ an einen Schmied in einem rheingauer Dorf.
Gut also, der Bub’! Sie gratuliert auch noch, sie hat ihn noch
nicht einmal gesehn, extra des Bub’ wegen ist sie gekommen. Wie die
Spitzenhülle von dem Bettchen aufgehoben wird und sie das kleine
jämmerliche Gesichtchen gewahrt, das fast in dem verschobenen Häubchen
verschwindet, da stutzt sie. Gleich aber faßt sie sich: — ein
Stadtkind! Die sind alle blaß und gebrechlich, das ist vornehm! — sie
darf dabei doch auch nicht an einen gewissen feisten, robusten Burschen
daheim denken, den sie mit seinen acht Monaten im Bettchen festbinden
müssen, damit er nicht ausbricht, und der neulich fast eine Katze mit
seinen Fäustchen erdrückt hätte.
»Ein sauberer Bub’ —« sagt sie zögernd, mit einer gewissen
Verlegenheit — »ein prächtiger Bub’« wäre eine Lüge gewesen — aber
»sauber«, dagegen ist nichts zu sagen und — »ein hübscher Bub’!« Sie
meint gewiß die Augen, ganz die Augen meines Weibes.
»Gelle!« macht sie, mit dem breiten Zeigefinger das blasse Bäckchen des
Kindes betupfend, »gelle — gelle!« Aber nichts erfolgte zur Antwort
als ein Herabziehen der Mundwinkel, dazu die vorwurfsvolle Duldermiene.
Meine kleine Frau brach in Thränen aus; bald wußte die Res’ den ganzen
Jammer. »Naa — naa — naa« — es geht ihr selbst zu Herzen, und sie
schüttelt immer wieder den Kopf, daß die grellbunten Zeugblumen auf
ihrem runden Strohhut zittern.
Später, nachdem sie sich zu dem Frühstück hatte nötigen lassen, fuhr
sie plötzlich, gleich nach den ersten Bissen, die ihr nicht recht zu
munden schienen, heraus: »Wenn ich euch helfe’ dhät’?« sagt sie, mit
einem verschmitzten Zwinkern der Augen. »Wenn ich euch helf’ — wart’,
ich helf’ euch!«
Sie legte das Messer klirrend auf den Teller, und ihre Augen strahlten
uns an vor Freude. Ja vor Freude über das Rettungsmittel, das sie für
den Kleinen gefunden, fiel sie nun mit einem wahren Arbeiterappetit
über das Frühstück her.
Wir begriffen nicht, was sie meinte, nicht das Allereinfachste,
Natürlichste; statt aller Antwort zwinkerte sie nur wieder mit den
Augen, dann stand sie bald auf und empfahl sich — die Idee läßt ihr
keine Ruhe.
Zwei Tage nichts. Am dritten Tage war sie wieder da, diesmal mit
einem vorsichtigen Klingeln, wegen des Bub’. »Da bin ich!« rief sie
hochatmend, sie war so geeilt — als wenn die Idee solche Eile machte!
Sie stupfte ein Bündel in die Flurecke, der Mann brächte das andere.
Na, ob wir denn nicht begriffen? Sie war ganz verwundert, wie verdutzt
wir dastanden. — »Wollt ihr mich denn nit habbe’?« fragte sie, die
Arme mit den Handrücken in die Seiten gestemmt. »Ich bleib’!«
Damit, schon ganz bei uns zu Hause, legte sie schnell ab und eilte, das
Tapsen der Bauernschuhe dämpfend, nach der Kinderstube hin.
Sie blieb in der Thüre stehen: »Ach du mein!« Da saß die Kindermagd,
den Kleinen auf dem Schoß, und versuchte ihm mit einem Löffelchen
den Brei beizubringen, er aber sträubte und wand sich mit einer Art
Entsetzen. Gleich darauf hatte die Res’ mit einer fast entrüsteten
Gebärde den Brei zur Seite geschoben, dann nahm sie der erschrockenen
Magd den Kleinen vom Schoß: »Komm, Bubbche’! Gelle, mir zwei beid’, mir
schaffe’s!«
Sie flüchtete mit ihm in die Nebenstube. Wir waren immer noch stumm vor
Verwunderung. Anfangs schien er sich da drinnen auch zu widersetzen,
er weinte, sie beruhigte ihn. Plötzlich war es ganz still. Eine
so seltsame, feierliche Stille. Dann hörten wir das Schmecken und
Schlecken seiner kleinen Lippen, immer lauter, immer gieriger. Zuweilen
hielt er mit einem Aufatmen der Befriedigung inne, gleich aber, mit
einem feinen Gröhlen der Ungeduld über die Versäumnis, schnabulierte er
weiter.
Er trinkt! der Junge trinkt! — Als wenn ein hochwichtiges Ereignis das
ganze Haus in bebender Spannung hielte. Gott gelobt, es schmeckt ihm
wieder! Mein Frauchen sank mir mit Thränen der Rührung und Freude an
die Brust.
Es dauerte eine gute Weile, bis die Res’ wieder erschien. Sie war
selbst rot vor Glückseligkeit über den gelungenen Streich. Sie stand
in der Thür, und mit erhobenen Armen, wie triumphierend, hielt sie uns
das Knäblein hin; freudig lächelnd nickte sie uns zu »Gelle ...«
Das Gesichtchen des Kleinen blühte in einem zarten Rosa, fast schien
es, als hätten seine Bäckchen schon zugenommen. Jetzt reckte und dehnte
er sich, bald darauf neigte sich sein Köpfchen zum Schlaf.
Wie kräftig er schlief nach solcher Mahlzeit! Wie wohlig er atmete! Wie
wir Großen den Atem anhielten, daß er nicht aufwachte! Flüsternd ward
die Unterhaltung geführt. »Ich bleib’!« sagte die Res’, und sie war
erstaunt, daß wir das nicht ganz natürlich fanden.
»Aber Res’, liebe gute Res’, dein Junge! du kannst doch nicht
abkommen?« wehrte meine Frau.
»Nix da! ich bleib’! Ob ihr mich habbe’ wollt oder nit! Der Bub’
soll mich schon habbe’ wolle’. Mei’ Jung — ach der Kujon der! der
Spitzbub’! Der hat genug kriegt. Bub’, jetzt kommt ’e Anneres ’ran,
bis’ still, sagt’ ich, weil er flennen wollt. Jetzt kriegste Fleisch
un’ Wei’, gelle! sagt’ ich. Kiedricher Ausles’!« Und sie lachte. »Jetzt
kann er sich mit dem Spitzbub’ plag’n (sie meinte ihren Mann), ich
bleib’! hier gehör’ ich hin, nit anners!«
Zuletzt wollte sie ärgerlich werden, daß wir so viel Wesen machten. Es
war so selbstverständlich: — sie bleibt und damit fertig!
Und sie blieb. Der Bub’ hätte gewiß nicht anders entschieden, wenn er
befragt worden wäre. Er regalierte sich so. Sichtlich lebte er auf. Die
Bäckchen begannen sich zu runden, und die gelbliche Blässe verschwand;
seine Augen strahlten fröhlich — o er spielte den Großmütigen, nun, da
er im Vollen saß, und er trug uns nichts nach, uns anderen!
»Er«, der Mann, erschien nicht, wie sie verkündet, um ihre Sachen zu
bringen. Er hätte zu viel »ze schaffe«, ließ er sagen. Statt dessen
erschien der Lehrjunge, ein langes Geschöpf mit losen und schlenkernden
Gliedmaßen, mit einem merkwürdig kleinen Kopf und ungeheuren
schwärzlichen Händen, die mit Narben und Rissen bedeckt waren.