Des Kaisers Fünf

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»Numero zwei!« sagte mein Vater und tippte mir von hinterrücks mit dem

Finger auf die Schulter, während sein Kopf nach dem offenen Fenster

hinübernickte, mit einem feinen wetternden, ironischen Ausdruck um die

bartlosen Lippen, der mir überhaupt nie gefallen hatte.

Das Fenster unserer gemeinsamen Kontorstube stand auf, und über die im

Sonnenduft flimmernden Gärten hinweg kam aus der Ferne in regelmäßigen

Pausen ein dumpfer Donnerhall.

»Hm!« nickte ich mißmutig dagegen, nur kurz aufschauend. Es war an

diesem Tage wirklich viel zu thun in der Korrespondenz, und ich duckte

den Kopf mit emporgezogenen Schultern wieder tiefer auf meine Arbeit

nieder. Sehr hübsch und patriotisch von Papa, daß er sich die Zeit nahm

und nun halblaut die fernen Kanonenschläge zu zählen begann!

»Das laß ich mir doch gefallen — so ein Prinz Wilhelm! — Nun schon

der zweite binnen Jahresfrist!« fing er wieder an, offenbar durch

mein gleichgültiges Wesen geärgert. »Bum! Achtzehn — neunzehn! — Wie

deutlich man den Schall diesmal vom Lustgarten her vernimmt — zwanzig!

— ich dächte im vorigen Jahr, bei dem ersten Prinzen, klang es nicht

ganz so klar herüber —ein—und—zwanzig—zwei—und—zwanzig —«

Ja, ich war ärgerlich, ich vermochte nicht in meines Vaters Jubel

einzustimmen. War dieser Jubel ein rein sachlicher und die Begeisterung

für das kräftige Gedeihen des Hohenzollernstammes nicht etwa

absichtlich übertrieben, in Anbetracht seiner sonst so ruhigen und den

mancherlei Fährnissen des Lebens gegenüber nicht aus dem Gleichgewicht

schlagenden Art? O ich merkte es wohl: es geschah mir zum Tort! —

eine herrliche und eindringliche Gelegenheit, mir meine beharrliche

Kinderlosigkeit aufzutrumpfen ....

Mir und meinem herzigen, lieben, braven Frauchen, die gewiß ebenso und

noch mehr darunter litt, daß sich über unserm Dache immer und immer

noch kein Rauschen von Storchesflügeln einfinden wollte. Denn seit

vier Jahren harrten wir dieses Rauschens. Und die ganze Familie mit

uns. Ich konnte es meinem guten Vater nicht verargen, wenn ihm diese

Großpapahoffnung all sein Fühlen und Denken immer eindringlicher und

hartnäckiger versetzte. Stand doch auch die Zukunft unseres alten

Geschäftshauses in Frage — unser Stamm würde mit Papa und mir

aussterben, wenn auch der Name bliebe, denn wir trugen, obgleich in

Berlin eingewandert, einen in der Berliner Luft sehr verbreiteten Namen.

Aber was war zu thun? Geduldig weiter zu harren und zu hoffen! Wenn nur

nicht der Kummer über das ausbleibende chimärische Glück bedenklich

an dem soliden Glücke zu rütteln begonnen hätte, das wir greifbar

in den Händen hielten. Diese steten Anspielungen; diese fast brutal

offenen Fragen, die an allerlei Gedenktagen herausplatzten; und die

Kontrolle, die fast ans Polizeiliche streifende Überwachung der biedern

Tanten- und Basenschaft! Zuletzt waren wir beiden unschuldig-schuldigen

Verbrecher so argwöhnisch geworden, und überall, in sonst ganz harmlos

klingenden Fragen und Bemerkungen, in Blicken und Mienen witterten wir

die Anklage.

Z. B. am Neujahrstag. Ist es nicht zum verzweifeln, wenn Papa während

unseres gemeinsamen traditionellen Familienfestessens wohl zehnmal die

Bemerkung über den Tisch wirft: »Ja, ja, was wird uns das neue Jahr

nicht für Überraschungen bringen ....« in allerlei Tonart, murmelnd,

schmunzelnd, nachdenklich, dann vom Klang der Gläser begleitet, sogar

in einem gewissen energisch ermunternden Ton. Und beileibe nicht aller

Augen verstohlen oder offen nach uns beiden hinzielend! Beileibe waren

~wir~ ja gar nicht damit gemeint!

Z. B. wenn mein Frauchen ihre Schwiegermama besucht. Die rundliche,

kleine, weiche Hand der in allen Dingen maßvollen und durchaus nicht

schwiegermütterlichen Dame streichelt sanft, mit linder Zärtlichkeit

meiner Frau über das Oval der Wangen, wobei sich die untersetzte Figur

etwas herausrecken muß — keine Frage, höchstens ein kaum verlautbares

»nun?« Aber Mamas eigenartig grellblaue Augen fragen um so deutlicher,

ob es denn noch immer nichts zu beichten gäbe.

Z. B. bei Tante Eckberte. Sie war eine besondere Respektsperson in der

Familie, eine alleinstehende Dame von ausgesprochener Erbtantenwürde,

auf das vorsichtigste von uns allen behandelt, als wäre sie das

kostbarste Porzellan. Sie hatte »das Geld« — als wenn wir nicht alle

zur Zufriedenheit davon besäßen! — aber dieses Geld von ihr strahlte

etwas wie eine Gloriole aus, in der sich mancherlei Hoffnungen sonnten.

Doch schien ihr von uns allen niemand so besonders geeignet oder gar

würdig, dereinst nach ihrem Ableben — Gott erhalte sie noch lange!

— von solchem Sonnenschein überschüttet zu werden, niemand als das

Kommende, sehnsüchtig Erwartete — mochte es auch nur ein Nichtchen

sein, denn sie bestand nicht so dringend auf der Fortsetzung des

Mannesstammes, einerlei, ihr Vorname würde sich so gut auf ein »er« wie

eine »sie« übertragen lassen. Und das war Bedingung, schien sie doch

in ihren Namen verliebt: — »nicht wahr, mein Söhnchen,« sagte sie zu

mir, »Eckberte ist der schönste Name, ich möchte wohl, daß ihn noch ein

anderer in der Familie trüge, ich möchte das wohl noch erleben.«

Und ihre überaus klugen grauen Äuglein glitzerten mit einer gewissen,

naiven, verschmitzten Begehrlichkeit dazu.

Ja das war ausgemacht: »wenn« — dann sollte und mußte »es« Eckbert

oder Eckberte heißen. Emmy hatte sich lange genug gegen diesen

außergewöhnlichen, seltsam stachelichten Namen gesträubt, es hatte

sogar Thränen deswegen gegeben, damals, vor Jahren, als unsere

Hoffnungen noch nicht mit beharrlicher Enttäuschung vergällt waren. Nun

waren wir einig, längst einig über diesen Namen, es fehlte nur noch das

Köpfchen dort in jener imaginären Wiege, das ihn uns abnähme ....

Da schien mir doch Onkel Gustavs zutappende Art tausendmal lieber. Er

war der Bruder meiner Mutter, ein Major a. D., der seine Muße damit

ausfüllte, in seinem Villengarten zu Charlottenburg Rosen zu züchten,

sonst aber eine durchaus nicht blütenzarte Persönlichkeit. Also ein

energischer Schlag seiner rauhbehaarten Rechten auf meine Schulter:

»Na, Alterchen, was machst du? Immer noch nichts zu taufen? Na mach’

doch kein so saures Gesicht! Komm her, wir wollen einmal anstoßen —

sollst meinen Neuen kennen lernen, ein Graacher von 76 — hui! (und

er stieß einen Pfiff des Entzückens aus) — Prosit also auf Euren

Nachexercierer!«

Und nachdem wir von dem wirklich köstlichen Tropfen tüchtig genippt:

»Übrigens viel Schererei mit solcher Krabbelgesellschaft!« Er deutete

mit einem kräftigen Seufzer auf den jüngsten seiner drei Söhne, die er

in der Armee hatte, »ein Schwerenöter, der die Haare auf seines Vaters

Kopf nicht verschont mit seiner Schuldenpassion!« Allerdings hatte

das leichtlebige Vetterchen auf diesem Boden stark geweidet, nach des

Onkels leuchtender Glatze zu urteilen.

»Fünf—und—zwanzig — — sechs—und—zwanzig!« zählte mein Vater

weiter, immer schärfer accentuierend. »Ich bin doch neugierig, ob es

ein Prinz oder eine Prinzessin wird —«

Ich zuckte stumm die Schultern und fuhr in meiner Arbeit fort. Er wurde

immer lebhafter, je mehr die Kanonenschüsse sich der entscheidenden

Zahl näherten. »Eine Prinzessin zur Abwechselung wäre auch ganz nett —

sieben—und—zwanzig — bum! das war ein gehöriger Knall! — na macht

doch vorwärts, da draußen!« rief er nach dem offenen Fenster hin, mit

komischer Ungeduld.

Jetzt noch drei, dann zwei Schüsse — »Dreißig!« rief er feierlich.

Dann still, erwartungsvolles Schweigen ringsum, selbst das Bienengesumm

im Garten schien anzuhalten, um zu lauschen, ob es eine Prinzessin und

damit das Freudenschießen zu Ende.

»Bum—mm!« Ein Kanonenschuß, so freudig laut erschallend, daß das Glas

dort auf der Wasserkaraffe ein leises Klingeln bekam.

»Bumm!« Mein Vater schlug dabei mit der Hand auf das Pult — »hurrah,

ein Prinz! Numero zwei! Famos! Herrlich! — Na, freust du dich denn

nicht mit, Junge?«

»Famos, Papa —« drückte ich kleinlaut hervor, mit einem erzwungenen

Lächeln.

»Was wird sich der alte Kaiser freuen!« meinte mein Vater.

»Na ob!« erwiderte ich. Diesmal war es doch keine bloße Anspielung von

Papa. Welch ein unausstehlicher Egoist bin ich doch, daß ich mich nicht

einmal von Herzen zu freuen vermag über fremdes Glück — da es doch

sogar ein Kaiserglück ist!

An Arbeiten war nicht mehr zu denken, solange der dumpfe Donner der

Kanonenschüsse nun durch die Luft daherrollte. Und es wollte eine

Ewigkeit dauern, bis der Prinz seine ihm zustehende Schußzahl erhalten.

Oft schienen sich die Schläge zu beeilen, dann kamen wieder um so

längere Pausen. Papa zählte nun nicht mehr mit, desto andächtiger

lauschte er, und jeder Schuß zitterte wie ein froher Schein über sein

Antlitz.

Wie würde er sich erst freuen, »wenn« — ach, dieses »wenn!« Mit einer

krampfhaften Anstrengung, der dummen, quälenden, neidischen Anwandlung

Herr zu werden, rief ich plötzlich »Neunundsechzig!« und horchte, und

zählte weiter — es war das beste!

»O wir sind ja viel weiter,« fiel Papa ein. »Du brauchst keine Sorge zu

haben, die dort verzählen sich schon nicht.«

Mein Trotz aber hieß mich weiterzählen, aufs Geratewohl, ins Blaue

hinein. Plötzlich hörte das Schießen auf. Wieder die Stille, eine so

seltsam feierliche Stille, die allmählich erst wieder von dem vielerlei

Tagesgeräusch überdeckt wurde.

Papa nickte mir zu, und ich nickte zurück über das Pult. Dann senkte

er den Kopf, um die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen. Aber ich

merkte seinem hastigen Gekritzel an, wie erregt er war. Jetzt schwellte

ein Seufzer seine Brust — verriet der nicht nur zu deutlich, welch

eine Enttäuschung sich unter all der lauten Freude versteckt gehalten,

um nun in der Stille doppelt fühlbar zu werden!

Ich war froh, als der Schlag unseres Regulators mich aus dieser Pein

erlöste. Mein gutes Weib ... der Gedanke an sie begleitete mich durch

das Gewühl der Straßen. Sie wird die Schüsse ebenfalls vernommen haben

— und was hat sie dabei empfunden! Im Grunde eine Thorheit, sich

darüber zu grämen — waren wir denn nicht glücklich? lebten wir nicht

in Eintracht und Treue?

Aber die Gaukelei dieser hergezauberten Glücksbilder wollte nicht

recht wirken hier auf der Straße. Schien es mir doch, als hinge ein

verklärender Schein auf all den sonst von Geschäftsnot und erbärmlicher

Eigensorge verzerrten oder verhärteten Gesichtern. Sie gedachten des

neugeborenen Prinzen .... Zitterte nicht immer noch der Freudendonner

durch die blaue Luft? Leuchtete nicht das Grün der Bäume so festlich?

Wie ein körperlich schwerer Schatten fiel es über mich, als ich

unsere Hausthür durchschritt und das zum Frösteln kühle Treppenhaus

hinanstieg. Es war so still in der Wohnung, und meine Tritte knarrten

hart und aufdringlich, aber eine andere Stille als jene voll Freude

vibrierende, die dem letzten Kanonenschuß gefolgt.

Emmy erhob sich von ihrem Lieblingsplatze dort in dem von Gewächsen

und Blumen gefüllten Erker — führte sie nicht selbst, die Kinderlose,

solch eine Art Blumendasein? Ihre Arbeit in der Hand, schwebte sie auf

mich zu, mit einem feinen Lächeln des Willkomms; um ihr goldblondes

Haar flimmerte das Tageslicht, und ihre großen dunklen Augen strahlten

mir entgegen.

»Du kommst heute etwas früher, Kurt?«

Ach, ihre liebe Stimme, die mir wie eine Rührung zum Herzen drang!

Und ich umarmte sie lange, länger und inniger als sonst. Als sie ihr

Köpfchen von meiner Schulter erhob, glaubte mein argwöhnischer Blick zu

bemerken, daß ihre Augenlider gerötet waren — gewiß hatte sie geweint,

und — — »deshalb!«

Aber kein Wort davon, bis wir an unserm Mittagstische saßen. Noch nie

war mir diese Tafel so ungeheuerlich groß erschienen; die Aussteuer

hatte wohl auf ganze Reihen kleiner Gäste gerechnet; wie verloren kamen

wir uns vor, wenn wir so die eine Ecke besetzt hielten, und die weiten

Flächen des Tischtuches sich in schneeiger Einsamkeit vor uns breiteten

— ja heute schien die Tafel sich noch besonders gereckt und gedehnt zu

haben.

Ich nahm mir Mut und sprang offen gegen das Thema an: »Du hast doch den

Kanonendonner gehört, Emmy, mein Liebling?«

Aus Mitleid · 第 18 / 56 题