[Illustration]
»Ihre Wohnung?« rief der Wahlkommissär, ein Hauptmann a. D., mit
überflüssiger Energie; es dröhnte hallend von den getünchten Wänden
der leeren Schulstube, deren glänzend versessene und von mutwilligen
Knabenmessern verschnitzelte Pultbänke nach der einen Schmalseite
zusammengedrängt standen.
»Nr. 386!« kam die Antwort. Das kleine thüringische Bergstädtchen, das
nur durch eine Chaussee von unbequemen Steigungsverhältnissen mit der
übrigen Weltkultur Verbindung hatte, war nicht nach Straßen, sondern
nach der Gesammtzahl der Häuser numeriert.
Die überaus plumpe, grasgrün gestrichene Urne, die dem Verfertiger,
einem Klempner des Ortes, während der Wahltage Spott genug eintrug,
reichte dem Hauptmann gerade bis an das wulstige Doppelkinn, so daß
der Kugelkopf mit dem borstig geschorenen Haar wie aus der Urne selbst
zu tauchen schien; die runden, vorquellenden Augen glotzten euch mit
der scharfen Strenge eines Staatsanwaltes an, und der abgegriffene
Goldsiegelring an der mit den zweiten Knöcheln auf eine beschriebene
Liste aufgestemmten Hand funkelte drohend.
»Name!« donnerte es abermals.
»Gottlieb Simmel, Handarbeiter.«
Die Stimme klang gedrückt, die ganze mittelgroße Gestalt schien von der
Not des Tages verschabt und verbraucht zu sein, von dem geflickten,
grobleinenen Anzug, an dem Weste und Halstuch den Feiertag zu Ehren des
Wahlaktes herauskehrten, bis auf das graufarbene, rasierte Gesicht, wo
das schartige Messer gleich einer Tortur gewütet hatte, wie die feinen,
mit schwarzgeronnenem Blute gezeichneten Schnitte bezeugten.
Eine großartig geschwungene Handbewegung des Wahlkommissärs befahl
dem Wähler, seinen Zettel in das breite, gierig geöffnete Maul der
Urne zu schieben. Gottlieb Simmel schien leicht zusammenzuschrecken,
er zwinkerte unschlüssig mit den gelblichen Wimpern der grellblauen,
gutmütig dummen Augen und warf einen Blick nach der rechten Hand hinab,
wo er mehrere Zettel geknittert hielt; die waren ihm draußen am Eingang
der Schule mit ein paar scherzhaften Redensarten aufgedrängt worden.
Die Hand mit den Zetteln zuckte — am liebsten hätte er sie sämtlich
hineingeworfen.
»Nun?!« Die Stimme schien diesmal unmittelbar aus dem Innern der Urne
zu dröhnen.
Es war wie ein gewaltsamer Ruck, der an ihm zerrte. Er senkte die
Linke in die Hosentasche, suchte, immer mit den Augen zwinkernd, und
brachte schließlich einen verschmutzten, angefaserten Zettel hervor,
den die runden Glotzaugen über der Urne mit einem verweisenden Blick
gleichsam anfuhren. Jetzt verschlang das gierige Maul den Zettel, im Nu
verschwand auch der Kugelkopf, jedenfalls war er mit hinabgetaucht, um
das staatsgefährliche Geheimnis dieses Zettels zu erforschen.
Zögernd, auf die winkende Weisung eines Bleistiftes, der sich in der
Hand eines der Schreiber am Tische erhob, machte Simmel kehrt und
trollte sich davon; sein rechtes Bein hinkte leicht nachschlürfend.
Die grellblauen Augen thaten noch einen zerstreuten Rundblick
über die Stube. An der einen Wand hing eine Landkarte mit der
ungeheuerlich schwarzen Deltabildung eines verbrecherisch darüber
gestürzten Tintengusses, über dem Katheder ragte die kreidegraue
Wandtafel mit den kalligraphisch gemalten, bedeutungsvollen Worten:
»eier—eile—eimer—einer—eisen«; darunter die Karikatur eines frechen
Buben, der eine lange Nase machte. Auf dem Katheder, neben einem
breiten, schlägelustigen Lineal, lag eine zerrissene und beschmutzte
Knabenmütze mit geknicktem Lederschirm, die beim Aufräumen aus dem
Kehricht gerettet war.
Der Anblick dieser Mütze erinnerte ihn an seine eigenen beiden Rangen.
Er sah sie auf den Bänken dort sitzen und mit oval aufgerissenem
Mund »eier—eile—eimer« im Chorus mitplärren. Seine beiden Mädchen
saßen auf der anderen Seite des Korridors auf ähnlichen Bänken,
Ähnliches plärrend. Eins von den beiden daheim ist im nächsten Jahr
auch schulreif. Ein Seufzer entfuhr ihm. Es ist nicht das Schulgeld
— denn das bezahlt die Armen-Deputation — aber die Lesebücher, die
zerbrechlichen Schiefertafeln, die Hefte, Federn, Griffel — der Ruf
nach diesem Bildungsutensil ist wahrhaftig weit dringender als der nach
Brot! Jenes verlangt der Schulmeister, dahinter steckt die Polizei,
und man schafft es — das Hungern aber kümmert die hochweise Polizei
nicht! Dann die Mützen. Auf einmal sollen die Rangen, die außer ihrem
eigenen strohfarbenen, nie ganz unverdächtigen Wirrhaar, keine andere
Kopfbedeckung gekannt, mit Mützen in der Schule erscheinen. Wie viel
Tage Arbeitslohn hat es ihn doch gekostet, um dieser Schulmeisterlaune
zu genügen?
Nein, das Schullokal weckte in ihm keine freudigen Gedanken; und die
grüne Urne mit den Glotzaugen darüber hatte ihn völlig aus dem Text
gebracht. Draußen machte er sich mit einem Fluche Luft: »Teufel — es
ist doch ganz egal, ob man freinational oder deutschnational wählt!
Plunder ist beides!«
Es klang wie eine Beruhigung seines Gewissens. Wie kam er von den
Knabenmützen auf den Ausruf?
Es war das erste Mal, daß er sein Wahlrecht als deutscher Staatsbürger
ausgeübt. Ihm war so feierlich beklommen zu Mute, wie damals vor
Jahren, als er vor Gericht einen Zeugeneid abzulegen hatte; der
Richter hatte ihm die zeitlichen und ewigen Strafen eines Meineides so
schrecklich hingemalt, daß er lange nachher sein einfältiges Gewissen
mit der Frage quälte, ob er auch Silbe für Silbe richtig beschworen.
Das politische Leben des braven Bergstädtchens war in zwei Lager
gespalten. Hie deutschnational — hie freinational! Beide Parteien
waren dem einen gemeinsamen Stamm entwachsen, sie waren in ihren
Lebensbedingungen auf einander angewiesen wie die siamesischen
Zwillinge, ihre Prinzipien unterschieden sich nur um eine für den
Verstand des alltäglichen Zeitungslesers kaum merkliche Nuance —
dennoch befehdeten sie sich gegenseitig wie die feindlichsten Hunde,
diesmal besonders, wo die Regierung ein äußerst wirksames Fähnlein
für die Wahlkampagne ausgesteckt. Gekläff und Gebiß der beiden
Klatschblättchen, Wahlreden, Intriguen, Verspottung, Verleumdung,
Verfehmung bis in den Schoß der Familie hinein, all die häßliche
Ausgeburt des modernen parteipolitischen Treibens.
Das Wahlresultat ergab die Wahl des deutschnationalen Kandidaten
Rechtsanwalt Schwatzler mit einer Stimme Majorität. Die gegnerische
Partei schäumte vor Wut — bisher hatte sie das unbestrittene Monopol
des Sieges besessen. Eine Stimme Majorität! Welch ein Hohn des
Zufalls! Natürlich ist da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen!
Eine Stimme Majorität! Gottlieb Simmel war zuerst völlig verblüfft vor
Schreck und Staunen. Dann schnellte sein von der erbärmlichen Not des
Lebens in den Staub gedrücktes Bewußtsein zu einer Riesenhöhe empor.
Die eine Stimme Majorität, das bin ich! Gottlieb Simmel hat bisher nur
eine Null in der sozialen Weltordnung bedeutet, jetzt ist er plötzlich
zum ausschlaggebenden Einer angeschwollen!
Spät am Abend stolperte er die ächzenden Stufen der steilen
Hühnersteige zu seiner Dachstube empor, schwer wankend, mit schwülem
Atem. Er war kein Säufer, aber diesmal verlangte seine geheime Freude
nach einem Auslaß. In der Schnapskneipe hatten die anderen, wie sonst
immer, ihren groben, ja handgreiflichen Scherz an ihm ausgelassen.
Hallo! es lebe die Stimme des Gottlieb Simmel! Natürlich ist es seine!
Schmunzelnd steckte er den Scherz ein. Als wenn sie wüßten!
Er schlug durch die schlottrige Thür in die Kammer hinein, zwischen
die beiden bettartigen Gestelle, wo seine Sechs in zweierlei
geometrischen Verhältnissen, parallel und rechtwinklig zu einander
gedrängt schliefen. Sein Weib fuhr kreischend auf, der Keuchhusten des
Jüngsten bellte hohl durch den niederen Raum. Jene überhäufte ihn mit
Schimpfworten, lallend umtorkelte er ihr Lager. Was hat er nur mit
seiner »Stimme«?
»Ohne mich — wär’ der — Schwa — Schwa — Schwatzler gar nicht —
durchgegangen!«
Was faselt er für dummes Zeug? Ah, diese verdammte Wahl! Nicht genug,
daß sie ihn den ganzen Tag über »blau« machen heißt — muß er auch noch
die letzten paar Groschen im Krakehlwasser verthun!
Er bleibt dabei: seine Stimme ist die wichtigste im Reich ....
»Du bist verrückt!« schreit sie gegen ihn an. »Machst, daß du gleich zu
Bett kommst!«
Bis in das Gekeuch seines trunkenen Schlafes hinein bleibt er bei der
Verrücktheit. —
Die Freinationalen brüteten Rache; mit wütendem Eifer stöberten sie
nach einer Ungehörigkeit, wo sie den Hebel zur Vernichtung der Wahl
ansetzen könnten. Es klingt lächerlich, aber man meinte fast, sie
hätten es auf Gottfried Simmels Stimme abgesehen.
Zuerst ein dumpfes Gemunkel, nun wird das Gerücht vorsichtig von den
Basen am Biertisch destilliert, jetzt flattert es fast greifbar durch
die Zeitung — endlich! da haben sie das verbrecherische Ding von einer
Stimme endlich ertappt! Mit höhnendem Triumph wird das Zeichen der
Illoyalität vor den verdutzten Augen der Gegner geschwungen.
Und diese Stimme heißt — Gottlieb Simmel!
Am Tage vor der Wahl hatte Gottlieb Simmel im Hofe des Kaufmannes
Julius Quall Holz gehauen. Ein saures Stück Arbeit, denn das harte
Wurzelwerk widerstand der Axtschärfe, als wäre es selbst von Eisen;
seine Brust ächzte beim Zuhauen, und die hellen Schweißtropfen
spritzten im Wetteifer mit den Holzsplittern umher.
Stand plötzlich Herr Julius Quall neben ihm.
Die straffsitzende Moiré-Weste mit dem protzig geschwungenen Bogen der
schwergoldenen Uhrkette über dem Bäuchlein des Mannes schillerte in
der Sonne; sein kräftig gefärbtes Gourmandgesicht leuchtete; es ging
ein Geruch von Mus und Gewürz und allerlei pikanten Dingen von seinen
Kleidern aus.
»Ein zäher Bissen, he?« warf sein fettes Organ hin.
Der Arbeiter nickte, fuhr mit dem Rücken der Hand über die Stirnrunzeln
und hieb dann von neuem los.
Die Moiré-Weste sah eine Weile mit immer stärker glänzendem
Wohlgefallen zu, wie der Kerl dort sich abrackerte. Endlich warf das
fette Organ abermals ein Wort hin: »Ihr geht doch morgen zur Wahl,
Simmel?«
Der Arbeiter dehnte den steifen Körper langsam in die Höhe, seine
gelblichen Wimpern blinzelten verlegen, und eine Art mitleidigen
Lächelns glitt über die zähen Falten seines Gesichtes.
Daran hat er noch nicht gedacht. Die Wahl — er hat davon eine
Vorstellung ungefähr wie von einem Leckerbissen, der nur Leuten mit
schillerndem Bäuchlein ziemt.
»Aber Simmel, Ihr seid doch Staatsbürger! Ihr werdet doch Eure Pflicht
thun?«
Herr Julius Quall gehörte zu den fanatischen Heißspornen der
deutschnationalen Partei; seine Rührigkeit im Proselitenmachen war
bekannt.
Staatsbürger? — Das mitleidige Lächeln auf Gottlieb Simmels Gesicht
nahm um eine Nüance zu. Lieber Gott, den hohen Rang beansprucht er ja
gar nicht! »Man ist froh, wenn man was zu essen hat!« brachte er in
seiner gedrückten Art über die Lippen.
»Nun, nun, nun ....« fiel Herr Quall ein.
Es vibrierte eine leichte Entrüstung durch die Silben. Welch eine
klägliche politische Unmündigkeit!
»Ich meine doch, Simmel, Ihr könntet Euch die leichte Mühe machen!
Hingehen und so einen Zettel in die Urne legen!«
Des Kaufmanns Rechte zwängte sich dabei mit Daumen und Zeigefinger in
die Westentasche. Simmel verzog ausweichend die Schultern, spuckte in
die Hände und rieb die, um von neuem mit der Axt auszuholen.
»Es ist Euch doch einerlei, wen Ihr wählt, he, Simmel?« Und das feiste
Gourmandgesicht verzog sich zu einem cynischen Lächeln. Aus der
Westentasche kam ein zusammengefalteter weißer Zettel hervor.
Simmel ruckte abermals mit den Schultern. Er hatte in der Schnapskneipe
gehört, man müsse freinational wählen. Einzelne meinten, wenn es
hierorts einen praktischen Zweck hätte, so wäre sozialdemokratisch das
einzig Richtige. Wenn diese Richtung ans Ruder kommt, dann adjes die
Rackerei! Dann müssen die Reichen »schuften«, und wir Arbeiter sehen zu!
»Hier! Ihr werdet morgen hingehn und wählen! Macht keine Flausen!«
Herr Quall reichte dem Arbeiter den Zettel hin — seine Stimme klang
drohend: — Wenn er, Simmel, den Zettel nicht nimmt, so verliert er die
Kundschaft. Herr Quall liebt die »reinlichste Gesinnung« bei seiner
Umgebung!
Als Simmel den Zettel nahm, fiel ein Geldstück klingend auf den
Wurzelklotz. Herr Qualls Gesicht that überrascht, aber es färbte sich
dunkler. »Ah so,« sagte er, »ich hab’ das aus Versehn mit aus der
Tasche gezogen. Na, meinetwegen könnt Ihr es behalten.« Und mit einer
abermaligen Drohung im Ton: »Also gewählt wird! So was thut man, wenn
man etwas auf sich hält, schon aus freien Stücken!«
Der Arbeiter blinzelte verdutzt dem Kaufmann nach, dessen Stimme schon
wieder im Lagerraum kommandierte. Dann fielen seine Augen auf das
Geldstück, das im Sonnenschein funkelte. Es lag gerade in dem Spalt,
wo eine Axt zuletzt gewütet. Durch sein Hirn zuckte ein Verdacht: —
Bestechung? Es ist eine blanke Mark, so viel als ein Tagelohn, der
Kaufmann ist knauserig und verschenkt keine Mark ohne Gegenleistung ...
Bah, welch ein Wesen sie aus der lumpigen Wahl machen! Vielleicht hätte
ich ohnedem gewählt! Wen, ist gleichgültig. National heißen sie ja
beide!
Endlich nahm er das Geldstück und steckte es samt dem Zettel in die
Tasche. Es ist wie vom Himmel gefallen, gerade zur rechten Zeit!
Am anderen Tage rasierte er sich also und ging zur Wahl. Er will auch
etwas thun für das Geld! — Er ist ein ehrlicher Kerl! Natürlich
braucht niemand davon zu wissen: — es ist nicht ganz geheuer. Am Abend
aber wurde das Markstück, das ein Notloch zu stopfen bestimmt war, in
dem Triumph über den Erfolg seiner Stimme mit Schnaps hinabgespült. —
Das ganze Städtchen sprühte vor Alarm wegen des Stimmenkaufs. Herr
Quall that großspurig überlegen: wer will ihm das beweisen? Ho, er wird
der frechen Lüge schon das Handwerk legen! In Gegenwart von Zeugen
stellte er den Gottlieb Simmel: »Hab’ ich Ihnen ein Geldstück gegeben
mit der Weisung, deutschnational zu wählen?«
Der völlig verstörte Simmel wiegte verneinend den Kopf.
»Könnten Sie das vor Gericht beschwören, Simmel?«
Der Arbeiter besann sich, blinzelte, that einen Seufzer.
»Ja oder nein?« fuhr ihn jener energisch an.
»Ja!« nickte der andere. Es überlief ihn heiß. Aber unser Herrgott ist
Zeuge, daß er von dem Kaufmann kein Geld erhalten mit jener Weisung!
Recht muß Recht sein ...
Herr Quall schüttelte also den schändlichen Verdacht in seiner
kräftigen und geräuschvollen Weise schnell ab, wie ein Pudel, den
man ins Wasser geworfen, die Nässe aus seinem Pelze schüttelt. Den
nichtsnutzigen Ladenjungen, den er beargwöhnte, das listige Manöver
mit dem Markstück beobachtet und herumgebracht zu haben, jagte er zum
Teufel. Er steckte seine drohende Faust heraus: »Jede noch so verblümte
Andeutung wird einfach ans Gericht gebracht!« Herr Quall fackelt nicht!
»Und wenn wirklich?« höhnt er. »Wenn das Stimmvieh so dumm ist und sich
kaufen läßt ...«
Bei Gottlieb Simmel aber blieb die Schande hangen und ließ sich nicht
mehr abschütteln. Fortan war er geächtet bei Klein und Groß. Er wollte
sich in der Kneipe auf eine Bank setzen — die anderen erwiderten
nicht einmal sein Nicken; sie rückten auffällig von ihm ab — der Wirt
stapfte mit einem verächtlichen Blick das Glas Klaren vor ihm auf
den Tisch — nun flogen allerlei Anzüglichkeiten durch den Raum —
»Stimmen kauft!« plärrte einer im Ton eines Straßenverkäufers. — »Wie
stehn sie denn heute?« wandte sich ein anderer frech grinsend an den
Geächteten. — »Es giebt ’er, die kein’ zwei Pfennig wert sein!« —
»Pfui!« entrüstet spie einer aus. Simmel stürzte den Klaren hinab und
machte sich davon.
Er fand sich bei einem seiner regelmäßigen Arbeitsgeber ein. Die Magd
meldete ihn. Aus dem Speisezimmer donnerte jemand: »Er soll sich
fortscheren! Hier wird nicht mit Stimmen geschachert!« Die Magd schlug
ihm die Thür zu, als wäre er ein räudiger Hund.
Das war ein Freinationaler. Natürlich wollen die nichts von ihm wissen!
Doch an einer anderen Arbeitsstelle ging es ihm nicht besser. Das war
einer von der Gegnerpartei — der fürchtete, sich zu kompromittieren.
»Simmel, alter Freund, Ihr habt Dummheiten gemacht! Stimmen sind keine
Reiserbesen, mit denen man von Haus zu Haus hausieren geht! Ich habe
leider keine Verwendung für Euch!«
Ein Zorn wallte ihm zum Kopf, als er abermals vor der zugeschlagenen
Thür stand. »Teufel des Teufels! Was bin ich denn für ein Verbrecher?
Was hab’ ich denn begangen?« Es ward ihm ganz wirr im Sinn.
Zu Hause wartete seiner die Hölle. Seine Frau war außer sich. Auch sie
hatten die Weiber in Acht gethan, wie ihn die Männer. Auch vor ihr
wurde verächtlich ausgespieen, arge Schimpfworte prallten gegen ihre
Thür; der ganze Hof hing voll Skandal.
»Sag’ mir doch die Wahrheit, Gottlieb!« flehte sie ihn an. »Was ist es
doch? Du mußt was Fürchterliches begangen haben?«
Mit gebrochener Stimme berichtete er zum zehnten-, zum zwanzigstenmal
den Hergang der lächerlich einfachen Sache.
»Es ist nicht wahr! du lügst!« schrie sie ihn an.
Er nickte stöhnend — er weiß nichts anderes! Sie überhäufte ihn mit
Schmähungen, denselben, die ihr die anderen Weiber zugeschleudert.
Wehrlos saß er da. Einmal reckte er die gekrallten Hände mit einem
Wutausbruch in die Luft: daß man es doch fassen könnte, das unsagbare,
unerklärliche Verbrechen!
»Warum kommt man denn nicht, um mich festzusetzen, wenn ich so ein
Verbrecher bin!« rief er verzweifelt.
Er wartete auf den Gendarm, als wenn der Erlösung brächte von dem
entsetzlichen Bann. Aber der Gendarm stellte sich nicht ein.
Der älteste Bub kam aus der Schule, heulend, mit blutig zerschlagenem
Kopf. Eine Rauferei — und weswegen? Die Kinder haben dem Kind das
Verbrechen seines Vaters vorgeworfen! Sie wissen eben so wenig, was es
ist, aber der Haß ist nicht minder giftig, als bei den Großen.
Simmel stürzte fort auf die Polizei. Hier ist er! Sie sollen ihn doch
ins Loch schmeißen! Er wünscht, seinen Fall gerichtlich untersucht zu
haben!
Man grinste über den närrischen Kauz. Mit schneidendem Hohn warf man
ihm den Bescheid hin: »Für Sie giebt es keinen Paragraphen!«
Kein Paragraph für ihn und sein Verbrechen! Aber die Strafe muß er
erdulden — man läßt ihn mit den Seinen einfach verhungern!
Dennoch giebt es eine Gerechtigkeit! Der liebe Gott hält es nicht mit
seinen Ächtern! Der will nichts von dem Verbrechen wissen!
Simmel fand schließlich eine Stelle, die ihn für die nächste Zeit aus
der bittern Not rettete. Der Chaussee-Aufseher dingte ihn in Taglohn,
dem allgemeinen Bann zum Trotz. Oder war es etwa, weil der alte
Biedermann von einem Beamten taub war und somit außerhalb des Klatsches
stand, daß der Arbeiter Gnade bei ihm fand?
Da draußen auf der einsamen Chaussee erreichte ihn die Ächtung nicht,
und er war wenigstens von der Hungerstrafe erlöst. Er fühlte wie
das Erwachen von einem schwülen Alp. Auch schien die ganze unselige
Geschichte allmählich zu versickern.
Acht Wochen waren vergangen. Der Reichstag war längst eröffnet. Der
deutschnationale Abgeordnete Schwatzler heimste seine ersten Lorbeeren
als schlagfertiger, in allen Sätteln gerechter Redner ein. Da wurde
eines Frühmorgens unter der Thür der Simmelschen Kammer von unbekannter
Hand ein Zeitungsfetzen hineingeschoben. Unter den »Parlamentarischen
Nachrichten« war eine Notiz mit dickem, hämischem Tintenstrich
ausgezeichnet.
»Wie wir hören, wird die Wahl des Reichstags-Abgeordneten Schwatzler,
der bekanntlich seiner Zeit mit einer Stimme Majorität siegte,
nachträglich von der Wahlprüfungs-Kommission beanstandet. Es handelt
sich um die Stimme eines Arbeiters Namens Simmel, zu ⁂,
die seitens eines Vorstandsmitgliedes der deutschnationalen Partei
zu Gunsten des Obengenannten für 1 M. gekauft worden sein soll. Eine
Untersuchung ist im Gang; wir werden interessante Dinge zu hören
bekommen.«
Der Teufel ist also wieder los! Gottlieb Simmel bebte vor Wut und
Schreck. Es ist das Verhängnis dieser Stimme, das hinter ihm herhetzt.
Das da draußen auf der Chaussee war nur eine kurze Gnadenfrist. Er
weiß, das Verhängnis wird ihn in einen Abgrund hineinhetzen ...
Er wankte also, ganz verstört in seinen Sinnen, zur Arbeit auf die
Chaussee hinaus. »Es giebt keinen Paragraphen für Sie!« Das gellte ihm
stundenlang im Ohr. Das ist so gut als: er hat kein Recht zu atmen und
zu leben!
Gegen Mittag fand sich der taube Chaussee-Aufseher ein. »Simmel,« ruft
er überlaut, obgleich er zu flüstern wähnt, »Simmel, es thut mir leid,
aber ich muß Ihnen kündigen« —
Das übrige hört der Simmel nicht mehr. Es tanzt ihm vor den Augen.
Mechanisch hackt er noch eine Weile in dem harten Straßenkot. »Kein
Paragraph — kein Paragraph!« immer lauter, immer unheimlicher surren
und schwirren ihm die Worte im Ohr. Mechanisch setzt er die Beine und
schlenkert die Chaussee entlang nach Haus.
Unweit des Städtchens war eine kleine Baumpflanzung, die jetzt im
herrlichen Smaragd des jungen Frühlings prangte.
Simmel bog vom Wege ab, nach der Pflanzung hin. Seine stieren, wie
betrunkenen Blicke flogen an den Ästen der Bäume empor, als wenn er da
droben etwas suchte, das für ihn paßte. Endlich hatte er es gefunden.
—
Unter den »Parlamentarischen Nachrichten« stand drei Tage darauf
folgende Notiz:
»Wie wir hören, ist die Untersuchung wegen des ominösen Stimmenkaufs
in ⁂ niedergeschlagen, da sich der Hauptbelastungszeuge
erhängt hat. Die Wahl des Abgeordneten Schwatzler dürfte somit keine
Anfechtung mehr erfahren.«