Eine Haushälterin? Brr! »lieber schöß’ ich ....«

Aber die Verschwörung kam nur ganz matt heraus. Er versuchte es mit

allerlei Bedienungsmethoden, doch die ehemals blanken Möbel büßten

ersichtlich an Haltung und Ansehen dabei ein. Es blieb nichts anderes

übrig, und kopfüber, mit geschlossenen Augen, stürzte er sich in dies

Wagnis, seinen kostbaren Hausstand, sowie seine noch kostbarere Person

der feindlichen Gewalt eines Weibes anzuvertrauen.

Nie war er sich so hilflos vorgekommen, als an jenem Tage, da er mit

mühsam aufrecht erhaltener Autoritätsmiene an seinem Schreibtisch

saß und die auf sein Zeitungsaufgebot massenweise herbeigeströmten

Weiblichkeiten, die sich für den begehrten Posten meldeten, Revue

passieren ließ. Ein ganzes in Front aufgestelltes Bataillon

abzukanzeln, das ist eine Kleinigkeit, aber solche damenmäßig

aufgedonnerten, mit Blicken und Bitten und einem Wortschwall,

sogar einzelne mit Jugend und leidlichem Frätzchen ausgestatteten

Frauenzimmer durch irgend eine Ausflucht hinauszukomplimentieren! Es

ward ihm ernstlich schwül, und es war wohl zuletzt die Verzweiflung,

die ihn zutappen und das übliche Mietsgeld in die mit einem

Filethandschuh bekleidete Hand einer angeblichen Witwe, »die es

eigentlich nicht nötig hätte«, und auch die polizeiliche Bevormundung

eines Mietsbuches verschmähte, drücken ließ.

Wie sah sie doch noch aus? Er hatte wirklich blindlings zugefaßt,

um dem peinlichen Examen, wo er wahrhaftig die Examinandenrolle

spielte, ein Ende zu machen. Sein Erstaunen war daher nicht gering,

als er am ersten Morgen nach dem Dienstantritt der Witwe, eine

ungemein ansehnliche Person von appetitlich sauberer Erscheinung,

drall und gesund und frisch, mit offenen, grellblauen Augen und

kindlichen Schelmengrübchen in den etwas starkblühenden Wangen,

das Präsentierbrett mit dem Frühstück auf den rundlichen Armen

balancierend, ins Zimmer treten sah. Hatte sie sich über Nacht

verjüngt? Ihr Alter, das er gestern abend auf 35½ taxiert, durfte

man bei dem freundlichen Morgensonnenschein ohne Schmeichelei bis

auf 29½, herabdrücken. Wenn sie sich wandte und er dann mit einem

prüfenden Blick, dem es nicht an leise schmunzelndem Wohlwollen

mangelte, ihrer davonschreitenden Gestalt nachsah, so setzte er

unwillkürlich noch einige Jährchen herab. Zu dieser Jugendtäuschung

trug wohl das glänzende Blondhaar bei, das hinten zu einem kräftigen

griechischen Knoten geschlungen war und in üppiger Wildnis in den

Nacken hinabwucherte.

Blond — ja blond! Wenn er überhaupt jemals eine Couleur bevorzugt, so

wäre es diese gewesen! Solche Erkenntnis ging ihm plötzlich auf.

Frau Glaß bedeutete überhaupt eine vollständige Umwälzung des

Haushaltes. Sie nahm sofort in breitester Weise davon Besitz, und es

sah fast aus, als gedächte sie, kein Stück mehr anderen Händen zu

überlassen.

Auch ihn selbst nicht! Zuerst empfand er ein gewisses verblüfftes

Grauen vor der naiven Sicherheit, mit der sie sich einnistete. Wie

sie seine Sachen nach ihrem Geschmack umstellte und ordnete, so

reorganisierte sie auch seine Lebensweise, z. B. wagte er es bald nicht

mehr, das Abendbrot in seinem Hause auszuschlagen, während er das

sonst in der Kneipe abzufertigen pflegte. Selbstverständlich ward der

Salon als »gute Stube« außer Gebrauch gesetzt, und er durchschritt den

Raum nur noch auf Fußspitzen, mit einer geheimen Scheu vor dem Geist

der peinlichen Ordnung, der hier waltete und gegen den die gerühmte

Sauberkeit der Burschenzeit nur ein elendes Gespenst war.

Anfangs versuchte er noch den Herrn herauszukehren. Aber sie lächelte

jeden Widerstand gegen die Anordnungen mit den Grübchen ihrer feisten

Wangen nieder. Ohne Zweifel verstand sie alles besser, sie, die einen

eigenen Hausstand besessen! — und aus ihren Worten lugte deutlich die

Mißachtung gegen den Junggesellen. Übrigens kochte sie vorzüglich,

und damit allein konnte sie ihn wehrlos machen; es war alles in

musterhafter Ordnung — was widersetzt er sich denn?

Teufel! er hatte doch einen »Dienstboten« gemietet, und er fühlte

sich vor ihr geniert wie vor einer Dame. »Adrett«! — das war ihr

Lieblingswort — unwillkürlich begann seine Haustoilette ebenfalls

gewisse »adrette« Allüren anzunehmen — aus Respekt vor ihr! Allmählich

stellte sich ein Gefühl bei ihm ein, als wenn er selbst auf Besuch in

seinem eigenen Hause sei.

In diesem Respektgefühl bestärkten ihn ihre nie ruhenden Anspielungen

auf den soliden Glanz ihrer Vergangenheit. Ihr Vater war ein

fürstlicher Schloßbeamter gewesen, und sie hatte als Kind mit

Prinzessinnen gespielt! Ihre Schwester war zuerst mit einem Herrn »von«

verlobt und heiratete dann einen Landwehroffizier. Ihr Mann hatte

einjährig gedient, und sie hatten, trotzdem sie nur Buchhalters waren,

mit den »ersten« Familien ihres Wohnortes verkehrt. O sie hatte nach

dem Tode ihres Mannes Anträge genug gehabt! Sie hätte einen Fabrikanten

haben können, einen leibhaftigen Millionär, dann einen Gutsbesitzer,

auch einen Baron — einen früheren Offizier ....

Dieses »auch« überfiel ihn wie ein Schreck: Herrgott, sie denkt und

hofft doch nicht etwa ....

Es war ihm an jedem Mittag peinlich, sie an seinem Tische servieren

zu sehen. Sie that das mit einer Miene, als wollte sie ihm bedeuten:

»Was hindert mich denn, mich dort auf der anderen Seite des Tisches als

Baronin dem Herrn Baron gegenüber niederzulassen?«

Er fühlte, er ahnte, daß die Macht, die sie über ihn ausübte, sich

eines Tages bis zu einem Überfall auf sein Junggesellentum erstrecken

könnte. Und dagegen galt es sich bei Zeiten zu wehren!

Schon umschwirrten ihn allerlei Anspielungen in der Kneipe, so oft

Frau Glaß ihm noch eine solche Kneipstunde gestattete: ironische

Erkundigungen nach seiner hübschen Hausmarschallin, kecke Neckereien,

scherzhafte Warnungen vor dem nicht zu ausnahmsweisen Schicksal

eingefleischter Junggesellen, die von ihren Haushälterinnen bis zum

Traualtar gedrängt worden waren.

»Lieber schöß’ ich mich tot ....«

Ja, wenn Frau Glaß nicht den geladenen und daher gefährlichen

Revolver, der unter der Waffendekoration seiner Wohnstube gehangen, in

übertriebener Vorsicht, daß das Ding eines Tages von selbst losginge,

weggenommen und versteckt hätte!

Sprach diese Wegnahme nicht deutlicher als Worte? Sagte sie ihm nicht

symbolisch: mit dem Totschießen wird es doch nichts! Du bist mir ja

doch verfallen!

Na, es wäre nicht das äußerste Unglück! Na, er würde Ruhe und Frieden

für den Rest seines Lebens genießen! Und verschiedene Beispiele

standen mit gaukelhafter Beharrlichkeit vor ihm. Ein alter Onkel

von ihm, der seine Wirtschafterin geheiratet und dabei »lächerlich

glücklich« geworden. Se. Excellenz, der General v. H., der da

draußen in seiner Villa am Walde von Pensionopolis trotz schreiender

Messalliance und ewig wacher Medisance ein idllysches und musterhaftes

Familiendasein führte. Na, was für Ansprüche erhebt er denn noch an das

Leben? Ein a. D.!

»Teufel, aber ich will nicht! Ich habe mich fünfzig Jahre gegen die Ehe

gesträubt, (er rechnete die Kinderjahre in dies Sträuben ein) man soll

mich nicht unterkriegen!«

Und laut, mit der äußersten Anstrengung seiner Autorität: »Frau Glaß,

ich sehe, Sie haben Schnurz den Schlafkorb abermals auf den Flur

geschoben —«

Sie zuckte mitleidig ironisch die rundlichen Schultern: »Wie der Herr

Baron befehlen —«

Und sie wollte den mit einem alten Kissen gefütterten Korb wieder

in die Schlafstube stellen, wo Schnurz zu Füßen seines Herrn zu

übernachten pflegte.

»Nun lassen Sie nur, Frau Glaß! wenn Sie glauben, daß es die Nacht da

draußen nicht zu kalt wird —«

Wie kam denn das? Unbegreiflich! — er entsetzte sich vor sich selber.

Wie kam er zu solcher empörenden Nachgiebigkeit? Gewissen ihrer Mienen

gegenüber sank ihm völlig der Mut. Und in solchen Momenten ahnte er,

daß er seinem Schicksal verfallen wäre ....

Sie aber staunte nicht über solchen Umschwung. O auch sie wußte, daß

er ihr unentrinnbar verfallen war! Eigentlich hatte sie schon von

ihm Besitz ergriffen, als sie ihn am Tage des Engagements so wehrlos

gegenüber ihrem Grübchenlächeln am Tische sitzen sah. Alles übrige

würde die Zeit reifen — sie wollte nichts übereilen.

Doch fand sie zuweilen, daß diese systematische Belagerungstaktik

sie zu langsam vorwärts brächte. Gut, man versuche es also mit

Gewaltmaßregeln!

Sie ließ also alle Schrecken ihres Putzteufels los. Seine

Bewegungsfreiheit innerhalb seiner Räume ward immer mehr durch gewisse

kreuz und quer über die Diele gestreckte Läuferstraßen beschränkt.

Auch sind gewisse Sofas nicht zum Hinsetzen oder gar Anlehnen da! Auch

können nur gewisse Kattungardinen eines kleinen Hinterzimmers den

Tabaksqualm vertragen, die andern ganz gewiß nicht! Auch gehören Hunde

auf den Hof, und nicht ins Zimmer!

Damit traf sie ihn am Herzen. Alles hätte er geduldig ertragen; er

hätte sich ja gerne mit dem Nießbrauch eines vierten Teiles seiner

Wohnung, auf den sie ihn eingeschränkt, begnügt — aber das arme

Hundevieh!

Sie verfolgte das Tier auf Schritt und Tritt und verleidete ihm das

bescheidenste Ruheplätzchen; sie sorgte dafür, daß es sich ja nicht

zu fett fräße. Alle Augenblicke scholl seine Jammerstimme, die ein

freundschaftlicher Klaps oder Fußtritt weckte, durch das Haus.

Es empörte ihn, er war öfter nahe daran zu kündigen, als er immer

wieder durch eine seltsam, schier gespenstisch auftauchende Erwägung

davon zurückgehalten wurde: — sie werde einfach nicht gehen! Sie würde

lächeln und — bleiben! Was ist da zu machen?

Es blieb nichts anderes als die Resignation. »Komm Schnurzel!« und er

rettete sich mit dem treuen Leidensgefährten nach den Kattungardinen

hin, die er mit dichten Sorgenwolken aus seiner Pfeife einräucherte.

»Was ist da zu machen, Schnurzel?« Das Tier winselte verständnisvoll

zur Antwort und schmiegte sich wie vor einem drohenden Fußtritt

zwischen seine Beine.

»Ich weiß, was uns beiden helfen würde, Schnurzel, — aber lieber

schössen wir uns tot, nicht wahr, Schnurzel?«

Das grundgescheite Hundevieh belferte zustimmend auf.

Die Dinge drängten zu einer Entscheidung. Die Luft war mit Unbehagen

und Peinlichkeit durchtränkt. Hatte sie ihn früher mit ihrem

Grübchenlächeln geduckt, so brachte ihn jetzt das Fehlen der Grübchen

ganz aus der Fassung. Ihre stumme und starre Art, die von dem Ausdruck

des Beleidigtseins strotzte, wurde immer unerträglicher. Kam er

sich längst schon wie ein Besuch in seiner Wohnung vor, so hatte er

jetzt das Gefühl eines Gastes, der in einem Hotel auf Credit lebt

und sich dafür die schlechteste Behandlung gefallen lassen muß. Wenn

sie bezweckt hatte, ihn mürbe zu machen, so hatte sie das vollkommen

erreicht!

Eine Entscheidung hing in der Luft. Entweder ginge ~sie~ (daran war

nicht zu denken!) oder ~er~ ginge, natürlich mit Schnurzel (welch ein

Widersinn — sein Eigentum im Stich zu lassen!) oder ein Gewisses

geschähe — er raffte sich auf und machte seine in Fleisch und Blut

übergegangene Redensart mit dem Totschießen zur Thatsache! .... wegen

einer Frau Glaß?

In diese Gewitterluft platzte der Besuch eines alten Regimentskameraden

herein. Der durchschaute sofort die Situation. Es müßte etwas

geschehen, und zwar gleich, und Energisches, ehe es zu spät!

»Weißt du was, alter Junge, du könntest mich wohl ein Endchen durch den

Thüringer Wald begleiten! Es ist herrlich jetzt. Ich erzählte dir, daß

meine Frau nebst Schwester in Berka zum Bade weilen. Aber natürlich

schleppe ich dich nicht bis dorthin —«

Der Gast kannte die Scheu seines alten Kameraden vor regelrechtem

Damenverkehr.

Thüringer Wald — es wehte wie ein Hauch der Freiheit von dem Wort her.

Schnurzel winselte vor Freude auf. Und er riß seinen Herrn mit fort.

»Topp! Ich fahre mit!« (»Aber natürlich nicht bis Berka!« setzte er

vorsichtig für sich hinzu. Frau Glaß würde auch wohl schwerlich den

Urlaub bis Berka ausdehnen!)

Frau Glaß verwunderte sich über den plötzlichen Entschluß, aber

sie wünschte doch »glückliche Reise!« mit ihrem bezauberndsten

Grübchenlächeln.

Er wollte in drei Tagen zurück sein. Frau Glaß wartete, wartete —

Schnurzel mindestens wird bei der Rückkunft diese Urlaubsüberschreitung

zu büßen haben!

Erst am sechsten Tage langte eine Nachricht an. Eine Postkarte, worin

ihr »Herr« (ein gänzlich unpassendes Wort!) ihr flüchtig mitteilte,

daß er seinen Freund nach Berka begleitet und sich vorzüglich wohl

befände. Er würde noch einige Tage ausbleiben, sie möchte unterdes

seine Abwesenheit zu einer gründlichen Reinigung der Wohnung benutzen.

Das war der offenbare Hohn! Sie sprühte.

Schnurzel befände sich ebenfalls wohl und ließe grüßen ....

Sie ballte ihre prallen Fäuste vor Wut über diese Herausforderung. Na

warte, wenn — »sie« zurückkehren!

Aber »sie« kamen nicht! An den Stammtischen von Pensionopolis hieß es,

der Major sei durchgebrannt — einfach durchgebrannt, alles, seine

Möbel, sein Eigentum im Stiche lassend.

»Das Gescheiteste, was er noch thun konnte!« lachte man. »Aber er kehrt

ja doch zurück!«

Auch Frau Glaß zählte sicher darauf, und sie hielt schon ihr ganzes

Arsenal von Rache für solche Rückkunft in Bereitschaft. Und dann ....

dann ist er verloren!

Plötzlich ward sie aus all dieser Siegeszuversicht durch einen

Doppelbrief gerissen. Eine Verlobungsanzeige eines gewissen Major a. D.

von P. mit einem Fräulein Herta von M., Tochter u. s. w.

Ihre grellblauen Augen glotzten das Papier an, lasen und glotzten und

weiteten sich.

»Nicht möglich!« kreischte sie auf; und das Papier zerknitterte in

ihrer Faust. Ein dummer Scherz, den ein anderer ihr bereitet ....

Doch die Begleitung der Anzeige bestätigte das Unmögliche. Ein

höflicher Brief, worin der Major auf die gedruckte Anzeige verwies;

eine kurze Andeutung seines Glückes, die ihr wie ein schriller Jauchzer

entgegenschnellte. Dann aber: in Anbetracht ihrer »treuen Dienste«

erlaubte er sich, ihr die Möbel, überhaupt das ganze Inventar seiner

Wohnung zur Verfügung zu stellen.

Schreck und Wut und Freude über die vom Himmel gefallene Schenkung,

dann wieder die himmelschreiende Enttäuschung: waren die Möbel ihr

nicht ohnedies verfallen?

Bald aber überwog der Triumph. Er hat nicht gewagt zurückzukehren —

aus Furcht vor ihr! Es wäre ihm auch nicht ratsam gewesen! Fräulein

von M. Aha, das ist die Schwägerin des unausstehlichen Herrn, der ihn

besuchte und dabei mit seiner Spürnase die Wohnung so durchschnüffelte!

»Viel Glück, viel Glück!«

Und sie besann sich nicht lange, ging an eine Truhe, kramte darin

und zog eine Papptafel mit dem gedruckten Avis »Möbliertes Zimmer zu

vermieten« daraus hervor. Diese befestigte sie sofort an dem einen

Fensterladen der »guten Stube.«

An den Stammtischen war ungeheures Halloh! Man konnte es nicht glauben.

Es war die Furcht vor der Rückkehr! Einfach durchgebrannt!

Aber man freute sich dennoch. Fräulein von M. war keine Jugend mehr,

auch keine Schönheit, aber sie würde ihm eine liebe und brave Frau

abgeben. Sie wäre das Gegenteil einer Frau Glaß — Schnurzel würde sich

freuen.

»Hoch die Madame Glaß!« rief einer.

Die Anderen stimmten lachend ein. Sie hat ja doch diese Verlobung

gestiftet! Sonst würde er nie geheiratet haben — nie, nie!

Aus Mitleid · 第 16 / 56 题