Magnus hob trotzig das Haupt. — »Nun?«

»Widrigenfalls wir Dich nicht mehr als den unsrigen betrachten können

— Du hast Dir alle Folgen, auch die schlimmsten, selbst zuzuschreiben«.

»Du lügst!« schrie Magnus zornig auf. »Ich kenne Dich! Das ist nicht

der Auftrag meines Vaters!«

Gisbert zog die Schultern langsam in die Höhe und senkte sie wieder

ebenso; noch kühler, mit einer unheimlichen Höflichkeit im Ton,

sagte er: »Leider habe ich sogar den Auftrag, Dir jede Gelegenheit

zu entziehen, um Dich von dem Grund Deiner soeben ausgesprochenen

Anschuldigung zu überzeugen. Papa wünscht Dich nicht mehr zu sehen.

Du hast Dich zu entscheiden, so oder so! — Übrigens soll Dir Dein

Entschluß nicht zu schwer gemacht werden. Wir sind bereit, das

notwendige Reugeld zu erlegen. Glaube nur — (und er fiel in den ersten

burschikosen Ton) man beißt schon an, wenn wir den Köder appetitlich

genug auswerfen. Mit einer nicht zu unbescheidenen Summe kaufen wir

Dich aus Deiner Verlegenheit. Denn Du wirst mir doch nicht weiß machen

wollen, daß Du Dich behaglich fühlst — he?«

Magnus wehrte mit einem unwilligen Wink des Kopfes ab. Dann stand er,

mit finster gerunzelten Brauen vor sich hinstarrend da, die Knöchel der

Hände auf den Tisch gestemmt.

Sonderbar, daß jetzt zum erstenmal die Frage vor ihn trat: wird sie

denn in das Opfer einwilligen, sobald sie davon erfährt? O, er kennt

sie, sie wird nicht schuld sein wollen, daß er, der Joël einer, zum

Bettler gemacht wird! Das wird sich finden. Es muß Zeit gewonnen

werden, bis sie so kräftig ist, daß man sie vor den Entschluß stellen

darf. Was dann, wenn sie sich in ihrer angeborenen Energie weigert? —

Ach, das kümmert ja heute noch nicht!

»Ich verlange einen Aufschub —« sagte er kleinlaut, Gisberts Blick

ausweichend — »ich kann mich heute noch nicht entschließen — nicht

daß ich selber wankend wäre — ich weiß, was ich zu thun habe — aber

es hat noch jemand ein Wort mitzureden —«

Gisbert war erstaunt über diese unerwartete Wirkung seiner Mission. Er

fürchtete wieder alles zu verderben, wenn er noch weiter drängte.

»=Bon!=« rief er, »das läßt sich hören! Es freut mich, daß Du doch mit

Dir reden läßt! Wie ist die Adresse dieses Herrn Koster — Köster nicht

wahr?«

Es wäre unsinnig gewesen, die Adresse nicht zu sagen, die ja doch auf

andere Weise gefunden werden konnte.

»Treskowstraße 22=a=«, murmelte Magnus dumpf. »Aber ich protestiere

gegen diese Ungeheuerlichkeit! Zum Teufel mit Eurem verdammten Gold!«

Und vor dem neuen Zornesausbruche seines Bruders flüchtete Gisbert, um

in der Treskowstraße seinen Köder auszuwerfen.

* * * * *

Herr Köster erschien in voller sprühender Entrüstung — kaum, daß er

seine Tochter begrüßte. Er nahm Magnus in eine Ecke des Salons und fuhr

ihn in seiner zuschnappenden Weise an:

»Sie treiben ein doppeltes Spiel, Herr! Sie machen uns eine Komödie vor

— haben Sie doch den Mut, die Larve herabzureißen!«

»Wieso? Was ist denn?«

»Sie wagen es, uns Geld zu bieten, wenn wir von der Ehe abstehen!

— Herr, ich verbitte mir solche Zumutung! — es ist eine unerhörte

Beleidigung!«

»Ich ...?«

»Natürlich Sie! Ihr Bruder war soeben bei mir und hatte die

Unverschämtheit, mir den Handel zu offerieren. Die ganze Ehe hätte

nicht für einen Sechser Gültigkeit! Trotzdem bot er mir dreißigtausend,

wenn wir abständen — er bot vierzigtausend — fünfzigtausend — ehe er

an die sechzigtausend gelangt war, warf ich ihn zur Thür hinaus —«

Und Herr Köster blähte sich auf, wie es einem Manne zukommt, der

sechzigtausend mir nichts dir nichts zur Thür hinauszuwerfen imstande

ist. Magnus konnte einen Anflug des Lächelns, der heiklen Situation zum

Trotz, nicht unterdrücken. Doch die fanatisch blitzenden Schwarzaugen

ließen das Lächeln sofort verschwinden.

»Was machen Sie ~mir~ denn einen Vorwurf? — ich finde den

Bestechungsversuch ebenso empörend wie Sie —« fiel Magnus ein.

»Die Offerte geschah im Auftrag der Familie Joël — Sie hätten Ihre

Zustimmung gegeben, sagte Ihr Handelsmann —«

»Es ist nicht wahr! Ich gab die Adresse Ihrer Wohnung, weiter nichts!

Ich habe noch keinen Moment bereut! Was geschehn ist, bleibt geschehn!

Ich liebe Emmy — bei Gott, ich liebe sie! Ich werde sie auf den

Händen tragen! Nur ein Zweifel plagt mich jetzt: wie wird sie selbst

diese Heirat aufnehmen? Sie weiß bis jetzt nichts. Sie besitzt einen

gewaltigen Stolz, und ich fürchte ...«

»Sie ist die Tochter ihres Vaters!« sprühte Herr Köster in neuer

Entrüstung. — »Zum Donnerwetter, ist denn ihre Ehre nicht mehr wert

als Sechzigtausend? — wiegt denn unser Name nicht den guten Namen

eines Joël auf? Es thut mir leid, wenn Sie dadurch zum Bettler werden

— es thut mir herzlich leid — aber nicht mit den Millionen eines

Bleichröder lassen wir Köster uns unsere Ehre abkaufen!«

Es war der Dünkel in seiner schönsten Blüte. Aber Magnus konnte sich

eines Gefühls der Achtung nicht erwehren die er vor dem sich unter

diesem Bramarbas verbergenden Charakter zu empfinden begann. Und ein

Zweifel überkam ihn, ob das Geld dennoch die erste Macht in der Welt

bedeute. —

Emmys Genesung machte in diesen Tagen gute Fortschritte. Einmal, an

einem Nachmittag, empfing ihn Frau Köster in großer Erregung.

»Doch nicht wieder schlimmer?« rief er erschreckt.

Das ängstliche Gesichtchen der guten Dame verneinte — »aber es hätte

schlimm genug werden können —« berichtete sie aufgeregt, »denken Sie,

diese Frau Gornemann hat natürlich nicht an sich halten können — das

Geheimnis drückte sie zu sehr. Vorhin also brachte sie es fertig, Emmy

plötzlich mit »Frau Joël« zu titulieren. Das arme Kind fuhr zusammen.

Natürlich konnte Emmy sich den Titel von Seiten der Frau Gornemann

nicht anders als einen Spott erklären. Die Thränen traten ihr in die

Augen, sie begann sehr aufgeregt zu werden — da hielt ich es für das

Beste, ihr selbst das ganze Geheimnis zu verraten —«

Magnus stürzte in die Krankenstube: — »Emmy — meine liebe, liebe

Emmy!«

Die Kranke streckte die weißen bebenden Hände nach ihm aus, und ihre

großen vom Leiden vergrößerten Augen flehten ihn an. Alles andere ist

Trug und Traum! — nur sein Kommen bedeutet Wirklichkeit und Wahrheit!

Wie damals, während der Ceremonie, sank er neben ihrem Lager in die

Kniee und erfaßte ihre Hände.

»Willst Du mein sein — mein für immer?« flüsterte er innig.

»Verzeih’ mir — daß ich das vollführte, ohne Dich befragt zu haben!

Nun mußt Du Dich darein finden. Willst Du mein Weib sein, Emmy — ach,

Du bist es ja! — mein liebes, liebes, süßes Weib!«

Und er nahm ihr glühendes Köpfchen und legte es sanft an seine Wange.

Sie hielt die Lider geschlossen, ein rotes Dämmerlicht flutete

hindurch, und wie ein Glockenklang aus seliger Kinderzeit hallte das

Wort, das eben von seinen Lippen kam, durch ihre Sinne. Nichts als die

Seligkeit dieses einen Wortes!

Und ihn, der sie umschlungen hielt, schien das Wort wie mit einem

Zauberklang zu durchbeben — er fühlte Mut und Kraft in seiner Brust

schwellen und er gelobte sich, der ganzen Welt zum Trotz, sie auf

seinen Händen dahinzutragen durch das Leben.

* * * * *

Wenige Wochen darauf hatte sich das junge Paar, dessen Bund die

gesetzliche Gültigkeit erhalten, in seinem neuen Heim eingenistet.

Als Wohnort war Pankow mit seinem herrlichen Park und seiner würzigen

Landluft erwählt worden, in erster Rücksicht auf Emmys Genesung;

später, auch den Winter hindurch, hielt sie die Not an den billigen

Vorort gefesselt.

Sie bewohnten den Oberstock einer kleinen Villa in der Damerowstraße,

zwei Stuben, zwei Kammern mit schrägen Wänden, Balkon und Gartengenuß.

Magnus’ Mittel, die er aus dem Verkauf seiner Pretiosen, seiner

kostbaren Brillanten, seiner Uhr und einiger Kunstgegenstände flüssig

gemacht, hätten etwas Besseres als diese spießbürgerliche Einrichtung,

die von der ökonomischen Frau Köster besorgt worden war, möglich

gemacht, aber Emmy widersetzte sich jedem Luxus. So verharrten sie

in den Gewohnheiten ihres ersten kargen Liebeslebens: — ein stilles

verschwiegenes Nestchen, wo sie jeden Augenblick des Glückes der

diskreten Himmelslaune abzustehlen schienen.

Die junge Frau wagte sich dieses Glückes nur mit einem angstvollen

Beben zu freuen. Wie eine Betäubung war es über sie gekommen — sie

hatte damals auch körperlich nicht Kraft genug besessen, »Nein« zu

sagen, oder den Kampf mit ihrem eigenen Herzen aufzunehmen. Es war

alles ein Traum, die rätselhafte, geheimnisvolle Trauung, ihr beider

Beisammensein — auch der Alp fehlte nicht in diesem Traum: die

geheime Furcht vor einem Schicksal, das die so seltsam Geeinten wieder

auseinander reißen werde ...

Erst die Not rüttelte sie aus dem Traum zu vollem Erwachen.

Magnus hatte sie belogen und er betrog sie fort und fort. Er fürchtete

von ihrer energischen Art irgend einen unheilvollen Entschluß. So hatte

er die Verfehmung, die von den Joëls über ihn und seine Ehe verhängt

war, nur als eine vorübergehende Verstimmung hingestellt, welche

die Zeit schon heilen müßte; ja, er that so, als wäre er des Alten

sicher, der nur aus Furcht vor Gisbert und dessen tyrannischer Frau

den Bannstrahl hatte fallen lassen. Und er erzwang seiner Phantasie

allerlei Märchen, die das gutmütige und zum Verzeihen geneigte Herz

seines Vaters erweichen sollten.

Anfangs hatte er sich selbst belogen. Vor allem konnte er sich nicht

in den Gedanken finden, daß ein Joël genauere Bekanntschaft mit der

Not machen sollte. Immer wieder stutzte er erstaunt, wie schwer es

ihm hielt, eine Stellung zu finden und zu behaupten. Sein eigener

Name, dem er nun einmal Rücksicht schuldig war, und die Illusionen

seines sanguinischen Gemütes waren ihm fort und fort ein Hindernis.

Er war unpraktisch und kein tüchtiger Geschäftsmann, und es war kein

Comptoir so naiv, ihn auf den Namen Joël hin über seine Leistungen zu

honorieren. Seine Fertigkeiten als Buchhalter schienen nur auf die

Großfirma zugeschnitten. So wechselte er von Stelle zu Stelle, jedesmal

mit herabgeminderten Ansprüchen. Ein Unmut bemächtigte sich seiner:

sie haben einen neidischen Tick auf den Namen Joël, jetzt rächen sich

diese Kleinen wenigstens an dem Namen, da sie der Firma selbst nichts

anhaben können! Einmal glaubte er sich schlecht behandelt und verließ

die Stelle, ein andermal ward ihm seiner ungenügenden Leistungen wegen

gekündigt. Er fühlte den Fluch seines ehemaligen Reichtums auf sich

lasten, und das drängte ihn immer mehr abseits.

Er schämte sich, das einzugestehen und brauchte allerlei Ausflüchte,

wenn die Adresse seines Prinzipals abermals wechselte. Emmy begann

aufzumerken und sein Gehen und Kommen argwöhnisch zu belauern. Aber

die freundlichen Glücksstunden, die ihnen das trauliche Nest bot,

täuschten sie beide immer wieder über den Ernst der Lage hinweg. Ihre

anschmiegende Liebe tröstete ihn für alle Widerwärtigkeit, und wenn

er nach der sauren Arbeit des Tages heimkehrte, so schien ihn das

heimische Glück immer wieder mit neuer Kraft zu stählen.

Plötzlich öffnete ihr der Zufall die Augen. Eines Morgens im

späten November war sie nach Berlin hineingefahren, um eine lang

verschobene Besorgung auszuführen. Um die elfte Stunde kam sie durch

die Königgrätzer Straße am Rande des Tiergartens vorbei. Es war ein

eisig rauher Tag, die Bäume des Parkes ächzten unter den zausenden

Händen des Sturmes; raschelnd wirbelten die welken Blätter über die

Wege. Emmy eilte mit fester verzogenem Mantel, um den Schutz der

Straße wiederzugewinnen. In der Nähe des Goethedenkmals streifte ihr

Blick eine Bank, auf der ein Herr saß. Stutzend hielt sie an — sie

meinte Magnus dort zu erblicken. Unsinn! Er sitzt jetzt drüben in der

Königstadt in seinem Comptoir — am Morgen beim Fortgehen hatte er noch

so dringende Arbeit vorgeschützt.

Und dennoch! Sie traut ihren Blicken kaum. Seine breiten Schultern,

der flache Krämpenhut — er ist’s! Wie kommt er denn dahin, um diese

Stunde? — man sitzt doch nicht bei diesem Wetter im Tiergarten! Die

Ahnung eines Unheils krampfte ihr das Herz zusammen, ihre Tritte

wankten, als sie auf den Sitzenden zutrat.

Magnus saß vornübergebeugt, das eine Bein über das andere geworfen,

den Hut in die Stirn gedrückt vor dem Wehen des Sturmes; mit

brütendem Sinnen betrachtete er das langsame Auf- und Abwiegen des

übergeschlagenen Fußes.

»Maggi ...«

Ängstlich wie ein Hilferuf klang es an seiner Seite.

Er fuhr empor, starrte sie wie eine Erscheinung mit blöden Augen an.

Er hat an sie gedacht, denkt fortwährend an sie — da kommt ihre

Erscheinung wie ein Zauber dahergehuscht ...

»Was machst Du hier? — um Gotteswillen, Maggi, was ist denn? Wie Du

aussiehst ...«

O, er hatte sich nicht sofort zu fassen vermocht! O, er hatte keine

Zeit gehabt, die harmlose Frohmiene, die er sonst vor seiner Heimkehr

jedesmal vorzubereiten pflegte, einzustellen.

Sie sank neben ihm auf die Bank, ihn mit erschrockenem Auge anstarrend.

»Was führt Dich denn aus Pankow her?« stotterte er.

»Ich denk’, Du bist in Deinem Geschäft —«

»Ich streike —« warf er bitter hin, und das Lächeln über diesen

Scherz, mit dem er sich herauszureißen gedachte, blieb zäh auf seiner

Miene haften.

Sie griff nach seiner Hand: »Um Gotteswillen, was ist? Sag’ mir doch!

Du hast Deine Stellung aufgegeben? da brauchst Du doch nicht hier im

Tiergarten zu sitzen! Warum sagst Du mir denn das nicht?«

Thränen bebten durch ihre Stimme.

»Närrchen, komm — es ist zu kalt für Dich hier —«

Er wollte sich erheben, wobei ein Seufzer seinen breiten Brustkasten

schwellte. Mit krampfhaftem Griff hielt sie ihn fest.

»Erst sag’ mir alles!«

»Nichts! Ich hatte keine Lust zu arbeiten, unser Comptoir ist so eng,

kaum Luft genug für einen Maulwurf — da macht’ ich mich davon —«

»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr, Maggi!« rief sie, und ihre Augen

blitzten ihn an.

»Du sollst Dich nicht so aufregen, mein Herz —«

»Ich weiche nicht von der Stelle, bis Du mir gebeichtet!«

Sein Blick umhüllte mit einem besorgten Ausdruck ihre zarte Gestalt,

die nicht sehr wintermäßig gekleidet war. Der Wind ließ die Bänder

ihres Hutes flattern und das Wildhaar ihrer Stirne auswehen.

»Nichts, sag’ ich Dir! — nun ja, ich hab’ den Posten abermals

quittiert. Ein erbärmlicher Hundedienst — seit gestern bin ich fort —«

»Es ist nicht wahr!«

Die Inquisition ärgerte ihn etwas. »Nun ja, wenn Du es denn besser

weißt — seit drei Wochen —«

»Maggi!«

Nur der Name, dazu der volle strafende Vorwurf ihres Blickes: warum er

ihr das nicht früher gesagt? warum er jeden Morgen seit drei Wochen die

Komödie ausführt und eine Abfahrt nach dem Geschäfte heuchelt?

»Ich wollte Dir die Sorgen ersparen! Gerade jetzt! Übrigens was ist

daran? Ich bekomme jeden Augenblick wieder eine Stelle —«

Das kam sehr kleinlaut heraus. »Jetzt komm!« rief er, gebieterisch die

Stimme hebend. »Ich dulde nicht, daß Du Dich dem Wetter aussetzest!«

Sie ließ es nun geschehen, daß er sie emporzog, und seinen Arm

schützend um ihre feinen Schultern legte — »komm, sei kein Närrchen

...«

Eine kurze Weile schritten sie durch das raschelnde Laub des Weges ohne

ein Wort.

Plötzlich stürzten Thränen aus ihren Augen — leidenschaftlich brach es

hervor: — »Du willst mich täuschen, Maggi! — es ist Not im Anzug! Und

davon erfahre ich nichts! — Bin ich — bin ich denn nicht Dein Weib?«

Sie schluchzte. Er suchte sie zu beruhigen.

»Siehst Du — es wäre besser gewesen — für uns beide — ich wäre

gestorben! — warum hast Du mich geheiratet! —«

»Weil ich Dich liebe! — weil ich nicht ohne Dich leben konnte! — weil

ich zu Grunde gegangen wäre ohne Dich!«

Er preßte sie inniger an sich.

»Und Du willst mir nicht einmal die Wahrheit sagen? — lieber geh’ ich

von Dir, als daß ich eine Lüge dulde zwischen uns —« trotzte sie.

»Jetzt sagst Du mir alles!«

Er fand, daß es das beste wäre zu beichten. Wie er von Stelle zu

Stelle lavierte, nichts Passendes, nichts Anständiges fand; wie er sie

täuschte und belog, um sie jetzt in ihrem Zustande nicht zu ängstigen.

Aber sie soll fortan die volle Wahrheit hören, wenn sie es denn will!

Er will keine heitere Miene mehr heucheln, wenn es ihm schwer ums Herz

ist —

»Ach was! schwer ums Herz!« rief er — »ich liebe Dich! — Du liebst

mich —«

Verwundert blieben einige Passanten drüben auf der Mauerseite stehen,

wie rücksichtslos stürmisch am hellen Mittag dort der starke Mann das

schlanke Weib an seine Brust preßte.

Und die Seligkeit dieses Mein- und Deinseins wandelte sie bald wieder

zu Kindern. Eine halbe Stunde darauf standen sie vor einem Laden der

Leipziger Straße, der Erstlingsausstattungen liegen hatte, und weideten

sich an all den duftigen, spitzenumhauchten Herrlichkeiten. Emmys

Gesichtchen glühte. Allerlei bedeutsame Bemerkungen wurden zwischen

ihnen geflüstert; in köstlicher Verlegenheit lächelten sie beide.

»Komm doch hinein!«

Er wollte sie nach dem Eingang des Ladens drängen; aber sie wehrte.

»Nein, nein, nein — jetzt auf keinen Fall! — es soll trotzdem nicht

zu kurz kommen!«

»Mein gutes, liebes Weib!« hauchte er hin, und seine Blicke ruhten

verklärt auf ihr, während sie beide durch das Gewühl der Straße weiter

schritten.

* * * * *

Von da ab nahm die ehemalige Kassiererin von Kapp und Müller die

ökonomische Regelung des Haushaltes in die Hand. Anfangs erschrak sie,

auf wie schwankendem Untergrund diese Ehe gegründet worden war. Und

ihretwegen hat er sich in dies Elend gestürzt!

Die Lage war ziemlich trostlos. Der Vorrat an Pretiosen war versiegt,

Magnus hatte gewirtschaftet, als wenn ihm der unerschöpfliche Arnheim

der Firma Joël noch zur Verfügung stände. Sein ehemaliger Reichtum

erwies sich als ein Fluch.

Doch jetzt ist keine Zeit, da zu sitzen und zu grübeln und sich von

schweren Gedanken niederdrücken zu lassen! Jetzt gilt es tapfer zu sein!

Sie ordnete eine Beschränkung des Haushalts an; vom ersten Januar

würden sie eine noch viel kleinere Wohnung beziehen. Sie verrichtete

Wunder der Sparsamkeit; zumeist heimlich, daß er es nicht merkte, denn

sie sah, wie es ihn schmerzte, sie darben und sich in den kümmerlichen

Verhältnissen krümmen zu sehen.

Magnus hatte in dem Bureau eines Konsortiums zum Bau elektrischer

Arbeitsbahnen ein Unterkommen gefunden. Er paßte als Kaufmann dort

nicht hin, aber man gab vor, seine stilistischen Fähigkeiten für die

Korrespondenz zu verwerten — in Wahrheit handelte es sich um den Namen

Joël, der in den Manipulationen der Gesellschaft ein effektvolles

Schild abgab, ja sogar als Köder herhalten mußte. Man bezahlte ihn

erbärmlich, versprach ihm aber um so mehr. Wieder schämte er sich,

seine Lage vor Emmy offen darzulegen. Er hoffte in seiner sanguinischen

Art in die blaue Zukunft hinein. Unterdes versank er in Schulden, ehe

er sich dessen versah.

Emmy war den ganzen Tag über, wo er in Berlin war, sich selbst und

ihren Sorgen überlassen. Die Gedanken umlauerten sie, schlichen ihr

nach auf Schritt und Tritt, saßen mit ihr am Nähtisch und leisteten ihr

Gesellschaft am Küchenherd, wo sie das frugale Mahl für sein Kommen am

Abend rüstete.

Sie hat ihn zum Bettler gemacht! — sie hat den Frieden des Hauses

Joël zerstört! — sie hat ihn von dem Herzen seines Vaters getrennt!

Was für ein Ungeheuer von Egoismus ist sie denn, daß sie bleibt und

ruhig zusieht, wie die Kluft sich erweitert und das Elend wächst?

Fort mit ihr, der Unglücksspenderin — der Friedensstörerin! — es

wäre so einfach — weiter nichts, als daß sie ihn verließe — spurlos

verschwände — dann wäre er frei! — Wohin, das ist einerlei! — sie

weiß, sie wird an dieser Trennung zu Grunde gehen! — wenn sie ihn

damit rettet — wie gern, ach wie gern!

Immer wieder stemmte sie sich gegen die Unseligkeit solcher Gedanken.

— Jetzt nicht! — sie ist schuldig auszuharren, bis sie ihrem Kinde

das Leben geschenkt! Dann vielleicht erst recht! O Gott, giebt es denn

keinen Ausweg?

Die gute Mama Köster wagte sich immer wieder mit einem Vorschlag heran:

man müßte eine Versöhnung mit der Familie Joël versuchen. Die wenigen

Nachrichten, die von den Joëls in den stillen Winkel herüberdrangen,

konnten schon dazu ermutigen. Der alte Herr litt offenbar unter dem

Schlag, den ihm sein Jüngster versetzt. Sein Gesundheitszustand war

nicht der allerbeste. Siering, der erste Buchhalter des Hauses, der

Magnus zufällig begegnete, meinte, es kostete nur einen Gang, nur

ein Wort, — der Alte wäre so weich, (»er ist überhaupt nur ein

Polterer!«), eine Versöhnung ließe sich unschwer in Scene setzen.

Magnus schüttelte ungläubig den Kopf; und sein Trotz bäumte sich auf.

Aber Frau Köster klammerte sich immer zäher an den Plan. Sie träumte

von einem Fußfall — von einer rührenden Verzeihungsscene —

Der Größenwahn des Herrn Köster fuhr in voller Entrüstung dagegen an.

— »Was? wir sollen klein nachgeben? Nimmermehr! Ihr werdet sehen, man

wird schon kommen, uns zu holen, wenn man uns braucht! — warten wir

nur geduldig!«

»Unterdes sind wir verhungert —« sagte die stumme Angstmiene von Frau

Köster.

Und Emmys Mutterhoffnung bestärkte sie. Sie scheute sich nicht, vor

ihrer Tochter offen ihre Gedanken schillern zu lassen.

»Wenn es ein Knabe sein sollte — wenn wir das Glück hätten, daß es ein

Knabe wäre, Emmy —«

Die junge Frau errötete.

»Nun, man redet doch darüber, mein Kind — also wenn es ein Knabe wäre!

— Herr Gisbert Joël hat, wie mir Magnus versichert, keine Aussicht

auf einen Erben — bleiben wir also allein übrig, die den Namen Joël

retten. Und so ein Kerlchen zieht uns alle heraus. Dem wird der alte

Herr nicht widerstehen — der Großpapa wird ihm in die Glieder fahren

...«

Eines Vormittags, kurz vor Weihnachten, erschien in der Damerowstraße

ein Herr von militärisch strammem Aussehen und fragte in gemessener

Höflichkeit nach Herrn Joël. Auf Emmys Bescheid, daß dieser nicht zu

Hause sei, hob er bedauernd die breiten Schultern und zog aus der

Seitentasche seines Rockes einen Pack Papiere in aktenmäßigem Format.

»Bedaure sehr — ich habe für diesen Fall Exekutionsbefehl.

Gerichtsvollzieher Moller mein Name —«

Emmy schrak zusammen und erblaßte; mit zitternden Händen griff sie nach

den Papieren.

»Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, Frau Joël —« sagte der

Biedermann mit seiner gutmütigen Baßstimme, — »es ist nicht der Rede

wert — eine Operation, die nicht weh thut — derweil kommt Zeit, kommt

Rat —«

Und vor sich her knurrend, fügte er hinzu: »Ihnen kann es doch nicht

schwer fallen, die paar hundert Mark aufzutreiben!«

Er schüttelte dabei den feisten Kopf. Seine Augen fuhren forschend von

Möbel zu Möbel in der Stube umher, dieselben auf ihren Wert abschätzend.

Emmy blätterte mechanisch in den Papieren mit ihrem Gemisch von

Gedrucktem und Geschriebenem und zehnerlei Handschriften.

Plötzlich fuhr sie auf — der Gerichtsvollzieher prüfte gerade ein

zierliches Luxusschränkchen, ein Überbleibsel aus Magnus’ Luxustagen;

die prächtige Schnitzarbeit schien ihn zu interessieren: »Das

Stück allein —« sagte er, mit der Hand über den reichprofilierten

Sims fahrend, »deckt zehnmal die Schuld — und es ist Ihnen gewiß

entbehrlich?«

Emmy stürzte herzu: — »Das nicht! — auf keinen Fall das!« rief sie,

mit der Hand abwehrend.

Der Mann wunderte sich über die Erregung. Emmy errötete, den wahren

Grund ihrer Weigerung wagte sie nicht anzugeben —: das Schränkchen

hatte zur Aufbewahrung der fertigen oder in Arbeit begriffenen

Kinderausstattung gedient. Es war ihr eine so wundersame Freude,

die Thüren desselben zu öffnen und sich mit den winzigen Sächelchen

zu beschäftigen. So war ihr das Schränkchen zu einer Art Heiligtum

geworden.

»Das nimmermehr! Nehmen Sie sonst alles!«

Herr Moller war wohl an dergleichen Sonderheiten gewöhnt. Er wählte

also ein paar andere Möbel, die ihm entbehrlich schienen und brachte

seine Siegel an, die Operation, wie er es nannte, mit Aufzählung

schlimmerer Fälle, wie zur Beruhigung, begleitend.

Dumpf brütend saß sie da, als er fort war, der Schreck zuckte in ihr

nach. Da klingelte es abermals — der Briefträger.

Mechanisch nahm sie den dargereichten Brief, betrachtete ihn — er

sah recht gleichgültig aus, sie kannte die Schrift nicht — etwas

Geschäftliches? — vielleicht abermals eine Mahnung? —

Und mit ganz mechanischen Griffen, all der Gedanken voll, öffnete sie

das Couvert.

Gleich, als sie die Überschrift sah, ward sie sich des Mißgriffes

bewußt. »Lieber Bruder!« stand dort.

Aber unmöglich, das Folgende nicht zu lesen! — wenigstens nicht einen

Blick in die Zeilen zu werfen. Was ist geschehen? Gisbert schreibt an

Magnus — das erste Mal seit der Verstoßung ...

Ihre Hände zitterten, als sie las:

»Lieber Bruder!

Du wirst Dich wundern, von mir diese Zeilen zu erhalten. Unser alter

Vater ist die Veranlassung. Er befindet sich nicht gut, gewisse

Ereignisse haben ihm stark zugesetzt und, wie es scheint, seine

Gesundheit untergraben. Ich weiß nicht, ob Dir daran gelegen ist,

nach der Leichtigkeit zu urteilen, mit der Du Deine Familie, die es

so gut mit Dir meint, bei Seite warfst, hiervon Notiz zu nehmen.

Jedenfalls hielt ich es für meine Pflicht, Dich zu benachrichtigen.

Auch magst Du aus diesen Zeilen die Andeutung herauslesen, daß der

Moment zur Anbahnung eines Friedens nicht ungeeignet ist. Nicht, daß

wir Dein Handeln nachträglich billigen, nicht, daß wir uns mit dieser

Ehe nachträglich einverstanden erklären, aber wir sind geneigt, uns

überzeugen zu lassen, daß Du damals mit Deiner Ehre engagiert warst,

daß Dein leider zu weiches Herz sich von einem billigen Mitleid

überwältigen ließ — Du erklärtest ja ausdrücklich, daß Du nur ~aus

Mitleid~ ...«

Emmy war es, als erhielte sie von einer unsichtbaren Hand einen Schlag

ins Gesicht. Der Brief entglitt ihr. Ihre Brust rang nach Atem,

und ihre Hände umtasteten den Hals, als drohte sie zu ersticken.

Jetzt meinte sie zu Boden zu schlagen — wankend stürzte sie auf

das Sofa zu — und dort, mit einem gellenden Schrei, löste sich die

Erstickungsangst.

Lange hielt sie das Antlitz mit den Händen bedeckt; Stirn und Wangen

brannten wie nach einem wirklichen Schlag. Sie bebte am ganzen Körper

vor Erregung. Immer wieder wiegte sie den Kopf unter den Händen — es

ist wohl nicht möglich! — es ist nicht denkbar! Jetzt ließ sie die

Hände sinken — ihre Augen stierten leer in der Stube umher — endlich

trafen sie das Papier am Boden —

Sie schnellte empor, fuhr auf das Papier hin und raffte es auf — ihre

Hände flogen — vor ihren Augen schwirrte es — es gelang ihr nicht,

eine Zeile zu verfolgen — ihre Blicke stöberten wie trunken die

Buchstaben entlang — endlich! da hatte sie es wieder, das entsetzliche

Wort!

»Aus — Mit — leid!«

Langsam und laut kamen die Silben über ihre Lippen. Dann bewegten sie

sich stumm — immer die schrecklichen drei Silben — wie ein mächtiger

Magnet hielt das Wort ihre Augen gebannt — unmöglich, die Blicke

davonzureißen!

Und sie wiegte das Haupt auf und nieder — jetzt schneller: — ja, ja,

ja — das ist’s! Es war das Mitleid! Eine ungeheure Helle lohte von dem

Worte auf, alles, alles beleuchtend.

Nun knitterte sie das Papier in den Händen zusammen — konvulsivisch,

in einem Zornausbruch über sich selbst: — Gott im Himmel, wie konnte

sie sich so von Blindheit schlagen lassen! Bedurfte es erst eines

Briefes, um sie das Wort lesen zu machen! Deutlich stand es überall

geschrieben — jede Sorge des Tages, das ganze Elend ihrer Lage trug

die Devise: »Aus Mitleid!«

Ja, aus Magnus’ Augen, aus seiner verkümmerten Miene hätte sie es lesen

müssen! —

Nein, nein, das ist nicht wahr! Er liebt sie dennoch! Aber das Mitleid

ist stärker gewesen, als die Liebe!

Und in einem gewaltigen Thränenstrom brach der ungeheure Schmerz sich

Bahn.

* * * * *

Emmy beschloß zu gehen. Es bedurfte keines Entschlusses — es war so

selbstverständlich — das Wort wies ihr gebieterisch die Thüre.

Bald! Heute — nachher — gleich — ehe Magnus zurück ist! Es muß sein!

Wohin? Das ist gleichgültig! Es ist alles ein Nebel, darin sie vorwärts

tastet aufs Geratewohl — sie wird auf einen Abgrund stoßen, der so

barmherzig ist, sie aufzunehmen — vielleicht trifft sie ein Wasser,

das sie mit hinwegreißt und allem ein Ende macht ...

Magnus pflegte einen bestimmten Zug der Stettiner Bahn am Abend zu

benutzen. Bis dahin war Zeit, alle Vorbereitungen zu ihrer Flucht zu

treffen. Ihr war so elend, sie raffte alle Willenskraft zusammen;

mechanisch, in einer Art Betäubung hantierte sie. Es gab viel zu

schaffen und zu ordnen. Ein rührendes Pflichtgefühl gebot ihr, nicht

vom Posten zu desertieren, ohne diesen blank und in Ordnung zu

hinterlassen.

So machte sie sich mit größerer Peinlichkeit als sonst daran, die

kleine Wohnung, die die Stätte ihres kurzen Glückes war, in Stand zu

setzen. Mit dem Reinigen und Kramen vergingen Stunden. Oft überwältigte

sie eine Schwäche infolge der Anstrengung; sie ließ sich nieder, um

auszuruhen — dann fühlte sie Thränen in ihren Augen schwellen —

sofort machte sie sich wieder auf — zum Weinen und Grübeln ist jetzt

keine Zeit! — Thränen machen weich! — sie sollte und durfte in ihrem

Entschluß nicht wankend werden!

Dann kam die Stunde, wo sie sonst das Essen zu bereiten begann. Auch

das! Wenn er nach Hause käme, sollte er nicht einen kalten Herd und

einen leeren Tisch vorfinden. Freilich würde er nichts von der Speise

anrühren, wenn sie nicht da wäre — der erste Schreck würde ihn lähmen

— dann würde ihn die Angst zur Suche nach ihr aufhetzen.

Eine plötzliche Furcht ergriff sie: — er konnte früher kommen, sie

überrumpeln, dann erlahmte ihr die Kraft, das Unselige auszuführen ...

Es war alles fertig, das Fleisch brodelte im Topf, es begann zu dunkeln

— jetzt erst gewahrte sie, daß draußen der Schnee heftig stöberte. Das

hatte den Tag über angedauert, die Pfade im Garten waren verweht, alles

Geräusch von der Straße drang nur gedämpft herüber. Sie schauerte,

und ein Gefühl des Frostes überrieselte sie. Hier innen war es warm

und behaglich — so traulich dämmerte der gelbe Schein der Lampe —

sie mußte an die süßen Stunden der Abendstille denken, wenn die Welt

da draußen schwieg und nur ihr Glück hier immer wach war, spät in die

Nacht hinein.

Vorüber!

Sie setzte sich an seinen Schreibtisch, um die paar Zeilen des

Abschieds an ihn zu schreiben. Er sollte nebst ihnen den Brief des

Bruders vorfinden, wenn er käme. Eine gewaltige Erregung kam über

sie, und die Feder zitterte in ihrer Hand. Als sie die ersten Zeilen

hingeworfen, klingelte es.

Sie erschrak heftig — es war sein Klingeln! Erst ein leises Ticken, um

sie vorzubereiten, dann das laute, freudige Signal seiner Ankunft. Auch

darin gab sich seine Sorgfalt für sie kund.

Sie knitterte das angefangene Schreiben in die Tasche und eilte, um zu

öffnen.

Er war es. Sie prallte zurück, wie vor einem Unerwarteten, Fremden.

»Was ist Dir, Emmy?«

»Ach, Du bist es — ich hatte Dich nicht gleich erkannt ...«

»Puh, ein Wetter —« prustete er, mit den Füßen stapfend. Seine Kleider

waren mit Schneeflocken überhaucht.

»Ich bringe eine tüchtige Kälte mit herein — Du hast wohl Angst?« rief

er, da sie zögerte, nach ihrer Gewohnheit in seine Arme zu fliegen.

Ach, seine Stimme — seine Augen — seine Nähe! Sie fühlte etwas wanken

innerlichst. Sie breitete ihre Arme aus und stürzte in die seinen. In

einem Sturm leidenschaftlicher Freude umpreßte er ihre Gestalt. Ihr

Kopf wiegte an seiner Schulter: »ach Maggi ... Maggi!«

»Was ist Dir, mein Herz?«

Der seltsam flehende Ton ihrer Stimme machte ihn stutzig.

»Was ist Dir? Bist Du nicht wohl?« fragte er, ihr Köpfchen von seiner

Schulter hebend.

»Doch, doch —« nickte sie mit gesenkten Augen.

»Du hast Dich wahrscheinlich wieder zu sehr angestrengt — wie oft habe

ich Dich gebeten, das zu unterlassen — Du siehst blaß und verstört

aus.«

Sie wollte des Gerichtsvollziehers erwähnen und das als Grund ihres

Aussehens anführen. Ah, — er wird genug auszustehen haben — sie

will ihn und sich nicht die Stunde dieses Abschiedes durch solche

Trivialität vergällen!

»Nichts, Maggi ... es ist das Gewöhnliche, Du weißt.«

Sie litt in letzter Zeit viel an migränehaften Kopfschmerzen.

»Du wirst Dich gleich nach Tisch hinlegen, Du armes Herz! — Können

wir bald essen? Ich bringe einen Wolfshunger mit. Ich bin nicht zum

Frühstücken gekommen.«

»Das Essen ist bald fertig — Du wirst nasse Füße haben, Maggi —«

»Nun und Du fragst nicht, warum ich so früh komme? — eine gute

Nachricht!« rief er in die kleine Küche hinein, wo sie an den

Geschirren zu hantieren begann.

»Nun?«

»Die Simbergs haben mir eine Gratifikation zu Weihnachten versprochen.

Genug, um manches abzumachen — und es bleibt noch tüchtig für das

Christkindchen. Ich freue mich kindisch auf das Fest!«

Und nach einer Pause, da keine Antwort aus der Küche kam: »Nun, freust

Du Dich nicht?«

»Herrlich!« rief sie überlaut.

Wenn er geahnt, welch einen Schmerz ihr die Lüge dieses Ausrufes

ausgepreßt!

Er erklärte sein frühes Kommen. Es galt eine Arbeit, die Abfassung

eines Prospektes, die er dort im Comptoir doch nicht vollendet hätte.

Es wäre Arbeit bis spät in die Nacht hinein.

Das war schon einigemal vorgekommen. Während sie drinnen in der

Schlafstube schon zu Bette lag, hörte sie dann das Kritzeln seiner

Feder vom Schreibtisch her, und der Schein der Lampe, den sie nicht

missen wollte, streckte sich wie in hütender Wacht bis zu den Füßen

ihres Lagers hin. Und so war sie dann eingedämmert.

Bald saßen sie an dem kleinen Tisch beim einfachen Mahle. Wieder

krampfte sie alle Kraft zusammen, um sich unter seinen Blicken aufrecht

zu halten. Sie war fahlblaß. Das konnte auch ein Symptom ihres

Übelbefindens sein. Jeder Blick, jedes Wort, jede Bewegung von ihm war

eine zärtliche Sorge für sie. Einmal flammte eine Röte über ihr Antlitz

— es ist eine Lüge: — nicht »aus Mitleid!« — nein aus Liebe! aus

Liebe!

Sie wollte es ihn Auge in Auge frei herausfragen; er wäre nicht

imstande gewesen zu lügen. Aber das würde nichts bessern an der Lage.

In den Augen der andern bleibt die häßliche Devise: »Aus Mitleid!«

dennoch bestehen. Nach wie vor bedeutet sie für ihn den Makel! — Fort

mit dem Makel!

Er geleitete sie selber hinein in die Schlafstube und bettete sie dort.

Sie bestand darauf, sich in den Kleidern zu legen, da sie nachher noch

zu thun hätte. Es gab einen kleinen Streit deswegen, und er mußte

nachgeben.

Wohl eine Stunde lang lag sie dort wie angekettet durch seine Sorge,

die immer wieder herbeischlich, um nach ihr zu sehen. Zu ihren Füßen

wachte der Schein von der Lampe her, und sie hörte wie sonst das

Kritzeln seiner Feder.

Ihre Gedanken stürmten fiebernd. Sie wird nicht frei kommen — jetzt!

Er wird sie nicht einmal bis zur Thür lassen! Also auf morgen! O die

unsägliche Qual dieser Nacht, wo jeder Pulsschlag einen Abschied von

ihm bedeutet ...

Ihre Augen irrten in der Stube umher. Jetzt huschten sie über das

Schränkchen hin. Einzelne Schächtelchen und Medizinflaschen standen

dort von ihrer Krankheit her. Warum zuckte sie empor? warum fuhr es wie

ein siedender Strom durch ihre Glieder? Und die Augen wie hingebohrt

dort auf die Stelle, wo die Fläschchen standen ...

Es war eines darunter, das Morphium enthielt; es hatte ihr oft

Linderung gebracht — aber ein gefährliches Ding! — wie vorsichtig

waren die Tropfen jedesmal abgezählt worden! Magnus hatte es sogar eine

Zeit lang vor ihr verborgen, daß sie nicht einmal in seiner Abwesenheit

einen Mißgriff thäte. Deutlich unterschied sie es jetzt unter den

anderen Gläsern.

Wie ein Wirbelwind fuhr es durch ihre Gedanken — nur ein Hinhuschen

nach dem Schränkchen — ein Griff nach dem Fläschchen — nur ein

mutiger Schluck daraus — das ist die Flucht! Weiter kann man nicht

fliehen, als dahin! Niemand holt sie zurück von dort — und sie ist

dann so sicher vor dem selbsteigenen Gelüst einer Wiederkehr!

Wohin? — Auf einmal weiß sie — wohin!

Und während all ihre Fibern bebten, als wäre dieser Entschluß eine

körperliche Erschütterung gewesen — raffte sie dennoch so viel

Vorsicht zusammen, um ihm die drei Schritte dorthin zu verheimlichen.

Langsam, langsam erhob sie sich, und zollweise, einem nächtlichen Diebe

gleich, rückte sie auf den Strümpfen vorwärts nach dem Schränkchen hin.

Jetzt griff sie nach dem Glas — es gab ein leises Klirren, so bebte

ihre Hand.

Sie fühlte, wie sie vor Schreck erblaßte. Sie horchte — nichts als das

unermüdliche Kritzeln der Feder und das leise Ticken des treibenden

Schnees am Fenster.

Jetzt hielt sie das Fläschchen — wieder wie ein Dieb schlich sie

damit gegen das Lager zurück. Dort gegen den Bettpfosten gelehnt,

wollte sie es öffnen. Das gelang ihr nicht, der Glasstöpsel hatte sich

festgesetzt. Sie drehte und arbeitete daran — umsonst, der Stöpsel

rührte sich nicht!

Die Thür ist verriegelt! Als ob Jemand fliehen will — schon hat er die

Thür erreicht — wider Erwarten versagt das Schloß ... er ist gefangen!

Eine Verzweiflung bemächtigte sich ihrer, es zuckte in ihr, das Glas

an dem Pfosten zu zerschlagen und das kostbare Naß aus den Scherben zu

schlürfen. Abermals zerrte sie an dem Stöpsel — ein stöhnender Ruf

entfuhr ihren Lippen.

Gleich war Magnus aufgesprungen und auf den Ruf herzugeeilt. Er war

noch rechtzeitig da, um sie vor dem Hinstürzen aufzufangen.

»Was ist Dir? warum bist Du aufgestanden ...«

Es war keine Ohnmacht — ihr Atem flog so stürmisch — und sie wehrte

seinen Fragen mit heftigem Kopfschütteln.

Er brachte die Lampe herein, da fiel sein Blick auf das Fläschchen,

das ihre Hand noch immer umkrallt hielt. Er erkannte es sofort an dem

Glasstöpsel.

»Herr des Himmels — was hast Du gethan?«

Er war wie gelähmt vor Schreck. An dem verzweifelten Stieren ihrer

Augen, an dem verstörten Ausdruck ihrer erregten Miene erkannte er

sofort, daß sie nicht zur Linderung eines Schmerzes danach gegriffen.

»Verzeih ...« stöhnte sie.

Das Wort bestätigte den fürchterlichen Verdacht. Er entriß ihr das

Fläschchen, hob es gegen das Licht — sie konnte nicht viel genommen

haben. Nun merkte er erst, daß der Stöpsel haftete.

Er stürzte an dem Lager nieder. — »Bist Du von Sinnen —« schrie er —

»Du wolltest ...«

Sie nickte. Die unheimliche Energie dieses Nickens lähmte ihm ein

weiteres Wort. Entsetzt stierte er sie an.

Sie wies mit der Hand nach dem Papier auf dem Tisch hin.

Er griff danach, flog es durch — schleuderte es hin. Er begriff nicht

— offenbar hatte er das verhängnisvolle Wort gar nicht getroffen.

»Du bist krank! Du bist von Sinnen! Du könntest — Du könntest mich

verlassen — mich? Hast Du denn kein Mitleid ...«

Das Wort löste die Starrheit. Mit einer stürmischen Bewegung umschlang

sie seinen Hals und preßte sein Haupt an das ihre.

Ihr Körper erschütterte unter ihrem heftigen Schluchzen.

»Maggi — o, Maggi — Maggi ...«

Allmählich fand sie außer diesen noch andere Worte. Und schluchzend

wie ein Kind beichtete sie ihm alles. Ihr Fluchtversuch, und wie das

häßliche Wort sie zu dem unseligen Entschluß getrieben ...

»Wer hat das gesagt?« schnellte er auf.

»In dem Briefe dort stand es.«

Er raffte den Brief auf, suchte, suchte in den Zeilen. Da stand das

Wort! Nun loderte es auch ihm wie eine Flamme entgegen.

»Es ist nicht wahr!« rief er schrill, und seine Augen sprühten. —

»Glaubst Du es denn, Emmy? Ich bitte Dich, ich beschwöre Dich! —

glaubst Du es denn? Konntest Du es glauben?«

Nein, nein, keine Komödie in diesem Augenblick! Kein kindisches

Leugnen! Abermals stürzte er vor ihr nieder, das Haupt an ihrer Brust

bergend.

»Ich bin feige gewesen, Emmy — verzeih’ Du mir! Ich meinte, uns zu

retten mit dem Wort. Hab’ ich nicht gezeigt seitdem, daß es eine Lüge

war? — Aber ich will hin! — gleich morgen will ich hin! — will das

Wort widerrufen — sie sollen wissen, was es angerichtet! — sie sollen

wissen, wie ich Dich liebe! — ach, wie ich Dich liebe! — wie ich Dich

liebe!«

»Und dann sollen sie mich zum zweitenmal verstoßen! — bleibst Du mir

nicht, Emmy?« —

Lange nachdem saß er noch an ihrem Lager in der Nachtstille, während

der Schnee an das Fenster tickte, und horchte auf das Fluten ihres

Atems wie damals. Ein tiefer Schlaf hatte sie als Widerspiel nach all

der Erregung des Tages übermannt.

Hatte der Tod sie ihm nicht zum zweitenmal geschenkt? Und ein

sieghaftes Frohgefühl durchbebte ihn, daß sie ihm nun bleiben würde für

immer. —

Herr Köster triumphierte, als er von einer gewissen Rührscene hörte,

die am andern Tage in der Villa Joël zu Charlottenburg sich zwischen

Vater und Sohn abspielte: »Ich habe es ja gewußt — Sie brauchen uns —

sie können ohne uns nicht auskommen!«

Aber Frau Köster glaubte in ihrem Innern noch nicht an eine Versöhnung

von Herz zu Herzen — es müßte da erst ein gewisses Kerlchen kommen,

»der seinem Großpapa in die Glieder fahren würde«.

Die gute Frau sollte Recht behalten. Als das Kerlchen endlich da war,

stellte es sich heraus, daß Großpapa Joël demselben nicht gewachsen war.

[Illustration]

Nie!

[Illustration]

Sonst hätte er nie geheiratet — nie — nie!

»Lieber schöß’ ich mich tot!« Das war seine stehende Bekräftigung,

wenn eine Verlobung innerhalb des Regiments in der Luft hing und die

Kameraden ihn zu gleicher »Aktion« scherzweise reizten.

Dazu hatte er sich schon als ganz junger Dachs von einem Lieutenant

verschworen, und mit jeder Charge, die er emporstieg, nahm dieser

Schwur an Entrüstung zu, bis die wuchtigen Majorsepauletten auf seinen

breiten Schultern und das in der Kneipenluft bedenklich ins Hochrote,

zuweilen sogar bläulich gebeizte Kolorit seines braven Haudegengesichts

solchen Schwur überflüssig zu machen schienen.

Trotzdem aber immer noch: »Lieber schöß’ ich mir eine Kugel vor den

Kopf!« Eine drollige Art der Eitelkeit: — man sollte nicht etwa

denken, daß ihn die Jahre und der zunehmende Silberhauch seines

vorschriftsmäßigen Wilhelmsbartes von der Möglichkeit einer Heirat

ausschlössen! O wenn er nur wollte! Und er tapfte seine fleischige

Rechte, an der zwei verschliffene Familien-Siegelringe saßen, mit einer

Gebärde auf den Tisch, als wollte er sagen: »Ich brauchte nur die Hand

auszustrecken, und an allen Fingern bliebe mir eine hangen!«

Nicht als wenn es ihm an häuslichem Sinn gemangelt. Im Gegenteil,

schon als Lieutenant zeigte er ein Mißbehagen an der leidigen

Chambregarnie-Wirtschaft, und er hatte sich stückweise von seinen

verschiedenen Wirtsleuten emanzipiert, indem er nach und nach

eigene Möbel an Stelle der gemieteten anschaffte. Schließlich

brachten ihn der chronische Überschwemmungszustand eines empörend

altmodischen Waschtisches und die Gefühllosigkeit einer Wirtin, die

sich der Mitbenutzung des hundertjährigen Sofas durch den Pinscher

Schnurz widersetzte — (ich bitte Sie, Schnurz, der berühmteste und

gescheiteste Hund der Garnison!) zum Entschluß, sich gänzlich »eigen«

einzurichten.

Nichts Blankeres, als die hübsche kleine Wohnung, wo sein Bursche

den ganzen Tag über putzte, »fummelte«, scheuerte und wedelte, zum

Ärger der nachbarlichen Dienstmädchen, denen von ihren Herrinnen die

Unermüdlichkeit dieses musterhaften Reinlichkeitsgenies, »das doch nur

ein Mann ist!« hämisch vorgeworfen wurde.

Auch zog die Paradefront seiner fünf Fenster, hinter denen die weißen

Gardinen vor Sauberkeit leuchteten, den heimlichen Neidblick mancher

Mutter bedenklich überblühender Töchter auf sich: »ja, warum heiratet

er denn nicht?«

I, er hat es so ja tausendmal besser! I, was für eine Veranlassung

soll er haben, wildfremder Menschen Töchter zu füttern und mit Putz zu

behangen — »pardon«! mit einer entschuldigenden Verbeugung gegen einen

Verheirateten, der mit am Wirtstische saß. Gleich darauf aber wieder in

das zum Schnauzbart erhobene Bierglas hinein: »Lieber schöß ich mich

tot!«

Er fürchtet sich vor dem Pantoffel! hieß es. Konnte er sich doch

nicht einmal der Tyrannei seiner verschiedenen Burschen erwehren! So

wollte man unter dem Regime des einen ihn weniger =à quatre épingles=

gekleidet gesehen haben; ein anderer hätte es fertig gebracht,

seinen Herrn an bestimmten Abenden der Woche von der gewohnten

Kneipe fernzuhalten und zu einem hühnermäßig frühen Schlafengehen zu

veranlassen.

Elende Verleumdung! Dergleichen Verdacht stand im grellen Widerspruch

gegen seine bekannte und zuweilen berüchtigte Strammheit im Dienst.

Er hatte seine Kompagnie »höllisch im Zug«; er besaß die hellste

Kommandostimme des Regiments, er war ein schneidiger Exerziermeister

und der Schrecken seines Kapitän-d’armes. Und die bunte Flagge seiner

zahlreichen Ordensdekorationen bezeugte es, daß er die theoretische

Strammheit der Friedenszeit in praktische Tapferkeit vor dem Feinde

umzusetzen gewußt hatte.

So mußte es denn auch Wunder nehmen, daß er, der die gefährliche

Majorsecke flott umsegelt, plötzlich mit dem ominösen »blauen Brief«

eines Tages den Abschied auf den Tisch gelegt bekam. War es eine

gewisse Meinungsverschiedenheit mit seinem Regimentskommandeur? Hatte

er das Mißfallen eines Höheren auf dem Manöverfeld auf sich gezogen?

Oder sollte wirklich die prinzipielle Abneigung der Frau Kommandeuse

gegen das Junggesellentum schuld an seinem militärischen Untergang

gewesen sein? Die hageren, schnippischen Stänglein ihrer beiden Mädchen

besuchten zwar noch die Töchterschule, dennoch haßte sie jetzt schon

den völlig unbegreiflichen Stand des Junggesellentums. Und es war ihr

in ihrer durchgreifenden Art schon zuzutrauen, daß sie die Karriere

eines »ihrer« Offiziere an dieser starren Hassesklippe zum Scheitern

brächte.

Also a. D.! Das ist ein Ade! allen ehrgeizigen Hoffnungen. Das heißt

einen Strich unter alle Lebensträume ziehen! Das heißt eine 0 mit einem

Komma vor die Bedeutung eines Mannes in der weltlichen Rangordnung

setzen! Wer wenigstens verheiratet wäre und Kinder zu erziehen hätte!

Aber es giebt nichts Zweckloseres als ein a. D. ohne Familie!

Grollend packte er seine Sachen in einen Möbelwagen und siedelte nach

Pensionopolis in Thüringen über. Er hätte die Möbel verkaufen oder

versteigern lassen sollen, jetzt, da ihm kein Putzgenie in Gestalt

eines Burschen mehr zu Gebote stand! Aber er vermochte sich nicht davon

zu trennen — und Eigentum verpflichtet!

Aus Mitleid · 第 15 / 56 题