Ein Nicken und: »Bitte, klingle Sierling!«

Magnus drückte dreimal auf den Elfenbeinknopf neben der mit mattem Glas

versehenen Thür.

Wieder eine Pause, bis der Buchhalter erschien, einen Pack erledigter

Papiere in Empfang nahm und in seiner aalglatten Art wieder durch die

Thür hinaushuschte.

»Setze Dich — ich habe mit Dir zu reden, Magnus.«

Herr Joël =senior= rieb die flachen Hände übereinander und machte dann

damit die Gebärde des Waschens — eine offenbare Verlegenheit, wie er

seine Rede zu inscenieren hätte. Ungeduldig wiederholte er: »Aber, ich

sage Dir ja, Du sollst Platz nehmen!«

Magnus gehorchte und setzte sich auf einen der Lederpolster, seitab des

Pultes, vor dem Fenster.

Der Alte lehnte sich mit dem Kopf gegen die hohe geradaufragende

Rückwand des altertümlichen Holzsessels und visierte mit den Augen

einen der wetterprophetischen Apparate an, welche über dem Pulte hingen.

»Du weißt — das heißt, Du müßtest wissen, worum es sich handelt,«

begann er. »Du wirst gestern deutlich genug gemerkt haben, was unser

aller sehnlichster Wunsch ist. Und wie ich voraussetze, hast Du nichts

dawider. Fräulein Helmons ist hübsch, sogar schön, man kann nicht

liebenswürdiger sein, als sie ist. Auf die anderen Vorteile einer

solchen Wahl brauche ich Dich nicht erst aufmerksam zu machen. Der Name

Helmons spricht für sich, er wiegt die Sturz mindestens auf. Du stehst

hinter Deinem Bruder keinenfalls zurück. Die Verbindung würde einen

Glücksfall für das Haus Joël bedeuten —«

Er hielt inne und visierte nur um so schärfer auf das Barometer hin.

Abermals rieb er die flachen Hände übereinander — es sah fast aus wie

ein Ausdruck der Freude über den eintreffenden Glücksfall.

»Die Sache ist sehr einfach —« hob er wieder an, »ich schrieb an den

alten Helmons und fragte unter der Blume an. Seine Antwort konnte nicht

deutlicher sein. Es hängt nur an Dir ...«

Die Helle des Fensters verdunkelte sich — Magnus’ starke Gestalt hatte

sich langsam erhoben. Mit einem stutzenden »Nun?« wandte jener den

Kopf nach dem Sohne hin.

Magnus streckte die Hände wie hülfesuchend nach dem Alten aus:

»Verzeih’, Vater! — ich bitte Dich um Verzeihung!«

»Was? Nun?«

Der silberhaarige Kopf erhob sich von der Rückwand des Sessels, und die

Hände griffen nach den Seitenlehnen.

»Ich kann nicht, Vater — ich darf nicht —«

Mit einem Ausdruck des staunenden Zornes blitzten ihn die grauen Augen

an. Was? Er wird doch nicht sein Herz als Hindernis vorschieben? Er

wäre Idealitätstölpel genug!

»Weshalb nicht?« donnerte Herr Joël senior.

»Ich bin nicht frei —!«

»Unsinn! Blödsinn! Was soll das heißen?!«

Magnus gewann seine Festigkeit wieder. Was er gethan, das wird er

auch verantworten! — »Vater —« sagte er, und seine Stimme wankte

nicht mehr — »Vater, ich weiß, was ich Euch angethan — aber es ist

geschehen! — Ich bin nicht frei, ich bin — verheiratet!«

Das glattrasierte Antlitz des Alten verzerrte sich zu einem starren

Entsetzen. Seine Hände griffen zitternd und hülflos tastend über die

beiden Armlehnen.

»Lieber Vater — verzeih’ mir — ich konnte nicht anders! — Es war

eine Ehrensache — die Betreffende war kompromittiert — sie liegt im

Sterben — vielleicht ist sie schon tot — das ~Mitleid~ überwältigte

mich — ich konnte nicht anders —«

Gleich schämte er sich des Wortes, das hier so häßlich klang. Aber das

allein schien sein phantastisches Vorgehen entschuldigen zu können.

»Wer? — Was?« kam es stotternd, nach Luft schnappend über die Lippen

des Alten.

»Ich darf Dir nichts verhehlen, Vater! — Hier die ganze Wahrheit!«

Und er erzählte in kurzen Sätzen, wie verhängsnisvoll ihm der Zufall

gespielt, nannte Namen und ehemalige Beschäftigung seines nunmehrigen

Weibes.

»Nicht möglich! Undenkbar! Du phantasierst!« kreischte der alte Joël,

und der Versuch eines stummen höhnischen Lachens umgrinste seinen Mund.

Doch der Blick des stieren Entsetzens gewann wieder die Oberhand über

dieses Lachen.

Magnus ergriff ein Mitleid. Er flehte den Alten an, ruhig zu sein.

Er fürchtete wirklich, daß die Nachricht, die den Stolz des alten

Kaufmanns so niederschmetternd getroffen, ihn auch körperlich zu Boden

schlüge.

»Vater, ich bitte Dich! — nimm Dir es nicht so zu Herzen! — ich sagte

Dir, die Dame hat keine Hoffnung aufzukommen — sie liegt im Sterben —«

Es graute ihm vor dem fürchterlichen Trost, den er da vorbrachte.

Und noch mehr graute es ihm zu sehen, wie der alte eingefleischte

Egoist sich an diesen Trost klammerte, wie er nun, da ihn das lähmende

Entsetzen verlassen, sich sogar nach den näheren Umständen, nach dem

Ausspruch des Arztes erkundigte.

Und der schlaue Ausdruck kehrte allmählich wieder in die grauen Augen

zurück: »Magnus ist ein Dummkopf — er ist reif für das Narrenhaus —

aber — aber sie liegt im Sterben, gottlob!« schien dieser Ausdruck zu

sagen.

* * * * *

Als Sanitätsrat Herz am Nachmittag desselben Tages erschien, fand

er die Kranke in einem tiefen Schlaf, der schon seit dem Morgen

angedauert. Doch nicht die Betäubung des immer matter glimmenden Lebens

— ruhig und regelmäßig schwollen die Atemzüge, und der Puls begann

stetiger, ja mit scheinbar erwachender Kraft zu schlagen.

Der alte Arzt konnte ein freudiges Stutzen nicht unterdrücken. Doch

es wäre ein Verbrechen gewesen, die anderen, die jeden Zug seines

Gesichtes belauerten, mit einer vorzeitigen Hoffnung aufzurichten. Und

er stellte sofort die dem schweren Fall entsprechende Miene wieder ein.

Spät am Abend kam er abermals. Die Atemzüge fluteten noch tiefer und

kräftiger. Und er atmete selbst auf vor Freude, als er den Puls prüfte.

»Wenn es diese Nacht mit dem Schlaf so anhält, so könnten wir gewonnen

haben! — Seltsam — wider alle Erwartung!« — murmelte er vor sich

hin. »Aber wir müssen trotzdem gefaßt sein!«

Und da saßen sie nun in der Nacht und horchten auf das Fluten des

Atems. Da saß ein Mütterlein und horchte begierig, als wäre jeder der

Töne eine Kostbarkeit; wie entrüstet fuhr sie ein paarmal aus dem

Anfang des Schlummers, der ihre ermüdeten Sinne umdämmern wollte — wie

entrüstet huschte sie ans Fenster, als müßte sie ein lauter werdendes

Geräusch, das verhängnisvoll zu werden drohte, hinwegscheuchen. Da

saß ein junger Gatte und ließ den Sturm seiner Gedanken immer wieder

einwiegen durch den Klang des einen Wortes —: Rettung! Hier am Rande

der Todesnot ziemt es nicht an anderes zu denken! — Selbst Frau

Gornemann kam einmal in der Nacht hereingeraschelt, um Nachricht

einzuholen. Das Außergewöhnliche dieses Menschenschicksals schien ihr

allmählich doch einigen Respekt einzuflößen. Und die Neugier begann sie

zu stacheln: Was dann? Sie sind verheiratet und sind es auch nicht!

Der Idealist hat sich, ohne eigentlich dazu gezwungen worden zu sein,

in diese »Heirat« gestürzt (man muß es einstweilen so nennen!) Jetzt

aber wird das Erwachen kommen! Er wird die Übereilung gewahr werden und

dann?

Am nächsten Morgen nach der Konsultation zog der Sanitätsrat Magnus bei

der Hand in die Fensternische: »Es ist ein Wunder geschehen —« sagte

er, und zögernd fügte er bei — »ich gratuliere!«

Der alte Herr war sich nicht ganz klar darüber, ob dieses das richtige

Wort wäre.

Eine Glut schoß Magnus zu Kopf, und er stieß ein »Ah!« aus, das die

große Freude über die unverhoffte Rettung bedeuten konnte. Gleich

erblaßte er wieder. »Wie danke ich Ihnen, Herr Sanitätsrat!« rief

er, sich fassend, mit fester Stimme, dem Arzte überkräftig die Hand

schüttelnd.

War es ein Anfall des erbärmlichen Kleinmuts, der ihn zuerst

überrumpelt? Teufel — er hat seinen Schritt doch nicht gethan in der

sicheren Aussicht, daß sie sterben würde? Der Akt einer trivialen

Großmut? Und nun, da ein gnädiges Geschick sie vom Tode errettet —

beschleicht ihn ein Gefühl der Reue?

»Weg damit! Sie ist mein Weib — sie ist meine Welt — und ich werde

sie gegen die andere Welt zu behaupten wissen!« —

Emmys Genesung dauerte nach der Krise fort. Zwar war die Kranke noch

sehr schwach und jede Aufregung konnte verhängnisvoll werden. Von der

Bedeutung der Ceremonie schien sie keine bestimmte Vorstellung zu

haben, sie hatte dergleichen wohl nur geträumt. Und es war auch noch

nicht die Zeit, sie in die freudige Wirklichkeit einzuweihen. Einmal

fiel ihr Blick auf den goldenen Reif an ihrer Hand. Eine kurze Weile

starrte sie ihn an, dann überrieselte es sie wie ein Schreck, und sie

schloß die Augen, um den Traum, in dem ein solcher Ring eine Rolle

spielen konnte, weiter zu träumen. Als sie schlief, streifte man ihr

behutsam den Ring vom Finger, damit sein Anblick nicht noch schlimmeren

Schaden anrichtete.

Magnus war mehrere Tage nicht im Geschäft erschienen. Jetzt galt

es, abermals vor den Vater hinzutreten und ihm Aufschluß über die

veränderte Lage zu geben. Er fand den Alten in seinem Bureau nicht vor:

der Chef sei mehrere Tage nicht erschienen, er sei unpäßlich.

Magnus erschrak — so gewaltig hat ihn also die Nachricht gepackt? —

ihn, den nicht leicht ein körperliches Gebrechen von dem lederbezogenen

Pult zu scheuchen vermochte. Er eilte nach Charlottenburg.

Die beiden »eisernen Schwestern« waren eben im Begriff, das Parterre zu

verlassen, sie begegneten Magnus im Vorsaal. Frau Gisbert empfing ihn

mit einer ironisch ceremoniösen Verbeugung, die Baronin Kehren trug ein

verächtliches Mitleid zur Schau.

»Was fehlt Papa denn —?« fragte er besorgt.

Frau Gisbert zuckte ihre kräftigen Schultern: »Ja, ich bitte Sie

— sagen ~Sie~ uns doch, was ihm fehlt! — Der Arzt und wir alle

werden nicht klug daraus — vollkommen frisch und wohl und doch dabei

Phantasieren — ohne eine Spur von Fieber!«

»Wir sind sehr besorgt« — fiel die Baronin mit ihrem leicht singenden

Näseln ein, während sie vor dem Spiegel an ihrem Schleier ordnete,

Magnus abgekehrt, »er phantasiert von einer Heirat — er behauptet —

denken Sie doch — er behauptet ...«

Ein Kichern erstickte ihre Stimme.

»Ja, er behauptet« — ergänzte Frau Gisberts Alt — »er behauptet — es

hätte Jemand namens Joël sich mit — einem Ladenfräulein verheiratet.«

»Haben Sie eine Ahnung, wer das sein könnte —?« näselte es vom Spiegel

her.

»Wir haben Papa für krank erklärt und bestehen darauf, daß er sich

nicht neuen Aufregungen dort im Geschäft aussetzt. — Wir sind sehr

besorgt, wenn Sie mit ihm reden — so thun Sie ja nicht, als hielten

Sie das allerliebste Märchen für eine Phantasie — das verschlimmert

nur seinen Zustand — — Bist Du endlich fertig mit Deinem Schleier,

Lyda?«

Und die beiden Schwestern rauschten davon, Magnus mit dem vollen Hohn

ihrer Blicke und ihres Lächelns überschüttend. —

Er trat bei dem Vater ein; der alte Mann saß in einem Rohrstuhl, gegen

seine Gewohnheit bequem zurückgelehnt, und ließ bei seinem Kommen die

Zeitung sinken. Zu seinen Füßen erhob sich eine prächtige Bulldogge

— knurrend, ja, mit offenbar feindlichen Blicken — was fällt denn

der Bestie ein? Kennt sie Magnus nicht mehr? Ja, sie will nichts mehr

wissen von ihm — jetzt!

Der alte Herr Joël war offenbar durch die Heirat seines Sohnes etwas

zusammengerüttelt worden, und es schien allerlei in ihm ins Wanken

geraten. Ein fast elegischer Hauch umflorte seine sonst so glitzernden

Augen, seine Stimme klang auffallend weich.

»Du bist es, Magnus!«

Und ein leises Zucken der Überraschung huschte um die gekniffenen

Lippen.

»Wie geht Dir’s, Vater — ich bin erschreckt, zu hören, daß Du nicht

wohl —«

Der Alte ließ in seiner Art die stürmisch dargereichte Hand nach der

flüchtigsten Berührung sofort abgleiten. Seine Augen forschten begierig

in Magnus Miene.

»Nun?« ächzte er.

Ist er erschienen, um seinem alten Vater Erlösung zu bringen von dem

entsetzlichen Alp dieser Heirat? — Ist das eingetroffen, was Magnus

ihm vor Tagen als einen Trost hinwarf? Ist das unselige — lächerliche

— unbegreifliche Bündnis endlich durch den Tod zerrissen? — Das alles

lag in dem »Nun«.

»Vater, ich bin gekommen, um ein ernstes Wort mit Dir zu reden —«

begann Magnus beklommen. »Ich bitte Dich um Verzeihung für mich und

mein Weib — was geschehen ist, ist geschehen —«

»Wieso?«

Der Alte fuhr empor und riß die Augen weit auf.

»Sie lebt?« — das war die eigentliche Bedeutung des Wortes »Wieso«.

»Als ich Dir neulich mein Geheimnis beichtete, Vater, da geschah es in

der sicheren Erwartung des Todes. Der Arzt hatte die Kranke aufgegeben,

es war keine Rettung zu hoffen. Die Rettung ist dennoch eingetreten —

sie lebt und wird gesunden — ich komme, um Deinen Segen zu erflehen

...«

Das letzte hauchte kaum hörbar über Magnus Lippen.

Die Zeitung knitterte unter den konvulsivisch greifenden Händen des

Alten: »Du willst damit doch nicht sagen ...?« zischelte er.

»Daß ich gesonnen bin, als ein Ehrenmann zu handeln, Vater!«

Magnus richtete den Kopf, den er bis jetzt zu Boden gesenkt, mit einem

Anflug des Trotzes empor.

»Geschehen ist geschehen! Es ist nichts daran zu ändern! Doch Du und

die anderen sollt nicht denken, daß ich das, was ich gethan, bereue ...«

»Du bist wahnsinnig — Du bist toll!« kreischte der Alte. »Du hast

ja selbst gesagt, daß Du Dich von einem »Mitleid« hast hinreißen

lassen. Du thatest es, weil Du wußtest und erwartetest, daß der Tod

Deine Dummheit wieder gut machen würde. Ein andermal verbitte ich mir

dergleichen Experimente!«

Magnus fühlte hier in dem Innern seiner Brust eine gewisse häßliche

Stelle, auf die der Vater mit dem Finger hinwies. Und es war mehr eine

Empörung gegen sich selbst, die ihn aufbrausen hieß.

»Mag sein, daß ich voreilig gehandelt! Um ihretwegen bereue ich nichts!

Ich liebe sie, wie ich kein anderes Wesen lieben könnte — ich hoffe,

mit ihr das Glück meines Lebens zu gründen!«

»Ho — ho — ho —« höhnte der Alte. »Wie hübsch Du Luftschlösser

baust! Wir anderen Joëls haben aber auch noch ein Wörtchen mitzureden,

denke ich! So einfach kapert man einen Joël doch nicht!«

»Vater, ich darf Dich bitten, nicht an ~sie~ zu rühren! Sie weiß nicht

einmal, daß die Ceremonie stattgefunden. Damals befand sie sich in

einem Zustand, in dem sie kaum ahnte, was geschah. Und wir haben noch

nicht gewagt, sie zu verständigen, weil sie noch so hinfällig ist. Der

Entschluß geschah aus meinem eigensten Willen.«

Ein unheimlich lustiges Grinsen verzerrte die Züge des alten Mannes.

Ein paar heisere Lachtöne, die wie ein krampfhaftes Hüsteln klangen,

dann gurgelte er die Worte hervor —: »Hör’ mal, das ist ja toll und

verrückt! — Das ist ja hirnverbrannt! Du bist — Du bist ... ich

werde Dich ärztlich untersuchen lassen! — Sie weiß nicht, daß Du sie

geheiratet — vielleicht gar wider ihren Willen ist es geschehen — und

da bestehst Du noch auf der Komödie! Es ist wahrhaftig das Lustigste,

das ich je erlebt — hahaha —«

Und mit wütendem Klopfen bearbeitete er den feisten Rücken der

Bulldogge, die Worte im Takt begleitend. Das Tier knurrte zwischen den

fletschenden Zähnen.

»Vater ...«

Magnus streckte beide Hände nach dem Alten aus, und seine Augen flehten

ihn an.

»Vater — ich kann nicht anders — höre mich —«

»Was? Du wirst aufsässig!«

Das galt dem Hunde, der immer bedenklicher knurrte und eine Miene zum

Losfahren machte. Jemand, der nur die Worte gehört, konnte sie auf

Magnus gerichtet wähnen.

»Was, auch Du parierst mir nicht mehr?! Warte, Bestie!«

Und er nahm das Tier bei dem messingbeschlagenen Halsriemen und

schleuderte es fort, daß sein praller Körper auf dem glatten Parquet

dahinrutschte. Sein heulendes Gekläff gellte durch den Raum.

Der alte Mann war so wütend, er erhob sich und trat unsicheren

Schrittes auf die eine Wand zu, wo unter Jagdutensilien eine kurze

Knebelpeitsche hing. Während er sie herabnahm, sandte er seinem Sohne

einen Blick von unheimlicher Bedeutsamkeit zu. Die Peitsche in der Hand

wippend, sagte er, mit erzwungener Eiseskühle: »Geh’ jetzt — es ist

besser, Du gehst — hörst Du —«

Und mit den Blicken seiner zornblitzenden Augen wies er seinem Sohn

die Thüre. Dieser hörte, als er durch den Garten fortstürmte, das

ohrenzerreißende Geheul der Dogge, die von ihrem Herrn gezüchtigt wurde.

* * * * *

Vielleicht hätte der alte Joël sich von der Zeit, der erfolgreichen

Heilkünstlerin, in die Kur nehmen lassen — vielleicht hätte er sich in

das Unvermeidliche gefunden. Aber die Verschworenen duldeten das nicht,

sie konnten und durften Magnus diese Durchkreuzung ihres Komplotts

nicht verzeihen. So ward die Mesalliance zu einem ungeheuerlichen

Verbrechen gebrandmarkt, für das es kein Verzeihen giebt. Man erpreßte

dem Alten ein Ultimatum, mit dessen Übermittelung Gisbert beauftragt

wurde.

Dieser fand sich zu einer ungewöhnlich frühen Morgenstunde, was wohl

von nicht geringer Energie zeugte, in dem Hotelzimmer seines Bruders

ein, den er beim Ankleiden fand.

»’n Tag, alter Junge!«

Er wollte es mit dem burschikosen Ton versuchen. Doch das knappe

Nicken des Gegengrußes von seiten des anderen dämpfte sofort diesen Ton.

Die Aufgabe war nicht so leicht, als Gisbert sie sich gedacht, wenn man

nicht das Messer einfach herausnehmen und brutal darauf losschneiden

wollte.

»Du wohnst nicht gerade sehr komfortabel —« begann er abermals, sich

in dem nach der trivialen Hotelschablone ausgestatteten Raume umsehend.

»Gestattest Du, daß ich mir eine Cigarre anzünde?«

Magnus stieß ein kurzes »Bitte!« aus, und Gisbert griff nach der Schale

auf dem Tische.

»Wenn es nicht anders war, so hätte ich mich doch im Kaiserhof

einlogiert, meinst Du nicht?« Dazu biß Gisbert mit den Schneidezähnen

die Spitze der Cigarre ab.

Magnus zuckte die breiten Schultern und legte die Haarbürste mit

einem deutlichen Unwillen auf die Marmorplatte vor dem mit einem ganz

gewöhnlichen Goldleisten eingerahmten Spiegel.

Das reizte Gisbert. Er will es nicht anders! — Gut, so zieht man das

Messer heraus und schneidet los!

»Ich meine, Du hättest die Dehors wahren können! Ich meine, Du wärst

es unserem Namen schuldig gewesen, Dich nicht gerade in ein Hotel

sechzehnten Ranges zu verkriechen! Das ist ja schon mehr eine Herberge!«

»Möglich, daß, wenn ich auf die Ehre Deines Besuches gerechnet hätte,

ich vielleicht eine andere Herberge aufgesucht —« höhnte Magnus. Das

war sonst nicht seine Art.

Und sich herumwendend, Gisbert mit scharfen Augen herausfordernd: »Du

kommst, um mit mir ~darüber~ zu reden —«

»Allerdings. Ich bin von der Familie Joël abgesandt. Du hast eine

Dummheit begangen —«

Eine Pause, in der das schlimme Wort nachzuhallen schien. Die Gesichter

der beiden Brüder flammten, und ihre Blicke maßen sich feindlich.

»Eine entsetzliche Dummheit — es ist das einzige Wort!« rief Gisbert.

»Ich verbitte mir das hier in meinem Zimmer! Ich verbitte mir jede

Kritik!«

Gisbert bezwang sich — auch das war nicht der richtige Ton. Und er

versuchte es mit der eiseskühlen Gemessenheit. Die Worte langsam

hervordehnend, versetzte er jenem den Wortlaut des Ultimatums:

»Deine sogenannte Heirat hat weder vom bürgerlichen, noch, wie wir

informiert sind, vom kirchlichen Standpunkt eine Gültigkeit. Sie ist

ein Hohn auf das Gesetz. Wir ersuchen Dich also, der Komödie eine Folge

zu geben, widrigenfalls —«

Aus Mitleid · 第 14 / 56 题