Aus Mitleid

[Illustration]

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Magnus Joël war noch rechtzeitig genug aufgesprungen, um sein

Gegenüber, das junge Mädchen, aufzufangen und vor dem Hinstürzen

zu bewahren. Eben hatten sich ihre Gläser über dem kleinen, doch

glänzend servierten und mit Blumen wie zu einem Feste geschmückten

Tisch hellklingend getroffen, und ihre bebenden Lippen, mehr noch die

Glut ihrer Augen, hatten das süße Geheimnis ihrer versteckten Liebe

gefeiert. Emmy nippte nur von dem goldigen, feinduftenden Inhalt des

olivengrünen Römers — »Mir wird so seltsam!« sagte sie, das Glas

hinsetzend. Eine plötzliche Blässe flog über das feine Oval ihres

Gesichtes, ihre auffällig schlanke Hand, an der ein paar wertlose,

altmodische Ringe glitzerten, tastete über Stirn und Augen, gegen die

Nacht der Ohnmacht ankämpfend, die sich über ihre Sinne legte.

Nach der ersten Bestürzung geleitete er die wankende Gestalt vorsichtig

nach dem Divan, der aus dem Bereich des magischgelben Scheines der tief

über dem Tisch herabhängenden Lampe im Dämmer des Hintergrundes stand,

von breiten Palmblättern wie zu einer Laube überschattet.

Wie ihr Kopf mit dem dunkelbraunen Wirrnis des üppigen Haares gegen

seine Schulter lehnte und die schwarzen Wimpern sich wie schwere

Schatten auf die Blässe der Wangen senkten, mochte man auch jetzt noch,

in diesem Zustand, das Hingeben sehnender Liebe verspüren; und wie er

sie umschlungen hielt, ihre Gestalt fast leidenschaftlich an seine

Seite pressend, sie mit seinen kräftigen Armen mehr trug als geleitete,

das war etwas anderes als Sorge und Erbarmen um den plötzlich

erkrankten Gast.

»Mir ist zum Sterben schlecht —« hauchte es über ihre blutlosen

Lippen, nachdem er sie behutsam auf den Teppich des Divans gestreckt.

Er eilte in das Schlafzimmer, um kaltes Wasser, Riechsalz, was er

fände, herbeizuschaffen. Sie begehrte nach Luft. Er stürzte auf das

Fenster hin, dessen schwere Plüschvorhänge vorhin so vorsichtig

gegen fremden Einblick geschlossen worden waren, und öffnete. Die

regenfeuchte Luft des Aprilabends wehte kühl herein, und wie entweihend

brach das Geräusch der Straße in die diskrete Stille des Salons.

Das Chambregarnie, das der junge Magnus Joël, zweiter Sohn aus der

bekannten Großfirma Hildebrand Joël, Seiden- und Spitzenwaren, inne

hatte, lag in dem lebhafteren Teil der Charlottenstraße, der Nähe des

väterlichen Geschäftes wegen, das in der Leipzigerstraße mit seiner

glänzenden Schaufensterfront paradierte.

Nah und fern rasselte und klingelte die Pferdebahn, Droschken holperten

über das Pflaster, Tritte wie Unterhaltung der Passanten hallten vom

Trottoir herauf, stoßweise kam die accentuierte Musik einer nahen

Festlichkeit hergehuscht. Es war mehr die Wirkung dieses vieltönigen

Lärms als der frischen Luft, welche die Kranke aufleben hieß. Hier ist

nicht der Ort, um krank zu werden, für sie!

Wie neidisch das Schicksal! Kaum, daß die Liebenden ihm die paar

Stunden eines ersten, ungestörten Beisammenseins mit Notlügen und

Ausflüchten abgestohlen, da fährt es in all die Seligkeit mit dem

schwarzen Gespenst einer Ohnmacht herein!

Magnus kauerte zur Seite des Divans in einer Romeostellung, die seinem

starken Körperbau und der etwas ungelenken Art seiner Bewegungen

weniger entsprach; mit seinen breiten Händen hielt er je eines ihrer

Händchen umfaßt, die darin völlig verschwanden. Er trug den Namen

Magnus zu Recht, obgleich der Vater ihm denselben bei der Taufe

nicht in Erwartung zukünftiger Körpergröße zugelegt, sondern aus

Geschäftsgründen, denn das wenig klangvolle Joël bedurfte einer

tönenden Verbesserung; der älteste hieß Gisbert. Der Ausdruck seines

Gesichtes deutete nicht auf den angehenden Berliner Großkaufmann, es

schien nach einer idealeren Seite ausgeprägt. Das dunkelblonde Haar war

leicht gewellt und zeigte Seidenglanz wie bei artigen Kindern; unter

der edelgeformten Stirn lagen schwärmerische grellblaue Augen vertieft;

der weiche Mund, den ein aufkeimendes Bärtchen leicht beschattete,

schien nicht zum Befehlen geschaffen. Ein Hauch naiver Güte war über

das Antlitz gebreitet. Sein Vater und sein Bruder, beide aus härterem

Metall geschmiedet, hielten ihn für gründlich aus der Art geschlagen

— stand er ihnen doch sogar in dem schändlichen Verdacht, heimlich in

Poesie zu sündigen.

»Ist Dir wirklich besser, Emmy?«

Sie nickte matt, aber mit der vollen Zärtlichkeit ihrer wundergroßen

Braunaugen, die sich wieder zu weiten und mit Glanz zu beleben anfingen.

»Du bist so gut, Maggi —« hauchte sie hin.

»Aber ich werde es von jetzt ab nicht mehr sein, Emmy! Ich werde nicht

mehr dulden, daß Du solche Holzhackerarbeit verrichtest! Von morgens 9

bis abends 9 an der Kasse zu sitzen, in solcher Luft, dazu gehört eine

andere Gesundheit als die Deine!«

Er schien jetzt erst recht auf die gebrechliche Zartheit ihrer

Erscheinung aufmerksam geworden zu sein. Die Beweglichkeit ihrer

Mienen, der Glanz ihres Blickes, die ganze facettierende Art ihres

lebhaften Wesens mochten über diese Gebrechlichkeit hinwegtäuschen;

in der Unterhaltung pflegten sich ihre Wangen mit einem blühenden

Hauch zu färben. Sie hatte eine feine, an den Schläfen durchsichtige

Stirn, von schwer zu bändigendem Wildhaar umwuchert, sehr kleine,

rosafarbene, mit zwei einfachen Korallenperlen geschmückte Ohren, die

in dem Wildhaar fast verschwanden, eine leicht gebogene, in den Flügeln

vibrierende Nase und einen vollen energischen Mund. Sie war nicht

immer hübsch; wenn sie schwieg oder an ihrem Kassenpult arbeitete, so

drückten ihre Züge einen herben Ernst aus, der sie älter machte als

ihre einundzwanzig Jahre. Dann, im Affekt, wenn eine Begeisterung für

Kunst und Natur, ja nur die erste Begrüßung mit dem Geliebten, ihr

leicht empfängliches Wesen in Flammen setzte, konnte sie sogar durch

eine eigenartige, wie hergezauberte Schönheit überraschen, die ihre

Umgebung stutzen machte.

Sie war schlank gewachsen, und die volle Büste erhöhte noch den

Eindruck ihrer sylphenhaften Zartheit. Ihr Kleid war von einfachstem

Schnitt, aus schwarzem Lüster, die Uniform des Konfektionsgeschäftes

von Kapp und Müller in der Breitenstraße, wo sie als Kassiererin

angestellt war; am Halsschluß trug sie eine Brosche aus Silber, die das

Monogramm der Firma darstellte, gleichfalls zur Uniform gehörig.

Ja, ihr Körper war der Anstrengung solches Dienstes nicht gewachsen!

»Ich weiß, was es heißt,« fuhr er fort, »Tag aus Tag ein in dem engen

Kassaverschlag zu sitzen wie in einem Schilderhaus. Gelder einzunehmen,

zu buchen und zu verrechnen — alle Augenblicke Anfragen, und die

Prinzipale, die fortwährend umherschleichen, um jemanden wegen einer

Unregelmäßigkeit zu verschlingen. Dazu die große Verantwortung! Und die

Luft, die vielen Menschen, jetzt, zum Anfang der Saison, das Gewimmel,

besonders die Anhäufung von Wolle und Baumwolle in solchem Lokal. Wir

haben ungleich luftigere Räume, und die Seide staubt nicht; dennoch

ist unsere zweite Kassiererin krank geworden, und der Arzt hat sie

gezwungen, ihre Stelle aufzugeben.«

»Du weißt doch, Maggi, ich hab’ es Dir schon ein dutzendmal erzählt,

welche Mühe ich hatte, die Stelle zu bekommen. Das Handelsinstitut, wo

ich die Buchführung lernte, hat Geld genug gekostet. Die verstehen es,

einen auszupressen. Solche Stellen sind rar.«

»Laß mich nur sorgen, mein armer Liebling! Ich dulde und dulde nicht,

daß Du Deine Gesundheit um der paar Mark wegen opferst!«

»Neunzig Mark — keine Kleinigkeit! Meine armen Eltern sind

überglücklich. Übrigens kennst Du meine Meinung. Ich bitte Dich, fange

nicht wieder davon an.«

Es hatte ihn vom Beginn ihrer Bekanntschaft an geschmerzt, sie sich

quälen zu sehen, während er im Vollen saß. Aber alle Versuche, ihr

mit irgend einer Hülfe beizustehen, scheiterten an ihrem Stolz. Fast

wäre es einmal deswegen zu einem Bruch gekommen: — ein einfaches,

harmloses Schmuckstück, das er ihr zum Ersatz der häßlichen und an die

Knechtschaft erinnernden Uniformsbrosche in die Tasche geschmuggelt.

Höchstens duldete sie eine seltene Rose oder ein Sträußlein, das die

Gelegenheit auf der Straße bot.

Ein wundergroßes Paar, das in das moderne Berlin mit seinen

Pferdebahnen, seiner elektrischen Beleuchtung und seinen Wiener Cafés

nicht hineinpaßte; es schien einer älteren Periode anzugehören, wo die

Liebenden in kleinen Winkelkonditoreien hinter Chokoladentassen ihrer

Sehnsucht Genüge thaten, wo stille, entlegene Orte, wie der damalige

Hafenplatz, zu zaghaften Rendezvous dienten, und die klassische Musik

eines Papa Liebig in Sommer’s Salon die Begleitung zu dem Liebesweben

schmachtender Augen gab. Man staune — ein reicher Kaufmannssohn, der

mit geschlossenem Geldbeutel wie ein Primaner liebte, und ein armes,

auf sauren Verdienst angewiesenes Mädchen, das ihr liebendes Herz von

der Befleckung des Goldes rein erhielt!

Der Zufall der Straße hatte sie zusammengeführt. Er besaß keinerlei

Routine in der Kunst, Herzen zu stürmen, trotz seiner vierundzwanzig

Jahre und seines Geldes, das die mächtigste Hülfstruppe bei solchen

Eroberungen bedeutet. Staunte er doch anfangs selbst über seine

Verwegenheit und über die Beharrlichkeit, mit der er den Gegenstand

seiner plötzlichen Leidenschaft umlagerte. Wochenlang, nach Schluß des

eigenen Geschäftes, patrouillierte er, einem Grenadier gleich, der auf

sein Mädchen wartet, vor den Schaufenstern von Kapp und Müller in der

Breitenstraße. Er ließ sich durch ihre Abweisungen nicht abschrecken.

Alle die hübschen kleinen Künste, die das ABC der Verführungskunst

vorschreibt, wie anonyme Bouquets, Theaterbillets, selbst Verse, die

an der Kasse von Kapp und Müller abgegeben wurden, erwiesen sich als

wirkungslose Trivialität. Eine andere Trivialität, ein Regenschirm,

der sich bei einem herabstürzenden Regenguß mitten auf dem Schloßplatz

plötzlich über ihrem schutzlosen Kopf öffnete, brachte die endliche

Annäherung. Viele Wochen lang begnügte Magnus sich damit, sie von

der Breitenstraße bis zum Lustgarten an den dort vorüberfahrenden

Omnibus zu geleiten. Und er war schon überglücklich, wenn der Omnibus

sich um einige Minuten verzögerte. Bald schrak er nicht davor zurück,

in den dumpfen Kasten des rumpelnden Fuhrwerks selbst zu kriechen,

um die Seligkeit ihrer Nähe bis zur Rosenthaler Vorstadt, wo ihre

Eltern wohnten, zu genießen. Dann folgten flüchtige Besuche in einer

Konditorei, kurze Rendezvous an den Sonntagen, wo sie auf ungeheuren

Umwegen den menschengefüllten Straßen auswichen, um irgend einen

diskreten, nur von dem verschwiegenen Himmelsblau eingesehenen

Erdenwinkel draußen in der Bannmeile zu erreichen.

Sie zwang ihn zu der Genügsamkeit ihrer Armut, und ihre beiderseitige

Liebe erstarkte nur um so mächtiger und glühte um so heißer in

dieser Kargheit. Sie wußten, daß sie einander nicht gehören durften

und daß ihrem Liebestraume nur das kurze Leben eines Frühlingstages

beschieden wäre. Die drohende Trennung lag wie ein Schatten über diesem

Frühlingstag. Sie war ihnen so sicher wie der Tod, und sie meinten ein

jedes, daß sie die Scheidestunde nicht überleben würden. —

Emmy hatte sich erholt, Magnus begann wieder aufzuatmen: es war nichts

weiter, als ein Schwächeanfall, vielleicht auch die Aufregung dieses

ihres ersten Besuches in seiner Wohnung.

»Komm, wir wollen uns wieder zu Tische setzen, liebes Herz, —« sagte

er, »die Zeit eilt!«

»Du Ärmster, wie hat Dich mein Besuch enttäuscht! Wie hübsch hattest Du

alles angeordnet!«

War sie doch bei ihrem Kommen durch die funkelnde und schimmernde

Pracht der mit kostbarem Geschirr und prächtigen Blumen ausgestatteten

kleinen Tafel, auf der die seltensten Leckerbissen der Jahreszeit

sich drängten, in kindliches Staunen ausgebrochen. — »Doch nicht

meinetwegen, Maggi?«

Sie wollte ihm nun die Freude wenigstens nicht ganz verderben und sich

abermals mit ihm zu Tisch setzen. Als sie sich aber erhob, begann

die Standuhr über dem Divan zu schlagen. Sie horchte, mit steigender

Aufregung zählte sie die Schläge.

»Neun Uhr — Ah!«

Erschreckt fuhr sie zusammen. »Nicht möglich!« rief sie. »So muß ich

sofort nach Haus!«

»Eine Viertelstunde!« bat er. »Die Uhr geht nicht richtig — Du bist

doch eben erst gekommen!«

»Du weißt, wie Mama sich ängstigt. Wenn man sie hört, so ist Berlin zu

drei Vierteln mit Räubern und Missethätern bevölkert, die nach neun,

wo alle anständigen Leute von der Straße verschwinden, ihr Tagewerk

beginnen. Ich muß fort! Vor einer halben Stunde kann ich nicht dort

sein. Es ist Angst genug für Mamachen —«

»Nur zehn Minuten, süßes, einziges Herzlieb —« flehte er. »Wir nehmen

eine Droschke und lassen fahren wie die Eisenbahn. Bitte, bitte, nur

noch zehn Minuten —«

Er wandte ihr Köpfchen zu sich empor und erstickte das abwehrende Nein

ihrer bebenden Lippen mit der Leidenschaft seiner Küsse. — »Nein, ich

laß Dich nicht! Ich laß Dich nicht!« stammelte er.

»Armer Maggi —« hauchte sie in seine Liebkosung. Ihre Augen füllten

sich mit Thränen: — eine solche Liebkosung wird eines Tages, bald,

gar bald, ihre Trennung bedeuten!

Wo war die Zeit hin? Wie hatten sie jedes für sich die Seligkeit

dieses ersten rückhaltlosen Zusammenseins ausgeschmückt! Emmy hatte

aus ihrem Kassagefängnis sich mit Mühe durch eine Notlüge zu früherer

Stunde befreit. Magnus ahnte nicht, welche Angst sie ausgestanden, bis

sie endlich hier in seinen Armen lag. Die peinigenden Skrupel, die

sie mehrere Male umkehren heißen, die Furcht vor Entdeckung und das

drohende Gespenst der Schande, das auf sie lauert — es will immer

noch nicht dunkel genug werden — die Läden diesseits und jenseits der

Straße sind so neugierig — alle Passanten wissen um ihr Geheimnis —

die Stiege knarrt — sie schrickt zusammen — eine Thür öffnet sich,

jemand kommt die Treppe herab — atemlos vor Schreck stürzt sie auf die

beigelehnte Thüre des ersten Stocks — »Endlich!« ruft drinnen eine

Stimme.

»Ach Maggi ...«

Lange verbarg sie ihr vor Scham glühendes Antlitz an seiner Brust und

ihr Atem stürmte vor gewaltiger Erregung.

»Du wirst mich nicht mehr lieben ...« bebte es über ihre Lippen. Sie

wagt nicht mehr aufzuschauen — o, sie wird nicht mehr wagen, ihrer

Mutter unter die Augen zu treten!

»Du meine Welt! Du mein Alles!« Und mit einem neuen Sturm umpreßte er

ihre zarte Gestalt.

Aber die Standuhr war nicht so barmherzig, still zu stehen für ihr

Glück. So, mit der Angst, mit der Freude dieses Willkomms war die Zeit

dahingeflogen — dazu der fatale Ohnmachtsanfall. —

Während er ihr half den Paletot anzulegen, schwelgten sie bereits in

der Seligkeit eines neuen Wiedersehens.

»Ist Dir auch wirklich ganz besser?« fragte er besorgt. Es war ihm, als

hauchte abermals eine Blässe über ihre Wangen.

»Ganz gut, Maggi ...«

Aber der Name hauchte so matt heraus — ein neuer Schatten umflorte

plötzlich ihren Blick — sie wankte.

»Um Gotteswillen!« — rief er — »was ist?!«

Abermals brachte er sie zum Divan, diesmal mußte er ihren Körper völlig

auf den Armen tragen, wie leblos lehnte ihr todbleicher Kopf gegen

seine Brust.

»Emmy! — was ist? — Emmy!«

Es war die volle Ohnmacht. Er besprengte ihr das Gesicht, versuchte ihr

Mieder zu öffnen — da zeigte sich Blut in dem einen Mundwinkel — und

jetzt zog sich eine rote Linie von Blut zwischen den blassen Lippen hin.

»Ein Blutsturz!« stieß er aus.

In höchster Bestürzung fuhr er empor, das Schwellen der roten Linie

anstarrend. Dann stürzte er auf den altmodischen gestickten Klingelzug

hin und riß daran.

Jemand klopfte; ohne das Herein abzuwarten, erschien ein Kopf in der

Thür, und eine wie verrostet klingende weibliche Stimme meldete, daß

das Mädchen nicht da sei — »womit könnte ich dienen?«

Es war Frau Gornemann selbst, seine Wirtin.

»Lassen Sie, bitte, irgend jemand nach dem Arzte eilen — Sanitätsrat

Herz, Mohrenstraße 28!«

Frau Gornemann war ganz eingetreten. Die Situation für sie sehr

interessant — höchst pikant!

Es war eine starke Dame von mittlerem Alter, mit unförmlicher und

wie mit verzweifelter Überanstrengung eingeschnürter Taille; ein

männlich ausgeprägtes Gesicht von starkem und kaltem Ausdruck, dick

gepudert, von dem überaus künstlichen Gebäude einer pompösen Frisur

überragt. Sie trug ein schweres schwarzes Seidenkleid, eine protzige

Herrenuhrkette mit Berloques baumelte aus dem Taillenschluß; zwischen

ihren Rockfalten raschelte ein Seidenhündchen mit gänzlich von langen

Haaren überhangenem Gesicht und einem feinen Glöckchen am Hals.

Der Blick ihrer eisigen Augen belebte sich, und sie nickte mit einem

fast cynischen Lächeln. Sie versteht vollkommen: der festlich gedeckte

Tisch und der Damenbesuch, Alles!

»Schnell! Lassen Sie schnell den Arzt rufen! — Ich bitte! — Sie

stirbt! — ein Blutsturz —«

Neugierig rauschte Frau Gornemann mit dem klingelnden Hündchen, das sie

nie verließ, an den Divan heran.

»Eine befreundete Dame —« erläuterte er linkisch. Es klang recht

dumm! Was denn sonst? — man kennt dergleichen! — sie bedarf keiner

Erklärung! — schien der ironische Zug ihres von einem Bartflaum

überschatteten Mundes zu sagen.

Die Gegenwart dieser Frau, vor der er stets eine Abneigung gespürt,

empfand er selbst in diesem Augenblick als eine Entweihung; statt

ihrer, der Ohnmächtigen, befiel ihn eine Scham. Aber Eile — höchste

Eile!

Frau Gornemann rauschte hinaus, um den Auftrag auszuführen, dann kam

sie wieder, das weibliche Mitgefühl hatte doch über die kritische

Neugier die Oberhand gewonnen. Ja, fast schien sich seine Ratlosigkeit

ihr selbst mitgeteilt zu haben. Es ist jetzt keine Zeit zu Glossen!

Nach der Ewigkeit einer halben Stunde erschien der Sanitätsrat. Er

machte sich sofort an den Fall, ohne die außergewöhnlichen Umstände zu

beachten. Und dieser Fall lag einfach: eine schwere innere Blutung —

sofort solle die Kranke zu Bett gebracht werden — er wolle so lange

bleiben ...

Magnus’ verzweifelter Blick traf Frau Gornemann. In einem

schnippischen Anfall erklärte diese, die massiven Schultern hebend, daß

sie weder Platz, noch ein Bett übrig hätte!

Es half kein Zaudern und keine Rücksicht im Angesicht dieser Gefahr.

So ward die Kranke also in Magnus’ Schlafstube gebettet. Völlige

Reglosigkeit, völlige Stille, Eisumschläge und eine Liste von

Vorsichtsmaßregeln. Offenbar hing das Leben der Ärmsten nur noch an

einem Haar. —

Thränen zitterten durch Magnus’ Stimme, als er den Sanitätsrat beim

Fortgehen nach den Aussichten fragte.

Der Arzt hob die Schultern langsam empor, preßte die schmalen,

bartlosen Lippen vollends ein und hob die grauen Büsche der Brauen über

den freundlich und gutmütig blickenden Augen. Da er Thränen über die

Wangen von Magnus stürzen sah, tappte er ihm auf die Schulter: »Was

machen Sie für Geschichten!« schien dies stumme Tapfen zu sagen.

»Sie begreifen, Herr Sanitätsrat ...«

Es schien ein Appell an den Menschen. Dr. Herz war nicht der Hausarzt

der Familie Joël, aber er hatte den jungen Joël, dem jener andere zu

weit ab wohnte, gelegentlich eines flüchtigen Leidens hier in derselben

Wohnung behandelt.

»Machen Sie sich keine Gedanken, junger Herr!« fiel er ein. »Wir Ärzte

sehen und hören nur, was wir wollen. Wir erleben hier in Berlin jeden

Tag einige Romankapitel.«

Nach einer kurzen Pause: »Leben die Angehörigen der Dame hier in

Berlin?«

»Beide Eltern.«

»Sie thäten gut, dieselben zu benachrichtigen.«

»Oh!«

»Es wäre das Beste — und möglichst bald, ehe Sie eine noch viel

schlimmere Verantwortung übernehmen. Ich kann Ihnen übrigens für die

Nacht und überhaupt eine Wärterin senden,« (mit einem bedeutsamen Blick

nach der Schlafstube: — Frau Gornemann möchte er die Kranke nicht

anvertrauen!)

»Bitte, Herr Sanitätsrat!«

Magnus war aufs äußerste bestürzt. Welch eine Situation! Welch eine

Verlegenheit! Die armen Eltern — arme Emmy! Er weiß, der Tod wäre ihr

lieber, als ein Wiedersehen mit ihren Eltern an diesem Ort ...

Eine Stunde darauf erschien Schwester Jemima, ein wachsblasses Gesicht

mit großen, dunkelgrauen Augen, die weder Kummer, noch Schreck, noch

Freude, noch Trauer zu kennen schienen; ihr Gang war ein schattenhaftes

Schweben und ihre Bewegungen völlig lautlos. Sie war eine geborene

Komtesse M. und als Wärterin in allen aristokratischen Krankenstuben

beliebt.

Auch sie sah und hörte nichts und schien über nichts nachzudenken.

O, auch sie erlebte Romankapitel genug in ihrem schweren Dienst!

Moralische Kasteiung ist ja noch viel verdienstvoller, als körperliche!

* * * * *

Am Morgen noch vor acht Uhr betrat Magnus in der Treskowstraße das

Haus, wo Emmys Vater, der Zahlmeister a. D. Köster, wohnte. Es war

eines jener Häuser, die gleich nach dem Neubau schon einer zehrenden

Alterskrankheit verfallen, als ob die Armut, die sie bewohnt,

ein bösartig gefräßiges Ungeziefer sei. Man wies ihn in einem

feuchtdüstern, brunnenartigen Hof nach einer Hintertreppe. Langsam

stieg er die abgetretenen Stufen hinan, als schleppte er mit seiner

peinvollen Meldung eine Last empor. Die dumpfe Luft der Armut, die ihm

entgegenwehte, fiel ihm schwer aufs Herz. Die Thüren trugen entweder

gar keine Schilder, oder sie waren mit einer Menge vergriffener Karten,

ja nur Zettelchen statt solcher bedeckt. Hinter der einen gellte

Weibergekeif, Kindergeschrei jeglicher Tonart drang aus allen Ritzen,

das ganze Haus schien davon zu vibrieren. Und er hatte dulden müssen,

daß sie, die Geliebte, unter solchem Druck atmete! Wenn sie wieder

besser ist ... ach, er wagte nicht, sich diese Hoffnung vorzugaukeln!

Emmy hatte die Verhältnisse ihres Elternhauses nur mit kurzen

Andeutungen gelüftet. Ihr Vater hatte als Zahlmeister in der Armee

gedient, er litt am Größenwahn, sein störrischer Sinn hatte ihn hart

an einer Insubordination vorbeistreifen lassen, und er kam noch gerade

mit dem blauen Auge eines einfachen Abschieds davon. Dann hatte er sich

in allerlei Winkelstellungen versucht, die seinem stolzen Sinn aber

zu subaltern dünkten. Nun war er seit lange ohne Beschäftigung, seine

angeborene Rolle als verkanntes Genie ins Virtuosenhafte ausbildend.

Die Mutter war ein Engel an duldender Güte. Sie war vor ihrer Heirat

Lehrerin gewesen, nun gab sie für ein Spottgeld Klavierstunden an erste

Anfänger. Drei Geschwister waren gestorben, Emma war die einzige —

ihrer Eltern Trost und Hoffnung! — das hatte Magnus längst gemerkt.

Im vierten Stock fand er eine Thür beigelehnt. Eine scharfe

militärische Stimme inquirierte jemand da drinnen.

»Also um sieben Uhr hat sie das Geschäft bereits verlassen?«

Die Köster hatten jedenfalls in ihrer Angst um die rätselhaft

Ausgebliebene zu Kapp und Müller geschickt und diesen Bescheid erhalten.

»O Gott, was ist denn das?« jammerte eine matte Frauenstimme.

Magnus stutzte. Er hatte mit Frau Gornemann ein Märchen vereinbart,

und da war dieser verdächtige Punkt, daß Emmy das Geschäft wider die

Gewohnheit um sieben Uhr statt gegen neun verlassen, übersehen worden.

Zu einer anderen Zeit hätte ihn der Gedanke angewidert, sich mit dieser

Frau gemeinsam auf krumme Wege zu begeben, denn er war Berliner genug,

um hinter dem »Witwentum« von Frau Gornemann eine schwüle Vergangenheit

zu wittern. Aber die entsetzliche Verlegenheit drängte.

»Je kräftiger Sie flunkern, desto eher wird Ihnen geglaubt, Herr Joël!«

lautete die Parole, die seine Vermieterin ihm auf den schweren Gang

mitgab.

Wohlan! Und er klopfte an die Thüre.

»Herr–rein!«

Ein kräftiger Mann, schwarzhaarig, mit argwöhnisch spürenden dunkeln

Augen blieb in seinem aufgeregten Gange durch die Stube halten. Diese

war mit Möbeln und Hausgeräten überfüllt, am Fenster stand ein altes

Tafelklavier aus gelbem Kirschbaum.

»Ich komme, um Ihnen Nachricht von Ihrer Tochter zu bringen —« brachte

Magnus ziemlich sicher hervor.

Mit einem Freudenschrei schoß eine kleine Frau mit einem kümmerlichen

Gesichtchen, das die Angst nun vollends verstört hatte, aus einem

Winkel empor.

»Wo ist sie? — Sie haben Nachricht? — Um Gotteswillen, wo ist sie?«

Gleich wandelte sich die Freude in Schreck. Magnus sah, wie die zarte,

gebrechliche Frau am ganzen Leibe vor Aufregung zitterte.

»Ihre Tochter lebt! Sie brauchen nicht das Ärgste zu denken!« rief er.

Herr Köster spannte die Augen. »Du kannst gehen, Karl,« sagte er zu

dem Knaben, welcher der Überbringer der Nachricht von Kapp und Müller

gewesen. Als fürchtete er, des Nachbars Kind könnte Dinge über seine

Tochter zu hören bekommen, die sich nicht für die Verbreitung im Hause

eigneten. Er argwöhnte immer nur das Schlimmste.

»Also Ihre Tochter ist gestern Abend auf der Straße plötzlich erkrankt.

Ich war zufällig in ihrer Nähe. Sprang noch rechtzeitig heran, sonst

wäre sie auf das Trottoir hingestürzt. Wir brachten sie ins Haus. Es

wurde ein Arzt gerufen und der erklärte sofort —«

»O Gott!« stieß Frau Köster aus, und sie bedeckte ihr Gesicht mit

beiden Händen.

»Verhehlen Sie uns nichts!« rief Herr Köster — »wir sind auf alles

vorbereitet nach dieser Nacht!«

»Ich bitte, sich zu beruhigen! Der Doktor, den ich — den wir sofort

rufen ließen, erklärte es nicht für sehr gefährlich — ein leichter

Blutsturz —«

»Warum hat man sie denn nicht zu uns gebracht? Oder noch besser zur

Charité, wo sie jedenfalls die sicherste Hülfe gefunden« — fiel jener

ein.

Die arme Mutter zuckte entsetzt bei dem Worte »Charité« zusammen, als

bedeute das den Gipfel der Schande.

»Der Doktor erklärte sofort, daß die Kranke nicht weiter transportfähig

—«

»Wir müssen gleich zu ihr, Frau! Hier hilft kein Jammern und kein

Besinnen! Wo ist es, wenn ich bitten darf?«

»Charlottenstraße 55=a= bei meiner Wirtin« — (das klang nicht gut!)

»bei einer Frau Gornemann,« verbesserte er sich. »Eine barmherzige

Schwester war die Nacht über da. Es ist für alles gesorgt. Sie können

ganz ruhig sein.«

»Mein Name ist Joël —« fügte er zögernd, mit einer leichten Verbeugung

hinzu. Er hätte in diesem Augenblick viel darum gegeben, wenn er nicht

diesen stadtbekannten Namen trüge.

»Ach — von den Joëls in der Leipzigerstraße?« fragte der Vater heftig.

Gleich stürzte sich sein Argwohn auf den Namen.

Magnus nickte. Kann es unter den reichen Leuten denn keine Ehrenmänner

geben?

»Wie kam — wie kam das Mädchen denn um sieben Uhr in die

Charlottenstraße, Herr Joël?«

Magnus erstaunte selbst später über seine Geistesgegenwart, die diese

Frage nach kürzestem Zögern parierte:

»Die Dame war, so viel ich herausbekam, im Auftrag von Kapp und Müller

ausgegangen ...«

Doch Frau Köster schnitt all diese Abschweifungen von der Hauptsache

mit der Erklärung ab, daß sie vor allem hin müßten — gleich auf der

Stelle! O, sie läßt sich nur vom ersten Schreck so niederducken —

nachher findet das Schicksal sie stets gewappnet!

»Darf ich Ihnen meine Droschke zur Verfügung stellen? — sie ist

bereits bezahlt,« fragte Magnus.

Sie nahmen das Anerbieten an, und er empfahl sich, froh aufatmend. Doch

da draußen auf der Straße fiel der Jammer über den drohenden Verlust

der Heißgeliebten wieder über ihn her. Während er im Sonnenschein durch

das Gewühl der Rosenthaler Straße schritt, stürzten ihm plötzlich

Thränen aus den Augen. Und ein Gefühl, daß nachdem, wenn sie ihm

geraubt würde, das ganze Leben für ihn keine Bedeutung mehr hätte,

legte sich gleich einem Schleier über seine Sinne. —

* * * * *

Magnus war nach einem kleinen Hotel in der Nachbarschaft übergesiedelt;

den Seinen gegenüber hatte er diese Veränderung mit einem ansteckenden

Krankheitsfall in der Familie Gornemann begründet, so kam er auch jeder

Überrumpelung in der Wohnung zuvor.

Die Kranke schwebte zwischen Tod und Leben; die Miene des Sanitätsrates

bemühte sich krampfhaft, eine Hoffnung zu heucheln. Frau Köster und

Schwest Jeremima teilten sich Tag und Nacht in die Pflege, während Herr

Köster ruhelos ab und zu ging, von der Sorge um sein Kind gehetzt.

Magnus verrichtete seinen Dienst im väterlichen Geschäft wie ein

Träumender. Alle Gedanken bei ihr! — und es war eine solche Qual für

ihn, wenn er in ihrer Nähe weilte, seine überquellende Sorge sänftigen,

den Ausdruck seines Schmerzes unterdrücken zu müssen, damit die Eltern

nicht Verdacht schöpften.

Doch nur zwei Tage gelang die Täuschung gegenüber Herrn Kösters

argwöhnischem Spürsinn. Diesem war die angstvoll vibrierende Teilnahme

eines Wildfremden, angeblich nur durch einen Zufall Angenäherten,

gleich verdächtig vorgekommen, so sehr sich Magnus gerade in seiner

Gegenwart Gewalt anthat.

Kapp und Müller hatten auf seine Erkundigung nichts von einem in ihrem

Auftrag erfolgten Ausgang um sieben Uhr gewußt, Fräulein Emma hatte im

Gegenteil ein Familienfest für ihr Urlaubsgesuch vorgeschützt. Dazu

trat der schändliche Verrat der kleinen, leblosen Dinge, die unseren

Alltag tyrannisieren, ja zuweilen unser Schicksal meistern. Magnus

hatte sorgfältig alle Spuren, die zur Entdeckung des Geheimnisses

führen konnten, entfernt. Der Doktor suchte bei einem seiner Besuche

nach einem Zettelchen, um den lateinischen Namen einer Tinktur darauf

zu schreiben; er griff aufs Geratewohl in den Papierkorb und zog ein

beschriebenes Blättchen hervor, auf dessen leere Seite er den Namen

hinwarf. Herr Köster, der die Besorgung in der Apotheke übernahm,

erstarrte, als er unterwegs das Blättchen näher prüfte: es war das

Stück eines Briefcouverts, und die Adresse, an Herrn Magnus Joël

gerichtet, zeigte die Handschrift seiner Tochter! Keine Täuschung: —

ein gewisser flotter, für ihre Hand charakteristischer Schnörkel ließ

keinen Irrtum aufkommen.

Dann, bei seiner Rückkehr, gab die Kranke selbst den Anlaß zur

Gewißheit. Er war leise an das Lager herangeschlichen. Magnus saß

dort neben der Mutter. Emmys fieberglänzende Augen weiteten sich, sie

schienen nach jemand ins Leere hinein zu suchen. Endlich trafen sie

Magnus’ Antlitz. Nun tastete ihre Hand mit Mühe, bei der übergroßen

Schwäche, über die Bettdecke nach ihm hin. Sie suchte seine Hand, und

er reichte sie ihr, alle Vorsicht vergessend. Mit einem seltsamen

Ausdruck des Glückes schloß sie die Augen, die Hand immer noch haltend.

Herr Köster wußte genug. Emmy und Herr Joël hatten sich längst

gekannt — der Krankheitsanfall und das zufällige Eingreifen dieses

übergefälligen Herrn war erfunden — seine Tochter, seine einzige

verführt und verdorben! — und dort steht der Verführer!

Ein ungeheurer Grimm überfiel ihn. Er hätte sich am liebsten auf den

Verbrecher gestürzt. Mit zitternder Stimme ersuchte er, Herrn Joël

draußen auf der Straße sprechen zu dürfen. Dort ging er geradenwegs auf

die Sache los.

»Sie haben uns irre geführt, Herr Joël, als Sie uns meldeten, wie der

Unglücksfall sich ereignet —«

»Herr Köster!«

»Ich denke, es ist jetzt nicht der Moment, Komödie zu spielen. Ich weiß

alles — kenne die Beziehungen des Mädchens zu Ihnen —«

Magnus hielt es diesen Umständen und den fanatischen Blicken des in

seinem Vaterstolz Verwundeten gegenüber nicht mehr für angebracht, sein

Märchen aufrecht zu erhalten.

»Ja, ich liebe Ihre Tochter!« flüsterte er, und er legte beteuernd die

Hand auf die Brust; seine Augen strahlten.

»Liebe Ihre Tochter ...« höhnte Köster. »Ungeheure Gnade — der reiche

Herr Joël, der sich herabläßt, meine Tochter mit seiner Liebe zu

beglücken!«

Dann in einen Ton jammernder Verzweiflung umschlagend: »Mein Kind, mein

armes Kind! — sie war unsere ganze Freude! — Liebe Ihre Tochter ...

was heißt denn das? Bekennen Sie doch Farbe, Herr!« Drohend klang es,

und unwillkürlich wich Magnus zur Seite.

»Ich versichere Sie — ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist

...« fiel Magnus ein.

»Kennen wir — kennen wir! — bin lang genug in Berlin, um zu wissen,

was solche Liebe bedeutet ... zum Teufel, Herr, ich fordere die Ehre

meiner Tochter von Ihnen! Sie haben Ihren Ruf vernichtet! Sie werden

mir Rechenschaft geben, Herr ...«

»Ein so verzweifelt unglückseliger Zufall —« stotterte Joël — »ich

bin bereit, alles gut zu machen ...«

Er war sich zwar nicht klar, wie das zu geschehen hätte; gleich schämte

er sich auch der Redensart.

»Mit Geld? Zum Teufel mit Ihrem Geld! Eine Ehre läßt sich nicht mit

Geld reparieren! — Mein Kind, mein armes Kind —« jammerte der Vater

von neuem los.

»Herr Köster, hören Sie doch ...« bat Joël, von innigem Mitleid

ergriffen.

»Lassen Sie mich! — es ist jetzt nicht der Moment — wir rechnen schon

mit einander ab! — lassen Sie mich ...«

Und er wehrte Joël ab, zu folgen, während er eiligst um die nächste

Ecke bog. Joël stand und sah der Gestalt des unglücklichen Mannes nach,

wie sie, die Arme mit den geballten Fäusten in ohnmächtigem Grimm nach

abwärts gesenkt, dahinwankte.

Wie verstört strich er selbst aufs Ungewisse durch die Straßen. Der

Mann hat recht! Der Ruf des Mädchens ist vernichtet — kein Geld der

Welt vermag ihn herzustellen, denn der Leumund glaubt nicht an die

Schändlichkeit dieses Zufalls. »Welche Sühne könnte ich leisten? Blut

wäre trivial — und widersinnig, ihm, dem Vater, solches anzubieten!«

Der Gedanke an einen Ausweg fiel ihn an. Sein Geschick für immer an

das ihre zu fesseln? — sie zu heiraten? — Das bedeutete für seine

Familie, für seinen Vater das Ende der Welt! — Und er belog sich, daß

er dennoch den Mut haben würde, den Schritt zu thun, der ganzen Welt

zum Trotz — wenn sie nur am Leben bliebe — nur das!

Aber sie wird und kann nicht am Leben bleiben! Der Sanitätsrat hat ihm

erst heute Mittag jede Hoffnung geraubt.

Ein Eheversprechen? — das klänge hier im Angesicht des sicheren Todes

wie ein entweihender Hohn.

Herr Köster erschien an diesem und dem folgenden Tage nicht mehr in

Joëls Wohnung. Es war die stumme Ächtung, die er über sein armes Kind

verhängte. Sein Starrsinn gebot ihm, eher grausam, ja brutal zu sein,

als den Schein auf sich zu laden, daß er seine und der Seinen Ehre

antasten ließe.

* * * * *

In der Villa Joël zu Charlottenburg wurde der Geburtstag des Chefs

gefeiert; zugleich das Gründungsfest des Berliner Hauses. Magnus durfte

und konnte nicht fern bleiben, ein triftiger Vorwand fand sich nicht.

Doch würde er Gelegenheit erhaschen, sich zeitig genug zu entfernen —

denn die Geliebte lag im Sterben.

Herr Hildebrand Joël, der seit fünfzehn Jahren verwitwet war, bewohnte

einen Teil des Parterregeschosses der großartigen Villa, während sein

Ältester, Gisbert, mit seiner Familie die übrigen Räume inne hatte. Für

Magnus hätte sich wohl noch ein Plätzchen in dem weiten Hause gefunden,

doch hatte sich das Bedürfnis herausgestellt, daß einer von der Firma

wenigstens seine Wohnung in Berlin und in der Nähe des Geschäftes

hatte. So hatte Magnus in erster Ermangelung eines besseren Logis, und

da er durchaus anspruchslos war, sich bei Frau Gornemann eingemietet,

selbst die Bedienung verschmähend, die ihm sein Vater aufdrängen

wollte, damit auch diese Filiale des Namens Joël mit genügendem äußeren

Glanz vertreten würde.

Gisbert Joël war mit einer Tochter des großen westfälischen Eisen-Sturz

vermählt; sein Schwager war der Baron Kehren, ein wegen seines wütenden

Strebertums in weiten Kreisen der Armee berüchtigter Offizier. Gisbert

war das Gegenstück des jüngeren Bruders. Schon die fast ans Geckenhafte

streifende Sorgfalt für Kleidung und Äußeres verriet den Lebemann.

Er hatte seine Jugend tüchtig ausgetobt, und der Arnheim von Herrn

Hildebrand wußte davon zu erzählen; aber das Stirnrunzeln des alten

Herrn war wohl nicht ernst zu nehmen: — leben und leben lassen! — ein

Joël, der der schönsten Figurantin von Friedrich-Wilhelmstadt Equipagen

und Pferde hält und den Mut hat, bei Friedländer Zehntausende für ein

Schmuckstück aufschreiben zu lassen, um damit die Gunst einer bekannten

Soubrette zu erobern — das bringt den Namen nur in Umsatz, das kann

den Glanz des Hauses nur erhöhen! Warum begeht der Jüngere keine solche

Heldenthaten? Man muß ihn wahrhaftig zwingen, standesgemäß Geld zu

vergeuden! Hätten die beiden Cyniker, Vater und Sohn, erfahren, daß ein

Joël allabendlich in einen Rumpelkasten von Omnibus kroch, um in den

Blicken eines unscheinbaren Ladenmädchens seine Seligkeit zu finden —

sie hätten ihn für ein Tollhaus reif erklärt.

Da Magnus so schmählich aus der Art geschlagen, da er nichts für den

Ruhm des Hauses zu thun gewillt war, blieb schließlich nichts übrig,

als ihn wenigstens glänzend zu verheiraten. Magnus war mit seinen

vierundzwanzig Jahren alt genug; er würde einen Musterehemann abgeben

— meinte Frau Gisbert, eine lebhafte und imposante Brünette, nach

ihrer Art ironisch mit den Lippen zuckend.

Es war auch schon eine Braut für ihn bestimmt. Bei Gisberts war eine

Cousine der geborenen Eisen-Sturz zu Besuch, eine Gußstahl-Prinzessin

aus Bochum. Eine blühende Blondine von bezaubernd liebenswürdigem

Wesen — und sie schien sich wahrhaftig für den »guten Kerl« von

einem Magnus zu erwärmen, all den glänzenden Huldigungen zum Trotz,

denen ihre Schönheit und ihr Reichtum ausgesetzt waren. Der engere

Familienrat hatte diese Heirat beschlossen. Gisbert erklärte zwar

die Dame viel zu schade für den »Duckmäuser«; er war selbst mit

einer schönen und reichen Frau verheiratet, gönnte das gleiche

Glück aber keinem anderen. Die beiden Schwestern, Frau Gisbert und

Baronin Kehren, pflichteten lachend, ihre berühmt prächtigen Zähne

weisend, diesem Urteil bei. Auch sie hätten für die gußstählerne

Cousine wohl eine bessere Partie erwünscht, aber mit dieser Heirat

waren allerlei verlockende Pläne verknüpft. Der Alte beabsichtigte

nämlich nach Magnus’ Verheiratung, diesen das Obergeschoß beziehen zu

lassen und für Gisbert eine Mustervilla zu erwerben, die er auf die

erdenklich prachtvollste Weise ausstatten wollte. Die beiden Schwestern

schwärmten schon von dem neuen Besitz, und eifrig arbeiteten sie an dem

Heiratsprojekt.

Magnus sah sein Schicksal. Über kurz und lang mußte er ja doch von der

Geliebten getrennt werden! Über diese Trennung hinaus war alles andere,

was geschähe, gleichgültig! Aber er glaubte das Schicksal noch eine

Weile aufhalten zu können! —

Welch eine entsetzliche Qual, heute hier mitten im Festestrubel

zu weilen, als Sohn des Hauses den Höflichen und Zuvorkommenden

zu spielen, eine lächelnde Miene aufzusetzen und den Damen banale

Nichtigkeiten zu spenden — während Emmy im Sterben liegt und eine Welt

unter ihm zusammenzustürzen droht!

Die Festtafel war in dem großen neudekorierten Hauptsaal hergerichtet.

Während die Austern gereicht wurden, bewunderte man den jüngst

erst fertig gestellten Meyerheimschen Fries und die farbenglühende

italienische Decke von Meurer. Doch den Haupteffekt gab der herrliche,

sonnenfrohe Frühlingstag, der durch die hohen Bogenfenster der

Gartenterrasse hereinglänzte. Die hohen Bäume waren noch von dem

bronzefarbenen Hauch der ersten Knospung überhaucht, während das

Strauchwerk schon in seinem vollentfalteten grünen Schmucke prangte.

Auf dem blendenden Smaragd der Wiese stolzierten kostbare weiße Pfauen,

und die saisongemäßen Beete voll seltener Tulpenarten machten, von

hier oben gesehen, die Wirkung von bunten Geschmeidestücken aus der

Renaissance. Das feine Säuseln eines unsichtbaren Springbrunnens

lag wie ein dämpfender Schleier über dem vielartigen Geräusch der

Speisenden; ein paar Amselstimmen bemühten sich, von draußen her zur

Tafelmusik beizusteuern.

Der Glanz der Gäste konnte fast mit der Pracht der Gedecke, dem Prunk

der schweren Aufsätze und der auch jetzt am hellen Tage brennenden

Kandelaber wetteifern. Einige strotzende Generalsepauletten, einige

verdienstvolle Ordenssterne von staatlichen Würdenträgern, ein paar

Breitseiten von Diner-Orden auf der Brust von Flügeladjutanten, einige

Kommerzienräte, einige vielgezackte Kronen aus der Diplomatie, ein paar

der augenblicklich modernsten Namen aus Kunst und Litteratur.

Natürlich hatte der Festordner Gisbert seinem Bruder Magnus die

gußstählerne Prinzessin als Nachbarin zudiktiert. Und es geschah

von seiten der Verschworenen das möglichste, um die Gäste wie das

Paar selbst auf dessen Zusammengehörigkeit aufmerksam zu machen.

Die zukünftige Braut wurde mit Aufmerksamkeit überhäuft, die beiden

Schwestern ließen sie und Magnus nicht aus den Augen, mit Lächeln

und Nicken und allerlei kleinen bedeutsamen Zeichen suchten sie die

Gelegenheit zu schmieden.

Magnus verrichtete ein Wunder an Selbstbeherrschung. Krampfhaft zwang

er sich, er, der sonst still war und nicht den Ruf eines interessanten

Gesellschafters besaß, zu einer lebhaften Unterhaltung. Wollte er doch

dem lieben und hübschen Wesen an seiner Seite, dem die helle Lebenslust

aus den blauen Augen lachte, diese frohe Festesstunde nicht verderben!

— galt es doch mit dem Klang seiner eigenen Worte und seines Lachens

den wühlenden Schmerz hier in der Brust betäuben! Vielleicht mochte

auch der Wein, den er in vollen Römern herabstürzte, seine Schuldigkeit

thun ....

Die Verschworenen hatten ihr Werk mit feiner List insceniert. Nach den

ersten feierlichen Galatoasten erhob sich Herr Perkisch, der bekannte

Tafelpoet, der, wie Koch und Lohndiener, in gewissen Kreisen zu den

notwendigen Requisiten eines Diners gehört. In seiner schwungvollen Art

feierte er das Glück des Hauses Joël. Nicht das gegenwärtige allein,

sondern ein zukünftiges, das er mit einem ausdrucksvollen Zwinkern

seiner schmalen Augenschlitze fern dort hinten auf der smaragdenen

Wiese zwischen den weißen Pfauen aufsteigen sah. Und sein beim Reden

vergnügt schmunzelnder Mund malte dies Glück in so verlockenden Farben

aus, daß die beiden Schwestern ganz Begeisterung waren. Der von ihnen

gedungene Tafelpoet konnte seinen Auftrag nicht effektvoller ausführen.

Alles zielte mit offenen und verstohlenen Blicken auf das Paar. Nun,

nachdem Perkisch geendet und das erste Läuten und Klingen der Gläser

verhallt war, wußten die Schwestern eine Art Cour vor dem Paar in Scene

zu setzen. Sie traten vereint auf Magnus und Fräulein Helmons zu, und

ihre Blicke, ihr Lächeln und die Art, wie sie mit den beiden anstießen,

alles das sah wahrhaftig wie eine Gratulation aus! Andere folgten dem

Beispiel. Hier und da wurde getuschelt — »noch nicht offiziell!« hieß

es — »aber die Verlobung hängt in der Luft!«

Fräulein Helmons glühte, aber mit ihrem bezaubernden Lächeln überwand

sie die seltsame Verlegenheit. Ihrem Herzen schien es wahrhaftig fast

recht zu sein, wenn sich all diese versteckten Huldigungen zu einer

wirklichen greifbaren Gratulation verdichteten.

Magnus ließ in seiner etwas linkischen Art den unbegreiflichen Sturm

gegen sich anprallen. Zum Teufel, es kann doch kein Mensch auf der Welt

mit klingenden Gläsern und Toasten zu einer Ehe gezwungen werden!

Eben fand sich der alte Papa ein, sein Rotweinglas (er trank nie

Champagner) in der Hand, um zu »gratulieren« — wie soll man es

sonst nennen? Über sein glattrasiertes, von einem silberschimmernden

Kranzbart unter dem Kinn eingerahmtes Gesicht vibrierte ein Ausdruck

verschmitzter Freude. Mit bekannter Artigkeit verneigte er sich vor

seiner zukünftigen Schwiegertochter, und seinen liliendünnen Lippen

entschlüpfte ein besonders liebenswürdiges Kompliment. Kräftig stieß er

dann mit Magnus an, und seine grauen, schlauen Blinzelaugen forschten

in dessen Miene: — »Nun, alter Junge?« rief er laut.

Zugleich erhielt Magnus von rückwärts einen Schlag auf die Schulter: —

»Prosit Brüderchen!«

Es war Gisberts schnarrendes Leutnantsorgan, und das feiste, von einem

unternehmenden Schnurrbart gezierte Gesicht des Lebemannes grinste ihn

an.

Warum that der Duckmäuser auf das erhobene Champagnerglas keinen

Bescheid? Magnus zuckte zusammen, sein Blick stierte wie gebannt nach

dem einen Gartenfenster hin.

Gegen die sonnige Helle des Gartens scharf abgezeichnet, stand dort ein

Dienstmann, einen Brief in der einen Hand haltend, während die andere

schirmartig über den Augen erhoben war; sein von der Eile echauffiertes

Gesicht weidete sich mit glotzender Neugierde an dem festlichen Gewirr

hier innen. Seine Erscheinung wirkte wie eine lächerliche Trivialität;

der Mann mochte irrtümlicherweise den Weg durch den Garten genommen

haben. Ein Diener sprang hinzu und winkte entrüstet dem Eindringling ab.

Magnus erblaßte, und eine eisige Blutwelle ließ ihm den Atem stocken:

— es ist die Todesnachricht!

»Was hast Du nur, Bruder?« rief Gisbert stutzend.

»Nichts — nichts! — es wird vorübergehen!«

Und mit einer konvulsivischen Anstrengung, die ihn sogar körperlich

zu schmerzen schien, zwang er seine verstörte Miene zu einem Lächeln.

Gellend stieß sein Glas gegen das des Bruders — »Prosit!« rief er

schrill.

Er wollte hinausstürzen in seinem Schmerz, um dem Dienstmann das

verhängnisvolle Billet zu entreißen, aber er fühlte sich wie gelähmt —

als wenn etwas hier innen zerbrochen wäre — mechanisch setzte er sich

mit den anderen wieder zu Tisch.

Gleich darauf reichte ihm Gisbert über die Schulter den Brief hin:

»Ei, ei, Brüderchen« — flüsterte der Lebemann — »eine Damenhand und

eilig!«

Auch das schien dieser eingefleischte Egoist dem andern nicht zu gönnen.

Magnus entriß dem Bruder den Brief, und seine bebende Hand barg ihn

uneröffnet in der Brusttasche — hatte er noch nicht den Mut dazu, das

Unselige hinzunehmen? Fürchtete er, sich nicht beherrschen zu können

und eine Scene hervorzurufen? Hinweg mit den schwarzen Schatten aus der

Festessonne ...

Abermals krampfte er all seine Willenskraft zusammen — später staunte

er darüber, wie er es fertig gebracht, das Lächeln auf sein Antlitz zu

bannen und seine Rolle als höfliche Gesellschaftspuppe weiterzuspielen,

während ihm der Brief mit der Todesnachricht auf der Brust brannte.

Endlich hob Frau Gisbert, die die Honneurs des Hauses machte, die Tafel

auf. Er riß den Brief auf — es war nicht die Todesnachricht — nur

begehrte die Sterbende ihn noch einmal zu sehen ...

Heimlich machte er sich auf — hielt auf der Straße eine

vorüberfahrende Droschke an und ließ sie nach Berlin hineinjagen, was

sie zu jagen vermochte.

* * * * *

Wohl eine Stunde hatte er in dem Dämmer der verhangenen Stube an dem

Krankenlager gesessen. Emmy hatte vorhin sein Kommen mit offenen, zum

Bewußtsein erwachten Augen begrüßt, jetzt hielt das Fieber wieder

ihre Sinne umschleiert. Ihre heiße, pochende Hand hatte in der seinen

geruht, ihre bebenden Lippen hatten sich bemüht, ihm ein paar Worte

zuzuflüstern, doch auch hierzu reichte die Kraft nicht mehr aus.

Anstatt der Worte schwoll in ihrem Auge eine Thräne und rollte langsam

über die von fliegender Glut gerötete Wange.

Sie weiß — es ist die Scheidestunde! — Sie hätte so gerne, ach

so gerne gelebt und geatmet in dem Sonnenschein seiner Liebe! Wenn

auch nur auf Monate, Wochen und Tage — solange das Schicksal ihr

den Sonnenschein gönnte. Aber nicht dem unsäglichen Weh dieser

Scheidestunde entquillt solche Thräne. Sie hatte in diesen Tagen

öfter nach dem Vater gefragt und bald verstand sie die ausweichenden

Antworten der Mutter, daß er vorhin, als sie schlief, dagewesen, daß

er dann und dann wiederkommen wollte; sie sah die Thränenspur auf den

verhärmten Wangen ihres Mütterleins — immer schwerer, immer schwüler

fühlte sie den Alp der väterlichen Ächtung auf sich lasten. Ihre

gestammelten Fieberworte gaben Zeugnis von dem Druck, unter dem ihre

Seele keuchte.

O, Magnus wußte jene Thräne sehr wohl zu deuten!

Während er dort brütend und vor sich niederstierend saß, begann ein

Trotz in ihm zu wachsen, grimmig und herausfordernd; er fühlte eine

zuckende Gier, aufzuspringen und die Lüge und Heuchelei zu zertrümmern,

unter der er ihre herrliche Liebe in seinem Kleinmut wie ein ungeheures

Verbrechen versteckt. Was für erbärmliche, feige Wichte sind wir doch,

wir von der sogenannten Gesellschaft, die wir das festgewurzelte Glück

unserer Herzen auf ein Gebot des sogenannten Herkommens herausreißen!

Ein gewaltiger Zorn gegen sich selbst ergriff ihn — wohlan, da nun

doch alles zusammenstürzt, so will er wenigstens Rache nehmen an dem

Phantom dieses Herkommens ...

Er stand auf und hatte mit Frau Köster eine Unterredung nebenan im

Salon, die diese brave Frau zuerst erschrecken machte, dann in einen

Thränenstrom ausbrechen ließ — er wehrte noch gerade, daß sie nicht

seine Hand, die sie umklammert hielt, an ihre Lippen drückte. Dann traf

er Anordnungen mit Schwester Jemima, und deren starre, schicksalsstumme

Augen schienen sich wie zu einem Erstaunen zu weiten, ein Affekt,

den sie sonst nicht kannte. Frau Gornemann aber, die ebenfalls um

ihren Beistand angegangen wurde, hatte Mühe, nicht mit einem Lachen

hell herauszuplatzen, trotz der Situation — und sie rauschte davon,

das Seidenhündchen zwischen ihren Rockfalten festhaltend, ganz außer

Fassung gesetzt über das Gehörte: zu welch entsetzlichen Verrücktheiten

die Liebe, die platonische zumal, einen jungen Mann hinreißen kann!

Totschießen und ins Wasser springen ist gar nichts dagegen!

Magnus machte sich eilig auf, denn es war keine Minute zu verlieren,

ehe der Tod sein Vorhaben zerschnitt. Er suchte einen früheren

Schulkameraden auf, der jetzt die Stelle eines Hilfspredigers an der

Neuen Kirche bekleidete.

»Gottlob, daß ich Dich treffe, Bruno!« rief er, in die stille

Studierstube des theologischen Strebers tretend.

»Was ist Dir, Magnus? Du bist so erregt —«

»Durchaus nicht! — ich komme, — um einen wichtigen Dienst von Dir zu

fordern!«

»Sehr gern — aber nimm doch Platz!«

»Es ist höchste Eile — bist Du bereit, mich zu verheiraten?«

»Sehr gern — aber ...«

Der junge Geistliche stutzte vor seinem eigenen schnell entschlossenen

Ja. Seine nüchterne Denkungsart hinderte nicht, daß die Erinnerung

von geheimen, auf einem Verbrechen basierenden oder auf ein solches

zielenden Heiraten ihn anflog.

»Kein aber! Entweder bist Du bereit oder nicht! Ich habe keine Zeit!

Meine Braut liegt im Sterben, und ich wünsche ...«

Hier versagte Magnus die Stimme.

Den Prediger erfaßte ein Mitleid — »Aber ich bitte Dich — was ist

denn geschehn? Setz’ Dich doch und erleichtere Dein Herz!«

»Ja oder nein! Halt’ mich nicht auf!« rief Magnus.

Aber er war dem Geistlichen, bevor dieser sich zu einer folgenschweren

Amtshandlung herbeiließ, doch wohl eine Erläuterung schuldig. Und er

erklärte in kurzen hastenden Worten die Lage.

Der Geistliche machte ein bedenkliches Gesicht — der Fall war ihm noch

nicht vorgekommen.

»Ich bitte Dich, ich beschwöre Dich, Bruno! Es muß sein! Sie soll nicht

mit dieser Schande belastet zu Grabe getragen werden! Der Makel soll

nicht an ihrem Namen haften über das Grab hinaus!«

Der Geistliche hatte in Magnus’ Elternhaus verkehrt, er ahnte die

Katastrophe und wagte darauf hinzuweisen.

Entrüstet wehrte Magnus. »Es ist alles gleichgültig! Eine Autorisation

meines Vaters sagst Du — ich bitte Dich — der Tod autorisiert mich!

— Du willst also nicht —?«

»Ich mache Dich darauf aufmerksam, daß diese improvisierte

Eheschließung meinerseits ja doch keine gesetzliche Gültigkeit haben

würde.«

Das klang mehr, als wollte der Prediger seine eigenen Zweifel damit

niederschlagen. Und ein anderer Zweifel fuhr darein: ob Magnus sich

wirklich zu dieser phantastisch zu nennenden Extravaganz entschlossen

haben würde, wenn der Tod nicht endgültig seine Autorisation gegeben.

Doch der Beruf des Seelenretters erwachte in ihm, und er redete sich

ein, daß er sich dieser an ihn herantretenden Pflicht nicht entziehen

dürfte.

Gut, er wollte in einer Stunde zur Stelle sein, unter dem Vorbehalt,

daß »später« die nötige Formalität nachgeholt würde.

Magnus eilte zum Juwelier und erstand die Trauringe. Dann hetzte er

nach der Treskowstraße, fand Herrn Köster aber erst am zweiten Orte.

Der Mann geriet außer sich vor Überraschung. Gleich aber war der alte

unausrottbare Dünkel wieder da:

»Ich habe das auch nicht anders von Ihnen erwartet, Herr Joël!« rief

er, diesen mit seinen fanatischen Augen anblitzend. —

Eine Stunde darauf fand die seltsame und in ihrer Seltsamkeit so

ergreifende Feierlichkeit statt.

Schwester Jemima hatte einen Altar mit einem Kruzifix und einigen

brennenden Kandelabern gerüstet. Dies konnte an eine andere — später

vorzunehmende noch viel ernstere Feier, die dieser ersten folgen würde,

gemahnen.

Als Trau-Zeugen waren zugegen die Eltern, Schwester Jemima und die

Wirtin. Die Amtshandlung des Predigers fand in einem vorsichtigen

Flüsterton statt, den die Stille des Sterbezimmers gebot — einige

kurze einleitende Worte — einige inbrünstig hingehauchte Gebete, die

der gewaltigen Tragik der Stunde entsprachen. Seine Stimme bebte —

auch ihn meisterte die Rührung.

Die Braut schien nicht bei Bewußtsein zu sein — ein paarmal ging ein

Aufhorchen über ihre Züge — die Wirklichkeit mochte sich ihr in einem

Traume verdämmern.

Nun richtete der Prediger die rituellen Fragen an sie: — ob sie

gewillt sei, dem Geliebten auf Tod und Leben die Hand zu reichen.

Da zuckte ein so seltsam ungläubiges Lächeln um ihre vom Fieberodem

geöffneten Lippen — langsam hob sie die Wimpern und starrte den Frager

ungläubig angstvoll an: was will man denn? — was kommt man denn, mir

solch ein Trugbild vorzugaukeln in dieser Stunde? — warum läßt man

mich denn nicht in Ruhe sterben?

Nun fühlte sie, wie etwas Kaltes, Metallisches sich über einen Finger

ihrer rechten Hand streifte. Dann wurde diese Hand von einer andern

ergriffen, und sie fühlte wieder etwas Heißes darauf glühen — den

Brand von leidenschaftlichen Küssen, die zwei Lippen darauf preßten.

Magnus war in die Kniee niedergestürzt, ihre Hand, die den Trauring

trug, wie verzweifelt umklammernd.

Der Prediger hielt seine beiden Arme segnend über dem Paare

ausgebreitet, und seine bebende Stimme flüsterte: »Der Herr segne Euch

und behüte Euch — der Herr hebe sein Angesicht auf Euch —«

Da ward sein Flüstern durch Magnus’ hervorbrechendes Schluchzen

unterbrochen: — »Nein, Du darfst nicht! Du darfst nicht gehen — mein

Weib! — mein liebes, liebes Weib ...«

Aus Mitleid · 第 12 / 56 题