Chlotilde von Schwartzkoppen

in aufrichtiger und herzlicher Verehrung

zugeeignet

vom

=Verfasser=

Alexander Baron v. Roberts.

Der Autor des vorliegenden Buches ist einer der berühmtesten modernen

deutschen Dichter. Das beweist aber nicht viel. Wir haben momentan

in der Litteratur viele Berühmtheiten, um die sich kein Mensch

kümmert, und zwar mit Recht. Wir haben sogar einige berühmte und große

Schriftsteller, denen das Publikum die gebührende Aufmerksamkeit leider

nicht entgegenbringt. In diesem Satze liegt ein Widerspruch und doch

eine traurige Wahrheit. Die alles öffentliche Interesse aufsaugende

Politik, die von Jahr zu Jahr schwerer werdenden Daseinsbedingungen,

und — das schöne gute Bier leiden es nicht, daß man die Werke

bedeutender Autoren kauft und liest oder — lassen wir das Kaufen weg,

ich spreche da im Sinne der Majorität — nur liest. Ja, wenn unsere

Größen alle neue Theaterstücke schrieben, das wäre was anderes! Da

brauchten sie sich nicht einmal allzusehr anzustrengen, flache und

witzelnde Arbeiten thäten auch ihren Dienst. Alle Zeitungen schreiben

darüber ausführlich, und das gesamte Publikum sieht sich die Stücke

an. Der Autor eines aufgeführten, selbst schlechten Stückes erregt

heutzutage in weit höherem Grade die Beachtung der Öffentlichkeit als

der Dichter eines genialen Epos oder eines ausgezeichneten Romans.

Unter solchen Mißständen haben künstlerische Kräfte wie z. B. Alexander

Baron von Roberts schwer zu leiden. Er hat große Erfolge geerntet,

sonst wäre er nicht berühmt geworden, und doch ist es nur in der

deutschen Nation möglich, daß ein Autor eher berühmt als allgemein

gekannt wird. Und so kann sich auch Alexander Baron von Roberts

beklagen, daß sein Name eine Berühmtheit erlangt hat, während seine

Werke wohl das feinste, aber kein allzugroßes Publikum gefunden haben.

Aber ein Autor, der die Anwartschaft hat, auch von den nächsten

Generationen gelesen zu werden, kann ruhig die Stunde erwarten, wo

ihm das Volk jene Stelle in der Litteratur zuweist, die ihm die

Litteraturkundigen bereits längst zuerkannt haben.

Roberts ist kein gewöhnlicher Unterhaltungsschriftsteller, dem es nur

darum zu thun ist, den Leser zu spannen und ihn über ein Stündchen

hinwegzutäuschen. Er hat uns stets etwas zu ~sagen~, er fällt stets

Verdikte in künstlerischer Form, ein hochstehender Seelenarzt fühlt er

seiner Zeit den Puls und bringt das Ringen und Gären der Gegenwart zu

Protokoll. Sein Schaffen gleicht keiner farbigen Luftspiegelung, keiner

gleißenden Fata Morgana, er ist kein Träumer, der, verzückte Seufzer

ausstoßend, nach der blauen Blume sucht und über den ersten Wegstein

stolpert, nein, er ist der Mann der Wirklichkeit, ein Künstler, der die

Materie des Lebens zu wundersamen Gebilden modelt und ihnen mit dem

blendenden Glanze seiner Weltanschauung ein höheres Leben verleiht.

Die Vorzüge besonders französischer Schriftsteller, welche sich viele

deutsche Dichter in sklavischer Nachahmung zu eigen machen suchen,

haben sich von Natur aus mit seinem deutschen Wesen amalgamiert: er

ist Luxemburger, das moussierende Element des Rheinländers hat sich

in ihm mit französischem Chic, mit Pariser pikanter Grazie vereinigt.

Aber das ist es nicht allein, was Alexander von Roberts zu einer so

interessanten Erscheinung stempelt. Sein Wesen besteht eigentlich aus

einer Reihe einander sich widersprechender Eigenschaften, die in ihrer

Gesamtheit den reizvollen Anschein spröder Koketterie, ironischen

Tiefsinns und nervös zuckenden Wahrheitsdranges haben. Er ist auf der

einen Seite von entzückender Einfachheit, Schalkheit und Gemütlichkeit.

Man lese nur seine kleinen Skizzen, z. B. »Aus der Chronik unseres

Glückes« und »Es«. Wie anschaulich, wie echt deutsch schildert er

das Leid und Glück der Ehe, die Zärtlichkeiten und Zerwürfnisse

der Liebe. Er entfaltet sich da als ein Meister der Kleinkunst der

Alltäglichkeit. Und neben dieser sympathischen Seite seines Naturells

findet man bei ihm, dem Menschenkenner =par excellence=, eine besondere

Vorliebe, Tiere und unbelebte Wesen in den Vordergrund der Handlung

zu stellen. Der Schreiber dieser Zeilen hat ihn deshalb bei anderer

Gelegenheit den »Andersen der Wirklichkeit« genannt und dargethan,

welch Unterschied trotzdem zwischen dem romantischen Märchenerzähler

und dem realistischen Romancier besteht. Diese Vorliebe giebt Roberts’

Arbeiten oft etwas Fatalistisch-Satirisches, welches ihm gar nicht so

übel zu Gesichte steht. Den großartigsten und im direktesten Gegensatz

zu seinem gemütsvoll-familiären Zug stehenden Ausdruck findet diese

Vorliebe in »Lou«, einer der exotisch-bizarrsten Erzählungen der

modernen Litteratur. Ein Hund und ein Mohrenknabe sind die Helden

der Handlung. Aber welche kühne, weltweite Satire gehört dazu, das

berauschende, große, glänzende, lasterhafte Paris zum Hintergrunde der

Geschichte zweier höchst gleichgiltigen Geschöpfe zu machen und hinter

dem grinsenden Schädel eines Mohrenknaben alle Schönheit der Welt zu

entfalten und aus dem brausenden Gewühl einer Weltstadt das heisere

Gebell eines Köters heraushören zu lassen! Wahrhaftig, die hohnlachende

Genialität eines Hogarth könnte sich keinen besseren Stoff wählen. Ein

Seitenstück zu »Lou« ist die »Pensionärin«, aber stiller, sinniger sich

gebend. War es im »Lou« ein Hund, so ist es hier eine »Schildkröte«,

um die sich die Handlung der Geschichte gruppiert. Man darf die

Schöpferkraft unseres Autors nicht allein nach seinen kleinen Skizzen,

die ungefähr fünf Bände füllen, beurteilen. Aus seinen Novellen lernt

man ihn bald als gemütsvollen, bald als bizarren Dichter kennen und

lieben, der den unbeseelten Dingen eine poetische Seite abzugewinnen

weiß, der das Leben im kleinen mit großer Kunst schildert und besonders

aus seiner militärischen Wirksamkeit die schönsten, lustigsten und

ergreifendsten Stücklein zu erzählen versteht. Sein Talent entfaltet

aber seine Schwingen am mächtigsten, wenn es heißt, ein großes

Zeitgemälde zu entrollen und einer bedeutsamen sozialen Idee eine in

allen philosophischen und dichterischen Farben schillernde Fassung zu

geben. Seine Romane gehören zu den unbestrittensten Meisterwerken der

modernen deutschen Litteratur, und sein den höchsten Zielen zugewandtes

Streben überflügelt den weitaus größten Teil der deutschen Autoren,

welche ebenfalls auf dem Gebiete des Romans sich bethätigen.

Im engen Rahmen dieser Skizze ist es mir unmöglich,

auseinanderzusetzen, weshalb die Deutschen wohl Novellen besitzen,

die zu dem festen Bestande der Weltlitteratur zählen, aber in Bezug

auf Romane hinter anderen Völkern, z. B. den Engländern, Russen

und Franzosen, zurückgeblieben sind. Diese Thatsache ist weniger

auf den Mangel an dichterischen Kräften, als auf politische,

kulturelle und soziale Gründe zurückzuführen. Roberts’ blitzende

Beobachtungsgabe, sein plastisches Schilderungstalent, seine eminente

Welt- und Menschenkenntnis und vor allem die vollste Beherrschung der

Bedingungen und Gesetze, unter denen das komplizierte Gebäude eines

Romans errichtet werden kann, prädestinieren ihn geradezu, ~den~

modernen Roman zu schaffen, d. h. den Roman, welcher der Nachwelt als

getreuestes Spiegelbild unserer Zeit, unserer Sitten, Anschauungen,

Fehler und Vorzüge gelten soll. Man mag den Novellisten Roberts

liebenswert finden, als Romancier verdient er unsere Bewunderung. Jeder

seiner Romane steht unter dem Zeichen einer mächtigen Idee, und sein

Roman-Cyklus »Moderner Götzendienst« sucht wahrhaftig seinesgleichen.[A]

In der »Schönen Helena« führt er uns den unüberbrückbaren Gegensatz

des süd- und norddeutschen Wesens auf Grund eines tragischen

Einzelfalles vor. Eine Köchin und ein Sergeant sind die Volkstypen,

die er mit unwiderruflicher Echtheit und Unerbittlichkeit zeichnet;

und wohl keinem ist es gelungen, auf das öde Kasernenleben einen

solchen Lichtstrom von Poesie zu lenken, wie ihm. In seinem »Modernen

Götzendienst«, von dem mir einige Bände vorliegen, zeigt sich Roberts

als ernster, gewichtiger Sittenrichter. Wenn er uns in »Preisgekrönt«

den lähmenden, unterjochenden Bann physischer Schönheit schildert,

so ergreift er uns da nicht minder wie in dem prächtigen Buche: »Um

den Namen«. Die Titelsucht, die blinde, urteilslose Ehrfurcht der

Menschen vor veralteten Vorurteilen geißelt er bis aufs Blut; und wenn

er sich auch bisweilen zu Excentricitäten und Unwahrscheinlichkeiten

hinreißen läßt, so wollen wir ihm dies angesichts des Eifers, mit

dem er seine Aufgabe erfaßt, nicht besonders anrechnen. Für sein

bisher bedeutendstes Buch halte ich die »Revanche«. Hier feiert

die realistisch-lebendige Kunst des Autors ziel- und zweckbewußte,

wahre Triumphe. Der abenteuerlich sich äußernde, oft zu wahnsinniger

Wut gesteigerte Revanche-Gedanke der Franzosen erfüllt unheimlich,

beklemmend das ganze Buch. Nicht nur ein großer dichterischer, sondern

auch ein bleibender kultureller Wert wohnt ihm inne. Und wie in allen

seinen Dichtungen, so auch hier: keine träumerische Stimmung, kein

romantisches Helldunkel, auch kein sonnenloses, trübseliges =plein

air=, sondern vollste, grelle, greifbare, wie in elektrisches Licht

getauchte Wirklichkeit; wie in allen seinen Schöpfungen so auch hier

die plastische Gegenständlichkeit des Ausdruckes, die unmittelbare

Frische, die scharfe Leuchtkraft der Sprache.

Alexander von Roberts ist seit wenigen Jahren nach Berlin

übergesiedelt. Er befindet sich auf der Höhe seiner dichterischen

Schaffenslust. Die Eindrücke, mit denen Berlin auf jedermann einstürmt,

werden sich auch in ihm in reiche, dichterische Leistungen umsetzen.

Er zählt zu den wenigen festen Stützen der modernen deutschen

Litteratur, ihm ist es vom Schicksal vergönnt, belebend auf unser

Schrifttum einzuwirken. Seit jeher gehört es zu den Eigenschaften der

deutschen Kritik, gerade an unseren besten Dichtern herumzunörgeln

und herumzumäkeln; ich glaube, die wahre Kritik hat eine höhere und

bessere Aufgabe. Sie sei unerbittlich gegen die Dilettanten, aber die

beste, treueste Freundin bedeutender Autoren. Unermüdlich soll sie die

Aufmerksamkeit des Publikums auf diese hinlenken, unermüdlich für die

Verbreitung ihrer Schriften thätig sein. Und so gereichte es auch uns

zur freudigen Aufgabe, wieder einmal der Lesewelt das Wirken eines

unserer hervorragendsten Dichter näher geführt zu haben.

Ernst Wechsler.

[A] Eine Art Einleitung zu diesem Roman-Cyklus bildet eine

der wirkungsvollsten Novellen unseres Autors, die er »Satisfaktion«

betitelte. Den die Duellfrage behandelnden Stoff hat Roberts

dramatisiert, und sein dramatischer Erstlingsversuch ging vor

kurzem über die Bühne des Berliner »Lessing-Theaters«. Er erzielte

auf das Publikum einen bedeutenden, tiefgehenden Erfolg, und der

Übertritt Roberts von der Novelle und dem Roman zum Theater hätte

sich somit glücklich und vielversprechend vollzogen. Und doch kann

ich meinerseits ein leises Bedauern über diese Metamorphose nicht

unterdrücken. Als Novellist und Romancier ist Roberts unbestritten

eine Größe ersten Ranges. Ob er sich diese Bedeutung auch unter

den modernen Bühnenschriftstellern erringen wird? Wer weiß es! Ich

glaube, seine Begabung ist eine so ernste und mächtige, daß sie ihn

möglicherweise hindern wird, mit unseren heutigen Bühnen-Spaßmachern

und den Nachäffern Ibsens zu rivalisieren.

Aus Mitleid · 第 11 / 56 题