er im Meßbuch vor sich hatte. Mit kraftvoller Stimme sprach er die
einleitenden Worte der Schrift: „Und Jesus sprach zu Petrus: Simon
Jona, liebst du mich mehr, denn mich diese lieben? Petrus antwortete:
Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Sprach er zu ihm: Weide
meine Lämmer!“
Es war kein Zufall, daß der Bischof grade diesen Text gewählt hatte,
über den Ernst Hallin vor zwei Monaten seine Probepredigt gehalten
hatte. Im Gegenteil -- schon damals war dem Bischof der Gedanke
gekommen, gerade diesen Text zu wählen, der sich so gut eignete für die
jungen Leute, die das schwere Amt eines Geistlichen antreten wollten.
Er wollte über diesen Text sprechen, daß er zu einem ernsten Wort der
Erweckung, aber auch zu einem Wort der Milde und Versöhnung ward, einem
Wort, das die Schwachen tröstete und die Widersetzlichen beruhigte.
Denn welchem wenig gegeben ist, von dem soll man nicht viel fordern.
Und der Herr fordert heutzutage weit weniger von seinen Dienern, als er
dereinst von Petrus forderte.
Ernst Hallin hatte den ganzen Tag über in sich eine Ruhe gefühlt, die
ihn fast froh machte. Denn er hatte diese Ruhe, die ihm so wohltat, als
Zeichen angesehen, daß der innere Friede, auf den er geharrt, um den
er gebetet hatte, ihm endlich zuteil geworden war. Als er sich in der
Sakristei in das weiße Meßgewand kleidete, war ihm, als lege er damit
alles weltliche Wesen, alle aufrührerischen Gedanken ab und kleide sich
in die reine Rüstung, die ihn zu einem wahren Streiter des Herrn machen
sollte.
Aber als diese Textworte ihm entgegenklangen, kehrten alle seine alten
Gedanken zurück. Die Erinnerung an den Tag, an dem er Eva Baumann
gebeichtet hatte, erwachte mit doppelter Stärke in ihm; und wieder
hörte er ihre Worte: „Es ist eine Feigheit, die Sie begehen wollen...“
Die Worte des Bischofs klangen leer an seinem Ohr vorüber. Er stand
wie in einem Nebel, durch den die Laute nur dumpf hindurchklangen,
durch den er die ganze Umgebung nur in unbestimmten Umrissen erblickte.
Er wußte kaum, träumte er oder wachte er. Er war wie in einer
Halluzination -- sein ganzer Körper glühte im Fieber.
Seine Augen schweiften durch den Chor; die Sonne fiel durch die
gemalten Fenster und bildete einen bunten Strahlenweg über dem Haupt
des Erlösers, der mit dem Kelch in der Hand auf dem Altar stand, bis
hinab auf den Fußboden. Die Strahlen funkelten auf den Goldstickereien
am Ornat des Bischofs; der Stab, der in der Ecke lehnte, glitzerte und
blinkte wie ein strahlenvoller, wärmender Quell des Lichts.
Es war seine Kirche, seine alte Kirche; und er dachte der
Frühlingsabende, an denen er hier gestanden und gesehen hatte, wie die
Sonne durch die gemalten Glasscheiben über Pfeiler und Fußboden flutete.
Der Bischof redete weiter; die Leute, die sich um den Chor drängten,
warfen neugierige Blicke auf die vier jungen Männer, die im Halbkreis
vor dem Altar standen.
Ernst hörte die Worte des Bischofs gar nicht mehr. Er stand wieder
als Knabe in seiner alten Kirche, an eine Bank unter der Empore
gelehnt, und träumte wundersame Träume, während sich sein Blick auf das
Spitzgewölbe heftete, das sich gleich betenden Riesenhänden nach dem
lebendigen Gott emporstreckte. Die Menschenmenge war fort. Die Kirche
war leer. Nur des klaren Himmels Sonnenstrahlen spielten durch die
Fenster.
Sie glitten an den grauen Wänden entlang, schmiegten sich weich und
bunt um die mächtigen Pfeiler und lagen in schimmernder Ruhe auf den
verwitterten Grabsteinen des Fußbodens. Ein Zittern war in ihrem Spiel,
als arbeiteten sie, und es war, als schwankten die Steine, wo ihr
strahlender Weg sich Bahn brach.
Aber droben unter der hohen Wölbung ruhte die Dämmerung. Es war, als
wage kein Sonnenstrahl das heilige, tausendjährige Dunkel zu stören.
Ernst schaute und schaute. Er wußte nicht, was er dachte, wußte
nicht, was er wollte. Er sah bloß den mächtigen Dom, der sich um ihn
wölbte und badete in einem Meer von regenbogenfarbig schimmernden
Sonnenstrahlen.
Da war ihm plötzlich, als bräche ein ganzes Bündel Sonnenstrahlen sich
einen Weg durch die oberste Wölbung. Er wußte gleich, daß das nur eine
Phantasie war. Aber die Phantasie war so mächtig in ihm, daß er es sah
wie etwas Wirkliches. Die Strahlen funkelten durch das tausendjährige
Dunkel, funkelten in einem Glanz, der das dunkle Gewölbe droben mit
tausendfach stärkerem Licht erleuchtete als die ganze übrige Kirche.
Dann ward der Glanz matter, bis er nur noch war wie alles Sonnenlicht
in der Kirche, und Ernst sah jetzt deutlich, daß die Decke droben
geborsten war und das klare Tageslicht durch die dämmerige Wölbung der
Domkirche hereinleuchtete.
Und während er sich über das, was er erblickte, wunderte, sah er,
wie der Spalt sich weitete und das Licht droben breiter ward. Und
doch erschrak er nicht. Er fürchtete auch nicht, daß herabstürzende
Steine ihn zerschmettern könnten. Denn sie fielen gar nicht herab, sie
schmolzen nur gleichsam hinweg, Stück für Stück, vor der siegenden
Kraft der Sonne. Er fühlte sich so ruhig und froh; ihm war, als habe er
bisher gar nicht gewußt, was es heißt, zu atmen!
Durch einen seltsamen Gedankensprung dachte er plötzlich, was wohl der
Bischof sagen würde, wenn er sähe, daß seine Kirche zerstört war. Denn
niemand konnte ja mehr darin sein, wenn das Dach weg war und der Regen
jederzeit eindringen und das Heiligtum im Wasser ertränken konnte.
Aber er sollte nicht erfahren, was der Bischof dazu sagen würde.
Er vernahm ein Getöse, als wäre die Erde geborsten, und als er sich
umschaute, waren die Wände fort, der Altar mit dem Christusbild und
dem Abendmahlskelch versank vor ihm, zu seinen Füßen sproßten Blumen
und Gras, als ob nie Steinplatten dagewesen wären, um sein Gesicht
spielten frische Lüfte und über sich hörte er den Gesang der spielenden
Sonnenstrahlen:
„Es ist vollbracht. Die Arbeit von Jahrtausenden ist vollbracht. Das
Leben zieht ein und erobert die Welt. Die Sonne hat gesiegt.“
Er seufzte tief auf und ward plötzlich aus seinen Gedanken durch einen
Puff in die Seite aufgerüttelt.
Es war Simonson, der mit undurchdringlich ernster Miene ihn darauf
aufmerksam machte, daß jetzt der Notar vortrat, um die Glaubensartikel
vorzusprechen.
Ernst Hallin wiederholte die Worte, wie sie ihm in den Mund gelegt
wurden.
„Ich glaube an Gott Vater den Allmächtigen...“
„Ich glaube an Jesum Christum...“
„Ich glaube an den Heiligen Geist...“
Er war blaß vor Gemütsbewegung; kalter Schweiß bedeckte seine Stirn.
„Die Sonne hat gesiegt!“ klang es in ihm. Was waren das für sonderbare
Gedanken, die manchmal in ihm erwachten und ihn nicht einmal jetzt in
Ruhe ließen! Was waren das für Gedanken?
Mit schwacher Stimme und niedergeschlagenen Augen beantwortete er
des Bischofs Fragen; und als das Gelübde abgelegt werden mußte, das
entsetzliche Gelübde, vor dem er sich so lang gefürchtet hatte, sprach
er es ganz gedankenlos, ohne daß die Worte ihm einen tieferen Eindruck
machten als jede beliebigen andern Worte:
„Ich, Ernst Hallin schwöre bei Gott und seinem heiligen Evangelium, zu
dessen Verkündigung ich hiermit berufen und ausersehen werde, daß ich
stets bei der reinen evangelischen Lehre verbleiben will, so wie sie
im Worte Gottes, den heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments
offenbart und durch das Augsburgische Glaubensbekenntnis und den
Beschluß des Konzils zu Upsala im Jahre 1593 angenommen und verkündigt
worden ist, also daß ich dawiderstreitende Lehren weder offenbarlich
verkünden noch heimlich fördern will.“
Klar bewußt, was eigentlich vor sich ging, ward er sich erst, als der
Bischof nach Ablegung des Gelübdes mit starker und gebieterischer
Stimme die Worte sprach:
„Kraft der Vollmacht, die mir aus Gottes Gnaden von seiner Gemeinde
anvertraut ist, erteile ich euch hiermit das Predigeramt, im Namen
Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“
Als diese Worte gesprochen waren, wandte Ernst Hallin sich hastig
um und blickte über die Kirche hin. Er hatte das Bedürfnis,
hinaufzuschauen in das Gewölbe, um mit eigenen Augen zu sehen, daß da
oben noch immer Dunkel lag. Als er sich davon überzeugt hatte, daß
alles war wie zuvor, fühlte er sich etwas ruhiger. Zugleich aber hatte
er das Gefühl, daß seine alte Kirche ihn gerichtet hatte.
Und mechanisch beugte er die Knie, während die Töne der Orgel über sein
Haupt hinbrausten. Das gestickte Meßgewand, das neben ihm lag, ward ihm
über die Schultern gehängt, eine Hand legte sich auf sein Haupt und er
vernahm die Stimme des Bischofs, die das Vaterunser sprach.
Eine Weile darauf schritten der Bischof und die Hilfsgeistlichen in
die Sakristei zurück, gefolgt von den vier jungen Männern, auf deren
Schultern zum erstenmal die silbergestickten Meßgewänder hingen.
Unter denen, die zuvorderst standen, war Gustaf Hallin. Mit gespannter
Aufmerksamkeit war er der Zeremonie gefolgt. Das Ganze hatte ihm einen
fast unheimlichen Eindruck gemacht; so oft es ihm möglich war, hatte er
des Bruders Gesicht beobachtet. Zuerst, als er hereinkam, in das weiße
Meßhemd gekleidet, glattrasiert, blaß, verlegen unter all den Blicken,
die auf ihn gerichtet waren. Dann als er sich umwandte und an die Decke
hinaufblickte. Schließlich, als er in vollem priesterlichem Ornat mit
seinen Amtsbrüdern wieder hinausging.
Gustaf kannte seinen Bruder nicht, kannte keinen einzigen von den
Gedanken, die Ernst beschäftigten; dennoch verurteilte er ihn mit der
ganzen Raschheit der Jugend, als wäre er Schritt für Schritt mit ihm
gegangen. Sein Instinkt sagte ihm, daß etwas hier nicht stimmte; und
ihm war, als habe er dem Bruder für immer Lebewohl gesagt.
Sein gewöhnlich so sorgloses Gesicht hatte einen schmerzlichen
Ausdruck. Die Nasenflügel bebten, und nur mit Mühe vermochte er die
Tränen zurückzuhalten.
Als alles aus war, bahnte er sich hastig einen Weg durch die Menge
und ging schnurstracks nach Hause, ohne irgendeinen von den vielen
Bekannten zu begrüßen, die er unter den Zuschauern sah.
Draußen schien die Sonne, vom Turm klangen fröhlich die Glocken zum
Zeichen, daß die Feier zu Ende war, und Scharen von Menschen strömten
auf den Platz mit den Ulmen heraus. Sie plauderten heiter miteinander;
alle hatten es sehr eilig. Es hatte heute lang gedauert, und Punkt 2
Uhr wartete daheim das Mittagessen.
Gustaf ging, ohne nach rechts oder links zu blicken, nach Hause und
hinauf in sein Zimmer. Es war eine kleine Dachstube, kaum größer als
ein Kämmerchen, das nur Platz hatte für ein Bett, eine Kommode, einen
Tisch, einen Bücherständer und zwei Stühle. Das Waschbecken stand auf
einem Stuhl hinter der Tür.
Es war ein kleines Zimmerchen, aber es war +ein+ Zimmer, und er
wußte, hier war er ungestört. Nachdenklich setzte er sich ans Fenster
und sah auf den kleinen Garten hinunter, der grade unter seinem Fenster
lag.
Es war ihm so seltsam zumut -- so einsam. Es war das erste Mal, daß
er jemand von den Seinen im Verdacht hatte, eine schlechte Handlung
begangen zu haben, eine jener häßlichen Handlungen, die dem ganzen
Leben ihr Brandmal aufdrücken. In ihm selbst brannte und schmerzte es
von all der Empfindlichkeit und Unversöhnlichkeit der Jugend. Und in
die Gedanken an den Bruder mischten sich unruhige Gedanken an sein
eigenes Leben, das ihn dereinst auch auf einen Weg führen würde, von
dem er nicht mehr zurück konnte.
So saß er, bis er zum Essen gerufen wurde.
Eine feierliche Stimmung lag über der ganzen Familie. Der Gedanke, daß
Ernst nun bald wegreisen würde, mischte sich mit den Eindrücken der
Ordination. Niemand redete viel. Alle waren in ihre eigenen stillen
Gedanken versunken. Und in allen war eine Bewegtheit, die keins auf
andere Art hätte ausdrücken können, als durch Tränen, Freudentränen
bei den einen, bei den andern Tränen ganz anderer Art. Aber Tränen
paßten nicht zu diesem festlichen Tag. Darum schwieg man, um sie nicht
hervorzurufen.
Ruhig und still verging der Nachmittag. Jedes war in seiner Weise vom
Tag erschüttert; so war es natürlich, daß man jetzt ruhte.
Ernst quälte es nur, daß er der Mutter nichts zu sagen wußte. Er sah,
wie ihre Augen ihm folgten, wie sie sich hie und da abwandte, um die
Tränen zu verbergen, die sie allein nicht zurückzuhalten vermochte.
Er wußte, sie erlebte heute den Tag, zu dem ihr ganzes Leben nur eine
Vorbereitung gewesen war, den Tag, für den sie gelebt hatte, seit er
überhaupt geboren war. Aber er fand kein Wort für sie. Und damit dieser
Tag ihr doch nicht zum Schmerz werden möchte statt der Freude, bezwang
er sich, ging zu ihr hin, schlang den Arm um ihren Hals, beugte sich zu
ihr nieder und küßte sie auf die Stirn.
Sie drückte ihm dankbar die Hand. Den ganzen Nachmittag hatte sie sich
über des Sohnes Schweigsamkeit und Verschlossenheit gewundert. Sie
fand, der Tag war so ganz anders, als sie sich ihn oft vorgestellt
hatte, so alltäglich, so trocken.
Aber jetzt war alles wieder gut. Alles Große, was sie sich von diesem
Tag erträumt hatte, war zu dieser einzigen kleinen unbedeutenden
Handlung zusammengeschrumpft. Und dennoch war sie zufrieden und sagte
sich, es wäre alles so, wie es sein sollte. Sie wußte ja, hätte der
Sohn sie nicht mit gutem Gewissen küssen können, so hätte er es nicht
getan. Und herzlich nickte sie ihrem Mann zu, der ihr gegenüber im
Schaukelstuhl saß, und dankte in ihrem Herzen Gott, daß er ihr Kind
behütet hatte. Freilich war sie ein bißchen traurig, als Ernst später
am Nachmittag sagte, er wolle eine Weile ausgehen, um mit seinen
Gedanken allein zu sein; aber sie ließ sich nichts anmerken und ließ
ihn ohne eine Frage gehen.
Noch einmal wollte er seinen alten Abendspaziergang um die Domkirche
machen.
Zwei Tage darauf reiste Pastor Hallin ab, sein Amt in Sollösa
anzutreten.
Zwanzigstes Kapitel
Ein Jahr verging. Ein Jahr mit Geburten und Todesfällen, Hochzeiten
und Begräbnissen, Freud und Leid, Arbeit, Kirchgang und Einladungen
ging still über Stadt und Stift Gammelby hin. Und wie alle Jahre
veränderte es in seinem Lauf Menschen und Verhältnisse, trug zu der
steten Umbildung der Charaktere und Gemüter bei, die nie aufhört, eh
der Tod dem Spiel der Leidenschaften seine Grenze setzt, formte Sitten,
Gebräuche und Verhältnisse um, in seiner unmerklichen Weise, die wir
Menschen immer erst sehen, wenn es geschehen ist.
Professor Hallin und seine Frau haben keinerlei merkliche Wandlung
durchgemacht. Aber in ihrem Haus hat es eine ziemlich große Veränderung
gegeben. Gabrielle hat sich wieder verlobt, und es heißt, der Professor
sei mit dem zweiten Bräutigam noch weniger zufrieden als mit dem
ersten, ja er wünsche sich manchmal den Leutnant geradezu zurück.
Der neue Bräutigam ist Pastor Simonson.
Pastor Simonson hatte nämlich gemerkt, daß er für seine Karriere
in Gammelby einer kräftigeren Stütze bedurfte, als eine einfache
Hilfslehrerstelle an der Schule, und ab und zu die Erlaubnis, gratis in
der Domkirche zu predigen. Die Stelle eines Domkirchenverwalters war
zu besetzen, und er wußte, er würde seine älteren Mitbewerber leichter
aus dem Feld schlagen, wenn er zu der persönlichen Gewogenheit des
Bischofs noch das Gewicht persönlicher zarter Bande in die Wagschale
legen konnte, die ihn unwiderruflich mit der Stadt und ihren Interessen
verknüpften.
Gewiß war Gabrielle keineswegs die Gattin, die er sich als Hüterin des
häuslichen Herdes in einem ernsten priesterlichen Heim geträumt hatte.
Aber da sie in anderer Hinsicht den Forderungen, die er an eine Frau
stellte, entsprach, und da sie vor allem -- dank der zurückgegangenen
Verlobung -- aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war, so hielt er
um sie an, und war nicht im geringsten überrascht, daß er das Jawort
erhielt.
Fräulein Gabrielle ihrerseits betrachtete im Anfang den neuen Bräutigam
mit ein bißchen sonderbaren Blicken, als wolle sie Vergleiche ziehen.
Aber nach und nach gewöhnte sie sich an ihn; und außerdem waren sie und
ihre Mutter aufrichtig froh, daß sie wieder verlobt war. Denn was gibt
es Schlimmeres für ein junges Mädchen, als wenn die ganze Welt weiß,
daß sie einmal verlobt gewesen ist, ohne daß die Verlobung zu etwas
geführt hat?
Frau Hallin verlor nach diesem Ereignis ihr Interesse für Pastor
Simonson. Sie schrieb ihrem Sohn, der Pastor habe sich sehr verändert,
sei verweltlicht, und es sei unbegreiflich, daß der Bischof eine solche
Persönlichkeit begünstige.
Bei Adjunkts waren die Veränderungen größer und einschneidender.
Der Adjunkt selbst unterrichtete nach wie vor in seinen Klassen,
arbeitete und sparte, quälte sich mit unaufhörlichen Sorgen ums Geld,
das nie reichen wollte, und hatte seine Anfälle von schlechter Laune,
die regelmäßig zusammen mit der Geldnot auftraten.
Frau Hallin war gealtert in diesem Jahr. Ihr Gesicht zeigte mehr
Runzeln und der Mund noch ausgeprägter als zuvor den eingegrabenen
Ausdruck von Wachsamkeit, den Frauen leicht haben, wenn sie fast immer
mit dem Gedanken beschäftigt sind, an den Ausgaben zu sparen, damit des
Mannes kleines Einkommen für den Haushalt ausreicht.
Trotzdem hatte das sie nicht alt gemacht. Alt war sie geworden, weil
sie immer mehr fühlte, wie ihre Kinder sich von ihr loslösten.
Nach der Ordination hatte sie einen Auftritt mit ihrer Tochter gehabt.
Selma kam eines Abends bleich und erregt herein. Ihre große, kräftige
Gestalt zitterte, und sie drehte krampfhaft das Taschentuch zwischen
den Fingern, um nicht in Tränen auszubrechen.
„Ich habe mir eine Stellung in Stockholm gesucht und sie bekommen“,
sagte sie.
Frau Hallin war so niedergeschmettert und so böse, daß sie erst gar
nichts zu sagen wagte. Sie fühlte, sie konnte nicht sprechen, ohne sich
zu vergessen. Sie beugte sich nur tiefer über ihren Nähtisch, als beuge
sie ihren Rücken unter einem Schlag.
„So“, sagte sie einsilbig.
„Ich konnte nicht anders!“ sagte die Tochter.
„Du konntest nicht anders?“
Frau Hallin sah wieder auf.
„Du hättest wenigstens so viel Vertrauen zu deinen Eltern haben können,
daß du nicht hinter ihrem Rücken gehandelt hättest.“
„Ihr hättet es nicht zugelassen.“
Hastig und hart kam das heraus. Beide schwiegen eine Weile. Die Mutter
konnte nichts antworten. Sie wußte, daß die Tochter recht hatte. Aber
der Zorn gärte in ihr und in den Zorn mischte sich das Bewußtsein,
besiegt zu sein.
„Ich konnte nicht anders!“ wiederholte Selma.
Und sie richtete ihre kräftige Gestalt auf, während brennendes Rot ihr
Gesicht bis zu den Haarwurzeln färbte.
„Ich fange an, alt zu werden“, fuhr sie mit einem nervösen Zittern
in der Stimme fort. „Vielleicht sterb’ ich als alte Jungfer, ohne je
geliebt zu haben, ohne auf meinen Armen ein Kind gehalten zu haben, das
ich mein nennen kann. Aber wenn ich das muß, so will ich wenigstens
arbeiten lernen, lernen, mein eigenes Leben zu leben, so gut und so
tüchtig werden, als mir möglich ist. Armselig genug wird es ja auch so.
Aber wenn ich hier bleibe, werd’ ich ein schlechter Mensch!“
Die Mutter sah sie erstaunt an. Sie schämte sich geradezu, daß ihre
Tochter solche Wünsche aussprechen konnte; und Selma verließ hastig das
Zimmer, noch eh Frau Hallin ein Wort der Erwiderung hatte finden können.
Im Herbst zog Selma nach Stockholm und hinterließ im Vaterhaus das
bittere Gefühl, daß sie sich dort nicht hatte wohl fühlen können.
Gustaf war jetzt noch allein daheim. Aber im Frühling machte er sein
Abiturientenexamen, und dann ging auch er. Er hatte die Seinen mit
der Erklärung überrascht, daß er auf eine Ackerbauschule wolle, und
mit einem Seufzer gab der Adjunkt seine Einwilligung. Er war in einer
Art froh darüber. Denn das war billiger, als wenn der Sohn auf der
Universität gewesen wäre. Aber es kränkte ihn doch, daß sein Sohn nur
ein einfacher Landwirt werden sollte.
„Wird nur ein tüchtiger Mann aus ihm, so ist das übrige ja
gleichgültig!“ pflegte er zu sagen, wenn von der Sache die Rede war.
Aber Frau Hallin wußte, daß sie auch diesen Sohn verloren hatte, wie
die Tochter. Und sie fühlte immer mehr, wie die Jahre auf ihr lasteten,
die Jahre und die Einsamkeit.
Aber ihren ältesten Sohn wenigstens hatte sie noch; und der Gedanke
an ihn genügte, ein Gefühl der Freude in ihr zu wecken, selbst wenn
sie sich noch so niedergeschlagen fühlte. Er hatte seine Reizbarkeit
und seine Grübeleien überwunden. Das letzte Jahr in Sollösa hatte
einen ganz anderen Menschen aus ihm gemacht, und man prophezeite ihm
allgemein eine Zukunft im Dienst der Kirche.
Und dennoch hatte Frau Hallin jetzt für ihn ein anderes Gefühl als
früher. Sie hätte es ja nie zugegeben; aber so, wie er früher war,
hatte sie ihn lieber gehabt. Es war, als habe das „Geistlichsein“
ihm grade etwas von dem genommen, was sie am allermeisten an ihm
geliebt hatte. Als er noch schwächlich, reizbar, selbstquälerisch
und unvernünftig war, als er sie gekränkt hatte, indem er ihr sein
Vertrauen entzog oder sie traurig gemacht, indem er seine Heftigkeit
an ihr ausließ, da hatte sie ihn am allerliebsten gehabt, seine
ganze warme, ursprüngliche Natur. Jetzt, da er ein gesetzter, seiner
selbst sicherer und fertiger junger Geistlicher war, der ihr stets
mit Sohnesehrfurcht und Sohnesliebe begegnete, ihr nie Grund zur
Unzufriedenheit gab, stets freundlich, heiter und mitteilsam war,
schien es ihr manchmal, als fühle sie sich diesem Sohn gegenüber ein
bißchen fremd. Denn sie verstand die Wandlung nicht, die mit ihm
vorgegangen war.
Es war im Frühling, gleich nachdem Gustaf sein Examen gemacht hatte.
Selma war für den Sommer nach Hause gekommen. Ernst war von Sollösa
hereingefahren. Und wie nun alle Kinder wieder einmal zu Hause waren,
gaben sie eine kleine Gesellschaft -- lauter junges Volk. Frau Hallin
hatte es bei ihrem Mann durchgesetzt.
Pastor Simonson und Gabrielle kamen, ein paar von Gustafs Freunden
und sonst noch ein paar. Eva Baumann war auch da -- auf Selmas ganz
besonderen Wunsch.
Es hatte sich ein kleiner Disput entsponnen zwischen den angehenden
Studenten und Pastor Simonson. Es handelte sich um die Frage, ob es für
einen jungen Mann in unseren Tagen möglich wäre, Theologe zu werden,
ohne mit Bewußtsein zu heucheln oder auch einem unbewußten Selbstbetrug
zu verfallen. Und Gustaf hatte sich in einer Weise geäußert, die die
anwesenden Pastoren geärgert, Frau Hallin betrübt, und über die ganze
Gesellschaft eine gewisse Unruhe gebracht hatte.
Ernst Hallin hatte die ganze Zeit über geschwiegen. Das Thema hatte ihn
nicht interessiert.
Nach dem Ausspruch des Bruders aber sah ihn die Mutter so bittend an,
daß er nicht ausweichen konnte. Er fühlte auch selbst, daß er nicht
länger schweigen durfte.
„Viele Schwierigkeiten,“ sagte er, „stellen sich dem Mann in den Weg,
der in einer schlimmen Zeit, wie der unsern, sein Leben dem Dienst des
Herrn weiht.“
Seine Stimme war klar und beherrscht, und er blickte dem Bruder ruhig
ins Gesicht. Man sah es ihm an, daß ihm das Landleben gut getan
hatte. Er war dicker geworden, das Gesicht hatte Farbe und ein leiser
Bartansatz zeichnete sich von den Wangen ab.
„Aber,“ fuhr er fort, „die Schwierigkeiten sind nicht unüberwindlich;
und wer mit reinem Willen in den priesterlichen Stand tritt, dem
wird der Herr auch zu einem rechten Glauben verhelfen, mag er auch
anfänglich schwach und schwankend sein. Ist die Zeit so böse, ist der
Unglaube so stark, daß sie, wenn möglich, sogar die Auserwählten zu
verführen drohen, so steht um so fester die Verheißung unseres Herrn,
daß dem, der am eifrigsten in seinem Dienst gearbeitet hat, im Himmel
seine Stätte bereitet ist, die ihn für seine Arbeit auf Erden belohnen
wird.“
Frau Hallin nickte dem Sohn zu. Wieder einmal freute sie sich, daß der
Herr doch eins ihrer Kinder bewahrt hatte...
Im selben Augenblick aber begegnet Ernst Hallins Auge einem Blick, der
einen ganz anderen Ausdruck hatte. Eva Baumann war es, die ihn ansah.
Ihr Blick war kalt, fragend, neugierig. Sie hatte ihn im letzten Jahre
da und dort getroffen und sich selber immer wieder gefragt, wie es
möglich sei, daß sie so gleichgültig sein konnte. So ganz, als wäre
zwischen ihnen gar nichts vorgefallen.