Frau Hallin freute sich über die Veränderung des Sohnes. Sie freute

sich nicht bloß aus religiösen, sondern auch aus andern Gründen.

Von Anfang an war sie es gewesen, die den Adjunkt auf die religiöse

Gesinnung hingeführt hatte, zu der er sich nun bekannte. Er war ein

schwacher Mann, der der Führung bedurfte. Und die kleine energische

Frau hatte ihn geführt, wie sie später den Sohn geführt und seine

Entwicklung geleitet hatte. Aber im Lauf der Jahre hatte der

Adjunkt auch sie beeinflußt, und seine weltliche Klugheit hatte zum

Teil Frau Hallins Frömmigkeit auch ihr Gepräge aufgedrückt. Sie war

mit den Jahren weniger schwärmerisch religiös und mehr orthodox

kirchlich geworden. Sie hatte den inneren Zusammenhang, der zwischen

gut bürgerlicher Ordnung und kirchlicher Zucht besteht, erkennen

gelernt. Darum hatte sie eine Zeitlang auch gefürchtet, Ernsts

Gewissenhaftigkeit könne ihn möglicherweise auf Abwege führen und ihn

widerspenstig machen gegen die Obrigkeit, die Gott in seiner heiligen

Kirche eingesetzt hat, um sie gegen die Macht des Unglaubens zu

schirmen. Und so freute sie sich jetzt, als sie bemerkte, wie er von

Tag zu Tag ruhiger und weniger vergrübelt wurde. Sie dankte Gott, daß

er ihr Kind bewahrt hatte; und sie merkte wohl, daß sie in dieser Sache

in Pastor Simonson einen treuen Bundesgenossen hatte, und freute sich

auch darüber.

Es war ein Nachmittag gegen Ende Mai. Der Adjunkt war schlechter Laune

und verschwand frühzeitig ärgerlich auf seinem Zimmer.

Es war ganz unvermutet gekommen. Der Adjunkt war beim Essen schweigsam

gewesen und hatte unfroh ausgesehen; die wenigen Worte, die er sagen

mußte, hatte er in leidendem Ton von sich gegeben. Da versuchte es

Gustaf, den die gedrückte Stimmung peinigte und der die andern gern

zum Lachen brachte, damit er selber herzhaft lachen konnte, mit einer

Schulanekdote, die unglücklicherweise ein bißchen naseweis mit dem

König Salomo umsprang. Der Vater, der für gewöhnlich selbst großes

Gefallen an Geschichten hatte, die auf die Bibel und die Geistlichkeit

gingen, erstere hauptsächlich, wenn es sich um das Alte Testament

handelte, erteilte Gustaf einen scharfen und umständlichen Rüffel über

diese Art von den heiligen Männern der Schrift zu sprechen. Gustaf

antwortete hierauf, er habe nie gehört, daß Salomo, der 1000 Weiber

gehabt und eins der sinnlichste und anstößigsten Gedichte geschrieben

habe, die man lesen könne, ein heiliger Mann gewesen sei. Aber da fing

der Adjunkt an: er wisse ja schon lang, daß Gustaf seinen Kinderglauben

verloren habe; und schloß damit, daß er den Mangel an Ehrfurcht vor

dem Heiligen, und besonders den Mangel an Ehrfurcht vor den Eltern,

beklagte, der in letzter Zeit ständig zutage komme.

Nach dem Essen ging der Gymnasiallehrer, ohne ein Wort zu sagen, in

sein Zimmer hinauf, und Frau Hallin folgte ihm mit bekümmerter Miene,

nachdem sie Gustaf eine Extraermahnung erteilt hatte, Papa doch ja

nicht zu reizen, wenn er niedergeschlagen und verstimmt wäre. Der arme

Papa! Er hatte so viele Sorgen, von denen die Kinder ja nichts wußten.

Jetzt waren die drei Geschwister allein und ein verlegenes Schweigen

entstand. Es war einer der letzten Tage, ehe Ernst das Elternhaus

verlassen sollte. Nächsten Sonntag war Ordination, und nach der

Ordination sollte er gleich reisen. Alle wünschten, ihm das Elternhaus

noch so freundlich und heiter als möglich zu machen, wie das vor

einer Trennung stets ist. Darum war es doppelt ungemütlich, wenn eine

derartige Szene die Eintracht störte. Denn in dieser Familie, in der

jedes einzelne Mitglied sein Leben für sich lebte, ohne sich um die

andern zu kümmern, bemühte man sich bei feierlichen Gelegenheiten um

so mehr, recht zartfühlend und rücksichtsvoll zu sein. Eine gemeinsame

Erbittertheit gegen den Vater gärte in allen drei Geschwistern. Alle

fühlten sie, aber keines sagte was.

Gustaf war der erste, der das Schweigen brach. Er lehnte sich in den

Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. „In einem Jahr bin ich

endlich Student! Da kommt man endlich hier heraus!“ sagte er.

Ernst sah den Bruder vorwurfsvoll an.

„So darfst du nicht reden“, ermahnte er.

Selma sah vor sich nieder und wurde blutrot. Ihr war der Mangel an

Sympathie zwischen Eltern und Geschwister gradezu eine Qual; und sie

mochte nicht gern noch Öl ins Feuer gießen. Aber sie konnte nicht

länger schweigen.

„Laß Gustaf sagen, was er will!“ sagte sie. „Er ist kein Kind mehr.

Wenn er den Eltern gegenüber schweigen soll und uns gegenüber

schweigen, gegen wen soll er sich da aussprechen?“

„In dem Verhältnis zu seinen Eltern bleibt man doch wohl immer Kind!“

sagte der junge Pastor.

Selma schüttelte den Kopf, wie über eine alte Schulleier, die sie müde

war, anzuhören. Sie vergrub beide Hände in ihr dickes blondes Haar und

schlug sie dann mit einer Miene der Verachtung zusammen.

„Ja, wenn man sich als Kind fühlte, wenn sie irgend etwas dazu täten,

daß man sich so fühlen könnte. Aber sag einmal ehrlich: Bist du je

daheim glücklich gewesen? Bist du’s jetzt? Hast du gar nicht gemerkt,

wie wir aneinander vorbeilaufen, wie im Irrenhaus in ‚Peer Gynt‘:

Keiner weint um des andern Weh,

Keiner hat Sinn für des andern Idee?

Und kannst du dir wirklich, wenn du auch Geistlicher bist, vorreden,

daß es der Fehler der Kinder ist, wenn sie alles Zutrauen zu den Eltern

verloren haben? Läufst du nicht selber unter uns herum und schweigst

und grämst dich? Keins von uns weiß, was du denkst; keinem fällt es

ein, dich danach zu fragen. Ich bin auch allein mit meinen Gedanken und

glaube, daß es draußen, außerhalb der unsern, eine Welt gibt, wo ich

ein besserer, nützlicherer Mensch hätte werden können, als ich’s jetzt

bin, daheim, wo ich bis zu meinem Tod leben soll! Und Gustaf! Freilich,

er ist Freidenker, wie alle jungen Leute heutzutage, -- ich übrigens

auch --. Aber wenn man einmal ehrlich über die Sache reden wollte --

was glaubst du, daß die Folge wäre? Das Leben hier im Haus würde nur

noch unerträglicher werden, als es schon ist.“

Sie stand auf und ging mit festen, starken Schritten im Zimmer auf und

ab.

Ernst sah unsicher vom einen zum andern.

„Ist das wahr?“ fragte er.

Gustaf lächelte. Es lag nichts Herausforderndes in seinem Lächeln,

nichts Selbstbewußtes. Nur Verwunderung, daß der ältere Bruder etwas so

Einfaches nicht wußte.

„Es kann ja doch gar nicht anders sein“, sagte er.

„Aber -- in deinem Alter...“

Ernst brach ab.

„Ich habe nichts dazu getan“, sagte Gustaf. „Es kam von selbst. Wenn

man Hunger hat, so ißt man. Und von der Speise bildet sich frisches

Blut. Es ist dasselbe...“

Selma blieb vor Ernst stehen und sah ihm grad in die Augen.

„Glaubst du?“ fragte sie.

Ernst wollte der Frage ausweichen, aber die Schwester ließ ihn nicht

los.

„Ja“, sagte er schließlich, lauter als notwendig war. „Aber du -- wenn

du dich von hier wegsehnst -- was bindet dich?“ Selma konnte ein Lachen

nicht zurückhalten.

„Sieh mal, wie gut es ist, wenn man einmal miteinander redet“, sagte

sie. „Nicht einmal das weiß er, obschon es das große Ereignis meines

Lebens ist. Was mich bindet? Nun ja, ich ging einmal zu Papa und sagte

ihm, ich möchte eine Zeitlang fort, nach Stockholm oder irgendwohin,

um ein bißchen mehr zu sehen und zu lernen -- und ein bißchen mehr zu

leben“, fügte sie bitter hinzu. „Aber er wollte es nicht. Ich weiß, daß

er und Mama die Sache miteinander berieten. Aber dann baten sie mich,

und Mama weinte, und ich gab nach und blieb.“

„Aber warum wollten sie denn nicht?“

All das war Ernst etwas ganz Neues.

„Warum?“ wiederholte Selma. „Lieber Ernst, was du blind bist! Nun,

weil die Welt schlecht ist und mir meinen Glauben nehmen würde.

Und darum schließt man einen ein, bis man so stumpf wird, daß man

überhaupt alles glaubt. Das ist ihre Taktik. Und manchmal hilft sie

ja auch. Aber manchmal kommt es auch vor, daß eins oder das andere

sich trotzdem aufrecht hält. Wie lang, das weiß freilich Gott. Das ist

die Familientyrannei unsrer Zeit, und sie ist niedriger, gemeiner und

kleinlicher, als es die alte, die auf Faustrecht gegründet war, je war.“

Ihre Augen leuchteten; sie setzte sich hart in einen Stuhl.

„Es tut einem ordentlich wohl, sich mal aussprechen zu können“, sagte

sie.

„Ja, aber es hat so wenig Zweck“, bemerkte Gustaf.

„Wir werden sehen!“ erwiderte die Schwester.

Ernst erhob sich und ging hinauf in sein und des Vaters Zimmer. Auf all

das hatte er keine Antwort. Aber das fühlte er, daß zwischen ihm und

den Geschwistern etwas Gemeinschaftliches war, ein gemeinsamer Mangel,

den sie deutlicher erkannten als er, unter dem sie aber alle litten.

Als er auf der Treppe war, begegnete er der Mutter, die aus des

Vaters Zimmers kam. Sie gingen schweigend aneinander vorüber. Aber

als Frau Hallin ins Wohnzimmer kam, warf sie Gustaf und Selma einen

mißtrauischen Blick zu, um zu ergründen, von was die Kinder wohl

geredet hätten.

Am selben Nachmittag kam Selma hinauf zu Ernst und sagte, drunten in

ihrem Zimmer sei jemand, der ihn sprechen wolle. Sie sah verwirrt und

erregt aus, und Ernst glaubte zu merken, daß sie geweint hatte.

Er fühlte sogleich, wer es war. Ihm war, als stocke ihm das Blut in der

Brust; eine Weile blickte er die Schwester an, ohne zu antworten.

„Kommst du nicht?“ sagte sie.

„Doch, doch“, erwiderte er. „Ich komme.“

Selmas Zimmer lag neben dem Wohnzimmer, hatte aber eigenen Ausgang in

den Korridor.

Als sie drunten waren, blieb Ernst stehen und wandte sich nach Selma um.

„Ist sie da drin?“ fragte er. Seine Stimme zitterte ein wenig.

„Ja“, erwiderte Selma. Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen,

sondern brach in Tränen aus und verschwand im Eßzimmer.

Ernst stand und sah ihr nach. Sein Blut war in Wallung; er atmete

heftig. Er dachte nicht darüber nach, weshalb sie gekommen war oder

was sie von ihm wollte. Er vergaß, daß sie einander so lang nicht mehr

gesehen hatten, daß er vor ihrer Tür abgewiesen worden und ihr seitdem

ausgewichen war, er dachte nur noch an eins -- daß sie ihn nicht

vergessen hatte, daß sie ihn sprechen wollte, grade jetzt, da er sie

brauchte.

Er drückte auf die Klinke und trat ein.

Eva Baumann saß auf dem Sofa, das an der Wand der Tür gegenüber stand.

Ihre Augen hatten einen Glanz, als hätten sie viel gewacht, und als sie

Ernst erblickte, errötete sie heftig.

Er blieb vor dem Ausdruck in ihrem Gesicht verlegen stehen; mit einmal

fiel ihm alles ein, was gewesen war, eine peinvolle Ahnung bemächtigte

sich seiner; und im selben Augenblick kam ihm auch der Gedanke, daß sie

sich seinetwillen preisgab.

„Eva“, sagte er und streckte ihr die Hand hin.

Sie ergriff sie und sah ihm ins Gesicht, frei und offen. Ihr Gesicht

war noch rot, aber die Augen waren ruhig und ihre Stimme lebhaft und

klar.

„Es war mir etwas Natürliches, daß ich noch einmal herkam“, sagte sie.

„Sie müssen mir darum nicht böse sein!“

„Ihnen böse sein...“

Er setzte sich neben sie aufs Sofa, aber sie rückte etwas von ihm fort.

„Doch“, sagte sie. „Es ist ja ein sonderbarer Einfall von mir. Aber ich

konnte es nicht lassen. Ich bin ja nur ein Mädchen und habe so wenig

gesehen von der Welt. Aber es ist etwas, was ich Sie fragen muß.“

Seine Miene ward düster, als er antwortete:

„Was?“

Sie vermochte nicht gleich zu erwidern; den Kopf senkend kämpfte

sie mit den Tränen. Ganz allein, mit Hilfe einer Freundin -- einer

Freundin, die Ernsts Schwester war -- allein in einer kleinen

abgelegenen Kleinstadt, wo der Gedankenflug nicht hoch geht, wo die

Seelen der Menschen leicht im Wachstum stehenbleiben, war dies junge

Weib zu einer Entwicklung gelangt, die anders war, als die in ihrem

Kreis übliche. Sie lebte unter Menschen, für die der Glaube, der in

der großen Welt so oft etwas Konventionelles ist, ein überwundener

Standpunkt, von dem man sich nur des guten Tones willen nicht offen

lossagt, noch eine das ganze Leben beherrschende Macht ist. Als sie

sich von diesem Glauben lossagte, ward sie dadurch weder altklug noch

anmaßend, sondern sie brauchte ganz einfach einen neuen Glauben,

der ihr den alten ersetzte. Sie fand ihn in einer ehrlichen und

aufrichtigen Wahrheitsforderung, der sie frohen Mutes nachzuleben

versuchte; und sie glaubte, daß diese Forderung sich bei allen

ehrlichen Menschen finden müßte, einerlei, welches Glaubens sie wären.

Dann hatte sie gesehen, daß Menschen ohne diese Wahrheitsforderung

leben können, ja daß sie sie gewaltsam und mit allen Mitteln zu

ersticken suchen. Und bei ihm hatte sie das gesehen, bei Ernst. Es war

der erste ernste Stoß, den ihr Glaube an die Menschen erlitt, und sie

hatte tage- und nächtelang darüber nachgegrübelt.

Sie bezwang sich und wischte sich die Tränen aus den Augen. Und indem

sie ihn anblickte, als hinge von seiner Antwort Leben und Tod ab,

fragte sie: „Ist Ihr Glaube fest, nun Sie ordiniert werden sollen?“

Ernst hatte plötzlich das Gefühl äußersten Unbehagens, das jeder Mensch

hat, wenn er sich unvermutet außerstande sieht, Ausflüchte zu machen in

einer Frage, die er sich selber immer nur ausweichend beantwortet hat.

Er wußte, er konnte ihr nicht antworten, wie er ehemals geantwortet

hatte oder wie er täglich und stündlich sich selbst antwortete. Er

wußte, hier gab es keine Ausflüchte. Hier gab es nur eine reine und

klare Antwort. Ja oder nein.

Er schwieg und blickte vor sich nieder.

„Ist es das, was Sie mich haben fragen wollen?“ sagte er tonlos.

Sie sah ihm noch immer mit demselben gespannten, gehetzten Ausdruck ins

Gesicht. Seine Worte gingen an ihr vorüber, als wären sie gar nicht an

sie gerichtet.

„Antworten Sie mir“, sagte sie atemlos. „Antworten Sie mir!“ Sie

hatte die Hände gefaltet; ihre schlanke Gestalt zitterte wie in einem

Schüttelfrost.

Aber er hatte nichts zu antworten. Voll Verzweiflung blickte er

auf ihr bleiches Gesicht mit den leuchtenden Augen und den fest

zusammengepreßten Lippen.

„Sehen Sie mich nicht so an!“ sagte er. „Wenn Sie wüßten, wie Sie mich

quälen!“

Da begriff sie, daß es wahr, daß nichts mehr zu retten war. Sie hatte

ein Gefühl, als habe er sie betrogen, betrogen um alles Glück und allen

Frieden im Leben. Sie wandte sich von ihm ab und brach in heftiges

Weinen aus. Und sie weinte lange.

Ernst wußte nicht, was er tun sollte. Er wagte nicht, sich ihr zu

nähern, und schämte sich, zu gehen.

Mit einmal wandte sie ihm ihr tränenüberströmtes Gesicht wieder zu und

strich sich das Haar aus der Stirn mit einer Bewegung, die Ernst fast

Furcht einflößte.

„Sie haben mich betrogen“, sagte sie. „Wenn Sie so erbärmlich sind,

wie Sie sind, so hätten Sie mich in Frieden lassen müssen! Alles hab’

ich von Ihnen geglaubt, was edel ist und gut! Keine gute, schöne

Eigenschaft gibt es, die ich nicht Ihnen beigelegt, keine männliche

Tat, die ich nicht Ihnen zugetraut hätte. Hätten Sie mich in den Staub

getreten, mich unglücklich gemacht, mich beschimpft, geschlagen -- ich

hätte es Ihnen verziehen. Aber daß Sie mich genarrt haben, mir meinen

Glauben an Sie gestohlen, das verzeihe ich Ihnen nie!“

Wie unter einem Schlag beugte Ernst sich vor jedem ihrer Worte. Als sie

fertig war, sagte er: „Ich habe nichts dazu getan, daß Sie mich für

besser halten sollten, als ich bin.“

Sie trocknete sich die Tränen ab und blickte eine Weile vor sich hin.

„Nein“, sagte sie. „Das haben Sie vielleicht gar nicht. Ich war’s --

ich war einbildungskrank. Aber Sie haben mir so weh getan, so weh...“

Wieder brach sie in Tränen aus. Sie weinte unaufhaltsam; ihr ganzer

Körper erzitterte vom Schluchzen. Ernst wollte sich ihr nähern; aber

sie sah ihn nur an mit einem Blick, als bringe sein bloßer Anblick ihr

frisches Leid, und ohne noch ein Wort zu sprechen, ging er und ließ sie

allein.

Und so weinte sie den ersten großen Schmerz ihrer Jugend aus, weinte

über ihre Demütigung, ihre Schwäche. Aber sie bereute es doch nicht,

daß sie mit Ernst gesprochen hatte. Sie war stolz darauf, als hätte sie

eine Heldentat vollbracht.

Als Ernst Hallin an diesem Abend ins Familienzimmer hinunter kam,

fühlte er sich sehr unbehaglich; er mußte ja doch Selma unter die Augen

treten; und dann -- ob wohl die Mutter wußte, daß Eva dagewesen war?

Aber niemand sagte etwas. Selma kam erst spät. Sie hätte zu tun gehabt,

entschuldigte sie sich. Die Mutter saß still am Fenster und hielt ihre

Arbeit gegen das schwache Dämmerlicht, um mit ihren alten Augen ein

bißchen besser zu sehen.

Neunzehntes Kapitel

Als Ernst Hallin am Morgen des Sonntags, an dem die Ordination

stattfand, ins Frühstückszimmer trat, war er glatt rasiert und trug zum

erstenmal den bis unters Kinn zugeknöpften Pastorenrock. Er fühlte sich

verlegen über dies neue Aussehen; und keins von der Familie vermochte

ein Lächeln zu unterdrücken, als sie ihn begrüßten.

Er hatte sich bisher noch nie rasiert; und seine Haut unter dem Bart

hatte eine feine Blässe, die seinem Gesicht etwas Mädchenhaftes gegeben

hätte, wenn nicht die Brille gewesen wäre. Das Gesicht war durch das

Fehlen des Bartes kürzer geworden und wäre in der Form rund gewesen,

wenn nicht die Hagerkeit es doch hätte länglich erscheinen lassen.

Die nervösen Linien um den Mund, die der Bart früher verborgen hatte,

traten jetzt deutlich hervor. Der ganze Ausdruck des Gesichts war ein

anderer. Wer ihn nicht oft gesehen hatte, hätte ihn kaum wiedererkannt.

Ernst selbst war während des ganzen Frühstücks mit seinem veränderten

Aussehen beschäftigt und schämte sich darüber. Der Adjunkt ulkte ihn

ab und zu ein bißchen an; und Gustaf lachte über die Späße des Vaters.

Aber es lag keine Fröhlichkeit in dem Lachen, eher eine Ironie, die

einen starken Anstrich von Ernst zeigte. Selma wurde rot, als er

ins Zimmer trat, saß aber nachher stillschweigend da, unberührt von

Scherzen und Anspielungen.

Frau Hallin lachte anfänglich mit den andern; später versuchte sie,

die Heiterkeit etwas zu dämpfen. Wie sie sich den Sohn so betrachtete,

sah sie in ihm nicht nur das Kind, auf das sie stolz war, um das sie

gebangt, für das sie gebetet und gelebt hatte, sondern sie sah in ihm

den Priester, den Verkünder des Gotteswortes, den Mann, zu dem sie

aufsehen konnte, wie sie instinktiv zu allen aufsah, die das heilige

schwarze Ornat trugen; das Fremdartige seines Aussehens trug nur dazu

bei, in ihr das Gefühl der Ehrfurcht zu verstärken, das sich in ihre

Freude, daß der so lang ersehnte Tag nun endlich gekommen war, mischte.

In der Domkirche drängten sich andächtige oder neugierige Scharen

um die Plätze heute; man wollte doch den feierlichen Akt sehen, der

den heutigen Gottesdienst beschließen sollte. Draußen vor der Kirche

strahlte die warme Junisonne; durch die Äste der Ulmen mit ihren

kleinen lichten Blättern leuchteten ihre Strahlen heiter auf die

Menschenströme herab, die aus allen Teilen der Stadt auf die Kirche

zufluteten.

Vornehme Leute kamen, aus dem schönen Villenviertel, wo die Birken

in frischem Grün prunkten, aus den stolzen Häusern in der Langen

Straße und am Markt, der heute reingefegt und leer sein Pflaster der

Sonnenhitze darbot. Neue Frühlingstoiletten, große helle Feder- und

Blumenhüte, wie sie die letzte Stockholmer Mode vorschrieb, elegante

Mäntel, purpurrote Sonnenschirme, die unter dem lichtgrünen Laub in

der Sonne erstrahlten. Aber heute war ein Tag, an dem sogar die Herren

zur Kirche gingen. Hellgraue oder braune Hüte, hohe schwarze oder

niedere graue Zylinder, gelbe Stöcke mit weißen Elfenbeinkrücken neben

einfacheren aus Eiche und Weichselholz -- alles sah so neu aus, voll

Frühlingsfrische und Sommerahnung. Die Herren selbst, junge und alte,

kamen so elastisch daher, wie verjüngt vom Sommer, der seine Wärme über

das alte Schweden und Gammelby ergossen hatte. Aber sie unterhielten

sich bloß flüsternd, und kein Lachen ward hörbar auf dem Weg zur Kirche.

Die alten Domglocken läuteten mit feierlichem Klang über den Köpfen

der Menge den Gottesdienst ein. Sie läuteten alle weltlichen

Gedanken hinweg und mahnten mit ihrem Klang all die Menschen mit

ihren verschiedenen Trieben und wechselnden Gedanken, sich in Gottes

Heiligtum zu versammeln, abzulegen alle eiteln Gedanken an die Welt und

was von der Welt ist, zu vergessen den Unterschied zwischen arm und

reich, hoch und niedrig, Gerechtem und Ungerechtem, und einzutreten in

das kühle, himmelanstrebende Gewölbe, wo die Sonne in langen bunten

Streifen ein phantastisches Licht über die hohen Säulenreihen und

die Menschen warf, einzutreten als eine einzige große Familie von

Brüdern und Schwestern, die für ein paar kurze Stunden in der Woche

gemeinschaftlich die Knie beugen und sich gleich fühlen vor Gott, der

unser aller Vater ist.

Aber zwischen den feinen Kleidern sah man auch die schwarzen Kopftücher

und altmodischen Hüte des Armenviertels. Sachte gingen die Leute ihres

Wegs, grüßten demütig ihre „besseren“ Brüder im Herrn und nahmen in den

hintersten Kirchenstühlen oder im Seitenschiff Platz, in den Stühlen,

die den Armen offen standen, wo niemand sich einen Platz oder einen

Schlüssel kaufte, um nicht mit groben Kleidern und derbem Geruch in

Berührung zu kommen.

Und noch immer läuteten die Glocken hoch über den Köpfen der Menschen,

und ihr Klang schwebte in die Weite auf der klaren, blauen Sommerluft.

Vor dem Altar stand der Bischof selbst. Das war eine Seltenheit in

Gammelby, die viele in die Kirche lockte. Der Bischof las die Messe

ganz ausgezeichnet. Es war eine wahre Lust, seine mächtige Stimme, die

alten Choralmelodien singen zu hören, daß die Töne voll und stark durch

die hohe Wölbung klangen; jedes seiner Worte war in der entferntesten

Ecke des großen Domes zu verstehen.

Der junge Hilfsprediger von Gammelby predigte heute. Er war nicht

beliebt als Prediger. Er hatte ein ganz mittelmäßiges Rednertalent, und

die Frommen in der Gemeinde hielten ihn nicht für wahrhaft christlich

gesinnt. Aber man war auch gar nicht der Predigt wegen in die Kirche

gekommen; und stärker als gewöhnlich erklang darum der Seufzer der

Befreiung, als ein langgedehntes Amen endlich die glücklicherweise

recht kurze Predigt beschloß. Während der Gebete öffneten sich da und

dort die Bänke; ein paar der Kühneren schlichen sich sachte vor in

den Chor, um sich zeitig einen Platz zu sichern, von wo aus man die

feierliche Handlung bequem mit ansehen konnte. Als der Schlußchoral

begann, öffneten sich alle Kirchenstühle; alle strebten vor zum Chor,

wo das Gedränge schon sehr stark war. Nur ein paar alte Leute, die

nicht so lang stehen konnten, blieben zurück und versuchten später,

in den spannendsten Augenblicken der Zeremonie, sich auf die Zehen zu

stellen, um wenigstens einen Schimmer von dem zu erhaschen, was im Chor

vorging.

Vorn gingen die Meßner eifrig und geschäftig umher, trieben die

drängenden Volksmassen zurück und stellten sie in geordneten Reihen auf.

„Nicht so nah zum Altar. Platz für die Prozession und den Bischof!“

Dann hängten sie die vier Meßgewänder in geziemenden Zwischenräumen an

den Altarschranken auf.

Plötzlich ward es ganz still in der Menge; der Weg zum Altar

verbreiterte sich, die Hintenstehenden stellten sich auf die Zehen, um

besser zu sehen, und durch die niedere Sakristeitür betrat die kleine

Prozession die Kirche.

Zuerst kam der Bischof, hoch und gebieterisch, die goldene dreieckige

Mitra auf dem Kopf, den goldenen Stab in der Hand. Um seine mächtige

Gestalt hing das weite, in Seide und Gold gestickte und in allen

Regenbogenfarben schimmernde Bischofsornat. Am Hals sah das faltige

weiße Meßhemd hervor.

Hinter ihm kamen die Hilfsgeistlichen, je zwei und zwei. Vorn der

Professor der Theologie Kumlander, neben ihm der Konsistorialnotar.

Die Geistlichen im Ornat, der Konsistorialnotar in Frack und weißer

Halsbinde. Nach ihnen kamen die vier, die ordiniert werden sollten,

voraus Simonson und Ernst Hallin, alle in weißen Meßgewändern, die um

die Mitte anschlossen und bis auf die Füße herunterreichten.

Unter den Klängen der Orgel schritten sie leise durch die Volksmenge

und stellten sich um den Altar auf. Die vier Kandidaten in ihren weißen

Gewändern beugten das Knie.

Als der letzte Akkord des Chorals verklang, wandte sich der Bischof der

versammelten Menge zu. In der einen Hand hielt er das Meßbuch, in der

andern ein langes feines Battisttaschentuch.

„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“

begann er.

Über der großen Menschenmenge lag vollkommenes Schweigen. Nicht ein

Flüstern war hörbar, nicht ein Laut. Die jungen Kandidaten hatten sich

erhoben und standen aufrecht in einem Halbkreis um den Altar.

Pastor Hallin · 第 15 / 17 段