Siebzehntes Kapitel

Als Ernst aufwachte, war es schon acht Uhr. Hastig sprang er aus dem

Bett, um den Vater zu wecken. Die weichen Kissen und Decken hatte sie

beide wie mit einem Nebel von Stille und Schlaflust umhüllt, daß sie

zehn volle Stunden geschlafen hatten. Das Hausmädchen war so still

durchs Zimmer gegangen, daß sie die Schläfer nicht geweckt hatte.

Aber in den Flaschen war frisches Wasser, die Kleider lagen schmuck

und ordentlich ausgebürstet auf den Stühlen, die Schuhe standen blank

gewichst davor, und im Ofen verglomm die letzte Glut des Holzfeuers

hinter dem Eisengitter, das geräuschlos zur Vorsicht vorgesetzt worden

war.

Als sie ins Wohnzimmer kamen, mußten sie eine gute Weile warten, eh

jemand von den Wirten sich zeigte. Im Eßzimmer sahen sie das stille

Mädchen mit dem schlichten Kleid und dem glattgekämmten Haar den Tisch

decken.

Der erste, der erschien, war der Propst. Der kleine Mann sah ganz

unerhört feierlich aus. Die Bäffchen saßen steif über dem halb

zugeknöpften Rock und machten sein fettes Gesicht noch fetter. Sein

Mund sah ganz absonderlich aus, gespitzt wie eine Tüte, und die Augen

blinzelten feucht und schräg unter den dichten Augenbrauen hervor.

Er hustete und ging auf seine Gäste zu.

„Ein köstliches Wetter hat der Herr uns heute geschenkt!“ sagte er.

Die drei Herren setzten sich. Wie gewohnheitsmäßig nahmen sie ihre

alten Plätze ein, Ernst saß am Fenster und blickte hinaus auf den Hof,

wo die Hunde lagen und sich sonnten, die Hühnerhunde an der großen

Treppe, die Hofhunde vor der Treppe, die zum Nebengebäude führte.

Jetzt kam die Propstin. Sie trug ein schwarzes Kleid und eine goldene

Brosche und hatte, wie der Propst, rote Augen. Sie erzählte, Amelie

wäre noch nicht ganz fertig. Die arme Amelie! Sie hatte solche Angst,

zu spät zur Kirche zu kommen!

„Wir haben alle ein bißchen zu lang geschlafen!“ fügte sie hinzu.

„Ja,“ sagte der Propst und hustete; „es ist Sabbat heute, der Ruhetag

des Herrn!“

Langsam setzten sich alle um den Tisch, und das glattgekämmte Mädchen

servierte still große Platten mit gebratenem Schinken, Beefsteak und

Eiern.

Es war heute womöglich noch stiller als sonst im Pastorat. Kein Laut

war zuhören im ganzen Haus; nur Löffel, Messer und Gabeln schienen

in Bewegung zu sein. Aber auch sie wurden ängstlich gehandhabt, und

wenn jemand ein Wort äußerte, so geschah es mit einer Stimme, die um

Entschuldigung zu bitten schien: „Darf ich um das Salz bitten?“ „Ein

bißchen Brot, wenn ich bitten darf!“ klang es halblaut. Ab und zu

erklang die Stimme der Propstin, die den Gästen zusprach, doch mehr zu

essen.

Nach dem Frühstück gingen alle in die Kirche, die jenseits der Straße

lag.

Es war eine niedrige, altmodische Kirche, ohne Turm. Der Adjunkt und

Ernst hatten sie nicht einmal bemerkt, als sie am Tag vorher daran

vorbeigefahren waren. Sie lag ein bißchen abseits von der Straße auf

einer kleinen Anhöhe, umgeben von einer hohen steinernen Mauer; daneben

stand ein rot angestrichenes baufälliges Glockenhaus, von dem gerade

der Klang der alten Glocken über die Häupter der versammelten Gemeinde

hinklang.

Keinerlei Geräusch auf dem Platz vor der Kirche, trotzdem eine Menge

Menschen da waren. Auf der einen Seite standen die Männer, auf der

andern die Frauen. Die jungen Mädchen standen bei den Frauen, die

Burschen bei den Männern. Kein Getändel, kein Geliebäugel zwischen

Burschen und Mädchen; alle, die vor der Kirche standen, alt und jung,

waren ganz still und unterhielten sich nur im Flüsterton, während sie

auf den Propst warteten.

Der dämpfende und beruhigende Geist des Pastorats hatte sich noch bis

über die Landstraße hinaus erstreckt, weit über die Anhöhe, auf der

die Kirche lag und wo das rote Glockenhaus einsam seine Glocken ins

schweigende Land hinausrufen ließ.

Es gab viele „Erweckte“ in der Gemeinde Sollösa. Stille, schweigsame

Menschen, die den Frieden liebten und die Welt fürchteten, Menschen

nach dem Herzen des Propstes, die seine Gattertore nicht zuschlugen und

auf dem Kirchplatz nicht lärmten. Menschen, die nach Sollösa paßten.

Heute füllten sie den Platz vor der Kirche und den ganzen Kirchhof. Um

sie her spielte die laue Frühlingsluft, hoch über ihnen trillerten

die Lerchen im klaren Sonnenlicht. Die Birken auf dem Kirchhof trugen

schwellende, drängende Knospen, und in den Beeten des Pastoratsgartens

standen Aurikeln und Perlhyazinthen schon fast in Blüte.

Der Propst, die Propstin und ihre Gäste kamen durch den Kirchhof

herauf. Sie gingen durch das offene Gittertor die verwitterten

Steinstufen hinan; und vor ihnen her ging ein Flüstern, das plötzlich

jedes Gespräch verstummen machte. Ein breiter Weg bildete sich ganz von

selbst vor ihnen bis zur Kirche, und ruhig wanderten die Herrschaften

der Kirche zu. Die Frauen und Mädchen knixten, die Männer nahmen die

Hüte ab. Aber nicht ein Wort ward gesprochen, nur freundliches Nicken

und Lächeln flog hin und wieder. Als die Herrschaften durch die niedere

Kirchentür verschwunden waren, setzte sich die ganze Menschenmenge

in Bewegung. Ohne Lärm, ohne Gedränge füllte sie die Kirchenstühle,

die Männer auf der einen Seite, die Frauen auf der andern, und still

und lautlos schloß sich hinter ihnen die breite Tür, während von der

geschnitzten Empore über dem Eingang die Orgel ertönte. Als der Choral

gesungen war, stand der Propst vor dem Altar und betete mit zitternder,

hustender Stimme:

„Heilig! heilig! heilig!“

Und die Gemeinde von Sollösa beugte das Haupt und lauschte

andachtsvoll. Denn sie glaubte an ihren Propst und war stolz auf ihn.

Der Propst genoß nämlich unter den Kindern Gottes eines hohen Rufes. Er

hatte ihn nicht immer gehabt. Und es war nur ein kleines Ereignis, das

ihm die Gnadengabe verlieh, daß die Menschen an ihn glaubten.

Ehe er als Propst nach Sollösa kam, predigte er einmal während eines

Gewitters. Und während er auf der Kanzel stand und das Gebet für die

Verstorbenen betete, der Küster neben ihm, schlug der Blitz in die

Kirche und tötete den Küster. Der Pastor selber blieb unversehrt.

Und die Frommen sagten, dies sei geschehen, weil ihr Hirte erhalten

bleiben mußte für Gottes Reich.

Still, aber sicher verbreitete sich sein Ruf über das ganze Stift.

Als er als Propst nach Sollösa kam, war er ihm schon vorausgegangen

und hatte ihm die Herzen der Leute gewonnen. Darum lauschten sie auch

seinen Worten so andächtig, als ob Gott selbst zu ihnen spräche.

Denn das war wahrlich Gottes Finger! Daran konnten alle deutlich seinen

Willen und seine Absicht erkennen!

Drückend und betäubend lag die Wärme über der ganzen Kirche. Langsam

schleppte der Gottesdienst sich hin, bis die Predigt begann. Und die

Predigt ging ebenso langsam, und ebenso träge klangen die Choralverse

durch den niedrig gewölbten Raum. Da und dort nickte ein Kopf im

Schlummer, einer oder der andere lag vornübergebeugt in den Händen, die

auf dem Kirchstuhl ruhten.

Niemand entfernte sich, ehe der ganze Gottesdienst zu Ende war. Erst

als die letzten Akkorde des Schlußchorals verklangen, erhoben sich

alle sachte von ihren Plätzen, dehnten in aller Stille ein bißchen

die Glieder und blieben in den Bänken stehen, um erst die Herrschaft

hinauszulassen. Dann leerte sich die Kirche, die Türen schlossen sich

und der Küster ging, mit den großen Schlüsseln klappernd, heim. Auf

allen Wegen und Pfaden wandelten Scharen stiller Menschen nach allen

Richtungen durch das sabbatstille Land.

Im Pastorat setzten die Herren sich wieder auf ihren Platz im

Wohnzimmer und warteten auf das Mittagessen. Draußen auf dem Hof

schliefen die Hunde.

„Es ist gut, daß ich eine kleine Hilfe bekomme!“ sagte der Propst zu

Ernst. „Und hier ist dankbares Erdreich!“

Er schneuzte sich und hustete.

„Kein Geist des Aufruhrs, Gott sei Dank! Dankbares Erdreich!“ Und durch

das Zimmer klang das einförmige Ticken der Uhr.

Die Tür zum Eßzimmer ging auf und das Mädchen meldete, daß serviert sei.

Fräulein Amelie stand mit der Propstin im Eßzimmer. Sie gab den fremden

Herren die Hand und knixte. Der Propst strich ihr, wie am Tage vorher,

übers Haar.

„Du bist nicht in der Kirche gewesen heute“, sagte er.

„Nein“, erwiderte Amelie. „Es tat mir so leid, aber ich mochte nicht zu

spät kommen und die Gemeinde stören.“

„Das ist recht, mein Kind!“ lobte der Propst.

„Du magst ja nicht, wenn man kommt, nachdem der Gottesdienst schon

angefangen hat, Papa“, sagte die Propstin.

Nach dem Essen kam der Kaffee, genau wie am Tag vorher. Der Propst

verschwand für ein Weilchen und ließ die Gäste mit den Damen allein.

Nach dem Kaffee reisten die Gäste ab.

„Willkommen nächstes Mal auf unserm lieben, stillen Sollösa“, sagte der

Propst, als er Ernst beim Abschied die Hand drückte. Der Wagen fuhr

durch den weichen Sand zum Gattertor hinaus; als er auf die Landstraße

einbog, zogen die beiden Herren noch einmal die Hüte vor dem Propst,

der Propstin und Fräulein Amelie, die auf der Treppe standen und

winkten. Die Hunde sahen dem Wagen nach, ohne zu bellen.

Eine Weile saßen der Adjunkt und Ernst schweigend nebeneinander. Jeder

war in seiner Art mit dem beschäftigt, was sie erlebt und gesehen

hatten.

Schließlich sagte der Adjunkt -- und seine Stimme klang wehmütig:

„Es wird recht einsam für dich hier draußen.“

Über des Sohnes Lippen flog ein Lächeln, das der Vater nicht verstand.

„Vielleicht ist es grade das, was ich brauche“, sagte er. Es lag etwas

so Scheues und zugleich Bitteres in seiner Stimme, daß der Vater

aufmerksam wurde. Er kannte ja den Sohn überhaupt so wenig; er hatte,

während er aufwuchs, nie Zeit gehabt, sich mit ihm zu beschäftigen;

und der Adjunkt liebte es im allgemeinen, sich die Dinge so einfach

wie möglich zu machen. Diesmal aber drängte sich ihm doch mit

unausweichbarer Gewalt der Gedanke auf, daß da etwas nicht stimmte,

etwas, an dem ein Vater teilhaben müßte. Mit bekümmerter Miene sah er

den Sohn an und fragte: „Was ist mit dir? Du siehst so düster aus,

seitdem du wieder daheim bist. Hast du etwas auf dem Gewissen?“

Ernst konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Vater glaubte

offenbar, er hätte etwas zu bereuen, vielleicht Schulden gemacht,

schlechte Beziehungen angeknüpft oder etwas Ähnliches. Er, der fast das

Leben eines Asketen geführt hatte! Dieser Argwohn kam ihm unendlich

komisch vor. Er hätte jetzt um keinen Preis der Welt offen reden

können, und antwortete deshalb nur mit demselben Lächeln, das er nicht

zu unterdrücken vermochte: „Nichts von dem, was du glaubst, Papa, das

kann ich dir versichern!“

„Gott sei Dank!“ dachte der Adjunkt.

„Man kann auch so grade genug haben!“ fügte Ernst hart hinzu. Es kam so

plötzlich, daß die Worte ihm entschlüpft waren, ehe er es wußte. Eine

brennende Röte ergoß sich über seine Wangen und Stirn, und er schaute

zum Wagenfenster hinaus.

Der Adjunkt ward nachdenklich; eine dunkle Ahnung bemächtigte sich

seiner. Gleichzeitig aber sagte er sich auch, wenn es wirklich etwas

derartiges wäre, wenn der Sohn tatsächlich unzufrieden sei mit dem

Beruf, den er gewählt hatte, so wäre es am besten, wenn gar nicht

darüber gesprochen würde. Ein ausgesprochenes Wort war hier gefährlich.

Er wußte, wie empfindlich der Sohn war, und begriff, daß der kleinste

Versuch, auf sein Gewissen einzuwirken, in ihm die zu einer

Katastrophe notwendige Energie wecken würde. Und an diese Katastrophe

mochte der Adjunkt gar nicht denken.

Darum war es am besten, es wurde gar nichts zwischen ihnen gesprochen,

Ernst machte die Sache mit Gott und sich selber ab. Und so schwieg denn

der Vater in dem elterlichen Egoismus, der nicht mit den Kindern oder

für sie leiden will.

Die alten braunen Gäule stapften gemächlich durch den hohen Wald,

durch den die Sonne schräg fiel und zwischen den feuchtglänzenden

Zweigen funkelte. In der Ferne härte man das einförmige Rauschen eines

Bergwassers.

Ernst versank in Gedanken. Gefühle und Eindrücke arbeiteten in ihm, die

ihm ganz neu waren. Es waren nicht seine alten Kämpfe und Träume. Es

war nicht der kleine Kampf zwischen geistlich und nichtgeistlich. Es

war auch nicht seine verschmähte Liebe, die in ihm redete. Nichts von

all dem. Die Fahrt aufs Land, der kurze Weg zur Kirche, die Landluft,

der Sonnenschein, die Frühlingsgewalt in den brausenden Wassern und

schwellenden Knospen -- all das erfüllte ihn mit einem Gefühl, das

ihm ebenso neu wie unverständlich war. Wenn jemand ihn gefragt hätte,

was er fühle oder denke, er hätte nichts darauf antworten können.

Aber er war erregt, ohne zu wissen, weshalb, krank von Gemüt, ohne

zu wissen, wovon, traurig, ohne die Ursache zu kennen. Seine ganze

unterdrückte Jugend, all die erstickten Gedanken, Wünsche und Begierden

waren es, die sich in ihm empörten, und Worte entschlüpften ihm, ohne

Zusammenhang und ohne Sinn, deuchte ihm selbst. Und doch hätte er keins

davon unterdrücken können, nicht ein einziges; so einsam hatte er immer

gelebt, so unterdrückt und erstickt war jeder eigene Gedanke, jeder

eigene Wille stets in ihm gewesen, daß er das Bedürfnis, das seine

Seele erfüllte, gar nicht einmal verstand. Seine eigene Stimme klang

ihm fremd, wie sie so das Leid, das die Frucht seines ganzen Lebens

war, aussprach.

Und als der Adjunkt nicht antwortete, sagte er kurz und hart: „Ist es

nicht sonderbar, daß wir einander überhaupt gar nicht kennen?“

„Wir kennen einander nicht?“

Der Adjunkt sah auf mit einem Blick, der noch vom Essen schwer war.

Ernst lachte laut auf. Er beugte sich vor und redete weiter, eifrig

gestikulierend, mit einem Versuch, ruhig und geordnet zu sprechen; aber

seine Stimme zitterte nur noch heftiger.

„Nein“, sagte er. „Wir kennen einander nicht. Als Kind hab’ ich meinen

Vater nicht gekannt, als Knabe nicht, als Jüngling nicht, und auch

jetzt nicht, als Mann, der ich sein sollte und nicht bin! Und auch er

hat mich nicht gekannt. Sonst hätte er mich nicht so grausam verkennen

können. Sonst hätte er mich nicht so gedankenlos und herzlos aufs

Gratewohl ins Leben hinauswerfen können, ohne auch nur einen Augenblick

danach zu fragen, ob meine Natur mich zu etwas anderem zog, oder ob sie

nur schwieg und sich fügte.“

Er sprach, als habe er die Gegenwart des Vaters ganz vergessen,

und fuhr dabei fort, starr vor sich hinzublicken und lebhaft zu

gestikulieren.

„Warum bin ich nicht ein Bauer geworden?“ rief er. „Warum geh’ ich

nicht hinter dem Pflug und grabe die Erde um und dünge und mache Heu?

Warum mäh’ ich nicht und hacke Holz und arbeite und lebe, statt meinen

Rücken über die Bücher zu beugen?“

Er ballte die Hand, seine lange, hagere Hand, mit einer drohenden

Gebärde, in der zugleich etwas Hilfloses lag.

„Die Bücher!“ sagte er mit gedämpfter Stimme, damit der Kutscher ihn

nicht hören sollte. „Wie ich sie hasse! Sie haben mein Leben zerstört,

statt daß sie mich leben gelehrt haben. Sie haben meinen Kopf mit

unnützen Dingen angefüllt und mir meine Kraft gestohlen, statt sie

zu mehren. Tote sind sie, die die Lebenden beherrschen. Gespenster,

die aus ihren Gräbern steigen, um die Lebenden zu schrecken, statt

stillzuliegen und zu schlafen! Unheimliche Gespenster, an die wir

glauben, und die uns hinter unserm Rücken auslachen, weil wir uns haben

narren lassen von ihnen!“

Der Adjunkt packte ihn erschrocken am Arm.

„Du bist krank, Ernst!“ sagte er.

„Krank? Ja, ich bin krank, bin nie was anderes gewesen, als krank.

Vielleicht ist’s das, was mein ganzes Unglück verschuldet hat!

Vielleicht ist’s das, was mich fortgezogen hat von der frischen Luft

und der Arbeit, die stählt, und mich eingeschlossen in dumpfe Zimmer,

meine Brust eingedrückt, meine Schultern zusammengepreßt, mein Gesicht

gebleicht hat! Warum hat man mich nicht Bauer werden lassen, frage ich?

Vielleicht wär’ ich dann stark geworden! Vielleicht wär’ ich dann ein

Mann geworden!“

Er entzog sich dem Griff des Vaters und lehnte sich schlaff in die

Wagenecke zurück. Beide schwiegen; der eine, weil er sich erschöpft

hatte, der andere, weil er nichts zu sagen wußte.

Aber im Adjunkt erwachte die ganze Liebe einer alten Pastorenfamilie

für das Land mit seinem Behagen und seiner Arbeit. Und wie sonderbar

seltsam des Sohnes Worte ihm auch vorkamen, und wie überzeugt er auch

war, daß dies nur eine Überreiztheit war, die vorübergehen würde, so

stieg in ihm doch auch noch ein anderes Gefühl auf. Immer hatte er sich

gewünscht, ein kleines Eigentum zu besitzen, das er sein hätte nennen

können; er pflegte oft im Scherz zu sagen, sobald er nur erst seine

Schulden bezahlt habe, würde er anfangen zu sparen und ein kleines

Anwesen kaufen, auf dem er seine alten Tage verbringen könnte.

Des Sohnes Worte klangen seltsam an sein Ohr. Vorwürfe waren es,

daß der Vater nicht mit dem Sohn gelebt hatte, damit er dessen Leben

verstehen möchte. Sie schmerzten und quälten ihn. Sie kamen so heftig

und unüberlegt, wie von einem zornigen, erbitterten Kind. Aber der

Adjunkt wurde nicht böse. Denn in ernsten Augenblicken kann es

geschehen, daß sogar die Eigenliebe sich verkriecht. Er fühlte nur eine

große Leere zwischen sich und dem Sohn; und er klagte sich selbst an.

In ihm klangen des Sohnes Worte: Warum hat man mich nicht Bauer werden

lassen? Es war ja Unsinn, das wußte er wohl. Und dennoch! Er sah auf

des Sohnes magere Gestalt mit dem blassen Gesicht und der eingesunkenen

Brust. Und er begriff noch deutlicher, daß es Unsinn war. Aber trotzdem

quälten ihn die Worte, quälten ihn und zerrten an ihm. Ein Mitleid

packte ihn, als trüge er die Schuld an dieser Schwächlichkeit; und mit

einem Male kam ihm das Verlangen, alles wieder gutzumachen, in einem

Augenblick wieder aufzubauen, was nur in langen Jahren aufgebaut werden

kann, wenn das Gebäude sicher und fest werden soll.

Er legte seine Hand auf des Sohnes Knie und fragte mit zitternder

Stimme: „Was fehlt dir? Verheimliche mir nichts!“

Ernst sah auf. Sein Atem ging kurz und hastig, wie nach einer großen

Anstrengung. Und er sah so geistesabwesend aus wie gewöhnlich, als

wisse er kaum von dem heftigen Ausbruch, der Geschehenes ja doch nicht

mehr ungeschehen machen konnte.

„Verheimliche mir nichts!“ wiederholte der Vater.

Ernst ergriff mit bittendem Blick seine Hand.

„Verzeih!“ sagte er. „Ich bin nur müde. Es war schlecht von mir, so zu

sprechen, wie ich’s getan habe.“

Der Gedanke, der sich schon vorhin dem Adjunkt aufgedrängt hatte, kam

wieder. Und jetzt kam er mit solcher Gewalt, daß alle egoistischen

Bedenken wichen. Mit einer plötzlichen Anstrengung sagte er: „Ist es

dein Beruf, der dich quält?“

Ernst schwieg einen Augenblick und blickte zur Seite. Und schon

bereute der Adjunkt seine Frage. Er fühlte, daß er richtig geraten

hatte, und der peinigende Gedanke an die Zukunft ergriff ihn. Er dachte

an des Sohnes Stellung, an das, was die Leute, was seine Frau sagen

würden. Und mit lähmendem Schreck fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf:

„Und das Geld! Die Ausgabe! Neue Schulden! Neue Sorgen!“ Atemlos

wartete er auf die Antwort des Sohnes.

Ernst saß ganz stumm. Jetzt war die Stunde da. Jetzt sollte es gesagt

werden. Jetzt würde er es sagen. Und in der Einbildung war ihm so

leicht zumut, als wäre es bereits gesagt.

Dann aber kehrten seine Gedanken in ihren gewohnten Kreislauf zurück;

mit einer unerhörten Kraftanstrengung bezwang er sich, sah dem Vater in

die Augen und antwortete, ohne zu zittern: „Du irrst, Papa. Ich habe

meinen Beruf aus freiem Willen gewählt.“

Der Adjunkt fühlte, daß der Sohn log. Aber er wagte nicht, die Frage zu

wiederholen, aus Angst, eine andere Antwort hervorzulocken. Er hatte

sein möglichstes getan, um sein Gewissen zu befreien, und ein Seufzer

der Erleichterung entschlüpfte ihm, während er seine Hand aus der des

Sohnes zog.

„Gott sei Dank!“ sagte er leise.

Der Wagen rollte weiter. Die beiden Männer saßen lange schweigend

nebeneinander, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ernst

führte mit einer Bewegung, die ihm eigen war, oft die Hand zum Gesicht

und zupfte an einem weichen Bart.

Der Adjunkt bemerkte es; und, um durch einen Scherz das peinliche

Schweigen zu brechen, sagte er:

„Bald hast du überhaupt keinen Bart mehr zum Dranziehen.“ Ernst ließ

hastig die Hand sinken und lächelte gezwungen. „Das ist wahr!“ sagte er.

Und der Wagen rollte eine Anhöhe hinauf und vor ihnen lag Gammelby.

Hoch über den übrigen Gebäuden ragte der Turm der Domkirche.

Achtzehntes Kapitel

Die Ordination war nun auf Anfang Juni festgesetzt. Ernst Hallin,

Simonson und noch ein paar andere sollten zusammen in ihr Amt

eingesetzt werden, und gleich darauf sollte Ernst nach seiner neuen

Heimat, dem Pfarrhof von Sollösa, fahren.

Ernst Hallin sehnte sich nur noch danach, daß alles vorüber sein

möchte. Er hatte seinen Entschluß gefaßt und wußte, daß nichts ihn

mehr ändern konnte. Jetzt galt es nur noch, alles Zweifeln und Zaudern

von sich fernzuhalten, damit er Ruhe hatte, bis er allein war mit

sich selbst. Die Einsamkeit, das fühlte er, würde ihn heilen, ihn

weniger empfindlich, kräftiger machen und ihn vor allem lehren, sich

in demutvollem Genügen unter das Kreuz zu beugen, das der Herr ihm

auferlegt hatte. Er fühlte mehr und mehr die Überzeugung in sich, daß

der Priesterberuf gerade das war, was der Herr von ihm forderte, damit

er auf Erden Frieden finden möchte; und ohne zu fragen, ohne am Willen

des Herrn zu deuteln, wollte er treulich den schmalen, dornenvollen

Pfad wandeln, bis er nach seiner steilen und mühevollen Wanderung vor

der engen Pforte stehen würde, die zum Leben führt.

Nach dem letzten Ausbruch, als er und der Vater von dem alten Pastorat

heimgefahren waren, hatte er das Gefühl gehabt, als ob ein Teil seines

alten Menschen von ihm gewichen sei. Eine Art dumpfer Resignation

bemächtigte sich seiner, und er erkannte, daß in dieser Resignation die

Möglichkeit lag, das Leben, das ihn jetzt erwartete, zu leben. Keine

andern Hoffnungen, keine andern Gedanken und Interessen durften diese

Resignation verdrängen, die allein imstande war, ihn aufrechtzuhalten,

wie das Rettungsboot den Schiffbrüchigen über Wasser hält. Ganz und

ausschließlich mußte sie ihn beherrschen; keine unterdrückte Sehnsucht,

keine verwegene irdische Hoffnung sollte mehr ihre frischen,

gefahrvollen Winde über die stille See dieser Resignation blasen.

Er dachte auch selten an Eva Baumann. Sie war ihm nur noch eine

lockende Erinnerung, die keine Macht mehr über ihn hatte. Und er konnte

von ihr sprechen hören oder ihr auf der Straße begegnen, ohne daß er

errötete, ohne daß es seine Gemütsruhe störte.

Dagegen hatte er sich in letzter Zeit mehr und mehr zu Simonson

hingezogen gefühlt.

Simonson war so klar in allem, so klar und fertig. Er wußte Antwort

auf jede Frage, Widerlegung für jeden Zweifel. Seine Stimmung war

immer gleichmäßig, und Ernst fühlte sich nach einem Gespräch mit ihm

stets ruhiger. Wenn er einen Nachmittag lang ihm gegenübersaß und das

sichere Gesicht betrachtete, das so überzeugt schien, daß alles in

der Welt war, wie es sein sollte, und der scharfen Stimme lauschte,

die alle aufrührerischen Gedanken gleichsam zerkrümelte und ihn einen

klaren Blick in das ganze geordnete Gemeinwesen tun ließ, das seit

Jahrtausenden auf dem Grund des Christentums erwachsen war, da fühlte

Ernst ganz deutlich, auf welchen gefährlichen Abwegen er gewandelt war,

und er ging nach Hause, froh und gestärkt, voller Dankbarkeit gegen

Gott, der ihn aus den Irrgängen seiner eigenen Gedanken errettet hatte.

Es lag so viel Demut in all seiner Schwachheit, daß Pastor Simonson

sich oft ganz verlegen vorkam und fast zu stottern begann, wenn er vom

christlichen Sinn sprach, der alles duldet und alles erträgt.

Pastor Hallin · 第 14 / 17 段