„Also“, sagte der Professor, „dann geh hinein zu Gabrielle und sprich

mit ihr. Ich weiß, es ist eine kitzliche Geschichte. Und darum kann

auch nur eine Mutter sie in die Hand nehmen!“ schloß er voller List.

Dies letzte Argument bewegte die Professorin.

„Ich werd’s schon tun, Abel“, sagte sie. „Aber --“ und sie ballte

erbost die Hände -- „diese Sophie! Morgen muß sie mir aus dem Haus!“

„Meinethalben“, sagte der Professor. „Nur daß der Skandal nicht ärger

wird, als notwendig ist!“

Darauf ging er auf sein Zimmer und holte sich eine Extrazigarre aus dem

Wandschrank, die er sich zur Belohnung für den Sturm des Nachmittages

leistete. Er freute sich, daß die Sache so abgelaufen war. Er konnte

nur gar nicht begreifen, daß seine Frau ihm nicht noch mehr mit alten,

längst verjährten Geschichten gekommen war! Gewiß hatte sie es in der

Hitze des Gefechtes vergessen. Und er zündete sich umständlich seine

Zigarre an.

Als sich abends die Familie zum Essen versammelte, erschien Fräulein

Gabrielle nicht; und am folgenden Tag ward dem Professor der

unangenehme Auftrag zuteil, den Leutnant brieflich zu benachrichtigen,

daß man sich in Zukunft seine Besuche in der Familie verbäte.

Er schrieb an Gabrielle. Aber der Brief wurde ihm uneröffnet

zurückgeschickt.

Sophie hatte schon am Sonntag abend ihren rückständigen Lohn erhalten

und zum nächsten Morgen war ihr gekündigt worden.

Das Drama in der Familie des Professor Hallin war ausgespielt. Aber

das Gerücht machte doch die Runde in der Stadt, und trotz aller

Vorsichtsmaßregeln ließ sich die Sache nicht totschweigen. Die

Erbitterung gegen den armen Leutnant war so groß, daß er auf einen

ganzen Monat Urlaub nehmen mußte, damit die peinliche Affäre in

Vergessenheit geraten konnte.

Manche behaupteten, er wäre an jenem Abend betrunken gewesen und hätte

vor allen -- bei Tisch -- mit dem Dienstmädchen schön getan. Andere

behaupteten, es wären... Umstände ...... die ihre Entfernung dringend

forderten. Alle aber waren darin einig, die Professorin wäre eine

prächtige Frau, daß sie solche Energie entwickelt hätte, wo es galt,

ihre Tochter zu retten. Und alle hatten großes Mitleid mit Gabrielle.

Pastor Simonson sagte, sie trage ihr Unglück mit einer Ergebenheit,

die deutlich zeige, daß sie bei dem wahren Tröster Trost gesucht und

gefunden habe.

Professor Hallin überließ seiner Frau gern die Ehre der ganzen

Geschichte. Er fand sein Verhalten in der Sache recht wenig

„weltmännisch“, und der Beifall von Gammelby schmeichelte ihm nicht

sehr. Er wußte, hätte es nicht gegolten, Gabrielle zu retten, er hätte

über die ganze Geschichte bloß gelacht.

Aber als Frau Hallin ihrem Mann die Geschichte erzählte, sagte sie: „Es

kommt doch nicht bloß aufs Geld an in der Welt!“

Sechzehntes Kapitel

Es war ein sonniger Nachmittag Anfang Mai. Auf der Landstraße, die von

Gammelby zum See führte, rollte eine altmodische Kutsche, bespannt mit

zwei fetten Pastorengäulen. In der Kutsche saßen Ernst Hallin und sein

Vater. Sie waren auf dem Weg nach einem Pastorat, das zwei Meilen von

Gammelby lag und wo Ernst seine Laufbahn als Vikar antreten sollte.

Die Ordination war aufgeschoben worden, weil der Bischof krank und für

einige Monate außerstande war, sein Amt zu versehen. Es waren Ernst

zwei Stellen als Vikar angeboten worden, und er hatte wählen können.

Sobald er eingekleidet war, wollte er eine davon antreten. Es hatte

nicht geringe Verwunderung hervorgerufen, als er die Vikarstelle bei

dem alten Propst Boklund in Sollösa annahm. Alle Welt wußte, daß er

es bei Propst Baumann weit besser gehabt hätte, und der Adjunkt hatte

alles versucht, um ihn zu überreden. Aber in diesem Punkt war Ernst

unbeugsam, und so hatte man ihm schließlich seinen Willen gelassen. Die

Mutter zerbrach sich den Kopf darüber, was zwischen den zwei jungen

Leuten vorgefallen sein könne. Denn Ernst hatte seine Besuche bei Frau

Pegrelli ganz aufgegeben, und sie brachte natürlich seinen Entschluß

damit in Zusammenhang.

Ernst hatte sich nicht besonders verändert in dieser Zeit. Er war nur

gefühlloser oder, wie Frau Hallin sagte, ruhiger geworden. Zu Eva war

er eines Nachmittags gegangen, um sich zu verteidigen, war aber nicht

angenommen worden, und seither war er nicht wieder dort gewesen.

Aber er sah noch immer ihre Augen, wie er sie damals, als er auf der

Kanzel stand, auf sich gerichtet gesehen hatte. Ein Feuer brannte in

ihnen, das ihn noch jetzt versengte; jedesmal, wenn er daran dachte,

schoß ihm das Blut ins Gesicht; er hätte wer weiß was drum gegeben,

wenn er diese Augen hätte vergessen können. Aber noch konnte er es

nicht, und unaufhörlich klang es in ihm: „Das ist eine Feigheit, die

Sie da begehen, eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben rächen

wird“.

Ein Hohn lag in dem Blick, ein Hohn, der ihn schmerzte und folterte,

ein Hohn, dem er nicht entrinnen konnte, weil er tief in seinem Innern

ein Echo fand.

Vergessen konnte er nicht, nein, aber er hatte sich daran gewöhnt,

wie man sich an einen unbequem sitzenden Rock gewöhnt. Man sieht den

Fehler, aber man denkt nicht mehr daran, und man tröstet sich damit,

daß andere meist weniger kritisch sind, als man selbst.

So hatte Ernst gelernt, seine Schmach zu tragen, ohne mehr an sie zu

denken; und als er nach dem Ort hinausfuhr, wo er seine Wirksamkeit

im Dienste Gottes beginnen sollte, da war ihm fast froh zumut. Er

sehnte sich danach, endlich wegzukommen von allem, von der Stadt, der

Ordination, den Menschen, dem Vaterhaus, vor allem dem Vaterhaus, wo

man ihn ausfragte, ihn beobachtete, ihn umsorgte wie einen Kranken.

Er war noch magerer geworden als früher. Sein Blick hatte etwas

Scheues, als fürchte er sich, den Menschen ins Gesicht zu sehen; und

wenn er es tat, war sein Blick hart und undurchdringlich. Er hatte

auch ein paar Anfälle seines alten Leidens gehabt. Der Frühling ist

gefährlich für Lungenkranke, und der Frühling war dies Jahr zeitiger

gekommen als sonst. Er hatte das Wasser in den großen Strömen vertieft

und die Flößerei in Gang gebracht. Er hatte auf den Feldern den Schnee

geschmolzen, den Landmann an die Arbeit getrieben. Hatte die Luft lau

gemacht und die Erde erwärmt, und hatte blaue und weiße Leberblümchen,

Schneeglöckchen und Anemonen hervorgelockt. Die Zugvögel waren in den

Norden zurückgekehrt; an den Weidenbüschen schimmerte es golden. Und

die Luft war voll von Gesundheit und Leben, Frische und Wärme, Duft

und Vogelsang. Aber Ernst hatte den Frühling nicht gesehen. Er war

gekommen, ohne seine Sinne zu wecken. Er war an ihm vorübergegangen

und hatte ihn in seinen Träumen gelassen; und der junge Mann war

seines Wegs gegangen, müde und gebeugt, als stecke noch der Winter in

ihm. Nicht einmal die Vögel, die in den großen Ulmen vor der Kirche

zwitscherten, hatte er gesehen. Er ging jetzt auch selten mehr auf den

Platz vor der Kirche.

Als er jetzt auf der breiten Straße dahinfuhr, die sich auf dem

steilen Hang nordöstlich über den See von Gammelby windet, da fühlte

er zum erstenmal deutlich und bewußt den Duft von Erde, Wasser, Blumen

und neuerschlossenen Blättern, der im Frühling die Luft erfüllt. Er

holte tief Atem und schloß die Augen, als gedächte er der Gefühle und

Eindrücke vergangener Tage. Alles, was einst gewesen, schien ihm wie

ein Traum, ein qualvoller, schmerzlicher, langer Traum. Und er seufzte

auf, als wäre er eben erst erwacht, mit einem Seufzer der Erleichterung

und Befreiung.

Da merkte er, daß der Wagen über eine Brücke fuhr. Er sah auf und

erblickte ein niederes Brückengeländer, ein paar alte Tannen und einen

tiefen Graben, in dem das Eis geborsten war und das Wasser braun

einherschäumte. Eine Erinnerung wachte in ihm auf; eine Erinnerung,

vor der er gleichsam verging. Der Ernst Hallin, der einst hierstand

und diese selbe Landschaft betrachtete, der war ein Jüngling gewesen.

Der, der jetzt hiersaß, war ein alter Mann, der kaum mehr etwas mit dem

andern gemein hatte.

Er sah Eva, wie sie auf der Brücke stand, rosig, lächelnd, frisch wie

ein Wintertag. Ihre klaren Augen strahlten ihm entgegen, als wollten

sie ihm ein gesundes, kraftvolles, freudiges Leben bieten, ein Leben,

das von keiner Lüge oder Feigheit befleckt war.

Ihm war, als täte die Stelle ihm weh in den Augen; er schloß sie und

lehnte sich in den Wagen zurück.

Als er wieder aufblickte, ergriff ihn wieder das vorige Gefühl. Der

Frühling nahm ihn gefangen, und er überließ sich mit einer Art Wollust

dem Gefühl von Freiheit und Leben, das über ihn hereinflutete und ihm

Vergessenheit brachte. Das andere war wieder nichts als ein böser

Traum, der entschwunden war, und die rüttelnde Bewegung des Wagens,

die frische Luft, das muntere Traben der Pferde, das Peitschenknallen,

die Gegend, durch die sie fuhren -- alles gab ihm ein großes, fast

unbeschreibliches Gefühl von Ruhe, in dem alle Gedanken einschliefen.

Er fühlte sich körperlich müde von der Bewegung und der Luft, und er

genoß diese Müdigkeit wie ein Ausruhen.

Der Adjunkt hatte auf ein paar Tage Urlaub genommen. Er war heiter und

gesprächig und hätte am liebsten immerfort geschwatzt. Wieder einmal

hinaus aufs Land zu kommen, Landmilch zu trinken und Landluft zu atmen,

mit dem Propst von der Ernte reden und im Wald spazieren gehen, der um

das Pastorat lag, das war für ihn ein Vergnügen, das er nicht oft zu

kosten bekam.

Er hätte so gern recht heiter mit dem Sohn geplaudert. Aber er wagte

es nicht. Wenn der Sohn so gedankenvoll war, so fürchtete der Adjunkt

immer, er könnte ihn stören. Es war fast, als wäre ihm bang vor

etwaigen Entdeckungen, die er lieber nicht machen mochte. So saßen

Vater und Sohn nebeneinander, jeder in seiner Wagenecke, als wüßte der

eine nichts von der Gegenwart des andern.

„Merkwürdig, wie alles schon ausgeschlagen hat!“ sagte der Adjunkt

schließlich, gleichsam als Versuch, eine Unterhaltung in Gang zu

bringen.

„Ja, die Birken haben schon große Knospen“, antwortete Ernst.

Die Fahrt ging in gemütlichem Tempo. Es waren des Propstes eigene

Kutsche und des Propstes eigene Pferde, mit denen sie fuhren, und die

Pferde waren nicht gewöhnt, sich zu überanstrengen. Fett und glänzend

und braun standen sie winters und sommers in ihrem Stall und fraßen

ihren Hafer und ihr Heu. Mußten sie einmal eine Meile oder zwei laufen,

so ging der Propst immer erst selber in den Stall hinunter und fragte

Johann, ob sie in der letzten Zeit viel hätten laufen müssen, und wenn

Johann grade bei guter Laune war, so antwortete er: „Nein, sie können’s

schon leisten“. War er aber aus irgend einem Anlaß schlechter Laune,

so machte er alle nur möglichen Einwendungen. Entweder mußte das eine

Pferd frisch beschlagen oder der Wagen geschmiert werden, oder auch

hatte er einen ganzen Tag lang Wasser geführt und die Pferde mußten

rasten. Dann mußte der Propst parlamentieren und Johann gut zureden.

Denn Johann war schon lang auf dem Hof und hatte seinen eigenen Kopf.

Und in dieser Sache hatte er fast ebensoviel zu bestimmen, als der

Propst.

Diese Fahrt hauptsächlich war ihm ein Dorn im Auge. Der Propst hatte

nämlich angedeutet, er müsse am Sonntagabend wieder nach der Stadt

zurückfahren. Und Johann fand, das wären allzu große Umstände wegen

eines armen Vikars. Von so einem machte man doch sonst kein so großes

Wesen, meinte er. Der Propst hatte ihm ja freilich erklärt, der Vater

des jungen Pastors sei ein alter Freund von ihm, und er besuche ihn

nur auf seinen, des Propstes, ausdrücklichen Wunsch. Aber Johann hatte

diese Erklärung nicht gelten lassen. Er glaubte steif und fest, es

wäre nichts als eine Laune des neuen Vikars. Und darum fuhr er den

ganzen Weg in möglichst sachtem Tempo und ließ die Pferde jede kleinste

Steigung Schritt gehen. Als sie eine Meile gefahren waren, hielt Johann

mitten in einem Wald an und fütterte die Pferde.

„Es ist zuviel für sie, wenn sie zwei Tage hintereinander vier Meilen

machen müssen!“ sagte er.

Der Weg führte jetzt durch Waldgegend. Von den Tannen kam ein frischer

Duft und die Sonne schien warm auf das feuchte Moos unter den Bäumen.

Plötzlich brach Ernst das Schweigen.

„Bist du hier schon einmal gewesen, Papa?“ fragte er.

„Nein“, sagte der Adjunkt. „Aber ich habe dir ja gesagt, daß du nicht

zu Fremden kommst. Vor zeiten saß ein Bruder meines Großvaters hier

als Propst bis zu seinem Tod.“ Ernst seufzte. Es irritierte ihn stets,

wenn der Gymnasiallehrer von der Familie sprach, dieser entsetzlichen

Familie, der er zum Opfer gebracht wurde. Und eine unerklärliche Angst

bemächtigte sich seiner.

„Ist es noch weit?“ fragte er.

„Knapp eine Viertelmeile noch,“ lautete die Antwort vom Kutschbock.

Knapp eine Viertelmeile noch! Fünfzehn Minuten! Fünfzehn armselige

Minuten! Wenn sie vorüber waren, so würden sie dort sein. Er erinnerte

sich plötzlich, daß er vor ein paar Tagen beschlossen hatte, er wolle

hier auf diesem langen Weg, wo er so gut Zeit hatte, offen mit dem

Vater reden und ihm alles gestehen. Er blickte zum Wagen hinaus. Und er

fühlte, daß ihm die Kraft dazu fehlte. Und jetzt war die Zeit vorbei.

Ein großes von Wald umgebenes Ackerfeld lag vor ihm.

„Das gehört wahrscheinlich schon zum Pastorat. Dort zwischen den Bäumen

seh’ ich ein großes rotes Gebäude“, sagte der Vater.

Ernst blickte hinüber; gleichzeitig ertönte lautes Hundegebell. Der

Wagen fuhr durch ein offenes Gatter und hielt vor der Treppe eines rot

angestrichenen zweistöckigen Hauses mit weißen Ecken und Fensterrahmen.

Auf der Schwelle stand ein kleiner alter Mann mit rötlichem Gesicht

und einem Filzhut auf dem Kopf und begrüßte sie. Die Hunde verstummten

sogleich. „Willkommen“, sagte der kleine Mann. Und seine kleinen, etwas

schrägstehenden Augen blinzelten freundlich. „Willkommen bei uns in

Sollösa!“

Auch seine Beine standen ein bißchen schräg; er bewegte ungeschickt

die Hände und hustete oft. Fast nach jedem zweiten Wort kam ein kurzes

Husten, das klang, als bäte er um Entschuldigung, daß er geboren sei.

„Julie,“ rief er ins Haus, „sie sind da!“

Eine stattliche, ziemlich dicke Dame zeigte sich in der Tür. Sie ging

den Herren lächelnd entgegen und reichte ihnen der Reihe und Ordnung

nach eine weiße, fette Hand mit langen Fingern. Wie sie so neben dem

kleinen Propst stand, sah er noch kleiner aus als vorher und sie noch

größer.

„Treten Sie ein“, sagte sie und ging den Herren voraus. „Bitte, treten

Sie doch ein!“

Und sie traten ins Haus, während der Wagen langsam dem Stall zu rollte.

Es lag eine eigentümliche Stille über dem alten Haus, eine Stille, die

aus dem Hause selbst zu kommen schien und sich von da über den ganzen

Hof, die Nebengebäude, bis zu den Feldern und dem Wald hin verbreitete.

Sie lag und brütete gleichsam hinter den dichten Gardinen und grünen

Holzjalousien, schlich sich von da in die Küche, wo nie die Kasserollen

rasselten, wo die Mädchen nie keiften, hinaus in den Stall, in dem die

fetten Pferde friedlich ihren Hafer kauten, während große Fliegen sie

schläfrig umsummten. Stille lag schwer und schläfrig über dem alten

Obstgarten, wo die Äpfel-, Birn- und Pflaumenbäume im Herbst voll von

Obst standen, das in Stille gereift war, über fetten Gemüseländern, wo

im Sommer Erbsen wuchsen und Kohl, große runde Kohlköpfe, und wo der

alte Johann das Regiment führte, während die Pferde einsam kauend im

Stall standen.

Bis zum Viehstall hin breitete sich die Stille. Die Kuhmagd sang

nicht, wenn sie melkte, sie schrie nicht durch den Wald, wenn sie die

Kühe zusammentrieb, sondern diese kamen ganz von selber, fromm und

sittig, stellten sich am Gatter auf und ließen geduldig ihre vollen

Euter in den dampfenden Kübel leeren. Still standen sie auch im Stall,

wedelten in einförmigem Takt mit den Schwänzen, kauten melancholisch

das trockene Heu oder lagen wiederkäuend da und starrten mit großen

glänzenden Augen nachdenklich die Holzbalken der Decke an. Sogar der

Stier schien sich das Brüllen abgewöhnt zu haben, und wenn ab und zu

ein Hahn krähte, so klang das so störend schrill in die allgemeine

Stille hinein, daß die Propstin von ihrem Stuhl im Wohnzimmer, wo sie

saß und häkelte, auffuhr und sich die Ohren zuhielt.

Ebenso still ging es draußen auf Feld und Wiese zu. Die Knechte schrien

die Ochsen, die am Pflug gingen, nicht an, und ein Fluch wäre hier

ebenso undenkbar gewesen wie ein Mord. Schweigsam und ruhig zogen sie

an den Zügeln, oder gebrauchten ärgerlich und wortlos die Peitsche; und

die geduldigen Tiere beugten den Nacken unter dem Joch und zogen den

Pflug durch die langen graden Furchen oder die Holzfuhre vom Wald heim

oder die Heuwagen vor die Tür der großen, geräumigen Scheuer.

Denn dies Haus war ein heiliges Haus, und die darinnen wohnten, waren

Diener des Herrn. Es lag keinerlei Heuchelei in ihrer Frömmigkeit; sie

hatte nur dem ganzen Pastorat ein Gepräge aufgedrückt, als wären das

Haus und seine Bewohner nicht von dieser Welt; und wenn die Bauern

etwas mit dem Propst zu reden hatten und durch das grüne Gatter traten,

so gingen sie immer mit sachten, zögernden Schritten über den Hof, und

mancher gebeugte, grauhaarige Alte zog auf der Treppe die schweren

Schuhe aus, eh er es wagte, vor die weiß angestrichene Türe zu treten,

die sich so still in ihren wohlgeölten Angeln drehte.

Im Wohnzimmer mit seinen weißen Läufern, überzogenen Möbeln und halb

herabgelassenen Gardinen saßen jetzt Ernst Hallin und sein Vater mit

dem Propst, während die Propstin in der Küche ihre Befehle gab. Die

drei Herren warteten auf das Mittagessen; sie schwiegen so lang,

daß man das Ticken der alten Standuhr zählen konnte, die auf der

Marmorplatte vor dem hohen Wandspiegel stand.

„Ja, es ist still und ruhig hier“, sagte der Propst endlich. „Aber der

Friede des Herrn wohnt bei uns.“

Kaum ein Geräusch war im ganzen Haus vernehmbar. Durch die geschlossene

Eßzimmertür drang nur ein undeutliches Klappern von Tellern, die leise

aufeinander gestellt, und von Silber, das auf das Tischtuch gelegt

wurde.

Der Propst hustete; denn keiner von den Herren antwortete.

„Hier wohnt der Friede des Herrn!“ sagte er ein zweites Mal. Der

Adjunkt beeilte sich, die Worte durch ein Kopfnicken zu bekräftigen;

Ernst hob die Gardine ein wenig und sah auf den Hof hinaus.

Vier Hunde lagen da und wärmten sich in der Sonne. Es waren zwei

Hühnerhunde und zwei kolossale Hofhunde, von jeder Sorte ein Paar.

„Ja, die bewachen das Haus“, sagte der Propst und hustete. „Es ist nur

schwer, ihnen das Bellen abzugewöhnen.“

„So“, sagte Ernst und fuhr fort, hinauszusehen. Der Adjunkt und der

Propst fingen eine Unterhaltung über die letzten Veränderungen im Stift

an.

Ernst beobachtete inzwischen, wie der Hühnerhund dalag und die große

Hündin anblinzelte. Aber er wagte sich augenscheinlich nicht an sie,

weil er vor dem großen Hofhund Angst hatte.

Die große Hündin blinzelte zurück; zuletzt erhob sie sich, gähnte

laut auf, streckte sich und verschwand gemächlich hinter dem einen

Nebengebäude.

Jetzt erhob sich auch der Hühnerhund, warf einen forschenden Blick

auf den anscheinend schlafenden Hofhund, gähnte, streckte sich und

verschwand ebenfalls hinter demselben Nebengebäude, aber in der

entgegengesetzten Richtung.

Die verlassene Hühnerhündin und der große Hofhund lagen jetzt einsam

auf dem sandigen Hofplatz.

Der Hofhund hob langsam den Kopf und blickte sich um. Er knurrte, das

Fell sträubte sich auf dem kraftvollen Rücken, und mit majestätischen

Schritten verschwand auch er hinter dem Nebengebäude, auf derselben

Seite wie die Hündin.

Mit einer gewissen Spannung wartete Ernst auf den Tumult, der jetzt

gleich die quälende Stille unterbrechen mußte.

Aber es entstand kein Tumult. Der Hühnerhund und die große Hündin kamen

mit hängenden Ohren jedes von seiner Seite des Nebengebäudes und legten

sich auf ihre alten Plätze in den Sand, gähnten und blinzelten ins

Leere, als hätten sie nie andere als die allerunschuldigsten Absichten

von der Welt gehabt.

Zuletzt kam auch der große Hofhund wieder, einsam und majestätisch, und

legte sich auf seinen Platz vor der Treppe. Einmal noch hob er den Kopf

und knurrte den Hühnerhund an. Dann glättete sich das Fell auf seinem

Rücken, der Kopf sank zwischen die gewaltigen Vordertatzen und die

Augen schlossen sich.

Ernst unterdrückte ein Lachen.

„Beißen sie sich nie?“ fragte er und errötete selbst über seine

kindische Frage.

„Nein“, erwiderte der Propst und schüttelte den Kopf. „Die beißen sich

nie.“

Wieder hörte man das gleichmäßige Ticken der Uhr durch die Stille.

Von der Eßzimmertür zum Fenster lief ein langer Streifen von

Staubwirbelchen, die in allen Regenbogenfarben spielten.

Nun öffnete sich leise die Tür; ein Dienstmädchen in schlichter

Kleidung mit glattgestrichenem Haar verkündete, das Essen wäre bereit.

Im Speisezimmer wartete die Propstin und bat die Herren, vorlieb

zu nehmen. Neben ihr stand eine kleine, dicke Blondine mit blauen

schläfrigen Augen und zartem Teint, die sie als „meine Tochter“

vorstellte. Sie sprach während der ganzen Mahlzeit kein Wort, aß aber

von allen Gerichten; und wenn die andern sich unterhielten, faltete sie

die kleinen fetten Hände im Schoß, starrte die Wand an oder senkte den

Kopf, daß, wo das schwarze Kleid sich um den weichen Hals schloß, eine

kleine Speckfalte entstand.

Der Propst ging zu ihr hin und strich ihr übers Haar.

„Was hast du gemacht heut, Amelie?“ fragte er.

„Ich habe meine neuen Taschentücher gesäumt“, antwortete Amelie und

warf von der Seite her einen Blick auf die Gäste.

„Das ist recht, mein Kind“, sagte der Propst. „Es ist des Herrn Wille,

daß wir arbeiten sollen!“

Der Propst schenkte die Schnapsgläschen voll und die Mahlzeit nahm

ihren Anfang.

Gottes Gaben waren reichlich vorhanden, vier volle Gerichte und ein

reicher Butterbrottisch. Es gab zweierlei Wein, Rotwein und Sherry. Und

zum Fleisch trank man Bier.

Man aß viel und redete wenig. Teller wurden gebracht und wieder

abgenommen, Platten umhergereicht, Wein und Bier ward eingeschenkt.

Still und vorsichtig bewegte sich das Mädchen mit dem glattgekämmten

Haar und dem schlichten Kleid um den Tisch. Niemand lachte oder stieß

mit seinem Nachbar an. Jeder trank sein Glas aus und aß seinen Teller

ab, ohne dem andern auch nur einen Gedanken zu schenken. Ab und zu

ward die Stimme des Propstes oder der Propstin laut, die die Gäste

aufforderten, doch mehr zu essen.

Nach dem Essen verschwand der Propst auf ein Weilchen, und die Gäste

blieben mit den Damen allein, bis der Kaffee serviert wurde.

„Samuel ist so an sein Mittagsschläfchen gewöhnt!“ sagte die Propstin

entschuldigend. „Er sagt, es sei nötig zur Verdauung.“

Der Abend schleppte sich langsam und einförmig hin. Die Herren gingen

mit dem Propst auf sein Zimmer, um eine Zigarre zu rauchen. Später

mußte Amelie singen. „Amelie singt wirklich reizend“, sagte die

Propstin. Sie sang Heines leidenschaftliche Lieder in der Schumannschen

Musik, und sang sie vollständig ausdruckslos und rein, ohne zu wissen,

was sie sang. Der Propst und die Propstin hörten andächtig zu. Der

Propst hatte die Hände gefaltet.

„Im wunderschönen Monat Mai.“

„Ach ja, Musik ist eine herrliche Gabe Gottes!“

Nachdem man zu Abend gegessen hatte, versammelten sich alle

Hausbewohner in dem großen Speisezimmer. Dort waren Stühle aufgestellt

und Amelie ging von einem zum andern und teilte Choralbücher aus. Die

Propstin brachte ihrem Mann, der im Schaukelstuhl saß, ein paar alte

Bücher; und er hustete und las seinen Leuten aus der Bibel vor. Dann

betete er, Gott möge das ganze Land schützen, insbesondere das Pastorat

zu Sollösa. Die ruhigen Knechte und Mägde hielten die Hände vors

Gesicht, während der Propst das Vaterunser und den Segen sprach.

Eine Stunde später schlief das ganze Haus. Stiller als vorher konnte es

kaum sein. Nur der Hofhund und seine Hündin wachten mit einem Auge je

an einer Seite der Treppe.

Dem Adjunkten Hallin und seinem Sohn war ein Gastzimmer im ersten Stock

angewiesen worden. Zwei hochaufgebauschte Betten standen da mit weichen

Polstern und Federkissen.

Und in Ernst erwachte eine Erinnerung. Er gedachte seiner

Studentenjahre in Upsala, der guten Jahre bei Fräulein Lund. Als er

einschlummerte, hatte er eine leise Empfindung von Lavendelduft.

Pastor Hallin · 第 13 / 17 段