Der Adjunkt selber blickte schweigend vor sich nieder. Er dachte an

seine Toten, seinen Vater und dessen Brüder, an seinen alten Großvater,

den er als kleiner Knabe noch gekannt hatte. Er erinnerte sich so

gut noch seiner schwarzen Strümpfe und Kniehosen, er entsann sich,

wie zierlich und schmuck er, auf den alten Stock mit der goldenen

Krücke gestützt, durch die Straßen gegangen war. Er fühlte, jetzt kam

die Familie wieder ins rechte Geleise. Die alten Traditionen würden

wieder aufleben, und in ihrem Schatten würde sein Sohn in Frieden leben

und wieder sammeln, was die letzte Generation verschleudert hatte.

Mit einem Seufzer dachte der Adjunkt daran, wie er selbst es hätte

haben können, wenn er nicht seiner unglückseligen Lust zum Studieren

nachgegeben hätte. Die alten Sprachen, die waren es, die hatten ihn

zugrunde gerichtet, die hatten ihn ins Studium hineingelockt und ihm

ein Leben in der Schulstube aufgezwungen, in dem er nicht einmal

mehr Zeit gehabt hatte, seiner alten Liebe nachzugehen. Wäre er

Pastor geworden, ja, das wäre ein ganz ander Ding gewesen. Da hätte

er zwischen den Sonntagen gut Zeit gehabt, sich in seine geliebten

alten Klassiker zu vertiefen. Mit einer Pfeife im Mund hätte er

nachmittagelang in seinem behaglichen Studierzimmer sitzen und in

ländlicher Ruhe die alte Studienzeit wieder und wieder durchleben

können, bis der Tod ihn zu seinen Vätern versammelt hätte. Jetzt würde

er sich auf seine alten Tage nur über den Sohn freuen können, und in

das Gefühl dieser Vaterfreude mischte sich ganz unwillkürlich ein

Seufzer über sein eigenes Leben.

Und zu denken, daß er ohne Geldsorgen hätte leben können, wenn er es

nur verstanden hätte! Nur daran zu denken!

Und dem Adjunkt wurden die Augen feucht, während er sie aufschlug und

scheu über die Versammlung hinblickte, um zu sehen, was man von seinem

Sohn dachte.

Da fühlte er neben sich eine Hand, die nach seiner tastete, und er

drückte diese Hand und nickte gerührt auf seine Frau herab, die über

das Taschentuch, das sie vors Gesicht hielt, um ihr Schluchzen zu

unterdrücken, zu ihm aufschaute. Er war voller Dankbarkeit für diese

arbeitsame Hand, die so treu und unablässig tätig war und nie vergaß,

die seine zu suchen. Er hustete ein bißchen, drückte nochmals die Hand

seiner Frau und nahm dann die Brille ab, um sich die Augen zu wischen.

Dann schneuzte er sich laut und blickte mit klaren Augen um sich.

Frau Hallin beugte sich, sobald die Predigt aus war, auf ihrem Sitz

vor und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie betete alle Gebete nach

Schluß der Predigt mit dem Sohn; ihre Lippen bewegten sich eifrig.

Die Worte waren dieselben, wie immer, aber ihre Gedanken gingen ihren

eigenen Weg; sie betete nicht die gewöhnlichen Gebete für den König,

die Kriegsmacht, sie betete für ihren Sohn, betete aus ganzer Seele und

legte in das Gebet all ihre Liebe für ihr Kind, das sie auf den Armen

getragen, um das sie gebangt und gesorgt hatte, sein ganzes Leben lang,

seit er als schwaches, kränkliches Knäblein an ihrer Brust gelegen

hatte, und der sie heute so glücklich machte, wie sie kaum je gewesen

war. Sie hatte keinen Gedanken für sich selber, nur ein einziges großes

Gefühl von Ruhe und Seligkeit; und sie dankte ihrem Gott.

Dann nahm sie die eine Hand vom Gesicht und legte sie in ihres Mannes

Hand. Und als der erste Vers des Chorals gesungen war, richtete sie

sich auf und versuchte mitzusingen. Die Buchstaben sah sie nicht; aber

sie wußte die Worte auswendig. Als der Gesang aus war, erhob sich der

Bischof und ging in die Sakristei.

Eine aber war da, die während der ganzen Predigt einen kalten, fast

strengen Ausdruck gezeigt hatte. Diese eine war Eva Baumann. Sie saß

die ganze Zeit über und fixierte den jungen Pastor. Es war ihr ganz

unbegreiflich, wie dieser selbe Mann, der noch vor zwei Tagen seiner

selbst so unsicher, so von Zweifeln zerrissen gewesen war, jetzt so

ruhig und sicher reden konnte, daß eine ganze Gemeinde ihm lauschte und

seinem Wort vertraute. Sie wog jedes Wort, das er sagte; und es war

nicht allein des Bischofs Antlitz, das sich umwölkte, als Pastor Hallin

von des Herrn Anforderungen an die sprach, zu denen er in Wahrheit

sagen konnte: Weide meine Lämmer! Ihr war, als hasse sie diesen Mann,

hasse und verachte ihn so tief, wie keinen andern auf der Welt. Als er

später von Gottes Barmherzigkeit sprach, da konnte Fräulein Eva ein

kleines böses Lächeln nicht unterdrücken. Denn sie stellte in der Tat

hohe Anforderungen -- in allen Lebensverhältnissen. Und als er Amen

sagte, da klang das Wort in ihren Ohren so falsch, daß es ihr förmlich

weh tat. Sie beugte nicht das Haupt, als die Gebete gelesen wurden,

sondern blieb aufrecht sitzen und sah den Pastor an und freute sich,

daß er es bemerkte. Denn sie wußte, er mußte ihre Gedanken verstehen!

Ehe der Schlußchoral gesungen war, ging sie hinaus und direkt nach

Hause. Sie mochte nicht antworten auf Fragen, wie ihr die Predigt

gefallen habe.

Als der Segen gesprochen und der letzte Vers verklungen war, traten

auch der Adjunkt und seine Frau aus der Kirchentür. Draußen auf dem

freien Platz ergriff Frau Hallin ihres Mannes Arm, und Arm in Arm

schritten die Gatten durch die Menschenmenge, die aus der Kirche

strömte. Sie wollten es beide vermeiden, sich umzusehen; aber sie

konnten es doch nicht lassen. Die Versuchung, zu sehen, wie andere

am Erfolg des Sohnes teilnahmen, war zu groß. Sie folgten dem großen

Strom der Kirchenbesucher, statt, wie sie gewollt hatten, in einen

der Nebenwege abzubiegen, begrüßten erst ein paar Bekannte, dann noch

ein paar. Auf dem Wege aus der Kirche schickte es sich ja nicht, so

heranzustürzen und zu gratulieren. Aber Freunde und Bekannte drückten

ihnen im Vorbeigehen die Hand, und alle warfen ihnen bedeutungsvolle

Blicke zu und lächelten sie an. Jetzt kamen ihnen der Professor Hallin

und seine Frau entgegen. Verwandte konnten einen auch an einem solchen

Tag von der Kirche heimbegleiten. Eigentlich war die Begegnung der

Mutter im Innersten unangenehm. Die Schwägerin war nicht der Mensch,

den sie in diesem Augenblick gern sehen mochte. Aber es ließ sich nun

einmal nicht vermeiden, und sie mußte sich in ihr Schicksal fügen.

Auch die Professorin empfand etwas wie Unbehagen, als sie ihren

Verwandten entgegenging. Sie wußte, sie konnte sich nicht in dem

religiösen Stil ausdrücken, den Frau Hallin mochte, und sie hätte es

doch so gern getan. Es reizte sie, daß die Schwägerin sie so gering

achtete, als ob sie nicht grade so gottesfürchtig wäre, wenn sie auch

nicht reden konnte wie ein Buch.

„Liebe Ebba!“ sagte sie und drückte der Schwägerin die Hand. „Wie

glücklich mußt du sein! Das war wirklich Gottes Wort, was wir heute

gehört haben!“

Der Professor nahm seinen Bruder beiseite, und die beiden Herren gingen

voraus.

Frau Hallin drückte ihrer weltlichen Schwägerin die Hand, so warm sie

konnte; aber ihr danken -- das war unmöglich.

„Möchte er seinen Erfolg doch in der rechten Weise aufnehmen!“ sagte

sie.

Aber ihre Stimmung war gestört; und als sie sich von Professors

verabschiedet hatte und am Arm ihres Mannes den kurzen Weg nach Hause

ging, dachte sie mehr an die Schwägerin als an den Sohn. Und sie warf

sich selber vor, daß sie sich von den kleinen Widerwärtigkeiten des

Lebens beeinflussen ließ.

Als Ernst Hallin in die Sakristei trat, hatte er zuerst nur ein Gefühl

der Scham. Er konnte gar nichts anderes denken, als daß alle Menschen

ihn durchschaut haben müßten, gesehen, was für ein Zweifler er war.

Und dennoch hatte er nicht gezittert. Klar und deutlich hatte er alles

ausgesprochen -- all das, was ihm und seinem Leben das Urteil sprach.

Ganz in Gedanken trat er vor den Spiegel. Er betrachtete sein Gesicht,

und etwas wie Mitleid mit sich selbst überkam ihn. Ein forschender

Blick kam in seine Augen, als suche er nach irgendeinem Zug, der seine

geheimen Gedanken verraten könnte. Da öffnete sich die Tür und der

Bischof trat über die Schwelle. Hoch und gebieterisch, den Rock bis

an den Hals zugeknöpft, das Käppchen auf dem kahlen Scheitel, stand

er da und betrachtete den jungen Geistlichen. Etwas Drohendes lag in

seiner Erscheinung, fand Ernst. Und die Kehle ward ihm ganz trocken vor

Schreck.

Jetzt kommt das Urteil! dachte er. Und gleichzeitig empfand er eine Art

dumpfer Ruhe. Es war ihm alles im Grunde so gleichgültig. Mochte denn

kommen, was kommen wollte.

Er sah auf und begegnete dem Blick des Bischofs.

Der war aber ganz klar und ruhig, und Ernst glaubte sogar Zufriedenheit

darin zu lesen.

„Ich wollte Ihnen Glück wünschen!“ sagte der Bischof. Und er streckte

seine Hand aus und schüttelte die des jungen Geistlichen.

„Solche junge Kräfte können wir brauchen -- wir brauchen sie, um den

Kampf gegen all das Schlimme zu führen, das sich in unserer Zeit regt.“

Es dauerte eine Weile, ehe Ernst Hallin sich von seiner Überraschung

erholte. Aber nach und nach begriff er doch, daß er sich über die

Absichten des Bischofs getäuscht hatte. Er begriff, daß er einen Erfolg

gehabt hatte, daß dieser Tag für ihn ein Tag des Triumphes war, und daß

der, der ihm das jetzt sagte, der Oberste im ganzen Stift war.

Er verbeugte sich tief; eine lebhafte Röte färbte seine Wangen. Fast

gegen seinen Willen überschlich ihn ein Gefühl der Befriedigung, fast

des Stolzes. Er begann, sich selber über die Antipathie zu wundern,

die er erst gegen den Bischof gehegt hatte. Der war ja ein so guter,

freundlicher Mensch, gar kein „Prälat“, zum mindesten nicht hier, unter

vier Augen.

Er sah auf und begegnete wieder dem Blick des Bischofs, der

durchdringend auf ihm ruhte.

„Sie sind wahrscheinlich recht müde, Herr Kandidat“, sagte der Bischof.

„Sonst möchte ich gern ein paar Worte über die Predigt sagen!“

Er setzte sich und machte eine Handbewegung, die den andern

aufforderte, Platz zu nehmen.

„Da war eine Stelle in Ihrer Predigt, Herr Kandidat,“ begann er,

„die mich zuerst beunruhigte. Das war, als Sie von den Anforderungen

sprachen, die an die Ehrlichkeit der Diener Gottes gestellt werden.

Sie waren streng, Herr Kandidat, die Jugend ist immer streng; und

das schadet auch nichts, wenn man es nur in der rechten Art ist. Man

muß sich, sagten Sie, ehe man sich entschließt, ein Verkünder des

Gotteswortes zu werden, genau bedenken, ob man den Herrn mehr liebt als

jene. Mit ‚jenen‘ meinten Sie die andern Menschen, Herr Kandidat. Das

ist ganz richtig gesagt. Aber was die Hauptsache ist in unserer Zeit

-- man darf die Menschen nicht von der Kirche, vom Dienst der Kirche,

zurückschrecken. Es wäre z. B. eine übertriebene Gewissenhaftigkeit,

wenn ein junger Mann, der sich dem Herrn weihen will, davon abstünde,

weil er sich in seiner Jugend seines Glaubens nicht so ganz sicher

fühlt, daß er ohne Bedenken den Priestereid schwören kann. Glauben Sie

mir, Herr Kandidat, viele von denen, die heute zu den Ersten der Kirche

gehören, sind mit Furcht und Zittern in ihren Dienst getreten. Aber es

ist etwas Großes, die Gewißheit, daß der Herr dem, der ihm dient, Kraft

verleiht.“

Ernst fühlte sich jammervoll gedemütigt und klein. Es kam ihm vor, als

ahne der Bischof doch etwas von dem, was in ihm vorging, und als er in

das herrische Gesicht blickte, hatte er die Vorstellung, daß da der

Versucher vor ihm saß, der Macht über ihn hatte. Er fühlte selbst, wie

er sich vor diesem kalten Blick beugte. Und doch hätte er gleichzeitig

am liebsten widersprochen, hätte frei herausgeredet, laut und offen

erklärt, daß das falsch sei. Es brannte geradezu in ihm. Aber er

schwieg, und in ihm erwachte aufs neue das alte Gefühl feindseligen

Mißtrauens.

Er erwiderte nichts, sondern senkte nur schweigend das Haupt. Und

der Bischof dachte bei sich selbst, daß hier der Same zu einem guten

Arbeiter im Weinberge des Herrn läge. Aber noch war dieser Geist stolz

und mußte gebrochen werden, noch waren seine Gedanken unstet und

bedürften der Beruhigung; darum mußte er fort -- irgendwohin, wo er

sich sammeln konnte. Am liebsten aufs Land, wo er volle Ruhe hatte.

Der Bischof lächelte und nahm seinen Hut.

„Ich sehe, Sie sind müde, Herr Kandidat“, sagte er. „Sie sehen blaß

aus. Wie steht’s mit Ihrer Gesundheit?“

„Ich habe immer eine schwache Brust gehabt“, sagte Ernst.

Beide Herren erhoben sich. Der Bischof lächelte freundlich und klopfte

dem jungen Mann väterlich auf die Schulter.

„Wir müssen irgendeinen ruhigen Platz auf dem Land für Sie ausfindig

machen. Das wird Ihnen körperlich gut tun -- und auch seelisch“, fügte

er hinzu.

Ernst versuchte einen Dank hervorzustottern; aber die Worte wollten ihm

nicht über die Lippen. Der Bischof schüttelte ihm ruhig die Hand und

ging.

Als Ernst allein war, zog er hastig den Überzieher an und eilte hinaus,

um heim zu kommen, ehe die Leute aus der Kirche strömten.

In seinem Zimmer setzte er sich ans Fenster und blickte auf den

Domplatz hinab. Die Glocken fingen an zu läuten, Menschen gingen in

Scharen, lebhaft plaudernd, unter den hohen Bäumen hin, und auf den

schmelzenden Schnee schien warm die Sonne.

Lange blickte er auf die Aussicht, die er so wohl kannte. Wie oft hatte

er diese selben Menschen in ganz derselben Weise so daherkommen und auf

der Straße um die Ecke verschwinden sehen. Jetzt sprachen die alle von

ihm. Er zog sich vom Fenster zurück, hinter die Gardine, damit niemand

ihn sehen sollte. Aber er fuhr fort, hinauszuschauen, als wolle er

gierig nachzählen, wie viele von seinen Bekannten da wären.

Da sah er Vater und Mutter, die vom Onkel und seiner Frau Abschied

nahmen und dann unter dem Fenster, wo er stand, vorübergingen. Sie

blickten suchend herauf. Und Ernst trat hastig ins Zimmer zurück. Er

hielt den Atem an und lauschte.

Jetzt traten sie unten ins Haus. Es war ganz still; er wußte, daß sie

ihn suchten.

Zuletzt hörte er des Vaters Stimme auf der Treppe: „Bist du droben?“

Und dann Schritte, die sich näherten.

Die Tür ging auf und die Eltern traten ein. Beider Gesichter strahlten;

der Mutter sah man es an, daß sie geweint hatte.

„Warum bist du denn hier?“ fragte sie. „Allein, wie gewöhnlich. Wir

haben drunten überall nach dir gesucht.“

Sie umarmte ihn, während ihr die Tränen aus den Augen strömten.

„Laß mich dich ansehen“, sagte sie. „Ich kann es noch gar nicht fassen!“

Nach ihr kam die Reihe an den Vater.

„Du hast deinen Eltern eine große Freude gemacht, mein Junge. Gott

segne dich!“

Und die Hand, mit der er die des Sohnes drückte, zitterte.

Ernst fühlte sich ganz unbeschreiblich glücklich. Fast kamen ihm

Zweifel, ob er auch an dies Glück glauben dürfe. Aber vor allem

brauchte er Ruhe, er mußte wenigstens ein paar Augenblicke ungestörte

Ruhe haben. Die Freude der Eltern machte ihn seiner selbst so sicher.

Als die erste Erregung sich etwas gelegt hatte, fragte die Mutter:

„Nun, und was hat der Bischof gesagt?“

„Der Bischof war sehr zufrieden“, erwiderte Ernst.

Und der Adjunkt seufzte erleichtert auf.

Fünfzehntes Kapitel

Professor Hallin hatte nach der Entdeckung im Vorzimmer einen harten

Kampf mit seiner natürlichen Gutmütigkeit zu bestehen, ehe er sich dazu

entschloß, unter diesen Verhältnissen dem ihm verhaßten Schwiegersohn

denn doch den Abschied zu geben.

Einerseits schämte er sich gewissermaßen bei dem Gedanken, daß er zu

seiner Frau von dieser Entdeckung sprechen sollte. Denn er war sich

wohl bewußt, daß er keineswegs derjenige war, der das Recht hatte,

den ersten Stein zu werfen; und wäre sein Schwiegersohn ein Kerl

gewesen, den er hätte leiden mögen, ein frischer, tüchtiger, strammer

Kerl, und die Professorin hätte etwa die fatale Entdeckung gemacht

und sie zu einem Bruch ausnützen wollen, so würde der Professor

zweifellos geantwortet haben: „Lieber Schatz, warum soll man das

Mädel damit beunruhigen? Nimm dir den Jungen unter vier Augen vor

und lies ihm ordentlich die Leviten, wenn du willst. Aber mach’ um

Gottes willen keinen Skandal. Die ganze Sache ist nichts weiter als

eine Bagatelle, über die man nur lachen kann. Du bist doch selber

lang genug verheiratet, und müßtest dich auf die Männer verstehen!“

Außerdem fürchtete der Professor auch ganz im Ernst das Gerede, das die

Geschichte in Gammelby herausfordern würde.

Aber andrerseits dachte der Professor doch, wenn er seine Tochter

auf irgendeine Art davor bewahren könnte, ihr Leben lang an diesen

widerwärtigen Menschen gekettet zu sein, an den sie ihr junges,

vielleicht nicht ganz unschuldiges Herz gehängt hatte, so wäre es

wohl der Mühe wert, daß man darum einen kleinen Skandal aushielte.

Und schließlich -- er wollte gern sein Gewissen mit ein bißchen

Jesuitenmoral beschweren, wenn er nur diesen verwünschten Leutnant

zukünftig nicht mehr zu sehen brauchte.

So wartete er denn auf eine Gelegenheit, diese ernsthafte Unterredung

mit seiner Frau anzuschneiden. Es sah aus, als ließe sich diese

Gelegenheit recht schwer finden. Denn zwei volle Tage vergingen, ohne

daß der Professor auch nur eine Andeutung hätte anbringen können;

und inzwischen kam und ging der Leutnant nach wie vor im Hallinschen

Haus ein und aus. Es war seltsam -- sooft der Professor von der Sache

anfangen wollte, blieb ihm das Wort im Halse stecken. Denn er hörte

schon im Geist die Anspielungen, die seine Frau anläßlich dieser

heiklen Geschichte machen würde.

Am Sonntag kam der Leutnant, wie gewöhnlich, zum Essen; und dem

Professor machte es ordentlich Vergnügen, während des Essens die

aufgeregte Miene des Zimmermädchens zu beobachten, wenn sie servierte.

Der Leutnant dagegen war heiter und unbekümmert und saß, sooft er nicht

Löffel oder Gabel in Gebrauch hatte, mit Gabrielles Hand in seiner am

Tisch. Nach dem Essen zog Gabrielle ihren Axel mit sich in den kleinen

Salon, wo sie vor dem Kaffee ihr Schäferstündchen miteinander feierten.

Der Professor blickte ihnen ergrimmt nach.

„Heute muß es sein!“ dachte er. „Heute oder nie!“

Glücklicherweise war der Leutnant nachmittags nicht frei und

verabschiedete sich zu des Professors Freude zeitig; und Gabrielle,

die jeden derartigen selbständigen Schritt seitens ihres Leutnants

als eine persönliche Kränkung empfand, zog sich augenblicklich in ihr

Zimmer zurück, wo sie sich aufs Sofa setzte, ihr Taschentuch zerbiß und

schmollte. Nicht einmal einen Kuß hatte sie ihm gegeben, als er ging.

Und er war trotzdem gegangen. Und das ärgerte sie.

Die Professorin begriff nicht, weshalb ihr Mann im Wohnzimmer sitzen

blieb, statt, wie gewöhnlich, auf sein Zimmer zu gehen; sie dachte

eben darüber nach, wie sie ihm ein paar freundliche Worte für diese

Aufmerksamkeit sagen sollte, als der Professor ganz plötzlich aufstand

und sich neben sie aufs Sofa setzte. Sein Gesicht zeigte einen

ungewöhnlich feierlichen Ausdruck, und er legte ihr die Hand auf den

Arm.

„Aurora,“ sagte er, „es ist eine recht böse Geschichte, über die ich

heut’ mit dir sprechen muß.“

Sie sah auf und erschrak über ihres Mannes feierliches Aussehen.

„Gott, Abel, was ist denn?“

„Beruhige dich“, sagte der Professor. „Es ist eine unangenehme

Geschichte, aber wenn wir sie nur klug angreifen, so wird noch alles

gut. Und ich verlaß mich ganz auf meine verständige, gute kleine Frau.“

Er machte einen Versuch, den Arm um sie zu legen, aber sie entglitt ihm

und faltete nervös die Hände.

„Was ist es, Abel?“ fragte sie. „Quäl mich nicht länger. Du jagst mir

einen solchen Schreck ein, daß ich ganz verrückt werde. Sag’ mir doch

um Gottes willen, was es ist.“

Der Professor heftete die Augen auf die gegenüberliegende Wand und sah

ungeheuer ernsthaft aus.

„Es betrifft unsere Kinder, Aurora“, sagte er.

„So denk, daß ich die Mutter bin! Herrgott im Himmel, was du herzlos

bist!“

„Tja“, sagte der Professor und ging mit einem Ruck grade auf die Sache

los. „Eine angenehme Geschichte ist es nicht, weiß Gott. Aber Gabrielle

muß mit dem Leutnant brechen. Wenigstens seh’ ich keinen andern Ausweg.“

„Sie muß mit dem Leutnant brechen?“

Die Professorin fuhr im Sofa herum und sah ihren Mann an, als wolle

sie ergründen, ob er im Ernst spräche. Da sein Gesichtsausdruck

keinerlei Zweifel hierüber zuließ, griff sie zu dem Mittel, daß sie

immer anwandte, wenn sie nichts zu sagen wußte. Sie fing an zu weinen

und stammelte unter Tränen und Schluchzen abgerissene Worte und Sätze

hervor, die so gefühlvoll und herzbeweglich klangen, daß sie selber

immer gerührt ward über ihre Weichheit, die nicht für diese harte Welt

geschaffen war. Aber auf den Professor hatte das leider keine Wirkung.

Er hatte im Lauf der Jahre erfahren, daß diese stürmischen Ausbrüche

keineswegs so ganz ohne Berechnung erfolgten.

„Wein’ doch nicht, Aurora,“ sagte er gereizt, „sondern hör’ auf das,

was ich sage.“

„Du weißt doch, ich bin kein Held, Abel. Ich ertrage nicht viel... Und

was soll dann aus Gabrielle werden?... Mein Kind... unser Kind... Sie

überlebt es nicht... und ihre arme Mutter wird ihr bald genug folgen...“

Das Schluchzen ward übermächtig, und die Professorin weinte so

bitterlich, daß sie keinen Ton mehr herauszubringen vermochte.

Der Professor ging ruhig im Zimmer auf und ab. Er wußte, wenn sie sich

müde geweint hatte, würde sie von selbst still werden, und unbewegt

wartete er auf die Gelegenheit zu sprechen, die ja bald kommen mußte.

Als das Getue im Sofa ein bißchen nachließ, sagte er darum kaltblütig:

„Ich habe ihn am Donnerstag nach der Gesellschaft dabei überrascht, wie

er das Zimmermädchen küßte.“

Die Professorin setzte sich im Sofa auf. Der Tränensturm war mit einem

Male gänzlich verrauscht.

„Du bist doch sonst nicht so streng in solchen Dingen, Abel“, sagte sie

giftig.

„Aha, nun kommt’s!“ dachte der Professor.

Laut sagte er: „Ich kann doch nicht glauben, daß du dein Kind einem

Mann überlassen möchtest, der es schon vor der Hochzeit hintergeht.“

„Nein, natürlich, dir wäre es sympathischer, wenn er bis nach der

Hochzeit wartete. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt? Hab’ ich’s nicht

immer gesagt?“

„Was hast du gesagt?“

Der Professor hielt in seiner Promenade inne, ganz verblüfft.

„Ich glaube wohl, daß du dich jetzt nicht mehr darauf besinnst. Du

kümmerst dich ja überhaupt nicht um das, was ich sage. Das weiß ich

wohl. Aber hab’ ich es nicht immer gesagt, -- die Sophie ist eine

gemeine Person, auf die man sich nicht verlassen kann? Hab’ ich’s nicht

gesagt?“

„Doch, Schatz“, sagte der Professor sanftmütig. „Das hast du freilich.

Aber was hat das damit zu schaffen?“

„Was das damit zu schaffen hat? Ich versteh’ dich nicht, Abel! Was es

damit zu schaffen hat? Wär sie nicht im Haus gewesen, so wär diese

ganze greuliche Geschichte gar nicht passiert. Das weiß ich. Begreifst

du das denn nicht?“

Die Professorin war puterrot im Gesicht, und ihre Miene bewies

deutlich, daß sie diese Logik als ganz unbestreitbar ansah. Und da

der Professor von alters her wußte, daß es keinen Zweck hatte, seine

Frau davon überzeugen zu wollen, daß sie unrecht habe, so begnügte er

sich damit, zu erwidern: „Tja, aber liebe Aurora, es ist nun einmal

geschehen. Und darum frage ich dich um deine Ansicht als Mutter, was

wir in der Sache am besten tun!“

Bei diesem Appell an ihr Mutterherz sank die Professorin wieder auf das

Sofa zurück und rang verzweifelt die Hände.

„Kann ich das sagen? Wie soll ich das wissen? Ich sitze da und denke

an das liebe Gotteswort, das wir heut vormittag in der Kirche gehört

haben, und denke an meine kleinen Lämmer, die ich geboren habe; ich

dachte, Gott würde gut zu ihnen sein. Das ist schrecklich, was du da

sagst, Abel. Eine Mutter kann ihrem Kind nicht den Dolch ins Herz

stoßen. Das bedenk doch, Abel!“

„Nein,“ sagte der Professor, „das verlange ich auch gar nicht. Aber

sie kann verhindern, daß ihre Tochter sich mit verbundenen Augen ihrem

Verderben in die Arme wirft.“

Die Professorin war eine Weile ganz still. Dann schüttelte sie den Kopf

und begann wieder, sich hin und her zu wiegen.

„Axel? und dabei sieht er so gut aus! Wer hätte das von ihm geglaubt!“

Jetzt kam die Reihe, den Überlegenen zu spielen, an den Professor.

„Ich“, sagte er. „Ich hab’ es geglaubt! Wer hat ihn ins Haus gezogen

und die ganze Geschichte eingefädelt?“

Das hätte der Professor nicht sagen sollen.

Seine Frau krampfte sogleich wieder die Hände zusammen und verdrehte

die Augen. So erregt war sie, daß sie nicht sitzen bleiben konnte,

sondern aufstand und auf ihren Mann zuging. „Ich, meinst du wohl?“

sagte sie. „Kannst du ehrlich sagen, ich sei’s gewesen? Abel! Gott

ist mein Zeuge -- nie hab’ ich was anderes gewollt, als meiner Kinder

Wohl! Soll ich auch daran schuld sein? Du willst wahrscheinlich auch

behaupten, ich sei dran schuld, daß er Sophie geküßt hat!“

Bei den letzten Worten hatte die Stimme der Professorin einen etwas

profaneren Klang. Aber jetzt verlor der Professor die Geduld.

„Herrgott!“ sagte er. „Kann man denn kein vernünftiges Wort mit dir

reden? Verstehst du nicht, daß das eine ernste Sache ist?“

Die Professorin ließ die Arme sinken und sah ihn mit der Miene eines

Opferlammes an.

„Was willst du denn, das ich tun soll?“ fragte sie. „Du weißt doch,

ich gehorche dir in allem, soweit ich’s vor Gott und meinem Gewissen

verantworten kann.“

Pastor Hallin · 第 12 / 17 段