Ernsts Arm und fragte: „Was hast du denn mit dem Bischof gesprochen?“
Ernst Hallin erwachte plötzlich aus seinen Träumen und blickte die
Mutter lächelnd an.
„Er fragte mich, ob ich einen Grog nehmen wollte“, erwiderte er.
„Ob du einen Grog nehmen wolltest?“ wiederholte sie.
„Ja. Was dachtest du denn sonst, Mama?“
Frau Hallin seufzte und ging schweigend an ihres Sohnes Arm nach Hause.
Dreizehntes Kapitel
Ernst Hallin fühlte sich an diesem Abend, als er heimkam, viel zu müde
zum Denken. Das Gespräch mit Eva Baumann klang in seinen Ohren nach,
ohne jedoch sein Gehirn zu lebhafterer Tätigkeit zu erwecken, und er
schlief bald ein und schlief tief und schwer.
Als der Adjunkt eben zur Tür hinausging, um nach der Schule zu eilen,
erwachte Ernst. Eine Weile lag er ganz still und schloß die Augen; er
wollte wieder einschlafen. Auf der Treppe hörte man knarrende Schritte.
Dann fiel wieder Schweigen über das dunkle Zimmer.
Aber er konnte nicht wieder einschlafen. Ein unbestimmtes Unruhegefühl
quälte ihn; ohne daß er wußte warum, schien es ihm, als wäre er
zu einem schweren, qualvollen Tag erwacht. Heute, dachte er im
Halbschlummer, wartet etwas Schlimmes auf mich. Wenn ich aufwache, wird
es kommen. Sobald ich ganz wach bin, werd’ ich auch wissen, was es ist.
Sie werden mich packen und quälen und an mir zerren und mich nicht aus
ihren Klauen lassen. Ich muß sehen, daß ich so schnell wie möglich
wieder einschlafe. Man kann gar nicht lang genug schlafen, wenn man zu
etwas Schlimmem erwachen muß!
Und er schloß die Augen und bohrte den Kopf ins Kissen, um wieder
einzuschlafen. Aber er konnte nicht; er lag und horchte auf die
Uhr, die auf dem Nachttisch tickte. Das quälte ihn so, daß er sich
aufrichtete und sie unters Kopfkissen stopfte, bloß damit er sie nicht
mehr zu hören brauchte.
Und plötzlich stand der gestrige Tag vor ihm. Der ganze lange,
unerträgliche Abend. Dann das Gespräch mit Eva Baumann. Er zog die
Decke über den Kopf und drehte sich nach der Wand, in der Hoffnung, die
Gedanken würden ihn dann verlassen. Aber sie ließen ihn nicht. Einer
nach dem andern kamen sie und klopften an und wollten in sein Gehirn,
um ihn zu beunruhigen und zu quälen. Und alle sagten sie das gleiche:
daß er ein Esel war, ein dummer, unglaublicher, unverbesserlicher Esel!
Er hatte Eva in den letzten Monaten oft getroffen. Er war ihr begegnet,
wenn sie von ihren Klavierstunden kam; hatte sie bei Selma drunten
gesehen. Er war mit ihr und Selma spazieren gegangen, hatte bei Frau
Pegrelli Besuch gemacht, war zum Abendbrot dort gewesen.
Die ganze Welt war ihm wie neu geschaffen, seit er Eva entdeckt hatte.
Er begriff gar nicht, daß er sie früher nicht beachtet hatte. Er
hatte nie so recht ernsthaft mit ihr geredet, nie über sich selber
mit ihr gesprochen, nie etwas von ihr gefordert. Er hatte nur neben
ihr gesessen, war neben ihr hergegangen, hatte über alles mögliche
Gleichgültige mit ihr geredet. Oder er hatte sie sprechen lassen und
hatte selber kein Wort gesagt. Aber in ihm war es dabei so ruhig
geworden, so still, als ob nichts auf der ganzen Welt ihn je mehr aus
dem Gleichgewicht reißen könnte.
Und doch war er den ganzen Abend bei einer dummen Gesellschaft gewesen
und hatte kein Wort mit ihr gesprochen, sie kaum begrüßt. Es war
gradezu eine Kränkung, die er ihr da zugefügt hatte; und wenn er sie
jetzt wiedersah, würde alles leer und öde und gräßlich zwischen ihnen
beiden sein. Kein heiteres Lächeln würde ihn begrüßen, wenn er kam,
kein zutrauliches Nicken, wenn er ging. Und er konnte es nicht einmal
erklären. Esel, der er war! Er würde auch gewiß keinen Versuch mehr
machen! Was war da überhaupt zu erklären?
Er sah sie wieder vor sich in dem kleinen Wohnzimmer, wo ihre Tante
nachmittagelang auf dem Sofa saß und strickte, mit auf die Nase
gerutschter Brille und unaufhörlich sich bewegenden Lippen, als zähle
sie immerwährend Maschen. Eva saß auf dem Sofa neben der Tante und
unterhielt sich mit ihm, der in einem Lehnstuhl auf ihrer andern Seite
saß. Ihre weichen Handgelenke bewegten sich emsig, während sie häkelte,
und sie lachte ihn an mit den lebhaften Augen, die aussahen, als hätte
sie ihr Leben lang keinen Zweifel und kein Kopfzerbrechen gekannt.
Er vermochte nicht länger still zu liegen, sondern stand auf und zog
sich an. Die ganze Welt war ein einziger großer Wirrwarr! Es graute ihn
beim Gedanken, daß er hinuntergehen mußte zu den Seinen.
Aber schließlich war er doch fertig. Und auch der Hunger machte sich
geltend -- er hatte am Abend vorher kaum einen Bissen gegessen --, und
so ging er hinunter zum Frühstück. Selma saß am Frühstückstisch. Ernst
bemerkte, daß sie sehr müde aussah, und mehr um seinen eigenen Gedanken
aus dem Weg zu gehen, als aus dem Drang, sich um andere zu kümmern,
fragte er: „Was ist mit dir?“
Selma stellte mit einer matten Bewegung das Milchglas weg, ohne zu
trinken.
„Ich bin so müde!“ antwortete sie.
Es lag in ihrem Ton etwas, das Ernst veranlaßte, die Schwester genauer
anzusehen. Sie war ein kräftiges, ziemlich großes Mädchen mit reichem
blondem Haar, derber Gesundheit und frischen, roten Lippen. Nur ihr
Teint war verräterisch durchsichtig und blaß, und ihre Hände waren fast
krankhaft weiß.
„Hm!“ sagte Ernst. Er wußte nicht, was er antworten sollte. Sie sah
tatsächlich gar nicht gesund aus. Vielleicht lastete auch auf ihr
etwas, etwas, von dem sie nicht sprechen konnte, nicht der Mutter,
nicht dem Vater, nicht Bruder oder Freund gegenüber? Ob es wohl ein
Familienzug bei ihnen war, daß jedes von ihnen sein Leben für sich
leben und sich vor den andern abschließen mußte?
Keinen Augenblick lang war es Ernst in den Sinn gekommen, daß seine
Schwester, seine tüchtige, kräftige Schwester, die seit fünf Jahren
Lehrerin an der Mädchenschule war, und eine so vortreffliche Lehrerin,
die sich selber ihr Brot verdiente, etwa nicht glücklich sein könne,
mit sich selber nicht fertig wurde, sondern vielleicht in aller Stille
träumte -- sich sehnte -- fort -- in eine Welt -- wer weiß, in was für
eine!
Aber heute hatte sein eigenes kleines Erleben ihn scharfsichtiger
gemacht. Darum wollte er versuchen, ihr zu helfen.
„Liebe Selma!“ sagte er und strich ihr leise übers Haar. „Was fehlt
dir?“
Die Schwester blickte vor sich nieder und errötete.
„Glaubst du, es sei besonders nett, so jahraus, jahrein bei den Eltern
zu leben und kleine Kinder zu unterrichten?“ sagte sie hart. „Du weißt
ja gar nicht, wie einsam ich bin!“ Ernst war ganz verwundert.
„Einsam?“ sagte er zögernd. „Du hast doch die Eltern. Und mich!“ fügte
er hinzu.
Er fühlte ganz gut, daß das nicht wahr war, daß sie weder die Eltern
noch ihn hatte, und daß das auch gar nicht genug gewesen wäre. Aber die
Worte fuhren ihm heraus, ehe er sie zurückhalten konnte.
Die Schwester blickte auf. Auf ihrer Stirn lagen Falten, die sie
plötzlich alt machten.
„Du bist ein Mann!“ sagte sie. „Sei froh. Du kannst deinen eigenen Weg
gehen. Keiner hindert dich. Aber ich...“
Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen, sondern brach in
heftiges Weinen aus und verließ das Zimmer.
Ernst sah ihr nach. Ein plötzlicher Instinkt sagte ihm, daß er hier zum
Zeugen eines Leides geworden war, dessen Wurzel sehr tief lag; aber er
wußte doch keine Antwort auf die Frage, was dieser Ausbruch eigentlich
zu bedeuten habe. Nur ein Gefühl der Reue beschlich ihn, daß er immer
so achtlos an der Schwester vorübergegangen war. Gewiß hatte er sie
ja nicht mißachtet, aber es war ihm doch auch nie eingefallen, zu
versuchen, ihr näher zu kommen.
Voll von Grübeleien und neuen Gedanken ging er auf sein Zimmer. Nach
dem Mittagessen versuchte er, mit der Schwester zu reden, sie zu
fragen, weshalb sie geweint hätte. Aber sie sah ganz ruhig aus und
erwiderte nur, sie wäre eben ein bißchen nervös.
Das konnte Ernst nun wieder nicht verstehen. Er hatte versucht, sich
der Schwester zu nähern, war zurückgewiesen worden, und seine Gedanken
nahmen ihren gewöhnlichen Kreislauf um sich selber wieder auf.
Den Vormittag über war er in einer ganz eigentümlichen Stimmung
gewesen. Der Eindruck vom Ausbruch der Schwester hatte sich mit seiner
eigenen Melancholie vermischt und die wunderlichsten Gedanken in ihm
hervorgerufen.
Aber jetzt schlugen diese Gedanken wieder die alte Richtung ein. Mit
verdoppelter Stärke stand seine Dummheit von gestern wieder vor ihm.
Ihm war plötzlich, als müsse er um jeden Preis zu Eva und alles mit
ihr ins Reine bringen. Es war wie eine fixe Idee bei ihm, daß etwas
da unklar war und ins Reine gebracht werden müßte. Er mußte zu ihr,
sie sehen, sie sprechen, sich mit ihr versöhnen und fühlen, daß alles
wieder war, wie vorher. Aber die Mutter durfte nicht sehen, daß er
ausging. Sonst würde sie ihn fragen, wo er hinginge. Lügen konnte er
nicht, und sagen, wohin er ginge, wollte er nicht. Wenn er nur an
den forschenden Blick dachte, den sie auf ihn richten würde, wenn er
antwortete: Zu Frau Pegrelli! so empfand er schon ein Unbehagen, als
stünde ihm ein Unglück bevor.
Wie ein Schuljunge schlich er sich die Treppe hinunter und hinaus.
Hastig ging er die vertrauten Straßen entlang und läutete schließlich
an einer Klingel, die vor einer weißen Tür ohne Schild hing. Ein
zersprungener Klang kam von der alten Glocke, die drinnen gegen die Tür
schlug. So stark hatte er am Glockenstrang gerissen.
Er war ganz rot im Gesicht und atmete kurz, als das Mädchen kam und
öffnete. „Ist Fräulein Baumann zu Hause?“ wollte er fragen, besann sich
aber und fragte mit erzwungener Ruhe nach „den Damen“.
Frau Pegrelli wäre ausgegangen, aber das Fräulein sei daheim. Ernst
wäre am liebsten wieder umgekehrt. Es war ja gar nicht anders möglich,
als daß sie wegen seines unverzeihlichen Betragens am Abend zuvor
böse auf ihn war, und er hatte ja nichts zu seiner Entschuldigung
anzuführen, nichts -- außer er bekannte ihr alles... alles, was ihn
bewegte, alles. Und das konnte er doch nicht. Und darum wär es am
besten gewesen, er wäre wieder gegangen. Aber das ging auch nicht.
Er hörte sie drinnen Klavier spielen. Ein rettender Gedanke kam ihm.
„Fräulein Baumann ist gewiß beschäftigt?“ sagte er zu dem Mädchen.
„Das glaub’ ich nicht; aber ich kann ja fragen.“
„Bitte, treten Sie doch ein!“ rief da schon eine fröhliche Stimme aus
dem Wohnzimmer, und als Ernst über die Schwelle trat, stand Fräulein
Eva mitten im Zimmer und machte ihm einen tiefen Knix.
Ernst war aufs äußerste überrascht. Sie sah so schalkhaft und sicher
aus, nicht ein bißchen böse, nur froh und heiter. Und schön. So
unwiderstehlich schön! Und er stand da, unendlich linkisch, und fragte
bloß: „Sind Sie mir nicht böse?“
Sie schüttelte den Kopf und lachte, und wieder sah sie dabei so sicher
aus, als wüßte sie ganz genau Bescheid über ihn.
„Nein.“
„Gar kein bißchen?“
„Nein, kein bißchen.“
Eva hatte Ernst während der Zeit ihrer Bekanntschaft verstehen gelernt.
Sie begriff, daß er auch nicht einen Augenblick lang den Mut haben
würde, ein entscheidendes Wort in ihrem beiderseitigen Verhältnis
zu sprechen. Daß sie sich selbst auf eine ganz eigene Art zu dem
verschlossenen, sonderbaren jungen Theologen hingezogen fühlte,
darüber war sie sich klar. Er hatte etwas so Impulsives. Einmal war
er fröhlich wie ein Kind, dann wieder niedergeschlagen und lebensmüde
wie ein Greis, dem das Leben nichts mehr zu bieten hat. Und sie
begriff, daß etwas war, was ihn drückte und quälte; wenn man ihm das
abnehmen könnte, so würde er aufrecht und frei und froh werden, so wie
damals, als sie ihm von der Brücke herab zugesehen hatte, wie er dran
arbeitete, mitten im Winter der Frühlingsflut vorwärts zu helfen.
Wäre es nicht vielleicht möglich, daß sie es war, die ihm helfen
konnte? Es war etwas in ihm, das sie nicht kannte, das er sorgfältig
vor ihr verbarg, und das reizte ihre Neugier, während sie es zugleich
als eine Kränkung empfand, daß er, der doch so viele Interessen haben
mußte, nie ein ernsthaftes Wort mit ihr sprach. Warum tat er das nicht?
Warum sprach er nie über seine Zukunft? Glaubte er vielleicht, sie sei
so dumm oder oberflächlich, daß sie an nichts anderes denken könne als
an Spiel und Tand?
Aber irgend etwas lastete auf ihm. Und ihrer lebhaften Natur, die
nach Tätigkeit dürstete, schien es, als eröffne sich ihr hier eine
Möglichkeit.
Da saß er nun und sah sie mit seinen klaren, lichten Augen an, zupfte
an seinem Bart und lachte vor sich hin aus hellem Behagen. Im Anfang
hatte sie das verlegen gemacht, dann hatte sie sich daran gewöhnt,
jetzt reizte es sie. So viel hatte sie jedoch schon gelernt, daß man
mit Gewalt nichts aus ihm herauskriegte. Versucht hatte sie es schon.
Aber es war immer mißlungen.
Sie bemühte sich daher, einen möglichst gleichgültigen Ton
anzuschlagen, während sie fragte: „Übermorgen werden Sie ja predigen?“
Wäre Ernst der raffinierteste Don Juan gewesen, statt des unerfahrenen,
mit Welt und Frauenherzen unbekannten jungen Mannes, der er war, er
hätte auf keine geschicktere Art verfallen können, Eva Baumanns Herz
zu gewinnen, als indem er sich so völlig über sich selbst ausschwieg.
Im Anfang mochte sie ihn gern seiner Einfachheit halber, wie sie
es nannte. Aber je mehr seine Persönlichkeit sie zu beschäftigen
anfing, desto eifriger strebte sie danach, ihm auf den Grund zu
kommen. Sie wollte wissen, was es war, das ihn zu manchen Stunden so
geistesabwesend machte und zu andern so fröhlich, als wäre er aus
einem bösen Traum erwacht. Als sie jetzt ihre Frage vorgebracht hatte,
war sie ganz ängstlich, was darauf kommen würde. Und sie ward ganz rot
vor Schreck, als sie sah, was für eine Wirkung es auf Ernst hatte.
Sein froher, sorgloser Gesichtsausdruck verschwand plötzlich, und er
senkte den Kopf, damit sie nicht sehen konnte, was er dachte.
So saß er lang und schwieg.
So lange schwieg er, daß ihr angst wurde. Es war so still, daß sie ihr
eigenes Herz hämmern hörte; sie wäre am liebsten davongelaufen, um
sich allein auszuweinen. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen, legte
ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die jeden
Augenblick in Weinen umschlagen konnte: „Was ist? Warum antworten Sie
denn nicht? Es ist so schrecklich, wie Sie dasitzen und schweigen!“
Er richtete sich auf und setzte sich im Stuhl zurück. Sein Blick war
wie erloschen; sein ganzes Gesicht zuckte nervös. „Warum müssen Sie
auch gerade davon sprechen?“ rief er. „Warum kann ich nicht wenigstens
bei Ihnen damit verschont sein? Sie sind so gut zu mir gewesen, und ich
war Ihnen so dankbar! Ich hab’ zu Ihnen kommen und mit Ihnen über alles
sprechen können, und ich war so froh und war Ihnen so gut! Und jetzt
ist’s aus. Nie wieder wird es, wie es gewesen ist.“
Sie war verwundert und zugleich ärgerlich.
„Was wollen Sie denn damit sagen: Nie wieder, wie es gewesen ist?
Weil ich Sie nach Ihrer Predigt gefragt habe? Glauben Sie, ich sei
eine Puppe, die Sie wegwerfen können, weil sie nicht mehr in dem
Ton schreit, der Ihnen paßt? Nein, Herr Hallin, da kennen Sie mich
schlecht.“
Er schüttelte den Kopf; aber der gequälte Ausdruck wich nicht aus
seinem Gesicht.
„Ach, was Sie kindisch sind!“ sagte er. „Macht es Ihnen so viel Spaß,
mich zu quälen? Sie sind doch auch vorher mit mir zufrieden gewesen, so
wie ich war. Kann das nicht auch jetzt so sein?“
Er schwieg einen Augenblick und sah nachdenklich vor sich hin. „Oder
vielleicht sind Sie gar nicht mit mir zufrieden gewesen?“ fragte er
dann.
Ihre Neugier oder vielleicht eher ihr Verlangen, sein Geheimnis zu
ergründen, erwachte aufs neue. Gleichzeitig empfand sie etwas, das sie
rührte und ängstigte. Wie eine Mutter hätte sie ihn mögen in die Arme
nehmen, ihn beruhigen, ihm über die Stirn streichen, die feucht von
Schweiß war.
„Es bedrückt Sie etwas“, sagte sie mit ganz anderer Stimme. „Können Sie
es mir nicht sagen?“
Er fuhr auf und wurde totenblaß. Seine Hände ballten sich, seine Brust
keuchte.
„Nein!“ schrie er fast überlaut. „Nein, ich kann nicht. Nicht jetzt.
Nicht jetzt.“
Sie verstummte und blickte weg. In diesem Augenblick durchflog sie die
Ahnung, daß sie aus eigenem Antrieb einen Kummer auf sich lud, der ihr
junges Leben vielleicht zu Boden ziehen würde. Aber es war Genuß in dem
Gefühl, ein Genuß, dem sie nicht widerstehen konnte. Und eine Lockung.
„Warum?“ sagte sie und blickte ihm grade in die Augen. „Warum?“
Er erfaßte ihre Hände und erwiderte leise und langsam: „Doch, ich
möchte gern mit Ihnen reden. Aber ich kann nicht.“ Dann ließ er sie
los und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. „Sie wollen also
wissen, warum ich nicht mit Ihnen darüber sprechen möchte?“ sagte er
schließlich. Er blieb ein paar Schritte von ihr stehen und sprach, ohne
sie dabei anzusehen:
„Nun ja, so will ich es Ihnen sagen. Vielleicht ist es ganz gut, wenn
jemand es weiß. Ich wollte, ich wäre weit fort von hier, oder tot, oder
nie geboren. Wenn ich doch ruhig einschlafen könnte und nie wieder
aufwachen! Bloß schlafen, schlafen, ohne daß ein Morgen käme und ein
neuer Tag! Das möchte ich. Alles lieber, als am Sonntag auf der Kanzel
stehen und den Leuten etwas vorlügen!“
„Lügen?“
Sie sah ihn voll Spannung an.
„Glauben Sie denn nicht?“
„Ich weiß nicht“, antwortete er zögernd. „Manchmal glaube ich und
manchmal glaube ich nicht. Was weiß ich? Ich habe ja doch nie gelebt.
Nur gelernt und gelernt und gelernt. Mein Vater schlug mir vor, ich
solle Geistlicher werden. Ich sah, daß meine Mutter so froh war
darüber. So entschloß ich mich, Pastor zu werden. Seither habe ich
wieder gelernt, gelernt, gelernt. Was weiß ich, was ich glaube?“
Sie sah ihn bestimmt und klar an: „Dann dürfen Sie am Sonntag nicht
predigen.“
„Aber das ist unmöglich. Ich habe es versprochen. Jetzt ist es zu spät.“
Sie wurde immer eifriger.
„Wie können Sie so sprechen?“ rief sie. „Das ist eine Sünde! Sagen Sie,
daß Ihnen Zweifel gekommen sind, daß Sie Bedenkzeit brauchen. Schaffen
Sie sich eine Weile Ruhe, und wenn Sie nicht wissen, was Sie glauben
sollen, so werden Sie eben nicht Geistlicher!“
Er sah sie an und lächelte. Aber sein Lächeln war traurig und freudlos.
Wie alles so einfach war für sie! Entweder -- oder! Sie wußte nichts
von Nebenwegen.
„Glauben Sie, das geht so leicht, Fräulein Eva?“ sagte er. „Wollen Sie,
ich soll zu meinem Vater gehen, der sein ganzes Leben lang Geldsorgen
gehabt hat, und ihm sagen: ‚Ich muß Bedenkzeit haben. Du mußt noch eine
Weile für mich sorgen?‘ Hätte er nicht das Recht, mir zu antworten: ‚Du
hast lang genug Zeit gehabt. Warum hast du dich nicht eher bedacht?‘
Aber, du lieber Gott, es hat mich ja keiner denken gelehrt! Und wie
sollte ich zu meiner Mutter gehen, die mich mehr als alles in der Welt
liebt, und sagen: ‚Ich habe keinen Glauben? Ich will eine Zeitlang Ruhe
haben, um mir ihn zu verschaffen?‘ Es ist traurig, daß die Armut uns
manchmal am Rechttun hindert. Aber es läßt sich nicht ändern.“
Er brach plötzlich ab, ging auf sie zu und ergriff ihre Hand. „Es war
lieb von Ihnen, daß Sie mich zum Sprechen veranlaßt haben,“ sagte er.
„Ich glaube, es ist am besten, wenn ich jetzt gehe.“
Sie hielt seine Hand mit ihren beiden Händen fest, und Ernst war
erstaunt, welch ernster Ausdruck in ihr Gesicht gekommen war. „So
dürfen Sie nicht gehen“, sagte sie. „Wie können Sie sich durch
derartige Bedenken bestimmen lassen? Wenn ich an Ihrer Stelle wäre --
ich würde keine Minute zögern. Sie haben sich früher nicht genügend
bedacht? Ist das ein Grund, daß Sie sich auch jetzt nicht bedenken
wollen? Das dürfen Sie nicht! Hören Sie, Sie dürfen nicht!“ Er zog
seine Hand zurück und ging nach der Tür.
„Machen Sie mir meinen Weg nicht schwerer, als er schon ist!“ murmelte
er.
„Das ist eine Feigheit, was Sie da begehen wollen“, sagte sie plötzlich
mit zitternden Lippen. „Eine Feigheit, die sich an Ihrem ganzen Leben
rächen wird!“
Er wandte sich um und sein Ton ward gereizt.
„Mit welchem Recht sprechen Sie so zu mir?“ sagte er. „Und wer hat Sie
gelehrt, so klar und sicher zu denken? Ihr Vater ist ja ein Pastor, wie
ich einer sein werde. Wissen Sie so gewiß, was er glaubt oder nicht?“
„Das gehört nicht hierher“, erwiderte sie. „Das Recht, zu reden, haben
Sie selber mir gegeben. Und wenn Sie wissen wollen, wer mich denken
gelehrt hat -- Ihre Schwester! Sie ist älter als ich; von ihr hab’ ich
gelernt, was ich Ihnen eben gesagt habe.“
Ernst dachte eine Weile schweigend nach. Selma? Wieder Selma? „Glaubt
sie denn so fest?“ fragte er dann.
„Nein“, erwiderte Eva, und ein Zug von Ironie überflog ihr Gesicht.
„Sie glaubt nicht. Aber sie ist sich darüber klar.“
„Was sagen Sie da?“
Diese Entdeckung schmetterte ihn fast zu Boden. Er hatte eine
Schwester, die nicht glaubte! Ganz allein hatte sie sich zu der
Erkenntnis durchgerungen, vor der er zurückwich. Und diese Schwester
war ihm eine Fremde. Er hatte sie vernachlässigt, und sie konnte ihm
jetzt nicht helfen.
Er trat noch einmal auf Eva zu und ergriff wieder ihre Hand. „Leben Sie
wohl“, sagte er. „Ich muß nach Hause. Denken Sie nicht allzu schlecht
von mir. Oder tun Sie das?“ fügte er hinzu.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Sie sind nur schwach“, sagte sie.
„Ja“, sagte er still. „Ich bin schwach.“
Als er gegangen war, wanderte Eva lange im Zimmer auf und ab, um
die Tränen niederzuringen, die hervorbrechen wollten. Ernst eilte
raschen Schrittes heim. In ihm stürmten die Gedanken, und nur eins
fühlte er klar: er mußte die Ruhe finden, seinen eigenen Weg zu gehen.
Der Weg, den Eva ihm gezeigt hatte, der war zu schwer. Den konnte
er nicht gehen. Als er in seinem Zimmer war, setzte er sich an den
Schreibtisch, dem Vater gegenüber, der sich eben auf den Unterricht
für morgen vorbereitete. Er nahm seine Predigt hervor, um sie noch
einmal durchzugehen. Und seine Augen fielen auf die Textworte: „Sprach
Jesus zu Simon Petrus: Simon, Jona Sohn, liebst du mich mehr, denn mich
diese lieben? Er antwortete: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe.
Sprach er zu ihm: Weide meine Lämmer!“
Ernst versank in Gedanken. Er grübelte darüber nach, was diese Worte
ihm zu sagen hatten. War es ein Trost oder eine Anklage?
Er wußte es nicht.
Vierzehntes Kapitel
Der Schlußchoral wurde gespielt, und der junge Pastor stieg von der
Kanzel herab.
Über der Gemeinde lag ein Gefühl der Freude und des Friedens. Denn alle
wußten, der Weinberg des Herrn hatte einen neuen Arbeiter gefunden, der
die jungen Ranken lehren würde, gute Frucht zu tragen, und die alten
ermahnen, daß sie besser trügen denn zuvor. An einem Punkt der Predigt
hatte sich des Bischofs Antlitz umwölkt; das war, als Pastor Hallin
davon sprach, was der Herr von denen fordert, zu denen er in Wahrheit
sagen kann: Weide meine Lämmer! Denn der Pastor stellte gar so hohe
Anforderungen, so jugendlich hohe Anforderungen. Aber des Bischofs
Antlitz klärte sich doch wieder merklich, als der Pastor davon sprach,
daß Gott barmherzig ist. Und von da an blickte er ruhig und sicher über
die Gemeinde hin und zur Kanzel empor. Ja, als der Pastor Amen sagte,
da nickte der Bischof sogar ein wenig mit dem Kopf, als könne er es
nicht lassen, seinen Beifall zu erkennen zu geben.
Die Gemeinde war befriedigt. Viele hatten des Bischofs Nicken bemerkt,
wenn auch seine Unruhe ihnen entgangen war. Und ein Seufzer der
Befriedigung und des Behagens ging durch die Versammlung, als die
Predigt zu Ende war, und viele, die dasaßen, freuten sich im stillen,
daß Adjunkt Hallins Sohn es so gut gemacht hatte.