Pegrelli waren ins Wohnzimmer übergesiedelt; alle andern hatten sich
um den großen Sofatisch zusammengedrängt. Vor dem Tisch stand der
Bischof und sagte etwas, auf das alle eifrig lauschten. Gleich darauf
verbeugte er sich und deutete durch ein Lächeln an, daß er sich jetzt
zu den Herren droben zurückziehen wolle.
Da fiel sein Blick auf Ernst Hallin. Sofort ging er auf ihn zu.
„Nun, Herr Pastor, gedenken Sie zur Herrenseite überzugehen, oder
bleiben Sie bei den Damen?“ fragte er mit einem Lächeln, das Ernst
unangenehm berührte.
„Ich glaube, ich gehe hinauf!“ antwortete er; gleichzeitig bemerkte er,
daß die Mutter ihn und den Bischof beobachtete.
Er ward glühend rot, und als der Bischof ihn verwundert ansah, wurde er
noch röter.
„Noch bin ich kein Vorgesetzter“, sagte der Bischof, der die Verwirrung
des jungen Mannes mißdeutete.
Ernst warf einen fast feindlichen Blick auf des Bischofs derbes,
gutmütiges Gesicht, stotterte ein paar Worte, blieb stehen, dienerte
und wußte nicht, was er sagen sollte. Der Bischof verließ ihn unter dem
Eindruck, der junge Hallin müsse ein wunderlicher Kauz sein, den man
am besten einige Zeit aufs Land schickte, damit er sich beruhigte. Und
beide Männer fühlten in diesem Augenblick eine gegenseitige Antipathie,
über deren Ursache keiner von ihnen hätte Rechenschaft ablegen können.
Als der Bischof verschwunden war, folgte ihm Ernst langsam; er tat, als
sähe er die Mutter, die ihm winkte, nicht.
Er war in sehr gereizter Stimmung. Der ganzen Gesellschaft war er
feind. Warum mußten sie sich so idiotenhaft verteilen, die Herren
in einem Zimmer, die Damen in einem andern und die Jugend für sich?
Warum bin ich überhaupt hierhergegangen? dachte er. Und vor seiner
Phantasie stand plötzlich die Tatsache, daß er nächsten Sonntag seine
Probepredigt halten mußte. Der Text, die Einteilung der Predigt, die
mit Menschen vollgepfropfte Kirche, die ganze Szene stand plötzlich
leibhaftig vor ihm. Der Bischof würde in seinem Stuhl sitzen, ihn mit
seiner herrischen Miene und seinen kalten Augen anblicken und das
schwarze Scheitelkäppchen rücken. Und alle würden nach dem Bischof
hinsehen und zu erraten suchen, was der dachte, und die Predigt danach
beurteilen. Die Mutter würde dasitzen mit klopfendem Herzen. Und Eva!
Vor ihr sollte er auftreten und lügen! Er fühlte den Beruf dazu gar
nicht in sich, es war ihm gar kein unabweisliches Bedürfnis, Gottes
Wort vor den Menschen zu verkünden! Das Ganze war eine Feigheit von
ihm, eine schmachvolle, unverzeihliche Feigheit, die seine Seele in den
Staub zerren und ihn ein ganzes langes, leeres, verfehltes Leben lang
beschmutzen würde. Wie war denn das alles überhaupt zugegangen? Andere
waren es, andere hatten ihn geleitet. Er selber hatte nie auch nur ein
Wort zu sagen gehabt. Aber jetzt soll es ein Ende haben! dachte er. Es
soll anders werden. Noch ist der Schritt nicht getan, noch kann ich
umkehren, und ich werde es.
Er sah sich selber, wie er zum Vater ging und mutig und ruhig sagte:
„Ich kann nicht Geistlicher werden“. Und in der Phantasie ward ihm so
leicht ums Herz, als wäre alles schon vorüber und er ein freier Mensch.
Aber da sah er auch ein anderes Bild. Er sah sein ganzes Vaterhaus, den
Vater, der sich sein Lebtag in der Schule geplackt hatte, die Mutter,
die tagaus, tagein am Nähtisch saß oder in der Küche stand. Es war ein
armes Heim, und reicher würde es nie werden. Viele Jahre lang hatten
seine Eltern sich auf die Zeit gefreut, wenn er fertig sein würde,
imstande, sich selber zu versorgen. Er wußte, wie sie es aufnehmen
würden. Es würde sie nicht erzürnen. Sie würden sich nur davor beugen
voller Bitterkeit, wie sie es immer, ihr ganzes Leben lang, getan
hatten.
Ohne es zu wissen, hatte er sich eine Zigarre angesteckt und sich neben
den Kachelofen im Rauchzimmer gestellt. Plötzlich weckte ihn eine
Stimme aus seinen Gedanken.
„Über was denkt man denn da so eifrig nach?“
Es war Professor Bruhn, der mit dem dampfenden Grogglas in der einen,
der brennenden Zigarre in der andern Hand vor ihm stand. „Wollen wir
nicht ein Gläschen miteinander trinken?“
Ernst sah sich um. Er hatte gar nicht daran gedacht, wo er sich befand.
Hastig nahm er ein Glas Punsch von einem Tablett und stieß mit Bruhn an.
„Auf gestern abend!“ sagte er lächelnd.
„Ja, das war ein verdammt lustiger Abend“, sagte Bruhn.
„Es macht mir aber auch immer Spaß, die Leute in einer
Abendgesellschaft wie heute zu sehen. Da nehmen sie sich recht anders
aus! Gesetzt und geschniegelt und ernst, als gäb es überhaupt im ganzen
Haus kein Herrenzimmer. Und sobald bloß das Wort Punsch erwähnt wird,
verschwindet der ganze Haufe, als brennte ihnen der Boden unter den
Füßen.“
Er sog eine Weile an seiner Zigarre. Ernst Hallin sah zerstreut vor
sich hin.
„Wie ist dir denn zumut vor deiner Predigt?“ sagte Bruhn. Ernst wich
den scharfen Augen aus, die ihn durchbohrend ansahen.
„Na -- -- so -- --“ sagte er achselzuckend.
Professor Bruhn lachte.
„Ich hab’ auch einmal Pastor werden wollen“, sagte er. „Aber es ist
nichts draus geworden. Es widerstand mir. Und das war recht gut. Denn
später bin ich der Freidenker geworden, der ich jetzt noch bin. Und das
ist eine mißliche Geschichte, wenn man dann das Pech hat, Pfarrer zu
sein!“
Ernst fühlte einen Stich im Herzen; einen Augenblick lang überkam ihn
die Lust, all die Gedanken, die ihn bewegten, auszusprechen. Er hatte
die Empfindung, als müsse dieser barsche, eckige Mensch ihn verstehen
und ihm raten oder ihm wenigstens ein teilnehmendes Wort sagen können.
Aber während er überlegte, wie er anfangen sollte, schwand ihm die
Lust, und er erwiderte irgend etwas Nichtssagendes.
„Wollen wir uns nicht setzen?“ meinte Professor Bruhn.
Sie nahmen Platz an einem Tisch, um den eine Gruppe von Herren saß und,
die Groggläser vor sich, schwatzte.
Über dem ganzen Raum lag eine graue Tabakswolke, durch die die Lichter
der Lampen und Leuchter mit gedämpften Flammen schienen. Mitten im
Zimmer standen vier Spieltische, die alle besetzt waren. An dreien
wurde Preference gespielt, am vierten Skat. An dem Tisch, an dem Ernst
Hallin Platz genommen hatte, saßen ein paar Herren von der Schule und
Großhändler Andersson, einer der reichsten Holzfürsten von Gammelby,
mit seinem dichten Schnurr- und Backenbart, seinem goldenen Kneifer und
seiner Perücke, die nie sitzen wollte.
Im innern Zimmer saß vor einem Glas Punsch der Bischof und unterhielt
sich mit Rektor Ahlkvist und Professor Eneman. Der Bischof saß so, daß
er durch die Tür die ganze übrige Gesellschaft überblicken konnte.
Zwischen den Tischen ging Professor Hallin umher, elegant und
unermüdlich. Er unterhielt sich mit allen, stieß mit allen an, war für
alle da und sah zu, daß nichts fehlte.
Es war ganz ähnlich wie vor ein paar Wochen im Ratskeller. Aber die
rechte Stimmung wollte sich nicht einstellen. Das erwartete auch
niemand. Die Herren unterhielten sich, tranken einander zu, rauchten
und erzählten Anekdoten. Aber die Gesellschaft kam nicht recht in Zug.
Man hielt sich im Zaum. Man war gesetzt, steif. Und auch das lauteste
Lachen hatte gleichsam einen andern Klang.
„Man darf nicht über die Schnur hauen, damit man nachher noch
präsentabel ist für die verflixten Frauenzimmer!“ sagte Professor
Bruhn.
Und einförmig und träg schleppte der Abend sich hin.
Um halb neun kam der Landshöfding, ein kleiner zierlicher Mann mit
glattgekämmtem Haar und Backenbart. Er war äußerst elegant gekleidet
und hatte in seinem ganzen Wesen etwas vom alten Hofmann.
Nachdem er die Damen begrüßt hatte, ging er hinauf zu den Herren und
nahm an einem Spieltisch Platz. Ruhig und korrekt vertiefte er sich in
seine Karten, mit einer Miene, als säße er auf seiner Kanzlei.
Um halb elf fing einer um den andern an, nach der Uhr zu sehen. Als es
dreiviertel war, entstand eine merkbare Bewegung unter den Herren. Man
erhob sich von den Spieltischen, putzte sich die Nägel, brachte seine
Toilette in Ordnung und legte die Zigarren weg.
Ab und zu verschwand einer nach der Region der Damen zu, einen Duft von
Tabak und Alkohol mit sich führend, der bei den Damen ein Naserümpfen
hervorrief. Mit etwas spitzer Höflichkeit sprach man seinen Dank aus,
daß überhaupt jemand so liebenswürdig war und sich um „uns Damen“
kümmerte.
„Ein bißchen was zu essen soll einem schon schmecken jetzt!“ sagte
Professor Kumlander und schmunzelte den Bischof, der neben ihm stand,
aufgeräumt an.
Der Bischof sah auf ihn nieder mit einem Lächeln, als verzeihe er ihm
die weltlichen Lüste, sei aber selber hoch erhaben über alle derartigen
Schwachheiten.
„Ich glaube fast, ich fange auch an, ein wenig Hunger zu verspüren“,
erwiderte er.
Einen Augenblick lang war es ganz still im Zimmer.
Plötzlich hörte man Schritte auf der Wendeltreppe und gleich darauf
kam der kleine Erik gesprungen und flüsterte dem Vater laut die frohe
Botschaft ins Ohr: „Mama läßt sagen, das Souper sei fertig!“
Unter den Herren entstand eine Bewegung, so lebhaft und augenfällig,
daß der Professor kaum nötig gehabt hätte, die Aufforderung zu
wiederholen. Aber um der Form willen tat er es doch: „Meine Herren --
ein Gläschen und ein Butterbrot! Darf ich Sie bitten, die Damen zu
Tisch zu führen!“
Ein geschäftiger, beherrschter Tumult erfüllte jetzt die beiden
Rauchzimmer, wie einen Haufen Barsche, unter die man eine Angelschnur
mit dem Köder wirft. Wer noch saß, stand auf, zog die Weste herunter,
streckte die Beine. Alles drängte unwillkürlich nach der Treppe. Dann
hielten alle plötzlich wieder inne. Die Rangordnung mußte eingehalten
werden. Ein kurzer Streit entstand zwischen dem Bischof und dem
Landshöfding. Beide Herren bekomplimentierten sich gegenseitig.
„Die weltliche Macht muß immer vor der Kirche zurückstehen!“
„Das war in früheren Zeiten... Ich bitte doch...“
Aber der kleine, zierliche Landshöfding schob den großen Bischof
behende vor; und als die beiden auf der Treppe verschwunden waren, ward
die Bewegung droben mit einemmal lebhaft und ungezwungen.
„Teufel, was ich hungrig bin!“
„Wer erst sein Schnäpschen ~intus~ hätte!“
Und einer dicht hinter dem andern eilten die hungrigen Herren
im Gänsemarsch die Wendeltreppe hinab. Wer gewandt war und ein
ausgeprägtes Selbstgefühl besaß, eilte ins Wohnzimmer und bot einer
Dame den Arm. Die andern drängten sich in den Türöffnungen zusammen.
Von allen Seiten strömte es in den Speisesaal, Damen, Herren und
Jugend, und einen Augenblick war es so still, daß man einen Engel
durchs Zimmer hätte fliegen hören können. In stummer Bewunderung vor
den Gaben Gottes faltete die ganze Gesellschaft die Hände, die Damen
machten einen kleinen Knix, die Herren neigten das Haupt. Und unter der
Tür zum Vorzimmer stand der junge Gustaf Hallin und zeigte durch ein
verschmitztes Lächeln, wie er sich an der allgemeinen Andacht erfreute.
Es war aber auch ein glänzendes Souper. An beiden Enden des Tisches war
ein Butterbrottisch gedeckt, einer für die Herren, einer für die Damen.
Da gab’s Kaviar, Anchovis, Sardellen, Zunge, rohen Lachs, verlorene
Eier mit Krebsschwänzen, gebratene Kartoffeln, holländischen Hering,
gebackenen Aal, Gänseleberpastete, gespickte Rebhuhnbrust.
Mitten auf dem Tisch thronte eine gewaltige Konfektschale mit
Jahreszahl und Datum des wichtigen Tages. In langen Reihen glänzten
die geschliffenen Gläser auf dem weißen Damasttuch, glatte hohe
Rotweingläser ohne Fuß, rote Weißweingläser mit milchweißem Fuß, flache
feine Sektkelche und geschliffene Sherrygläser.
Professor Hallins Soupers waren berühmt und die Kochkunst der
Professorin hatte einen ausgezeichneten Ruf. Da gab’s Lachs und
junge Hühner mit Tomaten, Champignonomelette, Prager Schinken mit
Kastanienpuree, Krebse mit verlorenen Eiern, Blumenkohl in Butter und
junges Geflügel.
„Ich kenn’ das Menü von Gustafva Björklund her“, flüsterte die
Bürgermeisterin Rundlund der Rektorin Ahlkvist zu.
„Ich auch,“ erwiderte die; „aber es ist gut.“
„Als ob es eine Kunst wäre, ein gutes Souper zustande zu bringen, wenn
man nicht fragen braucht, was es kostet!“ gab die Bürgermeisterin
zurück und warf den Kopf in den Nacken.
Die Bischofin trat mittlerweile auf die Professorin zu.
„Aber Aurora!“ sagte sie. „Du machst zu viel Umstände für deine Gäste!
Diese Unmasse von Gerichten!“
Die Professorin strahlte. Das war ihr glückseligster Augenblick. Denn
nicht nur, daß es viel zu essen gab, es gab auch gut zu essen. Das
wußte sie. Sie hatte jedes Gericht selber gekostet und wußte, sie
brauchte sich nicht zu schämen.
Die Gäste zeigten aber auch, daß sie das Essen zu würdigen verstanden.
Die späte Stunde im Verein mit den vielen Süßigkeiten, die die Damen,
und dem vielen Alkohol, den die Herren vorher genossen hatten, hatte
den Hunger zu unnatürlicher Höhe gesteigert.
„Ißt du dich auch satt, Erker?“ sagte der Professor, indem er dem
Bruder ein Glas Rotwein zutrank.
Der Gymnasiallehrer nickte und lachte.
„Das gibt morgen ein nettes Aufstehen!“ meinte er.
Es war ein langer Streit gewesen zwischen dem Ehepaar Hallin, ob man
Professor Bruhn einladen solle oder nicht. Die Professorin hatte
ärgerlich erklärt, da könne man lieber gleich die ganze Geschichte
bleiben lassen. Denn wenn Professor Bruhn dabei wäre, könne man sicher
sein, daß er irgendeinen Skandal mache. Aber der Professor bestand
darauf, Bruhn müsse eingeladen werden, und so wurde er eingeladen.
Im Verlauf des Abends sah es ganz so aus, als sollte die Professorin
unrecht behalten. Professor Bruhn führte sich ganz exemplarisch auf.
Er aß und trank, ließ die Damen in Frieden, und als er nach der
Anstrengung des Essens ausruhte, stand er meist ganz für sich in
irgendeiner Ecke, wiegte sich auf den Absätzen hin und her und drehte
sich dazwischendurch mal nach der Wand, um zu schnupfen.
Er schien selber zu fühlen, daß er auf der Hut sein müsse. Jetzt eben
hatte sich ein Kreis von Damen grade vor Bruhn versammelt. Es waren
dieselben, die vor dem Essen von dem Basar gesprochen hatten.
Ein anderes Thema war jetzt auf dem Tapet. Pastor Simonson hatte den
Vorschlag aufgebracht, man solle alle Geistlichen in Gammelby für eine
gemeinsame Bibelstunde im großen Saal des Gymnasiums interessieren.
Pastor Simonson selber stand mitten unter den Damen und redete
mit trockener Stimme und lebhaften Gebärden. Die Damen lauschten
andachtsvoll. Und niemand achtete auf Bruhn, der jedes Wort hörte und
die entsetzlichsten Grimassen schnitt, um seine Haltung zu bewahren.
Zuletzt aber ward es ihm zuviel. Er machte einen Schritt auf die
schwatzende Gruppe zu und hustete. Aller Augen wandten sich ihm zu.
Der Professor hatte gar nicht beabsichtigt, etwas zu sagen; da aber
alle schwiegen, so hielt er es für seine Pflicht, sich zu äußern und
sagte: „Ich für mein Teil finde, es wäre schade, den einzigen Abend zu
verhunzen, den man die ganze Woche über für sich hat“.
Der Professor fand, er habe sich ganz passend und maßvoll ausgedrückt.
Daß eine Bibelstunde nichts Amüsantes wäre, das, fand er, war doch
sonnenklar. Er war darum nicht wenig verwundert, als er merkte, welch
eine Verstimmung er hervorgerufen hatte.
Zum Glück hatten bloß wenige von der Gesellschaft seine Indiskretion
beachtet. Die Professorin Hallin hatte aufgepaßt und schickte jetzt
ihren Mann zu Bruhn, indem sie ihre Freude darüber aussprach, daß sie
doch recht gehabt hätte.
Aber auf dem Tisch standen Braten und Geflügel. Und über dem Geflügel
vergaß man Bruhn.
Es war ein Essen ohne Maß und Ziel. Man überlegte es sich in guter Ruh,
man aß der Reihe und Ordnung nach alle Gerichte durch, sicher, daß
man überall herumkommen würde. Und obgleich alle wußten, daß sie am
folgenden Tag über heut abend jammern würden, so fiel es doch keinem
ein, auf dies Morgen irgendwelche Rücksicht zu nehmen.
Am meisten schwelgten wohl Gustaf Hallin und der Leutnant. Letzterer
bediente seine Braut und stieß heimlich ein paarmal mit ihr in der
Fensternische an, wohin sie sich geflüchtet hatten, um sich in den
Pausen wieder einmal zu küssen. Später aber verzog er sich von der
Damenseite und stürzte sich mit einem Eifer auf die Fleischgerichte,
der zu beweisen schien, daß die Liebe einen gradezu aushungernden
Einfluß auf den Menschen haben müßte. Und daneben zeigte er in ganz
unverkennbarer Weise, wie wohl er des Schwiegervaters Weinkeller zu
schätzen wußte.
Gustaf Hallin war erst spät gekommen. Er hatte seiner Mutter erklärt,
er würde heute abend einmal seine Aufgaben recht ordentlich lernen,
weil er ja doch nicht früh zu Bett gehen dürfte. Zum Essen käme er dann
schon früh genug und hätte auch so noch ein paar langweilige Stunden zu
ertragen.
Während des Essens hielt er sich an den Leutnant; er wußte, auf die
Art würde er am sichersten das Beste erwischen. Der Leutnant ließ sich
diesmal Gustafs Gesellschaft auch ganz gern gefallen. Er brauchte
jemand, dem er zutrinken konnte; es sah schlecht aus, wenn man so ganz
für sich allein trank. Im übrigen verachtete er den „Schuljungen“
ebenso tief, wie der Schuljunge die „säbelrasselnde Zuckerpuppe“
verachtete, „die zu nichts andrem gut war, als Gabrielle abzuschlecken“.
Der einzige, der nicht aß, war Ernst Hallin. Er war zu nervös und
gereizt. Den ganzen Abend hatte er an Eva Baumann denken müssen.
Und dennoch hatte er sich nicht überwinden können, hinunterzugehen,
um sie zu sehen, sondern war wie festgenagelt bei den Herren sitzen
geblieben und hatte zugehört, wie Kumlander und Svartengren ihre
Studentenanekdoten erzählten.
Jetzt sah er sie. Sie stand ganz allein an einem Wohnzimmerfenster und
aß Eis. Ihm war, als blicke sie nach der Seite hin, wo er stand, und
mit einer plötzlichen Kraftanstrengung zwängte er sich durch die Schar
von essenden und trinkenden Gästen und gelangte bis zu ihr hin.
„Guten Abend, Fräulein Eva!“ sagte er verlegen. Ihm war, als müsse sie
es ihm ansehen, wie er sich nach ihr gesehnt hatte. Sie aber grüßte
ganz kühl und reichte ihm nicht einmal die Hand. Ruhig schlürfte sie
ihr Eis und sagte mit einer Stimme, aus der Ernst eine absichtliche
Bosheit herauszuhören glaubte: „Haben Sie sich gut amüsiert heut
abend?“
Er sah sie mit flehenden Augen an, wie ein Hund seinen Herrn, wenn er
dessen Gedanken zu erraten sucht und für sich bitten möchte.
„Wie können Sie das glauben?“ sagte er, als hätte sie ahnen müssen, wie
ihm zumute war.
Es wäre Ernst Hallin ja nie in den Sinn gekommen, zu denken, daß es Eva
Baumann, der hübschen, stolzen Eva Baumann, den ganzen Abend grade so
zumut gewesen sein könnte, wie ihm. Hätte er eine Ahnung davon gehabt,
so wäre er vielleicht trotz allem in das Zimmer gegangen, in dem sie
saß, trotz aller neugierigen Blicke, trotz Pastor Simonson, der ganzen
Welt zum Trotz. Aber er wußte es nicht, hörte nur, wie sie antwortete:
„Sonst wären Sie ja doch vielleicht auf den Gedanken geraten, einmal
herunterzukommen!“
Vor seinen Ohren sauste es. Den Grund ahnte er nicht, aber er begriff,
daß sie böse auf ihn war; und mit einem Gefühl der Zerknirschung über
seine eigene Unwürdigkeit blickte er in die dunkeln Augen, die ihm
entgegenstrahlten. Nie war sie ihm so schön erschienen, wie heute.
Sie trug ein schwarzseidenes Kleid mit durchbrochenen Ärmeln; die
ausgeschnittene Bluse ließ einen wunderbar weißen Hals sehen. Ihre
Lippen bogen sich ein bißchen verächtlich und ihre Augen blickten
zornig drein. Er beugte sich zu ihr vor.
„Ich weiß nicht, warum!“ sagte er. „Aber ich konnte nicht. Nicht vor
all diesen Menschen.“
Seine Stimme zitterte; Tränen standen in seinen Augen. Über Evas
Antlitz flog eine heftige Röte und färbte Hals, Wangen und Stirn bis
hinauf zum Haaransatz; auch ihre Stimme war nicht mehr ganz so sicher,
als sie erwiderte: „Still! Jetzt kommt die Rede!“
Ernst Hallin wandte sich um. Draußen im Speisezimmer hatte der Bischof
ans Glas geklopft, und die Gäste hatten sich alle um den Tisch
aufgestellt. Professor Hallin stand neben seiner Frau, die schon das
Taschentuch an die Augen führte, und Gabrielle war an die Seite ihres
Bräutigams geeilt und hatte ihren Arm durch den seinen geschoben.
„Meine Damen und Herren!“ begann der Bischof, und in dem großen Zimmer
ward es ganz still.
Der Bischof sah mit tiefsinniger Miene in sein Glas, in dem die
Sektperlen unaufhörlich zum Rand emporstiegen und verschwanden.
„Meine Damen und Herren!“
Er schlug die Augen auf und blickte über die Gesellschaft hin mit der
Sicherheit, die seine Vorträge auf der Kanzel kennzeichnete.
Dann begann er über die Ehe zu sprechen, die Gott selbst eingesetzt
habe. Er redete vom Heim, vom Heim des Nordens und zitierte die
Dichterworte:
Was auf der Erde ist so wert,
So traut, als Haus und Herd?
Besonders verweilte er bei einer Schilderung des Hallinschen Heims.
„Es ist nicht das erstemal,“ schloß er, „daß ich an diesem Tag in
diesem Haus die Freude habe, ein solches Hoch auszubringen. Aber mit
jedem Jahr wird dies Hoch bedeutungsvoller. Denn jedes Jahr, das
vergeht, knüpft die Bande fester zwischen diesem Paar, das heute die
Wiederkehr der Stunde feiert, da sie gelobten, in Treue miteinander
durchs Leben zu wandern.“
„Bravo!“ rief Professor Eneman und überflog die ganze Gesellschaft mit
einem funkelnden, triumphierenden Blick.
„In Lust und Leid, wie das alte Wort sagt“, fuhr der Bischof fort.
„Und in unsern Tagen, da man von allen Seiten die Heiligkeit der Ehe
antastet, da die Menschen nicht mehr die Bande der Familie achten,
sondern selber sich an die Stelle der göttlichen Autorität setzen,
grade in diesen Tagen, meine Damen und Herren, möchte ich wünschen,
ich könnte ein paar von diesen Großsprechern einführen in -- ich kann
Gott sei Dank sagen, viele -- unserer alten nordischen Heime und ihnen
sagen: Seht dies Glück, das ihr zerstören wollt, diese Treue durch
Glück und Leid“ -- der Bischof sprach die Worte aus wie Hammerschläge
-- „die ihr abschaffen wollt!“
„Meine Damen und Herren!“ der Bischof schlug jetzt einen leichteren Ton
an -- „ich bitte Sie, sich mit mir zu vereinigen, unsern werten Wirten
für den angenehmen Abend zu danken und ihnen gleichzeitig noch viele
weitere Jahre wie das eben verflossene zu wünschen. Glück und Segen
ihnen beiden!“
Die Gäste drängten sich um die Hauswirte. Frau Hallin dankte mit heißen
Wangen und Tränen in den Augen. Professor Hallin versuchte einen
leichten Ton anzuschlagen und verbeugte sich lächelnd nach rechts und
links.
Nach dem Abendessen begannen die Gäste aufzubrechen. Eine Weile
versuchte man noch, die Unterhaltung fortzusetzen. Aber der zweite
Versuch erstarb ganz von selbst. Alle fühlten, der Anlaß zu der
Zusammenkunft war nun vorüber. Alle waren satt und alle sehnten sich
nach Hause, ins Bett.
Im Vorzimmer war wieder ein großes Gedränge; schläfrige Dienstmädchen,
die seit zwei Stunden dastanden und warteten, halfen den Damen in
ihre Mäntel und Pelze. Die Herren liefen noch einmal die Wendeltreppe
hinauf, um sich noch eine Zigarre zu holen. Drunten vor der Tür
stand Gustaf Hallin, überglücklich mit seinen zwei Zigarren, die er
erschmuggelt hatte, und wartete auf die Seinen. Wenn er daheim auf
seiner Stube war, wollte er rauchen! Jetzt wagte er’s nicht. Es waren
so viele Lehrer um den Weg.
Als alle Gäste fort waren, ging der Professor zufällig noch einmal
durchs Vorzimmer. Die Korridortür war angelehnt, und durch die Tür
hörten des Professors geübte Ohren einen verdächtigen Laut, der wie ein
Kuß klang.
Er blickte hinaus. Im Halbdunkel glaubte er einen Offiziersmantel zu
sehen, der die Treppe hinunter verschwand. Und zur Tür herein kam
eines der Hausmädchen, rot wie eine Päonie. „Wer ging denn da eben
fort?“ fragte der Professor und legte die Sicherheitskette vor.
Das Mädchen sah ganz erschrocken aus.
„Ich weiß nicht“, sagte sie stotternd. „Ich glaube, es war der Herr
Leutnant.“
Der Professor erwiderte nichts und das Mädchen verschwand eilig in der
Küche.
„Pfui Teufel!“ sagte der Professor vor sich hin. Auf seinem jovialen
Gesicht spielte ein pfiffiges Lächeln. „Steht die Sache so?“
Und raschen Schrittes ging er in den Salon, um seiner Frau zu helfen,
die Lichter zu löschen.