draußen kocht -- Sie wissen doch, ich wohne bei der Tante, wenn ich in
der Stadt bin, und sie hat Schuljungens in Pension -- ah -- was die
gräßlichen Jungens einen mit ihren Unarten plagen können! -- da weiß
ich wahrhaftig manchmal nicht, was ich anfangen soll! Ganz verrücktes
Zeug fällt einem da oft ein! Wir Mädchen haben ja doch nichts Rechtes
zu tun. Und manchmal ist mir alles so zuwider, daß ich am liebsten
weinen möchte. Aber manchmal bin ich so ausgelassen und wild, daß
ich wollte, ich könnte auf einem so recht tollen Pferd einmal weit
fortreiten. So schnell, daß ich gar nichts mehr sähe vor mir! Hüpfen
und schreien könnt’ ich aus lauter Übermut, in den Wald laufen und die
Abhänge herunterrollen, oder im Sommer im See baden und ins Wasser
schlagen, bis ich so müd wär, daß ich gar nicht mehr könnte! Aber das
ist ja alles dummes Zeug!“
Sie waren jetzt in die Stadt gekommen, und an einer Querstraße blieb
sie stehen.
„Jetzt darf ich nicht weiter mit Ihnen gehen“, sagte sie. „Adieu!“
Und sie streckte ihm die behandschuhte kleine Hand entgegen. Er nahm
sie und blickte ihr in die klaren Augen.
„Kommen Sie denn jetzt gar nicht mehr zu Selma?“ fragte er. Er begriff
selber nicht, wo er den Mut dazu hernahm.
„Ich weiß nicht, ob ich darf, wenn ein junger Herr im Haus ist!“
erwiderte sie.
Er sah so hilflos niedergeschlagen aus, daß sie lachen mußte.
„Es kann schon sein, daß ich doch komme!“ sagte sie ermutigend.
Dann zog sie ihre Hand aus der seinen und nickte ihm kurz zu, bog
in die Querstraße ein und entfernte sich mit kleinen, munteren,
trippelnden Schritten.
Er stand und sah ihr nach. Es war, als höre man Musik, wenn man sie
gehen sah. Alles ward so ruhig in einem.
Und Ernst ging schnurstracks heim und schrieb bis zum Mittagessen an
seiner Predigt.
Zwölftes Kapitel
Am 20. März war bei Professor Hallins große Abendgesellschaft; alle
Honoratioren der Stadt waren geladen. Es war ihr Hochzeitstag, und
in ihrem ganzen Bekanntenkreis war es zur Gewohnheit geworden, daß
man an diesem Tag abends bei Hallins war. Landshöfdings waren da und
Bischofs, ein paar von den reichen Kaufmannsfamilien, die Professoren
vom Gymnasium mit ihren Familien und ein paar von den Lehrern.
„Geht Ernst heut abend mit?“ fragte Frau Hallin, als die Familie nach
Tisch um den Kaffeetisch versammelt war.
„Ja natürlich“, sagte der Adjunkt. „Warum sollte er nicht mitgehen?“
„Meinst du, es macht sich gut, wenn er abends ausgeht in der
Woche, eh er seine Probepredigt hält?“ fragte Frau Hallin in ihrem
allerernstesten Ton.
„Ach, was tut denn das!“ erwiderte der Adjunkt.
Aber ein Blick seiner Frau ließ ihn verstummen, und er wandte sich
direkt an seinen Sohn.
„Was sagst du selbst dazu?“ fragte er.
Ernst sah unschlüssig aus. Er war so gewöhnt, andere für sich
entscheiden zu lassen, daß es ihm schwer ward, einen Entschluß zu
fassen, der irgendwie die Wünsche anderer durchkreuzte. Aber er
antwortete doch, wenngleich etwas zögernd:
„Ja, ich wollte eigentlich gehen.“
Frau Hallin äußerte nur: „Selbstverständlich mußt du in einer solchen
Sache tun, wie du willst.“
Aber die ganze Familie fühlte die Gewitterwolke, die über ihnen
schwebte, ohne sich zu entladen, und Ernst fing schon an, sich
Gewissensbisse zu machen.
Die Sache verhielt sich nämlich so: Selma hatte ihm vor dem Essen
anvertraut, es würden heut abend auch junge Leute kommen. Sie hatte es
von Gabrielle gehört, die sie auf dem Weg zur Schule getroffen hatte.
Sicher würde da auch Eva Baumann kommen. Denn ihre Tante verkehrte bei
Professor Hallins. Und das hatte Ernst bestimmt. Er mußte gehen, koste
es, was es wolle.
Er hatte in den letzten zwei Wochen ein ganz neues Leben gelebt.
Seit der Begegnung an der Brücke war er ein ganz anderer. Guter
Laune, heiter in der Familie, zärtlich gegen die Mutter. Und, was das
Allermerkwürdigste war -- er hatte seine Predigt geschrieben. Und zwar
ganz ohne Anstrengung, ohne Grübelei, leicht wie ein Spiel!
Frau Hallin fing schon an, ihren bösen Ahnungen unrecht zu geben.
Daß er heut abend in die Gesellschaft gehen würde, war für ihn eine
ganz abgemachte Sache. Die Mutter mochte sagen, was sie wollte.
Er machte frühzeitig Toilette und war vor den anderen drunten im
Wohnzimmer.
In Professor Hallins großem Salon waren die Möbelüberzüge entfernt,
das weiße gestickte Tischtuch lag zierlich auf dem großen Sofatisch
ausgebreitet, der Schein der Lampe widerstrahlte hell von dem Weiß, und
in dem bronzenen Kronleuchter brannten alle Lichter.
Professor Hallin wanderte in Frack und weißer Krawatte durch die Zimmer
und besah sich das ganze Arrangement. Niemand hätte es ihm angesehen,
daß er schon über sechzig Jahre alt war. Der Bart war freilich grau
und der Schädel kahl. Aber unter die grauen Haare mischten sich noch
viele braune, und bei festlichen Gelegenheiten trug er seine Korpulenz
mit einer Elastizität, als wäre sie bloß der Ausdruck jugendlicher
Gesundheit und Kraft. Sein Gesicht war fast faltenlos, die Jahre
schienen über ihn hinweggegangen zu sein, ohne ihn alt gemacht zu
haben, und in seinen Augen blitzte eine Frohlaune, die ihn ordentlich
verjüngte.
Er warf einen flüchtigen Blick über die Zimmerreihe -- er wußte, bei
einer solchen Gelegenheit konnte er sich auf seine Frau verlassen --
und stieg dann die Wendeltreppe hinauf, die zu den Rauchzimmern führte.
Diese beiden Zimmer, ein großes und ein kleines, waren sein Stolz, der
größte Luxus, den er sich selbst gestattet hatte. Er sah sich um in
diesem Komfort, den er im stillen „europäisch“ nannte, und ein Gefühl
von Eitelkeit beschlich ihn beim Gedanken, daß in ganz Gammelby etwas
Ähnliches nicht zu finden war. Er blickte auf die Spieltische, auf
denen neue, ungebrauchte Karten lagen. In den Leuchtern an den Wänden
brannten neue, dicke Kerzen, und durch die Portiere, die schräg über
der Tür hing, schimmerte der lichtgrüne Schein der großen Laterne, die
in der Mitte des kleineren Zimmers hing.
Der alte Herr besah sich die Kognaketiketten und hielt die
Punschkaraffen gegen das Licht, um zu sehen, ob sie auch ganz blank und
klar wären. Dann zählte er die Gläser und machte eine Zigarrenkiste
auf, die er zwischen die Mundstücke und Meerschaumpfeifen auf dem
eleganten Rauchtisch setzte. Darauf stellte er sich vor einen
Pfeilerspiegel, der von der Decke bis zum Fußboden reichte, und gönnte
sich einen Überblick über seinen äußeren Menschen.
Er schlug den Frack zurück und drehte sich seitwärts, um zu sehen, ob
sein Bauch dicker geworden wäre, seit er den Frack zuletzt angehabt
hatte, glättete den Bart und rückte die Krawatte zurecht. Die flotte
Art, wie der Professor eine Krawatte zu binden verstand, war sein
Stolz. Dann nickte er seinem Spiegelbild zu und summte gedankenlos eine
französische Operettenmelodie.
Mit geradem Rücken und weichen, geschmeidigen Schritten stieg er die
teppichbelegte Wendeltreppe wieder hinab und trat in den Salon.
Dort stand seine Frau, mit der großen Lampe beschäftigt, die zu hoch
hinaufgeschraubt war.
Die Professorin trug ein schwarzseidenes Kleid mit langer Schleppe. Es
war am Hals mit einer großen goldenen Brosche geschlossen, in deren
Mitte ein Stiefmütterchen aus Juwelen funkelte; am rechten Arm funkelte
ein mit Perlen besetztes goldenes Armband. Die kurzen, halboffenen
Ärmel ließen ein Paar volle Arme sehen, die noch die ganze weiße
Weichheit der Jugend zeigten.
Als sie den Professor erblickte, ging sie zu ihm hin und legte ihm die
Arme um den Hals.
„Abel!“ sagte sie.
Der Professor küßte sie flüchtig auf die Stirn und schob sie sachte von
sich. Er kannte diese Gefühlsausbrüche, grad eh die Gäste kommen mußten.
„Ja, lieber Schatz,“ sagte er, „die Zeit vergeht!“
Und er warf einen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob auch die
Hemdenbrust oder die Krawatte keinen Schaden gelitten hätten. Die
Professorin segelte durch das Zimmer -- mit dem eigentümlichen Gang,
den kleine dicke Frauen an sich haben, besonders wenn sie Seide tragen.
„Gabrielle!“ rief sie zur Tür hinaus.
„Ja, Mama!“ klang es von einem Nebenzimmer zurück.
„Beeile dich!“ sagte die Mutter. „Ich höre Axel schon auf der Treppe.“
Professor Hallin hatte ganz plötzlich noch etwas im Rauchzimmer zu tun.
„So -- muß der noch +vor+ den andern kommen?“
Seine Frau warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und ging in die
Küche, damit die Kinder sich ungestört begrüßen konnten. Die paar
Minuten konnte man ihnen wenigstens gönnen!
Gabrielle kam im Sturm herausgelaufen. Sie trug ein Kleid von weißem
Tüll mit rosa Schleifen. Schelmisch stellte sie sich hinter die Tür und
wartete, bis der Bräutigam draußen klingelte.
Er ließ auch nicht lange auf sich warten. Fräulein Gabrielle öffnete
mit behenden Fingern und sprang dann ein paar Schritte zurück, um
die Wirkung zu beobachten, den ihr Anblick auf den Verlobten machen
mußte. Sie verzog ungeduldig den kleinen Mund; ihre Augen glänzten
unter den gebrannten Locken. Der Leutnant trat ein. Er war in Uniform.
Rasch warf er den Mantel ab und stand in voller Gala, mit funkelnden
Achselstücken, den Degen an der Seite, vor seiner Braut. Beide standen
einen Augenblick ganz still, wie um ihr gegenseitiges Entzücken zu
genießen. Gabrielle verschlang ihn förmlich mit den Blicken. Dann warf
sie sich mit einem kleinen Schrei, mit einer eigenwilligen Bewegung an
seine Brust und überhäufte ihn mit Küssen.
„Du bist süß, süß, süß!“ flüsterte sie dazwischen durch. „Komm auf mein
Zimmer, da können wir eine Weile in Frieden sein, eh die andern kommen!“
„Meine kleine Gabby!“ sagte der Leutnant, während er ihr folgte.
Aber die unartigen kleinen Schwestern, die gehört hatten, wie Mama
rief, „Axel“ sei da, waren schon fertig in ihren hellen kurzen
Kleidern, weißen Strümpfen und offenen Haaren und warteten nur darauf,
daß Mama in die Küche gehen sollte, um sich sachte in das kleine
Eckzimmer zu schleichen, wo die Tür zu Gabrielles Zimmer halboffen
stand.
„Sei still!“ sagte die zwölfjährige Elin zu der zehnjährigen Anna.
Und dann horchten sie auf die zärtlichen Liebesworte und Liebkosungen.
Und wenn es so still war, daß sie diese ewigen, langen, dummen Küsse
nur ahnen konnten, zwickten sie einander in den Arm und verbissen das
Lachen.
„Herrje, sind die albern!“ sagte Anna.
Elin war neugieriger. Sie wollte sie auch sehen und schielte vorsichtig
durch die offene Tür.
„Denk mal, sie sitzt auf seinem Schoß!“ sagte sie zu der Schwester.
Dann warteten die zwei kleinen Unschuldswürmer noch ein Weilchen,
um schließlich mit lautem Lärm und dem vereinten Ruf: „Kuckuck!“ in
Gabrielles Zimmer zu stürzen.
Gabrielle fuhr auf und rief außer sich:
„Herrgott, die so ungezogenen Rangen!“
Und die Professorin kam eilig aus der Küche gesegelt, um Frieden zu
stiften.
„Schämen solltet ihr euch, heut, wo Gäste kommen! Hab’ ich euch nicht
gesagt, ihr sollt Gabrielle nicht immer ärgern?“ Im selben Augenblick
ertönte draußen die Klingel. Elin wurde hinausgeschickt, um das
Zimmermädchen zu rufen, die im Korridor sein mußte. Die Professorin
eilte in den Salon, um zum Empfang bereit zu sein, und Gabrielle hing
sich noch einmal an den Hals des Verlobten und warf dabei einen ganz
extra schwesterlichen Blick über seine Schulter nach „den ungezogenen
Rangen!“
Jetzt kamen die Gäste. Im Vorzimmer herrschte ein Gedränge. Damen und
Herren lösten einander vor dem Spiegel ab. Solide alte Damen in Haube
und falschen Locken, alte Herren mit grauen Perücken oder glänzenden
Platten und grauem Bart, mittelalterliche Herren, die meisten mit
kahler Stirn und blühender Farbe, elegante junge Herren mit gradem
Scheitel und Kneifer, mittelalterliche Damen mit schlichtem Haar und
einer schwarzen Schleife auf dem Kopf, mit strengem, steifem Gesicht,
die die Welt und alles, was von der Welt war, verachteten, und die nur
kamen, um zu zeigen, daß sie sich in dieser Welt, die sie verachteten,
auch ebensogut bewegen konnten. Und schließlich fröhliche, rosige
Mädchengesichter, die lang vor dem Spiegel standen und ihn endlich
mit dem Lächeln verließen, das verlangt wurde, wenn man zu einem
Hochzeitstag gratulieren mußte.
Alle, die in den Salon traten, alt und jung, Herren und Damen,
behielten die Handschuhe an, wie zu einem Ball; einige der Herren, die
in Stockholm gewesen waren und wußten, was sich gehört, hielten den
Chapeau claque unterm Arm, während sie drin mit den Damen plauderten,
in einer Salonecke oder einem Türrahmen standen oder in eleganter
Haltung Staffage in den bunten Räumen bildeten. Und alle kamen sie zum
Gratulieren. Sie dienerten und verbeugten sich, Worte flogen hin und
her, so herzlich, so heiter, als fiele es keinem im Traum ein, daß
je ein Wölkchen auch nur eine Sekunde lang den heitern Himmel dieser
Musterehe verschattet haben könnte. Die Damen nahmen die „liebe,
liebste Aurora“ in die Arme und küßten sie auf Mund oder Wange, wie
sich’s nun eben traf. „Ach Aurorachen!“ „Du siehst wahrhaftig aus
wie deine eigene Tochter!“ „Seid ihr wirklich schon ganze zwanzig
Jahre verheiratet?“ „Ja, wenn die Kinder nicht wären -- man könnt’
es überhaupt nicht glauben!“ „Und die liebe kleine Gabrielle! Wenn
man bedenkt, daß sie auch schon verlobt ist!“ „Teure Aurora, wie lieb
von dir, uns einzuladen!“ „Es tut mir so leid, daß ich nicht einmal
ein paar Blumen habe für dich! Aber alle meine Blumen gedeihen diesen
Winter so schlecht!“ -- Dies letztere war die Bischofin.
Jedoch auch ernsthaftere Glückwünsche gab es, die sich in langen,
bedeutungsvollen Händedrücken, in leise geflüsterten Worten äußerten:
„Gott segne dich, Aurora, und laß es dir wohl ergehen!“ Während
die Herren ihre Gefühle bei dieser Gelegenheit etwas einförmiger
ausdrückten: „Habe die Ehre!“ „Beste Glückwünsche!“ „Hoffe, daß noch
viele frohe Jahre...“ „Hm... Hm...“ usw., „Hoffe, noch viele Jahre die
Freude zu haben...“ „Hm... Hm...“ usw.
Die Professorin empfing alle Glückwünsche und bemaß ihre Erwiderungen
nach der Anrede. Sie lächelte den Fröhlichen fröhlich zu und
war wehmütig mit den Wehmütigen. Und während immer mehr Gäste
hereinströmten, bewegte sie sich voll Eifer zwischen Sofa und Tür, wies
allen ihre Plätze an und vergaß weder die verschiedenen Rangstufen noch
die verschiedenen Antipathien.
Professor Hallin strahlte vor Vergnügen. Aufrecht und elegant schob
er seine korpulente Gestalt zwischen den Schleppen der Damen und den
Möbeln des Salons durch, ohne auf die einen zu treten oder an die
anderen zu stoßen. Für die alten Damen hatte er artige und verbindliche
Worte, für die jungen Mädchen galante Blicke und ein väterliches
Achselklopfen oder Wangenstreicheln. Dem Bischof, mit dem er auf Du
stand, machte er eine Verbeugung, respektvoll, wie sie sich für den
Ephorus des Gymnasiums gebührte, und begleitete sie mit einem heitern
Blinzeln, das dem Duzfreund galt; für seine Kollegen hatte er die
zwanglose Heiterkeit, die sich kein anderer als Professor Hallin
in einem Salon hätte gestatten dürfen. Er schnitt ihnen Grimassen,
puffte sie in den Rücken und schlug ihnen auf die Achsel, daß es auf
dem feinen Fracktuch nur so klatschte. Und für all diese harmloseren
Verbrechen gegen die Schicklichkeit wie für Vergehen ernsterer Art
hatte ganz Gammelby nur +ein+ Urteil: „Herrgott, ja, es ist eben
Professor Hallin!“
Adjunkt Hallins kamen etwas spät. Frau Hallin hatte ziemlich
ausführlich Toilette gemacht, aus Rache, wie der Adjunkt vermutete,
weil Ernst nicht hatte auf das Mitgehen verzichten wollen. Als sie
nun aber in den Salon trat, war sie eitel Sonnenschein, küßte die
Schwägerin auf beide Backen, drückte ihr die Hände und flüsterte:
„Liebe, gute Aurora!“ Die Schwägerin erwiderte ihre Zärtlichkeit mit
Tränen in den Augen. Sie wußten beide, daß alle Damen im Zimmer sie
beobachteten. Denn ganz Gammelby wußte, daß die Schwägerinnen sich
nicht gut standen. Der Gymnasiallehrer umarmte seinen Bruder herzlich.
„Alles Gute, alter Kain!“ sagte er innig.
Der Professor zupfte ihn lustig am Bart und erwiderte: „Du, auf alten
Bäumen wächst Moos!“
Ernst Hallin fühlte sich ein bißchen verlegen, als er in diesen
Salon voller Menschen trat. Er paßte im allgemeinen nicht in große
Gesellschaften. Ungeschickt und eckig, das fühlte er selbst, wünschte
er dem Onkel und der Tante Glück, verbeugte sich steif vor den Damen,
begrüßte einige der Herren, zog sich dann in eine Ecke zurück und sah
sich um. Ein Mädchen bot auf einem Tablett Tee an, hinter ihr kam
eine zweite mit einem Tablett voll Kuchen. Nicht weniger als vierzehn
verschiedene Sorten, rechnete Frau Hallin aus.
Auf dem Sofa saß die Bischofin, auf ihrer einen Seite die Rektorin
Ahlkvist, auf der andern die Bürgermeisterin Rundlund. Sie sprachen
von einem Basar, der kürzlich abgehalten worden war zugunsten eines
Magdalenenheims in Gammelby, und es wurde erzählt, als Nettogewinn
wären nicht mehr als fünfundsiebzig Kronen eingegangen. Die drei Damen
redeten eifrig durcheinander; die Rektorin und die Bürgermeisterin
beugten sich beide zur Bischofin hin, die mit ihrer Teetasse in der
Hand dasaß und bekümmert das Haupt schüttelte, während sie ihre
Aufmerksamkeit zwischen dem projektierten Magdalenenheim und einem
Vanillebrötchen teilte, das sie eben aß.
Die Bischofin war eine kleine magere Dame von völlig weltlichem
Aussehen und völlig weltlichen Interessen. Sie sah immer aus, als
stünde sie nur zum Scherz einem bischöflichen Haushalt vor; und ihr
Mann nahm auch nicht die geringste Rücksicht auf sie, um so weniger,
als sie noch dazu bedeutend jünger war als er. Schokoladefrühstücke
vormittags waren ihr ganzes Entzücken, und sie war immer darauf
bedacht, sich, sobald als nur möglich, zur Jugend zu gesellen. Ja, es
konnte vorkommen, daß sie manchmal wagte, in allergrößter Heimlichkeit
mit einem von den jüngeren Herren zu kokettieren, dem es grade gefiel,
sich auf Kosten der „kleinen Bischofin“ ein bißchen zu amüsieren.
Ein Stück weit davon saß Frau Hallin und unterhielt sich mit Frau
Pegrelli. Nicht als ob Frau Hallin eine besondere Vorliebe für Frau
Pegrelli gehabt hätte. Sie war langweilig und pedantisch und sprach
von nichts anderem als ihrem eigenen religiösen Leben. Aber sie stand
in dem Ruf einer sehr frommen Frau, und man sagte, der Dompropst halte
viel auf ihr Urteil und ziehe sie in vielen Dingen, die die Gemeinde
betrafen, zu Rate. Und das Urteil des Dompropsts über einen Menschen
war für alle Kinder Gottes in Gammelby maßgebend. Darum blickte Frau
Hallin zu Frau Pegrelli auf als zu einer Seele, die weiter gediehen war
in der Gnade Gottes als sie.
Sie hatte überdies heute abend ein ganz besonderes Interesse an der
Unterhaltung mit dieser Frau. Frau Pegrelli war Eva Baumanns Tante,
bei der das junge Mädchen ein paar Wintermonate lang wohnte, um
Musikstunden zu nehmen. Und Frau Hallin wußte, daß ihr Sohn Frau
Pegrelli in letzter Zeit oft besucht hatte. Zweimal war er sogar zum
Abendbrot dort geblieben. Frau Hallin wollte darum ihre Mutterpflicht
erfüllen und versuchen, zu ergründen, was ihr Sohn eigentlich dort
triebe. War es denn möglich, daß er, der jetzt an so Ernstes zu denken
hatte, den Verliebten spielte? Daß er Eva Baumann wahrhaft lieben
könnte, das kam Frau Hallin gar nicht in Sinn, so wenig sie sich das
bei irgendeinem andern jungen Mädchen ihres Bekanntenkreises denken
konnte.
Deshalb saß sie nun neben Frau Pegrelli und unterhielt sich mit
ihr über dies und jenes, über ihren Sohn, und dankte ihr für die
Freundlichkeit, mit der sie ihn bei sich aufgenommen hatte. Aber sie
fühlte sich durch diese Unterhaltung nur noch mehr beunruhigt.
Ernst Hallin sah, daß seine Mutter mit Frau Pegrelli sprach; er fühlte,
wie er rot wurde. Er schickte sich eben an, in das kleine Zimmer zu
gehen, in dem die jungen Leute versammelt waren; da hörte er Simonsons
scharfe Stimme und blieb unschlüssig stehen.
Der Tee war umhergereicht worden. Herren und Damen saßen oder standen
in dem großen Salon herum. Im Wohnzimmer saßen ein paar Vereinzelte,
die Anekdoten erzählten und lachten, und im Speisezimmer wanderten ein
paar Herren auf und ab und politisierten.
Es lag eine stille Erwartung in der Luft. Jeder saß oder stand auf
seinem Platz, wie man sitzt oder steht, wenn man weiß, daß man nicht
lange bleiben wird. Man hörte, wie die Damen sich ab und zu ironisch
bedankten, daß die Herren ihnen so lange die Ehre ihrer Gesellschaft
erwiesen. Auf den Gesichtern mancher Herren spiegelte sich deutlich
eine gewisse Unruhe. Sie wechselten oft den Platz, flüsterten sich
im Vorübergehen ein paar Worte ins Ohr, und einer und der andere sah
heimlich auf die Uhr.
Ganz besonders unruhig sah Professor Kumlander aus. Er war von der
Bürgermeisterin in ein Gespräch verwickelt worden und stand nun vor ihr
und schmunzelte und verbeugte sich.
Seine Frau hätte leider noch nicht kommen können. Sie wäre noch nicht
ganz so weit. Aber es ginge, Gott sei Dank, den Umständen angemessen...
recht gut... hm ja... recht gut... Die Bürgermeisterin legte den Kopf
auf die eine fette Schulter und lächelte kokett zu ihrem ältlichen
Kavalier auf:
„Ob ihr Männer je lernen werdet, was ihr uns Frauen alles zu verdanken
habt!“
Professor Eneman hatte sich zur Rektorin durchgelotst. Er stand mit
gekreuzten Beinen da, die eine Hand in die Seite gestemmt, die andere
auf die Sofalehne gestützt. Sein Gesicht glänzte, die gelben Zähne
blitzten, während er redete und dabei unaufhörlich seine Blicke über
die ganze Gesellschaft hinschweifen ließ.
Professor Bruhn saß einsam an einem kleinen Tisch im Wohnzimmer,
blätterte in einem Album und schnupfte.
Endlich kam Professor Hallin die Wendeltreppe herab. Er flüsterte den
Zunächststehenden lächelnd etwas ins Ohr und ging dann auf einen Haufen
Herren in der Mitte des Salons zu: „Ist’s den Herren gefällig, daß wir
zu dem solideren Teil des Abends übergehen?“
Eine allgemeine Bewegung entstand. Professor Kumlander brach mitten
im Gespräch mit der Bürgermeisterin ab und wies mit bedeutungsvoller
Miene nach dem oberen Stockwerk. Professor Eneman blieb noch eine Weile
stehen und redete weiter, um zu zeigen, daß er Selbstbeherrschung
besaß. Aber ganz von selbst bewegten sich seine Beine, und die Hand,
die er in die Seite gestemmt hatte, machte lebhafte Gesten, wie um die
Unterhaltung zu beschleunigen. Die Herren im Speisezimmer waren schon
alle nach oben verschwunden, und Professor Bruhn erhob sich beim ersten
Laut und sagte mit sichtbarer Erleichterung: „Na, endlich!“
Der Bischof blieb in seinem Lehnstuhl sitzen.
„Ich komme in einem Weilchen auch“, sagte er.
Nur der Bräutigam und Pastor Simonson wollten überhaupt lieber bei den
Damen bleiben.
Ernst Hallin hatte sich mit einem kleinen Seufzer entschlossen,
mit den Herren zu gehen. Er wußte ja, wie es da drin bei der
Jugend war. Die jungen Mädchen und Herren saßen um einen Tisch
und machten Gesellschaftsspiele. Sie warfen sich ein Taschentuch
zu und sagten dabei ein Wort, auf das der andere einen Reim finden
mußte; und wer keinen Reim fand, mußte ein Pfand geben. Oder sie
machten Schreibspiele. Oder einer ging ins andere Zimmer, und die
übrigen dachten sich irgend jemand. Dann wurde der Betreffende wieder
hereingerufen und mußte durch Fragen erraten, an wen die andern gedacht
hatten. Oder spielten sie Porträt und Motto, oder Ringsuchen, oder
irgend so was Ähnliches.
Dazwischen hinein waren Pausen, in denen geschwatzt wurde, allerhand
Geschichten, auch ein bißchen Klatsch. Und alle waren schrecklich
vergnügt, redeten und schrien durcheinander, stießen mit ihren Wein-
und Punschgläsern an und lachten und verführten ein Wesen, daß die
Alten draußen manchmal verstummten, um ihnen zuzuhören.
Denn bei Professor Hallins, das wußten die jungen Leute alle, waren sie
ungestört; keine Mama oder Tante kam da und guckte plötzlich zur Tür
herein, um nachzusehen, was sie trieben. Sie blieben die ganze Zeit
unter sich, und wenn das Abendessen serviert wurde, durften sie ihre
Teller mit sich in den kleinen Salon nehmen und sich eine Flasche Sekt
dazu erobern. Und dann stieg der Jubel aufs höchste.
Ernst Hallin hätte bei all dem so herzlich gern mitgetan. Er wäre ganz
zufrieden gewesen, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, ganz still in
einer Ecke zu sitzen, sich an der Freude der andern zu freuen und Eva
Baumann anzusehen. Aber er brachte es nicht über sich, hineinzugehen.
Der Gedanke, daß Simonson im selben Zimmer mit ihm und Eva sein
sollte, war ihm unerträglich. Natürlich würde der sie beobachten.
Natürlich würde er alles erraten, und würde sie mit seinen kalten Augen
anblicken, daß sie gar nichts sprechen könnten.