einem Nichts zusammengesunken; der Kaviar zwischen den gehackten
Zwiebeln war ganz verschwunden. Da und dort lagen auf einer Platte noch
ein paar Scheiben kalten Fleisches, ein paar Lammkoteletten hatten sich
am äußersten Rand einer länglichen Schüssel unter ein paar gedämpften
Mohrrüben verkrochen; nur der Büchsenlachs und der geräucherte Aal
standen noch unberührt da. Von dem frischen Lachs mit verlorenen Eiern,
der vorher in feingeschnittenen Scheiben, Seite an Seite mit einem
Haufen ebenfalls verschwundener Entrecotes, den Appetit herausgefordert
hatte, war keine Spur mehr zu sehen. Am Rand des Tisches stand eine
Schale, auf deren Grund die Überbleibsel des geschmolzenen Gefrorenen
schwammen.
„Ja, essen, das kann man hier in Gammelby, dafür ist es bekannt!“ sagte
Professor Bruhn.
„Na, nun wollen wir lustig sein und weitermachen!“ schlug Professor
Hallin vor und setzte sich. „Jetzt kommt der Kaffee und der Punsch.“
Der Kaffee kam, und der Punsch kam. Und alle wurden lustig und immer
lustiger. Jetzt war die Reihe an Svartengren; jetzt wurde der amüsant.
Vor dem Abendessen sagte der nie viel, und während des Abendessens war
er mit Essen beschäftigt. Es war nicht zu glauben, was er alles in
sich hineinaß. Dafür war er aber auch, wenn man beim Kaffee und Punsch
angelangt war, der Vergnügungsmeister. Das erwartete die Gesellschaft
von ihm. Er konnte Hühner und Katzen und Schweine nachmachen. Er wußte
allerhand Lieder und trommelte „Hör uns, Svea!“ auf seinem Bauch,
während er mit dem Mund die Klarinette dazu blies. Und noch eine Menge
andere amüsante Kunststücke konnte er. Er war sich dessen auch wohl
bewußt; und er schickte sich eben an, den Mund aufzutun, um ein paar
einleitende Worte zu sagen, während er seinen dicken Bauch unter den
Tisch schob. Da ging die Tür auf; und Professor Eneman, der ein bißchen
auf die Straße gegangen war, um sich auszulüften, kam wieder herein.
Er blieb mitten in der Tür stehen und winkte jemand, der im Korridor
draußen wartete.
„Kommen Sie, junger Freund!“ sagte er und fuhr mit seiner runden
kleinen Rechten durch die Luft. „Wir sind lauter gute Kameraden hier,
und wir vermehren uns gern um einen neuen!“
Er zog den andern hinter sich her, und auf der Schwelle erschien Ernst
Hallin. Er blieb verlegen stehen und legte die Hand über die Augen, als
blende ihn der allzu grelle Lichtschein.
Adjunkt Hallin erhob sich sofort und trat auf den Sohn zu. Es lag eine
gewisse aufgeräumte Würde in der Art, wie er es tat; und er fühlte
sich stolz und froh, daß er den Kollegen den eben heimgekehrten Sohn
vorführen konnte. Gleichzeitig erwachte aber auch eine unbehagliche
Erinnerung in ihm. Ob seine Frau wohl zu Bett gegangen war, oder ob
sie noch auf war und auf ihn wartete? Aber er scheuchte den Gedanken
von sich und schüttelte dem Sohn herzlich die Hand. Professor Hallin
tat es dem Bruder nach, und beide standen sie vor dem jungen Mann
und plauderten mit ihm, während er seinen Überzieher ablegte. Eine
Vorstellung war nicht nötig. Alle, die in dem kleinen Wirtszimmer
saßen, waren Ernst Hallins frühere Lehrer. Er grüßte ziemlich linkisch
und hatte dabei ein Gefühl wie ein Schuljunge, worüber er sich ein
bißchen ärgerte. Dann holte er sich einen Stuhl und setzte sich. Man
fragte ihn, was er trinken wolle.
„Ein Glas Punsch, wenn ich bitten darf!“
Und der Doktor der Philosophie, Svartengren, fuhr fort, wo er eben
aufgehört hatte. Er wollte ein Lied singen.
Ernst betrachtete seine alten Lehrer mit einem wunderlichen Gefühl. Er
war spazieren gegangen, über ein Stunde lang, als Professor Eneman ihn
draußen fand und mit sich schleppte. Wilde, stürmische Gedanken hatten
seine Seele erfüllt. Er wußte gar nicht, woher sie ihm gekommen waren.
Der Punsch, den er trank, wirkte belebend auf sein müdes Gehirn, und
er fühlte eine wohltuende Wärme seinen ganzen Körper durchdringen. Er
sah alle die Männer, die da um ihn hersaßen, der Reihe nach an und
lächelte -- ein Lächeln, das ihm selber fremd war. Wie sonderbar sie
aussahen. Als hätte die Sonne nicht auf sie geschienen, der Sturm
nicht in ihren Haaren gewühlt, der Regen nicht frisch und feucht ihr
Antlitz bespült -- viele, viele Jahre lang. Er sah Herren mit braunen
oder grauen Bärten, mit Brillen und Kneifern, runde, dicke, fröhliche
Lebemänner, magere, gelbe Bücherwürmer; eine Physiognomie, wie die
eines alten Seemanns neben einer, die aussah wie die eines Pastors. Und
der Trieb des Schuljungen, alles, was „Schulmeister“ heißt, zu foppen,
erwachte in ihm, gleichzeitig mit einer Art von Scheu; er fand, es
sei doch komisch, daß er hiersaß und mit seinen alten Lehrern Punsch
trank, statt wie früher in eins der Klassenzimmer zu treten. Er hätte
Lust gehabt, sich wieder auf eine Schulbank zu setzen, und wenn der
Lehrer hereinkäme, ihm gemütlich zuzunicken und zu sagen: So, da bin
ich wieder. Mach mit mir, was du magst. An mir ist die Schulluft nicht
hängen geblieben! Das Leben hat mir frische, starke Gefühle, lebendige
Interessen, Willen und Kraft gegeben. Grau ist alle Theorie, doch grün
des Lebens goldner Baum. Komisch von dem alten Goethe, einen goldnen
Baum grün zu nennen. Aber das beweist nur, daß er selber so lang wie
möglich grün sein wollte. Ja, wenn er so was Ähnliches zu ihnen sagen
würde! Das wäre ein feiner Anfang für seine geistliche Laufbahn!
Aber schließlich waren das nichts als Worte. Ach nein, er würde so was
ja doch nie sagen! Er hatte ja nie etwas anderes gekannt, als Schulluft.
Bücherwürmer? War nicht er selber ein Bücherwurm, ärger als jeder
andere, trotzdem er so jung war?
Doktor Svartengren hatte sein Lied gesungen, ein
parodistisch-sentimentales Studentenlied mit lateinischen Brocken:
„Stand bei der Ecke am Tore
Jung-Daphnis ~titiens amore~.
Du böse Zauberin Natur,
Was schufst du sie so lieblich nur!“
Ernst hatte dies selbe Lied von den Freunden in Upsala gehört, und es
kam ihm komisch vor, es hier, unter alten, gesetzten Männern, von denen
die meisten schon graues Haar hatten, wiederzuhören. Gleichzeitig aber
fing er doch an, sie mit andern Augen anzusehen, menschlich und weniger
mit Studentenkritik. Sie gefielen ihm in ihrer Fröhlichkeit; er begann
die unterdrückte Lebenslust zu verstehen, die sich hier zwischen vier
Wänden Bahn brach, in einer engen, verrauchten Kneipe, weil die schwere
Arbeit ums tägliche Brot sie hinderte, die Freude täglich zu Gast zu
laden.
Professor Bruhn, den er so oft verspottet hatte, war sicher ein
prächtiger Kerl. Und Svartengren, der ihm gegenübersaß, voll
Befriedigung über den Beifall für sein Lied, und sich eben anschickte,
ein zweites zu singen -- wie seine Augen strahlten durch die
Rauchwolken, die um ihn her qualmten!
Und sein Vater! Wie frei er aussah, wie lebhaft er sich bewegte,
wie jugendlich seine Rede klang! Ohne sich zu besinnen, erhob Ernst
sein Glas und trank mit einem Lächeln dem Vater zu. Aber im gleichen
Augenblick errötete er über das Gefühl, das ihn dazu antrieb.
Der Adjunkt trank sein Glas aus und nickte dem Sohn auch zu. „Prosit,
mein Junge! Das ist nett, daß du gekommen bist!“
Bis nach zwölf Uhr saß die Gesellschaft beisammen. Anekdoten wurden
erzählt, Lieder gesungen. Als man endlich ans Aufbrechen dachte, erhob
sich Professor Bruhn, der sonst nie eine Rede hielt, und bat die
Anwesenden, den frohen Anlaß, der sie zusammengeführt hatte, nicht zu
vergessen.
„Ich hoffe, alle Anwesenden werden sich mir anschließen und ein Hoch
ausbringen auf Kumlander, und ihm danken, daß er so liebenswürdig war,
uns den Anlaß zu diesem frohen Abend zu verschaffen!“
Das Hoch wurde jubelnd ausgebracht. Eine Viertelstunde darauf drehte
die Kellnerin in dem leeren Zimmer das Gas aus.
Durch die dunkeln Straßen strebten einsame Gestalten ihren Wohnungen in
den verschiedenen Teilen der Stadt zu. Und diejenigen, die um sieben
Uhr am nächsten Morgen heraus mußten, schüttelten sich und hasteten
vorwärts, um möglichst bald zu Bett zu kommen.
Aber man mußte ein bißchen vorsichtig sein. Denn Punkt zwölf Uhr
nachts kam der Laternenmann und löschte die gelben flackernden Flammen
aus, eine um die andere, die ganze Lange Straße hinunter. Es wurde
dunkel; nur der Ruf des Nachtwächters störte noch das Schweigen in der
schlafenden Stadt.
Elftes Kapitel
Es war wie ein stummes Übereinkommen zwischen Ernst und dem Vater,
daß Frau Hallin nicht zu wissen brauchte, wo Ernst am Abend gewesen
war. Das heißt, keinem von beiden wäre es eingefallen, ihr die Sache
mitzuteilen. Aber als Ernst morgens zum Frühstück herunterkam, war er
doch ein bißchen verlegen, fast, als hätte er etwas Verbotenes getan.
Er merkte, daß die Augen der Mutter sich mit einem ängstlich fragenden
Ausdruck ihm zuwandten, und er entsann sich plötzlich wieder des
Auftritts zwischen ihnen vom Abend zuvor. Er hatte die ganze Nacht gut
geschlafen und als er aufwachte, dachte er bloß an das Zusammensein vom
gestrigen Abend. Ein angenehmes, heiteres Gefühl erfüllte ihn; und als
er aufstand und zum Fenster hinausschaute, schien die Sonne über die
Schneewehen auf dem Domplatz und der Himmel lachte so blau zwischen
den Zweigen der Ulmen herab. Da ward ihm noch viel leichter ums Herz;
er summte ein paar heitere Melodien vor sich hin, während er die Weste
zuknöpfte und vor dem Spiegel seine Krawatte band.
Als er jetzt dem Blick der Mutter begegnete, fiel ihm auf einmal
der ganze vorhergehende Abend ein. Seine heitere Stimmung verschwand
und machte derselben Unruhe und Reizbarkeit Platz, die ihn den
ganzen gestrigen Tag über beherrscht hatten. Er dachte wieder an den
Unwillen, den er Simonson gegenüber plötzlich empfunden hatte, an
seine Heftigkeit gegen die Mutter und wie rasch er dann das alles beim
Glase vergessen hatte. Er wich dem Blick der Mutter aus und zwang
sich, Gutenmorgen zu sagen, als wäre nichts geschehen. Dann setzte er
sich allein zu seinem Frühstück. Man versammelte sich dazu nicht im
Hallinschen Haus, sondern jeder kam und ging nach eigenem Belieben.
Schweigend nahm er seine Mahlzeit ein. Als er fertig war, hatte er
einen unbestimmten Drang nach Einsamkeit; und mit einem Gefühl der
Ungeduld dachte er an sein kleines Zimmer in Upsala, wo er wußte, er
konnte immer ungestört sein. Er erhob sich und ging nach der Tür.
„Wo gehst du hin?“ hörte er die Mutter aus dem Wohnzimmer rufen.
„Auf Papas Zimmer“, erwiderte er und blieb unschlüssig stehen.
„Willst du nicht vorher zu mir kommen?“
„Doch, gern.“
Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich.
„Ich möchte wohl wissen, wie’s mit deiner Probepredigt geht“, sagte
Frau Hallin.
Seiner Probepredigt? Herrgott! Sollte das Schreiben und Studieren schon
wieder losgehen? Er war ja doch eben erst von Upsala gekommen.
„Es ist ja noch ein voller Monat, bis ich die halten muß“, sagte er
widerwillig.
Frau Hallin sah auf ihre Arbeit.
„Aber du wirst doch jedenfalls schon daran gedacht haben. Ich möchte so
gern ein bißchen wissen, wie du den Text auslegen willst. Ich habe ihn
schon so oft durchgelesen“, fügte sie hinzu. Es lag etwas Bewegliches
in ihrer Stimme.
Ernst sah verlegen aus. Ein ungeduldiger Ausdruck flog über sein
Gesicht.
„Ich habe schon darüber nachgedacht“, sagte er. „Aber ich kann nicht
gut über so was reden, eh’ ich’s aufs Papier gebracht habe.“
Frau Hallin sah auf und nickte. Etwas Altes kam in ihr Gesicht, das dem
Sohn weh tat.
„Ich werde warten, bis du selber davon sprechen magst“, sagte sie
einfach.
Mit einem Gefühl der Reue ging Ernst auf des Vaters Stube. Es bedrückte
ihn unsagbar, daß er der Mutter nicht hatte anders antworten können.
Er verstand ja, daß sie seit Tagen, seit Wochen darauf wartete, daß
er etwas über die Sache sagen sollte. Seit der Tag für die Predigt
bestimmt war, dachte die Mutter unaufhörlich an ihn, das wußte er, und
machte sich vielleicht große Vorstellungen von dem reichen geistigen
Leben, das solch ein wichtiger Entschluß in ihm wecken müßte. Sie hatte
kaum an etwas anderes gedacht, hatte den Text für sich durchgelesen,
hatte versucht, sich auszudenken, wie er, so wie sie ihn kannte,
diesen Text auffassen würde. Sie sah in ihm nur noch den zukünftigen
Verkünder der Heiligen Schrift; sie erwartete von ihm, er müsse ein
Streiter für die Sache Gottes werden, ein gewaltiger Erwecker, der die
Gemüter bewegen und die Seelen für Gottes Reich gewinnen würde. Und es
hatte sie danach verlangt, daß er von selber kommen und mit ihr reden
würde, so stark danach verlangt, daß sie es nicht lassen konnte, ihn zu
fragen, obwohl sie begriff, daß ihm das unangenehm sein mußte.
Er sah das alles, ganz deutlich, als ob sie selbst es ihm erzählt
hätte, und trotzdem konnte er seine Unlust, daß sie ihn hatte
ausfragen wollen, nicht überwinden. Er war so daran gewöhnt, einsam,
nur mit seinen Gedanken, zu leben, daß er jeden Versuch, in ihn
einzudringen, fürchtete.
Was hätte er ihr auch sagen sollen?
Ungeduldig ging er im Zimmer auf und ab.
Was sollte er sagen?
Er hatte ja die ganze Zeit her gar nicht an derartiges gedacht; und das
beunruhigte ihn jetzt. An alle möglichen gleichgültigen Dinge dachte
er. Alles, was er sah, interessierte ihn, fremde Menschen, mit denen
er bekannt wurde, die Geschwister daheim, die Eltern, die Menschen
in Gammelby, das Wetter, das Leben auf den Straßen, die Umgebung der
Stadt, in der er täglich seinen Spaziergang machte. Alles interessierte
ihn. Alles, bloß nicht Bücher.
Es war, als könne er sich überhaupt nicht dazu zwingen, ein Buch
zu öffnen. Ganz sonderbar fremd fühlte er sich, wenn er nur etwas
Gedrucktes sah. Er hatte auch lang genug studiert und gelesen. In der
Schule schon hatte er seine freien Stunden zum Lesen benützt.
Und dann auf der Universität!
Bei der Tante in Upsala hatte er ja ungefähr so gelebt, wie in den
letzten Jahren seiner Schulzeit. Seine einzige Zerstreuung im Lauf des
Tages hatte in den zwei regelmäßigen Spaziergängen bestanden: der eine
auf der Flusterpromenade nach dem Frühstück, der andere nachmittags auf
den Karolinenhügel. Nun er endlich mit Studieren fertig war, da war’s,
als dränge alles, was er früher in sich verschlossen, zum Schweigen
gebracht hatte, hervor und wolle sich Gehör erzwingen. Durch alle
Bücher hindurch, ihnen zum Trotz!
Er blieb am Fenster stehen. Draußen funkelte die Sonne auf dem Schnee,
der dick über dem weiten Platz lag und um die Stämme der Ulmen runde
Vertiefungen bildete. Auf das Dach brannte sie so stark, daß der
Schnee, der dortlag, zu schmelzen begann und sachte an den Eiszapfen,
die an den Rinnen hingen, herabtropfte.
Ohne weiteres Besinnen griff Ernst Hallin zu seinem gewöhnlichen
Mittel, wenn er seine Gedanken verscheuchen wollte. Er beschloß, einen
Spaziergang zu machen, und nahm sich fest vor, dabei an seine Predigt
zu denken.
Er schlug den Weg ein, der am Villenviertel vorbei die Anhöhe
hinaufführte, die sich von Norden her nach Gammelby heruntersenkt.
Rasch schritt er aus; im Sonnenschein, der ihm warm entgegenglitzerte,
verschwanden seine zweifelnden Gedanken; er vergaß alles, außer dem,
was grade vor ihm lag.
Als er auf dem Gipfel des Abhangs angelangt war, erblickte er einen
zugefrorenen See, auf dem aufrechtstehende Tannenzweige einen
Fahrweg bezeichneten, der fern hinter einer Landzunge verschwand.
Frischgewaschen vom Schnee, der von den Zweigen abgetropft war, mit
Eiszapfen, die da und dort durch die dunkelgrünen Nadeln in der Sonne
funkelten, standen die Tannen und Fichten auf den Hängen, den kleinen
Inseln und Landzungen, die auf allen Seiten vorsprangen und das weiße
Schneefeld des Sees unterbrachen. Ganz hinten, in der Ferne, blickte
man in eine endlose Perspektive von Ufer und Wald, die im Schatten lag,
während das große offene Schneefeld in den glitzernden Strahlen der
Sonne glänzte.
Im Wald, auf der andern Seite der Straße, sah er ein paar Dompfaffen,
die mit ihren roten Brüstchen lustig durch den Schnee flatterten; über
einen hohen Stein huschte eben ein graugesprenkeltes Eichhörnchen und
verschwand zwischen den dämmerigen Tannen.
Es kam ihm der Gedanke, wie ganz anders als andere Menschen er doch
eigentlich sein müsse. Andere Menschen bekamen ihre Arbeit zugeteilt,
griffen zu, ohne weiteres Besinnen, mit beiden Händen, und taten ihre
Pflicht. Und damit war’s fertig.
Und er? Er lief herum, wochenlang, grübelte über seine Arbeit nach,
bis er halb krank war, und konnte doch zu keinem Entschluß kommen. War
es denn um seine Arbeit etwas so Besonderes? Predigten hatte er schon
öfter geschrieben und auch selbst gepredigt. Und hatte sich dabei doch
nicht so aufgewühlt, so unruhig, so zerrissen gefühlt. Er hatte sogar
ganz gut gepredigt, wenn er erst in Zug gekommen war. Das wußte er.
Und daß seine Auffassung der Dogmen, der Dreieinigkeit und Versöhnung,
mehr zu der Waldenströms als zu der der Kirche neigte -- was tat das?
Das wußte er ja schon längst. Dies bißchen Freidenkertum war eine
Seelenarbeit, die ihn in einsamen Stunden stets beschäftigt hatte. Es
war ein Geheimnis, auf das er fast stolz war. Er hatte es „Entwicklung“
genannt, hatte es als einen großen, ernsten Gärungsprozeß empfunden.
Aber Waldenström selber war ja doch im Dienst der Kirche geblieben.
Sollte er da nicht auch eintreten können?
Aber der Eid? Der Priestereid? Er schwor ja doch auf die Symbole
und auf das Augsburger Bekenntnis. Bah! War es +sein+ Fehler,
daß kein Mensch Gottes Wort verkünden durfte, ohne diesen Eid zu
schwören? Sollte sein Gewissen denn so viel empfindlicher sein als
das der anderen? Wie oft hatte er das nicht mit Simonson besprochen,
und Simonson hatte so gute Gründe angeführt, so überzeugende, klare,
unwiderlegliche Gründe.
Zum Beispiel, Gottes Wort könne man ja wohl verkünden, aber man könne
davon nicht leben, wenn man keine Anstellung habe. So sagte Simonson.
Was für ein Mensch war das eigentlich, Simonson?
Er blieb unten am Abhang, wo eine Brücke über einen breiten Graben
führt, stehen. Auf beiden Seiten des Grabens standen ein paar
alte Tannen; der Graben war so tief, wie ein schmaler Bach. Dünne
Eisschollen wuchsen zu beiden Seiten der Grabenränder; auf den Steinen
unter der Brücke lag Schnee. Aber unter der Eisdecke murmelte und
sprudelte Wasser, das sich Bahn brechen wollte, und da, wo das Eis
Löcher hatte, sah man die lehmgelbe Flut unter dem Eis durcheilen; in
der Mitte war eine lange Rinne, durch die das Wasser aufsprudelte und
mit dem geschmolzenen Schnee einen großen schwarzen Fleck bildete.
Es war, als wecke ihn dies Sprudeln aus seinen Gedanken. Seine
Nasenflügel weiteren sich, seine Brust schwoll, mit blitzenden Augen
blieb er stehen und lauschte auf dies kleine Zeichen von Leben, das
sich da durch das Schweigen des Waldes vorwärtsarbeitete. Er lehnte
sich ans Brückengeländer und blickte hinab auf den dunkeln Streifen
Wasser, der sich immer weiter in den Schnee hineinsaugte. Eine Lust
überkam ihn, zu helfen, und mit ganz ungewohnter Lebhaftigkeit sprang
er den Abhang hinunter und begann mit seinem Stock Löcher in das Eis
zu hauen, damit das dunkle Wasser unbehindert aufschwellen könnte. Er
arbeitete, daß er schwitzte; die helle Röte stieg ihm ins Gesicht. Er
hieb Löcher um große Stücke Eis, drückte sie dann ins Wasser hinunter,
brach mit den Händen große Klumpen los und warf sie ans Ufer, und
fühlte die ganze Zeit über ein solches Interesse an der Sache, als
beschäftige er sich mit der allerernsthaftesten und nützlichsten
Arbeit. Eben wollte er einen großen Stein aufheben und ihn mitten in
die Eisrinne werfen, wohin er mit dem Stock nicht reichte, als er
plötzlich von der Brücke oben einen Laut vernahm; er fuhr zusammen und
blickte auf.
Droben stand ein junges Mädchen und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Als
der junge Mann sie erblickte, errötete sie und schickte sich zum Gehen
an. Dann besann sie sich und brach in ein helles, klingendes Lachen aus.
„Entschuldigen Sie!“ sagte sie. „Aber ich kann nicht anders! Sie haben
zu komisch ausgesehen!“
Und wieder lachte sie, daß zwei kleine Grübchen in ihren Wangen
sichtbar wurden; ihre Augen glänzten schalkhaft und klar, und die Zähne
blitzten verführerisch zwischen den roten Lippen.
Ernst Hallin fühlte sich recht beschämt. Es war Eva Baumann, eine
Freundin seiner Schwester, die er seit seiner Heimkehr noch nicht
wiedergesehen hatte. Ohne ein Wort herauszubringen stand er da und
sah sie an. Wie hübsch und lieb sie aussah, wie sie sich so über das
Brückengeländer beugte! Die kurze Jacke umschloß eng ihre schlanke
Gestalt, an der rechten Hand, die sie aus dem Muff gezogen hatte, trug
sie einen schwarzen Handschuh, und zwischen dem und dem Ärmel guckte
ein rundes kleines Handgelenk hervor.
Verwirrt zog er endlich den Hut und grüßte. Das junge Mädchen neigte
den Kopf und lächelte wieder. Dann richtete sie sich aus ihrer
gebückten Stellung auf und steckte die Hand in den Muff.
„Adieu, Herr Hallin!“ sagte sie. „Pastor Hallin müßte ich eigentlich
sagen.“
Seine Verlegenheit war plötzlich verschwunden. Sie sah so
unwiderstehlich lieblich aus, wie sie dastand und die Sonnenstrahlen in
den ungebärdigen Nackenlöckchen spielten.
„Warten Sie doch, daß ich Sie begrüßen kann!“ rief er und kletterte den
Rain hinauf. Er trat zu ihr hin und faßte ihre Hand.
Daß er das früher gar nicht bemerkt hatte, wie hübsch sie war mit ihrem
frischen Lächeln und den tiefen, warmen Augen!
„Ich gehe immer diesen Weg“, sagte sie wie zur Erklärung. „Natürlich
konnt’ ich ja nicht denken, daß ich Sie hier treffen würde. Willkommen
wieder daheim!“ fügte sie dann hinzu.
„Danke!“
„Was machten Sie denn eigentlich da drunten?“ fuhr sie fröhlich fort.
„Nichts“, erwiderte er, indem er neben ihr herschritt. Eine Weile
schwiegen sie beide. Ernst sah zu, wie sie mit kleinen, raschen,
gleitenden Schritten neben ihm herging.
„Das Frühlingswetter hat mich zum Narren gehalten!“ sagte er.
„Finden Sie, daß es Frühlingswetter ist?“ Sie lachte, ein kurzes,
lustiges Lachen. „Wir sind doch erst im Februar.“ „Freilich ist
Frühlingswetter“, sagte er. „Merken Sie es denn nicht an der Luft? Es
ist so warm in der Sonne, daß einem der Rock zu heiß wird!“
Er knöpfte den Überzieher auf und nahm den Hut ab, während er sich mit
dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte.
Sie sah ihn ganz erschrocken an.
„Nehmen Sie sich in acht, Sie werden sich erkälten“, meinte sie. „Sie
sind doch nicht besonders kräftig.“
Er sah sehr verwundert aus.
„Wollen Sie mich auch ermahnen?“ fragte er fast ein bißchen ärgerlich.
„Alle tun es. Aber woher wissen Sie das denn eigentlich?“
„Selma und ich haben so oft von Ihnen gesprochen,“ sagte sie; sie
errötete dabei und wandte das Gesicht ab.
Zusammen gingen sie zur Stadt zurück und schwatzten dabei von allem
möglichen, von gemeinsamen Bekannten, von alten Zeiten, als sie sich
noch auf Kinderbällen und Kindergesellschaften getroffen hatten. Sie
hatte immer gefunden, Ernst wäre so sonderbar, und hatte immer Angst
vor ihm gehabt, weil er so ernst war, so schrecklich ernst. Heute
freilich hatte sie ihn von einer ganz anderen Seite kennen gelernt.
„Wie lustig, daß Sie so närrisch sein können, wenn Sie allein sind!
Jetzt hab’ ich auch gar keine Angst mehr vor Ihnen!“ Sie beugte sich
vor und blickte ihm lächelnd ins Gesicht, als wäre sie jetzt erst
dahintergekommen, daß auch er ein junger Mensch von Fleisch und Blut
war, wie sie.
„Sind +Sie+ denn nie unvernünftig?“ fragte Ernst. Er war ganz
erstaunt über seine eigene Stimme; er kannte sie kaum wieder, so heiter
und stark klang sie.
„Ich!“
Sie warf mit einem kleinen Ruck den Kopf in den Nacken und fing an, im
Schnee herumzutrippeln, als habe sie die größte Lust, zu tanzen.