der Stadt. Als der Adjunkt die Lange Straße hinab ging, sah er,
wie hinter der Brücke, wo die Straße endet, die Wolken sich ganz
zusammenschlossen. Ab und zu fuhr ein scharfer Windstoß einher. Die
grauen und roten Holzhäuser sahen feucht aus. Der Schnee, der auf der
Straße lag, war an vielen Stellen ganz überdeckt von Schmutz und Unrat.
Die ganze Stadt sah zu dieser Tageszeit aus, als hätte alles, was Leben
und Atem hat, sich in die Häuser zurückgezogen. An dem einen oder
andern Fenster zeigte sich neben dem angelaufenen Straßenspiegel ein
haubengeschmücktes Altfrauengesicht, das eifrig nach den Ereignissen
draußen ausspähte. Ein kleines Stück vor sich bemerkte der Adjunkt
den Laternenanzünder. Er trug eine Leiter, die er an jeder Laterne
aufstellte; dann kletterte er hinauf, und gleich darauf glimmte eine
gelbe Flamme durch die Dämmerung, beleuchtete Straße und Häuser und
warf da und dort ihren Schein in ein Zimmer, in dem die Menschen saßen
und warteten, bis das Erscheinen des Laternenmanns das Zeichen gab,
daß die offizielle Dämmerstunde zu Ende und es Zeit war, die Lampe
anzuzünden. Die haubenumrahmten Gesichter hinter den Spiegeln bewegten
sich, und die alten Augen wurden lebendiger, wenn sie den kleinen Mann
in seinem grauen Kittel und der Mütze langsam die Leiter emporklimmen
und die Gaslaternen von Gammelby anstecken sahen.
Es war für den Adjunkt ein ganz besonderes Vergnügen, die Arbeit
des Laternenmanns zu verfolgen, auf der Straße stehenzubleiben und
zuzusehen, wie die Lichter sich entzündeten, eins nach dem andern, im
Zickzack, erst auf der rechten Seite, dann auf der linken, die ganze
Lange Straße hinunter, bis die gelben Flammen sich in einer langen
Zickzacklinie bis zur Brücke hin zogen, hinter der das Dunkel anfing.
Auch jetzt blieb er eine Weile stehen und sah zu, wie die Flamme in der
Dunkelheit aufloderte und ihren zuckenden Schein über Straße und Häuser
warf.
Da fühlte er, wie eine Hand ihm von hintenher auf die Schulter schlug.
Es war Professor Kumlander, der ihm mit seiner langen Nase ins Gesicht
schnüffelte.
„Guten Abend, Hallin!“ sagte er. „Du kommst doch auch heut?“
„Ja“, erwiderte der aus seinen Betrachtungen gerissene Adjunkt.
„Beabsichtige es wenigstens. Bist du denn noch nicht dort?“
Professor Kumlander war nämlich im allgemeinen keiner von denen, die
zu einem Zechgelage zu spät kommen. Heut aber sah er aus wie einer,
der gewichtige Gründe zum Zuspätkommen hat. Sein Gesicht trug einen
verschämten und gleichzeitig befriedigten Ausdruck. Und in der Art, wie
er den Kollegen betrachtete, lag etwas jungenhaft Verschmitztes. Er
schlug mit seinem Stock aufs Pflaster und schnaubte ein paarmal sehr
ausdrucksvoll.
„Ich habe so meine Gründe!“ sagte er.
Adjunkt Hallin sah noch immer gänzlich unbeeindruckt aus und begriff
augenscheinlich nicht, worauf der andere hinaus wollte. Jetzt aber ward
für Professor Kumlander die Versuchung zu stark. Mit einer Miene, die
zwischen Verschämtheit und Selbstzufriedenheit schwankte, sagte er:
„Eigentlich sollt’ ich ja nichts sagen, eh’ wir dort sind. Aber weißt
du -- meine Frau hat heut ein Mädelchen gekriegt!“
Der Adjunkt mußte es wohl nicht ganz schicklich finden, in lautes
Gelächter auszubrechen, obwohl ihm das am nächsten lag. Jedenfalls
aber sah er sehr erheitert aus. Er wußte, heut gab es einen lustigen
Abend, einen, von dem man noch wochenlang zehren konnte. Wenn bei
Kumlanders wieder ein Töchterchen angelangt war, -- das war eine Freude
für das ganze Lehrerpersonal und auch für die Schüler. Acht Jahre war
der Professor verheiratet. Und jedes Jahr kriegte er ein Mädchen, und
bei jedem Mädchen hatte er, all die acht Jahre her, sich gewünscht,
es möchte ein Junge sein. Er rechnete es immer ganz genau aus, daß es
diesmal ein Junge sein müßte. Ganz fest war er davon überzeugt; es war
überhaupt gar nicht anders möglich. Alle Wahrscheinlichkeiten sprachen
dafür, daß es diesmal ein Junge war. Es gab da so gewisse Anzeichen,
die die Hebamme beobachtet hatte. Und der Professor flüsterte seinem
Nebensitzer ein paar Worte ins Ohr. Und kurz -- es war so gut wie
sicher.
Und jedesmal war es ein Mädchen.
Fünfmal war es jetzt schon so gegangen. Immer war der Professor ganz
unerschütterlich in seinem Glauben, immer war er gleich mitteilsam und
vertrauensvoll den Kollegen gegenüber, immer ward er betrogen und immer
hoffte er gleich unverdrossen auf mehr Glück das nächstemal. Weshalb es
auch unter den Kollegen zum stehenden Scherz wurde, Kumlanders könnten
bloß Mädchen kriegen.
Diesmal genierte er sich aber doch ein bißchen. Er wußte, heute würde
es über ihn hergehen! Und mag man noch so gutmütig sein, -- ein bißchen
peinlich ist so was doch.
Der Adjunkt bezwang einstweilen seine Lachlust noch und fragte nur
boshaft: „Na, wie ist’s denn? Achte hast du jetzt, was?“
„Quatsch!“ sagte der Professor gutmütig. „Ich bin doch überhaupt erst
acht Jahre verheiratet.“
Und lachend gingen die beiden Herren die Ratskellertreppe hinab.
Daß die Herren grade heute abend zusammenkamen, das hatte Professor
Hallin zuwege gebracht. Er hatte niemand gesagt, warum; denn der
„Anlaß“ sollte eine Überraschung sein. Er hatte es nur eingerichtet,
daß sie alle sich an diesem Abend treffen wollten, so viele von denen,
die zu einem lustigen Abend gehörten, er überhaupt zusammentrommeln
konnte. Daß bei Kumlanders etwas erwartet wurde, hatte er durch seine
Frau erfahren. Seitdem hatte er nach besten Kräften seine Vorkehrungen
getroffen. Gradezu gefiebert vor Unruhe hatte er beim Gedanken, es
könnte doch möglicherweise ein Junge sein. Das hätte ja den ganzen
Spaß verdorben. Vormittags war Professor Kumlander nicht in der Schule
gewesen; und Professor Hallin hatte sich in einer der Pausen die
Nachricht zu verschaffen gewußt, daß das große Ereignis stattgefunden
hatte. Er hüpfte vor Freude, als er hörte, daß das Kleine ein Mädchen
war. Professor Kumlander pflegte jeden Abend um sieben Uhr auf ein
Stündchen zum Abendschoppen in den Ratskeller zu gehen; und daß er an
einem so wichtigen Tag nicht ausbleiben würde, war ziemlich sicher.
Als darum Hallin und Kumlander jetzt zusammen in das kleine Nebenzimmer
traten, fanden sie vor dem Sofa einen langen Tisch, auf dem heftig
dampfende Groggläser winkten, und um den Tisch den ganzen Kreis der
älteren Lehrer versammelt. Es mochten alles in allem etwa zehn Personen
sein.
Da saß Doktor Björkén, ein langer, hagerer Magister, dessen Adlernase
in dem üppigen Bart fast begraben war. Daneben Professor Eneman,
ein kleiner, fetter Herr mit Glatze und Brille. Seine Augen fuhren
beständig nach allen Seiten umher, als fordre er den Beifall seiner
Nebensitzer heraus, und um seine Lippen lag ein Lächeln, das bezeugen
sollte, daß ein guter Witz bei ihm stets eine gute Statt finde. Da
saß der lustige alte Svartengren, ein alter Junggesell, der bloß die
Augen zu verdrehen brauchte, um alle Welt zum Lachen zu bringen. Er
saß da und zog die Mundwinkel vor Lachen bis an die Ohren, während
sein unmäßig dicker Bauch sich wie ein Berg vom Tischrand zur Brust
emporwölbte. Da saß Magister Barfoot, ein brünetter Mann mit schwarzem
Spitzbart und dem Monokle im Auge. Er war ein Misanthrop und nur aus
Versehen in die Gesellschaft geraten. Auf dem Sofa saß Professor
Hallin, und hinter ihm waren Professor Bruhns gewaltige Figur und noch
ein paar andere sichtbar.
Professor Hallin hatte „den Anlaß“ schon mitgeteilt. Er war frühzeitig
gekommen und hatte seine Truppen um sich versammelt. Als darum
Kumlander in der Tür erschien, erhob sich die ganze Gesellschaft und
verbeugte sich ernsthaft.
„Wir gratulieren!“
„Danke! Die Herren sind sehr aufmerksam!“ erwiderte der
Theologieprofessor.
„Wie geht’s der Frau?“ fragte Professor Hallin.
„Und der Kleinen?“ fiel Professor Eneman ein und machte eine
liebenswürdige Bewegung mit seiner fetten, kleinen Hand.
„Mutter und Kind befinden sich den Umständen gemäß!“ antwortete der
glückliche Vater mit erzwungenem Ernst.
Professor Hallin schob sich vor und umarmte den Festhammel.
„Und wie viele spendierst du heut? Sieben doch wohl, der
Übereinstimmung halber! Sieben? Was?“
„Den Teufel werd’ ich!“ antwortet der unglückliche Kumlander in einem
solchen Brustton der Überzeugung, daß ein allgemeines Gelächter sich
erhob. „Spendier’ doch du, wenn dich danach gelüstet!“
Professor Bruhn betrachtete die Kollegen mit einem gutmütigen Lächeln,
etwa wie ein Erwachsener auf Kinder herunterblickt, deren Vergnügen er
nicht stören will.
„Können wir das nicht ebensogut im Sitzen abmachen?“ sagte er.
Jetzt machte man Raum für Kumlander. Er mußte auf den Ehrenplatz. Auf
das Sofa gehörte er.
Er sah auch ganz so aus, als fühle er sich als Held des Tages. Die
Aufmerksamkeit, die einen andern in Verlegenheit gesetzt hätte,
genierte ihn nicht im geringsten. All die Scherze genierten ihn
höchstens in der Phantasie. In Wirklichkeit freute ihn diese ganze
Hänselei, die so grob, so alles andere eher als zartfühlend war, weit
mehr, als wenn man ihn ernst genommen hätte. Als er jetzt zwischen
die Professoren Eneman und Hallin gesetzt wurde, sah er ordentlich
strahlend aus und mischte sich seinen Grog mit einem Selbstgefühl, als
wäre er ein junger Ehemann, der sein Erstgeborenes feiert.
Es war eine Freude zu sehen, wie Professor Kumlander seinen Grog
braute. Mit welch vergnügter und gleichzeitig wichtiger Miene er die
Zuckerstücke in der Hand wog, eh er sie ins Glas warf. Wie dicht er
das Glas an das Licht hielt, um ja genau zu sehen, daß er auch nicht
zuviel, aber ja auch nicht zuwenig einschenkte. Genau einen Viertelzoll
über das Geschliffene hinaus mußte es sein. Und der Zucker mußte
zergehen. Kein noch so winziges Stückchen durfte zurückbleiben; sonst
sah es trüb aus. Wenn dann die Mischung klar war, goß der Professor
langsam und bedächtig den Kognak zu, und wenn das Getränk die richtige
braune Färbung hatte, schmunzelte er übers ganze Gesicht, nahm sein
Glas mit einer liebkosenden Bewegung in die Hand und sagte: „Jetzt,
glaub’ ich, kann man das Gesöff trinken. Prost!“
Und er führte es mit prüfender Miene an die Lippen. Ja, es war recht.
Ein winziger Tropfen Kognak noch, dann war’s noch besser. Und dann ein
langer, wollüstiger Zug aus dem dampfenden Glas.
Einen Augenblick war es still um den Tisch. Kumlander sah sich um mit
einem Gesicht, als fühle er die Verpflichtung, etwas zu sagen.
„Tja -- es ist wieder ein Mädchen geworden!“ sagte er.
Natürlich platzte die ganze Gesellschaft los. Durch den Lärm hindurch
hörte man Professor Hallins lärmendes, klingendes Lachen. Aber alle
übertönte Bruhns gewaltiger Baß.
Dann erhob sich Professor Hallin. Alles verstummte. Er faßte sein Glas
und bat ums Wort.
„Meine Herren!“ begann er mit gut gespieltem Pathos, „lassen Sie uns
einen Augenblick gemeinsam andächtigen Herzens das wichtige Ereignis
betrachten, das uns heute hier zusammenführt. Wir dürfen es ja wohl,
ohne allzu indiskret zu erscheinen, bei Namen zu nennen. Unserem Freund
Kumlander ist ein Töchterchen geboren.
Hierbei ist vor allem zu beachten, daß ein +Töchterchen+ ihm
geboren ist, mit andern Worten, daß ihm kein Junge geschenkt ward. Wenn
ich daran erinnere, so tue ich es in der Hoffnung, es möchte dies auf
unseres Freundes Kumlander Gefühle in keiner Weise verletzend wirken.
Es soll dies keineswegs ein Mißtrauen in eine Fähigkeit ausdrücken, von
der wir schon oft genug zu leuchtende Beweise empfangen haben, als daß
wir Zweifel in sie setzen dürften.“
Ein kurzes Gelächter bezeugte, daß die Zuhörer dem Vortrag mit
Interesse folgten.
„Es wird indessen behauptet,“ fuhr der Redner fort, „daß unser Freund
Kumlander mit dieser Tatsache nicht völlig einverstanden ist. Er findet
es eintönig und wünscht sich Abwechslung. Doch, meine Herren, die
Geschichte lehrt uns, daß rascher Wechsel gefährlich ist, und daß man
unter allen Umständen gut daran tut, sich an das zu halten, was man
die ‚historische Kontinuität‘ nennt.“
Diese witzige Wendung wurde nur von Professor Bruhn gewürdigt, der
Bravo schrie.
„Da nun alle plötzlichen Übergänge als im höchsten Grad gefährlich
bezeichnet werden müssen, so möchte ich bei dem Anlaß, zu dessen Feier
wir hier zusammengekommen sind, auf einen Umstand hinweisen, der
für unsern Freund Kumlander als ein ganz unbestreitbarer Vorteil zu
betrachten ist. Ich habe gesagt, das Bemerkenswerte bei dieser Sache
sei, daß Kumlander Vater eines Töchterchens geworden ist. Aber ich
möchte zugleich noch einen zweiten beachtenswerten Umstand betonen --
nämlich, daß er Vater +eines+ Töchterchens geworden ist, das heißt
nicht Vater von zweien oder dreien oder gar vieren!“ (Bravo!)
„Tja, man kann ja nie wissen! Und man muß zugeben -- besser ist besser.
Meine Herren! Man spricht von Shakespeare, von seiner schöpferischen
Kraft, Frauentypen zu gestalten! Aber was ist das gegen Professor
Kumlander? Darum, meine Herren, schlage ich vor, daß wir auf das Wohl
unseres Freundes Kumlander trinken! Und zugleich mit den herzlichsten
Wünschen für das Wohlergehen seiner Frau und des kleinen Neugeborenen
wage ich die Hoffnung auszusprechen, es möge dies nicht das letztemal
sein, daß wir aus diesem Anlaß hier versammelt sind!“
Professor Kumlander stieß mit dem Redner an und dankte ihm.
„Danke dir, Hallin! Aber ich hoffe trotzdem, daß der Anlaß nächstesmal
ein anderer sein wird!“
Und indem er einen tüchtigen Schluck Grog nahm, setzte er sich wieder
auf seinen Platz und zwinkerte vergnügt mit den Augen.
„Nächstesmal wird es ein Junge!“ sagte er. „Dafür will ich, hol’s der
Kuckuck, schon sorgen!“
Jetzt ward das Gelächter geradezu zu einem Tumult. Dies prahlerische
Versprechen war es ja, was man hatte aus ihm herauslocken wollen! Auf
den Augenblick hatte Professor Hallin ja nur gewartet! Seit zwei Tagen
schon hatte er sich darauf gefreut, und als es endlich so weit war,
kannte sein Entzücken keine Grenzen. Er stand auf und schrie, halb
erstickt vor Lachen:
„Prost, Kumlander! Sag’ das noch einmal!“
„So ist’s recht, Kumlander!“
„Nur nicht nachgeben!“
Es war wie eine Bande von losgelassenen Schuljungen. Alle schrien
durcheinander, voller Freude und Ausgelassenheit. Die Feststimmung des
Augenblicks ließ all die kleinen Widerwärtigkeiten des Tages vergessen,
den Ärger, die Sorgen, die Einförmigkeit ihres Lebens, den Überdruß
an diesem Leben, den so manche hegten, die unbezahlten Rechnungen,
Schulden, Kautionen und Wechsel!
Nach einer Weile schlug Professor Hallin auf den Tisch und rief nach
heißem Wasser. Ringsum wurden die Groggläser geleert und wieder frisch
gefüllt.
Die Unterhaltung war jetzt allgemein geworden. Professor Eneman
hielt Kumlander am Rockaufschlag fest und erzählte mit strahlenden
Augen und lebhaften Gesten eine Geschichte, die sich bei der letzten
Stadtratssitzung ereignet hatte. „Denk’, das haben sie gewagt -- dem
Bürgermeister gegenüber! Hahaha! Das tut ihm gut!“ Professor Hallin
unterhielt sich mit Barfoot, der bitter und satirisch war. „Tja, wenn’s
mit rechten Dingen zuginge auf der Welt, da wär’ manch einer an einem
ganz andern Platz!“ Und der Magister berichtete zum zehntenmal von den
Beiträgen zur Flora der Umgegend, die er aus seiner vieljährigen Praxis
heraus einem Stockholmer Professor geliefert hatte.
„Und wer hat die Ehre davon? Wer, frag’ ich?“
Mit der brennenden Zigarre im Mund, und den dampfenden Grog vor sich,
saß Professor Bruhn ganz allein, schaukelte sich in seinem Stuhl
hin und her, und durch die gewaltigen Tabakswolken, die er von sich
blies, schimmerte die mächtige Denkerstirn über einem Paar freundlich
blickender, tiefliegender Augen. Dann geriet man aufs Gebiet der
Anekdoten. Magister Björkén machte den Anfang. Schüchtern und unsicher,
fast als fürchte er sich vor seiner eigenen Stimme, begann er eine
Geschichte aus seiner Studienzeit zu erzählen. Dabei leuchteten seine
Augen so hell und fröhlich über dem dichten Bart, als lebe er die
glücklichen Tage der Jugend noch einmal durch, und als er fertig war
und alle lachten, sah er vor sich nieder und nickte mit einem kleinen
Lächeln: „Ja, das waren frohe Tage, damals! Was war man da für ein
Kerl! Und was ist man später geworden!“
Jetzt fingen alle an, Studentengeschichten zu erzählen. Eine um die
andere kamen sie; alte, wohlbekannte Anekdoten, die die meisten kannten
und in denen oft der oder jener der Anwesenden eine Rolle gespielt
hatte, zogen herauf mit ihrer Erinnerung an eine entschwundene Zeit,
mit ihren heiteren Jugendstreichen, mit dem ganzen unwiderstehlichen
Jugendrausch, ihren wundervollen, starken Eindrücken! Sie zogen
vorüber, eine um die andere, keiner wog seine Worte, keiner machte sich
Gedanken über das, was er sagte. Ein ganzes Jahrzehnt Upsala lebte
wieder auf. Jeder hatte diese oder jene hervorragende Persönlichkeit
gekannt, die jetzt eine Stellung im Lande einnahm, und jeder wußte
Geschichten von ihr zu berichten, Geschichten, zu denen sich keiner
von ihnen in nüchternem Zustand hätte bekennen mögen. Es war ganz
merkwürdig, wie aufgeknöpft die alten Schulfüchse sein konnten. Wenn
der eine aufhörte, fing der andere an. Ja, das waren freilich andere
Zeiten gewesen! Herrgott, wie man sich verändert hatte, und wie die
Jahre vergangen waren, fast ohne daß man es gemerkt hatte! Aber im
Herzen waren sie doch noch alle Studenten, alte, fröhliche, ehrliche
Bursche, solang sie lebten!
Und was die alten Namen alle für frohe Erinnerungen und Gelächter
weckten: die St.-Eriksgasse, das Gustavianum, der Karolinenhügel und
der Schloßberg, die Königsau und Fjärdingen, Åkersten und Novum, Hof
und Dragarbrunn. Es waren oft recht ärmliche kleine Anekdoten. Aber sie
wurden trotzdem mit größter Genauigkeit und Ausführlichkeit erzählt.
Alle kannten ja die Orte, wußten von den Personen, und alle hörten
all die alten Dinge immer wieder gern. Am meisten erzählte Professor
Hallin. Er erzählte zu famos und hatte ein Gedächtnis, ganz was
Merkwürdiges von Gedächtnis! Hatte er eine Anekdote erzählt, so kam
ein anderer mit einer neuen. Aber jede zweite Anekdote erzählte doch
Professor Hallin.
Dazwischen stieß irgendeiner sein Glas auf den Tisch und rief: „Prost!
Es lebe der Festhammel!“
„Wir dürfen doch ‚den Anlaß‘ nicht vergessen! Prost, Kumlander! Sollst
wachsen und blühen und gedeihen!“
Und dann lachten alle, daß es in der Stube widerhallte!
Adjunkt Hallin fühlte sich ganz unbändig wohl. Er hatte den
Meinungsaustausch mit seiner Frau und Pastor Simonson und die
Abendandacht, die ihn bei solchen Gelegenheiten daheim erwartete,
ganz und gar vergessen. Er gehörte zu denen, die in einer großen
Gesellschaft ungemein lebendig werden, die aber selber nicht viel
reden, sondern meist still dasitzen und sich an der allgemeinen
Heiterkeit freuen, mit ihren Nachbarn sich ganz lebhaft unterhalten,
aber nie über den Tisch weg schreien. Er lachte über die Anekdoten,
stieß mit Kumlander an, redete mit Bruhn über seinen Sohn und trank
viele Groge. Und fühlte sich dabei unendlich wohl und war unbändig
vergnügt. Als Professor Hallin -- mit Rücksicht auf die allseitig nicht
besonders glänzenden Kassenverhältnisse -- vorsichtig anfragte, ob man
sich zum Abendbrot einen Sherry gestatten oder lieber sich mit Bier
und dem „Appetitschnäpschen“ begnügen wolle, war der Adjunkt der erste,
der die Lippen spitzte und, dem Bruder lustig zublinzelnd, antwortete:
natürlich müßte Sherry her. Heut sei doch ein Festtag. Worauf er laut
auflachte, mit Kumlander anstieß und darauf in einem Zuge sein Glas
Grog leerte.
Er war ein ganz anderer Mensch hier. Nicht mehr der unnatürlich
barsche Lehrer, der sein ~cado~ und ~caedo~ durch die Klasse
schrie, nicht mehr der um seine Würde ängstlich besorgte Vater, der
aus Eitelkeit die Heiterkeit im Familienkreis eindämmte, nicht mehr
der bedrückte Familienversorger, der sich mit ängstlichen Gedanken an
unbezahlte Rechnungen und drängende Gläubiger herumschlug. In diesem
Augenblick war Adjunkt Hallin frei von allem, was ihn in langen, langen
Jahren zu dem lebensmüden, überanstrengten Menschen gemacht hatte, der
er für gewöhnlich war, so frei, als existierte das alles gar nicht.
Er war in diesem Augenblick weiter nichts als einfach ein Mensch, ein
Mensch, der den Staub des Alltags von sich abgeschüttelt hat. Und in
solchen Stunden sind wir Menschen ja so liebenswürdig, vertrauend,
offenherzig und gemütlich.
Während des Abendessens zog Professor Eneman den Adjunkten in eine Ecke
und teilte ihm mit, wie wohl er sich in Gammelby fühle.
„Wirklich, eine so prächtige alte Stadt! Und heut hab’ ich das Gefühl,
als wär’ ich überhaupt hier geboren. Mit knapper Not hab’ ich mich heut
abend frei machen können. In zwei Häusern war ich zu Mittag eingeladen,
und auch zu heut abend war ich schon versagt.“
Und Professor Eneman lachte voll innigster Befriedigung, während er den
Rest Büchsenhummer aufaß, den er auf seinem Teller hatte.
Professor Bruhn war den ganzen Abend über bei merkwürdig guter Laune
gewesen. Er paßte sonst nicht in größere Gesellschaft; denn er besaß
den Fehler, sich immerfort an den lächerlichen und kleinlichen Seiten
anderer Leute zu stoßen. Seine große Rechtschaffenheit hatte ihm in
seiner Karriere oft im Weg gestanden und ihm mehr als einen bösen
Streich im Leben gespielt. Er pflegte oft mit einem Sarkasmus mitten in
die Unterhaltung zu platzen, der viel zu ernst war, um amüsant zu sein.
Jetzt stieß Adjunkt Hallin sein Bierglas gegen das des Professors und
sagte: „Prost, Bruhn! Es tut einem gut, zu sehen, daß du auch vergnügt
sein kannst!“
„Warum sollte ich nicht vergnügt sein können?“ erwiderte der mit einer
Art mürrischer Freundlichkeit. „Man wird eben alt, siehst du; ganz
verdammt alt wird man!“
„Du hast dich bei mir daheim schon lang nicht mehr sehen lassen“, fuhr
der Adjunkt fort, um auf ein anderes Thema zu kommen.
„Hahaha!“ lachte Bruhn und nahm sich ein paar Lammkoteletten auf seinen
Teller, die er stehenden Fußes zerschnitt und in großen Bissen mit dem
Messer in den Mund schob. „Siehst du, ich seh’ wohl, daß deine Frau
meine Junggesellenmanieren und meine Junggesellensprache nicht leiden
kann. Es ist ganz logisch, siehst du. Wenn man sich nicht wohl fühlt im
Familienleben, -- na -- so kann man ihm ja aus dem Weg gehen. Die Leute
finden, daß ich nicht fein genug bin für sie. Da zieh’ ich mich ganz
einfach zurück, verstehst du. Ist im übrigen auch nichts, was man nicht
verschmerzen könnte.“
Der Adjunkt sagte etwas, wie, das wäre ja doch nur Einbildung.
„Nein, du!“ antwortete Bruhn. „Das bild’ ich mir nicht nur ein.“
Er nahm eine gewaltige Prise und steckte dann die Daumen in seine
Armlöcher, während er sich auf den Absätzen hin und her wiegte.
„Es sind keine Einbildungen, sag’ ich dir. Ich mach’ dir und deiner
Frau ja keinen Vorwurf. Wir, du und ich, können auch so zusammen sein.
Und jedenfalls muß man mit seinen Besuchen den Leuten nicht zur Last
fallen.“
Er faßte den Adjunkt am Arm und führte ihn, von den andern fort, in
eine Ecke.
„Weiß der Kuckuck, was heut los ist mit mir“, sagte er. „Ich fühl’
mich ganz verdammt mitteilsam. Muß wohl ganz viele Grogs getrunken
haben. Na -- also ich werd’ dir was erzählen. Als ich ganz jung war,
war ich einmal sehr verliebt und wollte heiraten. Sie war ein nettes
kleines Ding mit blauen Augen und feinem Gesicht und kleinen Händen
und all so was. Ganz verdammt fein war sie. So fein war sie, daß sie
eines Tages zu mir sagte, sie könne mich nicht nehmen, weil ich ihr zu
ungeschliffen sei. Hahaha! Siehst du, so geht’s einem, wenn man nicht
fein genug ist! Seither hab’ ich mich mit schlechter Gesellschaft
begnügen müssen -- und schlechten Mädels. Aber es ist schon lang her!“
fügte er hinzu, als fürchte er, zu sentimental zu erscheinen.
Und er ging zum Tisch zurück und goß ein Glas Sherry hinunter.
Der Tisch sah recht abgegessen aus.
„Ordentlich mit Plan und Überlegung ausgeführt!“ sagte Professor Hallin
zu Magister Barfoot, der durch sein Monokel aus dem linken Augenwinkel
melancholische Blicke auf das Schlachtfeld warf.