er auch ganz merkwürdig rasch. Er nahm das Leben leicht; Sorgen --
wenn er überhaupt solche hatte -- schüttelte er ab wie eine Möve, die
ins Wasser taucht und ihre Schwingen schüttelt, so daß auch nicht
ein Tropfen an dem glänzenden Gefieder hängen bleibt. Er machte
Schulden über Schulden, ohne auch nur daran zu denken, die immer höher
anwachsenden Summen einmal zurückzubezahlen, und als er volle vierzig
Jahre alt war und die Gläubiger zu drängen begannen, verlobte er sich
ganz plötzlich mit einem der reichsten Mädchen in der Stadt, einer
Großkaufmannstochter. Der Schwiegervater bezahlte die Schulden, und die
Neuvermählten zogen nach der Hochzeit in ein neues Steinhaus an der
Langen Straße, das der Konsul Bergmann dem jungen Paar überließ.
Nach der Hochzeit änderte sich das Verhältnis zwischen den zwei
Brüdern in gewissem Sinn. Nicht als ob ihre Freundschaft Einbuße
erlitten hätte. Aber die beiden Schwägerinnen kamen von Anfang an nicht
miteinander aus, und, wie das meist so ist, -- die Antipathie zwischen
ihnen nahm mit den Jahren eher zu als ab. Darum entlehnte auch der
Adjunkt nicht gern Geld von seinem Bruder, sondern benützte ihn, wenn
es nötig war, lieber als Bürgen. Das brauchte dann die Schwägerin nicht
zu wissen.
Die Frau des Adjunkten hatte im Grunde niemals die „Schwäche ihres
Mannes für seinen Bruder“, wie sie es nannte, verstehen können. Sie sah
in ihm eine verlorene Seele, ein Weltkind, und im Anfang ihrer Ehe, als
der Adjunkt noch jung war, hatte sie große Angst, der Professor könne
einen bösen Einfluß auf ihren Erik haben. Denn er war der einzige, dem
es ab und zu gelang, den Adjunkt zu einem fröhlichen Junggesellenabend
zu verlocken. Er kam manchmal nachmittags zum Bruder auf seine Stube,
und sie hörte ihn dort lachen, mit seinem lustigen, schallenden
Gelächter, sie hörte, wie die zwei Brüder miteinander kicherten und
flüsterten; und dann kam der Adjunkt und sagte, er würde ausgehen und
würde wahrscheinlich zum Abendbrot nicht nach Hause kommen. Frau Hallin
sah den Professor so ziemlich für den leibhaftigen Bösen an! --
Als er dann eine so reiche Heirat machte -- er heiratete zwei Jahre
später als der Adjunkt -- da konnte sie es nicht lassen, immerwährend
Vergleiche zu ziehen zwischen dem reichen, wohlversorgten Haushalt des
Schwagers und ihren eigenen, dürftigen und bedrückten Verhältnissen;
und sie verwunderte sich manchmal darüber, daß Gott seine Gaben so
ungleich unter die Menschen verteilt. Ihr war, als könne ihr Mann
gar nicht anders, als auch vergleichen und bereuen, daß er es nicht
gerade so gemacht hatte, wie der Bruder. Vor allem aber beklagte sie
den Schwager. Hätte der eine weniger weltliche und oberflächliche Frau
bekommen, so wäre auch er vielleicht durch den stillen Einfluß des
Weibes zum Herrn gezogen worden.
Es wäre vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß Frau
Hallin ihre Schwägerin um ihren Reichtum geradezu beneidete. Aber ganz
frei von einem derartigen Gefühl war sie doch nicht. Sie bildete sich
immer ein, die Schwägerin sehe auf sie alle herab, ganz besonders auf
sie, und es quälte sie, wenn sie wußte, daß ihr Mann sich in irgend
einer Sache an seinen Bruder gewandt hatte. Die Professorin ihrerseits
meinte wieder, die Schwägerin wolle sich ihr überlegen zeigen. Sie
redete immerzu von den Kindern, und von der Freude, die sie ihr
machten, und die Professorin hatte ganz den Eindruck, als solle das ein
Hieb sein auf sie. Denn die Kindererziehungsmethode der Professorin war
tatsächlich nicht gerade die beste. Dafür hegte sie auch einen stillen,
aber tiefen Haß gegen die Frau des Adjunkten. Einerseits wußte sie, daß
ihr jene in vielem überlegen war, und andererseits fühlte sie, sobald
die beiden Schwägerinnen einmal nachmittags allein beieinander saßen,
die unausgesprochene und darum um so aufreizendere Kritik der anderen.
Und wenn sich das manchmal zu einem ziemlich lauten Meinungsaustausch
zwischen den zwei Frauen steigerte, so drehte sich das Gespräch sicher
um Kindererziehung oder Religion.
Professor Hallin versuchte stets, diesen Verhältnissen gegenüber
ein Auge zuzudrücken. Er lud die Familie des Bruders bei jeder nur
möglichen Gelegenheit ein, und obgleich es für Frau Hallin ein Kummer
war, so vertraut in einem Haus verkehren zu müssen, in dem alles so
ganz das Gepräge der Weltlichkeit trug, wollte sie ihren Mann doch
nicht durch Absagen betrüben. Sie versuchte bloß, wenigstens die
Kinder so viel wie möglich von der Familie des Bruders fernzuhalten,
vielleicht, weil sie ahnte, daß dort manches von dem vorhanden war, was
sie daheim vermißten.
Professor Hallin hatte schon in jungen Jahren recht viel Anlage zur
Rundlichkeit gehabt; und während sein Bäuchlein immer mehr wurde,
begann das Haar über der Stirn immer weniger zu werden. Mit den Jahren
ward das Bäuchlein immer runder und das Haar immer spärlicher, und
schließlich war er ein korpulenter, kahlköpfiger Mann, der sich an der
Natur dadurch rächte, daß er beständig über seine eigene Trägheit und
Korpulenz scherzte. Denn mit den Jahren machte seine Korpulenz ihn
tatsächlich immer träger. Besonders viel Energie hatte er überhaupt nie
besessen. Aber einen guten Vorrat von Lebensluft hatte er gehabt, und
als er ein paar Jahre verheiratet war, nahm er seine frühere Gewohnheit
des Reisens wieder auf, erst in Gesellschaft seiner Frau, dann allein.
Er behauptete, es geschehe, um das Stillsitzen im Winter auszugleichen
und dann natürlich „der Sprachen wegen“.
Wenn er im Herbst heimkam, war er meist ziemlich abgemagert. Er sah
jünger aus, und in seinem ganzen Wesen lag etwas von dem früheren
Schwerenöter. Aber wenn’s auf den Winter zuging, ward er wieder der
Alte. Fast immer gutgelaunt wanderte er zur Schule und wieder zurück,
gab seine Stunden, lebte sein Familienleben und ließ sich seine
Mahlzeiten schmecken. Und wenn sich die Gelegenheit bot, konnte er
ein Bonmot loslassen, über das alle Welt lachte, das die Frau des
Adjunkts aber nie anhören konnte, ohne das heitere, rötliche Gesicht
des Schwagers und seine fette, unförmliche Figur, die aussahen, als
wären sie immer vollgepfropft mit gutem Essen, verstohlen und mit einem
Gefühl der Verachtung zu betrachten.
„Wenn man schon nicht liegen kann -- dann wenigstens sitzen!“ hatte der
Professor einmal gesagt, als irgend jemand ihm einen Stuhl anbot. Und
das Wort war in der ganzen Stadt sprichwörtlich geworden.
„Wenn man nicht liegen kann -- dann wenigstens sitzen!“
Nichts war dem Professor Hallin in seiner Eigenschaft als Schulmann
auch so peinlich, als das Frühaufstehen am Morgen. Und nie war er
so schlechter Laune, als wenn er früh morgens, den Schlafrock um
die rundliche Gestalt gezogen, eine Kerze in der Hand, sich aus dem
Schlafzimmer in seine Stube verfügte, um sich anzukleiden und zur
Schule zu gehen. Ganz besonders schlimm war es an den Tagen, an denen
er um sieben Uhr zur Schule mußte und bis neun Uhr Stunde hatte. An
solchen Tagen nahm er gleich nach dem Mittagessen seine Kaffeetasse mit
sich auf sein Zimmer, und zwei Minuten nachdem er die Tür geschlossen
hatte, hörte man aus dem sogenannten Studierzimmer derbe Nasenlaute,
die den Bewohnern des Hauses unzweifelhaft mitteilten, daß der
Professor der wohlverdienten Ruhe genoß. „Papa schläft!“ sagte dann
Mama zu den kleinen, unbändigen Mädchen. Und die unbändigen kleinen
Mädchen gingen auf den Zehen durchs Zimmer, und so oft ein Streit
entstehen wollte, so oft jemand an einen Stuhl stieß oder unvorsichtig
aufschrie, war sogleich eins der Kleinen bei der Hand, hob drohend den
Finger auf und sagte flüsternd und feierlich: „Papa schläft! Schsch!
Papa schläft!“
Und Mama, die im Sofa saß und nähte, sagte: „So ist’s recht! Denkt
daran, daß Papa schläft! Der arme Papa! Er hat es so nötig! Arbeitet
und plagt sich für uns alle!“
Und Fräulein Gabrielle, die verlobt war, flüsterte dem Bräutigam
ins Ohr: „Axel, jetzt schläft Papa!“ Und ihre Augen, die wie kleine
scharfe Nadeln glänzten, liebkosten mit einem Blick den weichen
Leutnantsschnurrbart, der sich über vollen Lippen wölbte. Er schlang
dann resigniert den Arm um ihre Taille, und sie schlichen heimlich
in ihr kleines Mädchenstübchen. Der Leutnant setzte sich in das
schmale Sofa, sie hüpfte auf sein Knie, und -- die Arme um seinen Hals
geschlungen -- die Lippen auf seinen Mund gepreßt, flüsterte sie: „Papa
schläft!“
Es ist nicht so unmöglich, daß der Leutnant Papa manchmal beneidete.
Seine geliebte Gabrielle oder Gabby, wie er sie in zärtlichen
Augenblicken nannte -- so hatte sich nämlich Gabrielle in den
unschuldigen Kindheitstagen selber genannt -- hatte eine große Schwäche
für Zärtlichkeiten. Ihrem Axel anderthalb Stunden lang auf dem Schoß
zu sitzen, das hielt sie für etwas ganz Normales und Natürliches. Der
Professor pflegte manchmal -- zum Entsetzen seiner Frau -- zu sagen,
diese Art Vergnügen könne dem Leutnant unmöglich besonders angenehm
sein. Für Gabrielle sei es ja etwas anderes. Für sie habe es doch mehr
den Reiz der Neuheit.
Im übrigen genossen die Kinder des Professors Hallin in gewisser
Beziehung recht reichlich die Vorteile, die die Kinder des Adjunkten
entbehrten. Ihre Freiheit hatten sie, vielleicht mehr, als ihnen gut
war, und ihre kindliche Freude wurde nur selten durch ungebührliche
Eingriffe seitens der Eltern gestört.
Es kam ganz darauf an, wie der Tag gerade war.
Wenn zum Beispiel der kleine achtjährige Erik draußen auf dem Hof in
jugendlichem Übermut eines von Mamas Kücken in einer Weise mißhandelt
hatte, wie es die Natur des Tierchens eben nicht aushielt, und Papa
Miene machte, dem Sohn eine gelinde Züchtigung zu verabfolgen, so
konnte es geschehen, daß die Professorin sehr energisch dazwischentrat
und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, sagte: „Abel! Und du
willst ein Vater sein? Antworte mir, Abel! Du.. willst.. ein.. Vater..
sein?“
„Ja, Schatz,“ antwortete dann der Professor in liebenswürdigstem Ton.
„Ich hoffe doch, mich darin nicht zu irren!“
„Abel!“ erwiderte die Professorin mit Aplomb, „ich verbitte mir
derartige unanständige Illusionen!“ Die Professorin war keineswegs ganz
zuverlässig in der Anwendung von Fremdwörtern.
„Wenn ich wäre wie du,“ fuhr sie fort, „so wäre ich vielleicht meiner
Sache nicht so ganz sicher. Weißt du noch, warum Marie im Frühjahr
vor einem Jahr weg mußte?“ Dies kam im Flüsterton, damit der kleine
Erik es nicht hören sollte. „Freilich, +du+ weißt es nicht mehr.
Aber ich weiß es noch. Und ich erlaube nicht, daß meine Kinder von
ihrem unnatürlichen Vater mißhandelt werden! Ich bin die Mutter!
Merk dir das: Und so lange ich lebe, sollen meine Kinder unter dem
Schutz einer Mutter stehen! Wenn ich einmal tot bin, kannst du sie ja
schlagen; ich weiß wohl, du wirst’s auch tun! Aber noch lebe ich!“ und
die Professorin warf den Kopf in den Nacken mit einer Bewegung, die
schlecht zu ihrem vorhergehenden Pathos stimmte.
Dann antwortete der Professor: „Ja, lieber Schatz, daran habe ich nie
gezweifelt!“
Aber er war doch geschlagen, und Erik konnte Mamas Kücken in Ruhe
weiter ins Jenseits befördern.
Ein andermal konnte es geschehen, daß es Erikchen gelungen war, ein
Loch in die neuen Hosen zu reißen. Die Professorin hatte sich just
in der Sofaecke zurechtgesetzt und hoffte, wenigstens fünf Minuten
lang in Ruhe an ihrer weißen Decke weiterhäkeln zu können. Im selben
Augenblick kommt Klein Erik ins Zimmer, und das wachsame Mutterauge
entdeckt unten, wo der Kittel aufhört, einen Streifen nackter Haut, der
neben etwas Weißem herausschimmert. Mit resignierter Miene legt sie
ihre Arbeit hin und befiehlt dem Kleinen, näherzukommen. Der Junge, der
nichts ahnt, kommt; weil aber im Gesicht der Mutter etwas Drohendes
liegt, wird er bedenklich und beguckt sich verstohlen von oben bis
unten. Immerhin geht er zur Mutter hin und pflanzt sich vor ihr auf.
„Dreh dich um!“ sagt die beleidigte Mutter mit ihrer feierlichsten
Stimme.
Klein Erik beginnt zu ahnen, von welcher Seite die Gefahr droht; doch
dreht er sich gehorsam um. Dann hört er, wie die Mutter hinter seinem
Rücken die Hände zusammenschlägt; und unwillkürlich blickt er sich
erschrocken um.
„Steh still, Junge!“ kommt es aus dem gefühlvollen Mutterherzen;
und dabei packt sie ihn am Arm, daß die Gelenke krachen. „Kannst du
nicht still stehen, damit ich nachsehen kann?“ Einen Augenblick lang
verstummt sie, während ihre Finger den Riß untersuchen.
„Herrgott im Himmel! Und ganz neue Hosen! Hab ich dir nicht gesagt, du
sollst nicht wie ein Wilder herumtollen? Wie oft hab ich dir’s nicht
gesagt! Antworte, Junge!“
Klein Erik weiß nichts zu antworten. Er steht bloß und schweigt,
blickt abwechselnd auf seine Mutter und schielt nach dem Ende seines
Rückgrats, bis ihn die Mutter plötzlich von sich schiebt, zu ihres
Mannes Zimmer hinüber geht, die Tür öffnet und ruft: „Abel, komm einmal
her!“
Der Professor kommt, im Schlafrock, in der einen Hand eine Zigarre,
in der anderen einen französischen Roman. Die Professorin packt den
Missetäter am Schlafittich, zerrt ihn mitten ins Zimmer und kehrt sein
Hinterteil dem Oberhaupt der Familie zu.
„Was sagst du dazu, Abel? Die neuen Hosen, die er gestern zum erstenmal
angehabt hat!“
„Verwünscht noch Eins!“ sagt der Professor.
„Abel“, sagt die Professorin, „verschon mich mit deinem Fluchen in
Gegenwart der Kinder. Ich dachte, du hättest denn doch was anderes zu
sagen, wenn du siehst, wie dein Kind sich seiner Mutter gegenüber
aufführt! Aber +du+ kümmerst dich natürlich um nichts! +Du+
brauchst sie ja nicht zu flicken. Herrgott, was das dir gut täte, wenn
du auch nur ein einziges Mal seine Hosen flicken müßtest! Da würdest du
dich schon drum kümmern, wenn er sie zerreißt!“
„Vielleicht kann er gar nichts dafür!“ sagt der Professor. „Man kann
die Jungens ja doch nicht am Strick führen!“
Die Professorin schreitet majestätisch zum Sofa und setzt sich. „Erik“,
sagt sie, „geh ins Kinderzimmer und sag Ida, sie soll dir die Samthosen
anziehen. Die kannst du ja dann auch zerreißen, wenn du willst! Du
hörst doch -- Papa sagt es ja. Jedenfalls bring mir die, die du jetzt
anhast; vielleicht kann ich sie flicken, eh du die andern kaputt
gerissen hast!“
Erik geht ab. Die Professorin sitzt mit gefalteten Händen im Sofa und
wiegt sich hin und her.
„Glaubst du, daß dies die richtige Art ist mit den Kindern?“ fragt der
Professor.
„Abel!“ antwortet die gekränkte Gattin. „Ich weiß ja wohl, was ich
tue, ist überhaupt nie recht. Aber ich meine, ein bißchen energischer
könntest du denn doch auftreten, wenn deine Kinder so wenig Rücksicht
für ihre Mutter zeigen. Ich bin ja eine Null hier im Hause, Abel,
das weiß ich wohl, wenn du auch das bißchen, was wir haben, mir zu
verdanken hast! Und was aus meinen armen Kindern werden soll, wenn sie
nicht einmal lernen sollen, was Zucht und Ordnung heißt, das weiß der
liebe Gott. Und der weiß auch, wie schwer es eine arme Mutter hat, wenn
sie die Sorge für die Erziehung der Kinder ganz allein tragen muß. Ich
wollte bloß, ich könnte mehr leisten. Aber ich fühl’s, es zehrt an
meiner Kraft, und ich kann nur jeden Abend zu Gott beten, Abel, daß dir
nicht noch einmal die Reue kommt, wenn es zu spät ist!“
Die Professorin weint und der Professor geht auf sein Zimmer und macht
die Tür hinter sich zu.
Wenn die Kinder Streit haben, schreit wohl manchmal eins in
überquellender gerechter Entrüstung: „Wart du nur, ich sag’s der Mama!“
Aber die Drohung hat keine besondere Wirkung. Das andere antwortet
bloß: „Ach was, die Mama!“
So ganz unmöglich ist es nicht, daß die Frau Adjunkt am Ende doch recht
haben könnte, wenn sie sagt: „Was ich besonders mißbillige an Aurora
ist ihre Art mit ihren Kindern. Sie sind von einer Eigenwilligkeit, daß
einem wild und weh wird vom bloßen Mitansehen. Wenn das nur gut geht!“
Einmal aber war der Konflikt zwischen den Ehegatten doch schärfer als
gewöhnlich. Das war, als Gabrielle heim kam, und den Eltern mitteilte,
Leutnant Hagelin habe ihr einen Antrag gemacht.
Der Professor fragte bloß: „Hast du ihn lieb?“
Und Gabrielle antwortete: „Ich weiß nicht, Papa. Aber ich glaube.“
Sie wurde auf ihr Zimmer geschickt, und die Ehegatten blieben allein
zurück.
Nun lag aber die Sache so: die Professorin war schon längst darauf
bedacht gewesen, ihre erste Mutterpflicht zu erfüllen, das heißt, für
ihre unerfahrene Tochter einen Mann auszuwählen. Leutnant Hagelin,
der finanziell sehr schlecht stand, und der gehört hatte, daß, wer
die Tochter haben will, der Mutter den Hof machen muß, hatte in
seinem Verkehr mit der Professorin diese goldene Regel nach Kräften
befolgt. Die Folge davon war, daß der Leutnant, nach einer kurzen
Debatte zwischen der Professorin und ihrem Mann, der den Leutnant nicht
ausstehen konnte, zum Abendbrot zu Hallins eingeladen wurde, und nach
ein paar Wochen bei den Eltern um Gabrielle anhielt.
Als nun die Gatten allein waren, um zu beraten, faßte sich der
Professor ein Herz, warf seiner besseren Hälfte in scharfen Worten
vor, sie habe den Leutnant ins Haus gezogen, und gab dazu eine auf
Tatsachen begründete Schilderung seines Charakters, die mit Leichtsinn
begann und mit der Geldheirat schloß.
Die Professorin schlug nur die Augen nieder und sagte: „Sag mal
aufrichtig, lieber Abel, hättest du mich geheiratet, wenn ich kein Geld
gehabt hätte?“
Auf dies blieb der Professor die Antwort schuldig; und die Professorin
fuhr im selben weichen Ton fort: „Siehst du, lieber Abel! Eine Ehe kann
glücklich werden, auch wenn die Frau Geld hat und der Mann keins. Oder
ist unsere Ehe etwa nicht glücklich gewesen?“
Doch, natürlich war sie glücklich gewesen. Das konnte der Professor
unmöglich leugnen. So stand denn seine Frau auf, schlang ihre Arme
um seinen Hals und sagte mit Tränen in den Augen: „Du wirst es doch
unserer geliebten Gabby nicht mißgönnen wollen, daß sie gerade so
glücklich wird, wie ihre Mutter!“ Nein, das konnte der Professor
ihr nicht mißgönnen, und so kriegte Gabrielle ihren Leutnant. Der
Leutnant kam täglich ins Haus, Gabrielle war überglücklich, und die
Schwiegermama schwebte im siebenten Himmel. Nur die kleinen Schwestern
ärgerten die große Schwester ab und zu und störten sie, wenn sie allein
sein wollte.
Und Papa konnte manchmal in seiner brutalen Art vor sich hinfluchen und
sagen: „Pfui Teufel, was ist das ekelhaft, dies ewige Geschleck immer
mit ansehen zu müssen!“
Siebentes Kapitel
Die Sonne schien durchs Wohnzimmerfenster; ihre Strahlen glitzerten
zwischen den Nippes auf der Etagere. Es waren ihre allerletzten
Strahlen, die hereinguckten und Abschied nahmen. Denn es war schon vier
Uhr Nachmittag; binnen kurzem würde Dämmerung sich über die kleine
Stadt senken, um Fünf war es dunkel; dann brannte die Lampe auf dem
Tisch und sammelte alle Glieder der Familie um den Ehrengast des Tages.
Denn um zwei Uhr heute war Ernst heimgekommen, und obgleich nur ein
Jahr verflossen war, seit er zuletzt zuhause gewesen, hatten sie doch
alle ein Gefühl, als hätte man sich lange, lange nicht mehr gesehen.
Die Familie war um den Sofatisch im Wohnzimmer versammelt. Die
Kaffeemaschine blitzte, blank und frisch geputzt; und der Adjunkt ging
heiter und geschäftig eben selber ins Eßzimmer, um vom Buffet die
Kognakflasche und Gläser zu holen.
Der junge Theologe war den Seinen fast ein bißchen fremd geworden. Er
war unruhig, als quäle es ihn die ganze Zeit über, daß er nichts zu
sagen hatte. Unter einer rahmenlosen Brille glänzten ein Paar große,
etwas matte Augen hervor, die einen nach innen gekehrten, aber doch
nicht abwesenden Blick hatten; unter den Augen lagen dunkle Schatten,
die ihnen einen Ausdruck von Müdigkeit gaben. Die Stirn war weiß und
wohlgeformt; vom Scheitel, der mitten über den Kopf lief, fiel das
braune Haar schlicht und glatt zu beiden Seiten nieder. Jetzt eben
hatten seine Augen etwas Forschendes, als läge hinter allem, was er tat
oder sagte, der Gedanke: Wie hat das Leben sich hier gestaltet, solange
ich fort war? Wie hat diese Zwischenzeit sie verändert?
Ein ganzes Jahr lang war er nicht daheim gewesen. Und damals hatte sein
Besuch bloß ein paar Tage gedauert. Es war nicht anders möglich, als
daß er sich ein klein bißchen fremd fühlte unter diesen Menschen, die
für ihn die nächsten waren. Selma war alt geworden, fand er -- auf dem
besten Weg zur alten Jungfer. Gustaf war gewachsen und sah manchmal
sogar ganz männlich aus. Seine Flegelei war eigentlich nur noch eine
Maske, die er vornahm, weil man an sie gewöhnt war und sie sozusagen
von ihm erwartete. Der Vater hatte ein paar graue Haare mehr und ging
vielleicht ein bißchen mehr gebückt. Aber die Mutter! In ihre Züge war
etwas Scharfes gekommen, das Ernst früher nie bemerkt hatte.
Er saß neben der Mutter, und ein paarmal beugte er sich vor und
streichelte wie in Gedanken ihre Hand. Und jedesmal merkte er, wie sie,
ängstlich und voll Furcht, daß man es bemerke könnte, in seinen Zügen
forschte.
„Na also, erzählt doch ein bißchen!“ sagte Ernst schließlich. „Wie ist
es euch ergangen im letzten Jahr? Sagt doch was!“ Frau Hallin lächelte.
„Eigentlich ist das Erzählen an dir!“ meinte sie. „Du kommst aus der
großen Welt, in der sich alles mögliche ereignet. Hast viel gesehen
und viel gehört. Hier passiert nichts. Du weißt ja, wie es hier ist.
Vater hat seine Arbeit, und Selma auch, und Gustaf auch, und ich hab
auch meine Arbeit -- drunten in der Küche und mit euren zerrissenen
Kleidern. Hier ist nichts passiert, seit Gabrielle sich verlobt hat.
Das war gerade vor Weihnachten.“
Ernst verzog den Mund. Ein humorvoller Zug kam in sein Gesicht. „Na,
ist sie immer gleich befriedigt von ihrem Leutnant?“ Der Adjunkt
lachte, und Gustaf stieß einen kurzen Laut aus, der den allerhöchsten
Grad von Ekel und Verachtung ausdrücken sollte. Aber Frau Hallin nahm
mit ungewöhnlichem Eifer das Wort: „Ja, freilich, es ist auch heut
noch dasselbe Getue mit dem Leutnant. Weißt du, ich glaube, eigentlich
ist es Mama Aurora, die in ihn verliebt ist, und nicht Gabrielle.
Sie küssen sich ja freilich reichlich viel. Aber schließlich kriegt
man auch das satt. Du sollst bloß Aurora sehen! Wie die vor ihm
scherwenzelt und dienert! Ganz extra gekocht wird, wenn diese Perle
zum Essen da ist, und wenn er nicht genug ißt, so vergießt Aurora fast
Tränen. Äh! der versoffene Kerl! Er sieht aus, als müßte er jeden
Augenblick bersten vor Fett!“ Sie schwieg einen Augenblick und fuhr
dann, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen, fort: „Aber was wissen
wir Menschen? Wenn es Gottes Wille ist, so kann auch dies ihnen zum
Besten dienen.“
Verstohlen blickte sie nach Ernst hin, wie um seine Gedanken zu
erraten. Der aber sah fort und schien ihre letzte Äußerung gar nicht
gehört zu haben.
Gustaf ergriff sein Kognakglas und hielt es dem Adjunkten zum Füllen
hin.
„Nein, Junge -- zwei Kognaks zum Kaffee -- das gibt’s nicht vor
Maturitas!“ lachte der Adjunkt.
Gustaf stellte das Glas auf den Tisch und setzte eine gleichgiltige
Miene auf.
„Wenn das Geschleck nicht wäre, möcht ich ganz gern an des Leutnants
Stelle sein“, bemerkte er.
Alle lachten, und Ernst blickte mit einem Gefühl des Wohlbehagens in
das offene, intelligente Gesicht des Bruders, in dem immer ein gewisser
Humor gleichsam auf der Lauer lag. Er empfand die Befriedigung, die
über einen kommt, wenn man in eine Umgebung zurückversetzt ist, in
der man aufgewachsen ist und sich entwickelt hat, eine Umgebung, die
durch das bloße Wiedersehen einem die Ruhe der Gewohnheit gibt, die so
viel bedeutet im Leben. Er schloß die Augen und strich sich mit der
Hand über die Stirn. Ein schmerzhaftes Empfinden durchzuckte ihn. Da
stand er nun vor dem Ziel, auf das er so viele Jahre lang hingearbeitet
hatte. Die Studienzeit war zu Ende; das Leben sollte beginnen. Aber er
hatte gar keine Lust, in dies Leben hinauszutreten, eher eine Art von
Scheu, als vor etwas Fremdem, Unbekanntem, das auf ihn wartete, voll
von drohenden Gefahren. Er wünschte fast, er hätte noch ein bißchen
warten, sich wenigstens ein Jahr lang noch bedenken können. Er brauchte
ja doch Zeit, ehe er einen so entscheidenden Schritt tat und als
Geistlicher ins Leben hinaustrat!