Geistlicher? Das Heimatgefühl, das ihn erwärmt hatte, begann zu

weichen; ein Gefühl unendlicher Leere erfüllte seine Seele. Er würde

von all dem reden; und der Vater würde verwundert aussehen, und die

Mutter würde weinen, und alle würden sie mit Bibelsprüchen antworten,

mit allem möglichen, das sie aus Büchern genommen hatten! Und er --

er brauchte doch gerade jetzt einen +Menschen+! Einfach einen

ehrlichen, guten Alltagsmenschen, der ihn verstünde! Er vergaß, wo er

war, und ehe er daran dachte, was er tat, seufzte er tief auf.

Die Mutter legte ihm die Hand aufs Knie und blickte angstvoll zu ihm

auf: „Was ist mit dir? Du siehst gar nicht wohl aus!“

Des Sohnes Gesundheit war ihre ständige Sorge. Seit sie wußte, daß er

schwach auf der Brust war und daß vielleicht einmal ein Lungenleiden

bei ihm zum Ausbruch kommen und sein Leben kurz abschneiden könnte,

hatte sie keine Ruhe mehr. Es war ihr eine solche Beruhigung jetzt,

daß sie ihn wieder unter ihrer Obhut hatte, daß sie sich nicht mehr zu

ängstigen brauchte, ob er auch genug aß und sich warm genug anzog!

Der junge Mann fuhr bei ihrer Frage zusammen und sah sich um, verlegen,

daß er sich hatte ertappen lassen.

„Danke, es geht mir ganz gut!“ sagte er. „Ich bin bloß ein bißchen

müde.“

„Muß man dich jetzt Herr Pastor nennen?“ fragte Gustaf plötzlich mit

neugieriger Miene.

Ein allgemeines Lachen brach los. Gustaf hatte doch auch immer zu

wunderbare Einfälle! Und mit dem Lachen senkte sich eine stille, warme

Ruhe über das Gemüt des ältesten Sohnes. Er dachte an die Tage, da er

noch ein Kind gewesen war, als die Mutter ihnen ihre Lieblingsspeisen

gekocht hatte und sie ihre Freunde einladen durften, und ein Gefühl der

Zufriedenheit und Freude überkam ihn.

Selma betrachtete inzwischen den Bruder forschend; irgend etwas in

seinem Aussehen störte sie. Er sah unmännlich aus. Etwas Energieloses,

Müdes lag schon in der Art, wie er sich in den Stuhl zurück lehnte.

Verstohlen betrachtete sie ihre eigene volle Figur, ihre kraftvollen

Glieder, und dachte: Wenn ich ein Mann geworden wäre und mir meinen Weg

im Leben selber suchen dürfte!

Der Bruder paßte viel besser zum Haushammel, fand sie. Der Adjunkt

dachte allerlei alte Gedanken aus alten Zeiten.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie merkwürdig mich das berührt,

daß du jetzt Geistlicher bist!“ sagte er. Seine Stimme hatte einen

ungewöhnlich weichen Klang, und die Augen unter der Brille glänzten.

„Es war meines alten Vaters großer Kummer, daß keiner von uns diesen

Weg einschlug. Und ich hab’s oft bereut, daß ich’s nicht getan hab,“

schloß er seufzend.

Er dachte an seine ärmlichen finanziellen Verhältnisse und hustete

ein paarmal, um seine Stimme wieder zu klären. Frau Hallin blickte

wieder nach dem Sohn hin, um zu sehen, was er wohl denken mochte.

Der aber sagte gar nichts; und in der Dämmerung konnte sie seinen

Gesichtsausdruck nicht deutlich erkennen.

Ja, ja, dachte er. Es ist wohl am besten so, wie es ist. Sein

aufrührerisches Herz mußte sich beugen; und Gott hatte verheißen: dem,

der Vater und Mutter ehrte, sollte es wohlergehen auf Erden.

Eine lebhafte Bewegung ergriff ihn; und fast hoffte er, alle Zweifel,

die ihn noch quälten, müßten jetzt verstummen, nun er wieder daheim

war. Ja, alles würde gut werden! Jetzt hieß es bloß, vorwärts gehen,

vorwärts auf dem Weg, der vor ihm lag. Nicht zu viel denken, nicht

grübeln! Wenn er bloß die dummen Gedanken los würde....

Die Lampe kam. Selma hatte sie angezündet. Das grelle Licht tat ihnen

allen in den Augen weh; eine Weile saßen sie mit der Hand vor dem

Gesicht da. Dann wirkte der Lampenschein belebend; das Gespräch kam

besser in Fluß. Alle drängten sich um Ernst, alle wandten sich ihm

zu, alle hatten sie ihm irgend was zu erzählen. Der Adjunkt brachte

ein paar von seinen letzten Anekdoten an, die die übrigen Glieder der

Familie schon einen ganzen Monat lang gehört hatten, so oft Besuch

da war; und als er sie erzählt hatte, fragte er Ernst, ob er nicht

ein paar neue Upsalaer Anekdoten wisse, zum Beispiel von Ribbing oder

Svedelius. Da aber Ernst nicht aussah, als wäre er dazu besonders

aufgelegt, verzichtete der Adjunkt und erzählte selber weiter. Frau

Hallin erzählte auch. Sie sprach von allerhand Bekannten, von einem

Diner beim Bischof und einem Souper beim Dompropst und fing dann wieder

von der Familie des Schwagers und der Verlobung an. Selma sagte nicht

viel, half nur aus, wenn die Mutter etwas vergaß. Und Gustaf brachte

ein paar wenig respektvolle Anekdoten von seinen geliebten Lehrern

aufs Tapet, die der Adjunkt aus Gewissenhaftigkeit manchmal zu stoppen

versuchte, und die er doch mit heimlichem Vergnügen anhörte. Ganz

besonders freute es ihn, wenn Gustaf erzählte, wie sie Onkel Abel an

der Nase herumführten. +Die+ Anekdoten merkte sich der Adjunkt

immer ganz besonders, um später den Bruder damit zu erbauen.

So ging der Abend hin. Als man zu Nacht gegessen hatte, wurde

Abendandacht gehalten. So wurde es zehn Uhr, und der Adjunkt drang

eifrig darauf, daß man zu Bett gehen sollte.

„Denkt doch, morgen müssen wir um Sieben aufstehen!“ sagte er.

Frau Hallin umarmte den heimgekehrten Sohn und sah ihm lange ins

Gesicht, um zu ergründen, was es nun eigentlich war, was sie so gar

nicht recht wiedererkannte.

„Denk auch dran, daß du wieder daheim bist!“ sagte sie...

„Geh mit Papa. Du schläfst in seinem Zimmer.“

Und als alle fort waren, saß sie noch eine Weile bei der Lampe, ehe sie

sie löschte. Sie wußte nicht so recht, woran es eigentlich lag. Aber

sie hatte sich die Heimkehr des Sohnes ganz anders gedacht.

Das Studierzimmer des Adjunkten Hallin lag unter dem Dach. Eine

Holztreppe führte hinauf. Der Adjunkt ging voraus, der Sohn folgte.

Schwatzend tasteten sie sich durchs Dunkel, der Adjunkt langte den

Schlüssel herunter, der an seinem gewohnten Platz über der Tür lag, und

sie traten ein.

Durch das Fenster erblickte man den beschneiten Domplatz, über den

hartgestampfte Wege führten und wo die Ulmen ihre nackten, knackenden

Zweige im Februarsturm bogen.

Ernst war es wunderlich zu mut. Wie oft hatte er das Verlangen gehabt,

hierher, in dies Zimmer, zu gehen und mit dem Vater zu sprechen,

vertraulich, wie mit einem Freund. Aber im Erziehungsprogramm des

Vaters hatte etwas derartiges nicht gestanden, und heut, wo der Vater

es vielleicht selber wünschte, heut wußte er nicht mehr, wo er anfangen

sollte.

Der Adjunkt zündete die Kerze an, ließ den Vorhang herab und fing

an, sich auszukleiden. Ernst setzte sich in die Sofaecke; sein

langgezogenes Gesicht sah im matten Schein der Kerze ganz graubleich

aus.

„Gehst du noch nicht zu Bett?“ fragte der Adjunkt.

„Ich glaube, ich möchte noch eine Weile aufbleiben!“

„Ich denke, du bist müde!“

„Nein, nicht einmal. Das ist schon vorüber.“

Der Vater fuhr fort, sich auszukleiden. Er zog seine Pantoffeln an und

fuhr in seinen Schlafrock; jetzt war er fertig. Ernst lächelte. Er

hatte dies Bild so oft gesehen; und es war ihm ein Genuß, daß er es

jetzt wiedersah.

„Morgen schlaf’ ich recht lang!“ sagte er.

Der Adjunkt zog den Schlafrock über der Brust zusammen und ging.

Lang saß Ernst noch da, gerade so, wie der Vater ihn verlassen hatte.

Ohne eigentlich zu wissen, was er tat, stand er nach einer Weile auf

und zog die Gardine hoch. Die Kerze stellte er weg, damit er den Platz

vor dem Haus deutlich sehen konnte.

Es war ganz dunkel draußen. Eine einzige Gaslaterne warf über den

Bürgersteig und die Straße vor dem Fenster einen gelben Schein, der im

Sturm erzitterte; die Äste der Ulmen schlugen prasselnd aneinander; ein

seltsames Stöhnen und Seufzen ging über den alten Domplatz.

Das war sein täglicher Weg gewesen, ehe er das Abiturientenexamen

gemacht hatte. Unter den großen Ulmen, die schattend um den alten

Dom aufragten. Am liebsten war er abends da gegangen, wenn die Sonne

sich in farbenreichen, mystischen Nuancen in den bunten Fenstern der

Kirche brach. Stundenlang war er da auf und ab gegangen, bis die

Sonne sank und Dämmerung sich über die kleine Stadt senkte. Wenn die

Kirchentür offen war, ging er auch manchmal hinein und stand, an eine

Bank gelehnt, lang in träumende Andacht versunken. In mächtigen Reihen

wölbten sich über ihm die steinernen Pfeiler, die das spitze Dach

trugen. Durch die hohen Spitzbogenfenster schien die Tageshelle und

mischte Licht und Schatten phantastisch ineinander. Und zu hinterst, im

Chor, drängen sich die Sonnenstrahlen in Bündeln durch das bunte Glas

der Seitenfenster, spiegelten ihre Farben auf Wand und Säulen wider,

brachen gleich einem schimmernden Lichtweg über den Altar, warfen

seltsame Reflexe auf das Antlitz des Erlösers, der mit dem Kelch in der

Hand darüber stand, und tränkten den Boden unter seinen Füßen und um

den Altar her mit einer rotleuchtenden Lichtflut.

Mit dem alten Dom waren die Jünglingsträume des jungen Geistlichen

ganz merkwürdig verschmolzen; und als er nun dasaß und in die Nacht

hinausschaute, versuchte er sich vor allem seine alte Domkirche ins

Gedächtnis zu rufen. Die Hände vor die Augen gepreßt, die Ellbogen

auf den Fenstersims gestemmt, saß er da und starrte hinaus ins Dunkel.

Er vermochte nichts anderes zu sehen, als die dunklen Umrisse des

gewaltigen Baus. Und doch gedachte er so lebhaft der Abende, da er

einsam durch die Alleen um die Kirche gewandert war oder an weichen

Sommerabenden auf einer der grüngestrichenen Bänke im Schatten der

Ulmen gesessen hatte. Ganz besonders lebhaft erinnerte er sich des

Frühlings.

Des Frühlings!

Einsam war er gewesen -- immer -- seine ganze Jugend lang! Mit ein

paar Schulfreunden hatte er freilich verkehrt. Aber einsam war er

doch gewesen. Bei seiner Schwächlichkeit hatte er an den Spielen

der gleichaltrigen Knaben nie teilnehmen können. Er hatte ganz für

sich allein gelebt, hatte gelesen und gegrübelt, gegrübelt und

gelesen. Immer hatte der Gedanke ihn begleitet, daß er doch nicht

alt, daß er nicht einmal ein reifer Mann werden würde. Und mit einer

fast kränklichen Angst hielt er den bösen Gedanken fest, daß er

wahrscheinlich sterben müsse, ohne daß nach ihm irgend etwas noch daran

erinnern würde, daß er überhaupt je gelebt hatte. Er glaubte an ein

anderes Leben; er glaubte, nicht besonders am Erdenleben zu hängen.

Und doch brannte und glühte, ohne daß er es wußte, in ihm eine Liebe

zum Leben, zu allem, was Leben war, eine Liebe, die um so stärker und

glühender war, je weniger er dies Leben genossen hatte, dies Leben, das

er mit all der überreizten Empfänglichkeit der Schwindsüchtigen für die

Eindrücke der wirklichen Welt umfaßte.

Darum verweilte er auch besonders bei den Frühlingserinnerungen. Er

hatte nie den lauernden Feind in seiner Brust vergessen können; im

Gegenteil, der Frühling brachte ihm stets eine Melancholie, so stark

und zu gleicher Zeit so unreflektiert, daß er manchmal, wenn er nach

seinem längeren Spaziergang, an allen Gliedern zerschlagen, heimkam

und in seinen Kleidern den Duft der frischen Luft, der feuchten Erde

auf seine Stube brachte, zu seiner eigenen Überraschung sich dabei

ertappte, daß er still und unaufhaltsam vor sich hinweinte, wie ein

Kind, das auf die Fragen der Erwachsenen nach der Ursache seiner Tränen

nur antworten kann: „Ich weiß nicht!“

Aber er genoß den Frühling, genoß das aufkeimende Leben, das Gras, das

leise hervordrängte, die Leberblümchen, die die Marktweiber in Körben

zum Verkauf anboten, die Bäume, die knospten, den Himmel, der so warm

blau war, von weißen, weichen Wolken durchzogen, die laue Luft, die

Sonne, die zwischen den Häuserreihen brannte, die Vögel, die auf den

Zweigen der Ulmen um den alten Dom her saßen und zwitscherten. Die

Vögel, die liebte er ganz besonders, konnte mit der Freude eines Kindes

ihren Spielen zusehen, ihrem Gezwitscher lauschen und beobachten, wie

sie sich paarten und Nester bauten.

Draußen heulte der Wind, fuhr lärmend durch den Schornstein und pfiff

durch die Ritzen der Fensterscheiben. Drunten auf der Straße hatte er

ein Blechschild in Bewegung gesetzt, das mit unaufhörlichem Geklapper

hin und her schwang.

Und wie Ernst Hallin so, die alte Kirche vor sich, dasaß, war ihm fast,

als müsse er vor ihr Rechenschaft ablegen. Wie war er zurückgekommen?

Es kam ihm vor, als wäre er eben erst als Jüngling hier gewesen, und

jetzt saß er da -- als Mann, bereit, ins Leben hinauszutreten. Als

Mann. War er wirklich ein Mann? Bereit, ins Leben hinauszutreten.

Durfte er sich „bereit“ nennen?

Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Er war ganz

erschrocken. Seine Gedanken hatten ihn so weit fortgeführt, daß er fast

vergessen hatte, wo er saß und wie spät es schon war. Jetzt fiel ihm

das alles plötzlich wieder ein, und mit einer Stimme, die ein bißchen

härter klang, als just nötig gewesen wäre, fragte er: „Wer ist da?“

Die Tür öffnete sich und Gustaf steckte fragend den Kopf herein. Er war

ohne Kragen und hielt eine Pfeife in der Hand, aus deren Deckel ein

leichter Rauch aufstieg.

„Darf ich hereinkommen?“ fragte er.

Aber als er das Licht, das Ernst in die hinterste Ecke gestellt hatte,

und die aufgezogene Gardine und den Stuhl am Fenster erblickte, ward

seine Miene unschlüssig; er betrachtete den Bruder zweifelnd und

fragte: „Stör’ ich dich? Soll ich lieber wieder gehen?“

Gustaf war eine ganz andere Natur als der Bruder. Er war zehn Jahre

jünger als Ernst, und manchmal, in gewissen Augenblicken, sah es fast

aus, als gehöre er einer ganz anderen Generation an. Er machte niemals

viel Wesens aus sich selber Und seinen Ansichten, aber er hatte mit

seinen siebzehn Jahren seine Anschauungen für sich, so klar und so

ausgebildet, wie ein Mensch aus seines Vaters Generation das geradezu

als Ungebührlichkeit betrachtet hätte. Nicht einmal Ernst ahnte, was in

diesem Augenblick in dem jüngeren Bruder vorging.

Es hatte Gustaf stets unangenehm berührt, daß der Bruder Geistlicher

werden sollte. Und in diesem Augenblick hatte der Junge das Gefühl, als

habe er den älteren in einer Stunde des Gebets überrascht. Er fand, die

Szene sei recht gut arrangiert -- die Gardine aufgezogen, damit man die

Kirche sehen konnte -- und dann am Fenster sitzen und zu Gott beten!

Schließlich war es ja allerdings nur Einbildung; es war ja viel zu

dunkel, als daß man die Kirche hätte sehen können! Er hatte dem Bruder

gegenüber ein Gefühl, das fast an Verachtung streifte.

Ernst verstand zwar den Gedankengang des jüngeren Bruder nicht ganz;

aber so viel ahnte er doch, daß der andere sich darüber wunderte,

daß die Gardine aufgezogen war und er da am Fenster saß, statt zu

Bett zu gehen. Er fühlte sich geniert, wie einer, der sich in einer

Situation ertappt sieht, die einen Beigeschmack von Kindischem hat.

Darum ließ er rasch die Gardine nieder und stellte die Kerze auf ihren

gewöhnlichen Platz zurück.

„Ich hab’ am Fenster gesessen und hinausgeschaut,“ sagte er. „Weißt du,

auf dem Platz da drunten bin ich immer spazieren gegangen.“

Und Ernst lächelte fast scheu, in der Furcht, der Bruder möchte ihn

nicht verstehen; Gustaf dagegen seufzte erleichtert auf und dachte voll

Befriedigung: „Ach so, ja, das ist was anderes!“

Laut sagte er: „Ich dachte bloß, ich wollte auf einen kleinen Schwatz

zu dir kommen.“

Aber es wollte irgendwie kein Gespräch in Gang kommen. Die Brüder saßen

einander gegenüber, als wären sie sich ganz fremd; beide fühlten es, es

war eine Kluft zwischen ihnen, die nicht so leicht zu überspringen war.

Als Gustaf nach einer Weile auf sein Zimmer ging, war in ihm ein

Empfinden, das ihn gleichzeitig freute und verwirrte. Er hatte immer

gemeint, allen Geistlichen müsse etwas Gemeinsames anhaften, großen und

kleinen, alten und jungen, mageren und fetten, wohlbestallten Propsten

und halbverhungerten Vikaren. Aber dies „Geistliche“ konnte er bei

seinem Bruder noch nicht entdecken. Und er dachte mit dem ironischen

Lächeln, das ihm eigen war, wenn er sich allein wußte, darüber nach,

ob dies „Geistliche“, das er zu seiner Freude beim Bruder einstweilen

noch vermißte, überhaupt erst mit den Jahren kam und wie bald es wohl

kommen würde. Vielleicht war es etwas Sakramentiges, das sich in der

Ordination mitteilte. Aber da fiel ihm Pastor Simonson von der Schule

ein. Bei dem fand sich dieses undefinierbare „Geistliche“ in hohem

Maße. Und der war weder alt noch ordiniert. Gustaf kam endlich auf den

Schluß, es müsse wohl etwas sein, das von außen käme. Was es war, wußte

er nicht. Aber er war froh, daß es beim Bruder nicht vorhanden war.

Und er beschloß, diese Entdeckung bei Gelegenheit auch seinen besten

Freunden in der Schule anzuvertrauen. Denn er fühlte wohl, es schadete

seiner Stellung unter den Kameraden, daß er einen Bruder hatte, der

Geistlicher war.

Achtes Kapitel

Frau Hallin hatte eine kleine Schwäche, die mit den Jahren zunahm. Im

Gegensatz zu ihrem jüngsten Sohn hatte sie nämlich eine ganz besondere

Vorliebe für Geistliche, und so oft der Weinberg des Herrn in Gammelby

mit einem neuen Arbeiter gesegnet ward, machte sie es immer irgendwie

möglich, ihn binnen kurzem in ihren Verkehr zu ziehen.

„Hat Mama wieder mal einen neuen Pastor am Bändel?“ war Gustafs

ständige Frage an die Schwester, wenn er ab und zu nachmittags heimkam

und durch die offene Wohnzimmertür den Klang einer männlichen Stimme

vernahm, die in tiefen Gutturaltönen mit der Mutter redete. Wenn er

nachher die Mutter selber sah, pflegte er in teilnehmendem Ton zu

fragen, wie der Pastor heiße. Die Mutter argwöhnte auch immer die

Ironie, die in der Frage lag, antwortete aber stets, als wäre sie ganz

in Ernst gestellt.

Der Umgang mit Geistlichen war ihr zu einem wahren Bedürfnis geworden.

Sie hielt das für eines der wirksamsten Mittel zur Erhaltung ihres

geistigen Lebens, und sie war unerschöpflich erfinderisch darauf

bedacht, daß die Quelle nicht versiegte.

Hallins verkehrten auch mit Bischofs, und ein großer Trost war ihr

die Erinnerung, daß der Bischof einmal in einem Gespräch darüber,

wie man erfolgreich gegen den gefährlichen Geist der Zeit ankämpfen

sollte, zu ihr gesagt hatte, wenn die Streiter der Kirche viele solche

Bundesgenossen daheim hätten, wie sie, würde der Streit ihnen leichter

werden! Sie bewunderte nämlich den Bischof, weil er in ihren Augen der

Gnade näher stand als ein gewöhnlicher Geistlicher. Und doch hegte sie

in ihrem Herzen manchmal gewisse Zweifel, die ihr aber nie über die

Lippen gekommen wären. Wenn sie die hohe, stattliche Gestalt erblickte,

auf deren Brust bei festlichen Gelegenheiten das goldene Kreuz

funkelte, wenn sie die herrische, gebieterische Miene sah, die Stimme

hörte, die sie gewöhnlich „männlich“ nannte, und die ihr doch manchmal

fast roh klang, wenn sie die fleischigen, schwellenden Lippen und den

kalten Blick der grauen Augen sah, die oft fast ein bißchen höhnisch

unter den grauen buschigen Augenbrauen hervorschauten, da konnte ihr

wahrhaftig manchmal fast der sündhafte Gedanke kommen: Ist der Mann

das, was der Herr meinte, wenn er vom Kreuzaufsichnehmen redete? Sie

machte sich freilich immer die bittersten Vorwürfe, wenn sie solchen

Gedanken in sich Raum gegeben hatte. Denn es steht einem wahren

Christen nicht an, die Werkzeuge zu tadeln, die der Herr auserkoren

hat, sein Werk zu fördern!

Ihr Herz zog sie viel mehr zum Dompropst von Gammelby. Wenn der am

Sonnabendnachmittag zu ihr kam und sie Gelegenheit fand, ihm manches

von dem anzuvertrauen, was sie beschäftigte, oder ihn über eine dunkle

Stelle in der Heiligen Schrift zu Rate zu ziehen, über die sie lang

einsam nachgedacht hatte, während die Nadel emsig in ihren fleißigen

Fingern ab und zu ging, da überkam sie ein Friede, eine Ruhe, die viele

Tage lang noch vorhielten. Der Dompropst war ein frommer Christ und

ein guter Mensch. Sein Blick war so mild und sein Lächeln so licht,

daß es das lange hagere Gesicht mit dem dunkeln Backenbart und den

hervorstehenden Backenknochen fast schön machte. Und sie konnte nicht

anders, sie mußte zugeben, daß er in ganz anderer Weise als der Bischof

ein Diener des Geistes war.

Sonst waren es meist die jüngeren Geistlichen, die sie bei sich sah.

Der Bischof stand zu hoch über ihnen, als daß sie ihn, mit Ausnahme

von ganz besonderen Gelegenheiten, hätten einladen können. Und der

Dompropst hielt sich im allgemeinen jedem gesellschaftlichen Verkehr

fern. In letzter Zeit hatte Frau Hallin viel Freude vom Umgang mit

Pastor Simonson gehabt. Er war im Lauf des Jahres als Hilfslehrer am

Gymnasium angestellt worden, und es war ihr nicht schwer gefallen, ihn

in ihren Umgangskreis zu ziehen. Er war ja doch von Upsala her Ernsts

Freund und hatte, sobald er in die Stadt gekommen war, seinen Besuch

gemacht und die Grüße des Sohnes überbracht.

Seitdem kam er oft zu Adjunktens. Meist kam er nachmittags, so gegen

sechs Uhr, und ward dann auch gewöhnlich aufgefordert, zum Tee zu

bleiben. Zuerst saß er dann immer allein bei Frau Hallin, während

die übrigen Glieder der Familie noch auf ihren verschiedenen Zimmern

beschäftigt waren. Nach und nach sammelten sich alle im Wohnzimmer,

jedes von seiner Arbeit weg. Gustaf hatte an solchen Tagen meist

länger als gewöhnlich zu tun. Und die Mutter warf ihm immer einen

mißbilligenden Blick zu, wenn er grade erst in dem Augenblick eintrat,

wenn man sich zu Tisch setzte. Frau Hallin hatte immer irgendeinen

religiösen Gesprächsstoff zur Hand, wenn Pastor Simonson kam. Manchmal

wollte sie auch Dinge profanerer Natur wissen. So konnte sie ihn zum

Beispiel fragen, wie Jünglinge, die ernstlich den Herrn suchten, in

Upsala ihre Abende zubrächten. Der Pastor erwiderte darauf, das wäre

sehr verschieden. Meist wohl auf ihrem Zimmer bei der Arbeit. Oder auch

in irgendeiner Familie. Oder auch mit Kameraden in irgendeinem Café.

Frau Hallin machte große Augen.

In einem Café? Gingen solche Jünglinge denn überhaupt ins Café?

Ja, das heißt natürlich, nicht zu oft. Und natürlich auch nur in ganz

respektable Cafés. Aber gegenwärtig gestalte sich eben der Verkehr

zwischen den jungen Leuten so, daß man meist im Café zusammen wäre.

Er wolle ja gewiß nicht leugnen, daß ein derartiges Leben recht viele

Versuchungen mit sich brächte. Und er danke Gott, daß er ihm glücklich

entronnen sei; denn er hätte gar manchmal den schädlichen Einfluß eines

derartigen Lebens an sich selber empfunden und tief beklagt.

Und der Pastor kniff die Lippen zusammen, daß tiefe Falten in seinen

Mundwinkeln entstanden. Frau Hallin aber kam durch diese und andere

ähnliche Unterredungen auf ganz merkwürdige Gedanken. Sie fühlte sich

gar nicht mehr so recht sicher in Beziehung auf Pastor Simonson.

Später kam Selma. Dann bewegte sich das Gespräch meist um die neuere

Literatur, der gegenüber der Pastor gewöhnlich sehr streng war. Frau

Hallin hatte, wenn Selma da war, ein sehr wachsames Auge auf die zwei

jungen Leute. Sie hätte es so gern gesehen, wenn Selma sich zu einem

der jungen Geistlichen hingezogen gefühlt hätte, die ins Haus kamen.

Aber Selma tat leider gar nicht dergleichen. Sie verhielt sich Pastor

Simonson gegenüber sehr zurückhaltend; manchmal sah es fast aus, als

wären ihr die Phrasen, die er machte, geradezu unangenehm.

Frau Hallin, im Gegenteil, ertrug und duldete an diesem jungen

Menschen, der Geistlicher war, manches, worein sie sich nie gefunden

hätte, wenn es von profanen Lippen, zum Beispiel von denen eines

der jüngeren Lehrer, gekommen wäre. Hätte einer von diesen es sich

einfallen lassen, sie, wenn auch in noch so höflicher und ehrerbietiger

Form, über irgend etwas zu belehren, was sie nicht wußte, -- leicht

möglich, daß ihm eine ziemlich scharfe Zurechtweisung zuteil geworden

wäre, und daß sie ihm recht deutlich zu Verstehen gegeben hätte, daß

junge Leute sich nicht wichtig zu machen brauchen.

Aber mit jungen Geistlichen war das ganz was anderes. Denen konnte sie

in größter Andacht zuhören, während sie die Nadel ruhen ließ und nur ab

und zu langsam mit dem Kopf nickte, wie um die Worte ihrem Gedächtnis

besser einzuprägen; wenn sie ihnen je widersprach, geschah es mit

allergrößter Ehrerbietung, fast als bitte sie um Verzeihung, daß sie

überhaupt anderen Sinnes sein konnte. Ihre Einsprüche lauteten oft

so demütig, als wollte sie sagen, es könne natürlich gar keine Frage

sein, daß Pastor Simonson recht habe, sie möchte ihn nur bitten, sich

ein bißchen deutlicher auszusprechen, damit sie ihn auch gewiß richtig

verstehen könne.

Pastor Hallin · 第 5 / 17 段